Skip to main content

Full text of "Die Bibel im lichte der keilschriftforschung [microform]"

See other formats


University of CbicaQO 
10 i bra vies 




Die Bibel im Lichte der 
Keilschriftforschung 



von 



Prof. Dr. Bernh. Bonkamp 



Recklinghausen 

Verlag von G. W. Visarius Druck von J. Bauer 

1939 



Imprimatur. 
Monasterii, die 7 Januarii 1939. 



No. L 2962 



Meis, 
Vicarius Episcopi Generalis. 




Alle Rechie vorbehalten. 



Vorwort. 



Die Untersuchungen, die ich hier jetzt aus der Hand lege, sind 
in dieser Zusammenfassung das Ergebnis einer langjahrigen Arbeit. 
Sie bewegen sich auf einem Gebiete religionswissenschaftlicher 
Forschungen, wo die Auffassungen zum Teil noch weit auseinander- 
gehen. Wer in der Bibel nur ein Erzeugnis menschlicher Art und 
menschlichen FleiBes erblickt, behandelt sie bei seinen Erklarungs- 
versuchen wie jedes andere Werk von menschlicher Hand; wer sie 
als eine Niederschrift gottlicher Offenbarungen betrachtet, sieht hier 
Gottliches und Menschliches in eigenartiger Weise miteinander ver- 
bunden. Er weiB, daB die Offenbarung nur iibernaturlichen Ur- 
sprunges sein kann; er weiB aber auch, dafi sie zu Menschen spricht 
und von den Menschen ihrer Zeit verstanden sein wollte, und daB 
sie in der Form, in der sie an diese Menschen erging, durch mensch- 
liche Bemiihungen festgehalten und von menschlicher Hand an die 
folgenden Geschlechter weitergegeben wurde. Ich nehme die 
biblischen Texte, wie ich wohl kaum hervorzuheben brauche, ganz 
wie die Kirche sie sieht, und unterstelle mich bei den in dem vor- 
liegenden Werke gezogenen SchluBfolgerungen gem ihrem Urteile. 

Man hat die Bedeutung der keilinschriftlichen Aufzeichnungen 
oft durch einen Hinweis auf das Bibelwort Hab. 2, 1 1 und Luk. 
19,40 zum Ausdruck gebracht, daB die Steine zu rufen oder zu 
reden beginnen. Sie reden in der Tat eine sehr deutliche Sprache, 
die man auch da nicht iiberhdren darf, wo man durch die Rufe 
zunachst iiberrascht ist. Wer heutzutage z. B. einen Kommentar 
zum Buche Josue zu schreiben versucht, ohne sich bei der Be- 
handlung der Einzelheiten mit dem Inhalte der Tontafeln von El- 
Amama auseinanderzusetzen, bleibt seinen Lesern vielleicht das 
Wertvollste schuldig, was man zur Erklarung dieses Buches iiber- 
haupt zu sagen vermag. Die Zusammenhange treten aber bei den 
Angaben nur in den seltensten Fallen sofort in die Erscheinung. 
Sie verlangen, wenn man ihnen nacbgeht, ein geduldiges und im 
ganzen recht muhsames Studium, wobei die Enttauschungen oft 



zahlreicher sind als die Feststellung eines brauchbaren Ergebnisses. 
Diese Studien haben in der Arbeit, wie ich zugeben muB, an 
manchen Stellen recht deutliche Spuren zuruckgelassen, die dem 
Kritiker, wenn er bloB auf das AuBere sieht, vielleicht gar nicht 
besonders gefallen. Wenn eine Darstellung ganz befriedigen soil, 
muB sie die Ausfuhrungen, soweit der Gegenstand es zulaBt, stets 
in einer Form bieten, die auch in ihrem Aufbau und in ihrer Gliede- 
rung alien Anforderungen gerecht wird. Das ist aber gerade bei 
einem sogenannten wissenschaftlichen Werke mitunter sehr schwer. 
Der Leser verlangt hier an erster Stelle eine Beweisfiihrung, die ihn 
personlich uberzeugt. Er mochte nicht nur von den Ergebnissen 
der in dem Texte beriicksichtigten Untersuchungen erfahren, sondern 
auch die Griinde sehen, die fur den Verfasser besonders ins Gewicht 
fielen, und vielleicht auch die Wege, auf denen er zu diesen Ergeb- 
nissen gelangt ist. Ich habe deshalb versucht, diesen Wiinschen 
uberall nach Moglichkeit entgegenzukommen. Die Arbeit ist in der 
Form, in der sie jetzt vorliegt, ganz aus der Art hervorgegangen, 
wie die Untersuchungen tatsachlich gefuhrt wurden. Was mich 
selbst uberzeugt hat, wird auch fur den Leser, wie ich glaube, im 
allgemeinen ein ausreichender Grund sein, und wo ich fur meine 
eigene Person in der Hervorstellung der Einzelheiten vielleicht 
etwas zu weit gegangen bin, wird die Kritik dieses ganz gewiB eher 
verzeihen, als wenn das Gegenteil der Fall ware. Es kam tiiir in 
erster Linie darauf an, fur das Verstandnis der Bibel ein moglichst 
umfangreiches, aber wirklich zuverlassiges und vorsichtig abge- 
wogenes Material zur Verfugung zu stellen und dieses zugleich in 
einer Form vorzulegen, die auch dem Fernstehenden eine person- 
liche Nachpriifung gestattet. Wir haben aber zwischen der Bereit- 
stellung des Materials und der Erklarung der Erscheinungen mit- 
unter eine scharfe Linie zu ziehen. Die Zusammenstellungen haben 
auch da noch ihre Berechtigung, wo man iiber die Erklarung viel- 
leicht noch verschiedener Meinung sein kann. Unser Wissen ist auf 
dem Gebiete, das wir hier zu erschliefien haben, trotz aller bis- 
herigen Fortschritte noch so liickenhaft, daB jeder Beitrag seinen 
Wert hat. Wo die keilinschriftlichen Texte zu naheliegenden, bisher 
noch nicht in Vorschlag gebrachten Erganzungen drangten, ist der 
Wortlaut stets mitgeteilt. Der Leser findet hier die Stellen gewohn- 
lich in einer FuBnote. Bei dem Texte, den wir S. 71 72 heran- 
ziehen muBten, konnte die richtige Fassung der wichtigsten Zeilen 
erst in dem Riickblick am Ende des Buches geboten werden. Ich 



hebe dieses besonders hervor, um den Leser sofort auf das Er- 
gebnis des spateren Deutungsversuches aufmerksam zu machen. Bis 
dat, qui cito dat; doppelt gibt, wer schnell gibt, aber verspatete 
Gaben sind ebenfalls, wie ich glaube, unter Umstanden noch ganz 
willkommen. 

Bei der Behandlung der biblischen Aufzeichnungen wurde der 
hebrische Text natiirlich stets als die Grundlage benutzt. Die Eigen- 
namen sind aber bei bekannteren Personlichkeiten fast immer in der 
Form der Vulgata gegeben. 

Die Umschreibung der im lateinischen Alphabet nicht vor- 
kommenden semitischen Lautbezeichnungen 1st dieselbe, wie sie 
auch sonst fast iiberall verwandt wird. Das Aleph 1st in seiner 
Eigenschaft als Konsonant, wo es notwendig war, durch ein ' 
wiedergegeben; h ist die gewohnliche Bezeichmmg des harten, 
auch im Assyrischen noch vorhandenen ch; h bringt in der Regel 
eine weichere Aussprache dieses Lautes zum Ausdruck, die in der 
Nahe des h liegt; t = Teth; ' = 'Ajin; s Sade; k = 
s = Schin. 

Recklinghausen, PaulusstraBe 5, 
in der Pfingstwoche 1939. 

Dr. B o n k a m p. 



Inhalt. 

i. 

Die Keilschrift in ihrer Bedeutung fiir das Verstandnis der Bibel 
im allgemeinen; Schrift und Schriftsysteme im Lande Kanaan 1 

II. 

Die Bibel und die keilinschriftlichen Schopfungsberichte ... 52 

III. 

Die Zeit der vorsintfhitlichen Urvater 108 

IV. 
Die Sintflut 130 

V. 

Das Zeitalter des Abraham 171 

VI. 
Von Moses bis zum Beginn der Konigsherrschaft 225 

VII. 

Das Vordringen der Assyrer, die Zeit des neubabylonischen 
Reiches und die Herrschaft der Perser. 

1. 

Von Assuruballit bis Tiglatpileser 1 346 

2. 
Von Tiglatpileser bis zum Tode des Konigs Salmanassar III. . . . 355 

3. 

Von Samsi-Adad V. bis zom Tode des Konigs Tiglalpileser HI. . . 379 

4. 

Salmanassar V. und Sargonll 412 

5. 

Sennacherib und Aissarhaddon 428 

6. 

Assurbanipal, Assuretililani, Sinsariskun und Assuruballit II. . . . 477 

7. 

Nabuchodonosor 508 

8. 

Ewilmerodach, Neriglissair und Labasi-Marduk; Nabuna'id; Kyrus; 
die Zeit der Perserherrschaft 525 

VIII. 

Riickblick; Zusammenfassungen, Erganzungen und Verbesse- 
rungen 551 



Die Keilschrift in ihrer Bedeutung fiir das Verstandnis 
der Bibel im allgemeinen ; Schrift und Schriftsysteme 

im Lande Kanaan. 

Die Bibelforschung 1st immer bestrebt gewesen, sich iiber die 
Verhaltnisse, aus denen die Aufzeichnungen hervorgegangen sind, 
iiber die Sitten und Gewohnheiten des Landes und iiber die Auf- 
fassungen der damaligen Zeit im einzelnen genauer zu unterrichten 
und diese Kenntnis dann fiir das Verstandnis der heiligen Texte 
nutzbar zu machen. 

Man war aber bei diesen Untersuchungen bis tief in 'das vorige 
Jahrhundert hinein fast ganz auf die Mitteilungen angewiesen, die 
sich in der Bibel sel'bst vorfanden. Nur in seltenen Fallen konnte 
man etwas hinzufugen, was iiber diesen Rahmen hinausging. Der 
Blick erweiterte sich erst, als es moglich wurde, auch die Inschriften 
und Literaturdenkmaler der Assyrer und Babylonier eingehender 
zu berucksichtigen. 

Wir nennen hier zunachst die Assyrer, weil die Texte aus der 
assyrischen Zeit schon in erheblichem Umfange bekannt war en, als 
der Boden von Babylon seine Schatze noch nicht preisgab. Die 
beiden Volker redeten dieselbe Sprache; sie hatten dasselbe Schrift- 
system und bekannten sich auch in der Religion im wesentlichen 
zu denselben Anschauungen. 

Der Ursprung dieser gemeinsamen Kultur liegt im Siiden von 
Baibylon. Hier wohnte schon im vierten Jahrtausend vor Christus 
das Volk der Sumerer 1 ), das aus einer rohen und fluchtigen Bilder- 
schrift allmahlich eine Silbenschrift entwickelte, die um das Jahr 
2500 bereits zum Gemeingut des ganzen Landes geworden war. 
Da die Zeichen schon in der alteren Zeit fast ausschlieBlich aus 
Keilen bestanden, bezeichnet man sie gewohnlich als die Keilschrift. 
Sie wurde in derselben Form auch von den Chethitern und von 
mehreren andern Volkern ubernommen. 

Mit der Schrift hatte auch die Kultur der Sumerer iiberall ihre 
Verbreitung gefunden, und zwar in einem MaBe, wie man es sonst 
in der Geschichte der Volker nur selten beobachtet. Wer das 
Schriftsystem wirklich beherrschen wollte, muBte auch die Sprache 
der Sumerer verstehen. Das Zeichen, das z.B. den Silbenwert an 
zum Ausdruck brachte, war in seiner Grundform es war die 



*) Der Ton liegi auf der zweiten Silbe. 

1 



Darstellung eines Sternes ein Hinweis auf das sumerische an 

Himmel; wo die Silbe ki vorkam, griff man auf das Zeichen fur 
das sumerische ki = Erde zuriick; ud wurde durch das Zeichen fur 
ud = u = Tag ausgedriickt, am ist aus einem Zeichen fur ama 

am = Wildochs hervorgegangen, das Zeichen fiir sib setzt eine 
Kenntnis von siba = sib = Hirt voraus. Das Sumerische war zu- 
gleich bis in die spatesten Jahrhunderte die Sprache, in der die 
Priester mit der Gottheit verkehrten. 

Die Sprache der Babylonier und der Assyrer wurde gewohnlich 
als akkadisch bezeichnet, von Akkad, der Stadt und dem gleich- 
namigen Landbezirk im nordlichen Teile der babylonischen Tief- 
ebene. Sie verbreitete sich mit der Unterwerfung der Sumerer auch 
nach dem Siiden, so daB das Sumerische schlieBlich als Volks- 
sprache ganz ausstarb. Das Akkadische wurde dann in der neu- 
babylonischen Zeit wieder durch das Aramaische verdrangt. 

Man schrieb in der Regel auf weichen Tontafeln, die nach der 
Fertigstellung des Textes gewohnlich im Feuer gehartet wurden. 
Diese Tafeln waren dann so gut wie unverwustlich. Sie machen 
auch heutzutage vielfach noch den Eindruck, als wenn sie erst 
vor wenigen Jahren entstanden waren. 

Der Inhalt dieser Aufzeichnungen ist auBerordentlich mannig- 
faltig. Wir finden hier Bescheinigttngen iiber Kauf und Verkauf, 
iiber Verpflichtungen und Zahlungen, iiber Biirgschaft und Pfand, 
uber Mietsvertrage, Pacht und Tausch, Privatbriefe, amtliche Ver- 
fiigungen, Gerichtsentscheidungen, Zusammenstellungen aus dem 
Gebiete der Medizin, der Mathematik und der Sternkunde, Hymnen, 
erzahlende Dichtungen, geschichtliche Darstellungen und Aus- 
fiihrungen zur Ethik und Moral. Die Texte wurden, soweit sie 
besonderen Wert hatten, in Archiven und Bibliotheken sorgfaltig 
aufbewahrt und sind dort bei den Ausgrabungen zum Teil in 
gewaltiger Zahl wieder zutage gebracht worden. Das Britische 
Museum besitzt in seinen Sammlungen mehr als 22 000 verschiedene 
Tontafeln und Tontafelfragmente aus der Biblipthek des Konigs 
Assurbanipal. Hierzu kommen noch die Wandinschriften in den 
Prunksalen der koniglichen Palaste, die Inschriften auf den offent- 
lichen Denkmalern und die Texte der Tonzylinder und der zylinder- 
artigen Tonprismen, die man als Urkunden in dem Mauerwerk der 
offentlichen Bauten niederzulegen pflegte. Wenn das ganze bisher 
schon ausgegrabene keilinschriftliche Material veroffentlicht ware, 
wiirde es in seinem Umfange den Inhalt der Bibel um ein Vielf aches 
iibersteigen. 

Es ware natiirlich ein FehlschluB, wenn man hiernach die 
innere Bedeutung einer derartigen Literatur bewerten wollte. 
Werke der Kunst und der eigentlichen Wissenschaft, wie man sie 
spater z. B. bei den Griechen vorfindet, sind noch verhaltnismaBig 
recht selten. Der groBte Teil der Texte beschaftigt sich mit den 
Angelegenheiten des taglichen Lebens. Wenn wir herausheben 



" O 



wollten, was bleibenden Wert hat, wurden wir an die Bedeutung 
der Bibel bei weitem nicht heranreichen. 

Das Akkadische 1st in seiner Ausdrucksweise und in seinem 
Wortschatz mit dem Hebraischen auf das engste verwandt. Es 
wurde in der ersten Zeit der assyrischen Studlen mit Hilfe des 
Hebraischen und der iibrigen semitischen Sprachen dem Ver- 
standnis wieder erschlossen und trug dann wesentlich dazu bei, 
auch die Bezeichnungen und Ausdriicke der Bibel in ihrer Be- 
deutung genauer zu erfassen. Wir wissen z. B., da8 das Wort 
re'gm schon in der Septuaginta immer mit [jiov6x*Qw$ oder Ein- 
horn tibersetzt wird, daB es aber ein Einhorn in diesem Sinne 
niemals gegeben hat. Es war nach dem Assyrischen nichts anderes 
als das in den Texten so haufig vorkommende rimu = Wildochs. 
Ebenso war der Prophet, hebr. nabi, nach- der im Assyrischen 
noch vorliegenden Grundbedeutung dieses Wortes urspriinglich nur 
als ein Rufer oder als ein Mann der offentlichen Rede zu betrachten. 

Die Ueberemstimmung beschrankt sich aber nicht auf die Falle, 
bei denen es sich um selbstandige Parallelbildungen handelt; es 
gibt im Hebraischen auch eine ganz erhebliche Zahl von Bezeich- 
nungen, die offenbar aus dem Sumerischen oder aus dem Akka- 
dischen entlehnt sind. Die Sumerer bezeichneten in ihrer Sprache 
das Haus als e und den Palast oder das groBe Haus als e-gal. 
Dies wurde im Akkadischen zu e-kal = ekallu und hat sich dann 
in derselben Bedeutung im Hebraischen und im Phonizischen als 
hechal erhalten. Es muB also seinen Weg schon friih nach Pala- 
stina gefunden haben. Das gilt in derselben Weise fur das sume- 
rische guza = Thron. Dies liegt im Akkadischen dem gleich- 
bedeutenden kussu zugrunde und wurde dann im Hebraischen zu 
dem haufig vorkommenden kisse. Fiir den Ofen, in dem man das 
Brot backte, findet sich in der Bibel nur die ebenfalls aus dem 
Akkadischen stammende Bezeichnung tannur. Auch fiir kir = Herd 
(Lev. 11, 35) und kur = Sch'melzofen kann iiber den babylonischen 
Ursprung gar kein Zweifel bestehen. Die Worter gehen in ihrer 
akkadischen Form wohl beide auf das sumerische gir zurtick. Es 
gab ein GefaB, das man im Sumerischen nach der iiblichen 
Schreibung *) als dug-dug oder bei weicherer Aussprache als du-du 
bezeichnete. Dies wurde im Akkadischen zu dudu und erhielt sich 
dann im Hebraischen als dud. Das Hebraische bietet in seinem 
Wortschatze zur Bezeichnung der Spindel die Ausdriicke pelech 
und kisor. Pelech ist das akkadische pilakku, kisor erweist sich 
bei genauerer Priifung als eine Zusammensetzung mit dem sume- 
rischen sur = sur = spinnen 2 ). Die erste Silbe darf wohl mit 



1) Meifiner, Seltene assyrische Ideogramme Nr. 4226 4228; Deimel, 
Sumerisches Lexikon Nr. 309, 58. 

2 ) Boissier, A Sumerian word in the Bible, Proceedings of the Society 
of Biblical Archaeology 35 (1913), S. 159 i; Landersdorfer, Sumerisches 
Sprachgut im Alten Testament S. 45. 

1* 



4 

Sicherheit auf das ebenfalls dem Sumerischen angehorende gi 
= Rohr zurtickgefuhrt werden. Die Spindel bestand aus dem 
rtmden, in der Mitte durchbohrten Steinwirtel und aus einem Rohr- 
stabe, der durch den Wirtel hindurchgeschoben wurde. Hierbei 
war der Rohrstab, der den Faden aufnehmen sollte, an und fiir 
sich der wichtigste Bestandteil. Der Wirtel hatte nur den Zweck, 
den Stab in der notwendigen rotierenden Bewegung zu erhalten. 
Es war also ein wirkliches ,,Spinnrohr" oder ein ,,Rohr zum 
Spinnen". Der Unterschied in der Aussprache ist genau derselbe, 
der uns bei e-gal = hechal und bei gir = kir iiberrascht. Auch der 
Lei'brock, die hebraische kethoneth, der griechische %ITOJV und die 
romische tunica, erinnert in diesen- Bezeichnungen an die Web- 
kunst und an die Bekleidungsweise der alten Sumerer. Die Lenv 
wand wurde in ihrer Sprache als gad bezeichnet. Im Akkadischen 
haben sich in derselben Bedeutung die Formen kitu und kitinnu 
erhalten. Fiir das Gewand, das aus dem kitinnu hergestellt wurde, 
war nach den vorhandenen Aufzeichnungen der Name lutintu in 
Gebrauch. 

Wir sehen also, daB der EinfluB von Babylon in Palastina schon 
sehr friih zur Geltung kam. Er zeigte sich nach diesen Zusammen- 
stellungen, die man noch wesentlich erweitern konnte, besonders 
auf dem Gebiete der Kunst und des Gewerbes. Man darf es aber 
von vornherein als selbstverstandlich betrachten, daB die Be- 
riihrungen hiermit noch nicht erschopft waren. Die Bewohner von 
Palastina standen schon in der vorisraelitischen Zeit, wie wir aus 
neueren Funden entnehmen mussen, ganz unter den Einwirkungen 
der babylonischen Kultur. 

Es war im Jahre 1887, als man in Agypten auf dem Ruinen- 
felde von El-Amarna, ungefahr 300 Kilometer siidlich von Kairo, 
eine Sammlung von Tontafeln entdeckte, wie man sie nach der da- 
maligen Kenntnis der Dinge an dieser Stelle niemals erwarten 
konnte. Die Tafeln, im ganzen etwas mehr als 350 an der Zahl, 
stammten aus dem Archiv des Konigs Amenophis IV., der sich hier 
eine neue Residenz errichtet hatte. Sie kommen bis auf etwa 40, 
die uns an die Hofe der selbstandigen ,,Gro8konige" fiihren, fast 
ausschlieBlich von den bescheidenen Herrschersitzen der Klein- 
fiirsten in Syrien und Palastina, die dem Konige von Agypten ihre 
Treue versichern und sich iiber ihre Nachbarn und Gegner 'ge- 
wohnlich in irgendeiner Weise beschweren. Das geschieht stets 
in der damaligen babylonischen Keilschrift und in akkadischer 
Sprache. Das Babylonische war also, wie wir hieraus entnehmen 
mussen, in der damaligen Zeit die Sprache des international^ 
Verkehrs. Die Schreiber, die den Absendern zur Verfugung standen, 
sind im Gebrauch der Schriftzeichen durchweg sehr geiibt und 
geschickt; sie leben aber mit den Regeln des sprachlichen Ausdrucks 
im ganzen auf recht gespanntem FuBe. Man erkennt vielfach schon 
auf den ersten Blick, daB sie sich einer fremden Sprache bedienen, | 



tr 

die sie in ihrem Formenschatz und in der Grammatik nur teilweise 
beherrschen. Es sind Einwohner von Palastina, die dieses Schrift- 
system ebenso wie die Sprache mit vieler Miihe erlernt haben. Sie 
betatigten sich aber nicht nur in den seltenen Fallen, wo ein Brief 
zum Auslande geschickt werden mufite, sondern an erster Stelle 
bei der Erledigung des Schriftverkehrs in der eigenen Heimat. Als 
Prof. Sellin in den Jahren 1902 1904 den Trummerhugel von 
Taanach (Jos. 12, 21) untersuchte, fand er dort in den Raumen der 
alten Konigsburg die Ueberreste eines bescheidenen Archivs, die 
in dieser Hinsicht ebenfalls eine Ueberraschung bedeuteten. Es ' 
waren keilinschriftliche Zusammenstellungen und Mitteilungen auf 
zwolf verschiedenen Tafeln und Tafelfragmenten, die nach ihrem 
Inhalte samtlich in Palastina entstanden sein inuBten. Sie stammen 
nach den Schriftzeichen aus derselben Zeit, der auch die Tafeln von 
El-Amarna angehoren 1 ). Ein Sigelzylinder, der in einem andern 
Zimmer entdeckt wurde, tragt neben einer kurzen hieroglyphischen 
Aufzeichnung eine Inschrift aus der Zeit des Chammurabi. Die 
Hieroglyphen lassen hier mil Sicherheit auf eine Herstellung in der 
Nahe von Agypten schlieBen. Es muB also vorausgesetzt werden, 
dafi der Gebrauch der Keilschrift in Palastina bis in die altbaby- >> 
ionische Zeit zuruckgeht. Zwei andere Tafeln, die nach der Schrift 
vielleicht etwas jiinger sind als die Texte von El-Amarna, wurden 
irn Jahre 1926 von demselben Gelehrten in den Trummern von 
Sichem gefunden 2 ). Man bezeichnete den Schreiber, der in der 
Verwaltung die Listen zu fiihren und die amtlichen Schriftstiicke 
anzufertigen hatte, auch im Hebraischen in der spateren Zeit noch 
mit dem akkadischen Worte soter. Es war der Beamte, der nach 
dem Ursprunge dieses Wortes das Schreiben in der Keilschrift 
besorgte. Der Brief, den man jemandem zuschickte, wurde im 
Akkadischen als sipru bezeichnet. Dies erhielt sich dann im Phoni- 
zischen und im Hebraischen in dem so haufig vorkommenden 
sepher. 

Die El-Amarna-Tafeln finden ihre wertvollsten Erganzungen in 
den Texten aus dem Staatsarchive der Chethiter, das im Jahre 1906 
von Hugo Winckler in dem heutigen Boghazkoi entdeckt wurde. 
Die Chethiter benutzten die Keilschrift in der damaligen Zeit an 
erster Stelle zur Wiedergabe ihrer eigenen Sprache, die sich in 
ihrem Aufbau trotz der vielfachen Abweichungen im Wortschatz 
als indogermanisch erweist. Im Verkehr mit dem Auslande griff 
man aber ebenfalls zur Sprache der Bewohner von Babylon. Die 



*) Vgl. iiber diese Funde besonders die Mitteilungen von Sellin in den 
Denkschriften der Kaiserl. Akademie der Wissensch. zu Wien, Philos.-hist. 
Klasse, Bd. 50 (Wien 1904), Abhandl. IV und Bd. 52 (Wien 1906), Ab- 
handl. HI. Die Keilschrifttexte sind an beiden Stellen in einem Anhange von 
Dr. F. Hrozny bearbeitet. 

2) Zeitschr. des Deutschen Palastina- Vereins Bd. 49 (1926), S. 302 H.; 
iibersetzt und veroffentlicht von Prof. Dr. Bohl S. 321 ff. ^und Tafel 44 if. 



Verwendung von andern Idiomen bildet hier ebenso wie bei den 
Texten von El-Amarna eine Ausnahme. 

Man hat in Palastina, soweit wir bis jetzt unterrichtet sind, 
niemals einen Versuch gemacht, die Keilschrift in ihrer gewohn- 
lichen Form auf die Landessprache zu iibertragen. Das erklart sich 
ohne Schwierigkeit aus der nahen Verwandtschaft, die zwischen 
dem Kanaanaischen und dem Akkadischen besteht. Die beiden 
Idiome sind einander so ahnlich, daB man sich mit der Schrift 
sofort auch in den Wortschatz und in die Ausdrucksweise der 
Babylonier hineinlebte. Das Bedurfnis, sich der eigenen Sprache 
zu bedienen, kam erst in einer Gegend zur Geltung, wo der EinfluB 
des Babylonischen mehr in den Hintergrund trat; es zeigte sich, 
wenn wir uns auf die Inschriften verlassen diirfen, in der ersten 
Halfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zunachst in der 
Gegend vom Sinai, wo die Agypter das Kulturleben vollstandig be- 
herrschten. Als der englische Forscher W. M. Flinders Petrie im 
Jahre 1904 1905 die Spuren dieser Kultur an der Spitze einer 
wissenschaftlichen Expedition im einzelnen genauer festzustellen 
suchte, fand er dort eine Reihe von durchweg nur kleineren und 
vielfach nur schlecht erhaltenen Texten, die sich von den agyp- 
tischen Inschriften wesentlich unterschieden 1 ). Sie. wiesen zum Teil 
dieselben Zeichen auf, HeBen sich aber an der Hand des Agyptischen 
nicht deuten. Die Zahl der Zeichen war verhaltnismaBig gering, 
so daB der Gedanke an eine Buchstabenschrift von vornherein sehr 
nahe lag. Der Entdecker machte selbst darauf aufmerksam, daB 
sich vier verschiedene Zeichen in derselben Aufemanderfolge an 
mehreren Stellen wiederholten, und rechnete mit der Moglichkeit, 
von hier aus die Bedeutung der einzelnen Zeichen zu erschlieBen. 
Diese Gruppe wurde dann von Alan H. Gardiner 2 ) richtig als 
Ba'alat oder Herrin gelesen. Das Wort bezeichnete die Gottin 
Hathor, die an der Fundstelle ihren Tempel hatte. Gardiner hatte 
damit die Grundlage geschaffen, auf der die Forschtmg jetzt aufr 
bauen konnte. Er bestimmte selbst unter Zuhilfenahme der semiti- 
schen Buchstabennamen und der altsemitischen Buchstabenformen 
die Zeichen fiir Aleph, Beth, Zajin, Kaph, Lamed, Mem, Nun, 'Ajin, 
Pe, Resch, Schin und Taw; die ubrigen wurden dann im Laufe 
der folgenden Jahre von Sethe 3 ), Eisler 4 ) und Hubert Grimme 5 ) 

*) Researches in Sinai, London 1906. 

2 ) The Egyptian Origin of the Semitic Alphabet, Journal of Egypt. 
Archaeol. Bd. 3 (1916), S. Iff.; deutseh unter dem Titel: Der agyptische 
Ursiprung des semitischen Alphabets, Zeitschr. der Deutschen Morgenl. Qe- 
sellseh., Neue Folge Bd. 2 (1923), S. 92 ff. 

3 ) Die meuentdeckte Sinai-Schrift und die Entstehung der semitischen 
Schrift, Nachr. von der Kgl. Gesellsch. der Wissensch. zu Gottingen, Phil.-hist. 
Kl. 1917, S. 437 ff. 

4 ) Die kenitischen Weihinschriften der Hyksoszeit, Freiburg i. Br. 1919. 

5 ) Althebraische Inschriften vom Sinai, Hannover 1923; Die Losung des 
Sinaischriftpro'blem's, Miinster i. Westf. 1926; 'Die altsinaitischen Buchstaiben- 
Inschriften auf Grund einer Unterswchung der Originate, Berlin 1929; Alt- 
sinaitische Forschungen, Paderborn 1937. 



ermittelt. Die Texte waren inzwischen, soweit es moglich war, in 
das Museum von Kairo gebracht. Sie erfuhren dann im Jahre 1930 
noch eine Vervollstandigung durch die Funde einer neuen ameri- 
kanischen Expedition, die besonders vom Pater Butin genauer unter- 
sucht wurden 1 ). Die Ergebnisse blieben aber dieselben. Wir + 
wissen jetzt, daB wir es bei diesen Aufzeichnungen mit einem 
Schriftsystem zu tun haben, das mit der spateren Schrift der 
Phonizier schon in unmittelbarem Zusammenhange steht. Der 
Ochsenkopf, den man im Agyptischen als das Zeichen fiir jh = Rind 
gebrauchte, tritt uns hier in derselben Bedeutung als das Zeichen 
fiir Aleph entgegen; das Zeichen fur pr = Haus erscheint hier als 
Beth; der Mund, im Agyptischen das Zeichen fiir r, ist hier auf 
Grund der semitischen Lesung zu Pe geworden. Man iibertrug also 
den Grundgedanken des agyptischen Schriftsystems auf die Sprache, 
die man selbst redete, und behandelte diese ganz in derselben Weise. 
Die Zeichen wurden, soweit sie aus dem Agyptischen kamen, nicht 
mehr in der agyptischen, sondern in der semitischen Sprache ge- 
deutet. Wenn im Agyptischen kein passendes Zeichen vorhanden 
war, griff man zu einer andern Darstellung, die den Anforderungen 
entsprach. Das System kann nur in einer Gegend entstanden sein, 
wo eine semitische Bevolkerung mit den Agyptern in unmittelbare 
Beriihrung kam. Das war am Sinai tatsachlich der Fall. Die 
Agypter hatten hier seit der Regierung des Konigs Sesostris III. 2 ) " 
ihre Kupferminen, die besonders unter seinem Nachfolger Ame- 
nemhet III. 3 ) stark ausgenutzt wurden. Damit bot sich fiir die 
Bewohner der dortigen Gegend, soweit man keine Sklaven heran- 
zog, Gelegenheit zu lohnender Beschaftigung. Die Schreiber . 
besuchen ebenso wie die Agypter den Tempel der Hathor und 
bezeichnen sich auf ihren Weihegeschenken mit Vorliebe als Geliebte 
der Ba'alat. Einer von ihnen hatte den Namen Ben-Schemesch. Da 
das System so einfach war, fand es schon friih, wie es scheint, 
eine weitere Verbreitung. Es begegnet uns in Palastina, soweit sich 
der Gebrauch bisher schon nachweisen laBt, zuerst auf einer in 
Gezer gefundenen Tonscherbe, die nach dem ubereinstimmenden 
Urteil der hier zustandigen Fachgelehrten der sogenannten mittleren 
Bronzeperiode angehort*). Sie fiihrt uns also in die Zeit des 17. 
oder des 16. Jahrhunderts. Die Schrift wurde, obschon sie nur 
drei Zeichen umfaBt, vom Pater Butin sofort als sinaitisch erkannt. 
Es war nur eine einzige Zeile, die nach den Spuren in der Ton- 
flache senkrecht zur Lage der Drehscheibe stand. Sie lief also, 



*) The Harvard Theological Review, Vol. XXV, Number 2, April 1932. 

2 ) Nach Breasted von 18871849. 

3 ) Von 18491801. 

*) Vgl. fur die Einzelheiten besonders die Angaben von W. R. Taylor im 
Journal of the Palestine Oriental Society, Vol. 10 (1930), S. 16 ff. u. S. 79 ff., 
und im Bulletin of the American Schools of Oriental Research Nr. 41, 
February 1931, S. 27 28, sowie die Ausfuhrungen von Albright in dem 
Bulletin Nr. 58, April 1935, S. 2829. 



was man nicht iibersehen darf, von oben nach unten. Der oberste 
Buchstabe 1st ein Jod, der untere ein schon geformtes sinaiti'sches 
Beth, der mittlere wurde von den Erklarern gewohnlich als Nun 
gefaBt. Es kann aber in Wirklichkeit ebensogut ein Lamed sein. 
Die beiden Formen sind in den sinaitischen Texten mitunter kaum 
voneinander zu unterscheiden. Die Zeichen sind mit einem spitzen 
Gegenstande in den weichen Ton geritzt, und zwar von rechts nach 
links. Die Scherbe gehorte nach der Annahme von Prof. Albright 
zu einem zylinderartigen Tongerat, das wahrscheinlich aus einem 
Tempel stammt und dort als Untersatz oder als Stander benutzt 
wurde. Dies scheint sich auch aus der Inschrift zu ergeben. Die 
Phonizier gebrauchen in den Texten, die uns von ihren Kulthand- 
lungen erzahlen, wiederholt das Wort eleb. Wir besitzen noch den 
Anfang einer stark beschadigten Tontafel, die dariiber berichtete, 
was zu einem eleb El oder zu einem eleb des Gottes El gehorte 1 ). 
Es waren dazu mehrere Gegenstande oder mehrere Dinge erforder- 
lich, die in der Liste genau aufgefuhrt wurden. Die Angaben sind 
hier aber bis auf die Ueberschrift, die durch eine besondere Linie 
von den folgenden Zeilen getrennt war, fast spurlos zerstort. Die 
Bezeichnung findet sich dann auBerdem noch in den Schilderungen 
einer epischen Dichtung, die uns in ihren Ueberresten, wie wir noch 
sehen werden, in der letzten Zeit wieder bekannt geworden ist. 
Wenn dem Danel oder Daniel, dem Helden dieser Dichtung, ein 
Sohn geboren war, lieB er ihn in seinem Palaste Platz nehmen 
und errichtete dann im Tempel den ,,s-k-n seines eleb" 2 ). Das kann 
sich nach dem Zusammenhange nur auf ein Dankopfer beziehen. 
Es war ein Opfer, bei dem mehrere Gaben nach der Wort- 
bezeichnung 3 ) miteinander verbunden wurden, ebenso wie bei den 
assyrischen Opfern, wo man ganz in derselben Weise von einem 
riksu sprach 4 ). Das e ist in seiner Aussprache vielfach nur eine 
dunklere Wiedergabe des i. Ein zweiter Text, der ebenfalls aus 
einem Tempel stammt, wurde im Jahre 1934 in ed-Duweir, dem 
alten Lachisch, gefunden. Man entdeckte dort bei den Aus- 
grabungen die Scherben eines Kruges aus der Zeit vom 15. bis zum 
13. Jahrhundert, der oben mit einem Kranz von fluchtigen Dar- 
stellungen aus der Natur verziert war. Ueber -diesen Darstellungen 
befindet sich eine Inschrift, die allerdings in ihrem jetzigen Zu- 
stande gerade in der Mitte eine bedauerliche Liicke aufweist. Sie 



*) Syria, Tome XVI (1935), S. 182. 

2 ) Virolleaud, La legeade phenicieune de Danel (Mission de Ras-Shamra, 
Tome I, Paris 1936), S. 186 ff., I 2627, I 4345 und Anfang von II. 

3 ) Vgl. z. B. das arabische alatoa. 

4 ) Das Wort s-k-n, das hier gebraucht wird, bezeichnet in den Angaben 
der Syria, Tome XVI, S. 177ff. veroffentlichten beiden kleinen Stelen- 
inschriften ebenso wie p-g-r, mit dem es dort wechselt, das ganze Opfer. 
P-g-r = peger = ,,K6rper"; s-k-n bezieht sich in seiner Qrundbedeutung, 
wie es scheint, zunachst nur auf die ,,Niederlegung" oder das Aufsohichten 
der Gaben. 



beginnt mit dem Worte m-t-n = Geschenk, das sofort nach der 
ersten Veroffentlichung des Textes 1 ) von Gardiner, Gaster, Lang- 
don, Stowell und Eisler 2 ) richtig gelesen wurde. Auffallend war 
nur die etwas eigenartige Form des Nun. Auf dieses Nun folgen 
dann drei ubereinanderstehende Punkte. Hierauf bietet der Text 
ein Schin und ein Zeichen, das von Stowell und von Eisler als 
Gimel gefaBt wurde. Es ist in der Tat der spateren Form dieses 
Buchstabens sehr ahnlich, kann aber fur die altere Zeit in dieser 
Bedeutung noch nicht in Betracht kommen. Die Fortsetzung schlieBt 
dann mit den Zeichen fiir Aleph, Lamed und Taw, die den Namen 
der Gottin Elat ergeben. Das wurde auch von Gardiner schon 
richtig hervorgehoben. Er wagte sich aber zu der Bedeutung des 
vorhergehenden Zeichens noch nicht zu auBern. Dies wurde dann 
von Pater E. Burrows zuerst als Waw erkannt. Burrows glaubte 
nun das vor der Liicke stehende s-w, da der Gott El von den 
Phoniziern oft als Stier bezeichnet wurde, zu s-w-r = sor erganzen 
zu diirfen und schloB bei dem folgenden Worte, das mit dem auf 
der nachsten Scherbe stehenden Taw enden muBte, auf den Namen 
des Gottes Mot, der zu den Sohnen des El gehort. Er las also 
So[r w-Mo]t w-Elat 3 ). Damit ist der Aufbau des Textes sicher 
richtig zum Ausdruck gebracht. Es bleibt aber eine Schwierigkeit, 
die uns zur Wahl anderer Namen zwingt. Man gebrauchte in der 
damaligen Zeit bei einem einfachen Vokal noch nicht die scriptio 
plena. Wir haben deshalb nach einer Bezeichnung zu suchen, die 
diesem Umstande gerecht wird. Das ist nur bei einem einzigen 
Namen der Fall, der sich auch wegen seiner Herkunft besonders 
empfiehlt. Palastina stand danials, wie wir noch sehen w^erden, 
unter der Herrschaft einer churrischen oder choritischen Ober- 
schicht, die eine Gottin mit dem Namen Sauska verehrte. Diese 
wurde von den Assyrern spater als Istar gefaBt. Sie beriihrte sich 
also, wie man hieraus entnehmen muB, in ihrer Eigenart auf das 
engste mit der phonizischen Aserat. Da der Krug aus einem 
Tempel stammt, ist die Annahme berechtigt, daB die Inschrift in 
ihren Voraussetzungen besonders auch den Auffassungen des Stadt- 
fiirsten entsprach. Ein anderer Text ware bei einem Gegenstande, 
den man dort schenkte, sicher nicht geduldet worden. Die Choriter 
werden aber in der alteren Zeit zuerst an ihre eigenen Gotter 
gedacht haben, die sie auch dem Namen nach vorlaufig noch bei- 
behielten. Sie verehrten also die Sauska, wo sich die einheimische 
Bevolkerung, wie wir annehmen durfen, an die Aserat wandte. 
Der Name hat sich aber im Phonizischen, wie wir ebenfalls an 
dieser Stelle schon hervorheben mussen, in der Schreibung 
S-w-s-k erhalten. Dies fuhrt uns bei dem Texte, mit dem wir es 



*) In den Times vom 13. Juni 1934; vgl. die Wiedergabe im Archly fiir 
ffOrientforschung, Bd. IX (19331934), S. 358. 

2 ) Times vom 25. Juli 1934; Archiv fiir OrienlfoTschung S. 359. 

3 ) Palesiine Exploration Fund, Quarterly Statement Nr. 66, S. 179180. 



-\ A 

i V 

hier zu tun haben, fast mit zwingender Notwendigkeit zu der 
Lesung S-w-[s-k w-A-s-r-]t w-E-l-t. Es kann sich nach den Raum- 
verhaltnissen, wie auch Burrows richtig voraussetzt, nur um drei 
verschiedene Bezeichnungen handeln, von denen die erste mit S-w 

beginnt und die beiden folgenden, t und Elat, auf t ausgehen. 

Die Buchstaben zeigen in ihren Formen ungefahr dasselbe Geprage 
wie die Schrift auf einem Ostrakon von 'Ain Schems, dem biblischen 
Bethschemesch 1 ), das nach der Schicht, in der es sich vorfand, 
ebenfalls der Zeit vom 16. bis zum 13. Jahrhundert angehort 2 ). 
Das Ostrakon bietet zum Beispiel, soweit es noch zu entziffern 1st 3 ), 
genau dasselbe Aleph und ein in derselben Weise gebildetes Lamed. 
Das Aleph tritt uns in diesen Texten schon in derselben Form 
entgegen, die spater beim griechischen Alpha zugrundeliegt; das 
Lamed zeigt hier noch ganz den Charakter einer Spirale. Der 
Zusammenhang tritt aber noch deutlicher hervor, wenn wir auch 
die eigenartigen drei Punkte, die uns in der Kruginschrift hinter 
dem Worte m-t-n uberraschten, etwas genauer ins Auge fassen. 
Diese Punkte finden sich auf dem Ostrakon, wo sie allerdings nicht 
iibereinander, sondern nebeneinander gelegt sind, in derselben 
Anzahl an drei verschiedenen Stellen. Sie sollen hier offenbar die 
einzelnen Gedanken oder vielleicht auch die einzelnen Satz- 
verbindungen, soweit der Schreiber es fur notwendig hielt, auBer- 
lich voneinander abtrennen. Wir dtirfen sie also, wie es scheint, 
ohne Bedenken als die Vorstufe des spateren Worttrenners be- 
trachten, der in einem einfachen, fiir sich allein stehenden Vertikal- 
strich bestand. Dieser Vertikalstrich steht aber den drei iiber- 
einandergelegten Punkten, wie sie sich in der Kruginschrift 
vorfinden, wesentlich naher, als es bei einer Reihe von neben- 
einanderliegenden Punkten der Fall ist. Wir haben es hier offenbar 
mit einer langeren Entwicklung zu tun, bei der die ubereinander- 
liegenden Punkte zeitlich in der Mitte stehen. Die Aufeinanderfolge 
der Punkte bildet hier die naturliche, auch dem modernen Emp- 
finden bei einem plotzlichen Gedankenwechsel noch ganz ent- 
sprechende Grundform, die erst spater, als man die Zeichen mehr 
zusammendrangte, durch eine Vertikalstellung dieser Punktreihe 



J ) Revue Biblique, Tome 39 (1930), PI. XVbis iU nd S. 401; Grant, Ain 
Shems Excavations, Part I (1932), PI. X. 

2 ) Albright bezeichnet die Schicht im Bulletin of the American Schools 
of Oriental Research Nr. 55, Sept. 1934, S. 27, als ein ,,stratum belonging 
to the sixteenth fifteenth century B. C. in no case later than the fourteenth 
century". Er denkt hier -also an die Zeit vom 16. bis zum 15. Jahrhundert 
und mochte iiber das 14. Jahrhundert auf keinen Fall hinausgehen. In dem 
Bulletin Nr. 58, April 1935, halt er diese Moglichkeit aber nicht mehr fiir 
ausgeschlossen. Er. rechnet dort S. 29 auch fiir das Ostrakon mit der Zeit 
vom ,,15. bis zum 13. Jahrhundert". 

3 ) Vgl. zu den Formen besonders die sorgfaltige Untersuchung von 
H. Qrimme im Archiv fiir Orientforschung, Bd. X (1935), S. 270276. Ueber 
den Inhalt der Aufzeichnung kann man allerdings noch sehr verschiedener 
Meinung sein. 



ersetzt wurde. Dies zeigt uns, daB die Niederschrift auf dem 
Ostrakon friiher anzusetzen ist als der Text auf dem Kruge. Als 
die Punkte dann in diese Vertikalstellung gebracht waren, fiihrten 
sie fast mit zwingender Notwendigkeit zu einem Ersatz durch den 
schneller zu schreibenden einfachen Grundstrich, der uns zuerst 
auf einem im Jahre 1935 in einem Grabe von ed-Duweir gefundenen 
GefaBdeckel begegnet. Wir lesen auf diesem Deckel zunachst ein 
b-s-1-s-t, das einem hebraischen biseloseth entspricht, und stehen 
dann vor einer kurzen, aber ebenfalls noch deutlich hervortretenden 
Senkrechten, auf die ein weiteres Wort folgte, das, wenn die Er- 
klarung des Zeichens hier richtig ist, mit einem sauber geschrie- 
benen Jod begann *). Die Buchstaben zeigen hier, soweit sie schon 
in der Kruginschrift vorkommen, in ihren Formen noch ganz 
dasselbe Geprage. Das Beth hat in dem jiingeren Texte die Gestalt 
eines Quadrates, bei dem die Grundlinie fehlt und von der unteren 
Ecke der linken Seite zu der oberen Ecke an der rechten Seite die 
Diagonale gezogen ist. Es unterscheidet sich in dieser Form von 
der Schreibung, die spater bei den Phoniziern ublich war, in der 
Hauptsache nur durch die Lage. Das Zeichen ist im phonizischen 
Alphabet urn 45 Grad nach rechts gedreht. Hierzu kommt fiir die 
dortige Gegend, wenn wir die Texte nach den Fundorten grup- 
pieren, aufierdem noch ein kleines, schon seit mehr als 40 Jahren 
bekanntes Bruchsttick aus den Grabungen von Tell el-Hesi 3 ), das 
ebenso wie die Scherbe von Gezer nur drei aufeinanderfolgende 
Buchstaben enthalt. Es bietet an der ersten Stelle ein Beth, an der 
zweiten ein Lamed und an der dritten ein 'Ajin, so daB sich der 
Name Bela' ergibt. Das Beth deckt sich hier in seinem GrundriB 
noch ebenso wie auf der Scherbe von Gezer mit den Schreibungen, 
die uns in den Texten vom Sinai begegnen, das Lamed zeigt aber 
schon ganz die Form und die Lage, die wir in den Inschriften der 
Phonizier vorfinden; das 'Ajin steht zwischen den sinaitischen 
Formen und der alteren phonizischen Schreibweise ungefahr in 
der Mitte. Die Scherbe ist spater in den Boden gelangt als ein 
in demselben Trummerhugel gefundener Brief mit einer Angabe 
uber den geheimen ZusammenschluB des Sipti-Ba'lu und des Zim- 
rida, die uns beide in den Tafeln von El-Amarna begegnen; die 
Formen sind aber, als Ganzes genom'men, friiher anzusetzen als 
die altesten uns bis jetzt bekannt gewordenen Aufzeichnungen in 



J ) Die Inschrift ist mir zuerst bekannt geworden durch die Wiedergabe, 
die sich Syria XVI (1935) S. 419 vorfindet Sie findet sich auBerdeira, soweit 
mir die Stellen bis zur Niedersdhrift dieser Zeilen selbst vorlagen, Quarterly 
Statements of the Palestine Exploration Fund Nr. 68 (1936) auf der Tafel 
vor S. 101, in dem Bulletin of the American Schools of Oriental Research 
Nr. 63, Oct. 1936, S. 9, und bei Grimme in den Altsinaitischen Forschungen 
S. 119. 

2 ) F. J. Blifi, A Mound of many Cities, London 1894, S. 88; W. F. 
Albright, A neglected Hebrew Inscription of the Thirteenth Century, 
Archiv fiir Qrientforschung, Bd. V (1929), S. 150152. 



12 

dem gewohnlichen Schriftsystem der Phonizier. Fiir die nordlichen 
Teile von Palastina sind uns die Zwischenformen nur in den Ueber- 
resten einer Grabschrift erhalten, die vor kurzem in Byblus entdeckt 
wurde 1 ). Die Inschrift umfaBte bloB drei Zeilen. Sie bietet, soweit 
sie noch vorliegt, in der ersten Zeile das einleitende '-n-k = Ich mit 
den Anfangsbuchstaben des sich anschlieBenden Namens, die jeden- 
falls als *-z zu lesen sind. Das 'Ajin ist vollkommen klar; das 
folgende Zeichen hat hier, wenn man bloB die auBere Form ins 
Auge faBt, die Gestalt eines Taw, bei dem der Querstrich an der 
rechten Seite ungefahr doppelt so lang ist wie an der linken. In 
der zweiten Zeile treten uns, wie Grimme zuerst richtig gesehen hat, 
die Worte b-g-b-1 r-b k[-h-n-m] ,,in Gebal, der Oberste der 
Pr[iester]" entgegen. Diese Lesung ist so klar und so einwandfrei, 
daB der Text hiermit im wesentlichen erschlossen ist. Das Kaph 
ist hier trotz der Bedenken von Albright unbedingt sicher; es ist 
ganz in derselben Weise geschrieben wie in dem an der Spitze des 
Textes stehenden '-n-k. In der dritten Zeile gehen die Auffassungen 
von Grimme und von Albright weit auseinander. Es scheint aber, 
daB die Deutung hier ebenfalls gar nicht so schwer ist. Das erste 
Zeichen ist ein Aleph, das zweite ein J6d und das dritte ein Lamed. 
Das Aleph ist hier genau so gebildet wie in der ersten Zeile; das 
Lamed ist vielleicht um eine belanglose Kleinigkeit groBer als die 
Form, die uns in der zweiten Zeile begegnet. Die Zeichen fiigen 
sich ohne Schwierigkeit zu dem Worte ajjal = Hirsch zusammen. 
Auf dieses ajjal, wenn wir es so lesen diirfen, folgen dann noch 
sieben weitere Zeichen, von denen das mittlere eine merkwiirdige 
Ahnlichkeit mit dem Zeichen hat, das in der Kruginschrift von ed- 
Duweir als Waw gebraucht wird. Es iiberrascht nur, daB der 
Vertikalstrich am unteren Ende nicht nach links, sondern nach rechts 
umgebogen ist. Wir kommen hier also, wenn wir die beiden Formen 
einander gleichsetzen, auf ein w = und, das sich gerade in der 
Mitte dieser Zeichen von vornherein besonders zu empfehlen scheint. 
Es steht hier, wie es scheint, in der Mitte zwisohen zwei in der- 
selben Weise gebildeten Wortern, von denen jedes drei Konsonanten 
aufweist. Das Wort, das diesem Waw, wenn wir es so zu lesen 
haben, voraufgeht, beginnt mit einem Zeichen, das in seiner Schrei- 
bung mit dem griechischen und lateinischen Z ubereinstimmt, und 
bietet am SchluB ein eindeutiges Lamed. Das zweite Zeichen ist 
in der Form, in der es uns hier entgegentritt, ein etwas fliichtig 
geschriebenes altsinaitisches He. Das sind dieselben Lesungen, fiir 
die auch Grimme sich entscheidet. Wir erhalten hier also, wenn 
wir die drei Zeichen miteinander verbinden, ein Wort z-h-1 oder 
s-h-1. Nun gibt es aber im Hebraischen und ebenso im Arabischen 



1 ) Veroffentlicht von M. Dunand in den Memoires de 1'Institurt Frangais, 
Melanges Maspero Vol. I (1935), S. 567 if. Bearbeitungen und weiiergehende 
Deutungsversuche u. a. von Grimme dm Museon, Tom. 49 (1936), S. 85 98 
und Altsinaitische Forschungen S. 117 118, und von Albright im Bulletin of 
the American Schools of Oriental Research Nr. 63, Oct. 1936, S. 1011. 



ein Verbum sahal wiehern. Dies wird im Hebraischen nicht nur 
von dem Wiehern eines Pferdes, sondern auch von einem Jubelruf 
und dem Aufschreien eines Menschen gebraucht. Wir wissen zwar 
nicht, wie man den Schrei eines Hirsches bezeichnete; es ist aber 
sehr gut moglich, daB man hier ebenfalls unter Umstanden dasselbe 
Wort benutzte. Dies wiirde tins dann, wenn wir die hebraische 
Aussprache zugrundelegen diirfen, zunachst auf ein ajjal sohel 
fiihren. An dieses sohel schlieBt sich alsdann, wie es scheint, noch 
ein zweites Partizip, das wir in den drei letzten Buchstaben zu 
suchen haben. Der erste Buchstabe ist hier ein Resch, der zweite 
fallt in seiner Form wieder mit dem Z zusammen, und der dritte 
ist ein ebenfalls sehr deutlich geschriebenes Gimel. Es kann sich 
hier also, wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, nur um einen 
Hinweis auf einen ajjal sohel weroseg handeln. Das Wort ist uns 
allerdings in seiner Bedeutung bistier noch nicht bekannt. Hinter 
diesem r-s-g steht dann auf derselben Linie, und zwar unmittelbar 
vor der Bruchstelle, ein stark hervortretender Punkt, der ungefahr 
die Halfte des Zeilenraumes einnimmt. Dies zeigt uns, daB der Satz 
hier wirklich zu Ende ging. Er schloB also, wenn man auch wegen 
des vorletzten Buchstaben vielleicht noch verschiedener Meinung 
sein kann, auf jeden Fall mit einem Worte, das im Anfange ein 
Resch und als dritten Konsonanten ein Gimel aufwies. Der Punkt, 
den wir hier antreffen, fiihrt uns wieder auf das Ostrakon von 
Bethschemesch. Es war, wie wir annehmen miissen, der erste von 
den soeben schon besprochenen drei Punkten, die zur Zeit, wo das 
Ostrakon entstanden ist, beim Uebergange zu einem neuen Gedan- 
ken regelmaBig in die Darstellung hineingefiigt wurden. Damit ist 
das Alter der Inschrift ziemlich genau festgelegt. Sie muB ebenfalls 
noch friiher angesetzt werden als die Niederschrift auf dem Ton- 
kruge von ed-Duweir, wo sich die Punktreihe schon in vollstandiger 
Vertikalstellung vorfindet. Wir haben hier also, wenn wir die Texte 
zusammenfassen, fur die damalige Zeit schon ein ziemlich umfang- 
reiches Material, aus dem sich die Vorgeschichte des eigentlichen 
phonizischen Schriftsystems zum Teil schon in ihren wichtigsten 
Zugen herausheben laBt. Die Zeichen weisen in diesen Texten 
manche Uebereinstimmungen auf; sie zeigen aber auch tiefgehende 
Verschiedenheiten, die fur die Beurteilung der damaligen Verhalt- 
nisse von besonderer Bedeutung sind. Das Aleph konnte in der 
Form, in der es uns in dem Texte von Byblus entgegentritt, noch 
in einer Inschrift vom Sinai stehen; das Beth ist hier in alien drei 
Fallen, in denen es uns in der zweiten Zeile begegnet, ein auf der 
einen Ecke stehender Rhombus mit einer horizontal gezogenen 
Diagonale. Das ist die Form, aus der die Schreibung in den 
spateren Texten unmittelbar hervorgegangen ist. Man sieht also, 
daB die Drehung nach rechts, von der wir sprachen 1 ), schon zu 
einer Zeit erfolgte, wo die Figur noch ihre vollen vier Seiten besaB. 



S. oben S. 11. 



14 

Sie wurde dann spater an der linken Seite in der unteren Halfte 
niqht mehr geschlossen. Das Gimel gleicht hier den beiden zur 
Spitze fuhrenden Seiten eines auf der Schreiblinie stehenden gleich- 
seitigen Dreiecks. Das He 1st ein Vertikalstrich, bei dem auf jeder 
Seite kurz iiber der Mitte ein kleiner Strich schrag nach unten zeigt. 
Das Waw ist, wie soeben schon gesagt wurde, unten nicht nach 
links, sondern nach rechts gebogen. Jod, Kaph, Nun, 'Ajin und 
Resch zeigen im ganzen schon dieselben Formen, die auch spater 
noch in Gebrauch waren. Das Lamed ist mit dem SchluBteil der 
ehemaligen Spirallinie nicht nach oben, sondern nach unten 
gerichtet, und zwar mit der Innenseite des Bogens nach links. Das 
ist auch in der ersten Zeile auf der Riickseite des Ostrakons von 
Bethschemesch der Fall; nur ist die Spirale dort noch teilweise 
zum Ausdruck gebracht. Auf der Vorderseite fiihrt diese Linie 
ebenso wie in den Texten von ed-Duweir in umgekehrter Windung 
von unten nach oben. Auf dem Tonstiick von Tell el-Hesi begegnet 
uns, wie wir gesehen haben, ein Beth, das noch ebenso gebildet ist, 
wie es in der Zeit der sinaitischen Aufzeichnungen iiblich war, und 
ein Lamed, das in seiner Schreibung schon ganz mit den Formen 
aus der spateren Zeit ubereinstimmt. 

Das Nun wird im Athiopischen nicht auf nunu = Fisch zuriick- 
gefuhrt, sondern als Nahas = nahas = Schlange bezeichnet. Dies 
muB auch nach den Formen, die uns in den Sinaitexten begegnen, 
als die Grundbedeutung vorausgesetzt werden. Der Fisch ist in 
diesen Texten, wie Sethe zuerst richtig erkannt hat 1 ), schon durch 
das dem arabischen samak entsprechende Samech vertreten. 

Das He gent in seiner alteren Form auf die hieroglyphische 
Darstellung einer Person zuriick, die zum Ausdruck des Jubels und 
der Freude die Arme emporhebt. Diese Form hatte in der oberen 
Halfte schon friih die Gestalt einer breiten dreizinkigen Gabel 
angenommen, bei der man zwischen der Andeutung des Kopfes, 
der durch die mittlere Zinke vertreten ist, und der Wiedergabe der 
Arme keinen Unterschied mehr machte. Der tmtere Teil des mensch- 
lichen Korpers wurde bei dieser Darstellung ebenfalls nur durch 
eine einzige Linie hervorgehoben, die in der alteren Zeit eine 
eigenartige Biegung aufwies, dann als Gerade erscheint und schlieB- 
lich ganz wegfiel. Sie ist auf dem Ostrakon von Bethschemesch 
und in dem Texte von Byblus noch vorhanden. Auf dem Ostrakon 
von Bethschemesch zeigt die Figur, die dort schon auf die Seite 
gelegt ist, den oberen Teil des Bildes noch ganz in der angegebenen 
Auspragung. Diese wurde dann, als man auf die untere Linie voll- 
standig verzichtete, zu dem auch im griechischen und im lateinischen 
Alphabet noch vorhandenen E. Das E unterscheidet sich von der 
gewohnlichen phonizischen Schreibung, wo die Buchstaben nach 
links gerichtet sind, nur durch die Wendung nach rechts. Man hatte 
bei der Auswahl des Zeichens urspriinglich wohl an das auch im 



A. a. O. S. 446. 



15 

Hebraischen noch vorkommende he = siehe gedacht. Wenn man 
aber das Alphabet etwas genauer untersucht, kommt man fur die 
spatere Deutung auf ein anderes Wort, das sich aus der Aufeinander- 
folge der Buchstaben ergibt. Wir erwahnten schon, daB das sume- 
rische e-gal im Phonizischen und im Hebraischen zu hechal wurde, 
daB also der erste Bestandteil des Wortes in der Aussprache von 
Palastina mit einem Hauchlaute begann, und wir diirfen ein e, 
wenn es sich bloB um die Farbung der Vokale handelt, nach den 
hebraischen Lautgesetzen ohne weiteres auf ein altbabylonisches i 
zuriickfiihren. Damit stehen wir vor dem sumerischen i = 5. Der 
Buchstabe hat nicht nur im hebraischen, sondern auch im griechi- 
schen und im lateinischen Alphabet seinen Platz an der fiinften 
Stelle. Er hat diesen Platz offenbar erhalten, als die Urbedeutung 
des Zeichens im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten war, und 
zwar unter dem EinfluB des Sumerischen, das den Schriftkundigen 
in Palastina neben dem Akkadischen ausreichend bekannt war. 

DaB dieses richtig ist, sieht man auch an der Fortsetzung. Man 
unterschied im Sumerischen neben dem genannten i e = 5 ein e 
ed = hinaustreten. Dies wird im Akkadischen besonders auch 
durch sakaku = emporragen erklart; es bringt also denselben 
Gedanken zum Ausdruck, der bei dem Worte sikkatu = Nagel 
zugrundeliegt. Der Nagel wird aber im Hebraischen als waw 
bezeichnet, und der Buchstabe, der diesen Namen tragt, begegnet 
uns in der Liste sofort an der nachsten Stelle. Man sieht also, daB 
hier jemand an der Arbeit gewesen ist, der die beiden sumerischen 
Worter in seiner Vorstellung miteinander verband. Er hat bei der 
Niederschrift zuerst an das Zahlwort gedacht und ist dann durch 
die zweite Bedeutung auf den folgenden Buchstaben gekommen. 

In den El-Amarna-Tafeln wird das Wort sakaku an etwa zehn 
verschiedenen Stellen von einer Verzierung mit kostbaren Steinen 
gebraucht, die aus ihrer Einfassung hervortreten. Die Texte bieten 
hier bei den Beschreibungen, wenn eine solche Verzierung vor- 
handen ist, stets einen Zusatz wie abnu sukkuk, abne sukkuku oder 
abne ina hurasi sukkuku, ein Stein tritt hervor, Steine treten hervor, 
Steine treten aus dem Golde hervor. Die Wendung muB also in 
der damaligen Zeit sehr verbreitet gewesen sein. Es war ein ein- 
facher und schlichter Satz, den jeder sofort verstand. Wenn man 
aber bei einer solchen Angabe nicht von den Steinen, sondern von 
dem Gegenstande ausging, der in dieser Weise verziert war, dann 
gebrauchte man in der Regel das Wort zanu. So lieB z. B. der 
Konig Assurbanipal fur den Gott Marduk in Babylon eine kostbare 
Bettlade anfertigen, sa abne nisikti za-'- nat, die mit Edelsteinen 
verziert war 1 ), und dasselbe wird an einer anderen Stelle 2 ) von einem 
Gegenstande aus Gold gesagt, den wir noch nicht genauer zu 
bestimmen vermogen. Die Form za-'-nat bezieht sich in beiden 



*) Annalen. Cyl. C X 38 (Streck, Assiirbanipal, II. Teil, S. 148). 
2 ) K. 3405 Vs. 15 (Assoirbanipal, II. Teil, S. 222224). 



16 

Fallen auf ein Femininum. Bei einem Maskulinum wiirde man 
za-in gesagt haben 1 ). Das 1st dieselbe Form, die uns im Alphabet 
bei dem Namen des siebten Buchstaben uberrascht. 

Der Stein, der in dieser Weise aus seiner Umgebung heraustritt, 
bildet auch in der damaligen Zeit in den meisten Fallen den beson- 
deren Schmuck eines Ringes. Wenn wir aber an einen Ring denken, 
kommen wir im Akkadischen auf das Wort semiru. Dies wurde in 
der Regel ideographisch ausgedriickt, und zwar durch das Zeichen, 
das im Sumerischen besonders fiir bar, hur und mur in Gebrauch 
war 2 ). Dieses Zeichen hat im Laufe der Zeit eine eigenartige Wand- 
lung durchgemacht. Es erscheint in den Texten von El-Amarna 
gewohnlich in einer alteren babylonischen Kursivform, mit der wir 
uns hier nicht zu beschaftigen brauchen. Diese wird aber im 
Norden von Palastina schon in derselben Zeit durch ein anderes 
Gebilde ersetzt, das uns in den assyrischen Texten als eine regel- 
mafiige Zusamrnenstellung von hi 4- as entgegentritt. Abdasirta, 
der Konig von Amurru, bietet es in seinen Briefen stets noch in 
der babylonischen Auspragung; bei seinem Sohn und Nachfolger 
Aziru finden wir dann ebenso wie in einem Schreiben aus der Um- 
gebung des Aziru iiberall die spatere Form 3 ). Das Zeichen fiir hi 4 ) 
hat aber im Akkadischen noch einen zweiten Lautwert; es ist schon 
friih mit einem anderen Zeichen zusammengefallen, das im Sume- 
rischen die Wiedergabe durch ti gestattete. Diese Laute stehen auch 
im Alphabet in derselben Verbindung unmittelbar hinter dem Zajin. 
Wir finden hier zunachst das tJeth, das den am haufigsten vor- 
kommenden Laut wiedergibt, und dann an zweiter Stelle das Teth. 
Dieses Zusammentreffen zwingt uns fiir sich allein schon zu der 
Annahme, daB der Urheber der ganzen Aufeinanderiolge die beiden 
Werte tatsachlich im Auge gehabt hat. Er laBt dann auf das Teth 
die Zeichen fiir Jod und fiir Kaph folgen, die sich beide auf die 
Hand beziehen. Jod bezeichnet nach dem Hebraischen trotz der 
auffallenden Form 5 ) die Hand im allgemeinen; kaph wurde 
gebraucht, wenn man es mit der eingebogenen oder hohlen Hand 
zu tun hatte. Die Werte von hi begegnen uns also im Alphabet 
zwischen dem Zajin, das in seiner Wortbedeutung von der Ver- 
zierung des Ringes erzahlt, und den Zeichen fiir die Hand, die mit 
dem Ringe geschmiickt wurde. Da6 der Laut und nicht etwa das 
Urbild oder die Wortbedeutung von yeth im Vordergrunde stand, 
sieht man schon an dem Schriftzeichen. Es weist genau dieselben 
L.inien auf, die bei dem Zeichen fiir He vorliegen, nur sind die drei 

*) So z. B. in der Verbindung za-in baltu = geschmiickt mit Kraft. MeiBner, 
Supplement zu den assyrischen Worterbuchern S. 33. 

-) Deimel, SuTnerisches Lexikon Nr. 401. 

3 ) Vgl. fiir diesen Wechsel besonders die Stellen in der Aoisgabe von 
Sohroeder. Die altere Schreibung findet sich Nr. 27 Z. 6, 8, 14 und 27, die 
zweite Form begegnet uns Nr. 83 Z. 14, Nr. 91 Z 19 und Nr. 94 Z. 38. 

.<) Deimel Nr. 96. 

5 ) Das Hebraische kennt nur ein jad. 



17 

Parallelen auch an dem freien Ende noch durch eine weitere Linie 
miteinander verbunden. Da die beiden Laute so nahe miteinander 
verwandt sind, hatte man sich bei dem Heth, wie es scheint, schon 
friih an das He angelehnt. Das Zeichen findet sich in seiner 
charakteristischen Form schon auf dem Ostrakon von Bethsche- 
mesch. Es unterscheidet sich dort von der spateren Schreibung nur 
durch die Lage. Das Teth besteht im phonizischen Alphabet aus 
einem Kreise mit einem eingezeichneten Taw. Der Kreis kann aber 
in diesem Zusammenhange nur mit dem Ringe in Verbindung 
gebracht werden, an den der Urheber der ganzen Gruppierung nach 
dem Gesagten urspriinglich gedacht hat. Man sieht also, daB 
unsere Voraussetzung sich hier in uberraschender Weise bestatigt. 
Das Hervortreten des Steines fiihrte zunachst auf den Ring, den 
man am Finger trug. Der Ring wird ideographisch durch ein 
Zeichen ausgedriickt, das auch in den nordlichen Gebieten von 
Palastina schon friih als eine Weiterbildung des Zeichens fiir hi + ti 
erschien. Dieses Zeichen wurde dann von dem zweiten Teil des 
Gebildes losgelost und in seinen Bedeutungen fiir die Festlegung 
der beiden folgenden Buchstaben herangezogen, von denen das 
Teth den Ring sogar noch als besonderes Abzeichen erhielt. Auf 
den Finger folgt dann die Hand. Der Zusammenhang ist hier in 
allem so ungezwungen und so klar, daB man iiber die Grund- 
gedanken gar nicht im Zweifel sein kann. Es bleibt nur noch .die 
Frage zu beantworten, wie wir unter diesen Umstanden die Nanien 
der beiden Buchstaben zu erklaren haben. Wenn es sich bloB um 
das tJeth handelte, konnte man versucht sein, an das akkadische 
hitu zu denken. Die Bedeutung dieses Wortes ware dabei belanglos. 
Das Zeichen hat mit einem Bilde, wie wir gesehen haben, gar nichts 
mehr zu tun; es erscheint in seiner damaligen Form nur als eine 
Parallelbildung zu dem Zeichen fiir He. Man hatte es also mit 
jedem anderen Worte verbinden konnen, wenn nur der Anlaut der- 
selbe blieb. Es ist aber sicher kein Zufall, daB die Bezeichnung 
auch den Vokal des keilinschriftlichen Laurwertes enthalt, und daB 
diese Erscheinung sich dann bei dem Teth sofort in derselben Weise 
wiederholt. Man konnte zwar annehmen, daB diese Parallelform 
ebenfalls aus dem Wortschatz des Akkadischen oder des Phonizi- 
schen irgendwie herausgesucht wurde, aber ein solches Wort ist in 
diesen Sprachen, soweit wir dariiber unterrichtet sind, iiberhaupt 
nicht vorhanden. Die Dinge liegen hier offenbar viel einfacher. Die 
Bezeichnungen sind ihrem Ursprunge nach nur eine Wiedergabe 
der beiden Lautwerte, die durch das Hinzufiigen einer Feminin- 
endung zu der jetzigen Form erweitert wurden. Die Vokale stehen 
zu der babylonischen Aussprache in demselben Verhaltnis wie wir 
es fiir He = e = i voraussetzen muBten. Wir haben es also bei den 
Buchstaben von He bis Kaph mit einer eigenartigen, festgegliederten 
Zeichengruppe zu tun, bei der sich die Gecianken, die fiir die Anord- 
nung entscheidend waren, noch ohne Schwierigkeit aus der Auf- 
einanderfolge der einzelnen Zeichen herauslesen lassen. Das He 



wurde von dem Urheber des Alphabets zunachst mit dem sume- 
rischen i = e = 5 und dann an zweiter Stelle mit dem gleichlauten- 
den und ebenfalls dem Sumerischen angehorenden i = e == sakaku 
in Verbindung gebracht, das in seinen Bedeutungen auf das Waw 
und auf das Zajin hiniiberleitet. Das Waw geht auf sikkatu = Nagel 
zuriick; das Zajin entspricht in derselben Weise dem so haufig 
vorkommenden sakaku sa abni. Der Stein war auch in der 
damaligen Zeit schon der gewohnliche Schmuck des Ringes, den 
man am Finger trug. Der Ring erinnerte dann, wie wir gesehen 
haben, an das Ideogramm, das in der Keilschrift fur das akkadische 
semiru in Gebrauch war, und fiihrte dadurch auf das Zeichen fur 
hi + ti, das in seinen Lautwerten bei Heth und bei dem sich 
anschlieBenden Teth zur Geltung kommt. Das Teth wird durch ein 
Zeichen ausgedriickt, bei dem der Ring zugleich als ein wesentlicher 
Bestandteil hervortritt Der Ring fiihrte dann im Zusammenhange 
mit dem Finger auf die Bezeichnung der Hand, die zunachst als 
jod = jad und dann als kaph ihre Beriicksichtigung firidet. 

Da das He von dem Urheber dieser Zusammenstellung als der 
fiinfte Buchstabe gefaBt wurde, haben wir auch die vier ersten 
Buchstaben des jetzigen Alphabets in ihrer Aufeinanderfolge schon 
auf ihn zuruckzufuhren. Wir sehen also, daB er die Zusammen- 
stellung schon mit dem Aleph begann. Auf das Aleph folgten dann 
die Zeichen fur Beth, Gimel und Daleth. Man hat aber schon oft 
darauf hingewiesen, daB Beth = Haus und Daleth = Tiir fast 
unmittelbar nebeneinander stehen. Die beiden Bezeichnungen ge- 
horen begrifflich zusammen. Sie werden jedoch durch das Gimel, 
das hier an der dritten Stelle seinen Platz gefunden hat, nach 
unserem jetzigen Empfinden vollstandig voneinander getrennt. Das 
Zeichen hat in seinen altesten Formen mit einem Hause oder mit 
einer Tiir gar nichts zu tun. Es gibt sich hier in seinen Linien noch 
ohne Schwierigkeit als die fliichtige Zeichnung einer Sichel oder 
eines Sichelschwertes zu erkennen, das man im Akkadischen als 
gamlu bezeichnete. Dies muB auch die Aussprache gewesen sein, 
in der das Wort zu den Griechen kam. Es wurde dann aber nicht 
zu einem Gamla, wie man erwarten sollte, sondern zu dem leichter 
zu sprechenden Gamma. Man legt sich nun die Frage vor, wie der 
gamlu hier in die Zusammenstellung hineingekommen ist. Die Ant- 
wort ist aber in Wirklichkeit gar nicht so schwer. Das Sichelschwert 
war nach den vorhandenen Darstellungen die gewohnliche Waffe 
der altbabylonischen Zeit; es wird also auch in Palastina uberall 
bekannt gewesen sein, und zwar unter demselben Namen, der 
hochst wahrscheinlich von dem semitischen gamal kommt. Das 
Wort ist in den Texten gewohnlich ideographisch ausgedriickt; es 
wird in dieser Schreibung durch zwei aufeinanderfolgende Zeichen 
wiedergegeben, von denen das erste den Silbenwert bab har 1 ) und 



Deimel Nr. 60. 



19 

das zweite fiir na = rabasu = liegen 1 ) in Gebrauch war. Das 
sumerische bab fallt in der Aussprache, wenn man an das Akka- 
dische denkt, mit dem sogenannten status constructus von babu = 
Tor zusammen und wurde tatsachlich schon friih in diesem Sinne 
gedeutet. Man betrachtete z. B. den Papsukal, den man ideogra- 
phisch als bab-sukal bezeichnete, nach den Ausgrabungen als den 
sukall'u sa babi, als den Diener und Behiiter des Tores, und hielt 
es deshalb fiir zweckmaBig, bei einem Neubau in der Nahe des 
Einganges unter dem Boden in einem Ziegelgehause sein Bild 
unterzubringen. Anderes kann hier iibergangen werden. Wenn wir 
nun ebenfalls auf diese Bedeutung zuriickgreifen, dann erhalten wir 
fiir die Buchstabengruppe, um die es sich hier handelt, die Aufein- 
anderfolge von Haus, Tor und Tiir. Wir finden hier zuerst das 
Zeichen fiir beth; auf beth folgt dann das in dem Ideogramm fiir 
gamlu vermutete babu und das nahezu gleichbedeutende daleth. 
An dieser Tatsache wird auch durch die Frage, ob das Ideogramm 
in dem vorliegenden Falle richtig gedeutet wurde, gar nichts ge- 
andert. Das erste Zeichen ist bei der eigenartigen Verbindung, 
wenn man auf die Grundbedeutung zuriickgeht, in Wirklichkeit 
nicht als bab, sondern im Sinne von kur = nakru = Feind zu fassen; 
es weist auf den Gegner hin, den man nach dieser Zusammen- 
stellung mit der Waffe zu Boden schlug. 

Die Verhaltnisse treten noch deutlicher hervor, wenn wir die 
bisherigen Feststellungen in ihren Einzelheiten genauer miteinander 
vergleichen. Wir sehen, da8 der gamlu in den Zusammenhang hin- 
eingezogen wurde, weil der Urheber dieser Aufeinanderfolge in 
seinen Gedanken auf die ideographische Bezeichnung des Wortes 
zuriickgriff. Er dachte zunachst an das Haus und ging dann in 
seinen Vorstellungen von dem Haus auf das Tor und auf die 
Tur iiber. Hierbei kam ihm das Ideogramm in den Sinn, bei dem 
nach seiner Auff assung der Hinweis auf das Tor an der Spitze stand. 
Er lieB sich also durch cine ideographische Darstellung beeinflussen, 
die an dieser Stelle nur durch das erste Zeichen fiir ihn in Betracht 
kam. Das Zeichen bildet hier bloB den ersten Bestandteil einer aus 
dem Sumerischen zu erklarenden Umschreibung, die in ihrer 
Bedeutung mit dem Tor an und fiir sich gar nichts zu tun hat. 
Der gamlu wird aber trotzdem herangezogen, ohne daB der Faden 
dadurch im iibrigen verloren geht. Das folgende Zeichen bezieht 
sich wieder auf die Tiir. Wir haben hier genau dieselben Erschei- 
nungen, die uns bei der Eingliederung der Zeichen fiir Fjeth und 
fur Teth iiberraschten. Das Zajin erinnerte zunachst an den Ring, 
der Ring fiihrte dann auf die ideographische Darstellung des Ringes, 
die mit dem Zeichen fiir hi + ti ihren Anfang nahm. Dies war fiir 
den Urheber der Liste em ausreichender Grund, hier ebenfalls eine 
Pause zu machen und die beiden Buchstaben einzufiigen, die diesen 
Werten entsprachen. Dabei kam aber der Ring in der Festlegung 



Deimel Nr. 431. 



20 

des Zeichens fur Teth noch besonders zur Geltung. Die beiden 
folgenden Zeichen riickten dann die ersten Oedanken durch die 
Hervorstellung der Hand wieder in den Vordergrund. Die Liste 
geht also auf einen Verfasser zuriick, der in der Keilschrift sehr gut 
bewandert ist. Er stellt sich bestimmte Gegenstande vor, die nach 
den Gesetzen der sogenannten Ideenassoziation an seinem Geiste 
voriiberziehen. Bei diesen Vorstellungen sieht er dann vor allem 
auch die keilinschriftlichen Bezeichnungen, die ihn ebenfalls in 
Anspruch nehmen und die Aufeinanderfolge seiner Gedanken 
wesentlich beeinflussen. Das Gimel ist auch in den Texten vom 
Sinai schon eine Sichel. Er bringt das Zeichen, wenn wir iiber den 
Unterschied in der Lage hinwegsehen diirfen, fast ganz in derselben 
Form, macht aber bei der Eingliederung des Zeichens nach den 
obigen Feststellungen einen geradezu phantastischen Umweg. Der 
gamlu ist fur ihn nicht das bescheidene Ackergerat oder die gefahr- 
liche Waffe des Kriegers, sondern der Gegenstand, den man in der 
Keilschrift als bab-na bezeichnete. Er bringt ihn deshalb in einem 
Zusammenhange, wo man nach der Bedeutung der tibrigen Zeichen 
nur an das akkadische babu = Tor zu denken hatte. Auch bei dem 
Ringe beschaftigt er sich sofort mit dem ersten Bestandteil der ideo- 
graphischen Darstellung. Das He ist fiir ihn die Wiedergabe des 
sumerischen i = e = 5. Es erinnert ihn zugleich an das sumerische 
e = ed = sakaku, das dann in dieser Bedeutung bei dem Waw und 
dem Zajin zugrundeliegt. Er lebt ganz in der Keilschrift und sieht 
die Bezeichnungen, mit denen er zu arbeiten hat, zunachst nur im 
Lichte des Sumerischen und des Akkadischen. 

Auch in der zweiten Halfte des Alphabets lassen sich die 
Gedankenverbindungen zum Teil noch mit aller nur wiinschens- 
werten Deutlichkeit verfolgen. Das erste Zeichen, das wir hier 
antreffen, ist das Zeichen fiir Lamed. Es ist ein Zeichen, das man 
auch heutzutage in lateinischer Kursivschrift ohne weiteres als 1 
lesen wurde, ein einfacher, etwas schrag liegender Grundstrich mit 
einer Umbiegung nach rechts. In den Sinaitexten erkennt man in 
der Darstellung noch deutlich das Bild einer wirklichen Spirale. 
Hierzu paBt auch die athiopische Bezeichnung als Lawe, die in ihrer 
Bedeutung mit dem Urbilde noch ganz ubereinstimmt. Das ist bei 
der Wiedergabe durch Lamed nicht mehr der Fall. Wir werden 
bei diesem Worte nicht mehr an eine Windung, sondern nur an das 
abstrakte lamad = lernen erinnert. Der Buchstabe steht im Alphabet 
unmittelbar hinter den Zeichen fiir Jod und fiir Kaph. Das Lernen 
wird in unserer Zeit, wo man so gem an die Wissenschaft denkt, 
gewohnlich in erster Linie als eine Tatigkeit des Geistes betrachtet; 
es kann aber mit derselben Berechtigung auch von einer korper- 
lichen Uebung gesagt werden, die auf die Aneignung einer bestimm- 
ten Fertigkeit gerichtet ist. Diese Vorstellungen sind schon im 
Sumerischen auf das engste miteinander verbunden. Man vertrat 
dort den Standpunkt, dafi Weisheit, Alter und gute Rede zusammen- 
gehoren, und gebrauchte deshalb den Ausdruck nun-me = groB in 



O-f __ 

i \ 

der Rede ohne Bedenken als Ideogramm fiir ab-gal = groBer Vater. 
Wenn man zu diesem nun-me noch ein tag hinzufiigte, kam man 
zu einer Bezeichnung, die im Akkadischen u. a. durch emku = weise, 
hassu = klug, mudu = verniinftig und ummanu = Handwerker 
erklart wird. Tag bezeichnet aber in Wirklichkeit nur das Beriihren 
und das Arbeiten mit der Hand. Der nun-me-tag ist also zunachst 
nur ein Mann, der seine Hand in der richtigen Weise zu gebrauchen 
versteht. Er gait aber, wenn dies der Fall war, auch im weiteren 
Sinne des Wortes als klug und erfahren. Man dachte in der 
damaligen Zeit mehr an das Konnen als an das Wissen und sah 
in dem Lemen an erster Stelle das Ringen um eine besondere 
Gewandtheit in irgendeiner praktischen Betatigung. Dies zeigt sich 
auch in der Sage von dem weisen Ooannes, der nach den Angaben 
des Berossus als geheimnisvoller Fischmensch aus der Tiefe des 
Meeres emporstieg und die Menschen im Gebrauche der Schrift und 
in den verschiedensten Kiinsten unterrichtete. Der Name ist seinem 
Ursprunge nach nichts anderes als die spatere Aussprache fur 
umman = uman = owan = Oan. Der Lehrer erscheint hier also, 
wenn wir den Grundgedanken herausheben, nur als ein erfahrener 
ummanu, der seine Schiiler in ahnlicher Weise heranbildet, wie es 
auch heutzutage noch bei jedem Handwerk geschieht. Dabei wird 
die Schreibkunst sogar an erster Stelle genannt. Das Lemen war 
hier ebenfalls ein fortgesetztes Ueben der Hand. Dieser Gedanke 
stand auch bei dem Urheber des Alphabets offenbar im Vorder- 
grunde. Er ist selbst, wie wir annehmen diirfen, ein Meister in 
seinem Fache, der sich ehrlich bemiiht, die Anfanger gerade nach 
der technischen Seite besonders zu fordern. Wir besitzen noch eine 
Reihe von sogenannten Schiilertafeln, die uns in die Art dieses 
Unterrichts einen werrvollen Einblick gewahren. 

Cannes, der Vater und Lehrer der einzelnen Kunste, hatte seinen 
Wohnsitz nach den Angaben des Berossus in der Tiefe des Meeres. 
Das deckt sich ganz mit der Auffassung, die auch sonst bei den 
Babyloniem liberall verbreitet war. Die Wassertiefe gait als der 
Ursitz und die Heimstatte der Weisheit, und Ea, der Gott der Tiefe, 
war aus diesem Grunde zugleich der Gott der Wissenschaft und 
der Gelehrsamkeit. Das Lamed ist im Alphabet mit dem Zeichen 
fiir Mem = majim = Wasser verbunden. 

Wenn man vom Wasser spricht, denkt man auch an die Fische. 
Diese fiihrten den Verfasser zunachst auf die akkadische Bezeich- 
nung, die hier an die Stelle von nahas = Schlange getreten ist, und 
iiberraschen uns dann aufierdem noch in dem Samech, das damals 
in Palastina, wie wir hieraus entnehmen durfen, noch richtig ver- 
standen wurde. Der ZusammenschluB der beiden Buchstaben ist 
also in derselben Weise zu beurteilen wie bei den Zeichen fiir Jod 
und fiir Kaph. Auf das Samech folgen so dann die Zeichen fiir 
*Ajin und Pe. 'Ajin bezeichnet im Hebraischen nicht nur das Auge, 
sondern auch die Quelle. Diese Bedeutung stand hier nach dem 



99 

j.i 

Zusammenhange bei der Anfertigung der Liste zuerst im Vorder- 
grund. Sie beruhrt sich noch mit der Hervorhebung des Wassers 
und der Fische. Das Schriftzeichen laBt sich aber nur als eine 
Darstellung des Auges erklaren. Das Auge fuhrte dann auf eine 
Reihe von weiteren Bezeichmmgen, die alle durch den Gedanken 
an den Kopf des Menschen miteinander verbunden sind. Pe bezeich- 
net den Mund, Sade laBt nach der Erwahnung des Mundes auf 
einen Zusammenhang mit sajid = Nahrung schlieBen, das K.oph 
erscheint hier als die Verbindung des 'Ajin mit einer Linie, die von 
auBen in das Innere des Auges hineindringt. Es ist in dieser Schrei- 
bung offenbar als ein Hinweis auf den lanzenformigen kuppu zu 
betrachten, mit dem man nach den assyrischen Kriegsberichten bei 
einem Gegner, der sich emport hatte, die Strafe der Blendung vor- 
nahm. Wir haben hier die Darstellung, wenn wir den Aufbau des 
Alphabets verstehen wollen, genau so zu nehmen, wie sie von dem 
Urheber der Liste gedeutet wurde. Ueber die alteren Formen, die 
sich vielleicht noch in den Texten voin Sinai nachweisen lassen, 
brauchen wir uns hier nicht zu unterhalten. Der Name des Zeichens 
geht in der angegebenen Bedeutung ebenso wie beim Nun auf das 
Akkadische zuriick. Das Akkadische fuhrte dann in derselben Weise 
bei dem folgenden Buchstaben, der in seiner Grundform den Kopf 
als Ganzes zum Ausdruck brachte, zu der Bezeichnung als Resch. 
Schin = Zahn. Das Taw ist in seiner gewohnlichen Schreibung die 
Wiedergabe des Kreuzes, das man einer Person, die man kenn- 
zeichnen wollte, nach der Angabe von Ezech. 9, 4 If. mit Tinte oder 
mit Farbe auf die Stirn zeichnete. Die Aufeinanderfolge ist also bei 
den Buchstaben im zweiten Teile des Alphabets in derselben Weise 
zu erklaren wie bei den Zeichen von Aleph bis Kaph. Sie laBt 
immer einen bestimmten Grundgedanken hervortreten, der das eine 
Zeichen zwanglos mit dem anderen verbindet. Es handelt sich also 
bei dem Alphabet um eine Zusammenstellung, die in dieser Form 
nur auf eine einzige Personlichkeit zuruckgehen kann. Die Vorliebe 
fur das Akkadische zeigt sich bei den Festlegungen schon auBerlich 
in den Umschreibungen durch Zajin, Nun, Koph und Resch. Das 
Nun steht hier noch vor dem gleichbedeutenden Samech, obschon 
die zweite Bezeichnung aus der Sprache von Palastina genommen 
ist; das Resch hatte dieselben Dienste geleistet, wenn es fur die 
Freunde der Schreibkunst ein einfaches und bescheidenes Rosch 
geblieben ware. Diese Vorliebe kam dem Urheber der Bezeichnun- 
gen, wie es scheint, personlich gar nicht zum BewuBtsein. Er 
arbeitete, wenn wir ihn richtig verstehen, wie ein stiller, vielleicht 
etwas weltfremder Gelehrter, der alles zunachst von dem Standpunkt 
seiner eigenen Wissenschaft betrachtet. Das akkadische za'in war 
ihm, obschon es in der Volkssprache gar nicht vorkam, bei der 
Auswahl der Bezeichnungen genau so lieb wie jedes andere Wort. 
Es kam ihm nur darauf an, einen Namen zu finden, der den phone- 
tischen Wert des Zeichens im Anlaute richtig hervorhob. Bei yeth 
und bei Teth hat er die Bezeichnungen im AnschluB an die Laut- 



23 

werte, die er ausdriicken wollte, selbst geschaffen. Die alteren 
Namen wurden nur beibehalten, wo sie sich in den Rahmen seiner 
Vorstellungen hineinfiigien. Das Lawe, das sich im Athiopischen 
erhalten hat, wurde zu einem Lamed, weil sich dieses Wort in dem 
Zusammenhange, in dem tins das Zeichen in der Liste begegnet, 
durch seine Bedeutung besonders empfahl. Der Wechsel trifft hier 
also, wie man sieht, ebenfalls mit dem Zeitpunkt zusammen, wo die 
Liste entstanden ist. Die Aufeinan-derfolge von Lamed und Mem 
laBt auf eine beachtenswerte Vertrautheit mit der babylonischen 
Mythologie schlieBen. Man ersieht aber an dem Zeichen fur Koph, 
daB die Zeit, wo man die Formen als wirkliche Bilder betrachtete, 
noch nicht ganz voruber war. 

Der Unterricht in der Keilschrift begann schon bei den alten 
Babyloniern, wie es scheint, mit dem Studium einer Liste, die man 
heutzutage gewohnlich als das Syllabar Sa bezeichnet. Diese Liste 
war jedem, der an einem solchen Unterricht teilgenommen hatte, 
auch in den spateren Jahren seines Lebens noch in lebendiger 
Erinnerung. Sie nahm in den Vorstellungen der Schriftkundigen 
ungefahr denselben Platz ein, den wir in unserer Zeit der Fibel 
des ersten Schuljahres zubilligen. Es war eine Zusammenstellung 
der wichtigsten fur die Keilschrift uberhaupt in Betracht kommenden 
Silbenzeichen, die in der ersten Spalte jedesmal den Lautwert und 
in der dritten die Namen der betreffenden Zeichen enthielt. Diese 
Liste beginnt mit der Gleichung id=a = a-a-u; sie erklart also in 
der ersten Zeile das Zeichen fiir a. Man bezeichnete sie bei den 
Babyloniern und bei den Assyrern gewohnlich mit den Worten 
id = a = naku. Die Liste beginnt also schon mit demselben Laut, 
der auch im Alphabet an der Spitze steht. Sie hat hier dem Urheber 
der jiingeren Zusammenstellung offenbar als Vorbild gedient. Er 
wollte fur die Buchstabenschrift, wenn wir uns so ausdriicken 
diirfen, ebenfalls ein brauchbares ,,Id = a = naku" schaffen. DaB 
er dieses Verzeichnis gekannt hat, ergibt sich auch aus der Verbin- 
dung von Aleph und Beth. Das Beth entspricht in seiner Bedeutung 
dem keilinschriftlichen ab = es = bitu = Haus. Dies wird in dem 
Syllabar unmittelbar vor dem Zeichen fiir gud = alpu behandelt. 
Wir haben hier also in beiden Fallen eine Zusammenstellung von 
Haus und Ochs. Das Haus erinnerte dann an babu = Tor und an 
daleth = Tiir. 

Da das keilinschriftliche Verzeichnis in der Schule benutzt 
wurde, diirfen wir den SchlujB ziehen, daB das Alphabet ebenfalls 
fiir den Unterricht berechnet war. Es war auf jeden Fall eine 
Zusammenstellung, die fur andere Norm und Regel sein sollte. Die 
Anordnung ist bei einer solchen Zusammenstellung an und fiir sich 
belanglos; sie wurde dann aber, nachdem sie einmal vorhanden 
war, mit einer wohl kaum zu uberbietenden GleichmaBigkeit iiberall 
beibehalten. Dies erklart sich, wie es scheint, nur aus der Art, wie 
der Unterricht damals erteilt wurde. Djer Anfanger bemiihte sich, 
die Buchstaben unter der Fiihrung seines Lehrers der Reihe nach 



. 24 

schon einzuiiben, und pragte sie bei diesen Uebungen zugleich in 
derselben Aufeinanderfolge dem Gedachtnis em. 

Die Liste kann nur in einer Gegend entstanden sein, wo man die 
Hand nicht als jad, sondern als jod bezeichnete. Sie setzt also die- 
selbe Aussprache voraus, die uns fur das Gebiet der Phonizier 
bekannt ist. Wir wissen, da8 die Phonizier nicht yiram, sondern 
fj[irom sprachen, daB sie keinen Hadad und keinen Olam, keine 
Thorah und keinen Balithan, sondern einen ^4dcodoq einen 
OvfafjLos, eine Oovgco und eiosa^u/Ltcov Bafa&aiv verehrten, und 
daB die Konigin bei ihnen nicht als malkah, sondern als milko, 
die Blume nicht als nissah, sondern als nesso und das Geschenk 
nicht als mattan, sondern als matton bezeichnet wurde 1 ). Diese 
Formen lassen ebenfalls auf ein jod schlieBen. Auch die Zeit ist 
durch unsere bisherigen Beobachtungen, soweit es sich um die 
obere Grenze handelr, schon ziemlich genau festgelegt. Die Liste 
setzt bei dem Ideogramm fur semiru schon die Eigenart der assy- 
rischen Schreibung voraus, die erst in der El-Amarna-Periode, wie 
wir gesehen haben, in einer jiingeren Gruppe von Briefen fur die 
hier in Betracht kommende Gegend nachgewiesen ist. Die untere 
Grenze laBt sich in ihren Grundziigen ohne Schwierigkeit an der 
Hand der Formen erschlieBen, die uns in den Inschriften begegnen. 
Der alteste Text, der uns hier zur Verfugung steht, ist die noch 
in der ersten Halfte des dreizehnten Jahrhunderts entstandene Grab- 
schrift des Konigs Ahiram von Byblus 2 ). Der Verstorbene war in 
seinem Leben ein treuer Anhanger des Konigs Ramses II. von 
Agypten gewesen. Er hatte von seinem Herrn und Gebieter, wie 
es scheint, bei einer besonderen Gelegenheit zwei wertvolle Vasen 
erhalten, die mit dem Namen des groBen Konigs geziert waren und 
nach seinem Tode in das Grab gelegt wurden. Dadurch ist die 
Datierung, die auch durch andere Beigaben bestatigt wird, gegen 
jedes Bedenken gesichert. Sie bietet aber in dieser Allgemeinheit 
zunachst noch einen auBerordentlich weiten Spielraum. Ramses 
regierte nicht weniger als 66Jahre. Ahiram kann friih gestorben 
sein; er kann aber auch sehr lange gelebt haben. Er kann alter 
gewesen sein als Ramses; es ist aber an und fur sich ebenso gut 
moglich, daB er bedeutend jiinger war. Man konnte sogar versucht 
sein, dieses anzunehmen; denn die Vasen waren ihm offenbar sehr 
wertvolle Erinnerungen; aber in Wirklichkeit lagen die Dinge wohl 
anders. Die Geschenke setzen voraus, daB zu der Zeit, wo sie 
iiberreicht wurden, zwischen ihm und seinem Herrn eine nahere 
personliche Beziehung bestand. Sie legen aber auch den Gedanken 
nahe, daB Ramses mit seiner Aufmerksamkeit zugleich einen poli- 
tischen Zweck verfolgte. Dies gestattet uns eine wesentliche Ein- 



Paul Schroder, Die phonizische Sprache, Halle 1869, S. 124 fif. 

2 ) Gefunden im Herbst 1923. VgL besonders R. Dussaud, Syria V (1924), 
S. 135 ff., H. Bauer, Orient. Literature., Jahrg. 28 (1925), Sp. 129 if. und 
H. Vincent, Rev. Bibl. 34 (1925), S. 161 ff. 



schrankung. Die Gaben stehen sicher mit den Kriegsziigen des 
agyptischen Konigs in Zusammenhang. Diese richteten sich haupt- 
sachlich gegen die Chethiter; sie fuhrten ihn wiederholt bis in die 
unmittelbare Nahe von Byblus und waren ihm schon mit Riicksicht 
auf den Erfolg seiner Unternehmungen stets wieder ein AnlaB, sich 
um die freundschaftliche Zuneigung der phonizischen Kleinfiirsten 
ernstlich zu bemuhen. Die Auseinandersetzungen nahmen aber erst 
im vierten Regierungsjahre des Konigs ihren Anfang und fanden 
dann ihren AbschluB in einem Friedensvertrage, der nach langeren 
Verhandlungen im 21. Regierungsjahre zustande kam. Ahiram wird 
also, wenn wir die Thronbesteigung des Ramses nach den Berech- 
nungen von Borchardt 1 ) in das Jahr 1301 verlegen, um das Jahr 1280 
schon im Besitz des Geschenkes gewesen sein. Er lebte dann im 
giinstigsten Falle vielleicht noch 30 bis 40Jahre. Dies wiirde fiir 
die Grabschrift als spatesten Termin etwa das Jahr 1240 ergeben. 
Es ist aber ebenso gut moglich, daB er die Vasen schon wesentlich 
fruher erhalten hat, und daB er dann vielleicht schon recht bald 
gestorben ist. Wir haben hier also stets noch mit einer Unsicherheit 
von mehreren Jahrzehnten zu rechnen. 

Die Inschrift beweist uns, daB man die phonizische Buchstaben- 
schrift in der damaligen Zeit schon zur Ausfertigung von wichtigen 
und sorgfaltig gearbeiteten Texten benutzte, die nach der Absicht 
der Urheber auch die weitesten Jahrhunderte uberdauern sollten. 
Der Sarkophag wird als der Schrein bezeichnet, den Ithoba'al, der 
Sohn des Ahiram, Konig von Byblus, fiir seinen Vater herstellen 
lieB zur ewigen Wohnung 2 ). Hieran schlieBt sich dann emeDrohung 
an den Konig, den Statthalter oder den Truppenfiihrer, der es wagen 
sollte, das Grab wieder zu offnen. Das Zepter des Konigs soil in 
diesem Falle zerbrechen, der Thron soil zu Boden sturzen und die 
Ruhe soil von der Stadt entfliehen. Wenn jemand die Inschrift zer- 
stort, soil er in einer Weise bestraft werden, die in dem Texte durch 
die Worte 1-p-p s-r- . . ausgedruckt wird. Dussaud bietet hier in 
seiner Wiedergabe hinter dem r noch ein 1. Man sieht aber auf der 
Photo typie, wie auch Bauer schon betont, an dieser Stelle nur 
unsichere Spuren. L-p-p = binden, einwickeln, umhullen. Wir 
finden es in diesen Bedeutungen nicht nur im Assyrischen, sondern 
auch im Aramaischen und im Arabischen. Man gebraucht es in den 
Targumen und im Talmud z. B. von den Windeln, mit denen man 
ein Kind zu wickeln pflegte, von den Tuchern, mit denen man es 
einhiillte, und in ubertragenem Sinne besonders auch von der Haut- 
flechte, die den Korper des Menschen bedeckt. Das ist dieselbe Vor- 
stellung, die uns im Assyrischen an einer Reihe von Stellen bei dem 
Worte isrubu 3 ) begegnet. Der isrubu ist cine Krankheit, die den 

!) Zeitschrift fiir Agyptiscbe Sprache und Altertuinsktmde Bd. 70 (1934), 
S. 97 If. 

2 ) Dieser Ausdrudk war auch im Hebraischen und im Assyrischen in 
Gebrauch. 

3 ) Delitzsch, Assyrisches Handworterbuch S. 149. 



26 

Menschen zwingt, auBerhalb der Stadt -zu weilen. Sie umkleidet 
ihn wie ein Oewand und gehort zu dem Schlimmsten, was man 
einem Gegner nur wiinschen kann. Es kann sich hier also, wie jeder 
sofort zugeben wird, nur urn den Aussatz handeln. Die Bezeichnung 
enthalt aber in den beiden ersten Silben ebenfalls ein s und ein r. 
Damit ergibt sich das Weitere von selbst. Die Grabinschrift bot an 
der angegebenen Stelle kein 1, sondern ein b. Die Spuren passen 
fur den einen Buchstaben ebenso gut wie fur den andern. .Der Ver- 
fasser bezeichnet den Uebeltater, wenn wir uns in der Aussprache 
an das Hebraische anlehnen diirfen, als lephuph s-r-b; er wiinscht 
ihm fiir den MiBbrauch der Hand, wie man hier annehmen muB, 
als naheliegende Vergeltung den Aussatz, der den Korper ebenfalls 
wie ein Gewandstuck umkleiden soil. 

Ein zweiter Text, der allerdings von dem Sohne des Konigs 
nicht vorgesehen war, findet sich auf der AuBenseite des Denkmals. 
Als die Grabkammer wieder mil Erde bedeckt wurde, glaubte einer 
von den Anwesenden auf der Siidwand des Schachtes, der zu der 
Gruft himmterfiihrte, ungefahr in der halben Hohe die Worte ein- 
ritzen zu miissen: ,,Zur Kenntnis: Dies ist dem b-d-1 hier unten u . 
Man verstand unter b-d-1 von dem Verbum badal = getrennt sein 
offenbar einen Platz, wo man von der Gemeinschaft der ubrigen 
ausgeschlossen war. Die Worte sind an den Toten gerichtet und 
konnen nur als eine Aufforderung betrachtet werden, schon in 
seinem Grabe zu bleiben. Sie sind in die Form einer besonderen 
Mitteilung gekleidet, von der auch der Konig hier Kenntnis zu 
nehmen hat. Der Schreiber hat solche Texte, wie man aus dieser 
Einkleidung entnehmen darf, sicher schon haufig gelesen und viel- 
leicht auch selbst schon angefertigt. Er bestatigt uns also, da6 die 
Volkssprache in der damaligen Zeit schon die Sprache der amt- 
lichen Verfiigungen war, und daB der Wortlaut in derselben Schrift 
ausgefertigt wurde, die wir hier vorfinden. Die Buchstaben sind 
im wesentlichen genau so wie die Zeichen in der eigentlichen Grab- 
schrift. Sie stammen hochst wahrscheinlich von der Hand eines 
Aufsehers, der bei groBeren Unternehmungen, wie wir wissen, auch 
die Listen iiber die Arbeiter zu fiihren hatte. Es war also, wenn 
dieses richtig ist, der in der Bibel so oft erwahnte soter, der nach 
der Grundbedeutung dieses Wortes, wie oben schon einmal betont 
wurde, in der alteren Zeit nur die Keilschrift gebrauchte. Diese war 
durch die Buchstabenschrift, wie man sieht, schon stark in den 
Hintergrund gedrangt. Die Worter sind in den beiden Texten eben- 
so wie es auf dem GefaBdeckel von ed-Duweir der Fall war, jedes- 
mal durch einen Vertikalstrich voneinander getrennt. Dieser Tren- 
nungsstrich, den wir oben schon als den Worttrenner bezeichneten, 
war auf dem GefaBdeckel noch sehr kurz. Er nimmt dort an der 
Stelle, wo er noch erhalten ist, ungefahr den dritten Teil der 
mittleren Zeilenhohe in Anspruch. In den Ahiramtexten ist der 
Zeilenraum bis zu dieser Hohe ganz ausgefiillt, und zwar sowohl 
in der Grabschrift als auch in dem Text auf der AuBenwand. Wir 



27 

diirfen also den SchluB ziehen, daB diese Schreibung in der da- 
maligen Zeit allgemein iiblich war. Der Strich wurde dann im 
Laufe der weiteren Entwicklung schon bald wieder kiirzer. Er zeigt 
in der Inschrift des Abiba'al, die dem zehnten Jahrhundert an- 
gehort 1 ), ungefahr noch den dritten Teil dieser GroBe und ist dann 
in der Inschrift des Eliba'al 2 ), die hochstens etwa 35 40 Jahre 
spater angefertigt wurde 3 ), beinahe schon zu einem Punkte ge- 
worden. Dieser begegnet uns alsdann im folgenden Jahrhundert 
in der Mesainschrift und bleibt darauf fur langere Zeit in den 
Texten die Regel, bis er schlieBlich ebenfalls wieder verschwindet. 
Die Schriftzeichen drangen in der Form, in der sie uns in den 
Texten der Grabanlage entgegentreten, an erster Stelle zu einem 
Vergleich mit den Zeichen, die uns in der oben schon besprochenen 
alteren Grabschrift aus Byblus erhalten sind. Das Aleph erinnerr 
in dieser Inschrift, wie wir bei der Untersuchung des Wortlautes 4 ) 
schon kurz hervorheben muBten, noch ganz an die Formen in den 
Texten vom Sinai. Es hat hier in seinem GrundriB mit der Schrei- 
bung, die uns auf dem aus derselben Zeit stammenden Ostrakon 
von Bethschemesch begegnet, so gut wie gar merits gemeinsam. 
Auf dem Ostrakon von Bethschemesch ist es ebenso wie in der In- 
schrift auf dem Kruge von ed-Duweir und spater im griechischen 
und im lateinischen Alphabet ein spitzer Winkel, bei dem die 
Schenkel in einem groBeren Abstande vom Scheitelpunkte von einer 
dritten Linie geschnitten werden. Bei dem Zeichen, das wir in den 
Ahiramtexten vorfinden, ist dieser Abstand nicht mehr vorhanden. 
Das Zeichen hat hier im wesentlichen dieselbe Form wie das 
griechische oder lateinische K. Diese Form tritt aber schon in der 
Zeit des Abiba'al allmahlich wieder zuriick. Der Winkel riickt in 
der damaligen Zeit mit dem Scheitelpunkt allmahlich wieder uber 
den Vertikalstrich hinaus, so daB sich z. B. in der Mesainschrift 
wieder ganz dasselbe Bild ergibt wie auf dem Kruge von ed-Duweir. 
Man sieht also, daB die altere Schreibung bei diesem Zeichen vor- 
iibergehend zuriicktrat, um dann spater wieder zur Regel zu werderi. 
Das Beth hatte zur Zeit des Ahiram von der Gestalt des Rhombus, 
die uns in dem alteren Texte iiberrascht, die untere linke Seitenlinie 
schon volltandig verloren. Es steht in den Ahiramtexten, wenn man 
uber die Lage hinwegsieht, mit der Form, die uns auf dem GefaB- 
deckel von ed-Duweir begegnet, ungefahr auf derselben Stufe. Das 
Gimel zeigt in den Ahiramtexten die Form einer arabischen 1. Der 
erste Schenkel des Winkels ist in diesen Texten immer sehr kurz ; der 
zweite steht zu der Schriftlinie iiberall, wo das Zeichen hier vor- 
Icommt, genau senkrecht. Es war in der Zeit, wo der altere Text 
entstanden ist, stark nach links geneigt, so daB man dort 5 ) an die 



*) Sie befindet sich aoif einer Statue des Konigs Scheschonk von Agypten. 

2 ) Auf einer Statue des agyptischen Konigs Osorkon I. 

3 ) Osorkon war der Nachfolger des Soheschonk. Er starb um das Jahr895. 
*) S. oben S. 1213. 

5 ) S. oben S. 14. 



28 

beiden zur Spitze fiihrenden Seiten eines gleichseitigen Dreiecks 
erinnert wird. Diese Lage tritt uns dann fast in derselben Form 
wieder in der Inschrift des Abiba'al entgegen. Wir haben hier also 
dieselbe Entwickelung wie bei den Fonnen des Aleph; der altere 
Text zeigt hier ebenfalls eine Schreibung, die zur Zeit des Ahirain 
nicht mehr in Gebrauch war und in der spateren Zeit wieder zum 
Durchbruch kommt. Das He 1 ) ist in dem alteren Texte von Byblus 
viel fliichtiger geschrieben als in dem Texte von Bethschemesch, wo 
die Form des E noch klar und schari hervortritt. Dieses E begegnet 
uns dann in derselben Form in den Texten der spateren Grabanlage. 
Es unterscheidet sich hier von der alteren Schreibung nur durch 
das vollstandige Pehlen eines Hinweises auf den unteren Teil des 
menschlichen Korpers, der auf dem Ostrakon noch eine bescheidene 
Spur hinterlassen hatte. Das Waw hat in den Ahiramtexten die 
Gestalt eines kleinen, von einem langen Vertikalstrich getragenen 
Bechers. Der Vertikalstrich zeigt dabei an den meisten Stellen in 
der unteren Halfte ein leises Abschwingen nach links. Dieses Ab- 
schwingen hangt jedenfalls noch mit der scharfen Biegung zu- 
sammen, die wir hier bei dem Zeichen in der Kruginschrift von 
ed-Duweir beobachten. In der alteren Inschrift von Byblus geht 
diese Biegung, wie wir gesehen haben, nicht nach links, sondern 
nach rechts. Die Richtung gab hier also, wie wir annehmen miissen, 
urspriinglich nicht den Ausschlag. Das Zeichen ist in seiner Grund- 
form wohl als die Darstellung eines wirklichen Nagels aufzufassen, 
der oben einen Kopf trug und am unteren Ende, wo er durch das 
Holz hindurchreichte, mit einem Hammer in der iiblichen Weise 
auf die Seite geschlagen war. Das Jod ist ebenso wie das Zeichen 
fur Resch in der alteren Grabschrift und in den Ahiramtexten voll- 
kommen gleich. Das Kaph erscheint in den Ahiramtexten und in 
den Inschriften des Abiba'al und des Eliba'al in der Form eines mit 
dem Scheitelpunkt auf der Schreiblinie stehenden Winkeis, der durch 
einen Vertikalstrich halbiert wird. Es zeigt in dem alteren Texte die 
Form eines nach links gerichteten und etwas zur Seite geneigten K. 
Diese Form war dann spater gekiirzt und in eine andere Lage ge- 
bracht worden. In den jiingeren Texten ist die Linie, die den rechten 
Schenkel des angegebenen Winkels bildet, wieder nach unten ver- 
langert, so daB die altere Form auch hier wieder zum Vorschein 
kam. Das Lamed ist in dem alteren Texte nicht nach oben, sondern 
nach unten gerichtet; das Sade tritt uns dort, wenn unsere Voraus- 
setzungen richtig sind, in der Form eines griechischen oder latei- 
nischen Z entgegen. Dieses Zeichen ist in den Ahiramtexten nicht 
vorhanden; es deckt sich aber in der Art, wie es in dem alteren 
Texte geschrieben ist, genau mit dem zweiten Teile des Zeichens, 
das z. B. in der Mesainschrift als Sade gebraucht wird. Das bedarf 
auf jeden Fall einer Erklarung. Die beiden Fonnen unterscheiden 
sich nur durch den Vertikalstrich, der in den jungeren Texten dem 



S. oben S. 1415. 



alteren Zeichen als erster Bestandteil voraufgeht. Das Z hat sich 
im griectiischen Alphabet als Zeta = Zajin erhalten. Es kam also 
zur Zeit, wo es von den Griechen ubernommen wurde, nur fur den 
weicheren Laut in Betracht. Das wird uns auch durch die semi- 
tischen Inschriften bestatigt. Wir erinnem uns aber, daB in dem 
alteren Texte von Byblus hochst wahrscheinlich ein anderes Zajin 
vorkommt, das sich in seiner Form auf das engste mit dem Zeichen 
fur Taw beriihrt. Es tinterscheidet sich von diesem Zeichen, das 
uns schon in den Texten vom Sinai stets in der Form eines Kreuzes 
entgegentritt, nur durch die groBere Lange des rechten Quer- 
balkens. Diese Form hat bei dem Sade, wie es in den spateren In- 
schriften vorliegt, offenbar ihre besonderen Dienste geleistet. Wir 
haben es hier, wie wir annehmen miissen, mit einer Vereinigung 
der beiden Zeichen zu tun, bei der die Querlinie des ersten Bestand- 
teiles zugleich als die obere Linie des Z benutzt wurde. Das Zeichen 
ist also in ahnlicher Weise gebildet wie das Zeichen fur Teth, wo 
sich ebenfalls zwei verschiedene Darstellungen, der Kreis und das 
in den Kreis hineingelegte Taw, zur Wiedergabe eines einzigen 
Lautes zusammenschlieBen. Der Urheber dieser Zeichen hat hier 
jedesmal eine kiinstliche Neubildung vorgenornmen, um einen 
emphatischen Laut von der weicheren Form der Aussprache zu 
unterscheiden. Damit kommen wir auch fur das Sade wieder auf 
dieselbe Person, die das Alphabet in seinem ganzen eigenartigen 
Aufbau geschaffen hat. Das Teth ist aus der bei diesem Aufbau zu- 
grundeliegenden Gedankenfolge, wie wir gesehen haben, von selbst 
hervorgewachsen; das Sade ist dem Teth in seiner Bildung so ahn- 
lich, daB wir es ebenfalls auf denselben Ursprung zuruckzufiihren 
haben. Wir haben hier zugleich die Moglichkeit, uns die Arbeits- 
weise des Meisters, der sich damals fur diese Formen entschied, im 
einzelnen noch etwas genauer anzusehen. Er verbindet in dem 
Sade zwei Zeichen, die er selbst in seiner Liste sonst nicht ge- 
braucht. Das Zajin glich in dieser Liste, wenn wir uns auf die 
Wiedergabe in den Ahiramtexten verlassen diirfen, einer sauber 
geschriebenen romischen I, die oben und unten einen kleinen 
horizontal liegenden Querstrich aufweist. Es war eine Schreibung, 
bei der die beiden Parallelen nicht, wie es beim Z der Fall ist, 
durch eine schrag gezogene Linie, sondern durch einen von der 
Mitte zur Mitte gehenden Vertikalstrich miteinander verbunden 
waren. Diese Formen wurden schon damals, wie wir aus den 
Bildungen entnehmen miissen, unmittelbar nebeneinandergebraucht. 
Das Zeichen besteht in den sinaitischen Texten gewohnlich nur aus 
den beiden Parallelen. In dem Zeichen, das uns in der ersten Zeile 
des alteren Textes von Byblus begegnet, sind diese Parallelen schon 
zu einer einzigen Querlinie zusammengedrangt, die von der 
ursprunglichen Verbindungslinie in der Nahe des linken Endpunktes 
geschnitten wird. Die Formen gehen also, wenn wir sie richtig 
verstehen, alle auf dasselbe Grundzeichen zuriick. Sie waren dem 
Urheber des Alphabets schon alle bekannt und sind auch alle von 



30 

ihm beriicksichtigt worden. Er hat die Form mit dem senkrechten 
Verbindungsstrich als Zajin genommen, obschon die altere Grab- 
schrift von Byblus, wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, hier 
das Zeichen bietet, das nur einen einzigen Querstrich aufweist, und 
dieses einfachere Zeichen dann bei der Wiedergabe des empha- 
tischen Lautes mit der Form zusammengefugt, bei der die Parallelen 
durch den schrag gezogenen Strich miteinander verbunden waren. 
Diese Anderungen hatten sicher ihre ganz besonderen Grtinde. 
Das Kreuz mit den ungleichen Querbalken konnte bei fluchtiger 
Schreibung, wie es scheint, zu leicht mit dem Taw verwechselt 
werden, und die beiden andern Formen unterschieden sich nur 
durch die Richtung, die man der Verbindungslinie gab. Das war 
ebenfalls bedenklich. Der Mangel lieB sich aber durch den Zu- 
sammenschluB, den wir bei der neueren Form des Sade beobachten, 
ohne Schwierigkeit beseitigen. Die Vertikale riickte dann, als man 
diesen Zusammenhang nicht mehr iiberblickte, noch etwas weiter 
nach links, bis die Querlinie nicht mehr geschnitten, sondern nur 
noch im Endpunkte beriihrt wurde. Diese Verschiebung ist auf dem 
Ostrakon von Bethschemesch, wenn die Deutung ddrt richtig ist, 
schon bei der einfachen, noch ganz fur sich allein stehenden Form 
des hier zugrundeliegenden Zeichens zum AbschluB gekommen. 

Man ersieht aus diesen Zusammenstellungen, daB der Urheber 
des Alphabets bei der Festlegung der Schriftzeichen wenigstens in 
zwei verschiedenen Fallen, beim Teth und beim Sade, zu auBer- 
gewohnlichen Anderungen schritt. Er nahm hier in beiden Fallen 
eine eigenartige Neubildung vor, die aus dem Bestehenden ganz 
ungezwungen herauswuchs. In dem einen Falle wird das Taw in 
derselben Form, in der es auch sonst geschrieben wurde, in einen 
Kreis hineingefiigt, in dem andern sind die beiden alteren Zeichen, 
von denen wir sprachen, nur mit einer kleinen Zusammenlegung 
eng aneinandergeriickt. Wir haben diese Bildungen also in ahn- 
licher Weise zu beurteilen wie das tCoph, das ebenfalls aus zwei 
verschiedenen Teilen besteht. Die ubrigen Zeichen sind jedoch in 
ihrer Schreibung fast alle so einfach, daB man eher auf Kiirzungen 
als auf Erweiterungen zu schlieBen hat. Es ist aber wohl sicher, 
daB hier ebenfalls manches geschehen ist, um den Formen eine klare 
und scharf hervortretende Pragung zu geben. Wir erinnern in 
dieser Hinsicht besonders an das Aleph, an das Gimel und an das 
Kaph. Die Zeichen erscheinen bei diesen Buchstaben in den Texten 
aus der Zeit des Ahiram in einer so eigenartigen und so deutlich 
und so genau festgelegten Abzirkelung, daB man die Formen wohl 
kaum in anderer Weise zu erklaren vermag. Sie bieten im Vergleich 
zu den alteren Schreibungen wesentliche Verbesserungen, die dann 
spater im Laufe der weiteren Entwickelung wieder verschwanden. 
Das Schin steht in den Texten von ed-Duweir ebenso wie das Mem, 
obschon die Zeichen einander sehr ahnlich sind, senkrecht zur 
Schriftzeile. Das ist in den Ahiramtexten ebenfalls geandert. 



Ol 

Wenn man bei der Grabschrift des Ahiram die technische 
Wiedergabe der Zeichen betrachtet, 1st man besonders von der ge- 
wandten und sehr geschmackvollen, aber mitunter etwas unsicheren 
und unruhigen Linieiifiihrung iiberrascht, die ganz den Charakter 
einer handschriftlichen Aufzeichnung tragt. Man sieht, daB die 
Buchstaben zuerst mit der Hand vorgezeichnet waren. Sie zeigen 
uns also, wie man damals in Wirklichkeit zu schreiben pflegte. Die 
Zeichen lassen in ihren charakteristischen Formen auf eine Orund- 
flache schlieBen, die dem Gegenstande, mit dem sie angefertigt 
wurden, keine Hemmungen in den Weg legte. Sie wurden offenbar 
mit Tinte geschrieben, und zwar in der Regel auf Papyrus, Urn das 
Jahr 1100 berichtet der agyptische Gesandte Wen-Amon, daB 
Smendes, der damalige Machthaber im Nildelta, u. a. 500 Biicher- 
rollen, 500 Rinderhaute, 500 Taue und 20 Sack Linsen nach Byblus 
geschickt hatte 1 ). Man hatte also in Byblus eine grofie Menge von 
Papyrusrollen erhalten, die in der dortigen Gegend als Schreib- 
material benutzt wurden. Das sind dieselben Verhaltnisse, die wir 
nach der Grabschrift auch fur die Zeit des Ahiram voraussetzen 
durfen. Die Zeichen konnten fur die Tontafel in der Auspragung, 
die wir hier vorfinden, gar nicht in Betracht kommen. Wenn man 
die Buchstabenschrift auf die Tontafel iibertragen wollte, muBte 
man sich f iir die einzelnen Lautbezeichnungen nach andern Formen 
umsehen, die dem Charakter der Tontafel wirklich entsprachen. 
Dies fiihrt uns auf ein zweites alphabetisches Schriftsystem, das 
erst in der neuesten Zeit wieder bekannt geworden ist. 

Die El-Amarna-Tafeln erzahlen uns verschiedentlich von einer 
Stadt Ugarit, die nach allem, was dariiber gesagt wird, im nord- 
lichen Teile von Syrien in der unmittelbaren Nahe des Meeres lag. 
Diese Stadt ist jetzt in dem Trummerhiigel von Ras-Schamra, 12 km 
nordlich von dem heutigen Ladikije, von den Franzosen wieder 
aufgefunden und seit dem Jahre 1929 bis zu der Stunde, wo wir 
dieses niederschreiben, bereits in acht verschiedenen (3rabungs- 
perioden genauer durchforscht worden. Man untersuchte hier be- 
sonders die Ueberreste einer groBeren Tempelanlage, die ebenso 
wie die babylonischen Tempel mit einem Archiv oder mit einer 
Bibliothek verbunden war. Der Hugel barg aber nicht nur eine 
Reihe von babylonischen Texten; er umschloB auBerdem noch eine 
zweite Gruppe von Tontafeln, die mit einer wesentlich andern Keil- 
schrift bedeckt waren. Die Zeichen hatten in der Art, wie die Keile 
sich im einzelnen zusammenfugten, eine weitgehende Ahnlichkeit 
mit der damaligen Schrift der Babylonier; es war aber unmoglich, 
auch nur eine einzige Stelle befriedigend zu deuten. Da ihre Zahl 
im Verhaltnis zu den sonstigen Formen der Keilschrift schon nach 
den ersten Feststellungen auffallend gering war, dachte man sofort 
an eine Buchstabenschrift. Die Texte wurden dann, soweit sie aus 

*) Altorientalische Texie zum Alten Testament, herausgegeben von Dr. 
Hugo GreBmann, 2. Auflage, Berlin und Leipzig 1926, S. 75. 



32 

den Grabungen vom Jahre 1929 stammen, von Virolleaud i. J. 1930 
in der Syria 1 ) veroffentlicht und gleich in den folgenden Monaten 
von Hans Bauer 2 ), Dhorme 3 ) und Virolleaud 4 ) zum Teil schon 
richtig gelesen und erklart. Es gelang aber erst nach dem Bekannt- 
werden der Funde von 1930, die Entzifferung so gut wie voll- 
standig zu Ende zu fuhren. Virolleaud veroffentlichte schon nach 
kurzer Zeit cine der wichtigsten Tafeln mit Umschrift und voll- 
standiger Uebersetzung 5 ). Es waren Fragmente eines altphoni- 
zischen Epos, das von dem Kampfe zwischen Mot und Alejon 8 ), 
dem Sohne des Baal, erzahlte. Diese wurden spater durch andere 
Bruchstiicke 7 ) noch weiter erganzt. Die Schrift erwies sich als ein 
System von 29 Zeichen, die ebenso wie die Buchstaben des Alpha- 
bets dem Lautbestande des Phonizischen entsprachen; sie ist aber 
in der Unterscheidung der Kehllaute und in der Hervorhebung der 
einzelnen Zischlaute etwas genauer. Auch deutet sie beim Aleph, 
wo man iiber mehrere Zeichen verfiigte, durch die Auswahl des 
Zeichens immer den Vokal an, der an der betreffenden Stelle zu 
sprechen ist. Hierbei trat aber der konsonantische Charakter des 
Einsatzes ebenso wie in der babylonischen Keilschrift ganz in den 
Hintergrund. Man gebrauchte die Zeichen, wenn man es fur not- 
wendig hielt, auch innerhalb des Wortes 8 ) ohne Bedenken zur 
Wiedergabe der einfachen Vokallaute. 

Nachdem man die Bedeutung der einzelnen Zeichen wieder er- 
schlossen hatte, machte man sich iiber den Ursprung des eigen- 
artigen Systems zunachst nicht allzu viel Sorge. Man war um die 
Mitte des Jahres 1933, wie Prof. Friedrich damals hervorheben 
muBte 9 ), iiber diese Frage noch ganz im Unklaren. Erst im Anfange 

*) X (1929), PI. LXI LXXV. 

2 ) Enizifferung der Keilscbrifttaieln von Ras Schamra, Halle a. S. 1930. 

3 ) Revue BibUque Okt. 1930, S. 572 if. und Jan. 1931, S. 32 ff. 
*) Syria XII (1931)), S. 15 ff. 

5 ) Syria XII, S. 193 ff. 

6 ) A-1-e-j-n. Vgl. fur die Aussprache, soweit es sich um das Sprachgebiet 
der Phonizier handelt, besonders den Namen Pygmalion, griechisch Hvy JLKX, - 

fowl'. Der erste Teil dieses Wortes laBt sich ohne Schwierigkeit auf das 
phonizische p-'-m zurudcfuhren. Dies bezeichnete nicht ^niur den Tritt, sondern 
auch den FuB. Wir haben hier eine genaue Parallele zu dem in den El- 
Amarna-Tafeln vorkoimmenden K[a-ti-hu-ti-su-pa. Iati begegnet uns in diesen 
Texten, wie Ferdinand .Bofk (Orient. Literaturz. 35, 1932, Sp. 377378) zuerst 
erkannt hat, an zwei andern Stellen als die gewohnliche churrische oder 
choritische Bezeichnung fiir das akkadische sepe = Fiifie. BCatihutisupa war 
hiemach eine Personlichkeit, die sich zu den FiiBen des Tesup beiindet, also 
ein Verehrer und Diener des Tesup. Pygmalion ist in derselben Weise als 
ein Diener des Alion oder Alejon zu betrachten. Im Siiden des Landes sprach 
man sicher Alejan. Die beiden Formen verhalten sich zueinander wie jad 
zu jod oder wie das ebenlalls auf an ausgehende Balithan zu Balithon. 

7 ) Syria XIII (1932), S. 113 ff.; XV (1934), S. 226 ff.; 304 ff.; XVI (1935), 
S. 29 ff. 

8 ) So z. B. in dem erwahnten A-1-e-j-n. 

9 ) Der Alte Orient, Bd. 23, Heft 1/2, S. 22. 



33 

des Jahres 1934 lieB Prof. Ebeling der PreuBischen Akademie der 
Wissenschaften eine Abhandlung vorlegen, die hier den richtigen 
Weg zeigte 1 ). Ebeling vergleicht in dieser Abhandlung die Zeichen 
mit den Formen der babylonischen Keilschrift und kommt dabei zu 
dem Ergebnis, das er in die Worte zusammenfaBt: ,,Entweder sind 
babylonische Silbenzeichen mit dem Konsonantenwert unter Ver- 
nachlassigung der Vokale tibernommen worden oder babylonische 
Zeichen sind halbiert worden, teils durch vertikalen, teils durch 
horizontalen Schnitt. Wo die Moglichkeit der Verwechselung mit 
andern auf solche Weise entstandenen Zeichen vorlag, ist manches 
Zeichen um j90 Grad umgedreht worden" 2 ). 

Die Zusammenstellungen sind fiir einen Teil der Buchstaben 
unbedingt iiberzeugend. Das Samech wird in den Texten durch 
dasselbe Zeichen ausgedriickt, das im Babylonischen fiir sa 3 ) in 
Gebrauch war. Die Assyrer sprachen das s wie ein s. Diese Aus- 
sprache hatte schon vor der Zeit der El-Amarna-Briefe ihren Weg 
nach Palastina gefunden, so daB man z. B. zwischen Subandu und 
Subandu, wie wir noch sehen werden, in der Schreibung keinen 
Unterschied machte. Man sprach dort also, wie wir annehmen 
miissen, nicht sa, sondern sa. Das 'Ajin wird in diesem Schrift- 
system durch den nach rechts geofmeten Winkelhaken wieder- 
gegeben, den man im Babylonischen u. a. durch ha-a = ha = inan 4 ) 
erklarte. Inan ist der Dual von mu 'ajin. Das Zeichen war also, 
in dieser Aussprache nach der keilinschriftlichen Angabe fiir inu = 
Auge und fiir mu = Qudle in Gebrauch. Da das ^Ajin im Akka- 
dischen nicht mehr vorhanden war, umschrieb man den Laut auch 
sonst in der Regel durch h. Die Grundbedeutung ist bei diesem 
Zeichen in inu = Quelle zu suchen. Das Zajin besteht in den phoni- 
zischen Texten aus zwei iibereinanderstehenden Keilchen, die uns in 
derselben Form in dem babylonischen za 5 ) entgegentreten. Im 
Babylonischen sind es im ganzen vier Keilchen, von denen zwei 
die obere und zwei die untere Halfte der Zeile einnehmen. Wenn 
man den Schnitt von oben nach unten macht, erhalt man das 
Zeichen fiir den weicheren semitischen Laut; wenn man ihn von 
links nach rechts vornimmt, ergeben sich in derselben Weise zwei 
nebeneinanderstehende Keile, die in dem neuen Schriftsystem als 
Sade gebraucht wurden. Das babylonische Zeichen war nicht nur 
fur za, sondern auch fiir sa in Gebrauch. Es hat eine iiberraschende 
Ahnlichkeit mit dem Zeichen fiir a 6 ), das nicht aus vier, sondern aus 
drei Keilen bestelt. Der erste Keil steht bei diesem Zeichen fiir sich 



*) Zur Enitstehungsgeschichte des Keilschriftalphabets von Ras Schamra. 
Sitzuings'berichte dear PreuBischen Akademie der Wissenschaften, Philo- 
sophisch-histarische Klasse, Berlin 1934, S. 10 15; auch als Sonderausgnabe 
mit eigener Seitenzahlung 1 ersohienen. 

2 ) S- 11; Sonderausgabe S. 4. 

3 ) Deimel, Sumerisches Lexikon Nr. 597. 
*) Deimel Nr. 411, 18. 

Deimel Nr. 586. 
Deimel Nr. 579. 



24 

allein; die beiden andera sind ebenso wie bei za iibereinander- 
gestellt. Man erhalt hier also, wenn man den Trennungsstrich von 
oben nach unten zieht, auf der rechten Seite dieser Linie genau das- 
selbe Gebilde wie bei dem Zeichen fur za. Dies muBte dann aber, 
wenn es gebraucht werden sollte, in eine andere Lage gebracht 
werden, damit sich ein wirklicher Unterschied ergab. Das isi in 
der Tat geschehen. Das Zeichen fur a ist in 'dem neuen Schrift- 
system nicht vertikal, sondern horizontal gerichtet. Irii iibrigen 
stimmen die beiden Zeichen genau miteinander iiberein. Das eine 
steht, das andere ist auf die Seite gelegt Das Teth laBt sich ebenso 
wie das Taw ohne Schwierigkeit auf eine besondere Form des 
Zeichens fur ti zuriickftihren, die uns in den El-Amarna-Tafeln in 
den Briefen des Aziru, in den Schreiben aus der Umgebung des 
Aziru und in den Briefen des Abdihiba von Jerusalem 1 ) begegnet 
Der senkrechte Keil ergab hier mit dem Querkeil und dem sich an- 
schlieBenden Winkelhaken das Teth; der untere Keil wurde in der 
wagerechten Lage, in der er uns hier uberrascht, als das Zeichen 
fur Taw benutzt. Das keilinschriftliche ti bildet hier also ganz in 
derselben Weise wie za die Grundlage fur zwei verschiedene Buch- 
staben, die in der Aussprache miteinander verwandt waren. Es 
fragt sich nur, wieweit wir solche Beobachtungen verallgemeinern 
diirfen. Wenn die Zeichen fur s, ', z, s, a, t und t in dieser Weise 
entstanden sind, kann derselbe Zusammenhang natiirlich auch da 
vorliegen, wo die Uebereinstimmungen nicht so deutlich hervor- 
treten. Wir denken hierbei besonders an die Zeichen fur 1, m und 
u. Das 1 besteht aus einer Gruppe von drei nebeneinanderstehenden 
Keilen, die von Ebeling auf die Senkrechten in dem Zeichen fur lu 2 ) 
zuriickgefuhrt werden. Das Zeichen fur m ist wohl als eine Ver- 
einfachung des gewohnlichen babylonischen Zeichens fur ma 3 ) zu 
betrachten. Das u beriihrt sich in seiner Form auf das engste mit 
der oberen Halfte des babylonischen Zeichens fur u = sam 4 ). Damit 
sind aber die Moglichkeiten noch nicht erschopft. Ebeling erblickt 
z. B. in dem Zeichen fur Kx>ph eine Kiirzung des Zeichens fur ka 5 ), 
bei dem der SchluBkeil, wie er vermutet, unterdriickt wurde. Wir 
kommen hier jedoch, wie es scheint, viel einfacher zum Ziele, wenn 
wir das Zeichen heranziehen, das auch sonst bei den Phoniziern 
fur Koph in Gebrauch war. Es war, wie oben schon betont wurde, 
die gewohnliche Darstellung des Auges mit einem von auBen in 
dieses Zeichen hinemgeschobenen kuppu. Das ist die einzige 
Deutung, die bei dieser Form des Zeichens iiberhaupt in Betracht 
kommen konnte. Das Koph deckt sich aber in dem keilinschrift- 
lichen Alphabet genau mit dem Zeichen fur be = bad 6 ). Es besteht 

x ) Schroeder, Die Tontafeln von El-Amarna, Zeichenliste Nr. 33. 

2 ) Deimel Nr. 537. 

3 ) Deimel Nr. 342. 
*) Deimel Nr. 318. 

5 ) Deimel Nr. 62. 

6 ) Deimel Nr. 69. 



35 

hier, wenn wir es so nehmen, wie wir es vorfinden, aus einera Quer- 
keil und einera sich anschlieBenden Winkelhaken, der uns soeben 
schon als das Zeichen fur 'Ajin begegnet 1st. Wir stehen hier also, 
wie jeder sofort zugeben wird, vor einer iiberraschenden Parallele. 
Der Buchstabe wird in dem einen Alphabet genau so ausgedriickt 
wie in dem andern. Das erklart sich nur aus einer schematischen 
Uebertragung. Der Urheber des keilinschriftlichen Alphabets hat 
also das Zeichen des gewohnlichen Schriftsystems, wie wir an- 
nehmen miissen, bei der Festlegung der Form schon vor Augen 
gehabt und ebenfalls schon in der angegebenen Weise gedeutet. 
Wenn dieses aber bei dem einen Buchstaben zutrifft, kann es auch 
bei andern der Fall gewesen sein. Wir haben also die dnzelnen 
Zeichen auch nach dieser Seite gewissenhaft zu priifen. Das Zeichen 
fur s kann in der Form, die wir soeben schon heranzogen, nur auf 
die Keilschrift zuriickgefuhrt werden. Es gab aber fiir diesen Laut, 
wenn wir auch die jiingeren Texte berucksichtigen, noch ein zweites 
Zeichen, zu dem sich in der Keilschrift eine wirkliche Parallele 
nirgendwo nachweisen laBt. Diese Darstellung ist an und fiir sich 
sehr einfach. Es ist ein aufrecht stehender Keil, an dem sich auf 
jeder Seite drei unmittelbar iibereinanderliegende Winkelhaken be- 
finden. Dieses Zeichen laBt sich nur als eine keilinschriftliche 
Wiedergabe des altphonizischen Samech erklaren. Der Hauptkeil 
entspricht dem Vertikalstrich, den wir dort antreffen, und die 
Winkelhaken gehen auf die drei kleinen Horizontallinien zuriick, die 
den Vertikalstrich in der oberen Halfte wie die Querbalken eines 
Kreuzes durchschneiden. Das Kaph bestand zur Zeit des Ahiram, 
wie wir gesehen haben, in dem gewohnlichen Schriftsystem aus drei 
in einem einzigen Punkte zusammentreffenden Linien, die man sich, 
wenn man blofi die Form ins Auge fafit, als die Schenkel und die 
Halbierungslinie eines nach oben gerichteten Winkels vorstellen 
darf. Das keilinschriftliche Zeichen erscheint hier in ahnlicher Weise 
als eine V 7 erbindung von drei verschiedenen Querkeilen, von denen 
zwei iibereinanderliegen und der dritte sich mit dem Kopf unmittel- 
bar an die Spitzen dieser Parallelen anschlieBt. Diese Zusammen- 
stellung erklart sich ebenfalls am einfachsten, wenn wir die Form 
des gewohnlichen Schriftsystems als Grundlage nehmen. Das Waw 
tritt uns in den Ahiramtexten an den meisten Stellen als ein im 
unteren Teile etwas nach links gebogener Vertikalstrich entgegen, 
der oben in einen kleinen, becherartig geformten Halbkreis ausgeht. 
Die Biegung ist aber bei dem Zeichen auf dem Kruge von ed-Duweir 
noch wesentlich scharfer. Es war, wie wir annehmen durften, die 
Darstellung eines Nagels, der mit der Spitze 1 ) auf die Seite ge- 
schlagen war. In der alteren Grabinschrift von Byblus ist dieser 
Nagel nicht nach links, sondern nach rechts abgebogen. Diese 
Formen weisen also drei verschiedene Teilstiicke auf; sie zeigen 
oben die kleine Erweiterung, die in ihrer Grundform den Kopf des 



S. oben S. 28. 

3* 



36 

Nagels hervorheben sollte, und bringen dann in den beiden unteren 
Stiicken den eigentlichen Nagel zum Ausdruck, der mit der Spitze 
zur Seite gebogen ist. In dem keilinschriftlichen Alphabet haben 
wir hier zunachst dieselben drei Keile, die uns beim Kaph begegnen. 
Dann tritt aber noch ein weiterer Querkeil hinzu, der sich jetzt 
ebenfalls ohne Schwierigkeit erklart. Die beiden ubereinander- 
liegenden Keile, die bei dem Kaph auf die Schenkel des genannten 
Winkels zuriickgehen, entsprechen hier dem kleinen, von der 
Vertikallinie getragenen Halbkreis; die beiden folgenden Keile sind 
aus der Wiedergabe des eigentlichen Nagels hervorgegangen, bei 
dem der umgebogene Teil, wie man sieht, in der Zeichnung noch 
besonders unterschieden wurde. Sie setzen also eine Schreibung 
voraus, die wesentlich alter ist als die Form, die uns in den Ahiram- 
texten entgegentritt. Der Zusammenhang ist aber im iibrigen so 
klar, da8 wir auch bei dem Texte von ed-Duweir und bei der 
alteren Inschrift von Byblus wegen der Lestmg des Zeichens 
gar nicht mehr im Zweifel sein konnen. Die Linien werden 
hier bei der keilinschriftlichen Wiedergabe des Buchstaben, soweit 
es bei der Eigenart dieses Schriftsystems moglich war, im 
einzelnen genau beibehalten. Das He besteht in den Texten von Ras 
Schamra aus drei iibereinanderliegenden Querkeilen. Diese decken 
sich sowohl in ihrer Zahl als auch in ihrer Lage genau mit den 
Querlinien in dem Zeichen des gewohnlichen Alphabets. Wenn man 
nun unterhalb der drei Querkeile einen kleinen senkrechten Keil an- 
bringt, erhalt man das Zeichen fur Aleph mit nachfolgendem e. 
Das eine Zeichen tritt uns hier also als He und das andere als 'e = 
'E oder als e = E 1 ) entgegen. Hieraus miissen wir den ScfiluB 
ziehen, daB der Urheber dieser Schreibungen auch den Namen des 
Buchstaben gekannt hat. Er benutzte das He, um zu einem Zeichen 
fur E zu gelangen. Das Zajin wird durch zwei, das yeth dagegen, 
wenn es sich um die Wiedergabe des harteren mit diesem Schrift- 
zeichen verbundenen Lautwertes handelt, durch drei iibereinander- 
stehende Keilchen ausgedriickt. Dies erklart sich am einfachsten, 
wenn wir annehmen, daB der Urheber der beiden Zeichen schon 
die Aufeinanderfolge der Buchstaben kannte. DaB er reichlich 
schematisch verfuhr, ersieht man schon aus der Art, wie er nach 
dem Gesagten das Zeichen fur E bildete. Es ist also an und fur sich 
durchaus nicht unmoglich, daB er das tJeth lediglich durch das 
Hinzufiigen ernes dritten Keiles von dem vorhergehenden Buch- 
staben unterscheiden wollte. Wir geben aber gern zu, daB eine Ver- 
mutung noch kein Beweis ist, und bitten den Leser, mit seinem 
Urteil noch ein wenig zuriickzuhalten. Der Urheber der beiden 
Zeichen macht einen Unterschied zwischen einem harten und einem 
weicheren y[eth. Wenn ihm das Alphabet bekannt war, muBte er das 
Gefiihl haben, daB das Ueth mit dem einen Zeichen noch nicht er- 
ledigt war. Er muBte dann also, wie wir annehmen diirfen, wenn 

4 ) S. oben S. 32. 



37 

er zuerst das hartere yeth festgelegt hatte, das Zeichen fiir den 
weicheren Laut sofort anschlieBen. Wenn wir nun dieses Zeichen 
genauer ins Auge fassen, sehen wir uns bald zu einer Feststellung 
gezwungen, zu der man sich im ersten Augenblicke nur ungern 
entschlieBt. Wir stehen hier, wie jeder Keil und jedes Keilchen be- 
statigt, vor dem gewohnlichen damals in Palastina iiblichen Zeichen 
fiir ti 1 ), das dem Urheber dieses Schriftsystems die Zeichen fiir Teth 
und fiir Taw an die Hand gab. Es ist dasselbe Zeichen, das wir 
erhalten, wenn wir das Teth und das Taw wieder miteinander ver- 
binden. Man konnte dieses Zusammentreffen nur iibersehen, weil 
der Lautwert eine derartige Parallels gar nicht erwarten lieB. Sie 
bedarf aber auf jeden Fall einer Erklarung. Wir haben also nach 
dem Qrunde zu suchen, der dazu ftihren konnte, daB das Zeichen 
fur ti hier in seiner vollstandigen Form zugleich noch als yeth 
benutzt wurde. Dieser Orund kann ebenfalls nur in einer Be- 
einflussung durch die Aufeinanderfolge der Zeichen im gewohn- 
lichen Alphabet liegen. Der Urheber der keilinschriftlichen Formen 
suchte, da er den weicheren Gutturallaut von dem harteren unter- 
scheiden wollte, nach einem zweiten Zeichen fiir yeth. Er dachte 
dabei, da er sich im Augenblick nicht anders zu helfen wuBte, an 
das folgende Teth und griff nun zu der Grundform dieses Zeichens, 
die ihm hier einen willkommenen Ersatz bot. Wir haben es hier 
also, wenn wir uns so ausdrucken driifen, mit einer eigenartigen, 
aber praktisch sehr naheliegenden Anleihe bei dem nachsten Buch- 
staben zu tun. Eine Kritik ist hier iiberflussig; die Tatsachen sind 
machtiger als das personliche Urteil des bescheidenen Forschers, 
der sich bei seinen SchluBfolgerungen willenlos nach ihnen zu 
richten hat. Die Zeichen gehen also auf jemanden zuriick, der die 
Aufeinanderfolge von Ueth und von Teth wirklich schon kannte. 
Wenn er aber durch die Aufeinanderfolge von Heth und von Teth 
so stark beeinfluBt wurde, diirfen wir denselben Zusammenhang 
auch bei Zajin und yeth voraussetzen. Ein Zufall ist also bei der 
Uebereinstimmung zwischen Zajin und dem harten yeth ganz aus- 
geschlossen. Der Urheber der keilinschriftlichen Formen hat hier 
zuerst auf das Zajin zuriickgegriffen; er hat das harte yeth dann 
durch ein weicheres yeth erganzt und als Schriftzeichen fiir diesen 
Laut die Grundform des Zeichens fiir Teth benutzt. Auf das Teth 
folgt dann das Jod. Dies wird in den Texten von Ras Schamra 
durch drei iibereinanderstehende Doppelkeilchen zum Ausdruck ge- 
bracht. Es ist also nur eine Verdoppelung des ersten Zeichens fiir 
yeth. Der Urheber dieses Alphabets verfahrt hier, wie man sieht, 
bei seinen Festlegungen ganz schematisch. Er benutzt zunachst das 
Zeichen fiir Zajin, das aus zwei ubereinanderstehenden Keilen be- 
steht, um durch Aufsetzen eines dritten Keiles ein Zeichen fiir das 
harte yeth zu erhalten, laBt dann auf das harte yeth die Zeichen 
fiir das weichere Heth und fiir das Teth folgen, die beide, wie wir 



S. oben S. 34. 



38 

gesehen haben, in ihren Formen durch das babylonische Zeichen 
fiir ti bestimmt sind, und greift dann noch einmal auf die Zeichen 
mit den iibereinandergestellten Keilen zuriick, um durch eine Ver- 
doppelung des letzten in dieser Weise gebildeten Zeichens zu einera 
keilinschriftlichen Jod zu gelangen. Der Weg fiihrt uns hier von 
dem Zeichen, das aus zwei Keilen besteht, bis zu dem Zeichen, das 
aus sechs Keilen zusammengesetzt ist, und zwar in derselben Auf- 
einanderfolge, in der uns diese Buchstaben auch im Alphabet be- 
gegnen. Das Alphabet muB hier also tatsachlich schon als Grund- 
lage gedient haben. Der Urheber dieser Zeichen entlehnt das Zajin 
aus dem Schriftsystem der Babylonier, bildet dann im AnschluB an 
dieses Zajin ein ieth, denkt beim $eth schon an das Teth und 
greift alsdann beim Jod wieder auf das erste Zeichen fiir Irjeth 
zuriick. Er beginnt mit dem Zeichen, das aus zwei tibereinander- 
stehenden Keilen besteht, bildet dann ein Zeichen mit drei aufein- 
andergesetzten Keilen, fugt hierauf die Zeichen ein, die sich in 
diesem Zusammenhange durch den Gedanken an das dem Teth ent- 
sprechende ti ergaben, und bringt dann, ohne sich durch diese Ein- 
schiebung irgendwie storen zu lassen, mit dem Jod die Gruppe der 
iibereinandergestellten Keile zum AbschluB. DaB dieses richtig ist, 
ersieht man auch aus den Bildungen, zu denen er sich bei den 
ersten vier Buchstaben des Alphabets entschloB. Das Aleph besteht, 
wie wir gesehen haben, aus zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden 
Querkeilen. Diese finden sich ganz in derselben Form und in der- 
selben Lage bei dem Zeichen fiir Beth. Sie tragen hier aber beide 
in der Nahe des Kopfes eine Senkrechte, so daB man den Eindruck 
gewinnt, als wenn man es mit zwei sich unmittelbar aneinander an- 
schlieBenden rechten Winkeln zu tun hat. Das Gimel steht dann in 
seiner Form ganz fiir sich allein. Es ist ein keilinschriftlicher 
Vertikalstrich, der im Babylonischen 1 ) u. a. durch dis, gis, gi, ge 
und til erklart wird. Da die Wiedergabe durch gi auch mit dem 
Lautwert des Buchstaben ubereinstimmt, konnte man versucht sein, 
hier mit Ebeling den Ursprung des Zeichens zu suchen. Es ist aber 
wohl kaum anzunehmen, daB diese Schreibung, die nur auf eine 
Verfluchtigung des sumerischen gis zuriickgeht, in der damaligen 
Zeit den Gelehrten in Palastina noch besonders gelaufig war. Sie 
kannten jedoch, wenn unsere bisherigen SchluBfolgerungen richtig 
sind, schon alle das Gimel des gewohnlichen Alphabets, und zwar 
in derselben Auspragung, die uns in der Grabschrift des Ahiram 
erhalten ist. Das Zeichen gleicht dort, wie oben schon hervor- 
gehoben wurde, der ersten Ziffer unseres Zahlensystems, bei der die 
Vertikallinie ganz im Vordergrunde steht. Wir haben hier also eine 
Uebereinstimmung, die mindestens sehr auffallend ist. In dem einen. 
Alphabet haben wir das Zeichen mit dem kleinen Hakchen und dem 
stark hervortretenden Vertikalstrich, in dem andern tritt uns an der- 
selben Stelle und in derselben Bedeutung der einfache, senkrecht 



Deimel Nr. 480. 



stehende Keil entgegen. Das erklart sich sicher am einfachsten, 
wenn wir hier ebenfalls einen Zusammenhang annehmen. Das 
Daleth ist dann wieder in derselben Weise gebildet wie das Beth; 
nur ist die Zahl der Keilverbindungen dort um einen dritten Winkel 
erhoht. Das Beth konnte zur Not, wie Ebeling es versucht, als ein 
aufrecht gestelltes bi 1 ) betrachtet werden. Man legt sich aber die 
Frage vor, was den Urheber dieses Schriftsystems dazu fiihren 
konnte, hier die Lage des Zeichens zu andern, und sucht vergebens 
nach einer Antwort. Das gilt auch fiir den Unterschied, der uns 
in der Form der beiden Zeichen iiberrascht. Bei dem babylonischen 
Zeichen sind die Keilpaare nicht in einem rechten, sondern in einem 
stumpfen Winkel miteinander verbunden. Es ist moglich, daB der 
Urheber des neuen Zeichens diese Verbindung nicht fiir zweck- 
maBig hielt; es ist aber kaum anzunehmen, daB er sich, wenn er 
wirklich von dem Zeichen fiir bi ausging, auf eine so geringfiigige 
Anderung beschrankt hatte. Er hatte hier, wenn wir ihn richtig 
verstehen, sicher eine Spaltung vorgenommen und ebenso wie beim 
Zajin nicht die doppelte, sondern nur die einfache Keilverbindung 
benutzt. Man sieht aber, daB ihm dieser Gedanke, obschon die ein- 
fachere Form in jeder Weise geniigt hatte, vollstandig fern lag. 
Die Kurzung ist hier unterblieben, weil die beiden Querkeile fiir ihn 
schon eine fest umschriebene GroBe darstellten, die durch die Senk- 
rechten bloB eine andere Bedeutung erhielt. Die Querkeile waren 
schon als das Zeichen fiir Aleph angesetzt, das durch die Senk- 
rechten zu einem Beth wurde. Das Gimel ist dann, wie es scheint, 
das erste Zeichen, das auf die Form des gewohnlichen Alphabets 
zuriickgeht. Auf jeden Fall ist es sicher, daB die Schreibung schon 
festgelegt war, als das Zeichen fiir Daleth entstand. Der Urheber 
dieses Zeichens ging an dem Gimel voriiber und fiigte dann, um 
ein Zeichen fiir Daleth zu erhalten, zu dem Zeichen fiir Beth noch 
einen dritten Querkeil mit einer dritten Senkrechten hinzu. Das 
Gimel unterbricht hier also die Aufetnanderfolge der zusammen- 
gehorenden Formen ganz in derselben Weise, wie wir es bei dem 
zweiten yeth und dem Zeichen fiir Teth feststellen muBten. Der 
Urheber dieses Schriftsystems nimmt das Gute, wo es sich darbietet. 
Er entlehnt seine Zeichen in erster Linie aus der babylonischen Keil- 
schrift. Wenn sie einfach genug waren, nahm er sie so, wie er sie 
vorfand; wenn sie Abtrennungen oder Halbierungen gestatteten, 
begniigte er sich mit einem Teil der vorhandenen Keile. Es konnte, 
wie wir sahen, sogar vorkommen, daB aus einem einzigen Zeichen 
mehrere Buchstaben hervorgingen. Wenn die Keilschrift versagte, 
zog er ohne Bedenken auch die Formen des gewohnlichen phoni- 
zischen Alphabets heran. Diese konnten aber wegen der Biegungen 
und Abrundungen, die sich dort herausgebildet hatten, ebenfalls 
zum Teil gar nicht in Betracht kommen. Er half sich dann, soweit 
es moglich war, durch Entlehnungen aus der Nachbarschafi der 



Deimel Nr. 214. 



40 

betreffenden Buchstaben, die sich im einzelnen noch ohne Schwierig- 
keit feststellen lassen. Das Beth 1st ebenso wie das Daleth eine Er- 
weiterung des aus der Keilschrift genommenen Aleph, das Zeichen 
fiir das erste yeth ist eine Weiterbildung des Zajin, das zweite yeth 
ist in seiner Form durch das Teth bestimmt, das Jod geht dann 
wieder auf das Zeichen fur das erste tJeth zuriick. Das Aleph bildet 
mit dem Beth und dem Daleth eine einheitliche, in sich selbst ge- 
schlossene Gruppe, die nur durch das Gimel unterbrochen wird; 
das tJeth steht in der einen Wiedergabe mit dem Zajin und in der 
andern mit dem Teth in Verbindung; das Jod tritt uns in einer Form 
entgegen, die nur als eine Verdoppelung des ersten Zeichens fur 
yeth zu erklaren ist. Hierzu kommt dann auBerdem noch das 
Schriftzeichen fiir He, der Zusammenhang, den wir zwischen dem 
He und dem Zeichen fiir e = E voraussetzen muBten, der Ursprung 
der Zeichen fiir Kaph und fiir Waw, das Zeichen fiir Kx>ph und das 
in den alteren Texten allerdings noch nicht vorhandene zweite 
Zeichen fiir Samech. Auch diirfen wir, wenn diese Gleichsetzungen 
richtig sind, sicher noch das Nun hinzufiigen, das in den Texten aus 
der alteren Zeit stets als ein ZusammenschluB von drei aufeinander- 
folgenden Querkeilen erscheint. Es besteht in der Grabinschrift des 
Ahiram in einer fluchtig gezogenen Vertikallinie, die sich in der 
Mitte fiir eine kurze Strecke nach rechts wendet und dann im dritten 
Teile wieder nach unten gefuhrt wird. Diese drei Stiicke kommen in 
der Keilverbindung des jiingeren Schriftsystems, wie es scheint, noch 
klar zum Ausdruck. Das keilinschriftliche Alphabet hat also den 
Aufbau und die Formen des gewohnlichen Alphabets, soweit es sich 
aus der Eigenart der Zeichen noch feststellen laBt, iiberall schon zur 
Voraussetzung; es kann also nur zu einer Zeit entstanden sein, wo 
das Verzeichnis in dieser Auspragung tatsachlich schon vorhanden 
war. Die Zeichen gehen in ihren Gnmdformen, wenn wir die 
zweite Wiedergabe des Samech hier ausscheiden, ebenfalls auf eine 
einzige Personlichkeit zuriick, die in ihren Vorstellungen und in 
ihren Bestrebungen an der Hand ihres Werkes noch deutlich zu 
fassen ist. Der Worttrenner ist in diesem Schriftsystem zu einem 
kleinen, senkrecht stehenden Keil geworden. Er steht in seiner 
GroBe zu den iibrigen Zeichen ungefahr in demselben Verhalmis, 
wie wir es bei dem Vertikalstrich in den Texten aus dem Todesjahr 
des Ahiram beobachten. 

Ueber die Verbreitung, die das keilinschriftliche System gefunden 
hat, laBt sich aus den Texten, die wir besitzen, kaum etwas ent- 
nehmen. Es begegnet uns bis jetzt nur in einer einzigen Aufzeich- 
nung, die nicht aus Ras Schamra stammt, und zwar auf einer eigen- 
artigen Tontafel aus dem schon mehrfach erwahnten Bethsche- 
mesch 1 ). Es ist eine Tafel mit abgerundeten Ecken, bei der sich die 
Inschrift auf der oberen Seite in einer einzigen Zeile rings am Rande 

*) Bulletin of ihe American Schools of Oriental Research Nr. 52, De- 
cember 1933, S. 4 und S. 56; Nr. 53, February 1934, S. 1819; Nr. 55, 
September 1934, S. 2728. 



41 

entlangzieht. Dabei sind die Zeichen nicht von links nach rechts, 
sondern von rechts nach links gerichtet, so daB man zuerst den 
Abdruck einer Platte vor sich zu haben glaubte, auf der dieselbe 
Schrift, wie man annahm, in ihrer positiven Ausfertigung vorhanden 
war. Es zeigte sich aber, daB die ,,Spiegelschrift", mit der man es 
nach dieser Auffassung zu tun hatte, in Wirklichkeit genau so ent- 
standen war wie jeder andere Text. Die Zeile lief nur ebenso wie 
bei der gewohnlichen Buchstabenschrift von der rechten Seite nach 
links. Wir besitzen auBerdem noch zwei andere Texte, die ebenfalls 
in dieser Weise geschrieben sind 1 ). Die Tafel stammt nach den Ton- 
scherben, mit denen sie bei der Auffindung in demselben Raume zu- 
sammenlag, wahrscheinlich aus dem vierzehnten Jahrhundert; sie 
ist nach dem Lehm, den man bei der Herstellung benutzte, nicht im 
Norden von Palastina, wie man vermuten konnte, sondern in der- 
selben Gegend entstanden, wo sie bei der Ausgrabung entdeckt 
wurde. Unter den Texten von Ras Schamra befindet sich eine Ton- 
tafel, auf der das Zeichen fur 'Ajin mit zwei verschiedenen Laut- 
werten gebraucht wird 2 ). Die Angaben sind in churrischer Sprache 
abgefaBt; sie bieten aber an mehreren Stellen eine Gruppe von semi- 
tischen Titulaturen, bei denen das Zeichen jedesmal mit einem Kreis 
umgeben ist. Dieser Kreis soil hier den semitischen Laut offenbar 
besonders hervorheben. Es ist dasselbe Zeichen, das in dem ge- 
wohnlichen Alphabet, wie wir wissen, in der damaligen Zeit tat- 
sachlich in dieser Form als 'Ajin benutzt wurde. Man sieht also, 
daB dieses Alphabet dem Schreiber ebenfalls bekannt war. Dies 
gilt aber nicht nur fur ihn, sondern auch fur die Leser, mit denen 
er zu rechnen hatte. Er durfte voraussetzen, daB jeder den Hinweis 
sofort verstand. Die beiden Systeme wurden also in Ugarit un- 
mittelbar nebeneinander gebraucht. Wir werden aber daran fest- 
halten miissen, daB das keilinschriftliche System nur fur die be- 
sonderen Freunde der Tontafel bestimmt war. Es entstand erst zu 
einer Zeit, wo das andere System schon vorhanden war und nach 
dieser Seite bloB einer Erganzung bedurfte. Dies beschrankte die 
Ausbreitung, wie es scheint, von vornherein auf engere Kreise. Man 
trug in diesen Kreisen, wie sich aus der Heranziehung des 'Ajin 
ergibt, gar kein Bedenken, bei der Verwendung eines keilinschrift- 
lichen Zeichens zur Vermeidung von Zweifeln ein Zeichen aus dem 
gewohnlichen Alphabet zur Erklarung zu benutzen. Wir haben hier 
offenbar dasselbe Verhaltnis, das auch bei der Entlehnung des 
zweiten Zeichens fur Samech hervortritt. 

Die Niederschrift der dichterischen Texte laBt sich bei den 
Funden zum Teil noch genauer datieren. Die Texte gehen in ihrer 
Ausfertigung nach den Bemerkungen am SchluB der einzelnen 
Tafeln, soweit uns die Angaben noch erhalten sind, auf den 
Schreiber Elirnelek zuriick, der sich selbst in diesen Zeilen gern als 



*) Syria XV (1934), S. 103; XVI (1935), S. 1S6. 

2 ) Veroffientlicht von Virolleaud, Syria XV (1934), S. 147 ff. 



. AO ,_- .r 
T* 

,,Schiiler des A-t-n-p-r-1-n, des Obersten der Priester, des Obersten 
der Hirten", bezeichnet und dann auBerdem noch hinzufiigt, daB 
die Tafel in der Zeit des ,,N-k-m-d, des Konigs von Ugarit", ent- 
stand 1 ). Er hatte die Schreibkunst also von einem Oberpriester 
erlernt, der den Namen A-t-n-p-r-1-n trug. Dieser Name laBt in 
seinem ersten Bestandteile sofort auf einen Zusammenhang mit dem 
Kulturleben der Agypter schlieBen. Es ist ein Hinweis auf den Gott 
Aton, der uns durch die Beachtung, die er hier findet, in die 
Regierungszeit des Konigs Amenophis IV. fiihrt. Amenophis hatte 
den Sonnengott, der durch die Verehrung des Amon stark in den 
Hintergrund gedrangt war, kurz vor dem Beginn des sechsten 
Regierungsjahres unter diesem Namen zur einzigen Gottheit des 
Landes erhoben und durch seine MaBnahmen die Verehrung der 
iibrigen Gotter, soweit es moglich war, vollstandig unterdriickt. 
Er hatte seinen eigenen Namen, in dem der Gott Amon erwahnt 
wurde, durch die Bezeichnung Ech-n-Aton ersetzt und in jeder 
Weise dafiir gesorgt, daB der Name dieses Gottes auch sonst zu 
Ehren kam. Andere Gotter durften in seiner Gegenwart uberhaupt 
nicht genannt werden. Diese Bewegung zeigte sich in ihren Aus- 
wirkungen auch in den Gebieten von Syrien und Palastina, wo die 
Verehrung des Aton ebenfalls besonders gefordert wurde. Sie hatte, 
wie man sieht, ihren Weg sogar bis nach Ugarit gefunden, wo auch 
der Oberpriester am Tempel des Baal sich offen fur sie einzusetzen 
schien. Wir haben uns aber, bevor wir uns ein Urteil gestatten, 
zunachst noch etwas eingehender mit dem zweiten Teile des Namens 
zu beschaftigen. Es handelt sich hier um ein Wort, das von den 
Erklarern gewohnlich als p-r-l-n gefaBt wird. Ein solches Wort 
ist aber in den Sprachen, die hier an erster Stelle in Betracht 
kommen, nirgendwo vorhanden. Es fehlt sowohl im Agyptischen 
als auch im Phonizischen; auch 1st die Form, die uns hier entgegen- 
tritt, in ihrer Bildung ganz und gar unsemitisch. Die Buchstaben 
begegnen uns aber in derselben Aufeinanderfolge in dem churrischen 
na-ap-ri-il-la-an = naprillan, das uns in den El-Amarna-Tafeln in 
einem Briefe der Bewohner von Tunip s ) als Parallele zu einem Hin- 
weis auf die Gotter und Gottinnen des Konigs von Agypten erhalten 
ist. Der Verfasser bezeichnet dort die Gotter in einwandfreiem 
Akkadisch als ilani; er gebraucht dann aber zur Bezeichnung der 
Gottinnen nicht etwa das Wort istarati, das hier am Platze gewesen 
ware, sondern ein Wort von ganz allgemeiner Bedeutung, das 
lediglich das weibliche Geschlecht der betreffenden Gottheiten her- 
vorhebt 3 ). Die Bezeichnung, auf die es hier ankam, war ihm offen- 
bar nicht gelaufig. Um aber nicht rniBverstanden zu werden, fiigt 



4 ) Syria XV (1934), S. 241 und S. 242, Anm. 2; Virolleaud, La legende 
phenicienne de Danel, S. 31 ff. 

2 ) Die El-Amarna-Tafeln, ! herausgegeben von J. A. Knudtzon, Nr. 59. 

3 ) Vgl. hierzu ibesanders die Darlegungen von Ferd. Bork in der Orient. 
Literature., 35. Jahrg. (1932), Sp. 278279. 



43 

er dann zur Vorsicht den Ausdruck aus seiner eigenen Sprache 
hinzu, der in diesem Zusammenhange entweder die Gottinnen oder, 
wenn auch die Gotter gemeint sind, die Gotter imd die Gottinnen 
in ihrer Gesamtheit bezeichnen muB. Ein solches Zusammentreffen 
ist sicher kein Zufall. Wir haben auch bei dem Personennamen, wie 
sich aus der Erwahnung des Aton ergibt, auf eine Vorstellung zu 
schlieBen, bei der die Gotter eine besondere Rolle spielten. Man 
vermiBt bei dem zweiten Bestandteil, wenn wir an der Gleich- 
setzung festhalten, nur das anlautende Nun. Dies ist aber, wie wir 
annehmen durfen, schon in dem Nun der Gottesbezeichnung ent- 
halten, da eine Vesrdoppelung nicht besonders hervorgehoben 
wurde. Wir erhalten hier also, wenn wir dieses auch bei dem 
Lamed beriicksichtigen, den Namen Atonnaprillan. Diese Ver- 
bindung bedarf wohl kaum einer weiteren Rechtfertigung. Es ist 
eine Bezeichnung, aus der hervorgeht, daB man in Aton die Gotter 
und die Gottinnen im allgemeinen oder, was dasselbe ist, die Gotter 
in ihrer Gesamtheit erblickte. Das zweite Wort ist auch in seiner 
Form ein churrischer Plural. Wir haben es hier also mit einem Ver- 
suche zu tun, den Grundgedanken des Polytheismus mit der mono- 
theistischen Auffassung des Konigs von Agypten in Einklang zu 
bringen. Dieser Versuch ist fur die damaligen Verhaltnisse be- 
sonders charakteristisch. Die Formel ermoglichte sowohl nach der 
einen als auch nach der anderen Seite einen befriedigenden Aus- 
gleich. Die Agypter waren zufrieden, von der Verehrung des Aton 
zu horen, und der Oberpriester nahm seine Kulthandlungen im 
iibrigen ganz in derselben Weise vor wie fruher. DaB dieses richtig 
ist, sieht man am besten aus seiner Auf zeichnung, in' der den Gottern 
von Ugarit besondere Opfer versprochen werden. Diese Tafel, der 
umfangreichste Text aus der Grabung vom Jahre 1929 1 ), besteht 
aus 17 kleinen, jedesmal durch einen Strich voneinander getrennten 
Abschnitten, die in ihrem Wortlaut fast uberall denselben Aufbau 
zeigen. Sie beginnen, von einer einzigen kleinen Abweichung ab- 
gesehen, stets mit den Worten e-s-r h-s-r h-s-l-s, von denen das erste 
an sur = Ohr und das zweite und dritte in seinem ersten Bestandteil 
an has = horen erinnert. Es fragt sich allerdings, ob die Vokale 
diesen Zusammenhang bestatigen wurden. Das wird aber bei dem 
zweiten und dritten Worte, wie es scheint, durch einen andern Text 
zur vollen GewiBheit. Wir haben hier, wie Joh. Friedrich zuerst ge- 
sehen hat, dieselbe Verbindung, die uns Keilschrifturk. aus Boghazkoi, 
Heft XXVII, Nr. 42 Rs. 22 in den Worten ha-sa-ra-a-i ha-a-su-li-e-es 
begegnef ). Es handelt sich hier also, wie wir aus dieser Ueberein- 



*) Nr. 4 der Verqifentlidiungen in der Syria, Tome X, PL LXI LXXV; 
Umschrift und Bearbeitungen u. a. von Hans Bauer, Die alphabetischen Keil- 
schrifitexte von Ra;s Schamra, Berlin 1936 (Kleine Texte iiir Vorlesungen und 
Uebungen, herausgeg". yon Hans Lietzmann, Nr. 168), S. 6 8 und von Ferdi- 
nand Bork, Das Ukiruiisehe, Leipzig 1938 (Mitteilungen der Altorientalischen 
Gesellschaft, XII, Band, Heft 1), S. 1227. 

2 ) Archiv fur Orientforschung Bd. X (1935), S. 295. 



44 

stimmung entnehmen diirien, um ein has, zu dem in dem einen Falle 
noch ein arai oder rai und in dem andern ein ules tritt. Das konnen 
nur Suffixe sein, die bei dem ersten Worte wahrscheinlich auf einen 
Singular und bei dem zweiten auf einen Plural hinweisen 1 ). Der 
Betende will chirch diese Anrufungen die Gotter, denen er etwas zu 
sagen hat, jedesmal veranlassen, auf seine Worte besonders zu 
achten. Er bezeichnet sie dann zunachst mit ihren Namen, die sich 
auf diese Weise sofort an die Anrufungen anschlieBen, und stellt 
ihnen darauf im weiteren Verlaufe des Textes besondere Dar- 
bringungen und Gaben in Aussicht Die Gotter tragen, soweit wir 
es feststellen konnen, fast alle churrische Namen. Es waren die 
Gotter und die Gottinnen von Ugarit. Dabei spricht der Betende, 
wie aus den Angaben hervorgeht, fur die Bewohner der ganzen 
Stadt. Das ist nur zu verstehen, wenn wir die Zusammenstellung 
auf den Oberpriester zurtickfuhren. An der Spitze dieser Aufzahlung 
steht aber gleich in der ersten Zeile der Gott A-t-n = Aton, der 
auch im dritten Abschnitt noch einmal besonders in den Vorder- 
grund geriickt wird. Wir werden deshalb nicht fehlgehen, wenn 
wir diese Festlegungen ebenfalls mit den damaligen Verhaltnissen 
in Zusammenhang bringen. Es handelt sich bei dem Texte wohl 
um eine personliche Arbeit des Atonnaprillan, der auf diese Weise 
jedem das Seine zu geben versuchte. Seine Voraussetzungen hatten 
nur den einen Fehler, daB sie ihm erst zum BewuBtsein kamen, als 
sie sich politisch besonders zu empfehlen schienen. Er wird daher, 
wie wir annehmen diirfen, nach dem Riicktritt und dem bald darauf 
folgenden Tode des Konigs, als man in Agypten zur Verehrung 
des Amon zuriickkehrte, sein Verhalten ebenfalls sofort wieder ge- 
andert haben. Da er aber in den Aufzeichnungen seines Schiilers 
noch als Verehrer des Aton erscheint, diirfen wir den SchluB ziehen, 
daB die Niederschriften ebenfalls schon vor dem Tode des Konigs 
angefertigt wurden. Fur die Annahme, daB der Lehrer schon ge- 
storben war, liegt an und fur sich gar kein besonderer Grund vor. 
Die Aufzahlung der Titel, auf die er ein Anrecht hatte, scheint sogar 
deutlich dagegenzusprechen, ebenso die Angabe des Geburtsortes, 
den der Schreiber auBerdem noch hinzufiigt. Die Zusatze sind bei 
einem Lebenden in dieser Vollstandigkeit jedenfalls leichter zu ver- 
stehen als bei einem Verstorbenen. Die Tafeln muBten bei den Aus- 
grabungen zum Teil schon aus den Trummerstiicken eines Bau- 
werkes herausgeholt werden, das nach den Ansatzen von Albright 2 ) 
dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts angehorte. Sie hatten 
sich also, wie man hieraus entnehmen darf, zuerst in einem Ge- 
baude befunden, das in der damaligen Zeit zerstort wurde, und 
waren dann bei dem Neubau mit den iibrigen Schuttmassen zum 



*) So im AnschluB an Eork, dem wir aber in der Wiedergabe von h-s 
an dieser Stelle nicht zu folgen vermogen. 

2 ) Bulletin of the American Schools oS Oriental Research Nr. 63, Octoiber 
1936, S. 24. ff. 



_ 45 

Teil als Material benutzt worden. Die Zerstorung laBt sich aber 
nach allem, was dariiber gesagt werden kann, nur mit einer Er- 
oberung in Zusammenhang bringen, von der uns in den El-Amarna- 
Tafeln in einein Briefe des Konigs Abimilki von Tyrus erzahlt wird. 
Abimilki berichtet dort an den Konig von Agypten, daB die Chethiter 
in Ugarit gewesen waren und den Wohnsitz des Konigs von Ugarit 
zur Halfte durch Feuer vernichtet hatten 1 ). Da diese Zerstorung in 
den Texten von El-Amarna erwahnt wird, muB sie noch vor dem 
Tode des Konigs Amenophis IV. liegen. Albright betont dann, daB 
die Niederschrift der Texte dem Ereignis voraufgeht, und hat gar 
keine Bedenken, hier mit einer recht erheblichen Zeitspanne zu 
rechnen 2 ). Dies scheitert aber an der Tatsache, daB der Schreiber 
schon ein Schiiler des Atonnaprillan war. Die Tafeln konnen also, 
da Amenophis IV. um das Jahr 1380 zur Herrschaft gelangte, erst 
in der Zeit nach dem Jahre 1375 entstanden sein. Damit ist der 
Ursprung der Niederschriften genau festgelegt. Sie gehen auf 
Elimelek, den Zeitgenossen und Schiiler des Atonnaprillan zuriick, 
der sie kurz nach dem Einsetzen der religiosen Umwalzung, aber 
noch vor der Eroberung der Stadt, mit groBer Sorgfalt und Liebe 
anfertigte. Er behandelte die Schriftzeichen uberall in einer Weise, 
die man geradezu als vorbildlich bezeichnen muB. Man findet in 
diesen Texten niemals ein Keilchen zu viel und niemals ein Keilchen 
zu wenig. Auch ist die Lage der einzelnen Keile und die Art, wie 
sie miteinander verbunden sind, uberall genau so, wie man es nach 
der Herkunft der Formen erwarten muB. Das ist nur zu begreifen, 
wenn wir annehmen, daB der Ursprung der Zeichen noch gar nicht 
weit zuriicklag. Sie hatten zur damaligen Zeit noch gar keine Ent- 
wickelung durchgemacht, die man aus den Schreibungen irgendwie 
herauslesen konnte. Die keilinschriftlichen Zeichen haben aber, wie 
wir gesehen haben, die Schriftzeichen und den Aufbau des gewohn- 
lichen Alphabets schon zur Voraussetzung. Sie konnen also nur 
aus einer Zeit stammen, wo das Alphabet in seiner gewohnlichen 
Form schon vorhanden war. Damit kommen wir fur den Ursprung 
dieser Zusammenstellung bis in die Zeit des Konigs Amenophis HI. 
Die Liste setzt aber, wie sich bei der Priifung der Zeichen fur yeth 
und fur Teth 8 ) ergab, bei dem babylonischen Zeichen fur semiru 
schon eine Schreibung voraus, die uns in Palastina in der damaligen 
Zeit bloB in den Briefen des Aziru begegnet. Das Zeichen ist in 
den El-Amaraa-Tafeln an und fiir sich gar nicht so selten; es dient 
dort als Silbenzeichen besonders zur phonetischen Wiedergabe von 
har, hur, mur, gin und kin. Dabei ist die Schreibung, wie sie z. B. 
in deii Texten aus Byblus, Beirut, Sidon, Tyrus und Jerusalem vor- 



*) Knudtzon Nr. 151, Z. 5558. 

2 ) Er sucht den Zeitpunkt in der Nahe des Jahres 1365 und fiigt dann 
hinizu: ,,The tablets must, accardingly, antedate 1365, and there is nothing 
against a considerably earlier date". 

3 ) S. oben S. 1618. 



46 

liegt, in ihren Grundzugen iiberall dieselbe. Sie findet sich auch in 
derselben Auspragung noch in den Briefen, die wir von Abdasirta, 
dem Vater des Aziru, besitzen. Aziru nahm dann den Dienst eines 
andern Schreibers in Anspnich, der das Zeichen in der spateren 
Form gebrauchte. Diese Form war dem Urheber des Alphabets 
schon gelaufig. Das ist nicht nur fur die zeitliche, sondern, wie 
jeder sofort zugeben wird, auch fiir die ortliche Festlegung der 
Vorgange von wesentlicher Bedeutung. Wir diirfen, wenn wir aus 
diesem Beftmde die Folgerungen ziehen, fiir die Datierung des 
Alphabets nicht iiber die Zeit des Aziru hinausgreifen und haben 
den Ursprung der Liste wahrscheinlich in Amurrn zu suchen, ganz 
im Norden des Landes, wo das Zeichen in den Geschaftsraumen 
am Hofe des Aziru tatsachlich so geschrieben wurde. In den siid- 
licher gelegenen Bezirken gebrauchte man, soweit wir es verfolgen 
konnen, wenigstens bis zum Tode des Konigs Amenophis IV. iiberall 
noch die altere Form, bei der das Zeichen fiir hi und fur ti noch gar 
nicht hervortrat. Aziru kam aber, wie es scheint, erst kurz nach dem 
Jahre 1400 zur Herrschaft. Man sieht also, daB zwischen dem 
Ursprunge des Alphabets und der keilinschriftlichen Bearbeitung 
nur ein geringer Abstand besteht. Die Entwicklung vollzog sich, 
wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, in einem Zeitraum von 
hochstens etwa 15 20 Jahren, der unter Amenophis III. seinen 
Anfang nahm und in der Zeit des Konigs Amenophis IV. zum Ab- 
schluB gelangte. Wenn sie sich aber so schnell vollzog, liegt die 
Vermutung nahe, daB die keilinschriftliche Bearbeitung auch ortlich 
mit der alteren Fassung in einem engeren Zusammenhange steht. 
Dies wird uns ebenfalls durch die Tontafeln von El-Amarna in 
iiberraschender Weise bestatigt. Wir erinnern uns, daB die keil- 
inschriftlichen Zeichen fiir Teth und fiir Taw auf eine besondere 
Form des babylonischen Schriftzeichens fiir ti zuriickgehen, die sich 
fiir die damalige Zeit bloB in den Briefen des Aziru, in den Texten 
aus der Umgebung des Aziru und in den Briefen des Abdihiba von 
Jerusalem 1 ) vorfindet. per untere Keil liegt hier ganz wagerecht, 
so daB man, wenn man ihn durch einen Horizonialstrich von dem 
oberen Teile des Zeichens abtrennt, genau die Formen erhalt, die 
uns in dem keilinschriftlichen Alphabet tatsachlich entgegentreten. 
Diese Schreibung kommt ebenfalls in den Briefen des Abdasirta 
noch nicht vor. Das Zeichen erscheint dort noch ebenso wie in 
den Texten aus Byblus, Beirut, Sidon und Tyrus in den gewohn- 
lichen Formen der damaligen babylonischen Kursivschrift 2 ), die 
eine derartige Lostrennung gar nicht zulassen wiirden. Wir linden 
also auch hier wieder das Schriftzeichen, das dem Urheber der Liste 
vorschwebte, in den Texten des Aziru. Diese bieten das Zeichen 
fiir semiru in der Form, die im gewohnlichen Alphabet an der 
Stelle, wo wir nach dem sonstigen Zusammenhange den Gedanken 



S. oben S. 34. 

Schroeder Nr. 27 Z. 25; Nr. 28 Z. 30, 32, 46. 



47 

an den Ring vorauszusetzen haben, zur Einfiigung der Zeichen fur 
tleth und fiir Teth fiihrte, und zeigen ein ti, das in dieser Form 
die Grundlage fiir das Teth und das Taw des keilinschriftlichen 
Alphabets bildete. Das ist mehr als ein bloBer Zufall. Die Ueber- 
einstimniungen beziehen sich hier auf zwei verschiedene Zeichen, 
die beide in ihren Formen genau festliegen und in dieser Aus- 
pragung fiir die Briefe des Aziru als typisch zu betrachten sind. 
Wir haben hier offenbar die Voraussetzungen, die beiden Systemen 
in gleicher Weise gerecht werden. Die Briefe, mit denen wir es 
hier zu tun haben, bilden auch sonst in ihren Schreibungen eine 
einheitliche, fest umschlossene Gruppe, die in ihrer Eigenart ganz 
fur sich allein steht. Sie entfernen sich in den Formen, die wir dort 
antreffen, bei einer erheblichen Anzahl von Zeichen plotzlich von 
der Schreibweise in den Texten des Abdasirta, die sich noch ganz f 
mit der Schrift in den zahlreichen Briefen des Ribaddi von Byblus 
beriihrt, und weisen in der eigenen Behandlung der Schriftzeichen 
eine solche Uebereinstimmung auf, daB wir diese Tafeln trotz der 
kleineren Abweichungen, die sich gelegentlich vorfinden, wohl 
samtlich auf denselben Urheber zuriickfuhren diirfen. Auf jeden 
Fall ist es sicher, daB wir, wenn hier mehrere Schreiber am Werke 
waren, wenigstens bei den alteren Texten auf eine ganz bestimmte 
Personlichkeit zu schlieBen haben, die fiir diese Richtung in ge- 
duldiger und umsichtiger Schularbeit den Grund legte. Das 
Alphabet fiihrt uns also, wenn wir den Ursprung der beiden 
Zeichenlisten genauer untersuchen, bis in die Kanzlei des Aziru. 
Dies gibt den Bestrebungen, mit denen wir es hier zu tun haben, 
zugleich eine klar hervortretende politische Note. Aziru erscheint in 
den Texten von El-Amarna als der gefahrliche Gegner der agyptischen 
Vorherrschaft, der im geheimen mit den Chethitern im Bunde steht 
und den Agyptern trotz aller gegenteiligen Versicherungen bei jeder 
Gelegenheit zu schaden versucht. Ehrlichkeit und Treue waren Be- 
griffe, denen er nur wenig Verstandnis entgegenbrachte. Auch der 
Konig der Chethiter war nach allem, was uns dariiber berichtet 
wird, in keiner Weise sein besonderer Freund. Es kam ihm nur 
darauf an, sein eigenes Gebiet zu erweitern und in Amurru ein 
Reich zu begriinden, das die Einmischung einer fremden Macht auf 
die Dauer ganz ablehnen konnte. Dieses Bestreben muBte von selbst 
zu einer starkeren Beriicksichtigung der einheimischen Kulturgiiter 
fuhren, die in der Zeit der politischen Abhangigkeit fast ganz in den 
Hintergrund gedrangt waren. Man besann sich, wie es scheint, 
auch in der Kanzlei des Fiirsten wieder auf die Moglich- 
keit, eine Bescheinigung oder eine sonstige kiirzere Ausfertigung 
in der Sprache des Volkes niederzuschreiben, und unterzog 
das Schriftsystem, das hier zur Verfiigung stand, zunachst 
einer griindlichen Ueberarbeitung, die in den Festlegungen, zu 
denen sie fiihrte, zur altesten Form des gewohnlichen Alphabets 
wurde. Diese muB also, da sie bei der keilinschriftlichen Bearbeitung 



48 

schon als Grundlage diente, bereits in der ersten Zeit des Aziru 
entstanden sein. Damit kommen wir, wenn wir die Zusammen- 
hange richtig beurteilen, von selbst wieder auf den Verfasser der 
alteren Briefe, die uns aus der Kanzlei dieses Fiirsten bis jetzt noch 
erhalten sind. Das keilinschriftliche Alphabet begegnet uns, wie 
wir gesehen haben, in Ugarit schon zur Zeit des Konigs Ameno- 
phis IV. in den Texten des Elimelek, der sich selbst als Schuler des 
dortigen Oberpriesters Atonnaprillan bezeichnet. Es muB also dem 
Atonnaprillan schon zu einer Zeit bekannt geworden sein, die der 
Niederschrift dieser Texte um eine erhebliche Anzahl von Jahren 
voraufging. Das war vielleicht schon bald nach der Entstehung 
der Zeichen der Fall. Das Gebiet von Ugarit und das Gebiet von 
Amurru stieBen unmittelbar aneinander. Es ist aber wohl sicher, 
daB das System erst zu den Nachbarstaaten gelangte, als es in 
Amurru schon eine gewisse Verbreitung gefunden hatte. Dies riickt 
den Ursprung der Zeichen, wie es scheint, ebenfalls bis in die erste 
Zeit des Aziru. Das fuhrt uns aber, wenn unsere Voraussetzungen 
richtig sind, noch zu einer weiteren SchluBfolgerung, der wir uns 
nach diesen Feststellungen nicht langer zu entziehen vermogen. Wir 
haben die beiden Schriftsysteme bisher als zwei ganz verschiedene 
GroBen behandelt, von denen sich das gewohnliche System als die 
altere und die keilinschriftliche Fassung als die jiingere Form envies. 
Das Alphabet lieB sich in der alteren Form, wie wir gesehen haben, 
wegen seiner inneren Gliederung nur auf eine einzige Personlichkeit 
zuriickfuhren. Das war auch bei der keilinschriftlichen Bearbeitung 
der Fall, die bei der Auswahl der Zeichen, soweit hier eine Nach- 
priifung moglich ist, ebenfalls auf ein einheitliches und sich selbst 
iiberall gleichbleibendes Verfahren schlieBen lieB. Diese Personen 
miiBten hier also, wenn sie wirklich voneinander zu trennen sind, 
in derselben Kanzlei unmittelbar nacheinander oder vielleicht sogar 
unmittelbar nebeneinander tatig gewesen sein. Wir waren hier zu 
der Annahme gezwungen, daB der eine von den beiden Schreibern 
zunachst das erste Alphabet schuf, und daB der andere dann in 
vollstandiger Abhangigkeit von dieser Liste die Zeichen fur die 
Wiedergabe dieses Systems in der Keilschrift auswahlte. Das ware 
jedoch praktisch ganz ausgeschlossen. Die Vorgange werden hier 
erst verstandlich, wenn wir die Arbeit, die hier geleistet wurde, 
nicht auf zwei verschiedene Personen, sondern bloB auf einen 
einzigen Gelehrten zuruckfiihren, der nicht nur die gewohnliche 
Form der Buchstaben im einzelnen genau festlegte, sondern auch 
die Zeichen fur den Gebrauch der Tontafel schuf. Die eine Aufgabe 
beriihrte sich hier auf das engste mit der anderen; die Ausfiihrung 
konnte sich aber bei dem zweiten System, das noch gar keine Vor- 
stufen aufwies, wesentlich freier gestalten als es bei den Verbesse- 
rungen an den Zeichen des ersten Systems der Fall war. Die Ver- 
besserungen muBten sich, wenn sie ihr Ziel nicht verfehlen sollten, 
in eng bemessenen Grenzen halten, die bei einer Neuschopfung ganz 
wegfielen. Es ist deshalb durchaus zu begreifen, daB das keil- 



49 

inschrif tliche Alphabet bei seinen Unterscheidungen zum Teil wesent- 
lich genauer ist als die Liste der gewohnlichen Zeichen. Die Ab- 
weichungen lassen hier auf eine Personlichkeit schlieBen, die sich in 
dieser Hinsicht noch frei bewegen konnte. Wenn wir es bloB mit 
einer schematischen Uebertragung zu tun batten, wiirden solche 
Verschiedenheiten iiberhaupt nicht vorkommen. Ein wirklicher 
Gegensatz ist zwischen den beiden Systemen nirgendwo vorhanden. 
Es scheint sogar, daB die Uebereinstimmungen, die wir hervorheben 
muBten, unsere Vermutung entschieden begiinstigen. Das Zeichen 
fur Teth bestand in der alteren Form des Alphabets, wie wir ge- 
sehen haben, aus einem Kreis mit einem eingezeichneten Taw. Der 
Kreis erwies sich hier als eine Darstellung des Ringes, mit dem der 
Urheber der Liste sich bei der Festlegung des Zeichens in seinen 
Vorstellungen beschaftigte. Er dachte, wie wir aus der Aufein- 
anderfolge der Buchstaben 1 ) zu entnehmen vermogen, beim He und 
bei der Niederschrift der beiden folgenden Zeichen zunachst an den 
Stein, der sich in einem solchen Ringe befand, kam dann auf die 
ideographische Bezeichnung des Ringes, die im ersten Bestandteile 
das Zeichen fur hi + ti enthielt und dadurch den AnstoB zur Ein- 
fiigung der Zeichen fiir yeth und fur Teth gab, brachte das Teth, 
als wenn er die Richtigkeit dieser Oedankenverbindungen bestatigen 
wollte, durch den ZusammenschluB des Taw mit der bildlichen 
Darstellung des Ringes zum Ausdruck und ging dann von dem 
Ring und den Fingern auf die beiden Bezeichnungen der Hand iiber. 
In dem keilinschriftlichen Alphabet haben wir neben dem aus drei 
iibereinandergesetzten Keilen bestehenden harteren Ueth, wie wir 
es genannt haben, ein ^eth mit einer weicheren Aussprache, das in 
seiner Schreibung genau dem babylonischen Zeichen fur ti ent- 
spricht, ein Teth, das aus dem oberen Teile dieses Zeichens besteht 
und ein Taw, das in seiner Form mit dem unteren Teile dieses 
Zeichens iiberemstimmt. Wir haberi schon darauf aufmerksam 
gemacht, daB hier, soweit es sich um das tJeth und das Teth 
handelt, ein deutlicher Zusammenhang mit dem ersten Alphabet vor- 
liegt. Der Urheber des zweiten Schriftsystems hat hier zunachst im 
AnschluB an das Zajin ein Zeichen fiir das hartere tJeth geschaffen 
und dann die Zeichen fiir das weichere ieth und fiir das Teth einge- 
fiigt, um bei dem folgenden Buchstaben, dem Jod, mit der Bildung 
wieder bei dem Zeichen fiir das hartere tJeth einzusetzen. Die Tat- 
sachen sind hier so durchsichtig, daB eine andere Beurteilung der 
Vorgange gar nicht in Betracht kommen kann. Man sieht also, daB 
der Schreiber hier bei dem Teth wieder an ein Zeichen fiir ti denkt, 
und daB er mit dem Gedanken an das ti wieder den Gedanken an 
das Taw verbindet. In dem einen Alphabet fiihrten diese Vorstellun- 
gen zu der Bildung des Namens, den das Schriftzeichen erhielt, 
und zu der Einfiigung des Taw in die Darstellung des Ringes, 
in dem andern ist hier ein ti herangezogen, das in seiner Grund- 



S. oben S. 14 ff. 



50 

form als Ueth, in den oberen Bestandteilen als Teth und in dem 
unteren Querkeil als Taw verwandt wird. Die Art der Benutzung 
ist hier verschieden, die Gedankenverbindungen sind aber in beiden 
Verzeichnissen dieselben. Der Urheber des zweiten Systems dachte 
beim yeth und beim Teth ebenfalls noch an das Zeichen fur hi + ti; 
er griff dann zu dem Zeichen, das sonst in der Regel fur ti gebraucht 
wurde, und benutzte dieses Zeichen zunachst in seiner Grundform 
ganz in derselben Weise fiir hi, um es dann in den Keilverbindungen 
der oberen Halfte als ti zu verwenden. Das erklart sich am ein- 
fachsten, wenn wir die beiden Zusammenstellungen ganz auf die- 
selbe Person zuruckfiihren. Der Urheber der zweiten Liste wiirde 
sich in die Auffassungen eines andern wohl kaum so tief hineingelebt 
haben, wie man es in diesem Falle bei der Annahme von zwei ver- 
schiedenen Schreibem voraussetzen miiBte. Wir haben aber daran 
festzuhalten, daB zwischen den beiden Bearbeitungen em klar her- 
vortretender Abstand besteht. Der Schreiber, an den wir hier zu 
denken haben, hat also zunachst in einer Liste die fur die gewohn- 
liche Wiedergabe der Volkssprache in Betracht kommenden Zeichen 
zusammengestellt und ist dann erst spater dazu iibergegangen, in 
engstem Anschlufi an diese Liste, die er selbst geschaffen hatte, 
auch die Tontafel in den Dienst der Volkssprache zu stellen. Es ist 
aber wohl kaum anzunehmen, daB wir die beiden EntschlieBungen, 
wenn wir es nur mit einer einzigen Person zu tun haben, in dieser 
Weise vollstandig voneinander loslosen durfen. Unsere Fest- 
stellungen beziehen sich bloB auf die Ausfiihnmg der beiden Ge- 
danken, soweit sich die Arbeiten auBerlich voneinander abheben. 
Man ersieht schon aus dem ersten Verzeichnis, daB der Urheber 
dieser Liste kein Gegner, sondern ein uberzeugter Anhanger und 
Freund der Keilschrift war. Er kannte den babylonischen Wort- 
schatz, die keilinschriftlichen Silbenzeichen und die in der Keil- 
schrift vorkommenden Ideogramme und war von diesen Vor- 
stellungen, soweit wir es beobachten konnen, in seinem Denken 
und in seinen SchluBfolgerungen ganz und gar abhangig. Sie be- 
gleiten ihn auch da, wo es an und fiir sich gar nicht so nahe Hegt, 
und fuhren ihn zu Gruppierungen, die ebenso gut anders sein 
konnten und zum Teil sogar ernstlich zu beanstanden sind. Er greift 
ohne Bedenken nach akkadischen Bezeichnungen, obwohl er sich 
sagen muB, daB diese nicht sofort fiir jeden verstandlich sind, und 
gebraucht sie auch da, wo das Wort aus der Volkssprache genau 
dieselben Dienste geleistet hatte. Diese Liebe zur Keilschrift be- 
rechtigt uns zu der Annahme, daB auch die keilinschrif tliche Wieder- 
gabe der Volkssprache von Anfang an sein besonderes Ziel war. 
Er nahm jedoch die Verhaltnisse, wie sie waren, und verbesserte 
zunachst das Schriftsystem, das er schon vorfand, um alsdann in 
einer zweiten Liste die Zeichen fiir die Verwendung der Keilschrift 
zusammenzustellen. Auf jeden Fall lag die erste Liste fiir ihn person- 
lich schon fest, als er die zweite in Angriff nahm. Er band sich 



51 

dann, wie man aus den Bildungen ersieht, auch bei der zweiten 
Liste an die Aufeinanderfolge, die er dort eingehalten hatte, und 
benutzte sie bei seinen Aufstellungen ohne Bedenken als Grundlage. 
Das Alphabet fiihrt uns also, wie man sieht, sowohl in der einen 
als auch in der andern Form bis in den Anfang des vierzehnten 
Jahrhunderts. Es entstand, wenn unsere Vermutungen richtig sind, 
in der Kanzlei des Aziru und ist nach den Schriftzeichen, auf die 
wir bei der Erklarung der Listen zu schlieBen haben, und nach den 
sonstigen Angaben, die uns hier zur Verfugung stehen, als das Werk 
desselben Gelehrten zu betrachten, der in den El-Aniarna-Tafeln 
wenigstens fiir die alteren Briefe dieses Fiirsten als der Verfasser 
vorauszusetzen ist. 



4* 



52 - 



II. 

Die Bibel und die keilinschriftlichen Schopfungs- 

berichte. 

Die Erzahlungen vom Ursprunge der Welt gehoren zu den 
altesten und wesentlichsten Bestandteilen aller menschlichen Ueber- 
lieferung. Die Frage wird von den verschiedensten Volkern in der 
verschiedensten Weise beantwortet. Die Welt erscheint in der Regel 
als ein besonderes Werk der Gotter, die durch ihre Tatigkeit dem 
Himmel und der Erde ihre jetzige Gestalt gaben. Hierbei sind die 
Gotter vielfach mit ihrem eigenen Werke innerlich verbunden, so 
daB die Geschopfe lediglich als ihre Kinder betrachtet werden. Es 
handelt sich bei dieser Voraussetzung oft nur um ein ungewolltes 
und mitunter ganz zufalliges Entstehen, das von dem Ergebnis einer 
eigentlichen Schopfungsarbeit wohl zu unterscheiden ist. In den 
meisten Mythologien sind jedoch beide Vorstellungen miteinander 
vereinigt. Die Gotter erscheinen ate die Kinder friiherer Gottheiten, 
die praktisch auf die Herrschaft verzichtet haben, und treten uns 
dann ihrerseits wieder als die Urheber der Welt und der Menschen 
entgegen. Das war auch nach den Auffassungen der alten Baby- 
lonier der Fall. 

Wir waren fur die Kenntnis und fur die richtige Beurteilung der 
babylonischen Anschauungen bis in die letzten Jahrzehnte des 
vorigen Jahrhunderts fast ganz auf die Angaben des Belspriesters 
Berossus und auf einige Bemerkungen des Neuplatonikers Damas- 
cius angewiesen. 

Berossus schrieb etwa 50 Jahre nach dem Tode Alexanders des 
GroBen, in der Zeit des Konigs Antiochus I., also zu einer Zeit, wo 
die betreffenden Traditionen noch ein Gemeingut weitester Kreise 
waren und das Studium der einheimischen Literatur wenigstens im 
Schatten der Tempel, wie man annehmen darf, noch eine liebevolle 
Pflege fand. Leider sind uns aber seine Angaben nicht mehr in 
ihrer urspriinglichen Form erhalten. Wir besitzen sie nur in einem 
von Alexander Polyhistor im letzten vorchristlichen Jahrhundert 
angefertigten Auszuge, den Eusebius im ersten Buche seiner Chronik 
verwertet hat. Die Stelle lautet dort nach einer Aufzeichnung des 
Chronographen Syncellus (um 800 nach Chr.): 

,,Es habe, so berichtet er, eine Zeit gegeben, wo das Weltall 
nur Finsternis und Wasser gewesen, und s seien wunderbare und 
eigenartig gestaltete Lebewesen darin entstanden. Es seien namlich 
Menschen erzeugt worden mit zwei Flugeln, einige auch mit vier 



Fliigeln und zwei Gesichtern, solche, die mir einen Korper, aber 
zwei Kopfe hatten, den Kopf eines Marines und den einer Frau, und 
zugleich mit doppeltem Geschlechte, mannlich und weiblich, und 
andere Menschen mit ZiegenfiiBen und Hornern, mit PferdefiiBen 
und solche, die hinten wie Pferde und vorn wie Menschen waren, 
so daB sie ein Aussehen hatten wie Hippokentauren. Es seien auch 
Stiere mit Menschenkopfen entstanden und Hunde mit vier Leibern, 
die hinten in Fischschwanze ausliefen, ebenso Pferde mit Hunde- 
kopfen, sowie Menschen und andere Lebewesen mit Kopfen und 
Leibern wie Pferde, aber mit Schwanzen wie Fische, und in der 
Form von andern Tieren der verschiedensten Art, auBerdem noch 
Fische, Kriechtiere, Schlangen und allerlei sonstige wunderbare 
Tiere mit untereinander vertauschten Gestalten. Von diesen seien 
auch die Abbildungen im Tempel des Bel aufgestellt. Ueber alle 
diese habe ein Weib geherrscht mit Namen OpoQwxa, was dem 
chaldaischen Oajurs 1 ) entspreche und im Griechischen &aAaoaa, 
bedeute, mit demselben Zahlenwerte wie osAjjr-q 2 ). Bei diesem 
Zustande der Dinge sei Bel gekommen und habe das Weib in der 
Mitte durchgespalten. Aus der einen Halfte von ihr habe er die 
Erde und aus der andern den Himmel gemacht, und die Tiere, die 
in ihr waren, habe er vernichtet. Das sei aber nur eine allegorische 
Darstellung von Vorgangen in der Natur. Denn als alles noch naB 
war und Tiere darin entstanden waren, hatte dieser Gott sich den 
Kopf abgeschlagen, und das herausflieBende Blut hatten die ubrigen 
Gotter mit der Erde vermischt und auf diese Weise die Menschen 
gebildet. Deshalb seien sie verstandig und gottlicher Einsicht teil- 
haftig. Bel aber, den man im Griechischen als Zeus bezeichnet, 
habe die Finsternis in der Mitte geteilt und Erde und Himmel von- 
einander getrennt und das Weltall geordnet. Die Lebewesen seien 
aber zugrundegegangen, weil sie die Macht des Lichtes nicht zu 
ertragen vermochten. Wie Bel gesehen habe, daB die Landschaft 
vereinsamt, aber fruchttragend war, habe er einem der Gotter be- 
fohlen, ihm den Kopf abzuschlagen, mit dem hervorstromenden 
Blute die Erde zu mischen und auf diese Weise Menschen und Tiere 



*) QAMTE, nach der Korrektur von Robertson Smith, Zeitschr. L 
Assyriologie Bd.6 (1891), S. 339. In der Handschrift steht QAAATQ. Das 
Wort entspricht sowohl in seiner Form als auch in seiner Bedeutung dem 
akkadiscfeen tamtu = Meer. 



2 ) ^sXVTj ergfibt in der griechischen Zahleaschrift die Summe 200 -r 
5 4- 30 + 8 + 50 + 8 = 301 ; bei OfAogwxa erhalt man aber im ganzen 
70 + 40 + 70 + 100-4- 800 + 20 + 1 = 1101, also O) 800 zu viel. 
Deshab hat schou Scaliger fiir O t it> o Q a) % cc die Form O^IOQXO. ein- 
gesetzt. Vgl. hierzu besonders Rob. Eisler, Orient. Literatuxz., Jahrg. 12 
(1909), Sp. 289 ff. 



54 

zu bilden, die imstande seien, die Luft zu ertragen. Bel habe auch 
die Sterne, Sonne, Mond und die fiinf Planeten vollendet" 1 ). 

Damascius beschrankt sich in semen Angaben auf einige theo- 
gonische Mitteilungen. ,,Von den Barbaren", so berichtet er), 
,,scheinen die Babylonier iiber den gemeinsamen Urgrund aller 
Dinge mit Stillschweigen hinwegzugehen. Sie nehmen vielmehr em 
Doppeltes an, Tav&e und Anaowv, in dem sie Anaawv zum 
Manne der Tav&s machen und diese als die Mutter der Gotter 
bezeichnen. Ihr einziger Sohn sei MOW/LUG. Diesen halte ich fur 
das Weltall in der geistigen Vorstellung, das aus den beiden 
Grundprinzipien hervorgeht 3 ). Von ihnen stamme ein anderes Ge- 
schlecht, Aa%ri und ^/a/og 4 ), und dann ebenso ein drittes, 
Kiaaa&r] und AGGWQOS, und von diesen seien wieder drei hervor- 
gegangen, Avos, IMiros und Aog. Der Sohn des Ao und der 
Javxri sei Bel, den man als den Schopfer der Welt betrachtet." 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Darstellungen schien 
sehr erheblich zu sein. Man konnte sie erst vollstandig miteinander 
in Einklang bringen, als man die Ueberreste eines umfangreichen 
babylonischen Schopfungsepos entdeckte. Die ersten Bruchstucke 
dieser Dichtung wurden im Jahre 1875 von George Smith in den 
Trummerhiigeln von Ninive gefunden und im folgenden Jahre ver- 
offentlicht 5 ). Diese Fragmente wurden dann durch zahlreiche spatere 
Funde noch weiter vervollstandigt, so daB der groBere Teil des 
urspriinglichen Textes schon seit mehreren Jahrzehnten wieder 
bekannt ist. Das Werk umfaBte sieben verschiedene Tafeln, mit 
etwas mehr als 1000 Versen. An der Erklarung arbeiteten vor allem 
P. Jensen ), H. Zimmern 7 ), Friedr. Delitzsch 8 ), L. W. King 9 ) und 



^ Synoellus p. 52, 1 ff. = Scbnabel, Beros&os und die babylonisch- 
hellenistische Literatur, Leipzig 1923, Zweiter Teil, S. 254 ff., Fragmentum 
Nr. 12, Vgl. dazu besonders auch die ebenfall bei Scbnabel ihinzugefiigte 
Ueberseizung des alten armenischen Textes nach der Bearbeilimg von Karst, 
Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte, 
Eusebius Bd. V, S. 78. 

2 ) De primis principiis ed Jos. Kjopp, Francofurti ad Moenum 1826, 
cap. 125. Neuere Ausgabe v^on Ch. E. Ruelle, Paris 1889. 

3 ) iDamascius war Neuplatoniker. Plato unterseheidet eine unvollkommene 
sichtbare Welt und eine vollkommene, hinter den sichtbaren Dinigen liegende 
Welt der Ideen. 

4 ) So mit Rucksicht iauf die keilinschriftlichen Bezeichnungen. Der 
griechische Text bietet da.%T] wnd ^a%og A wad ^/wurden oft mit- 
einander verwechselt. 

) in den Transactions of the Society of Biblical Archaeology. 

6 ) Die Kosmologie der Babylonier, StraBburg 1890, S. 263 ff. und 
Assyrisch-Babylo>nische Mythen und Epen (Keilinschriftl. Bibliothek, heraus- 
.gegeben von Ebexhard Schrader, Bd. VI, 1. Teil, Berlin 1900), S. 2 ff. 

7 ) bei Gunkel, Schopfung und Chaos, Oottingen 1895, S. 401 ff. 

8 ) Das Babylonisiche Weltschopfungsepos (Abhandlungen der Kgl. Sach- 
sischen Gesellsch. der Wissensch-aften, Philol.-histor. Kl. Bd. 17 Nr. 2, Leipz. 
1896). 

9 ) The Seven Tablets of Creation, London 1902. 



re 

A. Ungnad 1 ). Die Texte, die fur diese Bearbeilungen zur Verfiigung 
standen, stammten in der Hauptsache aus der Bibliothek des Assur- 
banipal und gehorten fiir den iibrigen Teil der neubabylonischen 
und der persischen Zeit an. Die spateste Tafel, die wir kennen, fiihrt 
uns sogar in die Zeit der Arsaciden (seit dem Jahre 13Q vor Chr.). 
Altere Texte waren damals noch nicht vorhanden. Sie fanden sich 
aber in groBerer Zahl bei den Grabungen der Deutschen Orient- 
gesellschaft in Assur. Diese wurden dann ebenfalls in den Rahmen 
des Ganzen hineingefugt in einer neueren Bearbeitung von Un- 
gnad 2 ) und in den Ausgaben und Uebersetzungen von Ebeling 3 ) 
und von Langdon 4 ). Die Assurtexte bieten u. a. auch den Bericht 
iiber die Erschaffung des Menschen, der uns bis dahin noch nicht 
bekannt war. Hierzu kamen dann in den folgenden Jahren noch 
einige recht wertvolle Bruchstiicke, die bei den Ausgrabungen des 
Oxforder Museums in Kisch zu Tage gebracht wurden 5 ). Die Texte 
sind jetzt am besten miteinander verarbeitet in der vorztiglichen 
Schulausgabe der ganzen Dichtung von Deimel 6 ). Das Epos ist in 
der Form, in der es in Babylonien verbreitet war, eine Verherr- 
lichung des obersten babylonischen Gottes Marduk. Dieser wurde 
jedoch in Assyrien durch den Gott Assur ersetzt 

Der Verfasser schildert uns gleich in den ersten Zeilen den 
Ursprung der altesten Wesen ganz in derselben Weise, wie es in 
dem Texte des Damascius geschieht. Wir finden hier besonders 
auch die in der griechischen Aufzeichnung vorkommenden Eigen- 
namen, die uns jetzt wieder in ihren Grundformen vorliegen. 
Tavd-s ist die spatbabylonische Wiedergabe von Tamtu == Tiamtu 
=. Tiamat 7 ); es war im Akkadischen die gewohnliche Bezeichnung 
des Weltmeeres. In dem Schopfungsberichte der Bibel ist es als 
tehom erhalten. Anaawv geht auf apsu = Wassertiefe zuriick, 
Matvuis begegnet uns in dem Epos als Mummu, ^La%ri 
treten uns hier als Lachainu und Lachmu entgegen, 
und AGOWQQ?, sind die griechischen Formen fiir Kisar und Ansar. 
Jivos = Ami, lAforos = Enlil, Aog, Ea. Die Dichtung wird, 
soweit man nicht den Ausdruck Schopfungsepos gebraucht, gewohn- 
lich nach den beiden Anfangswortern als ,,Enuma elis" bezeichnet. 



x ) bei H. Grefimann, Altorienialische Texte und. Bilder zum Alten Testa- 
raente, Tiibingen 1909, S. 5 ff. 

2 ) Die Religion tier Babylonier und Assyrer, Jena 1921, S. 25 ff. 

3 ) Altorient. Texte 'Und Untersuichungen, herausgegeben von Dr. MeiBner, 
Bd. II, Heft 4. Breslau 1921 ; Altorient. Texte zuin Alten Testament, heraus- 
^egeben von H. Grefimann, 2. Aufl., Berlin u. Leipzig 1926, S. 103 ff. 

*) The Babylonian Epic of Creation, Oxford 1923. 

5 ) Veroffentlicht von Lang'don, Oxford Editions of Cuneiform 1 Texts, 
Vol. VI, Paris 1927. 

6 ) ,,Enuma elis" sive Epos babylonicum de creatione mundi, Ed. II, 
Romae 1936. 

7 ) m wurde im Babylonischen in der spateren Zeit nach Vokalen als 
w gesprochen. 



56 

Es ist die Dichtung, die nach der keilinschriftlichen Ausdrucksweise 
mil den Worten ,,Als oben" beginnt. 

,,Als oben der Himmel noch nicht benannt war, 

unten das Feste noch keinen Namen trug, 

Apsu, der Erste, ihr Erzeuger, 

Mummu und Tiamat, die sie alle geboren, 

ihre Wasser miteinander noch mischten, 

Strauchwerk noch nicht zusammengefiigt war, Rohr noch 
nicht gesehen wurde, 

als die Gotter noch nicht ins Dasein getreten, noch keiner, 

mit Namen noch nicht genannt, Geschicke noch nicht be- 
stimmt waren, 

wurden in ihrer Mitte die Gotter gebildet, 

wurden Lachmu und Lachamu geschaffen, mit Namen 
benannt. 

Wie diese groB wurden, emporwuchsen, 

wurden Ansar und Kisar gezeugt, sie selbst tiberragend. 

Sie dehnten die Tage, mehrten die Jahre, 

und es ward Anu, ihr Sohn, seinen Vatern ebenbiirtig. 

Ansar machte den Anu, seinen Erstgeborenen, sich gleich, 

und Anu zeugte, ihm ebenfalls gleich, den Nudimmud 1 ). 

Nudimmud: tiber seine Vater gebot er, 

mit offenem Ohr, klug, gewaltig an Kraft, 

starker bei weitem als der Erzeuger seines Vaters, Ansar, 

ohne seinesgleichen unter den Gottern, seinen Vatem." 

Die beiden ersten Zeilen beriihren sich inhaltlich mit den Worten 
der Bibel: ,,Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde". Sie deuten 
ebenfalls auf eine Zeit hin, wo Himmel und Erde noch nicht vor- 
handen waren. Dabei sind aber die Voraussetzungen in einem 
wesentlichen Punkte verschieden. In der Bibel werden Himmel und 
Erde vom Schopfer ins Dasein gerufen; in dem babylonischen Texte 
soil lediglich betont werden, dafi zwischen den Urmassen noch 
keine Scheidung vorgenommen war. Apsu und Tiamat waren noch 
nicht voneinander getrennt und fur die Pflanzenwelt war auf der 
Erde noch kein Platz. Aus der Verbindung von Apsu und Tiamat 
entstanden dann zunachst die altesten Gottheiten. Apsu gait als der 
Vater der Gotter, Tiamat wurde als die Mutter betrachtet. 

Die beiden Urwesen scheinen aber an der Tatigkeit ihrer Nach- 
kommenschaft keine besondere Freude gehabt zu haben. Die 
jiingeren Gotter versammelten sich in der himmlischen Wohnung 
und storten dort durch ihr Larmen und Rufen. Apsu vermochte 
nicht zu erreichen, da6 ihr Geschrei sich minderte 2 ), und Tiamat 
muBte zu den Verhaltnissen ebenfalls schweigen. Das Benehmen 
miBfiel ihnen; denn die Gotter betrugen sich ganz wie die Herren- 



1 ) = Ea, der Gott der Wassertiefe, voti Damascius als ^og bezeichnet. 

2 ) La nasir Apsu rigimsunu. 



57 

,,Da rief Apsu, der Vater der groBen Gotter, 

den Mummu, seinen Diener, und sprach zu ihm: 

Mummu, mein Diener, der du mein Herz erfreust, 

komm, zur Tiamat wollen wir gehen! 

Sie gingen, und vor Tiamat lieBen sie sich nieder, 

berieten die Angelegenheit wegen der Gotter, ihrer Erst- 
gebornen. 

Apsu tat seinen Mund auf und sprach zu ihr, 

zu Tiamat, der glanzenden, sprach er: 

Es miBfallt mir ihr Wandel. 

Am Tage habe ich keine Ruhe, in der Nacht kann ich nicht 
schlafen. 

Ich will sie vernichten, ihrem Treiben ein Ende machen. 

Stille soil hergestellt werden; wir wollen schlafen." 
Tiamat ist jedoch nicht sofort damit einverstanden. Obwohl 
sie die Schwachen ihrer Nachkommenschaft anerkennt, weist sie 
entriistet den Vorschlag zuriick, da sie als Mutter ihre Kinder nicht 
opfern will. Mummu betont aber die Notwendigkeit, ihr fur den 
Tag die Ruhe und fur die Nacht den Schlaf zu sichern. Wie Apsu 
dieses horte, wurde sein Antlitz leuchtend, weil er Boses plante 
gegen die Gotter, seine Sohne. Er fiel dem Mummu um den Hals 
und setzte sich auf seine Knie, um ibn zu kiissen. Die Worte des 
Dieners hatten den Ausschlag gegeben. 

Die Gotter ermhren nun bald von dem Ergebnis der Beratung. 
Als sie es horten, gerieten sie in groBe Aufregung. Sie wurden still 
und saBen gedriickt. Doch Ea, der alles versteht, machte kunstvoll 
gegen Apsu eine gewaltige, heilige Beschworung. Er sprach sie 
iiber das Wasser, und Apsu sank wieder in siiBen Schlummer. Dann 
totete er ihn und errichtete iiber dem Erschlagenen seine Wohnung, 
die er ebenfalls Apsu nannte. Den Mummu fesselte er und hielt ihn 
bleibend in seiner Gewalt. Er ruhte dann mit seiner Gemahlin 
Damkina 1 ) in dem neuen Palaste, in dem Gemach der Geschicke, 
und wurde hier zum Vater des Marduk 2 ). 

Tiamat beschlieBt nun auf das Drangen ihrer Freunde, den Tod 
des Apsu und die Vergewaltigung des Mummu in blutigem Kampfe 
zu rachen. Die Freunde wollen ihre Nachtruhe. Sie sind offenbar 
uberzeugt, daB ihnen diese nicht zuteil wird, solange die iibrigen 
Gotter ihr Treiben ungestraft fortsetzen konnen. Nachdem die 
Gottin ihre Zustimmung gegeben hat, erheben sie sich sofort an 
ihrer Seite. 

,,Wiitend sind sie, planen, ohne zu ruhen, bei Tag und bei 
Nacht. 



*) So nach dem Texte von Kisch und nach der Ang-abe des Dairaascius, 
der die Gottin als ^/ctvKf] Damke bezeichnet 

2 ) In der assyrischen Bearbeitung waren die Gotternamen an dieser Stelle 
durch Lachmu + Lachamu und duirch An-sar = Assur ersetzt. 



58 

Sie nehmen den Kampf auf, toben, sind grimmig, 

rotten sich zusammen, bereiten Feindseligkeit. 

Ummu-IJubur, die alles bildet, 

fugte Waffen hinzu ohne gleichen, gebar Riesenschlangen, 

mit spitzen Zahnen, schonungslosem GebiB. 

Mit Gift an Sielle von Blut fullte sie ihnen den Leib. 

Wiitende Riesendrachen bekleidete sie mit Schrecken, 

lieB sie strotzen in Glanz, machte sie gottergleich. 

Wer sie sieht, der werde vernichtet vor Schrecken! 

Ihr Leib soil sich aufbaumen, nicht soil man wenden ihre 

Bnist! 

Schlangen stellte sie auf, Drachen und Lachamen, 
Orkane, tolle Hunde, Skorpionenmenschen, 
starke Unwetter, Fischmenschen und Widder, 
mit schonungslosen Waffen, ohne Furcht vor dem Kampfe. 
Gewaltig sind ihre Befehle, unwiderstehlich. 
Elf solcher Ungeheuer rief sie ins Dasein. 
Unter den Gottern, ihren Erstgeborenen, die sich bei ihr 

zusammengeschart, 

erhohte sie Kingu, machte ihn groB unter ihnen. 
Das Voranschreiten an der Spitze des Heeres, die Fuhrung 

der Schar, 

das Erheben der Waffen, das Heranriicken zur Schlacht, 
die Leitung des Kampfes, das Amt des rab sikkati 
gab sie in seine Hand, lieB ihn sitzen im karru. 
Ausgesprochen habe ich dein Zauberwort, in der Versamm- 

lung 1 ) der Gotter dich groB gemacht 2 ). 
Die Fiihrung der Gotter in ihrer Gesamtheit legte sie in 

[seine] Hand. 

Erhaben sollst du sein, mein ausgewahlter Gatte du! 
Erheben soil man deinen Namen iiber alle Anunnaki! 
Sie gab ihm die Schicksalstafeln, fugte sie an seine Brust. 
Dein Befehl sei unabanderlich; es stehe fest der Ausspruch 

deines Mundes!" 



4 ) ina puhri. 

2 ) Die Ausdriicke erklaren sich aus den Verhaltnissen im burgerlichen 
Leben der damaligen! Zeit. Puhru bezeichnet die Gesamtheit der Burger, wie 
sie uns in der Volksversamralung entgegentritt. Kingu ist grbB in der Ver- 
samm'lung der Ootter, weil Tiamat i'hm das Amt des rab sikkati iibertragen 
und ihm einen Sitz im karru zugewiesen hat. Der karru bildet also, wie man 
hieraus entnehmen muB, einen Teil dieser Versamimlung. Die Aufnahme in 
den karru ist in diesem Falle zugleich mit der Ernennung zum rab sikkati 
verbunden. Es muB also zwischen dem karru und dem rab sikkati ebenfalls 
ein Zusammenhang bestehen. Das deckt sich genau mit einem Ausdruck, der 
uns wiederholt in den. spateren assyrischen Texten begegnet. Die assyrischen 
Konige schiitzten ihre Palaste, indem sie nach ihren Angaben rings umher 
sikkat karri anbrachten. Vgl. hierfiir besonders die Zusammenstellung bei 
Delitzsch, Handworterbuch S. 497. Die sikkati gehorten nach dieser Bezeich- 
nung zum karru, Es waren Pflocke, die in den Boden getrieben und in 
irgendeiner Weise zu einem karru miteinander verbunden wurden. Delitzsch 



59 

Als nun Ea von den Vorbereitungen erfuhr, ging er zu seinem 
Vater Ansar und setzte diesen von den Planen der Tiamat in Kennt- 
nis. Da biB Aiisar vor Zorn auf die Lippen. Er war betriibt in 
seinem Geiste, und unruhig war ihm das Herz. Ein Weheruf ent- 
wand sich seinem Munde, und er bat Ea, gegen die Emporer zum 
Kampfe zu ziehen. Die Antwort des Ea ist leider nicht mehr er- 
halten. Der Text weist hier vorlaufig noch eine Liicke von etwa 
13 Zeilen auf. Wir erfahren dann, daB Ansar sich inzwischen an 
seinen Sohn Anu gewandt hat. Er off net gerade seinen Mund 
und gibt ihm den Auftrag, es mit der Tiamat zunachst in Giite zu 
versuchen. Anu macht sich sofort auf den Weg. Wie er sich aber 
der Tiamat gegenubersieht, fiihlt er sich ebenfalls zu schwach. 
Hierauf treten die Gotter zu einer Beratung zusammen. Sie sitzen 
aber schweigend, mit geschlossenen Lippen. Keiner wagt gegen 
Tiamat etwas zu unternehmen; denn sie sind sicher, daB keiner mit 
dem Leben davonkommt. Da macht Ansar auf Marduk aufmerksam. 
Dieser wird jetzt von Ea geholt und von Ansar mit besonderer 
Freude begruBt. Ansar kiiBt ihn und fordert ihn auf, der Tiamat 
entgegenzutreten und sie mit einer heiligen Beschworungsformel 
zur Ruhe zu bringen. Marduk erklart sich bereit, die Gotter zu 
rachen und ihr Leben zu retten; er stellt aber vorher die Bedingung, 
daB ihm im Falle eines gliicklichen Ausganges der erste Platz unter 
den Gottern eingeraumt wird, mit dem besonderen Rechte, die Ge- 
schicke zu bestimmen. 

,,Wenn ich, euer Racher, 

Tiamat bezwingen und das Leben euch retten soil, 

dann versammelt euch und macht iiberragend und gebet 

bekannt 1 meine Bestimmung des Schicksals! 
In Ubsukkinna 1 ) setzet euch freudig zusammen! 
Die Rede meines Mundes entscheide dann, wie ihr bisher, 

die Geschicke! 

Nicht soil geandert werden, was immer ich schaffe, 
nicht soil sich wenden, nicht soil sich wandeln das Wort 

meiner Lippe!" 



bezeiehnet sie ohne jedes Bedenken als ,,Einfriedigiungspflocke". In den. Voka- 
bularen dient der Ausdruck zur Umschreibung von gis-gag-id-kar und gis- 
gag-kar-ba. Gis-gag = sikkatu; kar entspricht hier also dem karru. Es ist 
offenhar dasselbe kar, das in einem andern Zusammenhaiige durch nitu sa 
lamS erklart wird. Damit ist alles gesagt, was fiir das Verstandnis unserer 
Stelle in Betracht kommt. Der karru war ursprunglich nur eine Schranke, 
durch die eine kleinere Gruppe vcjn Personen von der iibrigen Versammlung 
getrennt wurde. Die Personen, die do-rt ihren Platz batten, waren natiirlich 
die fiihrenden Manner des Ortes. Sie bildeten in der spateren Zeit die 
ejgentliche Behorde, die roan gewohnlich als karu bezeichnete. Die Form geht 
ebenso wie karru auf das sumerische kar zuiruck. Der rab sikkati war nach 
diesem Zusammenhange der ,,Gro6e der Schranke". 

^ Der Versammlungsort der Gotter, irat der Kammer, in der zu Anfang 
-des Jahres fiir die ganze Welt die Geschicke festgesetzt wurden. 



60 

Ansar laBt nun die Gotter zu einem Festmahle bitten, um bei 
dieser Gelegenheit ihre Zustimmung zu dem Vorschlage zu erwirken. 
Gaga, sein Bote, muB alle personlich einladen und zugleich schon 
uber die Zwecke der Versammlung das Notwendige mitteilen. Er 
kommt zuerst zu Lachmu und Lachamu, seinen gottlichen Eltern, 
biickt sich huldigend zur Erde und kuBt den Boden zu ihren FuBen. 
Dann steht er auf und entledigt sich seines Auftrages. Die beiden 
Gotter sind uber das Gebahren der Tiamat erstaunt und entriistet; 
laute Schmerzensrufe zeigen ihren Kummer und ihre Sorge. Auch 
die ubrigen Gotter beginnen bei der Nachricht klaglich zu jammern; 
niemand vermag das Verhalten der Tiamat zu begreifen. Ihre 
Trauer bildet aber kein Hindernis, der Einladung piinktlich zu 
entsprechen. 

,,Sie traten ein vor Ansar, fiillten [den Saal], 

kiiBten einander in der Versammlung , 

unterhielten sich 1 ), [setzten sich nieder] zum Mahle, 

aBen Brot und bereiteten [Dattelwein]. 

Der siiBe Trank gab ihnen anderen Sinn 2 ). 

Indem sie sich berauschten, wurde stark [ihnen] der Leib. 

Sie wurden ganz mtide; es hob sich ihr Herz." 
In dieser Stimmung schritten sie nun zu der von Marduk ver- 
langten Erhohung. 

,,Sie schlugen ihm einen erhabenen Sitz auf; 

vor seinen Vatern lieB er sich nieder zu Entscheidung. 

Du bist geehrt unter den groBen Gottern, 

deine Bestimmung ist ohne gleichen, dein Befehl ist Anu. 

Marduk, du bist geehrt unter den groBen Gottern, 

deine Bestimmung ist ohne gleichen, dein Befehl ist Anu. 

Von heute sei unabanderlich deine Weisung; 

zu erheben und zu eraiedrigen sei das Werk deiner Hand? 

Es stehe fest der Ausspruch deines Mundes, niemand wider- 
setze sich deinem Befehle; 

keiner unter den Gottern uberschreite deine Grenze! 

Versorgung ist das Begehren an dem Sitze der Gotter; 

eine Statte, wo man ihnen Geschenke darbringt 3 ), 
moge sein deine Statte! 

Marduk, du bist unser Racher; 

wir haben dir das Konigtum gegeben, die Macht iiber alles 
in seiner Gesamtheit. 



*) lisanu iskunu = ,,sie machten mit der Zunge, gebrauchten die Zunge". 
Oder ist an eine freudige Bewegiung der Zunge im Hinblick auf das bevor- 
siehende Mahl gedacht? 

2 ) u-sa-an-ni k[a]-ra-s[i]-su-[un]. 

3 ) a-sar sa-gi-su-nu = asar sagisunu oder asar sagesunu. Es handelt sich: 
hier um eine Entlehnung aus dem Sumerischen. Vgl. fiir diese Bedeutung 
besonders die Angaben bei Delitzsch, Sum. Glossar S. 72 f. -und S. 233, und 
bei Deimel, Sum. Lexikon Nr. 115, 41. 182. Sie wird uns auBerdem nooh in. 
einem sumerischen Bericht uber die Sintflut begegnen. 



61 

Sitzest du in der Versammlung, dann sei erhaben dein Wort! 
Deine Waffen mogen nicht versagen, mogen zerschmettern 

deine Feinde! 

O Herr, wer auf dich vertraut, dessen Leben erhalte, 
aber dem Gotte, der Boses unternahm, vernichte das Leben! 
.Dann stellten sie in ihre Mitte ein Kleid 
und sprachen zu Marduk, ihrem Erstgebornen: 
Deine Bestimmung, o Herr, sei geltend vor den 

iibrigen Gottern! 

Vernichten und schaffen: befiehl, und es soil geschehen! 
Ein Wort deines Mundes, und es sei vernichtet das Gewand; 
dann befiehl wiederum, und das Gewand sei wieder 

unversehrt! 
Er befahl mit seinem Munde, und es wurde vernichtet 

das Gewand; 

er befahl wiederum, und das Gewand wurde geschaffen. 
Als die potter, seine Vater, erblickten, was ausging von 

seinem Munde, 

da freuten sie sich und huldigten: Marduk ist Konig. 
Dazu gaben sie ihm Zepter, Thron und paid 1 ), 
sie gaben ihm eine unwiderstehliche Waffe, die den Feind 

vernichtet. 

Nun schneide der Tiamat das Leben ab! 
Die Winde mogen ihr Blut in das Verborgene tragen!" 

Marduk ging nun sofort an seine Aufgabe. 

,,Er machte einen Bogen, bestimmte ihn zu seiner Waffe, 

legte einen Pfeil auf und setzte ihn auf die Sehne, 

erhob den mittu 2 ) und nahm ihn in seine Rechte; 

Bogen und Kocher hangte er an seine Seite. 

Dann stellte er einen Blitz vor sich auf, 

mit lodernder Flamme erfullte er dessen Leib. 

Er machte ein Netz, um Tiamat damit zu umschlieBen, 

lieB anfassen die vier Winde, damit nichts von ihr entweiche. 

Den Siidwind, den Nordwind, den Ostwind und den 

Westwind 
lieB er herankommen zu den Seiten an das Netz, ein Geschenk 

seines Vaters Anu. 

Er schuf den bosen Sturm, den Wolkenwind und den Orkan, 
den Vierwind, den Siebenwind, den Wirbelwind, den Wind 

des Verderbens 
und lieB hervorbrechen die Winde, die er geschaffen, 

alle sieben. 
Um Tiamat in ihrem Innern zu verwirren, stiirzten sie hinter 

ihm her. 



*) Ein besonderes Abzeichen der koniglichen Wiirde, wahrscheinlich eia 
Kleidungsstiick. 

2 ) Eine Keule mit schiaiiea Metallspitzen. 



62 

Es erhob der Herr die Sturmflut, seine groBe Waffe, 

als Streitwagen bestieg er den unuberwindlichen, schreck- 

lichen Sturmwind, 

schirrte ein Viergespann und band es davor, 
den Zerstorer, den Schonungslos, den Wogenstark, 

den Flieger 1 ). 

Scharf sind ihre Zahne, Gift tragend; 
zu zer[storen verjstehen sie, niederzuwerfen 

haben sie gelernt. 
Er [ste]llte auf die Wind[e zur/Schla]cht, 

furchtbar im Kampfe; 

nach links und [nach rechts] lost er die [Ge]spanne 2 ). 
Als Panzer hat er [Zor]n und Schrecken angelegt; 
sein Haupt ist bedeckt mit furchtbarem Glanze. 
Er nahm seinen geraden Weg, schlug ein seinen Pfad, 
zum Platze der Tiamat, der grimmigen, wandte er sein Auge. 
Auf [seiner] Lippe trug er ein . . , 3 ) von rotlichem Ton 4 ); 
ein Kraut, das Gift zu vernichten, hielt er in seiner Hand. 
Zugleich umdrangten ihn die Gotter, umdrangten sie ihn, 
umdrangten ihn die Gotter, seine Vater, umdrangten sie ihn. 
Es naherte sich der Herr, schaute nach der Mitte der Tiamat, 
spahte nach dem Plan des Kingu, ihres Buhlen. 
Wie er hinschaute, verwirrte sich dessen EntschlieBen; 
es loste sich sein Verstand, sein Handeln versagte, 
und die Gotter, seine Heifer, die an seiner Seite gingen, 
sie sahen auf ihn, den [tapjferen Fiihrer, und ihr Blick war 

verwirrt. 

Doch Tiamat [brii]llte, wandte nicht ihren Nacken, 
auf ihren uppigen Lippen trug sie Emporung. 

des Herrn? Sind die Gotter deine Sturmschar? 

Sind ihre Statten, wo sie sich sammelten, jetzt die Statte, 

wo du bist? 

Da [erhob] der Herr die Sturmflut, seine groBe Waffe, 
und der Tiamat, der ziirnenden, kiindete er also: 
Du hast [dich gr]o6 gemacht, hoch dich erhoben. 
[Es trieb dich] dein [He]rz, zu erregen den Kampf. 
[Die Gotter, die Sohne], haben sich [auf]gelehnt gegen 

ihre Vater 5 ); 

"du], ihre [Mutter], hassest sie. 

Du hast erhoht den Kin]gu zur Buhlschaft [mit dir], 
hast] ihn zur Wiirde der Anuschaft. 



*) Die Namen der vier Pferde. 

a ) su-me-la u [im-na] i-pat-tar [si-]en-di. 

3 ) Der Text bietet hier eine klelne Liicke. 

4 ) Oder: von rotlicher Paste? 

3 ) Die Erganzungen gehen hier und in den folgenden Zeilen auf Ebeling 
zuriick. 



63 

[Gegen Ansar, den Konig der Cotter], trachtest du nach 

[B6]sem, 
[gegen die G6t]ter, meine Vater, hast du deine Bosheit 

gerichtet. 

Geschirrt sei deine Kraft, angelegt deine Bewaffnung! 
Komm heran, ich und du, wir wollen kampfen! 
AIs Tiamat dieses horte, 
geriet sie von Sinnen, verlor ihren Verstand. 
Es schrie Tiamat wild und laut; 

bis in die Wurzeln erzitterten ihr in gleicher Weise die Beine. 
Sie spricht eine Beschworung, sagt ihr Zauberwort, 
und die Goiter der Schlacht scharfen ihre Waff en. 
Dann traten sie zusammen, Tiamat und Marduk, der Weise 

unter den Gottern, 

riickten heran zum Kampfe, kamen naher zur Schlacht. 
Es breitete der Herr sein Netz aus, umschloB sie; 
den bosen Sturmwind, der hinter ihm hielt, lieB er nach 

vorne los. 

AIs Tiamat dann ihren Mund offnete, so weit sie vermochte, 
lieB er hineinfahren den bosen Sturm, so daB sie ihre Lippen 

nicht wieder schlieBen konnte. 
Die grimmigen Winde fullten ihren Bauch; 
ihr Herz wurde gelahmt, und weit sperrte sie auf ihren 

Rachen. 

Er schoB den Pfeil ab, riB auf ihren Leib, 
zerriB ihr Inneres, durchschnitt das Herz, 
tiberwaltigte sie und vernichtete ihr Leben, 
warf nieder ihren Leichnam, trat auf sie. 
AIs er Tiamat, die Ftihrerin, erschlagen hatte, 
zerbrach ihre Streitmacht, loste sich auf ihre Schar, 
und die Gotter, ihre Heifer, die an ihrer Seite gingen, 
erzitterten, fiirchteten sich, wandten den Riicken, 
suchten zu entkommen, ihr Leben zu retten, 
doch waren sie fest umschlossen, vermochten sie nicht zu 

entfliehen. 

Er hielt sie gefangen und zerbrach ihre Waffen. 
In dem Netze lagen sie, saBen im Gam; 
in Hohlen befanden sie sich, erfullten sie mit Wehklagen, 
trugen seine Strafe, wurden festgehalten im Kerker. 
Und die elf Geschopfe, voll von Furchtbarkeit, 
die Schar der Damonen, die sie begleiteten, 

legte er in Fesseln; ihre Arme 

Mit ihrem Widerstande trat er sie nieder. 

Und den Kingu, den sie iiber sie erhoben hatte, 

bezwang er und bestimmte ihn zum Tode. 

Er nahm ihm die Schicksalstafeln, die ihm nicht zukamen, 

versiegelte sie mit einem Siegel und legte sie an seine Brust. 



64 

Nachdem er seine Widersacher bezwungen und erschlagen, 

die stolzen Feinde zu Sklaven gemacht (?), 

den Triumph des Ansar fiber die Gegner vollendet, 

den Wunsch des Nudimmud erreicht hatte, der tapfere 

Marduk, 

machte er iiber die bezwungenen Gotter stark seine Haft 
und kehrte dann zur Tiamat, die er uberwunden hatte, 

wieder zuriick. 

Es trat der Herr der Tiamat auf die Beine, 
spaltete mit seinem schommgslosen mittu 1 ) den Schadel, 
durchschnitt die Adern ihres Blutes 

und lieB es durch den Nordwind in das Verborgene tragen. 
Als seine Vater dieses sahen, freuten sie sich und frohlockten 
und lieBen ihm Gaben bringen zur BegriiBung. 
Da ruhte der Herr, ihren Leichnam betrachtend; 
dann teilte er den Rumpf, Kunstvolles schaffend. 
Er spaltete sie wie eine Muschel (?) in zwei Teile, 
die eine Halfte von ihr stellte er auf und machte sie zur Decke 

des Himmels. 

Er zog einen Riegel vor, lieB eine Wache Platz nehmen 
und gab ihr die Weisung, ihre Wasser nicht durchzulassen. 
Er schritt hinweg iiber den Himmel, musterte die Statten 
und machte gleich die vier Seiten des Apsu, der Wohnung 

des Nudimmud 2 ). 

Dann maB der Herr die Gestalt des Apsu 
und errichtete einen Palast, der ihm gleich war, Esarra. 
In dein Palast Esarra, den er als Himmel erbaute, 
lieB er Anu, Enlil und Ea ihre Stadte bewohnen. 
Er schuf einen Standort fur die groBen Gotter, 
Sterne stellte er auf als ihr Ebenbild, die Lumasi-Sterae 3 ). 
Er bestimmte das Jahr, setzte Abschnitte fest, 
zwolf Alonate, jedesmal drei Sterne stellte er auf 4 ). 
Nachdem er fur die Tage des Jahres die Bilder eingezeichnet 

hatte 5 ), 
legte er den Standort des Nibiru 8 ) fest, um ihnen den Weg 

zu bezeichnen, 



*) S. oben S. 61 Anm. 2. 

2 ) So nach der Darlegung von Albert Schott, Zeitschr. f. Assyriologie, 
Neue Folge Bd. 8 (3934), S. 137. 

3 ) Sieben Sterngruppen in der Linie der MilchstraBe: Perseus, Cygnus, 
Orion, Sirius, Centaurus, Aquila und Sagittarius. 

*") drei in dem jedesmal auf einen Monat fallenden Tierkreiszeichen, also 
im ganzen 36. Aul jeden Stern entfiel ein Abscbnitt von 10 Tagen. 

3 ) Da der Himmel in 360 Grade eingeteilt 1st, komotnt auf jeden Tag 1 Grad. 

6 ) Nibiru = Uebergang. Dieser Punkt wird uberschritten, wenn der 
betreffende Stern sich auf seinemi Wege ina kabal same = in der Mitte des 
Himmels befindet. So wenigstens nach dem Texte III Rawlinsou 54, Nr. 5 
(Thompson, Reports of the Magicians and Astrologers of Niniveh and Babylon 
Nr. 94). Nach diesem Texte hat der Stern des Marduk (Jupiter), wenn er 



damit keiner fehlt und keiner in die Irre geht. 

Den Ort des Enlil und des Ea stellte er neben ihm fest. 

Er offnete Tore zu beiden Seiten 1 ), 

machte feste Riegel zur Linken und zur Rechten 

und errichtete in ihrer Mitte 2 ) die Hone 3 ). 

Den Nannar 4 ) lieB er aufleuchten, vertraute ihm die Nacht an, 

bestimmte ihn zu einem Gebilde der Nacht, um zu bestimmen 

den Tag. 

Monatlich, ohne aufzuhoren, brich auP) mit der Krone 6 )! 
Am Anfange des Monats, wenn du aufleuchtest iiber 

das Land, 

strahlst du mit Hornern, um zu bestimmen sechs Tage; 
am siebenten Tage [bringe zur Halfte] die Krone; 

am sabattu-Tage 7 ) tritt (der Sonne) gegenuber, 

Wenn die Sonne am Rande des Himmels dich 

dann durchbrich die [Wo]lken und baue ruckwarts 8 )! 
[Am bubbu]lu-Tage B ) nahere dich dem Wege der Sonne, 
[am .... Tage] tritt der Sonne wieder entgegen!" 

Hier sind etwa 120 Zeilen bis auf wenige Worte zerstort. In dem 
ersten Teile dieses Abschnittes wurde, wie wir aus dem Zusammen- 
hange wohl mit Sicherheit entnehmen diirfen,' die Erschaffung der 
iibrigen Himmelskorper erzahlt Gegen SchluB berichtet der Text 
dann iiber eine Gotterversammlung. Wir lesen dort noch die Worte: 

die Gotter sprechen 



Sohn 



er lieB am Leben 
[GJlanz . 



wir." 



Die Gotter verhandeln hier offenbar iiber die neugeschaffenen 
Verhaltnisse. Sie sprechen; in der Unterhaltung wird ein Sohn 



aoifgeht, den Namen Sulpa^e. Wenn er 2 <?) Doppelstunden oder 60 (Der Text 
1st hier unsicher. Kugler, Siernenkunde und Sternendienst in Babel I S. 216, 
Anm. 1, liest 1^ Doppelstunden = 46. 1 Doppelstunde = 30) hoch 1st, 
heiBt er Sagmegar, 'und wenm er in der Mitte des Himraels steht, heifit er 
Nibiru. 

^ des Himmels, um das Aufgehen und das Untergehen der Gestirne zu 
ermoglichen. 

2 ) in der Mitte der Tiamat. 

3 ) den Zenith. 

*) den Mondgott. 

5 ) u-mus, von amasu. Vgl. das Feminium (unsi =: umsi) in derselben 
Bedeutung bei Craig, Assyr. and Bafoyl. Rel. Texts I 55, Kol, H 5. 

6 ) der Scheibe. Die Scheibe 1st die Krone des Mondgottes. 

7 ) Am 15. Tage des Monats, am Tage des Vollmondes. 

8 ) = und nimm> wieder ab! 

9 ) Am 28. Tage, wenn die Mondsichel unsichtbar wird. 



66 

erwahnt; es wird hervorgehoben, da6 jemand andere Personen am 
Leben lieB; wir lesen von einem bestimmten Glanze und finden dann 
amSchluB des Abschnittes ein nachdrucksvolles ,,wir". Die einzigen 
Wesen, von denen man sagen konnte, daB ihnen das Leben gelassen 
wurde, sind die iiberwundenen und vorlaufig eingekerkerten An- 
hanger der Tiamat. Sie haben, wie es scheint, zu der ganzen 
Besprechung den AnlaB gegeben. Man konnte einen Gefangenen 
toten, man konnte ihn zum Sklaven machen und man konnte ihn 
begnadigen. Von der Totung hatte Marduk abgesehen. Es blieb 
also nur noch die Frage, ob man die Besiegten noch weiterhin als 
Sklaven behandeln oder ob man auf ihre Dienste verzichten und 
sie begnadigen sollte. Diese Frage findet nun durch den klugen 
Vorschlag des Marduk, der andere Wesen fur den Dienst der Gotter 
erschaffen will, eine allseitig befriedigende und gliickliche Losung. 

,,Wie Marduk den Ruf der Gotter vernimmt, 

treibt ihn sein fierz, Kluges zu schaffen. 

Er tut seinen Mund auf und [re]det zu Ea, 

gibt den EntschluB, [den] er in seinem Herzen erdacht hat. 

Blut will ich binden und Bein will ich entstehen lassen; 

aufstellen will ich Lulla 1 ), Mensch sei sein Name; 

erschaffen will ich Lulla, den Menschen. 

Es soil ihm auferlegt werden die Bediemmg der Gotter; diese 

sollen ihre Versorgung finden. 

Ich will auch weiterhin die Wege der Gotter klug einrichten; 
gleichmaBig sollen sie geehrt sein, geteilt in zwei Teile 2 )! 
Es antwortete ihm Ea, sprach zu ihm das Wort, 
erzahlte ihm zur Beruhigung der Gotter den Plan: 
Es soil hingegeben werden einer, ihr Bruder! 
Er soil vernichtet werden und es sollen gebildet werden die 

Menschen! 

Es sollen sich versamnieln die groBen Gotter! 
Dieser soil hingegeben werden und jene sollen bleiben! 
Marduk versammelte die groBen Gotter, 
entbietet sie freundlich, gibt Weisung. 
Er offnet seinen Mund, beauftragt die Gotter; 
zu den Anunnaki spricht er, der Konig, das Wort: 
Es war sicher in der Tat, was wir friiher euch verkundet; 
Sicheres will ich jetzt schworen, einen Eid bei mir selbst. 
Wer war es, der den Streit erregte, 
T[iamat] zur Emporung reizte, den Kampf entfachte? 
Es werde hingegeben, wer den Streit erregte; 



*) Name des ersien Menschen, auis dera sumerischen lu-lil-li-a. 

2 ) in die Anunnaki des Hhnmels 'und die Anunnaki der Unterwelt. Vgl. 
fiir diese Stelle und fiir die Angaben viber die Ausfiihrung des Planes 
besonders die umsichtige Bearbeitung des Textes von Weidner, Die Schopfung; 
des Menschen und die Einsetzung der Anunnaki, im Archiv fiir Orient- 
Forschoing, Bd. XI (1936), S. 7274. 



67 

ich will ihn tragen lassen seine Strafe; ihr sollt wohnen 

in Ruhe! 

Es antworteten ihm die Igigi, die groBen Gotter, 
dem Konige der Gotter des Himmels und der Erde, 

dem Berater der Gotter, ihrem Herrn: 
Kingu war es, der den Streit erregte, 
Tiamat zur Emporung reizte, den Kampf entfachte. 
Sie iiberwaltigten ihn und setzten ihn gefangen vor Ea, 
Strafe legten sie ihm auf, schnitten ihm auf das Blut. 
Mit seinem Blute schufen sie 1 ) die Menschheif ). 
Er 3 ) legte ihr auf die Bedienung der Gotter und lieB die 

Gotter frei. 

Als sie die Menschheit geschaffen 4 ), Ea, der Weise 5 ), 
die Bedienung der Gotter ihr auferlegt batten 6 ), 
als dieses Werk, unmoglich zu begreifen, 
durch die Klugheit des Marduk Nudimmud 7 ) geschaffen hatte, 
teilte Marduk, der Konig der Gotter, 
die Anunnaki in ihrer Gesamtheit oben und unten, 
bestimmte sie fur Aim, seine GeheiBe zu wahren, 
setzte 300 am Himmel ein als Wache, 
verdoppelte sie, legte fest die Wege der Unterwelt 8 ), 
lieB im Himmel und in der Unterwelt 8 ) 600 wohnen. 
Als er die GeheiBe allesamt erlassen, 
an die Anunnaki des Himmels und der Unterwelt 10 ) ihre 

Anteile verteilt hatte, 
offneten die Anunnaki ihren Mund 
und sprachen zu Marduk, ihrem Herrn: 
Jetzt, mein Herr, da du unsere Befreiung bewirkt hast, 
was soil da unser Dank sein 11 ) vor dir? 
Wohlan, wir wollen einen Gottersitz") bauen, dessen Name 

genannt wird 

eine Wohnstatte, unsere Ruhe darin zu halten!" 

Marduk gibt hierzu gem seine Zustimmung. Sein Angesicht 

leuchtete wie der Tag. Die Gotter greifen nun selbst zum Hand- 

werkszeuge und legen ein ganzes Jahr hindurch Ziegelsteine, bis das 

Heiligtum, das den Namen Esagila erhielt, und der zu dem Heilig- 

ib-im-u. 
-me-lu-ta. 
3 ) = Ea. 
*) ib-nu-u. 

5 j Die Erwahmraig des Ea ist hier nach dem voraufgeheriden Plural als 
eioschrankende Appositican zu fassen. 

B ) Der Text bietet hier: i-me-du-ni sa-a-su ihm dem Menschen 
auferlegt hatten. 

7 ) Ea. 

8 ) al-ka-kat irsitim u-as-sir. 
8 ) ina same u irsitim. 

10 S A-nun-na-ki sa same u irsitim 1 . 



a ) ib- 
=) a-r 



12 ) pa-rak-ki. 

5* 



Do "~~ 

tume gehorende Tempelturm gliicklich vollendet 1st. Dann versam- 
meln sie sich zum gemeinsamen Festmahle. Marduk begraBte die 
Gotter, seine Vater, mit der Erklarung: ,,Dies ist Bab-ili, der Sitz 
eurer Wohnung. Freuet euch hier und feiert ein Fest!" Nach dem 
Mahle erhielten die Goiter am Himmel und auf Erden ihre beson- 
deren Platze. Enlil hob dann den Bogen des Marduk empor, der 
ebenso wie sein Thronsitz unter die Sternbilder versetzt wurde. 
Hieran schlieBt sich nach einer kleinen Lucke eine besondere Lobes- 
erhebung des Marduk, bei der die Gotter zugleich ihre eigenen 
nicht immer ganz selbstlosen Wunsche vortragen. Seine Herrschaft 
soil iiberragend sein; er soil die Feinde unter sein Joch zwingen, 
iiber die Menschen die ,,Hirtenschaft" ausuben. Er soil dafiir 
sorgen, daB sie den Gottern reichliche Opfer darbringen, so da6 
diese stets zu ihrem Rechte kommen. Die Gotter sollen ihn jedoch 
als ihren Konig anerkennen und huldigend zu seiner lichten Wohn- 
statte wandeln auf ewig. Hierauf machen Ansar, Lachmu und 
Lachamu den Vorschlag, die 50 Namen des Marduk zu nennen. 
Die Namen werden sodann aufgezahlt und im einzelnen begrundet. 
Man feierte ihn als ,,Asari", den Geber des fruchtbaren Landes, der 
die Saaten festsetzt, Getreide und Pflanzen schafft und das Grim 
hervorkommen lafit, als ,,Tutu", den Urheber der in dem Gedichte 
behandelten Erneuerung 1 ), als ,,Tutu Ziukinna", der dem Volke das 
Leben verleihf ), als ,,Tutu Zikug", den Gott des reinen Lebens 3 ), 
als ,,Tutu Agakug", den ,,Herrn der reinen Beschworung 4 ), der den 
Toten lebendig macht, der gegen die gefangenen Gotter Erbarmen 
faBte, das auferlegte Joch den Gottern, seinen Feinden, abnahm, 
zu ihrer Erlosung die Menschheit erschuf", als ,,Sazu", der die 
Herzen der Gotter durchschauf ), als ,,Nikingu", der den Kingu 
fortschleppte, als ,,Nibiru", der die Batmen der Sterne bestimmen 
soil, als ,,Bel matate", den ,,Herrn der Lander". Das war bis dahin 
der Gott Enlil gewesen. Enlil tritt aber jetzt zuriick und iiberlaBt 
die Herrschaft dem Marduk. Und Ea, der Vater des Marduk, wurde 
durch die Ehrungen so freudig bewegt, daB ^r sich ohne Bedenken 
zu demselben Schritte entschloB. Er gestattete ihm sogar den 
Gebrauch seines eigenen Namens. 

,,Er, dessen Namen seine Vater herrlich gemacht haben, 

er heiBe, wie ich selbst, Ea! 

Den ganzen mir zukommenden Dienst ubernehme er ganz, 

alle meine Weisungen erteile er!" 

Hierauf schlieBt das Gedicht mit der Mahnung, die 50 Namen 
dem Gedachtnisse einzupragen und stets gebuhrend zu beachten, 
und mit einem nochmaligen Hinweis auf die Erhabenheit und Gr6Be 
des Gottes. 



*) von tu = tud =r erzeugen oder entstehen lassen. 

2 ) Zi = Leben; ukinnu = Versamnil i ung. 

3 ) Kug = rein. 

Aga = Tiara; agakug = reine Tiara. 
Herz; zu = wissen. 



4 ) Aga 

5 ) Sa. = 



,,Sie sollen festgehalten werden! Der Erste soil sie verkunden; 

der Weise und der Kundige sollen sie zusammen erwagen; 

der Vater erzahle sie, prage sie ein seinem Sohne; 

dem Hirten und dem Hiiter seien geoffnet die Ohren; 

er freue sich iiber den Herrn der Gotter, Marduk, 

damit sein Land fruchtbar werde, ihm selbst es wohl ergehe! 

Sein Wort steht fest; unabanderlich ist sein Befehl. 

Den Ausspruch seines Mundes macht kein Gott zunichte. 

Er schaut und wendet nicht seinen Nacken; 

wenn er ziirnt, tritt seinem Zorne kein Gott entgegen. 

Weit ist sein Herz, groB sein Verstand." 

Der Text ist in dieser Form offenbar ein Werk der Esagila- 
priester von Babylon. Er wurde dort nach einem noch vorhandenen 
Ritual zu Beginn eines jeden Jahres bei den iiblichen Neujahrsfeier- 
lichkeiten im Tempel offentlich vorgelesen 1 ). Dieser Umstand biirgt 
allein schon fur das hohe Alter der Dichtung. Die Bruchstiicke aus 
Assur stammen ,,etwa aus dem Ende des 9. vorchristlichen Jahr- 
hunderts" 2 ); sie stimmen aber mit den babylonischen Texten, soweit 
wir es verfolgen konnen, bis auf die Namen der in Betracht kom- 
menden Gottheiten wortlich iiberein. Wir mussen hieraus den 
SchluB ziehen, daB man in Assyrien auf die Beibehaltung" des 
urspriinglichen Textes schon damals einen besonderen Wert legte. 
Man las es dort, wie wir annehmen diirfen, wenigstens in den Tagen 
des Sennacherib ebenfalls bei der Feier des Neujahrsfestes. Der 
Inhalt war auf dem Bronzetor am ,,Neujahrsfesthause des Gottes 
Assur", das dieser Konig nach langem Verfall wieder errichten 
lieB, in den wichtigsten Einzelheiten mit besonderer Sorgfalt zur 
Darstellung gebracht. Man sah hier den Gott Assur, wie er mit 
seinem Bogen neben dem Ziigelhalter Amurru ,,auf dem Wagen 
fahrt" und ,,in die Tiamaf hinein zum Kampfe zieht", sowie ,,die 
Gotter, die vor ihm gehen und hinter ihm gehen, die zu Wagen 
fahren, die zu FuB gehen, und wie sie vor Assur geordnet sind 
und hinter Assur geordnet sind, und Tiamat sowie die Brut in ihr, 
in die Assur, der Konig der Gotter, hineinzieht zum Kampfe 3 ). In 
Babylon hatte der Konig Agukakrime schon um das Jahr 1600 auf 
dem groBen Doppeltor von "Esagila die Ungeheuer anbringen 
lassen, die der Tiamat zur Seite gingen, ,,eine Schlange, einen 
Lachmu, einen Widder, einen Orkan, einen tollen Hund, einen 



*) Vgl. besonders H. Zimmernt, Das babylonische Neujahrsfest (Der Alte 
Orient, Bd. 25, Heft 3, Leipz. 1926) S. 7 ft 

2 ) Ebeling bei Gressmann S. 108. 

3 ) nach detn Texte K 1356 bei Meissner u. Rost, Batdnschrifteii Sanheribs, 
Tafel 16 und (in Umschrift) S. 98 If. Uebersetzungen besonders von Zimrnern, 
Zum babylonischen Neujahrsifest, Berichie der Kgl. Sachs. Qesellsch. der 
Wissensch., Bd. 58 (1903), S. 143 ff., von Ungnad bei Gressmann, Texte und 
Bilder zum Alten Test. S. 30 und von Eheling in der zweiten Auiflaffe dieses 
Werkes S. 13233. 



70 

Fischmenschen und einen Ziegenfisch" 1 ). Die Dichtung kann aber 
erst zu einer Zeit entstanden sein, wo Marduk, friiher ein bescheide- 
ner Lokalgott der kleinen Stadt Babel, wirklich schon als der erste 
Gott des ganzen Landes verehrt wurde. Dieser Wechsel vollzog 
sich im AnschluB an die kriegerischen Erfolge des Konigs Cham- 
murabi. 

Die Abweichungen, denen wir in dem B.erichte des Berossus 

begegnen, sind in mehrfacher Hinsicht sehr auffallend. Man erwartet 

von einem Priester von Esagila, daB ihm der Wortlaut der Dichtung 

genau bekannt war. Das scheint aber kaum der Fall gewesen zu 

sein. Er schildert offenbar nach dem Gedachtnis, und zwar unter 

ausdriicklicher Berufung auf die bildlichen Darstellungen, die 

damals im Tempel vorhanden waren. Diese gingen in den Einzel- 

heiten, wie wir aus seinen Aufzeichnungen entnehmen miissen, 

iiber die Angaben des Epos zum Teil erheblich hinaus. An der 

Spitze der Ungeheuer stand nach seinen Ausfuhrungen ein Weib 

mit Namen Omoroka, was im Chaldaischen, wie er sich ausdriickt, 

soviel wie Tiamat oder Meer bedeutet. Er macht also zwischen 

Omoroka, die der Ummu-yubur des keilinschriftlichen Textes ent- 

spricht, und der Tiamat gar keinen Unterschied. Nur halt er die 

erste Bezeichnung, wie es scheint, fur sumerisch und die zweite 

fur semitisch. Omoroka enthalt aber ebenso wie Ummu-yubur in 

den beiden ersten Silben zunachst das semitische Wort ummu 

Mutter, yubur ist der Name des Totenflusses, der fern im Westen, 

in der Einode gegen Sonnenuntergang, die Grenze der Unterwelt 

bildete. Ummu-yubur ist also die Mutter des Totenreiches. Der 

Geist des Verstorbenen wurde aber schon im Sumerischen als 

idim etimmu bezeichnet. Das ist dasselbe Wort, das in idim = 

sud ruku = fern vorliegt. piese Vorstellungen gingen immittel- 

bar ineinander iiber. Auch Ut-napisti, der babylonische Noe, mit 

dem wir uns noch beschaftigen werden, hat seinen Aufenthaltsort 

ganz in der Feme, ina ruki, so daB er in den Texten mit besonderem 

Nachdruck als ruku, als der Ferae, bezeichnet wird. Es scheint 

sogar, daB wir bei dem sumerischen su = kus = Leichnam ebenfalls 

nur an eine weichere Aussprache von sud zu denken haben. Das 

altertumliche und seltene Wort tjubur lag aber dem Volksempfin- 

den, wie wir annehmen miissen, wenigstens in der spateren Zeit 

sehr fern. Man hatte deshalb nach einem andern Ausdruck gesucht 

und war dabei auf das naherliegende und gleichwertige ruku 

gekommen 2 ). Die Angabe, daB Marduk sich selbst den Kopf ab- 

schlagen lieB, geht jedenfalls auf einen andern Mythus zuriick, in 

dem uns von der Gefangennahme dieses Gottes und hochst wahr- 

scheinlich auch von seinem Tode und von seiner Wiedererweckung 



A ) Keilinsohriftliche Bibliothek, herausgeg. von Eberh. Schrader, Bd. Ill, 
1. Halfte, S. 144. 

2 ) Wir mussen also die Forai Qfjuoqw/.a. trotz des abweichenden Zahlen- 
wertes (vgil. o. S. 53) ohne Zweifel fiir tirspriinglich halten. 



71 

erzahlt wird 1 ). Wir erfahren dort, daB Marduk wegen seiner Ver- 
fehlung von andern Gottern zur Verantwortung gezogen und in 
ein dunkles Gefangnis gesetzt wurde, daB man ihn geschlagen hat 
und daB er gesucht wird. Nabu, sein Sohn, kommt eigens von 
Borsippa, um sich nach seinem Befinden umzusehen. Man lauft in 
den StraBen umher und ruft: ,,Wo wird er gefangen gehalten?" 
Man erhebt die Hande zum Mondgott und zum Sonnengott und 
betet: ,,Bel bullisu", ,,den Bel, mache ihn lebendig!" Der Ausdruck 
kann an und fur sich allerdings ebensogut bedeuten: ,,den Bel, 
erhalte ihn am Leben", aber wir diirfen nicht iibersehen, daB in der 
folgenden Zeile sofort von einem Tore des Begrabnisses geredet 
wird. Auch die griechischen Schriftsteller berichten uns tiberein- 
stimmend von dem Tode und von dem Grabe des Bel. Sie erzahlen 
aber nur, was ihnen in Babylon gesagt oder gezeigt worden 1st. 
Die Vorgange wurden, wie wir aus den Angaben des Textes ent- 
nehmen miissen, bei den Neujahrsfeierlichkeiten in der Form eines 
Festspieles offentlich zur Darstellung gebracht. Es ist deshalb 
durchaus zu begreifen, daB man unter dem Eindruck dieser Vor- 
stellungen das Schicksal des Kingu ganz aus dem Auge verlor und 
auch bei der Schopfung schlieBlich nur noch an das Blut des Mar- 
duk dachte. Auffallend ist nur, daB diese Voraussetzung auch von 
Berossus vertreten wird. Er hat sich hier ebenfalls, wie man sieht, 
in einem wesentlichen Punkte von den Angaben des Dichters 
entfernt. 

Die Bildung der Menschen aus Gotterblut und Lehm wird uns 
auch in andern Texten erzahlt. In einem Fragmente, das nach den 
Schriftzeichen der Periode des Chammurabi angehorf), geht dieser 
Gedanke auf einen Vorschlag der Muttergottin Mami zuriick. Die 
Gotter befinden sich in einer Versammlung. Sie haben beschlossen, 
den Menschen zu machen und ihn auszustatten ,,mit der Gestalt 3 ) 
eines lebenden Wesens". Deshalb rufen sie die Gottin Mami und 
bitten sie, diese Aufgabe zu losen. 

,,Hilfe der Gotter, weise Mami, 

du bist der Mutterleib, 

bildest die Menschen; 



*) in dem Texte VAT 9555 + 9538 (Ebeling, Keilschrifttexte aus Assur 
religiosen Inhalts Nr. 143 + Nr. 219). Uebersetzung-en von Zimmern, Zum 
babyl. Neujahrsfest, Zweiter Bei'trag, Berichte der Sachs. Oesellschaft der 
Wissensch., Bd. 70 (1918), Heft 5, S. 14 ft und von Ebeling bei GreBmann 
a. a. O. S. 320 ff. 

2 ) CuneifoTitn Texts irom Babyl. Tablets of the British Museum VI, 5, und 
Langdon, Sumerian Epic of Paradise etc. {University of Pennsylvania, The 
University Museum, Babyl. Sect. X, 1) S. 25 f. und Tafel III IV. Ueber- 
setzungen auoh von Ungnad, Rel. der Bab. u. Ass. S. 55 (teilweise) und 
von Ebeling bei Gressmann S. 134. Die Tafel enthielt urspriing-lich (nach 
Langdon S. 24 Anm. 7) sechs Spalten mit jedesmal 40 Zeilen. Sie ge- 
horte wahrscheinlich zu einemi groBeren und sonst nicht mehr bekannten Epos. 

3 ) su-kad (Z. 4 u. Z. 11) = gis-har = usurtu = Bild (MeiBner, Seltene 
assyrische Ideogramme Nr. 5083; Deimel, Sumerisches Lexikon Nr. 354, 74). 



72 

so bilde den Lulla 1 ), daB er trage das Joch! 

Er soil tragen das Joch ; 

mit der Gestalt eines lebenden Wesens soil der Mensch aus- 

gestattet sein!" 

Hierauf ofinete sie den Mund und sprach zu den groBen 
Gottern: 

,,Bei mir 1st es nicht moglich 

Mit seinem 1st er 

Er soil wal[ten] iiber alles 2 ). 

Lehm soil und Blut " 

Dann nahm der Gott Enki = Ea das Wort und erklarte den 
Gottern: 

,,Im Monat 

1st eine Reinigung des Landes, ein Gericht 

Einen der Gotter 8 ) sollen sie schlachten! 

Die Gotter sollen sich reinigen im Ger[icht]e 4 )! 

Mit seinem Fleisch und seinem Blute 

soil die Gottin Ninhursag 5 ) Lehm mischen! 

Gott und Mensch 

soil , soil sich vereinigen im Lehm!" 

In einem Texte aus Assur 6 ) wird der Plan ebenfalls auf eine 
Besprechung der Gotter zuruckgefuhrt. 

,,Als die obere und die untere Welt fest vollendet war, 

als die Mutter der Gottinnen ins Dasein getreten, 

als die Erde hingesetzt, die Erde erbaut war, 

als die Geschicke von Himmel und Erde festgesetzt waren, 

als Kanal und Graben in ihre Richtung gebracht waren, 

die Ufer von Tigris und Euphrat festgelegt waren, 

da lieBen Anu, Enlil, Samas und Ea, die grofien Gotter, 

die Anunnaki, die groBen Gotter, 

in erhabenem Gemache sich niedersetzen 

und berichteten aus freiem EntschlieBen uber das Er- 

schaffene: 

Da die Geschicke von Himmel und Erde festgesetzt sind, 
Kanal und Graben in ihre Richtung gebracht sind, 
die Ufer von Tigris und Euphrat festgelegt sind, 
( was sollen wir da andern, 
was sollen wir da schaffen? 



*) den Menschen; vgi. oben S. 66. 

2 ) su-u-ma pa-k[i-i]d ka-la-ma. Pakadu = iiberwachen, beaufsichtigen, 
regieren. 

3 ) ilam is-ie-en, ei'nen Gott, mit Betommg der Zahlenangiabe. 
*) li-te-el-li-l[u] Hani i-na di-i(?)-ni(?). 

5 ) Hier wohl eine andere Bezeichnving fiir Mami. 

6 ) Keilschrifttexte aus Assur rel. Inh. Nr. 4; iibersetzt von Ebeling, 
Zeitschr. der Deutschen Morgeral, Gesellsch,, Bd. 70 (1916), S. 532 if. und 
bei GreBmann S. 134 ff., und von Ungnad, Rel. der Bab. >u. Ass. S. 56 f. 



O Anunnaki, ihr groBen Gotter, 

was sollen wir andern, 

was sollen wir schaffen? 

Die groBen Gotter, die da standen, 

die Anunnaki, die Gotter, die das Schicksal bestimmen, 

die beiden 1 ), antworteten dem Enlil: 

In Uzu-mu-a 2 ), der Verbindung von Himmel und Erde, 

wollen wir die beiden Lamga 3 ) schlachten; 

aus ihrem Blute wollen wir die Menschheit schaffen; 

der Dienst der Gotter soil ihre Aufgabe sein. 

Auf ewig sollen sie den Grenzgraben festsetzen, 

den allu 4 ) und das Ziegelbrett in die Hand nehmen, 

das Haus der groBen Gotter zu erhabenem Heiligtum er- 

bauen, 

die Fluren umgrenzen, 
auf ewig den Grenzgraben festsetzen, 
dem Kanal den richtigen Lauf geben, 
den Markstein aufstellen, 

bewassern, die Pflanzen zum Wachsen bringen, 

Wind und Regen , 

die Grundfesten legen, 
Getreidehaufen aufschutten, 



das Feld der Anunnaki zum Gedeihen bringen, 
den UeberfluB im Lande vermehren, 
das Fest der Gotter feiern, 



*) die Anunnaki des Himmels und der Erde? 

2 ) Uzu = Fleisch; mu sar (Deimel, Sum. Lexikon Nr. 152 IV) 
= in die Erscheitwmg treten, entstehen, geschaffen werden. Also ein Ort, 
wo das Fleisch geschaffen wurde! 

3 ) den ,,LaTnga-Lam!ga" mit dera in der folgenden Zeile vorkommenden 
Possessi vpronomen im Plural! 

4 ) Ein Gegenstand, der bei der Herstellung der Ziegelsteine igebraaxcht 
wurde. Man benutzte hierzu nach den vo<rhandenen Angaben auBerdem noch 
den marra, den nalbanu oder die nalbaotu und den dupsikku. Marru = 
Hacke; nalbanu bezeichnet ebenso wie nalbantu die Form, die man ge- 
brauchte; dupsikku 1st das Tragbrett. Diese Gegenstande werden in den 
Texten zwar niemals alle ziusajnimen, aiber stets in derselben Auifeinander- 
fplge genannt. Der allu steht immer an der Spiize, und das Traigbrett wird 
iiberall am^SchluiB au%e{iilirt. Der marru hat seinen Platz zwischen dem 
allu und dem nalbanu. Vgl. fur diese Reihenfolge z. B. Sarg.. Cyl. 56. 
Assurb. Rassamcyl. X 92, und Nabopolassar >(Langdon, Die neubaibyl. Konigs- 
inschriften) Nr. 1 I 42 und III 12. Das ist offenbar die Auieinanderfolge, 
in der die Werkzeuge nacheinander gebraucht wurden. Der allu kann des- 
halb nur das Gerat sein, mit dem' der Lehm zunachst losgegraben wurde. 
Er wurde also zu derselben Arbeit benutzt, die wir heutzutage mit dem 
Spaten verrichten. DaB dieses richtig ist, ersieht man auch aus der Art, 
wie man den allu zu gebrauchen pflegte. Die Texle sprechen in diesem 
Zusamnrenhange stets von einer Tatigkeit, die man mit dem Verbum daragu 



kaltes Wasser ausgieBen 

an der groBen Wohnstatte der Gotter, die geschaffen 1st 

zum erhabenen Heiligtum. 
Ulligarra und Zalgarra 1 ) sollen sie heiBen, 
Rind, Schaf, Ziege, Esel, Fisch, Vogel, 
den UeberfluB des Landes sollen sie mehren, 
den Enul und die Nimil 2 ) sollen sie mit ihrem reinen Munde 

verehren. 

Du, Arum, wirst zur Herrschaft gelangen, 
wirst ihnen selbst groBe Geschicke bestimmen. 
Weise und Unfahige 
werden wie Korn, das von selbst aus der Erde sprieBt, 

geboren(?) werden. 

Unveranderlich wird sein das Gestirn auf ewig, 
bei Tag und bei Nacht das Fest der Gotter zu vollenden. 
Von selbst werden die groBen Geschicke bestimmt werden. 
Von Anu, Enlil, Ea und Ninnah, den groBen Gottern, 
wurde an die Stelle, wo die Menschheit geschaffen, 
an diese Stelle die Gdttin Nisaba 3 ) gesetzt" 

Der Gott, der nach diesem Texte zum Tode verurteilt wird, ist 
nach der Ausdrucksweise des Verfassers der zweifache oder dop- 
pelte Lamga. Der Name begegnet uns an anderen Stellen 4 ) als 
eine Bezeichnung des Mondgottes, und zwar in einer eigenartigen 
ideographischen Schreibung, die in ihrer Grundform kaum einer 
Erklarung bedarf. Das Ideogramm besteht in den altesten Texten 5 ) 
aus drei verschiedenen Einzelzeichen, aus dem Zeichen fiir zal 
= aufleuchten, dem Zeichen fiir igi = Auge und dem Zeichen fiir 
su = bedecken oder verdunkeln, wie es z.B. in den Schreibungen 



bezeichnete. Dies fiihrt uns auf das arabische daraga = treten. Vgl. dafiir 
besonders V. Christian in dea- Zeitschr. f . Assyriologie Bd. 37, Neue Folge 
Bd. 3 (1927), S. 223^224). Die Amunnaki griffen nach dem Schppfungsepos 
beim Bau von Esagila selbst zum allu und handhabten ihn in dieser Weise. 
Id-ru-g[u] al-lu. wenn man jemanden zum Treten des allu veranlaBte, 
wurde dieses durch das kausative sudrugu ausgedruckt. Es war also ein 
Spaten, den man mit dem FuB in den Boden trat. Das hatte bei dieser ersten 
Arbeit sicher seine guten Griinde. Wenn der Lehm dann aus der Erdschicht 
herausgehoben war, wurde er mit der Hacke bearbeitet, bis man ihn schlieB- 
li'Ch in die Form driicken konnte. Ueber die Gestalt dieser Hacke kann man 
ebenso wie beim allu vielleicht noch verschiedener Meiniing sein. 

*) Ueppigmacher und Reichmacher. 

2 ) den Gott und die Gottin der Ueppigkeit. 

3 ) die Gottin des Getreides. 

*) Briinnow, Classified List Nr. 11666, MeiBner, Seltene ass. Ideo- 
gramme Nr. 8533, und Deimel, Sumerisches Lexikon Nr. 560a. Vgl. 
Deimel, Pantheon Babyl. Nr. 1823. 

B ) Vgl. besonders die Formen bei Thureau-Dangin, Recherches sur 
1'origine de PEcriture Cuneiforme Nr. 323, Barton, The Origin and Develop- 
ment of Babylonian Writing Nr. 503, und Deimel, Liste der archaischen 
Keilschriftzeichen von Fara Nr. 502 



fur usu = ud-su = Bedeckung oder Verdunkelung der Sonne 1 ) 
und fur sus = susu = su-su = Dunkelheit 2 ) vorliegt. Wir haben es 
bei dem Schriftzeichen also mit einer Verbindung von Aufleuchten 
+ Auge + Dunkelheit zu tun. Es bezeichnet ein Aufleuchten nach 
vorhergehender Finsternis. Hierzu kommt aber noch eine zweite 
Bedeutung, die mit dem Hervortreten des Lichtes an und fiir sich 
gar nichts zu tun hat. Das Zeichen war besonders auch als Ideo- 
gramm fiir das akkadische namgaru nangaru = naggaru = 
Schreiner in Gebrauch; nur wird es in diesem Falle nicht lamga, 
sondern nagar gelesen. Dies geht aber selbst wieder auf naggar 
namgar zuriick. Wir haben hier also, wenn wir an der Grund- 
form festhalten, in dem einen Falle die Wiedergabe durch 
lamga und in dem andern die Umschreibung durch namgar. Diese 
Formen zeigen dieselben Vokale und in der Mitte dieselben Kon- 
sonanten; sie unterscheiden sich nur im Anfange und am SchluB. 
Im Anfange bietet das eine Wort ein 1, das andere dagegen ein n. 
Diese Laute gingen auch sonst im Sumerischen oft ineinander uber. 
Wir finden dort z. B. ein til = leben und ein tin = leben, ein 
dul = Loch und ein dun = Loch, ein sudul = sudun = Joch und 
ein kalam = kanam = Land. Die Endkonsonanten waren in der 
Aussprache so schwach, daB sie oft ganz verschwinden. Das ist 
auch bei dem auslautenden r der Fall. Damit sind die Abweichun- 
gen befriedigend erklart. Sie bewegen sich ganz im Rahmen der 
sumerischen Sprachgesetze, so daB wir die beiden Formen ohne 
weiteres einander gleichsetzen diirfen. Wir erhalten hier also die 
Gleichung lamga = namga = namgar = namgaru. Die akkadische 
Bezeichnung kann nach dieser Zusammenstellung nur aus dem 
Sumerischen stammen. Sie ist in ihrer Grundform noch alter als 
die Wiedergabe durch lamga, die schon in der sumerischen Zeit 
aus dieser Form hervorgegangen ist. Man konnte nun versucht 
sein, in dem Ausdruck eine Nominalbildung von gar = machen 
zu vermuten. Dies wiirde aber zu einer Bedeutung fiihren, die 
den Schreiner von einem andern Handwerker gar nicht unter- 
scheidet. Es wurde uns zugleich vor die Frage stellen, was der 
Mond mit einer solchen Tatigkeit zu tun hat, und auch den An- 
deutungen des Schriftzeichens in keiner Weise gerecht werden. Man 
erwartet vom Monde, daB er leuchtet. Das Schriftzeichen setzt ein 
Aufleuchten in der Dunkelheit voraus. Diese Bedeutung tritt uns 
im Sumerischen auch in dem Worte kar = nabatu = napahu 3 ) 
entgegen. Nabatu = emporstrahlen. Es wird in diesem Sinne so- 
wohl vom Einsetzen des Tageslichtes als auch vom Erscheinen 
der Sterne gebraucht. Napahu = blasen oder anziinden; intrans. 
= hervorstrahlen, emporleuchten oder aufgehen. DaB wir hier auf 



^ Deimel, Sum. Lexikon Nr. 447. 

2 ) Deimel, Sum. Lexikon Nr. 411, 2325. 135; 545, 4. 12. 18. 42; De- 
litz&ch, Sumerisches Qlossar S. 265. 

3 ) Deimel, Sum. Lexikoa Nr. 105 Ha 5 6. 



76 

dem- richtigen Wege sind, ersieht man auch aus der Gleichsetzung 
von namgant mit dem sumerischen is-su-kar 1 ). Wir erfahren hier 
von einem namgaru, bei dem man ebenfalls von einem Aufleuchten 
sprechen muBte. Das Aufleuchten wird in diesem Zusammenhange 
mit su 2 ) = katu = Hand in Verbindung gebracht. Es erfolgt also 
bei der Arbeit, die er zu leisten hat. Dies ftihrt uns zu derselben 
Bedeutung, die Figulla schon aus dem Ideogramm fur gurgurru = 
Kupferschmied erschloB 3 ). Der Kupferschmied war nach diesem Ideo- 
gramm der namgaru des Kupfers. Er bearbeitet das Kupfer wie 
der Schreiner das Holz bearbeitet. Die beiden Handwerker hatten 
in der Art ihrer Tatigkeit etwas Gemeinsames. Sie werden in den 
Vokabularen auch mit dem sadimmu zusammengestellt, der in der- 
selben Weise den Stein zu bearbeiten hatte. Im Hebraischen wurde 
diese Arbeit durch das Verbum haras ausgedriickt. Man unterschied 
hier nach den vorhandenen Angaben einen haras 'esim oder einen 
haras, der in 'Holz arbeitete, einen haras barzel, der Eisen zu be- 
arbeiten hatte, einen Jiores nehoseth, der Kupfer oder Bronze ver- 
arbeitete, und einen haras eben, der dem Stein seine Form gab. 
Holzarbeiter und Steinhauer werden I Chron. 22, 15 als harase 
eben wa'es bezeichnet, Holzarbeiter und Schmiede konnten also, 
wie wir annehmen diirfen, in derselben Weise als harase 'es ubarzel 
zusammengefaBt werden. Diese Gleichsetzung stammt noch aus 
einer Zeit, wo die einzelnen Berufskreise sich erst allmahlich aus 
der ursprunglichen Gemeinschaft herauslosten. Die Schreiner, 
Schmiede und Steinarbeiter galten damals noch im weitesten Sinne 
des Wortes als ,,Former", die sich bei ihrer Tatigkeit noch gar nicht 
auf ein bestimmtes Material beschrankten. Es ist deshalb durchaus 
zu begreifen, daB die Bezeichnungen, die sich auf diese Tatigkeit 
bezogen, in ihrer Bedeutung mitunter eine Verschiebung erfuhren. 
Das akkadische namgaru geht in seiner Grundform auf dieselbe 
Wurzel zuriick, die sich in gurgurru = Kupferschmied, in gir = 
kiru = kuru = Ofen und in kur = backen erhalten hat. Es ist nur 
eine weichere Aussprache fur das ebenfalls zu dieser Gruppe ge- 
horende namkar = Aufleuchten. Dies bezeichriete sowohl das Auf- 
leuchten der Sterne als auch das Aufleuchten, das man bei der 
Tatigkeit des Schmiedes beobachtete. Da die Holzarbeiter aber 
viel haufiger waren als die Metallarbeiter, trat der Gedanke an die 
Schmiede schlieBlich ganz in den Hintergrund. Der namkar wurde 
dadurch zum Schreiner, und die Schmiede hatten sich, wenn wir 
uns so ausdriicken diirfen, zur Hervorhebung ihrer Eigenart nach 
einer andern Bezeichnung umzusehen. Sie blieben aber bei der 
Vorstellung, die auch im Sumerischen zugrunde liegt, und brachten 
diesen Gedanken dann im Akkadischen durch das zu napahu ge- 
horende nappalju zum Ausdruck. Wir haben es also bei dem 



A ) MeiBner, Settene ass. Ideogramme Nr, 4022. 

2 ) Deimel Nr. 254. 

3 ) Orient. Uteralurz., Jahrg. 17 (1914), Sp. 459. 



77 

Gotte Lamga = namga = namgar nach der alteren Bedeutung 
dieses Wortes mit derselben Erscheinung zu tun, die uns auch bei 
der Tatigkeit des Schmiedes iiberrascht. Es war das Aufleuchten 
oder das Sichtbarwerden des Mondes am ersten Tage des Monats. 
Der Mond zeigt dann dieselbe Gestalt wie bei seinem Verschwinden 
am 28. des vorhergehenden Monats, nur ist die Sichel am 28. nach 
Westen und am 1. nach Osten geofmet. Die Zeit vom 28. bis zum 
1. war fur die Sumerer und auch spater noch fur die Babylonier eine 
Zeit der Trauer. Der 28. wird in diesem Sinne geradezu als urn kispi 
oder als ein Tag des Totenopfers bezeichnet. Man rechnete also 
mit der Moglichkeit, daB der Mond inzwischen gestorben war, 
und konnte sich erst wieder freuen, wenn die Zeit der mondlosen 
Nachte voriiber war. Wenn wir dieses zusammenfassen, ist der 
Grundgedanke unseres Textes fiir jeden sofort verstandlich. Der 
Gott, der sein Leben hingeben muBte, ist der Mondgott in der 
Gestalt, in der er uns am Ende des Monats und am Tage des 
Neumondes entgegentritt. Die beiden Formen unterscheiden sich 
nur durch ihre Stellung. Sie werden deshalb als eine Doppelgott- 
heit betrachtet, die in ihrer Eigenart an den lateinischen Janus 
erinnert. Das Verschwinden dieses Gottes wird in dem Mythus 
ebenfalls auf seinen Tod gedeutet. Die Gotter haben seinen Tod 
beschlossen, um aus seinem Blute die Menschen zu bilden. Wir 
haben hier also dieselbe Vorstellung, die sich in Babylon mit der 
Person des Marduk verband. Die Erschaffung der Menschen ist 
an einem Orte erfolgt, der in dem Texte als Uzu-mu-a oder als der 
,,Ort der Erschaffung des Fleisches" bezeichnet wird. 

Der Inhalt des Textes wird in einer SchluBbemerkung als ein 
Geheimnis bezeichnet, das der Schreiber als ,,Wissender" dem 
,,Wissenden" bekanntgeben mochte. Die Lucke, die hi der Nieder- 
schrift vorhanden ist, erklart sich nach seiner Angabe aus dem 
Zustande der Vprlage, die an dieser Stelle schon zerstort war. Der 
Text war also jedenfalls schon sehr alt. Er kann ebenso wie das 
Schopfungsepos nur im Schatten eines Tempels entstanden sein. Die 
Sorge fiir die Errichtung und Pflege der Heiligtiimer nimmt fiir den 
Verfasser unter den Pflichten des Menschen den ersten Platz ein. 

Diese Auffassung tritt uns auch in einem Ritualtexte entgegen, 
der fiir den Wiederaufbau eines Tempels genaue Vorschriften ent- 
hielt 1 ). Wenn der Tempel eines Gottes baufallig geworden war, 
wurde vor dem Abbruch zunachst ein Trauergottesdienst veran- 
staltet, mit Klageliedera und verschiedenen Opferhandlungen. Hier- 



Oefunden bei den Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellachaft in 
Babylon, veroifetitlicht uod zum. ersten Male iibersetzt von Weiftba-ch, Baby- 
lonische Miscellen, Tafel 12 und S. 32 if. Umschrift und Uebersetzung a-uch 
bei Jensen, Keilinschriftliche Bibliotheik, Bd. VI, 2. Teil, S. 46 if. Uebersetzungen 
des Schopfungsberichtes u. a. von Ungnad bei GreBmann, Altor. Texte imd 
Bilder zum Alten Test. S. 25 u. Rel. der Bab. -u. Ass. S. 54 I. utDd von Ebeling 
in der zweiten Aufl. der Altor. Texte S. 129 f. 



78 

bei hatte der Priester am SchluB vor einem Ziegelstein, den man 
von dem alten Gebaude nahm, den Text vorzutragen: 
,,Als Arm den Himmel geschaffen, 
Nudimmud den Ozean, seine Wohnung, geschaffen, 
kniff Ea im Ozean Lehm ab, 

schuf er den Ziegelgott zu Erneuerung [der Tempel], 
schuf er Rohr und Holz zur Arbeit des Bau[ens], 
schuf er den Zimmermannsgott, den Schmiedegott und den 

des Gebetes 1 ) zur Vollendung der Arbeit des Ba[uens], 

schuf er Gebirge und Meere fur , 

schuf er den Goldschmiedegott, den Ninagal 2 ), den Stein- 

schneidergott und den Ninkurra zum Werke . . . . , 

und ihren reichlichen Ertrag fur Opfergaben , 

schuf er Asnan 3 ), Lahar 4 ), Shis 5 ), Ningizzida 6 ), Ninsar 

und A . . . ., 

um reich zu machen die standigen Ga[ben], 
schuf er den Umunmutanku 7 ) und den Umunmutannag 8 ), 

die Opfer[gaben] darzureichen, 
schuf er Kusigga, den Oberpriester der groBen Gotter, um 

auszufiihren die Riten und Vor[schriften], 
schuf er den Konig zum Pfleger [der Tempel], 
schuf er die Menschen, um [den Dienst] zu verrich[ten]." 

Der Text gehort der spateren Zeit an. Obschon er aus Babylon 
stammt, wird Marduk in den Angaben iiber die Schopfung gar 
nicht erwahnt. Man sieht also, daB sogar an demselben Orte 
mehrere Auffassungen unabhangig nebeneinander bestanden. Der 
Verfasser denkt zwar an Esagila und an den Hofstaat des Marduk, 
er fiihrt aber die Geschopfe nicht auf Marduk, sondern auf Ea 
zuriick. 

Die Darstellung unterscheidet sich von den vorhergehenden 
Schilderungen besonders durch das nahezu vollstandige Fehlen der 
mythologischen Einkleidung. Wir erfahren nur, daB Ea Lehm nahm 
und aus diesem Lehm zunachst die betreffenden Gotter und dann 
den Konig und die iibrigen Menschen bildete. Dieses Zuriicktreten 
der Mythologie zeigt sich auch in einem Lehrgedichte aus der nord- 
babylonischen Stadt Sippar 9 ). Der Schopfungsgott ist hier wieder 



2 ) 
3 ) 



Es handelte sich um den Neubau eines Tempels! 

= Herr der groBen Kraft, ebenfalls ein Gott der Schmiede. 

Eine Getreidegottheit. 
*) Ebenfalls eine Gottheii des Getreides. 
B > Die Gottin des Rauschtrankes. 

6 ) Der Vater des Tamimuz. 

7 ) = Mina-ifcul-beli = Was ifit mein Herr? Dies war nach einer andern 
Stelle, wie Hommel zuerst erkannt hat (Orient. Literaturz., 10. Jahrg., 1907, 
Sp. 483), der Backer des Marduk in Esagila. 

8 ) = Mina-isti-beli = Was trinkt mein Herr? Name des Munldschenkes 
von Esagila. 

) Cuneiform Texts from Bab. Tablets XIII, 35 37. Uebersetzungen u. a^ 
von Zimmern bei Gunkel, Schopfung u. Chaos S. 419 f., von Jensen Keilinschr. 



79 

der Gott Marduk. Von den iibrigen Gottern wird nur die auch in 
dem vorletzten Texte schon genannte Gottin Aruru erwahnt. 

,,Ein heiliges Haus, ein Haus der Goiter, war an heiliger 

Statte noch nicht erbaut, 
Rohr noch nicht hervorgesprossen, ein Baum noch nicht 

geschaffen, 
ein Ziegel noch nicht hingelegt, eine Ziegelform nicht fertig- 

gestellt, 

ein Haus nicht gebaut, eine Stadt nicht gegrundet, 
eine Stadt nicht gebaut, Menschengewoge nicht hineingelegt, 
Nippur 1 ) nicht gebaut, Ekur 2 ) nicht gegrundet, 
Uruk 3 ) nicht gebaut, Eanna 4 ) nicht gegrundet, 
der Ozean nicht geschaffen, Eridu 5 ) nicht gegrundet, 
die Wohnung eines heiligen Hauses, des Hauses der Gotter, 

nicht hergerichtet. 

Die Gesamtheit der Lander war Meer. 
Als die Mitte des Meeres noch ein Strudel war 6 ), 
wurde Eridu gebaut, Esagila gegrundet, 
Esagila, das in der Mitte des Ozeans Lugal-du-kugga 7 ) 

bewohnte. 

Babel wurde gebaut, Esagila vollendet, 
die Anunnaki wurden geschaffen alle zumal. 
Die heilige Stadt, die Stadt der Freude ihres Herzens, 

benannten sie rait hohem Namen. 
Marduk fugte einen Rohrbau auf der Oberflache des Wassers 

zusammen, 
schuf Erde und schuttete sie nieder an der Seite des 

Rohrbaues. 
Um die Gotter wohnen zu lassen in einer Wohnung, die das 

Herz erireut, 
schuf er die Menschen, 

schuf die Gottin Aruru den Samen der Menschen mit ihm, 
Tiere des Feldes, lebende Wesen, erschuf er auf dem Felde. 
Den Tigris und den Euphrat erschuf er und legte sie an 

ihre Statte, 

benannte sie schon mit ihren Namen. 
Schilf, Riedgras, Rohr und Gebiisch erschuf er, 
das Kraut des Feldes schuf er. 



BibL Bd. VI, l.Teil S.38ff., von Ungmad bei GreBmann a. a. O. S.27f. und 
Rel. der Bab. u. Ass. S. 52 ff., und von Ebeling bei GreBmann in der zweiten 
Aufl. S. 130 L 

*) jetzt Nuffar, in Mittelbabylonien, etwa 90 km siidostlich von Babylon.. 

2 ) der bekannteste Tempel in Nippur, dem Enlil geweiht. 

3 ) heute Warka, siidlich von Nippur. 

*) Tempel in Uruk, ein Zentrum des Istar- und Anuikultes. 

5 ) Stadt im siidlichsten Teile des Landes, besonderer Sitz des Eakultes. 

6 ) noch Wasser war, noch nicht von der Erde ausgefiillt wurde. 

7 ) = Konig des erhabenen Gemaches, einer von den 50 Namen des Marduk. 



- QQ 

Die Lander, das Ried und das Rohricht, 

die Wildkuh und ihr Junges, das Wildkalb, das Mutterschaf 

und ihr Junges, das Lamm der Hiirde, 
Baumgarten und Walder, 
der Ziegenbock und der Steinbock erhielten von ihm ihr 

Dasein 1 ). 
Der Herr Marduk schiittete am Rande des Meeres eine 

Terrasse auf, 

Schilf, legte trockenes Land 2 ) bin, 

lieB .... entstehen, 

.... erschuf er, Baume erschuf er, 

.... schuf er an dem Orte, 

, schuf eine Ziegelform, 

[erbaute Hauser], schuf eine Stadt, 

[erbaute eine Stadt und] setzte Menschengewoge hinein, 

[Nippur erbaute er], Ekur schuf er, 

[Uruk erbaute er, Eann]a schuf er" 3 ). 

Die Auffassungen dieses Textes sind mindestens sehr eigenartig. 
Es gab ein Eridu und ein Esagila, als die Erde in ihrer jetzigen 
Gestalt noch nicht vorhanden war. Esagila lag also zunachst mitten 
im Ozean. Hierauf bildete Marduk einen Rohrbau und schiittete 
Erde daneben auf. Dann erschuf er im Verein mit der Gottin Aruru 
das Menschengeschlecht. Nach der Erschaffung des Menschen- 
geschlechtes wurde die Tierwelt ins Dasein gerufen. Da fur das 
Gedeihen der Pflanzenwelt eine ausgiebige Bewasserung des Bodens 
erforderlich war, muBten hierauf zunachst die beiden Hauptfliisse 
des Landes geschaffen und an ihre Platze gebracht werden. Als 
dieses geschehen war, entstanden Schilf, Riedgras, Rohr und 
Gebiisch, Ackerfelder und fruchtbare Weideplatze, Wildkiihe und 
Schafe, Baumgarten und Walder, Ziegen und wilde Steinbocke. Am 
Rande des Meeres wurde eine Terrasse aufgeschuttet; Schilf- 
pflanzungen wurden angelegt und neben den Schilfpflanzungen 
wurde trockenes Land ausgebreitet. Zuletzt wurden Baume geschaf- 
fen und Hauser und Stadte erbaut. Auf die mannigfaltigen Uneben- 
heiten und Widerspriiche in dieser Darstellung braucht wohl kaum 
hingewiesen zu werden. 

Um so klarer sind dagegen die Angaben, die uns in einer Be- 
schworung gegen Zahnschmerzen 4 ) iiberraschen. Sie fiihren uns mit 



*) izzazrusu, eine reg-elmaBige Nifalbilduwg (izzazru = izzaziru) mit 
Suffix. Zu der Bedeutiing ygl. be&onders die Bezeichnimg- sazzaru (sazzartu) 
=r sisseru =: seseru = Kind. In der 'sumerischen Fassung der Text 1st 
zweisprachig wird hier das Wort lu-ug = lug gebraucht. Das 1st offenbar 
dasselbe Wort, das uns z. B. in teslug = admu = junger Vogel begegnet. 

2 ) pa-rim = nabalu. Vgl. MeiBner, Seltene ass. Ideogramme Nr. 3994 und 
Deimel, Sum. Lexikon Nr. 295d + e4. 

3 ) Das Weitere ist abgebrocheni. 

'*) Cuneiform Texts from Bab. Tablets XVII, 50. Uebersetzungen von 
MeiBner in den Mitteilungen der Vbrderas. Gesellsch. Jahrg. IX (1904), Heft 3, 



81 

einer durch nichts zu iiberbietenden Logik von der Erschaffung des 
Himmels bis zu der Entstehung des Wurmes, den man als den 
Urheber dieser Schmerzen betrachtete. ,,Als Anu [den Himmel 
erschaffen], der Himmel [die Erde] erschaffen, die Erde die Fliisse 
erschaffen, die Fliisse die Graben erschaffen, die Graben den Sumpf 
erschaffen, der Sumpf den Wurm erschaffen, trat der Wurm vor 
Samas und weinte." Er wuBte nicht, was er essen und was er 
trinken sollte, und erbat sich deshalb die Erlaubnis, zwischen den 
Zahnen zu wohnen und dort das Blut auszusaugen. Um ihn von 
dort zu entferaen, brauchte man nur einen bestimmten Rauschtrank 
mit Ol zu vermischen, uber diese Mischung dreimal den Text der 
Beschworung auszusprechen und das Gemisch dann vertrauensvoll 
auf den Zahn zu legen. Der Rauschtrank und das Ol taten dann 
ihre Wirkung, und die Beschworungsformel war mindestens 
unschadlich. 

Das Mythologische tritt auch hier wieder ganz in den Hinter- 
grund. Der Verfasser denkt iiber den Ursprung der Dinge fast 
ebenso nuchtern wie ein moderner Naturforscher. Nur die Aus- 
drucksweise erinnert noch an die Vorstellung von lebenden und 
handelnden Personlichkeiten. DieTafel gehort der neubabylonischen 
Zeit an. Der Text wird am SchluB als die Abschrift einer alteren 
Vorlage bezeichnet, die das Eigentum eines gewissen Marduk- 
nadinah war. Der Abschreiber hieB Marduknadinibri. 

Wir sehen also, daB die Auffassungen auBerordentlich weit 
auseinandergingen. Sie waren nicht nur ortlich, sondern auch zeit- 
lich zum Teil ganz verschieden. In der altesten Zeit neigte man nach 
den vorhandenen Texten zur Mythenbildung, in den spateren 
Perioden scheint man die Vorgange vielf ach naturlicher aufgefaBt 
zu haben. Von den epischen Bearbeitungen hatte sich in der damali- 
gen Zeit, soweit wir es bis jetzt beurteilen konnen, nur noch die 
babylonische Darstellung erhalten. Sie erfreute sich einer solchen 
Wertschatzung, daB sie auch in Assyrien schon friih heriiber- 
genommen wurde. Die Wertschatzung bezog sich aber mehr auf die 
Form als auf den Inhalt. Berossus glaubte den Inhalt nur allegorisch 
erklaren zu konnen. 

Der Name Tiamat ist in dieser Aussprache nichts anderes als 
die altere und gelegentlich auch spater noch vorkommende Form 
fur das akkadische tamtu = Meer. Er ist also seinem Ursprunge 
nach schon semitisch. Eine sumerische Bezeichnung hat sich in 
derselben Bedeutung als Eigenname bisher noch nicht vorgefunden. 
Die Sumerer kannten fur das Meer nur das Wort a-ab = ab, das 
uns in dem Namen Apsu begegnet ist. Auch der Name Mummu ist 
hochst wahrscheinlich aus dem Semitischen zu erklaren. Es ist das 
zweimal gesetzte akkadische mu = Wasser. 



S. 40 fi, von Uttgnad bei GreBmann a. a. O. S. 28 u. Rel. der Bab. u. As. 
S. 59 f., und von Ebeling bei GreBmann in der zweiten Aufl. S. 133 f. 



00 

Das hebraische tehom bezeichnet in der Bibel fast immer das 
Urmeer, aus dem sich der Erdkreis als das ,,Trockene" (Gen. 1, 
9 10) seit der Schopfung etfiporhebt. Es tragt die Erdmasse, die 
fest gestutzt ist, im eigentlichen Sinne des Wortes auf seinen Fluten 
und liefert vor allem das Wasser, das in den Quellen aus dem Boden 
hervordringt. Wasser und Erde gehoren in diesem Sinne zusammen. 
Sie werden nach dem Schopfungsberichte voneinander getrennt und 
erscheinen in der Sprache des gewohnlichen Lebens als Meer und 
als Land. Das Meer wird hier in der iiblichen Weise als jam 
und das Land als eres bezeichnet. Neben diesem eres gebrauchte 
man aber in der gehobenen Sprache noch das Wort tebel, das die 
Erde in ihrer ganzen Ausdehnung hervortreten laBt und dadurch 
den Gegensatz zu der Fiille des umschlieBenden Wassers noch 
deutlicher zur Geltung bringt. Das Wort findet ebenso wie tehom 
seine weitere Erganzung in dem Worte s^ol, das nach dem 
Hebraischen in Palastina zur Bezeichnung der Unterwelt in Ge- 
brauch war. Wir haben es bei diesen Ausdrucken auch in sprach- 
licher Hinsicht mit einer einheitlichen, in sich selbst geschlossenen 
Gruppe zu tun. Sie sind in den alteren Texten immer als Feminina 
gefafit und werden auch in der spateren Zeit nie mit dem Artikel 
verbunden. Dies setzt eine Entwickelung vpraus, die schon vor dem 
Beginn des alttestamentlichen Schrifttums zum AbschluB gekom- 
men war. 

Die Unterwelt war der Ort, wo die Verstorbenen sich aufhielten. 
Wenn man mit ihnen sprechen wollte, mu6te man sie heraufholen. 
Vgl. dafiir besonders I Sam. 28, 8. 11. 13. 14. 15. Das ist dieselbe 
Auffassung, die uns auch in der Keilschrift bezeugt wird. Man 
bezeichnete den Totengeist im Akkadischen als sulu, weil er von 
dem Beschworer aus der Tiefe nach oben gebracht wurde. Das 
Wort ist eine Kausativbildung von elu = emporsteigen. Die Hohe, 
zu der man emporsteigt, wird im Akkadischen als melu bezeichnet. 
Nun gab es aber im Sumerischen einen Ausdruck en-me-li = en-si 1 ), 
der im Akkadischen durch sa-i-lu und sa-il-tu 2 ) umschrieben wird. 
En = belu = Herr. Dieser gebot iiber etwas, was wir in dem sich 
anschliefienden me-li = si zu vermuten haben. Si = karau = Horn. 
Es muB aber ein Horn gewesen sein, das nach der ideographischen 
Schreibung auch die Wiedergabe durch me-li gestattete. Diese Vor- 
aussetzungen lassen sich nur miteinander in Einklang bringen, 
wenn wir bei karnu an keren Bergspitze 3 ) und bei me-li an das 
erwahnte melu = me-lu-u = me-li-i = Bergeshohe denken. Wir 
haben es also bei me-li lediglich mit einem Scheinideogramm zu tun, 
das schon aus der akkadischen Zeit stammt. Der en me-li ist nach 



a ) Briinnow, Classified List Nr. 2921 ; MeiBner, Seltene ass. Ideogramme 
Nr. 1858; Deimel, Sum. Lexikon Nr. 99, 253. 

2 ) Delitzsch, Assyrisehes Handworterbuch S. 634; MuB-Arnolt, Assyrisch- 
englisch-deuisches Handworterbuch S. 997. 

3 ) Is. 5, 1. 



83 

dieser Bezeichnung ein bei meli oder ein ,,Herr der Erhohung". 
Die Tatigkeit, die er ausiibte, wird durch sa'alu = fragen ausge- 
driickt. Da er in den Texten wiederholt neben dem baru oder dem 
Wahrsager genannt wird, kann die genauere Bedeutung dieses 
Wortes nicht zweifelhaft sein. Er hat sich ebenso wie der Wahr- 
sager nach Dingen zu erkundigen, die dem Menschen unter nor- 
malen Verhaltnissen vorlaufig noch verborgen sind. Das Fragen 
steht aber bei ihm noch mehr im Vordergrund als bei dem baru; 
denn es ist sicher kein Zufall, daB das Partizip des genannten Ver- 
bums bei ihm zur Standesbezeichnung geworden ist. Der baru ist 
riach der akkadischen Bezeichnung der ,,Seher", der z. B. die Opfer- 
schau vorzunehmen hat, der sa'ilu ist dagegen als ,,Frager" zu 
betrachten. Das Fragen war nach dem Ideogramm mit einer Er- 
hebung verbunden, die er als der Herr dieser Erhebung selbst 
herbeifiihrte. Er verstand es also, jemanden emporzubringen und zu 
befragen. Das war das Geheimnis und die besondere Aufgabe des 
Totenbeschworers, den man im Akkadischen auch als den muselu, 
als den Heraufbringer, oder als den muselu sa etimmu, als den 
Heraufbringer des Totengeistes, bezeichnete. Der Totengeist gab 
dann als sulu, als der Emporgebrachte, die erbetene Auskunft. Der 
sa'ilu konnte aber in Palastina nur zu einem so'el werden. Man 
unterschied hier also, wie wir annehmen miissen, zwischen der seol 
und dem so'el, der von den Bewohnern der s^ol genauere Erkun- 
digungen einzog. Dieser Gleichklang setzt natiirlich einen Zusam- 
menhang voraus. Die beiden Worter gehen offenbar auf denselben 
Ursprung zuriick. Die seol ist nach dieser Bezeichnung als die 
Wohnstatte der Geister zu betrachten, mit denen der so'el bei seiner 
Tatigkeit in engere Verbindung trat. 

Bei dem Worte tebel sucht man zunachst nach einer Wurzel 
tabal. Man muB sich aber bald davon iiberzeugen, daB dieser Weg 
hier nicht zum Ziele fuhrt. Es gibt zwar im Arabischen ein tabala 
= schwachen, aber man legt sich vergebens die Frage vor, was 
diese Bedeutung mit der Eigenart der aus dem Wasser hervor- 
tretenden Erdoberflache zu tun hat. Um so naher liegt es dagegen, 
an das akkadische tabalu zu denken, das an den Stellen, wo es 
vorkommt, einen Gegensatz zu dem Worte naru = FluB zum Aus- 
druck bringt. Die Texte erzahlen uns namlich wiederholt von einer 
Klasse von Beamten, die als kalle nari bezeichnet werden, und von 
andern, die in derselben Weise als kalle tabali tatig waren. Die eine 
" Gruppe kam fiir die Wasserlaufe in Betracht, die andere hatte offen- 
bar auf dem Lande zu tun. Neben diesem tabalu gab es aber noch 
ein Wort nabalu 1 ), das ebenfalls in dieser Bedeutung gebraucht 
wurde. Es handelt sich bei diesen Bezeichnungen um zwei ver- 
schiedene Bildungen von dem Verbum abalu = trocken werden, das 
in den andern semitischen Dialekten fast iiberall verschwunden ist. 
Da im Akkadischen ein vokalischer Anlaut stets mit schwachem 



Vgl. oben S. 80. 

6* 



84 

Einsatz gesprochen wurde, trat bei der Verbindung mit den beiden 
vokalisch auslautenden Prafixen eine Kontraktion ein, die fur die 
erste Silbe der beiden Worter auf einen langen Vokal schlieBen laBt. 
Eine solche Verschmelzung ist im Hebraischen sehr selten. Wo sie 
vorkommt, wurde das lange, durch die Kontraktion entstandene a 
schon sehr friih zu o. Wir finden dort z. B. ein asar = binden und 
ein mosar = ma-asar = Fessel. Damit ist auch die Form angedeutet, 
die wir im Hebraischen bei normaler Entwickelung statt des vor- 
liegenden tebel erwarten dtirften. Der lange Vokal ware hier eben- 
falls zu o geworden. Das Wort war also in der damaligen Zeit 
im Hebraischen noch nicht vorhanden. Es ist hier erst aufgetreten, 
als diese Entwicklung schon zum AbschluB gekommen war, und 
machte dann dieselbe Wandlung durch wie die sogenannten Segolat- 
formen, bei denen das a gewohnlich zu einem e-Laut und im Phoni- 
zischen nach den spateren Umschreibungen vielfach sogar zu einem 
i wurde. 

Man konnte nun versucht sein, auch bei dem Worte tehcm auf 
einen derartigen Zusammenhang zu schlieBen. Wenn die Bezeich- 
nung fiir das Festland akkadischen Ursprunges ist, hat man gar 
keinen Grund, bei der Hervorhebung des Meeres ein solches Ver- 
haltnis von vornherein abzulehnen. Wir diirfen aber nicht iiber- 
sehen, daB das a hier ebenfalls schon zu o geworden ist. Es fiihrt 
uns also in eine Zeit, die wesentlich friiher liegt. Das Wort findet 
sich nicht nur im Hebraischen, sondern auch in den Texten von 
Ras Schamra. Der Singular wechselt dort in einem mythologischen 
Texte 1 ) mit dem gewohnlichen jam. In den epischen Dichtungen, 
die uns durch die Ausgrabungen bekannt wurden, tritt uns El an 
einer Reihe von Stellen als m-b-k n-h-r-m k-r-b a-p-k t-h-m-t-m 
entgegen, als der mabbik neharim kereb apike t-h-m-t-m, der die 
Strome hervorquellen laBt aus den Tiefen der t-h-m-t-m. Diese 
Form entspricht in ihrer Bildung genau dem in der Bibel allerdings 
nicht vorkommenden hebraischen tehomothaim; sie zeigt uns also, 
daB man auch den Dual gebrauchte. Der Ursprung dieser Aus- 
drucksweise ist aber noch unklar 2 ). Das Wort ist im Phonizischen 
offenbar ebenso gebrauchlich gewesen wie im Hebraischen. Es 
bezeichnete dort genau so wie im Hebraischen das Meer in seiner 
weitesten Ausdehnung. Das deckt sich zwar mit der Vorstellung, 
die im Schopfungsepos durch die Oestalt der Tiamat zum Ausdruck 
gebracht wird; es hat aber mit der Personlichkeit der Tiamat an 
und fiir sich gar nichts zu tun. Der Verfasser des biblischen 
Schopfungsberichtes wiirde auch ohne die babylonische Dichtung 
bei der Angabe sicher dasselbe Wort gewahlt haben. Es war das 



^ Die Getmrt der anmuiigen und sehonen Gotter, herauisgegeben von 
Virolleaud, Syria XIV (1933), S. 128 ff., Z. 30. 

2 ) Albright denkt Journal of the Palestine Oriental Society Vol. 12 (1932), 
S. 196, und Vol. 14 (1934), S. 121 an die Wasser des himmlisehen und des 
irdischen Ozeans, die am Horizont miteinander in Verbindung steihen. 



einzige Wort, das nach seiner sonsiigen Bedeutung fiir die Dar- 
stellung iiberhaupt in Betracht kam. Die Grundform hat sich noch 
in dem arabischen Tihamat erhalten, das die Landschaft am Ufer 
des Roten Meeres bezeichnet. 

Wenn man sich das Meer als eine Person vorstellte, gebrauchte 
man in Palastina nacli den Andetitungen der Bibel mit Vorliebe 
das Wort Rahab. Dieser Name begegnet uns an mehreren Stellen 
als die Bezeichnung eines Urwesens, das ebenfalls gegen Jahwe 
einen Kampf unternimmt Der Verfasser von Is. 51,9 glaubt daran 
erinnern zu dtirfen, da8 der Herr mit der Kraft seines Armes Rahab 
erschlug tind ein anderes Wesen, das hier als tannm bezeichnet 
wird, siegreich durchbohrte; Ps. 89, 1 1 erfahren wir, daB Rahab 
von Jawhe zu Boden geworfen wurde wie ein Erschlagener; nach 
der Stelle Job 26, 12 hat Jawhe durch seine Kraft das Meer erregt 
und Rahab mit kluger Ueberlegung niedergeschlagen; nach der 
Angabe 9, 13 kriimmen Rahabs Heifer sich als Besiegte unter seinen 
FiiBen. Wir haben hier also ganz dieselben Einzelheiten, die uns 
auch im Schopfungsepos begegnen. Das Ungeheuer ist ebenso wie 
Tiamat von einer Reihe von Helfern umgeben. Es wird im Kampfe 
getotet, und die Heifer werden zur Unterwerfung gezwungen; sie 
behalten aber, wie es scheint, auch nach den biblischen Angaben 
das Leben. Ps. 89 wird ausdrucklich hervorgehoben, daB Jawhe 
sie mit starkem Arm zerstreute. Der Sieg wurde ebenso, wie es in 
der babylonischen Dichtung betont wird, mit Kraft und kluger 
Einsicht gewonnen. Das sind Uebereinstimmungen, an denen man 
nicht voriibergehen darf. Rahab ist in seiner Grundbedeutung 
nichts anderes als das ,,Toben"; es war, wie man aus dieser 
Bedeutung entnehmen muB, das Wogen und Rauschen der vom 
Sturme bewegten Flut, die uns auch in der Bibel als ein feindliches 
Ungeheuer geschildert wird. Die Vorstellung ist genau dieselbe; 
sie wird aber in der Bibel durch eine andere Bezeichnung zum 
Ausdruck gebracht. Das entspricht ganz der Gepflogenheit, die wir 
auch sonst bei unsern Zusammenstellungen noch haufiger beobach- 
ten werden. Man iibernahm in Palastina bei den Entlehnungen 
vielfach nur das Gedankengut, ohne sich an die Einkleidung, in 
der es sich darbot, irgendwie zu binden. Die Eigennamen, denen 
man begegnete, wurden fast immer ins Hebraische iibertragen. Das 
ist auch hier geschehen. Der Kampf, um den es sich hier handelt, 
ist der im Schopfungsepos geschilderte Kampf gegen die Tiamat. 
In diesem Kampfe nahm Jawhe in der israelitischen Zeit denselben 
Platz ein wie Marduk bei den Babyloniern und Assur im Lande 
der Assyrer 1 ). 



*) Vgl. zu den Einzelheiten be&onders Herm. Guiikel, Schopfung und 
Chaos, Gottingen 1895, anastatischer Neudruck 1921, S.30ii., Joh. Nikel, 
Genesis und Keilschriftforschungr, Freiburg i. B. 1903, S. 90 fL und V. Zapletal, 
Der Schopfungsbericht der Genesis (1,1 2,3) mit Berucksichtigung' der 
ueuesten Entdeckungen uind Forschungen, zweite Aufl., Regensbuirg 1911, 



oO 

Ummu-yubur, die Mutter des Totenreiches, brachte nach dem 
Schopfungsepos elf Gruppen oder Arten von Ungeheuern hervor, 
die der Tiamat helfend an die Seite traten 1 ). Unter diesen Unge- 
heuern werden an erster Stelle die Riesenschlangen genannt, die 
man mit einem sumerischen Lehnwort als musmahhe bezeichnete. 
Es waren Tiere mit giftigen Zahnen und schonungslosem GebiB. 
In einem Hymnus auf den Gott Ninurtu 2 ) wird hervorgehoben, daB 
sie sieben Kopfe besaBen. Die Waffe des Gottes ist kima musmahhi 
siba kakkadesu. Ein solches Schlangenungeheuer mit sieben Haup- 
tern begegnet tins auch in dem schon mehrfach erwahnten Epos der 
Phonizier. Baal erklart dort seinem Diener, dem Gotte Gepen und 
Ugar 3 ): K t-m-h-s L-t-n b-s-n b-r-h t-k-l-i b-s-n <-k-H-n s-l-i-t 
d s-b-'-t r-a-s-m t-s-k-h t-t-r-p s-m-m k-r-s e-p-d-k 4 ), Wenn du den 
L-t-n, den b-s-n b-r-h, erschlagst, den b-s-n '-k-l-t-n, den Starken 
mit den sieben Hauptern, erledigst, . wirst du den t-t-r-p des 
Himmels finden 5 ), den k-r-s deines Ephods. Gepen und Ugar soil 
also den L-t-n erschlagen, ein Tier, das besonders im Lande Basan 
vorzukommen scheint und von dem Dichter als b-r-h bezeichnet 
wird. Das ist dieselbe Tat, die der Prophet Isaias am Anfange des 
27. Kapitels in einem ahnlichen Zusammenhange von Jahwe 
erwartet Israel befindet sich nach der vorhergehenden Schilderung 1 
in groBer Bedrangnis. Seine Toten sollen aber zum Leben erstehen, 
und die Leichen sollen sich wieder erheben. Es sollen erwachen 
und jubeln, die im Staube wohnen. Ein Tau des Lichtes soil herab- 
kommen und die Erde soil die Rephaim, die Schatten des Toten- 
reiches, in einer neuen Geburt wieder aus dem Dunkel der Unterwelt 
herausgeben 6 ). Das Volk soil sich fur eine kurze Weile in seinen 
Kammern verschlieBen, bis der Zorn vorubergeht; denn Jahwe 
bricht schon von seinem Wohnsitz auf, um die Missetat der Erd- 
bewohner zu bestrafen. Die Erde legt das Blut offen, das auf ihr 
geflossen, und verbirgt nicht langer die Toten, die auf ihr gemordet 
sind. An diesem Tage, so heiBt es dann weiter, wird Jahwe mit 
seinem harten, groBen, starken Schwerte den Leviathan heimsuchen, 

S.123ff. Hieronymus iibersetzt Job 9,13: sub quo curvaniur qui portant 
orbem; er denkt also ebenfalls schon an Wesen, die der Mytholosie ange- 
'horen. Zapletal entscheidet sich ebenso wie Gunkel ohne Bedenken fur 
,,laamat mit ihren Helferat". Nikel gibt zu, daB die Stelle an die Ang-aben 
des babylonisdhen Dichters ,,stark erinnert"; er halt es aber ebensogut fiir 
moghch, ,,daB hier iargend eine Anspielung auf irgend einen aiidern uns 
unbekannten Mythus vorliegt". Das ist gnmdsatzlich derselbe Standpunkt. 
!) Vgl. oben S. 58. Die Angabe findet sich in dem Epos an vier ver- 
schiedenen Stellen. 

2 ) II Rawlinson 19 Nr. 2 Z. 1314. 

3 ) Ein Gott mit einem Doppelnamen, ahnlich wie z. B. K-d-s tmd A-m-r-r 
und K-s-r und Ijl-s-s. 

*) Syria XV (1934), S. 305 wnd S. 307. 

5 ) = erhalten. 

6 ) tappil, sie soil gebaren, Sie soil die Rephaim, die hier gemehit sind, 
wieder zu neuem Leben emporsteigen lasseir. 



_- 87 

den nahas bariah, die fliichtige Schlange, wie der Ausdruck gewohn- 
lich iibersetzt wird, und den Leviathan, den nahas 'akallathon, die 
gewundene Schlange, und den Tannin erschlagen, der sicn im 
Meere befindet. Die Uebereinstimmung mit der phbnizischen Dicn- 
tung ist hier so auffallend, da8 man einen Zusammenhang gar 
nicht leugnen kann. Wir finden in dem Texte nicht mir dieselben 
an und fur sich schon so seltenen Worter, sondern auch genau 
dieselbe Aufeinanderfolge der einzelnen Bezeichnungen. Man steht 
bei den Zeilen der phonizischen Dichtung zunachst vor der Frage, 
ob es sich um ein einziges Wesen oder um zwei Tiere handelt, und 
man hat den Eindruck, da8 dieselbe Schwierigkeit schon fiir den 
Verfasser des hebraischen Textes bestand. Er hat sich allem 
Anscheine nach fiir zwei Wesen entschieden, die er beide als Levia- 
than bezeichnet. Der eine Leviathan ist fliichtig, der andere gewun- 
den. Dieser Gedanke lag um so naher, weil der Dichter an der 
Stelle, wo die zweite Eigenschaft hervorgehoben wird, auch ein 
anderes Verbum gebraucht. Es ist aber wohl sicher, daB dieser 
Wechsel ebenfalls nur in dem Parallelismus der Versteile semen 
Grund hat. Der Wortlaut ist also dem Urheber der Prophetenstelle 
in seinen Einzelheiten genau bekannt gewesen. Diese Kenntnis 
beschrankt sich aber nicht auf die Angaben in dem hier zufallig 
herausgehobenen Zeilenpaar; sie erstreckt sich auch auf den Grund- 
gedanken der ganzen Dichtung, der dem Propheten offenbar 
lebendig vor der Seele stand. Es ist eine Dichtung von dem Kampfe 
gegen den Tod, den auch Jahwe nach der biblischen Darstellung 
jetzt iiberwinden soil. Der Sieg, den der Prophet hier in Aussicht 
stellt, zeigt sich ebenso wie in der phonizischen Dichtung in dem 
Aufstieg der Verstorbenen aus der Unterwelt und in dem Triumph 
uber die feindlichen Ungeheuer. Die Einzelheiten haben fiir Isaias 
naturlich nur den Wert eines naheliegenden Vergleiches. Der Kampf 
gehort nach der phonizischen Darstellung der Vergangenheit an; 
in der Bibel liegt er noch in der Zukunft. Die Ungeheuer sind also 
fur Isaias noch am Leben, obschon sie nach der phonizisichen 
Dichtung langst erschlagen sind. Es sind fiir ihn, wie man nach 
der damaligen Lage der Dinge vermuten darf, die Assyrer, die 
Babylonier und die Agypter. Die Gefallenen werden aber zu neuem 
Leben erstehen, und Jahwe wird selbst uber die Feinde triumphieren. 
Wir sehen in diesem Falle noch deutlich den Weg, auf dem die 
Vorstellungen in die Bibel hineingekommen sind. Der Gedanke an \ 
die sieben Kopfe des Tieres ist nach der keilinschriftlichen Stelle \ 
babylonischen Ursprungs. Er findet sich zwar noch nicht in dem j 
Schopfungsepos; wir sind aber zu der Annahme berechtigt, daf? ! 
hier ein Zusammenhang mit dem Hinweis auf die grausamen Zahne ? 
und auf das unbarmherzige GebiB des Tieres besteht. Das Unge- 
heuer kam dann in dieser jungeren Form auch zu den Phoniziern 
und fand dort schon vor dem vierzehnten Jahrhundert seine Ver- 
wendung in dem uns erhaltenen Epos. Dieses Epos war zur Zeit 



88 

des Isaias noch in Palastina verbreitet. Der Prophet kennt es dera 
Inhalte nach und bindet sich in seiner Darstellung noch an den 
Wortlaut. Er darf die Gestalten, die wir dort antreffen, ohne 
Bedenken bei seinen Lesern als bekannt voraussetzen. Dabei ver- 
fahrt er ganz in derselben Weise wie wir es auch heutzutage noch 
bei der Benutzung unserer Dichtungen zu tun pflegen. Wir erzahlen 
von den Personen, gebrauchen die Namen und erwahnen die Dar- 
legungen, ohne bei den Vorgangen stets nach der geschichtlichen 
Wirklichkeit zu fragen, und erwarten von dem Zuhorer, daB er 
ebenfalls die Entlehnungen richtig beurteilt. Das war auch in der 
damaligen Zeit schon bei den Urhebern der biblischen Texte der 
Fall. An andern Stellen wird der Kampf ebenso wie in dem Epos 
als ein Ereignis der Vergangenheit behandelt. Jahwe zerschmetterte 
dem Leviathan, wie wir in Ps. 74 erfahren, bei dem Vordringen des 
Meeres die Kopfe und liberlieB ihn alsdann den Schakalen zum 
FraB; er erregte nach den Angaben im 26. Kapitel des Buchesjob 
die Wogen des Meeres, totete Rahab und durchbohrte die fluchtige 
Schlange 1 ). 

Gepen und Ugar soil nach der Angabe des phonizischen Textes,. 
wenn er Sieger bleibt, den t-t-r-p des Himmels, den k-r-s seines 
Ephods, finden. Der t-t-r-p des Himmels soil also sein besonderer 
Lohn sein. Dieser steht in Parallele mit dem k-r-s- seines Ephods. 
Das Ephod war in der israelitischen Zeit eine Orakeltasche, in der 
die Urim und die Tumrnim enthalten waren. Dies fiihrt uns fur 
k-r-s auf das aramaische keres = Bauch. Auch das Verbum s-k-h 
ergibt sich hier in seiner Bedeutung aus dem Aramaischen. Der 
t-t-r-p des Himmels ist also gleichbedeutend mit dem, was sich in 
dem keres des Ephods befindet. Der Ausdruck ist in seiner sprach- 
lichen Form eine Nominalbildung von t-r-p; er setzt also ein 
Verbum tarap = taraph voraus, das uns im Hebraischen in dem 
Worte teraphim begegnet. Die Teraphim werden auch in der Bibel 
an mehreren Stellen mit dem Ephod unmittelbar in Verbindung 
gebracht. Als Micha nach der Erzahlung im 17. und 18. Kapitel 
des Richterbuches von seiner Mutter das wertvolle Schnitz- und 
GuBbild erhalten hatte, lieB er ein Gotteshaus errichten, Ephod und 
Teraphim anfertigen und machte dann an diesem Heiligtum zunachst 
einen von seinen Sohnen und spater einen Leviten zum Priester. 
In dem Heiligtum befanden sich also, wie 18, 14 noch einmal 
besonders hervorgehoben wird, Ephod, Teraphim und ein Schnitz- 
und GuBbild. Das war nach den Andeutungen der Texte auch bei 
andern Kultstatten der Fall. Der Prophet Osee erzahlt uns 3, 4 in 
seiner Mahnung an die Buhlerin: ,,Denn viele Tage werden die 



*) Wir kommen auch hier wieder zu der Gleichsetzung von Leviathan 
und nahas bari a h. Bei dem Worte Leviathan wird das Waw von dem phoni- 
zischen Schreiber als Vokal behandelt. Es standen hier also mehrere Vokale 
iiebeneinander, die in der Schrift ebenso wie die einfachen Laute ganz iiber- 
gangen wurden. 



89 

Sohne Israels noch dasitzen, ohne Konig und ohne Fiirst, ohne 
Opfer und ohne Standbild, ohne Ephod und Teraphim." Ephod und 
Teraphim werden hier als eine einzige, in sich selbst geschlossene 
Einheit behandelt. Wenn man nicht wuBte, wie man sich entscheiden 
sollte, befragte man die Teraphim 1 ); diese vermochten aber auch 
Torichtes zu reden und verktindeten nicht immer die Wahrheit 2 ). 
Es wird also vorausgesetzt, da8 sie die Fragen selbst beantworte- 
ten. Dies geschah durch die Angaben, die aus dem Ephod heraus- 
geholt wurden. Die Einzelheiten entziehen sich hier allerdings 
noch unserer Kenntnis. Die Urim und die Tummim werden 
E>eut. 33, 8 als die Urim und die Tummim des Herrn bezeichnet. 
Sie brachten also in irgendeiner Weise die Entscheidungen oder 
den Willen Gottes zum Ausdruck. Dies beriihrt sich in seinem 
Grundgedanken auf das engste mit den Vorstellungen der Baby- 
lonier. Bei den Babyloniern wurden die Geschicke, denen auch die 
Gotter sich zu fiigen hatten, von Marduk am Anfange des Jahres in 
einer besonderen Gotterversammlung genau festgelegt und von 
seinem Sohne Nabu, dem Sekretar der Versammlung, auf Tontafeln 
sorgfaltig niedergeschrieben. Diese Tafeln, die sogenannten Schick- 
salstafeln, blieben dann in der Hand des Marduk, Wir erinnern uns, 
daB sie sich in der altesten Zeit im Besitze der Tiamat befanden. 
Tiamat hatte sie dann, bevor sie in den Kampf zog, dem Kingu 
iiberlassen und sie ihm feierlich an die Brust geheftet 3 ); Marduk 
hatte sie aber dem Kingu, dem sie nicht zukamen, nach dem Siege 
wieder abgenommen, sie mit seinem Siegel gesiegelt und sie darauf 
nach den Vereinbarungen, die er vorher getroffen hatte, mit berech- 
tigtem Stolz an die eigene Brust gelegt 4 ). Er trug sie also auf der 
Brust, und zwar in einer Tasche, die er selbst in der angegebenen 
Weise versiegelt hatte. Die Tafeln enthielten nach den Auffassungen 
der Babylonier die Geheimnisse des Himmels und der Erde, die 
den Menschen besonders durch die Tatigkeit der Opferschauer 
enthiillt wurden; sie umfaBten also, wie man sieht, genau dasselbe, 
was die Phonizier als den t-t-r-p des Himmels bezeichneten. Die 
Tasche wird nach der Annahme des phonizischen Dichters noch 
ebenso wie bei den Babyloniern von einem Gotte getragen; sie 
gehorte nach den Angaben der Bibel in der israelitischen Zeit zur 
Ausstattung des Hohenpriesters. Der phonizische Dichter ist in 
semen Ausfuhrungen offenbar ganz vom Schopfungsepos beeinfluBt. 
Er will dem Sieger denselben Lohn zukommen lassen, den Marduk 
nach der Vernichtung der Tiamat erhielt. Damit ist die Gleich- 
setzung, soweit es sich urn den Inhalt und die eigentliche Bedeutung 
der Tasche handelt, gegen jeden Zweifel sichergestellt. Nun wissen 
wir aber, daB wir unter Teraphim eine bestimmte Art von Gotter- 



*) Ezech. 21, 26. 
2) Zachar. 10,2. 
8 ) S. oben S. 58. 
*) S. oben S. 63. 



90 

bildern zu verstehen haben. Das Wort wird im Hebraischen stets 
im Plural gebraucht, atich da, wo nach den sonstigen Angaben 
nur ein einziges Bild in Betracht kommt. Rachel stahl ihrem Vater 
vor ihrer Abreise semen als Teraphim bezeichneten Hausgott, den 
sie dann nach Gen. 31,34 in dem Reitkorb auf ihrem Kamele ver- 
barg. Michal laBt I Sam. 19, 1 Iff. den David entfliehen und legt 
in sein Bett einen am Kopfe mit einem Fliegennetz verhiillten Tera- 
phim, um die Flucht zu verheimlichen. Dies setzt voraus, daB es 
sich um eine Darstellung in menschlicher Form handelte. Wir sind 
also zu der Annahme berechtigf, daB dies auch da der Fall war, 
wo auBerdem noch von einem Ephod gesprochen wird. Dies wird 
uns jetzt durch die Stelle in dem phonizischen Epos mit aller nur 
wunschenswerten Deutlichkeit bestatigt. Wenn dem Gotte ver- 
sprochen wird, daB er das Ephod selbst tragen soil, muB es auch 
bei den Bildwerken an den offentlichen Kultstatten so gewesen sein. 
Wir haben also an Gotterbilder zu denken, die ebenfalls ein Ephod 
trugen. In dem Ephod befand sich, wo es von dem Gotte selbst 
getragen wurde, nach der Angabe des phonizischen Dichters der 
t-t-r-p des Himmels. Das kann nach unserer bisherigen Zusammen- 
stellung nur eine Niederschrift gewesen sein, wie sie sich auf den 
Tontafeln des Marduk befand. Ein soldier Text ist aber bei den 
Nachbildungen in den Tempeln, wie es scheint, von vornherein 
ausgeschlossen. Die Gotter geben ihre Geheimnisse niemals ganz 
aus der Hand; sie erteilen die Auskunft, die man von ihnen erbittet, 
unter normalen Verhaltnissen stets nur durch besondere Zeichen. 
Wir werden deshalb nicht fehlgehen, wenn wir den Gebrauch der 
Urim und der Tummim, von denen wir bis jetzt bloB aus der Bibel 
erfahren, auch fur nichtisraelitische Gotteshauser voraussetzen. Das 
Ephod wird nach den Vorschriften der Bibel vom Hohenpriester 
getragen, weil man von Jahwe kein Bildnis anfertigen durfte. Der 
Zusammenhang mit den Schicksalstafeln gibt uns jetzt auch die 
Moglichkeit, an der Hand der sprachlichen Bezeichnungen die 
genauere Bedeutung der Urim und der Tummim etwas naher zu 
bestimmen. Das Schicksal, das auf den Tafeln des Marduk festgelegt 
war, wurde im Sumerischen als nam-tar und im Akkadischen als 
simtu bezeichnet. Das sumerische nam-tar war aber auch als Ideo- 
gramm fur nazaru = verwiinschen und fur araru = verfluchen in 
Gebrauch. Es bezeichnete nicht nur das gute, sondern vor allem 
auch das bose Geschick. Dies fiihrt uns im Hebraischen auf das 
dem araru entsprechende arar. Wir finden also in der Keilschrift 
neben dem gewohnlichen nam-tar = simtu = Geschick ein als 
Verbum gebrauchtes und im Grunde gleichbedeutendes nam-tar = 
araru = arar und haben im Hebraischen auBerdem noch ein urim 
zu unterscheiden, das sich in seiner Bedeutung ebenfalls auf den 
Inhalt der Tasche bezieht. Die Tasche enthielt nach der babylo- 
nischen Auffassung nicht nur die Zusicherungen von Gliick und 
Erfolg; sie umschloB auch die Aufzeichnung der bosen Geschicke, 



ft-J 

in denen man vielfach die Auswirkungen eines Fluches erblickte. 
Wenn sie aber Festlegungen enthielt, die sich auf ein araru = arar 
zuriickfiihren lieBen, muB auch die Wiedergabe durch urim in ihrer 
Grundbedeutung mit diesem Teil der Bestimmungen in Verbindung 
gebracht werden. pas Wort steht in seiner sprachlichen Form zu 
dem Verbum arar in demselben Verhaltnis wie tummim zu tamam. 
Da das Resch keine Verdoppelung zulaBt, muBte beim ersten Vokal 
eine Verlangerung eintreten. Die Urim sind also in der israelitischen 
Zeit, wie wir annehmen miissen, die in der Tasche vorhandenen 
Zeichen, die Ungliick und MiBerfolg verkiindeten; die Tummim 
lieBen erkennen, daB etwas vollkommen, recht und gut war. Sie 
bedeuteten, wenn sie bei der Anfrage aus der Tasche herausgeholt 
wurden, ein Ja, die Urim waren dagegen die Zeichen fur Nein. 

Der Name Leviathan, hebr. Liwjathan, kann erst in Palastina 
entstanden sein. Es 1st eine Bildung von der Wurzel lawah, die in 
diesem Falle auf die zahlreichen Spiralwindungen 1 ) der Schlange 
Bezug nimmt. Wir haben hier also dieselbe Erscheinung, die sich 
auch bei dem Worte Rahab ergab. Die Vorstellung ist ihrem 
Ursprunge nach babylonisch, die Bezeichnung dagegen kanaanaisch. 
Bei den Babyloniern war es die groBe Schlange mit dem schreck- 
lichen GebiB und in der spateren Zeit die groBe Schlange mit den 
sieben Kopfen, bei den Phoniziern ist es die Schlange mit den vielen 
Windungen und den sieben Kopfen. 

Jahwe erschlagt aber nach der Schilderung des Propheten nicht 
nur den Leviathan; er totet auch den Tannin, der sich im Meere 
befindet. Dieser Kampf erfolgte nach den Voraussetzungen von 
Is. 51, 9 ebenfalls schon in den Tagen der Urzeit. Er steht hier, wie 
oben schon kurz hervorgehoben wurde, in unmittelbarem Zusam- 
menhange mit dem Kampfe gegen Rahab. ,,Erhebe dich", so ruft 
der Verfasser, ,,erhebe dich und bekleide dich mit Kraft, Arm 
jahwes! Erhebe dich wie in den Tagen des Urbeginns, bei den 
Geschlechtern der Vorzeit! Warst du es nicht, der auf Rahab ein- 
schlug und den Tannin durchbohrte? Warst du es nicht, der das 
Meer trockenlegte, die Wasser des groBen Abgrundes, der die 
Meerestiefen zu einem Wege bahnte, daB hindurchzogen die Er- 
losten?" Der Prophet sieht hier die Ereignisse der Urzeit; er 
verbindet sie in seiner Vorstellung mit dem Durchzuge durch das 
Rote Meer, wo Jahwe ebenfalls die Fluten bezwang, und bittet jetzt 
um ein ahnliches Eingreifen in der damaligen Bedrangnis. In dem 
Psalm 74 ist V. 13 von den tanninim im Plural die Rede. Wir lesen 
dort, daB Jahwe den tanninim auf dem Wasser die Kopfe zer- 
schmetterte, und erfahren dann im folgenden Verse von der Ver- 
nichtung des Leviathan. In dem Epos von Ras Schamra wird uns 
erzahlt, daB der Gott Koser und yasis den A-r-s und den T-n-n in 



*) Vgl. zu dieser Bedeutung 1 besonders auch die S. 20 schon erwahnte 
Grundform des Buchstabens Lawe = Lamed. 



92 

das Meer warf 1 ). Wir sehen also, daB die Gotter auch nach den 
Ueberlieferungen der Phonizier schon in der altesten Zeit mit diesen 
Tiergestalten zu kampfen batten. In der Bibel 1st die Behandlung 
dann iiberall dieselbe. Die Israeliten lebten sich ebenfalls in diese 
Vorstellungen hinein und iibertrugen die Einzelheiten, soweit sie 
sich mit ihren sonstigen Auffassungen in Einklang bringen lieBen, 
ohne Bedenken auf Jahwe. Dieser Zusammenhang tritt aber im 
Schopfungsberichte ganz in den Hintergrund. Wir erfahren dort 
nur, daB die tanninim ebenso wie die ubrigen Tiere des Meeres 
von Gott ins Dasein gerufen wurden. ,,Gott schuf die groBen tan- 
ninim und alle Lebewesen, die da kriechen, die sich bewegen in den 
Gewassern, leminehem, und alles Geflugel lemmehu, und Gott sah, 
daB es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar 
und mehret euch und fiillet die Wasser der Meere, und auch die 
Vogel sollen sich mehren auf der Erde! Und es ward Abend und 
Morgen, der funfte Tag." 

Man erblickt in dem Worte min, das uns hier bei der Auf- 

zahlung begegnet, schon seit der altesten Zeit einen Hinweis auf 

die Art oder die Gattung der betreffenden Geschopfe. Gott schuf 

also, wie man in der Regel iibersetzt, die Krauter in ihrer Art, die 

Baume in ihrer Art, die Fische des Meeres in ihrer Art und die 

Tiere des Feldes in ihrer Art. Ebenso heiBt es dann bei der Sintflut: 

Noe nahm ein Paar von alien Vogeln in ihrer Art, von alien Tieren 

des Feldes in ihrer Art und von allem, was da kriecht, in seiner Art, 

und im dritten und fiinften Buche Moses bei der Aufzahlung der 

reinen und der unreinen Tiere: Unrein ist der Falke in seiner Art, 

jeder Rabe in seiner Art, der Habicht in seiner Art, rein dagegen 

die Heuschrecke in ihrer Art, das Heupferd in seiner Art usw. usw. 

Bei Ezechiel werden wir 47, 10 daran erinnert, daB die Fische des 

Meeres in ihrer Art sehr zahlreich sind. Das Wort steht immer im 

Singular und kommt in der Bibel nur im AnschluB an ein vorher- 

gehendes l e vor, das nach seiner sonstigen Bedeutung eine Richtung 

oder ein Ziel ausdriickt. Es bezieht sich iiberall auf die Gesamtheit 

der Wesen, die zu der betreffenden Gruppe gehoren, und laBt diese 

stets als eine geschlossene Einheit erscheinen, so daB die Ueber- 

setzung in dieser Hinsicht sicher das Richtige trifft. Man sucht abef 

im Hebraischen vergebens nach einer Wurzel, von der man es 

herleiten konnte. Auch das Arabische laBt uns hier ganzlich im 

Stich. Das einzige ^ort, das fur eine Gleichsetzung in Betracht 

kommt, ist das von Delitzsch stets herangezogene akkadische minu 

= Zahl 2 ). Dies wird sowohl in seiner Form als auch in seiner 

Bedeutung den Anforderungen in jeder Weise gerecht. Man ge- 



*) Syria XV (1934), S.234. 

2 ) The Hebrew Language viewed in the Light of Assyrian Research, 
London 1883, S. 70 71, Prolegomena eines neuen hebraisch-arramaischen. 
Worterbuchs, Leipzig 1886, S. 142 ff. und ebenso in seinen Vorlesungen. Ich 
horte ihn von Ostern 1899 bis Ostern 1901. Er vertrat damals diese Zu- 
sammenstellung mit besonderem Nachdruck. 



brauchte es besonders in Verbindung mit der Proposition ana, in 
dem Ausdruck ana la mina oder ana la minam, der eine Zahlung 
als unmoglich bezeichnet. Dieser Ausdruck setzt fur den Fall, daB 
die Zahl noch festgestellt werden kann, ein positives ana mina 
voraus. In den El-Amarna-Tafeln heiBt es an einer Stelle 1 ) von 
den Steinen einer Halskette: 1048 minusina, 1048 ist ihre Zahl. 
Dies wiirde im Hebraischen, wenn wir das Wort beibehalten, ohne 
weiteres ein minehen ergeben. Das hebraische leminehu wiirde also 
einem akkadischen ana minisu entsprechen. Der Verfasser will an 
der Stelle, von der wir soeben ausgingen, in anschaulicher und 
leicht verstandlicher Form den Gedanken hervorheben, daB alle 
Tiere des Meeres von Gott ins Dasein gerufen sind. Er unterscheidet 
aber bei seiner Angabe nur zwei Gruppen, die in einem recht 
ungleichen Verhaltnis zueinander stehen. Das Meer ist nach seiner 
Auffassung von den groBen tanninim und von vielen kleineren 
Tieren bewohnt, die er ebenso wie bei den Landtieren, weil sie 
auBerlich nicht so sehr hervortreten, als kriechend bezeichnet. Diese 
kriechenden Tiere werden in der Darstellung zunachst mit dem 
Worte kol zusammengefaBt. Sie sind alle von Gott geschaffen; kein 
einziges ist ausgenommen. Das fiihrt uns, da kol fur sich allein 
noch ganz unbestimmt ist, fast mit zwingender Notwendigkeit auf 
die Frage nach einer genaueren Zahlenangabe. Man wiirde, wenn 
es moglich ware, am liebsten die Summe der verschiedenen Einzel- 
wesen feststellen und dadurch zu einem Ergebnis gelangen, das der 
Babyionier nach dem Gesagten als minusunu bezeichnet hatte. 
Wenn man hervorheben wollte, daB eine derartige Feststellung 
wegen der GroBe der Menge nicht moglich war, konnte dieses durch 
den Ausdruck ana la mina geschehen. Man sieht also, daB zwischen 
kol und der Bedeutung des Wortes minu ein innerer Zusammen- 
hang besteht. Wo von einer Gesamtheit die Rede ist, mochte man 
auch die Zahl wissen. Diese wird uns zwar in der Bibelstelle nicht 
angegeben; es wird uns aber versichert, daB Gott alle Kriechtiere 
des Meeres ,,in ihrer Zahl" erschaffen hat. Er hat alle ins Dasein 
gerufen, die man bei einer Aufzahlung feststellen konnte. Das ist 
der einzige Gedanke, der sich aus der Aufzeichnung mit Sicherheit 
entnehmen laBt. Die Niederschrift muB also in ihrer altesten Form 
aus einer Zeit stammen, wo das Akkadische in Palastina noch in 
weiteren Kreisen verstanden wurde. Als dieser EinfluB dann spater 
zuriicktrat, ging die genauere Bedeutung des Ausdrucks verloren. 
Wenn der Verfasser an die Arten der Tiere gedacht hatte, wiirde 
er ebenso wie Gen. 8, 19 den Plural von mispahah gebraucht haben. 
Die mispahoth sind die Familien, die man bef der Tierwelt gerade 
so gut wie bei den Menschen unterschied. Tur min kann nach den 
zahlreichen Belegstellen nur eine Bedeutung vorausgesetzt werden, 
die bei einer solchen Zusammenfassung keinen Plural gestattet und 
in derselben Weise sowohl fur kleinere Gruppen als auch fur eine 



Knudtzon Nr. 10, 46. 



_ 94 

Gesamtheit von mehreren Familien in Betracht kommt. Das ist bei 
der angegebenen Erklarung tatsachlich der Fall. 

Der Text war in seiner jetzigen Auspragung schon vorhanden, 
als der Verfasser des 8. Psalmes in stiller Nacht die Herrlichkeit 
des gestirnten Himmels betrachtete, die ihm von der GroBe seines 
Schopfers erzahlte. Die Anlehmmgen sind hier in der ganzen 
Schilderang so auffallend und so deutlich, daft sie jedem sofort 
zum BewuBtsein kommen. Himmel und Erde verktinden dem 
Dichter in gleicher Weise die Macht Jahwes. Der Himmel ist das 
Werk seiner Hande; Mond und Sterne sind von ihm an ihren 
Platz gesetzt. ,,Was ist der Mensch", so fahrt er dann fort, ,,da6 
du seiner gedenkst, und der Sohn des Menschen, daB du dich um 
ihn bekummerst?" Der Mensch ist nur um ein weniges unter die 
Gottheit gestellt; er ist Herr und Gebieter fiber alle Geschopfe; 
alles wurde ihm von Gott zu FiiBen gelegt, die Schafe und die 
Kinder der Herde, die Tiere des Feldes, die Vogel des Himmels 
und die Fische des Meeres. Dieser Psalm ist dem Verfasser von 
Psalm 144 schon bekannt gewesen. Wir finden dort ebenfalls die 
Frage: ,,Was ist der Mensch, daB du ihn beachtest, und der Sohn 
des Menschen, daB du an ihn denkst?", und zwar im Zusammen- 
hange mit einer Reihe von andern Entlehnungen, die besonders auch 
eine weitgehende Vertrautheit mit dem Texte von Psalm 18 beweisen. 
Der Psalm ist ebenso wie Psalm 18 ein sogenannter Konigspsalm; 
es ist ein Lied, das einem noch regierenden Fiirsten von dem Dichter 
in den Mund gelegt wird. Das kann aber nur vor dem Exil 
geschehen sein. 

Das Wasser des Urmeeres war nach der Schilderung der Bibel 
zunachst in Finsternis gehullt. Diese Finsternis wird in den keil- 
inschriftlichen Texten, soweit sie bisher bekannt geworden sind, 
nirgendwo ausdrucklich erwahnt. DaB sie aber vorausgesetzt 
wurde, ersehen wir aus den Angaben des Berossus. Das Weltall 
war nach seiner Darstellung urspriinglich nur ,,Finsternis und 
Wasser". Die in der altesten Zeit vorhandenen Lebewesen gingen 
zugrunde, weil sie die Macht des Lichtes nicht zu ertragen ver- 
mochten. 

Als Marduk die Tiamat erschlagen hatte, spaltete er den Rumpf 
in zwei Teile. Er machte dann aus der oberen Halfte das Himmels- 
gewolbe, schob einen Riegel vor und stellte zugleich einen Wacht- 
posten auf, der das Wasser nicht durchlassen durfte. In der Bibel 
lesen wir, wie Gott am zweiten Tage innerhalb der Wassermassen 
das Firmament schuf, das eine Scheide bilden sollte ,,zwischen den 
Wassern, die unter dem Firmamente sind und den Wassern, die 
iiber dem Firmamente sind". Die oberen Wasser werden nach der 
biblischen Auffassung ebenfalls durch das Himmelsgewolbe fest- 
gehalten und gelangen von dort durch besondere Offnungen oder 
Schleusen 1 ) als Regen auf die Erde. Man sieht, daB hier dieselbe 



*) Vgl. Gen. 7, 11; 8, 2; H Kon. 7, 19; Is, 24, 18; Mai. 3, 10. Ps. 78, 23 
werden diese Offnungen als Tiiren bezeichnet. 



gc 

Vorstellung zugrundeliegt. Da der aimospharische Kreislauf des 
Wassers noch nicht bekannt war, suchte man sowohl in Babylonien 
als auch in Palastina den Regen mit einem groBen iiberirdischen 
Meere in Zusammenhang zu bringen. Es ist moglich, daB diese 
Auffassung ihrem Ursprunge nach babylonisch ist. Sie war aber 
schon vorhanden, als der Verfasser des Schopfungsepos sie in der 
angegebenen Weise zu erklaren versuchte, und hatte sicher in 
Palastina keinen Eingang gefunden, wenn sie dort lediglich in dem 
phantastischen Gewande der mythologischen Darstellung bekannt 
geworden ware. Wir diirfen aber nicht iibersehen, da8 der baby- 
lonische Dichter an der Tiamat eine wirkliche Teilung vornehmen 
laBt. Er setzt also, wenn wir den Grundgedanken in die Ausdrucks- 
weise der Prosa iibertragen, fur die iiberirdischen Gewasser auf 
jeden Fall einen urspriinglichen Zusammenhang mit den Wassern 
des Urmeeres voraus. Dieser Zusammenhang ist auch bei den Auf- 
fassungen der damaligen Zeit an und fiir sich noch gar nicht so 
selbstverstandlich. Es ist deshalb nicht unmoglich, daB man in 
Palastina erst durch das Schopfungsepos auf den Gedanken an 
eine derartige Scheidung gefiihrt wurde. Die Bibel spricht in dem 
uberlieferten Wortlaute lediglich von einer Trenmmg. Sie gebraucht 
dabei denselben Ausdruck, mit dem sie in dem vorhergehenden 
Verse die Scheidung von Licht und Finsternis hervorhebt. 

Auch die Angaben iiber die Erschaffung der Himmelskorper 
zeigen eine weitgehende Verschiedenheit. Der Verfasser des bib- 
lischen Textes spricht in der uns gelaufigen Aufeinanderfolge 
zunachst von der Sonne und dann an zweiter Stelle vom Monde 
und von den Sternen, der babylonische Dichter lafit zuerst einen 
Teil der Sterne und dann den Mond entstehen. Was er iiber die 
Sonne berichtete, entzieht sich wegen der vorhandenen Liicke vor- 
laufig noch unserer Kennmis. Das einzige, was in dem jetzigen 
Texte an die Bibel erinnert, ist die Angabe, daB Marduk dem Monde 
die Nacht anvertraute. 

Am SchluB der genannten Liicke stehen wir dann plotzlich in 
einer Versammlung der Gotten Die Gotter sind nach dem Zusam- 
menhange nicht ganz damit einverstanden, daB die Heifer der 
Tiamat dauernd in Haft gehalten werden; sie sind aber ebenso 
wenig geneigt, auf die Sklavendienste zu verzichten, die sie nach 
dem Rechte des Krieges von den Unterworfenen erwarten diirfen. 
In dieser Schwierigkeit findet der kluge Marduk wieder den Ausweg. 
Er plant die Schaffung eines neuen Wesens, das Gotterblut in seinen 
Adern fiihrt und zu diesen Dienstleistungen verpflichtet werden soil. 
Zu diesem Zwecke soil Kingu, der Erreger des Streites, nach der 
keilinschriftlichen Darstellung das Blut hergeben, und die iibrigen 
Gefangenen sollen dann wieder in Freiheit gesetzt werden. Dem 
Gotterblute verdanken die Menschen nach der Erklarung des Beros- 
sus ihren Verstand und die Teilnahme an gottlicher Einsicht. In 
der Bibel werden die Menschen als ein Ebenbild Gottes geschaffen, 
so daB sie ihm ahnlich sind. ,,Gott sprach: LaBt uns den Menschen 



96 

machen zu unserm Bilde, nach unserer Ahnlichkeit! Und Gott 
schuf den Menschen zu seinem Bilde; zum Bilde Gottes schuf er 
ihn." Wir finden hier sowohl in der babylonischen Darstellung als 
auch in den Angaben der Bibel einen unmittelbaren Zusammenhang 
zwischen dem Menschen und der Gottheit, nur ist die Art dieses 
Zusammenhanges verschieden. Die babylonische Auffassung geht 
von dem Gedanken aus, daB der Mensch iiber Geistesfahigkeiten 
verfugt,.wie man sie sonst nur bei den Gottera voraussetzte. Diese 
Fahigkeiten muBten also gdttlichen Ursprunges sein. Die Seele 
hatte aber nach der Annahme der Semiten ihren Sitz im Blute. 
Wenn der Mensch sein Blut verlor, ging es mit dem Leben zu 
Ende. Man schloB also von den Fahigkeiten auf das Blut und 
glaubte dieses Blut dann auf eine Personlichkeit in den Reihen der 
Gotter zuriickftihren zu mussen. Bei den Israeliten war eine solche 
Denkweise naturlich ganz ausgeschlossen. Man ging hier, wie es 
scheint, zunachst nur von der auBeren Gestalt des Menschen aus 
und iibertrug diese dann auf die Gottheit, die man sich in anderer 
Weise gar nicht vorzustellen vermochte. Das hebraische selem 
gestattet ebenso wie das akkadische salmu in seiner Grundbedeu- 
tung nur den Gedanken an ein wirkliches, in seinen Formen oder 
in seinen Linien deutlich hervortretendes Bild. DaB man auch in 
der spateren Zeit zum Teil noch so dachte, sieht man an der Art, 
wie Jesus Sirach sich iiber die Ahnlichkeit auBerte. ,,Er bildete 
Zunge, Augen und Ohren, und ein Herz gab er ihnen, zu denken, 
erftillte sie mit verstandiger Einsicht und zeigte ihnen das Gute und 
das Bose" (17, 6 7). Wir finden hier einen Hinweis auf die ein- 
zelnen Organe des menschlichen Korpers, auf den Mund, die Augen, 
die Ohren und das Herz; wir sehen aber zugleich, daB der Dichter 
den eigentlichen Nachdruck auf die geistigen Fahigkeiten legt, die 
sich in diesen Organen betatigen. Man dachte bei dieser Ausdrucks- 
weise zunachst nur an die Eigenart des Menschen und nahm dabei 
das Recht fur sich in Anspruch, auch bei der Gottheit das Mensch- 
liche stets menschlich zu sehen. Gott schaut vom Himmel auf die 
Erde; er steigt hernieder, um die Werke der Menschen zu besich- 
tigen; wir lesen vom Finger Gottes, von seinen Handen und von 
seinen FiiBen; wenn er ziirnt, dann brennt ihm nach der iiblichen 
hebraischen Redewendung die Nase; er riecht den Opferduft und 
hat an dem Opfer ein menschliches Wohlgefallen. Diese Anthro- 
pomorphismen sind gerade fur die ersten Kapitel der Bibel beson- 
ders charakteristisch. Fiir die Babylonier war die Uebereinstimmung 
zwischen dem Menschen und der auBeren Gestalt der Gotter schon 
in der altesten Zeit eine fast selbstverstandliche Voraussetzung. 
Gottergestalten mit Tierkopfen oder mit sonstigen Entlehnungen 
aus den Formen des Tierreiches sind hier im Gegensatze zu den 
Auffassungen der Agypter eine seltene Ausnahme. Das einzige, was 
die Gotter auf den vorhandenen Bildwerken bei einer gemeinsamen 
Wiedergabe von den Menschen in der Regel unterscheidet, ist die 
Darstellung in einer besonderen GroBe, die den Menschen schon 



auBerlich als den niedriger stehenden und bescheidenen Diener der 
Gottheit erkennen laBt. Das 1st derselbe Unterschied, den man auch 
bei Konigen und Untertanen und bei Siegern und Besiegten zu 
machen pflegte. Wir haben es bei diesen Vorstellungen offenbar 
mit einer allgemeinsemitischen Auffassung zu tun, die zwischen dem 
Menschen und den edlen Gottergestalten auch in der Form eine 
vollstandige Uebereinstimmung voraussetzt und in dieser Weise 
zwischen den guten und den bosen Gottern eine scharfe Linie zieht. 
Die bosen Gotter sind haBlich und den Menschen sehr unahnlich. 
Man sah in der auBeren Form den Ausdruck des Wesens und der 
inneren Gesinnung. Die Geistestatigkeit war an den Korper gebun- 
den und mit diesem von selbst gegeben. 

Der Gedanke an das Gotterblut ist allem Anscheine nach rein 
babylonisch. Es ist ein Versuch, die Uebereinstimmungen auf dem 
Gebiete des Geisteslebens nach den damaligen Auffassungen wissen- 
schaftlich zu begriinden. Dieser Versuch scheint im Sprachgebiete 
der Babylonier und Assyrer, wo er nach unserer jetzigen Kenntnis 
in drei verschiedenen Texten und Literaturwerken vertreten wird, 
auBerordentlich viel Zustimmung gefunden zu haben; er hat aber 
auBerhalb dieses Gebietes, soweit wir es bis jetzt zu verfolgen 
imstande sind, keine Spuren hinterlassen. 

Wir erwahnten schon die Worte, mit denen der Schopfer in dem 
biblischen Berichte zunachst hervorhebt, was er zu tun beabsichtigt. 
Er sprach: ,,LaBt uns den Menschen machen!" Dieser Ausdruck 
erklart sich am einfachsten, wenn man hier ebenfalls an eine vorher- 
gehende Beratung denkt. Ein pluralis maiestaticus, wie er an dieser 
Stelle vielfach vorausgesetzt wurde, kommt im Hebraischen nicht 
vor. Die Worte stehen in ihrer Form ganz auf derselben Stufe wie 
die Angabe Gen. 3,22: ,,Da sprach Gott der Herr: Siehe, der 
Mensch ist geworden wie einer von uns, zu unterscheiden zwischen 
Gutem und Bosem; und jetzt, daB er seine Hand nicht ausstrecke 
und auch nehme vom Baume des Lebens und esse, so daB er lebe 
fur immer", und wie die Aufforderung in Gen. 11,7: ,,Wohlan, 
lafit uns hinuntersteigen und ihre Sprache daselbst verwirren, so 
daB keiner die Sprache des andern versteht!" Es handelt sich hier 
offenbar um eine Unterhaltung mit andern Himmelsbewohnern, die 
ebenso wie der Schopfer unsterblich sind und in derselben Weise 
vom Himmel auf die Erde herabsteigen konnten. Als der Herr dem 
Propheten Isaias erschien (Is. 6, 1 ff .), standen Seraphim vor seineni 
Thron und priesen ihn als den Herrn der Heerscharen. Und der 
Herr erhob seine Stimme und sprach: ,,Wen soil ich senden, und 
wer wird fur uns d. i. fur mich und fur die Seraphim * hin- 
gehen?" Das ist in der Form dieselbe Gleichsetzung wie bei dem 
Satz in. der Genesis: ,,Siehe, der Mensch ist geworden wie einer 
von uns." Auch der Prophet Michajehu (I Kon. 22, 19 ff.) sah ,,den 
Herrn auf seinem Throne sitzen und die ganze Heerschar des 
Himmels, wie sie bei ihm stand zu seiner Rechten und zu seiner 
Linken. Und es sprach der Herr: Wer will den Achab betoren, 



98 

daB er hinziehe und falle zu Ramoth Gilead? Und es sagte der 
eine dies und der andere das. Da trat ein Geist hervor, stellte sich 
vor den Herrn und sprach: Ich will ihn betoren. Da sprach der 
Herr zu ihra: Womit? Und er sprach: Ich will hinausgehen und 
ein Geist der Luge sein im Munde aller seiner Propheten. Und er 
sprach: Du magst betoren und wirst es auch vermogen. Geh hin 
und tu es!" Wir haben hier eine Beratung, wie sie sich von den 
Ausfuhrungen in den keilinschriftlichen Texten kaum unterscheidet. 
Es ist also durchaus nicht unmoglich, daB der Verfasser des 
Schopfungsberichtes ebenfalls an eine derartige Besprechung ge- 
dacht hat. 

Ueber die Art und Weise, wie Gott die Menschen erschuf, wird 
im ersten Kapitel der Genesis nichts mitgeteilt. Wir lesen dort nur, 
daB er sie ins Dasein rief, und zwar als Mann und als Frau, daB 
er sie segnete und daB er sie dann aufforderte, sich zu mehren 
und die Erde mit den ubrigen Geschopfen in ihren Besitz zu 
nehmen. Damit ist der Bericht, soweit es sich urn die Schopfungs- 
tatigkeit handelt, sachlich zum AbschluB gebracht. Himmel und 
Erde waren vollendet mit allem, was sich am Himmel und auf der 
Erde bewegt 1 ). Und Gott horte auf zu schaffen und ruhte am 
folgenden Tage; er segnete diesen Tag und heiligte ihn und machte 
ihn zu einem Ruhetag fur die Menschen. 

Auf diese Darstellung folgt dann im zweiten und dritten Kapitel 
ein Bericht, der offenbar auf eine andere Quelle zuriickgeht. Der 
Verfasser fiihrt uns zunachst in die Zeit zuriick, wo auf der Erde 
noch nichts hervorsproBte, wo Gott der Herr es noch nicht regnen 
lieB und wo der Mensch noch nicht da war, den Boden zu bebauen. 
Er berichtet dann von einer Flut, die aus dem Bodeh hervorkam, 
und von der Erschaffung des ersten Menschen aus Lehm oder aus 
dem Staube der Erde, von dem Aufenthalt im Paradiese, von der 
Erschaffung der Eva, vom Siindenfall und von der sich anschlieBen- 
den Verweisung aus dem Paradiese. Der Schopfer wird hier nicht 
mehr, soweit es sich um die Worte des Erzahlers handelt, mit dem 
im ersten Kapitel gebrauchten einfachen elohim, sondern als Jahwe 
elohim oder als Gott der Herr bezeichnet. Dieser Ausdruck findet 
sich in dem Abschnitt nicht weniger als neunzehnmal. Das bloBe 
elohim wird nur in den Satzen gebraucht, wo Eva sich mit der 
Schlange unterhalt. Der Verfasser wollte den Namen, den der 
Israelit nur mit besonderer Ehrfurcht aussprechen sollte, dem in, 
der Schlange hervortretenden hinterlistigen Gegner des allmachtigen 
und gutigen Schopfers offenbar nicht in den Mund legen. 

Die Flut, die aus dem Boden hervorbricht, wird in dem vor- 
liegenden Abschnitt als ed bezeichnet. Sie soil dazu dienen, den 
Boden zu bewassern. ,,Und eine Flut kam hervor aus der Erde 



*) Gen. 2, 1 : ,,mit ihrem Heere". Der Verfasser denkt dabei an die Geschopf e 
der drei letzten Tage. Vgl. hieriiber das Nahere bei Zapletal, Der Sehopfungs- 
bericht der Genesis, 2. Aufl. S. 107 if. 



99 

und trankte die ganze Oberflache des Erdbodens." Das ist genau 
dieselbe Verbindung, die uns ira Assyrischen in der Zylinder- 
inschrift des Sargon begegnet. Der Konig erzahlt uns dort 
Z. 36 37, daB er in wiister Ode, wo der Pflug bis dahin noch keine 
Furchen gezogen, den Bo den mit reicher Wasserfiille ki gibis edi, 
wie mit dem Wogenschwall einer Flut, iiberall im Lande tranken 
lieB. Die Bewasserung erfolgt nach dem biblischen Texte durch 
einen ed und nach der assyrischen Angabe durch eine Wasser- 
menge, die mit einem edu verglichen wird. Auch das Verbum ist 
in beiden Fallen dasselbe; in der Bibel ist das Hifil von sakah, in 
dem assyrischen Texte das Causativum saku gebraucht. Das 
hebraische ed steht zu der Form edu in demselben Verhaltnis wie 
das im Alphabet vorkommende koph 1 ) zu dem akkadischen kuppu. 
Das Wort geht seinem Ursprunge nach auf das sumerische a-de-a 
zuriick. A = Wasser; de = ausschutten. Der Ausdruck drang dann 
in Palastina auch in die Sprache des Volkes ein. Die Flut wurde 
hier unter normalen Verhaltnissen 2 ) als eine Folge des herab- 
stromenden Regens betrachtet. 

DaB die Menschen urspriinglich aus dem Lehm der Erde gebildet 
wurden, ist eine Vorstellung, die sich fast bei alien Volkern wieder- 
holt. Sie fand sich nicht nur bei den Babyloniern und Assyrern, 
sondern vor allem auch bei den Agyptern, wo man sogar an eine 
Herstellung auf der Drehscheibe dachte. Um so auffallender ist aber 
die Bildung der Eva aus einer Rippe. Die Rippe wurde im Sume- 
rischen nach einer Reihe von Belegen als ti bezeichnet. Dies war 
zugleich der gewohnliche Ausdruck fur das akkadische balatu = 
leben. Es entspricht also in derselben Weise dem hebraischen hajah 
und dem gleichbedeutenden, in den phonizischen Texten noch regel- 
maBig vorkommenden hawah. Damit kommen wir auf die hebraische 
Form des Namens Eva, die von dem Verfasser unseres Textes aus- 
driicklich in diesem Sinne gedeutet wird. Adam bezeichnete seine 
Gefahrtin als Hawwah, weil er sie als em kol hai, als Mutter alles 
Lebenden, betrachtete. Der Name fiihrt uns also zunachst auf das 
kanaanaische hawah = hajah. Er berechtigt uns, wenn wir nur 
die Grundbedeurung ins Auge fassen, ohne weiteres zu einer Um- 
schreibung durch das sumerische ti = balatu. Wenn man aber an 
ti = balatu dachte, lag die Zusammenstellung mit einer andern 
Wiedergabe des sumerischen Wortes auf jeden Fall auBerordent- 
lich nahe. 

Das Paradies befand sich nach der Angabe unseres Berichtes 
im Osten, also ostlich vom Wohnorte des Schriftstellers, in einem 
Gebiete, das in der Bibel als Eden bezeichnet wird. Es war von 
vier Stromen durchflossen, vom Pischon, vom Gichon, vom Tigris 
und vom Euphrat. Beim Pischon wird hinzugefiigt, daB er das 
Land Chavila umfloB, wo man vorziigliches Gold, wohlriechendes 



S. oben S. 22. 
Vgl. Job 36, 27. 



7* 



100 

Harz und edles Gestein fand. Der Gichon floB nach der Angabe 
des Verfassers urn das Land Kusch; beim Tigris wird hervor- 
gehoben, daB er an der Stadt Assur vorbeifloB; beim Euphrat 
1st ein derartiger Zusatz nicht vorhanden. Wir haben hier also 
bei dem ersten Strom einen Hinweis auf ein geheimnisvolles und 
eigenartiges Wunderland, das von seinen Fluten beriihrt wird. Beim 
zweiten Strome wird ein Land genannt, das keiner weiteren Be- 
schreibung bedarf; beim Tigris geniigte der Hinweis auf die Stadt 
Assur, beim Euphrat war eine genauere Angabe fur den Leser ganz 
iiberflussig. Der Erzahler beginnt seine Darstellung offenbar mit 
dem Fernliegenden und schlieBt dann mit dem, was ihm ortlich am 
nachsten lag. Das wird auch durch die Namen der FKisse in eigen- 
artiger Weise bestatigt. Der Name Pischon kommt namlich ebenso 
wie das Wort Gichon aus dem Hebraischen; Pischon geht auf 
pus = laufen oder schnell dahinflieBen zuruck, Gichon ist in der- 
selben Weise von der Wurzel guah = hervorbrechen gebildet. Es 
handelt sich hier also bei den an erster Stelle genannten Stromen 
um zwei Fliisse, die dem Verfasser mit ihren einheimischen Namen 
offenbar nicht bekannt waren. Er nennt dann den Tigris, den er 
im AnschluB an das assyrische Idiklat als Hiddekel bezeichnet, und 
beschrankt sich schlieBlich beim vierten Strom auf die Bemerkung, 
dafi er Perath genannt wurde. Im Assyrischen war die Form 
Purattu in Gebrauch. 

Was wir bei den Fliissen beobachten, gilt natiirlich auch fur die 
Kenntnis der Landschaft. Wir diirfen also annehmen, da8 der Ver- 
fasser iiber die Gegend am Euphrat und Tigris noch ziemlich genau 
unterrichtet war. Er kennt die Hauptstadt des assyrischen Reiches 
und weiB auch, daB der Tigris an dieser Stadt vorbeiflieBt. Wir 
lesen dann aber im vierten Kapitel, daB der fliichtige Kain sich ostlich 
von Eden im Lande Nod niederlieB. Das ist wieder ein hebraischer 
Name, und zwar in einer Gegend, wo man ihn in Wirklichkeit gar 
nicht voraussetzen darf. Nod ist nichts anderes als das Umherirren, 
wie es gerade bei Kain besonders hervorgehoben wird. Er war 
unstat und fliichtig und verbrachte die weitere Zeit seines Lebens 
in einem Lande, das von dem Erzahler audrucklich nach diesem 
Zustande benannt wird. Die Bezeichnung steht also mit den Namen 
der beiden ersten Paradiesesfliisse ganz auf derselben Stufe.. 

Obwohl das Land unmittelbar an Eden heranreicht, ist es doch 
in seiner Eigenart von diesem Gebiete wesentlich verschieden. Es 
ist eine Gegend, wo Menschen wohnen. Sie ermoglicht es dem 
Kain, sich dort niederzulassen, eine Familie zu griinden und eine 
Stadt zu erbauen. Wir finden hier also im wesentlichen dieselben 
Verhaltnisse wie in jedem andern Lande. Es handelt sich nach der 
Angabe der Bibel um ein wirkliches ,,Land". Diese Bezeichnung 
wird bei dem Worte Eden niemals hinzugefiigt. Man dachte also, 
wie wir hieraus entnehmen mussen, an ein Gebiet, das von 
Menschen iiberhaupt nicht bewohnt wurde. Dies fiihrt uns fast mit 
zwingender Notwendigkeit auf das sumerisch-akkadische edin = 



101 

edinu = sfru = Ebene, Steppe, Trift oder Wiiste. Die Bewohner 
von Palastina suchten das Paradies im Osten, und zwar im Innera 
der gewaltigen Wiiste, die sich dort bis an die Grenze des Landes 
heranschob. Dabei stellte man sich die Baume des Paradieses ganz 
in derselben Art vor, wie man sie im eigenen Lande beobachtete. 
Der Verfasser erzahlt uns, daB Adam und Eva sich Schiirzen aus 
Feigenblattern machten, obschon der Feigenbaum in der babylo- 
nischen Landschaft auch im Altertum in Wirklichkeit gar nicht vor- 
kam. In Palastina war er dagegen sehr haufig. Die Angaben fiihren 
uns also stets wieder auf das Land der Bibel; sie reichen aber in 
eine Zeit zuriick, wo man in sprachlicher Hinsicht, wie es scheint, 
noch unter dem lebendigen EinfluB des Sumerischen und des Akka- 
dischen stand. 

Ueber den Baum des Lebens und iiber den GenuB der ver- 
botenen Frucht sind uns in der keilinschriftlichen Literatur genauere 
Mitteilungen bisher noch nicht bekannt geworden. Man erzahlte 
zwar von einem Lebenskraut, das den Menschen allem Anscheine 
nach besondere Kraft und Frische verlieh, und von einer geheimms- 
vollen Pflanze, die nach der Schilderung in dem spater noch zu 
behandelnden Gilgamesch-Epos den Greis wieder zum Jiinglinge 
machte, aber von einem Baum und von der besonderen Frucht 
dieses Baumes ist nirgendwo die Rede. Die bildlichen Darstellungen, 
die man vielfach als Lebensbaume bezeichnet, beziehen sich wenig- 
stens ihrem Ursprunge nach nur auf einen ganz gewohnlichen 
Vorgang in der Behandlung der Dattelpalme. Sie zeigen uns in der 
Regel zwei geflugelte Genien, die sich einem in ihrer Mitte stehenden 
Palmenbaume zuw^enden und die Bluten in derselben Weise, wie es 
auch jetzt im Oriente noch geschieht, durch Bestauben mit einem 
mannlichen Bliitenstande kimstlich befruchten 1 ). Es ist moglich, daB 
wir diesen Vorgang symbolisch zu deuten haben, aber mit den 
Angaben iiber die Baume des Paradieses hat er jedenfalls gar nichts 
zu tun. Das einzige, was man als Parallele vielleicht heranziehen 
konnte, ist eine Darstelhmg auf einem altbabylonischen Siegel- 
zylinder 2 ). Wir finden dort einen Baum, auf dem an den unteren 
Zweigen zwei Friichte herabhangen. Neben diesem Baume sitzt an 
jeder Seite eine bekleidete Person, von denen die eine, die sich zur 
Rechten befindet und eine Gottermutze tragt, offenbar mannlich, die 
andere dagegen allem Anscheine nach weiblich ist. Beide Gestalten 
haben die Hande nach dem Baume ausgestreckt, und zwar in einer 
Weise, als wenn sie sich iiber den Baum oder die Fiirchte unter- 



*) Vgl. E. B. Tylor, The wiilged figures on Assyrian and other ancient 
Monuments (Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 1890) und 
Felix von Luschan, Entstehung und Herkunft der ionischen Saule, Leipz. 1912 
(Der Alte Orient XIII 4), S. 2531. 

2 ) Jastrow, Die Religion Babyloniens tt. Assyriens, Bildermappe Nr. 165; 
Otto Weber, Altorient. Siegelbilder (Der Alte Orient XVII u. XVIII) Nr. 429; 
GreBmann, Altorient. Bilder Nr. 603 u. 6. 



102 

halten. Hinter der Gestalt auf der linken Seite sieht man in mehreren 
Windungen eine Schlange emporsteigen. Man muB ohne weiteres 
zugeben, daB hier eine auffallende Uebereinstimmung vorliegt. Der 
Baum, die Friichte, die beiden Personen und die Schlange scheinen 
einander fast restlos zu entsprechen. DaB die Personen bekleidet 
sind, bedeutet zwar einen Unterschied, ist aber wohl kaum als ent- 
scheidend zu betrachten. Auch diirfen wir nicht iibersehen, daB 
man die Menschen der Urzeit gem als Gotter behandelte. Unter- 
diesen Umstanden ist eine sichere Entscheidung bei dem Fehlen 
eines erzahlenden Textes vorlaufig noch ganz unmoglich. Wir 
konnen hier die Losung nur von der Zukunft erwarten. 

Als die Menschen aus dem Paradiese verrrieben waren, stellte 
Gott im Osten ,,die Cherubim und die Flamme des zuckenden 
Schwertes" auf, um den Zutritt zum Baume des Lebens unmoglich 
zu machen. Die Cherubim sollten nach dem Zusammenhange jeden 
vom Emtritt in das Paradies femhalten, und zwar mit dem 
Schwerte, das sie hochst wahrscheinlich in der Hand trugen. Sie 
stehen auch nach den sonstigen Angaben der Bibel im besondern 
Dienste des Herrn. Ps. 18,11 wird Jahwe von einem Cherub im 
Sturme durch die Liifte getragen; ,,er bestieg den Cherub und flog 
dahin, auf den Fittichen des Windes jagte er dahin". Der Cherub 
besorgt hier nach dem Wortlaute das Fliegen; er ist also, wie man 
aus dieser Stelle entnehmen muB, selbst mit Fliigeln ausgestattet. 
An den Wanden und auf den Tiiren des Tempels waren ,,Cherubim, 
Palmen und Bliitenknospen" angebracht (I Kon. 6,29.32.35). Die 
Palmen trennten nach der Schilderung des Propheten Ezechiel 
(41,17 ff.) jedesmal den einen Cherub von dem andern, und jeder 
Cherub hatte ein doppeltes Gesicht, das Gesicht eines Menschen 
und das Gesicht eines Lowen. Mit dem Gesichte des Menschen 
schaute er auf die eine Palme und mit dem Gesichte des Lowen auf 
die andere. Bei seiner Berufung sah der Prophet den Himmel offen 
und erblickte dort neben den Radern des gottlichen Thronwagens 
vier lebende Gestalten, die er spater als Cherubim erkannte. Sie 
hatten ein menschliches Aussehen, aber vier Flugel und ein vier- 
faches Gesicht, ein menschliches Angesicht nach vom, ein Lowen- 
gesicht nach der rechten, ein Stiergesicht nach der linken Seite und 
nach hinten das Gesicht eines Adlers. Diese Gestalten hatten unter 
den Fliigeln vier menschliche Hande und konnten sich, wie es der 
vierfachen Richtung ihres Gesichtes entsprach, mit ihren FuBen 
nach alien vier Seiten bewegen. Sie sind also, obwohl sie ebenfalls 
als Cherubim bezeichnet werden, von den Darstellungen im Tempel 
in mancher Hinsicht durchaus verschieden. Da Ezechiel in Baby- 
lonien lebte, diirfen wir bei seinen Visionen von vornherein mit 
babylonischen Einfliissen rechnen. Seine Schilderung erinnert in 
ihren Einzelheiten sofort an die gefliigelten und vielfach mit 
Menschenkopfen versehenen Lowen- und Stierkolosse, die man dort 
als Wachter an den Toren der Tempel und Palaste aufstellte, und 
an die ebenfalls mit Fliigeln versehenen menschlichen Gestalten, die 



103 

auf den Bildwerken in der angegebenen Weise mit den Palmen- 
baumen in Verbindtmg gebracht werden. Man sieht, daB ihm diese 
Darstellungen bekannt gewesen sind. Die Gesialten, die wir neben 
den Palmenbaumen antreffen, zeigen statt des menschlichen Kopfes 
nicht selten den Kopf eines Adlers. Sie haben den Baum fast immer 
in ihrer Mitte. Darstellungen mit einem einzigen Genius bilden 
eine Ausnahme. Wenn man nun eine Reihe von Baumen neben- 
einanderstellte, beriihrten sich die zwischen einem Baumpaare 
stehenden Genien uberall mit dem Riicken. Hieraus entstand dann 
von selbst die Gestalt mit dem doppelten Kopfe, wie wir sie bei 
den Verzierungen auf den Wanden und an den Turen des Tempels 
vorfinden. Man ist nur iiberrascht, daB der Menschenkopf hier mit 
dem Kopf eines Lowen wechselt. Bei der Berufungsvision ist das 
Gesicht, das nach riickwarts schaut, das Gesicht eines Adlers. Das 
Lowengesicht schaut bei dieser Vision nach rechts und das Stier- 
gesicht nach links. Die Gestalten mit dem vierfachen Gesicht haben 
die Darstellungen mit dem doppelten Gesichte schon zur Voraus- 
setzung, das doppelte Gesicht geht aber auf eine Verschmelzung 
der beiden einfachen Gestalten zuriick, die zwischen den Baum- 
paaren jedesmal hi der Mitte stehen. Diese bilden also die Grund- 
form. Sie begegnen uns aber auf den Denkmalern nicht nur als die 
giitigen Pfleger und Freunde der Palme, sondern auch als mutige 
Kampfer, die mit dem Sichelschwert oder mit der Keule Lowen, 
Gazellen, StrauBe und wilde Stiere erlegen und mit fester Hand und 
mit sicherem Blick ihre Pfeile gegen mythologische Ungeheuer ab- 
schieBen oder sie im Nahkampfe siegrecih zu Boden zwingen. 

Die gefliigelten Tierkolosse werden in den Texten bald als sede 
und bald als lamasse bezeichnet. Der lamassu, Fern, lamastu, war 
nach den Auffassungen der Babylonier ein ilu musallimu, eine Gott- 
heit, die Wohlergehen und Erfolg brachte. Hierbei war das Wesen 
oder die Art der betreffenden Gottheit im iibrigen nicht entscheidend. 
Unter den Geschenken, die der Konig von Agypten nach einer Zu- 
sammenstellung in den El-Amarna-Tafeln an den Konig Burna- 
buriasch von Babylon schickte, befanden sich zwei lamasse, die 
wenigstens teilweise aus Gold waren, eine lamassu-Figur aus 
Silber, ein goldener lamassu, der in seinem Innern aus Kupfer 
bestand, ein vergoldeter lamassu fur die Gattin des Konigs, ein 
vergol deter lamassu fur die Tochter des Konigs und 21 lamasse 
aus Stein. Das sind lauter agyptische Gotterbildnisse, die mit den 
Vorstellungen der Babylonier an und fur sich gar nichts zu tun 
hatten. Die Bildnisse sollten dem Konige und der koniglichen 
Familie offenbar Gliick und Segen verleihen. So wird z. B. auch die 
Gottin Tasmetu als die lamasat mati, als die lamastu des Landes, 
bezeichnet, und der Name Lamassi-Papsukal, der gelegentlich 
vorkommt, ist in seiner sprachlichen Form nichts anderes als das 
Gestandnis, daB der Trager dieses Namens den Gott Papsukal als 
seinen lamassu verehrt. Man konnte also das Wort ohne Zweifel 
von jeder Gottheit gebrauchen, der man den Schutz eines Tempels 



104 

oder eines Palastes anvertrauen wollte. Es kommt in seinem ersten 
Bestandteile offenbar von dem sumerischen lam = wachsen oder 
gedeihen. Die ideographische Darstellung ist fast immer dieselbe. 
Es ist das Gotterzeichen mit dem darauf folgenden Zeichen fiir kal, 
rib, lab und dan, das in seiner Grundbedeutung das Vorhandensein 
von besonderer Kraft und Starke zum Ausdruck bringt. 

Neben den Lowen- und Stierkolossen werden auch schiitzende 
Lachmen erwahnt. Assarhaddon lieB bronzene Lowengestalten, 
Darstellungen des gottlichen Sturmvogels und Lachmen ,,im Innern 
von Ninive in der Nahe des Stadttores" aufstellen 1 ), und in Harran 
behtiteten nach der Angabe des Nabuna'id zwei Lachmen aus 
esmaru den ostlichen Eingang des von diesem Konige wieder- 
hergestellten Sintempels 2 ). Assurbanipal hatte in diesem Tempel 
zwei kraftige silberne Wildochsen und zwei silberne Lachmen in 
dem Wohnraume des Gottes aufstellen lassen 3 ). Die Lachmen batten 
in diesem Falle eine Gestalt ,,wie vom Meere". Das wird besonders 
hervorgehoben, weil es auch andere Formen gab. Wir besitzen 
noch eine Zusammenstellung von ausfiihrlichen Beschreibungen*), 
die iiber diese Verschiedenheit genauere Mitteilungen enthalten. 
Der Verfasser erzahlt uns dort von einem Lachmu, dessen Kopf die 
Gestalt eines Schlangenkopfes hatte. Von den Ohren hing Wasser 
herab. Der Korper zeigte die Form eines suhur-Fisches. Es war ein 
,,Lachmu des Meeres, wie der Gott Ea sie hat". Bei einer andera 
Darstellung war der Kopf wie der Kopf eines kissugu-Fisches. Die 
FiiBe waren wie die FiiBe eines Lowen, aber mit Vogelkrallen ver- 
sehen. Ein ,,Lachmu der Gottin Gula" hatte Hande wie ein Mensch. 
In der Linken hatte er etwas zu tragen, die Rechte war zum Segen 
erhoben. Ina imni[su ijkarrab. Vom Nacken bis zum Giirtel war 
er wie ein Mensch, vom Gurtel bis zu den FiiBen hatte er die Glied- 
mafien eines Hundes. Der Hund stand bei den Babyloniern unter 
dem besonderen Schutze der Gula. Wir sehen aus diesen Angaben, 
daB die Lachmen den ubrigen Gottern in irgendeiner Weise unter- 
geordnet waren, und daB sie sich durch dieses Verhaltnis zu einer 
bestimmten Gottheit auch im einzelnen voneinander unterschieden. 
Das Genauere entzieht sich vorlaufig noch unserer Kenntnis. Die 
Lachmen waren aber ebenso wie die hoheren Gotter den Menschen 
im allgemeinen durchaus gewogen und stellten sich, wenn sie 
richtig behandelt wurden, gern in ihren Dienst. Assurbanipal sagt 
von ihnen, daB sie die Schritte seines Konigtums beschutzen oder 
erfolgreich gestalten er gebraucht hier ebenfalls das Partizip 
musallimu und daB sie den Reichtum des Gebirges und des 



*) K 2711 Rs, 9 (Beitr. zur Assyr. Ill, S. 266). 

2 ) Langdon, Die neubabyl. Konigsinschriften S. 222. 

3 ) Streck, Assurbanipal II, S. 172. 

*) Cuneiform Texts from Bab. Tablets XVII, 42 ff.; Umschrift und Ueber- 
setzung von Jensen in iseinen Texten zur assyrischen und babylonischen 
Religion, Keilinschriftl. Biblioth. Bd.VI, 2.Teil, S.2fi 



105 

Meeres herbeifiihren 1 ). Sie leisteten also nach seiner Auffassung 
dasselbe, was man von den lamasse erwartete. Nabuna'id bezeichnet 
sie mit besonderem Nachdruck als die Ueberwinder seiner Feinde 2 ). 

Der elamitische Konig Tepti-ahar erzahlt uns in einer akka- 
dischen Inschrift aus Susa 3 ), daB~er sein Standbild, Standbilder 
seiner von ihm geliebten Frauen und ,,karibati" aufstellen lieB, in 
der Absicht, da6 diese ana sasu u ana amatisu sa rimusinati 
ikarraba, daB sie ihn und seine Frauen, die er liebt, segnen sollen. 
Er spricht hier also von Gottheiten, die dasselbe tun, was soeben 
von dem segnenden Lachmu gesagt wurde. Das Segnen ist nach 
dem Namen, den sie tragen, ihre besondere Aufgabe. Es sind 
Gottinnen, die kurzerhand als die ,,Segnenden" bezeichnet werden; 
Diese werden dann in der Fortsetzung des Textes in einen unmittel- 
baren Zusammenhang mit den ,,lamazzati" gebracht. Vier Diene- 
rinnen sollen zur Nachtzeit zu den FiiBen der lamazzati und der 
karibati fiir den Konig besondere Gebete verrichten. Die lamazzati 
sind offenbar als lamassati oder als weibliche lamasse zu betrachten. 

Pater Scheil, der Herausgeber des Textes, dachte bei den karibati 
sofort an die biblischen Cherubim. Der Gedanke lag in der Tat so 
nahe, daB man im allgemeinen geneigt war, sich dieser Auffassung 
ohne weiteres anzuschlieBen. Man hatte immer schon das Emp- 
finden gehabt, daB zwischen den lamasse und den Cherubim eine 
Verwandtschaft bestand, und konnte dann in dieser Zusammen- 
stellung nur eine Bestatigung erblicken. Die einzige Schwierigkeit, 
die sich in den Weg stellte, war der Unterschied in den Vokalen. 
Diese schien aber so erheblich, daB man in der Regel zu keiner 
sicheren EntschlieBung kam. Scheil hebt bei der Uebersetzung das 
Unsichere seiner Auffassung durch die Art der Typen hervor, Streck 
gibt seine Bedenken durch ein Fragezeichen zu erkennen 4 ), und 
Zimmern fiigt bei seiner Gleichsetzung 5 ) ein einschrankendes 
,,wohl" hinzu. 

Als Streck und Zimmern sich auBerten, war inzwischen schon 
ein anderer Text bekannt geworden, der die Zweifel wohl endgiiltig 
beseitigt. Die Deutsche Orientgesellschaft hatte bei ihren Grabungen 
in Assur eine Alabastertafel mit einer Inschrift gefunden, die iiber 
den Neubau des dortigen Assurtempels durch den Konig Assar- 
haddon berichtet. In dieser Inschrift, die im Jahre 1911 veroffent- 
licht wurde 6 ), lesen wir Vs. Z. 2324, daB der Konig die Wohn- 



!) Streck a. a. O. S. 150 f . 

2 ) Langdoii a. a. O. 

3 ) Delegation en Petrse, Memoires publics sous la direction de M. T- 
de Morgan, Textes elamites-semitiques, Deuxierae serie, par V. Scheil, O. P., 
Professeur a V Ecole des Hautes-Etudes, Paris 1902, S. 167 f. und Tafel 18,3. 

4 ) a. a. O. S. 55 Anm. 6. 

5 ) Akkadische Fremdworter als Beweis fiir babylonischen KultuireinfluB, 
Leipz. 1915, S. 69. 

6 ) Keilschrifttexte aus Assur Mstorisehen Iiihalts, Erstes Heft, Auto- 
graphien von Leopold Messerschmidt, S. 69 f. 



106 

zelle des Gottes mit Gold bekleiden und zu beiden Seiten kostbare, 
aus einer rotglanzenden Goldmischung hergestellte lahme und 
kuribi darin aufstellen lieB 1 ). Man erfuhr hier also von Bildwerken, 
die als kuribi bezeichnet wurden und ebenso wie die lahme im 
Heiligtum des Gottes ihren Platz batten. Da die Lachmen nach 
andern Angaben 2 ) gewohnlich zu zweien aufgestellt wurden, lag 
es nahe, diese Zahl auch bei den kuribi anzunehmen. Damit ergab 
sich, wenn man an die Cherubim dachte, eine uberraschende 
Parallele zu der Ausstattung des Allerheiligsten im Tempel zu 
Jerusalem. Diese Bildwerke mussen aber im ubrigen gar nicht so 
selten gewesen sein. Wir besitzen aus der damaligen Zeit noch 
einen Brief), in dem der Absender, wahrscheinlich ein hoher Ver- 
waltungsbeamter, dem Konige iiber eine Reihe von groBeren Be- 
standen an Gold und Silber berichtet. In diesem Briefe werden 
Z. 13 auch ,,zwei groBe Konigsbilder und funfzig ku-ri-bi" erwahnt. 
Sie werden hier aufgefiihrt, weil sie ebenfalls aus edlem Metall 
waren. 

Das Wort kuribi gibt sich schon auBerlich als eine Entlehnung 
aus dem Sumerischen zu erkennen; in den semitischen Sprachen ist 
eine derartige Form als Nominalbildung nirgendwo nachzuweisen. 
Wenn es aber aus dem Sumerischen stammt, kann es sich nur um 
eine Zusammensetzung handeln. Das fiihrt uns bei der vorliegenden 
Schreibung zunachst auf ein ku + rib. Diese Form ist unter den 
assyrischen Gotterbezeichnungen tatsachlich yorhanden 4 ); sie 
wechselt aber mit den Formen kur-ri-ba 5 ), kur-rib-ba 6 ) und kur- 
ib-ba 7 ), die sich zum Teil als ehrende Bezeichnungen fur die Gottin 
Ninkarrag und fur die mit ihr verwandte und ihr vielfach gleich- 
gesetzte Gula erhalten haben. In dem Texte K 232 wird diese als 
Kur-rib-ba kasidat iksuti, als ,,Kur-rib-ba, die Siegerin iiber die 
Gewalttatigen", gepriesen 8 ). Das ist in dieser Fassung nichts anderes 
als die genaue Wiedergabe und die wortliche Uebersetzung von 
kur = kasadu = uberwinden + rib = kal = aksu = iksu 9 ). Ein 
kur-rib ist also, wenn wir an dieser Deutung festtialten diirfen, der 
Bezwinger eines starken oder gewalttatigen Widersachers. Das 
deckt sich ganz mit den Darstellungen, wo wir die gefliigelten 

x ) Vgl. hierzu den Hinweis auf diese Stelle von Br. MeiBner, Orient. 
IJteraturz., Jahrg. 14 (1911), Sp. 476 f., und die Umschrift und Uebersetzung 
des A'bsehnittes von Kmiosko in dem Artikel ,,Kexub und Koirib", Bibl. Zeit- 
schrift Jahrg. 11 (1913), S. 225 ff. 

2 ) S. oben S. 104. 

3 ) Harper, Letters Nr. 1194. 

4 ) Deimel, Pantheon Babylonicum Nr. 1705. 
5 ] Deimel, Pantheon Nr. 1722. 

6 ) Deimel, Pantheon Nr. 1722. 

7 ) Deimel, Pantheon Nr. 1725. 

8 ) Craig, Assyrian and Babylonian Religious Texts II 16 Z. 16 Martin 
Textes religieux assyriens et babyloniens, Paris 1900, S. 96. 

9 ) Briinnow, Classified List Nr. 6188; MeiBner, Seltene ass. Ideogramme 
Mr. 9605; Deimel, Sum. Lexikon Nr. 322,7. 



107 

Menschengestalten im Kampfe mit wilden Tieren und mit drohenden 
Ungeheuern erblicken. Dies sind aber dieselben Gestalten, die tins 
auch in der Bibel, wie wir gesehen haben, bei der Beschreibung des 
salomonischen Tempels in der bekannten Zusammenstellung mit den 
Dattelpalmen begegnen und in den Berichten ausdriicklich als 
Cherubim bezeichnet werden. Damit ist die Gleichsetzung in iiber- 
raschender Weise bestatigt. Die hebraische Bezeichnung ist durch 
die biblischen Angaben fiir die Genien sichergestellt, die wir neben 
den Palmenbaumen antreffen; die Genien, mit denen wir es hier zu 
tun haben, erscheinen . auf andern Bildwerken als kiihne Jager und 
mutige Kampfer; die ku-ri-bi = kur-ri-bi = kur-rib-bi sind Streiter, 
die nach der Wortbedeutung iiber feindliche Ungeheuer ohne 
Schwierigkeit den Sieg davontragen. Der Name fiihrt uns also, 
wenn wir auf die Grundform zuriickgehen, in der zweiten Silbe 
wieder auf dasselbe Zeichen, das auch bei dem Ideogramm fiir 
lamassu 1 ) zugrundeliegt. Die Schutzgotter muBten nicht nur selbst 
kraftig und stark sein; sie hatten auch mit starken Gegnern zu 
rechnen, die sie dann siegreich zu Boden zwangen. 

Die Form karibu, die sich in dem erwahnten karibati erhalten 
hat, beruht offenbar auf einer naheliegendenVolksetymologie. Daes 
sich um Gottheiten handelte, von denen man Schutz und Forderung 
erwartete, brachte man das fremdartige kuribi mit dem akkadischen 
karabu in Verbindung und ersetzte es dann durch das regelmafiige 
zu diesem Verbum gehorende Partizip Prasens, das sich von der 
sumerischen Form nur durch einen einzigen Vokal unterscheidet. 
Diese Auffassung lag um so naher, weil die Gestalten, die wir neben 
den Palmenbaumen antreffen, durchweg die rechte Hand erheben. 
Das ist auch da noch der Fall, wo die Bliitenrispe, die sie gewohn- 
lich mit dieser Hand an die weiblichen Bliitenstande heranbringen, 
gar nicht mehr vorhanden ist. Wir brauchen fiir diese Haltung nur 
auf die Darstellungen bei Jastrow, Die Religion Bayloniens und 
Assyriens, Bildermappe Nr. 55 58, hinzuweisen. Sie ist hier iiber- 
all dieselbe. Nr. 57 2 ) sind es zwei weibliche Figuren, die in der 
linken Hand einen Ring tragen, als die letzte Spur von dem Henkel 
des Korbchens, das man sonst in der Regel vorfindet, und die 
rechte geofmet emporheben. Fiir diese Figuren wiirde die Bezeich- 
nung als karibati ohne weiteres zutreffen. Bei einer mannlichen 
Gestalt wiirde sich dann in derselben Weise der Name karibu er- 
geben. In Palastina wurde die sumerische Form durch eine Um- 
stellung der Vokale zu dem ublichen 



*) S. oben S. 104. 

B ) = Layard, Monuments I, PI. 7, aus dem Nordwestpalaste Asstir- 
nasirpals. 



108 



HI. 

Die Zeit der vorsintflutlichen Urvater. 

Die alteste Nachkommenschaft des ersten Menschenpaares wird 
in der Genesis in doppelter Linie vorgefiihrt. Im vierten Kapitel 
werden die Kainiten imd im fiinften die Nachkommen des Seth auf- 
gezahlt. 

In der ersten Linie begegnen tins: 

1. Adam, 

2. Kain, 

3. Henoch, 

4. Irad, 

5. Mechujael, 

6. Methusael, 

7. Lamech, 

8. 10. die Briider Jabal, Jubal und Tubalkain; in der 
zweiten werden genannt: 

1. Adam, 

2. Seth, 

3. Enos, 

4. Kenan, 

5. Mahalalel, 

6. Jered, 

7. Henoch, 

8. Methuselah, 

9. Lamech, 
10. Noe. 

Bei den Sethiten werden auBer den Namen auch genaue Zeit- 
angaben mitgeteill. Wir erfahren von jedem das Alter, in dem er 
sich bei der Geburt seines Sohnes befand, und die Zahl der Jahre 
seines Lebens. Adam war 130 Jahre alt, als Seth geboren wurde, 
und iiberlebte dieses Ereignis noch urn 800 Jahre, bis er im Alter 
von 930 Jahren starb. Seth wurde 912, Enos 905, Kenan 910, 
Mahalalel 895, Jered 962, Henoch 365, Methuselah 969 und 
Lamech 777 Jahre alt; Noe erreichte ein Alter von 950 Jahren. 
Als Enos geboren wurde, war Seth 105 Jahre alt. Kenan wurde 
geboren, als sein Vater ein Alter von 90 Jahren erreicht hatte, und 
stand im Alter von 70 Jahren, als Mahalalel geboren wurde. Bei 
Mahalalel wird das entsprechende Alter auf 65, bei Jered auf 162 



109 

und bei Henoch wieder auf 65 Jahre angegeben; Methuselah 
war 187 und Lamech 182 Jahre alt. Als die Sinrflut kam, stand 
Noe im Alter von 600 Jahren. 130 + 105 + 90 + 70 + 65+162 
+ 65 + 187 + 182 + 600 = 1656. Die Zeit von der Erschaffung des 
Adam bis zur Sintflut betrug also, wenn diese Ansatze richtig sind, 
genau 1656 Jahre. 

Berossus erzahlte in ahnlicher Weise von zehn aufeinander- 
folgenden vorsintflutlichen Urkonigen. Es waren dieses nach der 
Chronik des Eusebius 1 ): 

1. Aloros, 

2. Alaparos, 

3. Amelon (Almelon), 

4. Ammenon, 

5. Megalaros (Amegalaros), 

6. Daonos, 

7. Evedorachos (Edoranchos), 

8. Amempsinos, 

9. Opartes 2 ), 
10. Xisuthros. 

Diese verteilen sich auf drei Dynaslien. Aloros und Alaparos 
regierten zu Babylon, die folgenden fiinf Konige batten ihren Sitz 
an einem Orte, den Berossus als Pautibibla bezeichnet, und die drei 
letzten gehorten zum Herrscherhause von Larancha. 

Die Regierungszeit dieser Konige erstreckte sich nach den An- 
gaben des Berossus uber einen Zeitraum von 10 + 3+13+12 
+ 18 + 10 + 18 + 10 + 8 + 18 = 120 Saren oder Perioden von 
60 X 60 = 3600 Jahren. Das ergibt eine Oesamtsumme von nicht 
weniger als 432 000 Jahren. Bei diesen Ansatzen wird also fur die 
damalige Zeit eine Lebensdauer vorausgesetzt, die uber die An- 
:gaben der Bibel um ein Gewaltiges hinausgeht. Man erhalt hier 
als DurchschnittsmaB fiir jeden Fiirsten eine Regierungsdauer von 
genau 43200 Jahren. 

Diese Zahlen erscheinen so ungeheuerlich, daB man vielfach 

versucht war, sie lediglich als phantasievolle Uebertreibungen des 

Berossus zu betrachten. Sie fanden aber eine uberraschende und 

'in dieser Form wohl niemals erwartete Bestatigung, als im 

Jahre 1923 durch die Veroffentlichungen von Langdon 3 ) auch zwei 



a ) Syncellus p. 71,3 ff. (Text des Apollodorus) = Schnabel, Berossos 
S k 262, Fragm Nr. 29 b und Syncellus p. 69, Iff. (Angaben des Abydenus) 
= Schnabel S. 263, Fragm. Nr. 30a. Uebersetzung des armenisohen Textes 
unter Nr. 30. Die Abweichungen dieses Textes sind hier in Klammern 
hinzugefiigt. 

2 ) iQnaQTrjg. 1m den Handschriften steht ^rtapTT/g. 

3 ) In dem Artikel ,,The Chaldean Kings before the Flood" im Journal 
of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, April 1923, 
S. 2519, tind Oxford Editions of Cuneiform Texts, Vol. II, The Weld-Blun- 
dell Collection, vol. II, Historical Inscriptions, Containing Principally the 
Chronological Prism, W.-B. 444. Oxford 1923. Vgl. hierzu besonders 



110 

zu der Weld-Blundell Collection in Oxford gehorende Keilschrift- 
texte bekannt wurden, die* fur diese Periode zum Teil noch hohere 
Zahlen aufweisen. Der kleinere von den beiden Texten, das 
Tafelchen W.-B. 62, nennt ebenfalls genau zehn Konige. Die 
beiden ersten, Alulim 1 ) und Alagar 2 ), werden als Konige von 
Subaru bezeichnet. Alulim soil 18 Sar und 4 Ner (1 Ner= 10 X 60 
600), also 64800 + 2400 = 67200, Alagar sogar 20 Sar oder 
72000 Jahre regiert haben. Von den beiden folgenden Konigen, 
die beide in Larsa ihren Herrschersitz hatten, regierte der erste 
ebenfalls 20 Sar, der zweite dagegen nur 6 Sar oder 21 600 Jahre. 
Die Namen sind hier nicht mehr vollstandig zu ermitteln. Hierauf 
folgen zwei Konige von Bad-tibira 3 ), der als Hirte bezeichnete 
Gott Dumuzi 4 ) mit 8 Sar oder 28 800 und Enmenluanna 5 ) mit 6 Sar 
oder 21 600 Jahren, dann der Konig Ensibzianna 6 ) von Larak 7 ) 
mit 10 Sar oder 36000, der Konig Enmeduranna von Sippar mit 
20 Sar oder 72 000 und an letzter Stelle zwei Konige von Suruppak, 
der Konig ,,Suruppak, Sohn des Ubur-tu-tu", mit 8 Sar oder 
28800 Jahren und Zi-u(d)-sud-du, der ,,Sohn des Suruppak", mit 
10 Sar oder 36000 Jahren. Fur Uburtutu war in der spateren 
Zeit die Form Ubartutu = Opartes in Gebrauch. Fur Zi-u(d)-sud- 
du schrieb man spater auch Zi-sud-du, Zi-sud-da und Zi-sud-ra 8 ). 
Aus Zi-sud-ra entstand dann das griecnische Xisuthros. Die zehn 
Konige regierten nach diesem Texte zusammen 456 000 Jahre. Die 
Tafel stammt nach den Schriftzeichen aus dem Ende des dritten 
vorchristlichen Jahrtausends. 

Der gfoJBere Text, das vierseitige Tonprisma W.-B. 444, mit 
acht Kolumnen zu je 50 Zeilen, gehort ungefahr derselben Zeit an. 
Es fiihrt uns in seinen Aufzahlungen bis zum vorletzten Konige 
der Dynastie von Isin, der um das Jahr 2100 gestorben ist. Der 
Verfasser nennt fur die alteste Periode ebenfalls an erster Stelle die 
Konige Alulim und Alagar. Diese sollen aber nicht in Subaru, 
wie der soeben besprochene Text hervorhebt, sondern in Eridti 
regiert haben. Dabei werden fur Alulim 8 Sar oder 28800 Jahre 
und fur Alagar 10 Sar oder 36000 Jahre angesetzt. Von Eridti 

H. Zimmern, Die altbabylonischen vor- (und nach-)sintfflutlichen Konige nach 
neuen Quellen, in der Zeitschr. der Deufschen Morgenl. Gesellschaft, Neue 
Folge Bd. 3 (1924), S. 1935, und A. Deimel, Die altbabylonische Konigs- 
liste und ihre Bedeutung fiir die Chronologic (Sacra Scriptura antiquitatibus 
orientalibus illustrata 6), Rom 1935. 

4 ) = Aloros. 

2 ) = Alaparos; g= T, p=IJ. Oder Alaparos = Alabaros = Alabar? 

3 ) =: Pautibibla. 

*) = Duwuzi = Daonos; bei Berossus an sechster Stelle! 

5 ) = Amelon; bei Berossus an dsriiter Slelle! 

6 ) = Amempsinos, an achter Stelle! 

7 ) '= Larancha. 

8 ) So Keilschrifttexte aus Assur xel. Inhatts Nr. 434, VAT 9488, Z. 7. 
Das Zeichen fiir du hatte auch den Lautwert ra. Vgl. Brunnow, Classified 
List Nr. 4865 und Deimel, Sum. Lexikon Nr. 206,5. 



Ill 

ging die Herrschaft dann nach den folgenden Angaben sofort auf 
die Dynastie von Bad-tibira iiber. Dort sollen die Konige Enmen- 
luanna 1 ), Enmengalanna 2 ) und der auch hier wieder als Hirte be- 
zeichnete Oott Dumuzi ihren Sitz gehabt haben. Fur Enmenluanna 
wird dabei eine Regierungszeit von 12 Sar oder 43200Jahren, fur 
Enmengalanna eine Zeit von 8 Sar oder 28800 und fur Dumuzi 
ein Zeitraum von 10 Sar oder 36000 Jahren vorausgesetzt. Der 
sechste Konig soil Ensibzianna von Larak gewesen sein, mit einer 
Regierungsdauer von 8 Sar oder 28800 Jahren, der siebente der 
Konig Enmenduranna von Sippar mit einer Zeit von 5 Sar + 5 Ner 
oder von 21 000 Jahren, und an achter Stelle wird dann Uburdudu 
von Suruppak mit 5 Sar + 1 Ner oder mit 18600 Jahren auf- 
gefiihrt. Hierauf folgte die Sintflut, die das Land ,,niederfegte". 
Als Gesamtsumme erhalten wir bei dieser Zusammenstellung fur 
die genannten Konige eine Regierungsdauer von 241 200 Jahren. 
Die Texte weichen also nicht nur in der Aufeinanderfolge der 
einzelnen Fiirsten, sondern auch in den chronologischen Ansatzen 
zum Teil erheblich voneinander ab. Sie zeigen uns, daB die Ueber- 
lieferung schon um das Jahr 2000 vor Christus in den ver- 
schiedenen Gegenden des Landes ihre besonderen Formen an- 
genommen hatte. 

Die Namen sind nach den keilinschriftlichen Aufzeichnungen 
alle sumerisch. Sie gehoren also einer Zeit an, wo das Akkadische 
fur die Behandlung des Gegenstandes noch nicht in Betracht kam. 
Der Name Amelon, der in dieser Form in dem Verzeichnis des 
Berossus an das akkadische amelu = Mensch erinnert, hat in seiner 
altesten Fassung mit dem Semitischen ebenfalls gar nichts zu tun. 
Die einzige rein akkadische Bezeichnung, die uns in diesem Zu- 
sammenhange begegnet, ist der in der Bibel vorkommende Name 
Methusael. Dieser laBt sich nur auf ein babylonisches Mutu-sa-ili 
= ,,Mann Gottes" zuriickfuhren. Methusael war nach der Kainiten- 
liste der Vater des Lamech. In der Sethitenliste finden wir in der- 
selben Verbindung den Namen Methuselah, der seinen Trager als 
einen ,,Mann des SpieBes" oder als einen ,,Mann der Lanze" auf- 
treten laBt. Lamech war nach der Sethitenliste der Vater des Noe. 

Es braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, daB die 
Namen auch in der Bibel in ihrer jetzigen Form nur als der Nieder- 
schlag nachtraglicher Erwagungen zu betrachten sind. Sie sind, 
soweit sie sich in ihrer Bedeutung aus dem Hebraischen oder aus 
einem andern semitischen Dialekte einwandfrei erklaren lassen, erst 
in einer Zeit entstanden, wo diese Sprachen in ihrer Eigenart schon 
tatsachlich vorhanden waren. Man bezeichnete den ersten 
Menschen im Hebraischen ohne Bedenken als den Adam, gab der 
Urmutter den Namen riawwah und griff auch bei der Darstellung 



4 ) Also hier ebenifalls wie Amelon bei Berossus an drifter Stelle! 
2 ) = Amegalaros. 



112 

der weiteren Entwickhmg immer wieder nach Ausdriicken, die fur 
jeden sofort verstandlich waren. Da man fur das Horn, auf dem 
man zu blasen pflegt, das Wort jobel gebrauchte, so erhielt der 
erste Hornblaser den Namen Jubal. Er wurde der Stammvater 
aller, die sich mit Zither und Flotenspiel befaBten (Gen. 4, 21). 
Das Handwerk vererbte sich auch im semitischen Altertum schoii 
vom Vater auf den Sohn. Tubalkain, der Vater derer, die Erz und 
Eisen hammern, erinnert im ersten Teile seines Namens an die 
Metallarbeiter und an die Erzgruben im Lande Tubal. Bei dem 
zweiten Bestandteile haben wir es ofienbar mit dem im Arabischen 
und im Syrischen noch vorhandenen kain = Schmied zu tun 1 ). 
Anderes entzieht sich unserer Kenntnis. Wir werden aber sicher 
nicht zu weit gehen, wenn wir diese Parallelen verallgemeinern. Sie 
berechtigen uns, auch aus den tibrigen Namen unter Umstanden 
besondere Schliisse zu ziehen. 

Methuselah, der Mann mit der Lanze, war 187 Jahre alt, als 
Lamech geboren wurde, und lebte dann noch 782 Jahre. Lamech 
stand bei der Geburt des Noe im Alter von 182 Jahren und starb 
dann nach einem Zeitraum von 595 Jahren. Die Flut nahm ihren 
Anfang, als Noe 600 Jahre alt war. Wenn wir diese Zahlen mit- 
einander vergleichen, dann finden wir, daB Methuselah erst im 
Jahre der Flut gestorben ist. Er iiberlebte seinen Sohn noch um 
fiinf Jahre. Methuselah bildete also mit Lamech und Noe, wenn 
man auf die Flut sieht, gewissermaBen eine in sich selbst ab- 
geschlossene Gruppe. Jered, der GroBvater des Methuselah, starb 
bereits 234 Jahre vor der Flut, und Henoch wurde schon 435 Jahre 
vor dem Tode seines Vaters von dieser Welt hinweggenommen. 

Der Name Suruppak ist in den beiden von Langdon veroffent- 
lichten Texten nicht phonetisch, sondern ideographisch geschrieben. 
In dem Texte W.-B. 62 wird der Ort als Su-kur-lam-ki, in dem 
Texte W.-B. 444 dagegen als Su-kur-ru-ki bezeichnet. Die beiden 
Ideogramme stehen hier also fur die damalige Zeit als gleich- 
bedeutend nebeneinander. Sie schlieBen beide mit dem Zeichen 
fur ki = Platz. Die Ortlichkeit, die hier gemeint ist, wird also in 
dem einen Falle durch su-kur-lam und in dem andern durch su- 
kur-ru bestimmt. Sie wurde schon sehr fruh zerstort. Die Ueber- 
reste befanden sich, ohne daB man es noch irgendwie vermuten 
konnte, in dem etwa 60 km nordlich von Uruk gelegenen Trummer- 
hugel von Fara, wo sie in der Zeit von 1902 3 durch die Aus- 
grabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft zum Teil wieder ans 
Licht gebracht wurden 2 ). Die Tontafeln, die man bei diesen 



*) Im Hebraischen hat sich II Sam. 21;16 noch das Wort kain = LanKe 
er'halten. 

2 ) Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellsch. Nr. 15, 8ff.; 16, 9ff. 12 if.; 
17, 4ff. 



113 

Grabungen aus dem Boden hervorholte 1 ), bieten an mehr als 
hundert verschiedenen Stellen den Namen eines Gottes Su-kur-ru, 
der offenbar als der Stadtgott des Ortes zu betrachten 1st. Der 
Name der Ortschaft ist aber in einem solchen Falle stets alter als 
der Name des Gottes. Es darf also vorausgesetzt werden, daB in 
dem su-kur = su-kur-ru ein Wort enthalten ist, das den Ort oder 
die Gegend nach einer bestimmen Seite hin besonders charakteri- 
sierte. Das kann aber nur das sumerische su-kur su-kur-ru = 
sukurru = Lanze sein 2 ). Su-kur-ru-ki ist also ein Platz, der nach 
dieser Schreibung in irgendeiner Weise mit Lanzen in Zusammen- 
hang steht. Nun wissen wir aber, daB es im Sumerischen ein 
gi-su-kin = sum 3 ) gab. Gi = Rohr; su = Hand; kin = schicken. 
Wir erfahren hier also von einem mit der Hand entsandten Rohr, 
das im Akkadischen als suru bezeichnet wurde. Dies war nach 
Mu6-Amolt 4 ) und nach Bezold 5 ) eine besondere Rohrart. Das 
konnte nach der Form der Angaben richtig sein. Es ist aber 
ebensogut moglich, daB es sich um einen bestimmten Teil einer 
Rohrstaude oder um einen aus Rohr gefertigten Gegenstand han- 
delt 6 ). Da das Ideogramm ein Hinausschicken oder ein Werfen mit 
der Hand voraussetzt, kommen wir auch hier wieder von selbst 
auf die Lanze. Es kann auf jeden Fall nur ein Rohr sein, von dem 
das Blattwerk entfernt ist. Ein solches Rohr bildete den wesent- 
lichsten Bestandteil einer Spindel, die man im Hebraischen als 
kisor und im Sumerischen, wie wir hieraus entnehmen muBten 7 ), 
als gi-sur bezeichnete. Wir steheri hier also vor einer merk- 
wurdigen Uebereinstimmung. Die Sumerer bezeichneten das 
Spinnen oder das Arbeiten mit dem Spinnrohr als sur, die spateren 
Bewohner des Landes gebrauchten fur eine Rohrstange, die sich 
hpchstens durch die GroBe von einem Spinnrohr unterschied, das 
Wort suru. Dies erklart sich nur durch die Annahme, daB sie das 



1 ) Bearbeitet und herausgegeben von Deimel, Ausgrabungen der Deut- 
schen Orient-Gesellsch. in Fara und Abu Hatab I III (Wissensch. Verofient- 
lichungen der Deutschen Orient-Gesellsch. Nr. 40, 43, 45), Leipzig 1922 24. 

2 ) Sufcur gebt ini Sumerischen auf su = Zahn (Delitzsch, Sumerisches 
Glossar S. 247; Deimel, Sum. Lexikon Nr. 15,13) + kur = schneiden 
(Delitzsch, Sum. Glossar S. 128; Deimel, Sum. Lexikon Nr. 12,53 if.) zuriidc. 
Es ist in derselben Weise gebildet wie das gleichbedeutende suikud == su-kud 
r= sukudu. Vgl. fiir die Grundbedeutung besonders das mehrfach vor- 
kpmmende su-kud = nasaku = beiBen. Aus dieser Bezeichnung entwickelte 
sich dann auch der Ausdruek su-ku-ud = 'sukud = hoch emporgewachseni. 
Die Lanze war nach der Sumerischen Auffassung ein. hoehgewachsener oder 
langer Zahn. Die beiden Worter blieben in den an der letzten Stelle ge- 
nannten Formen im Akkadischen als Lehnworter in Gebrauch. 

3 ) MeiBner, Seltene ass. Ideogramme Nr. 1619; Deimel, Sum Lexikon 
Nr. 354, 392 c. 

*) Assyrisch-englisch-deutsches Handwofterbuch S. 1110. 

5 ) Babylonisch-assyrisches Glossar S. 263. 

6 ) Delitzsch schreibt in seinem Handworterbuch S. 648 mit vorsichtiger 
Zuruckhaltung: ,,ein best. Rohr". 

7 ) S. oben S. 34. 

8 



114 

Wort ebenfalls schon aus dem Sumerischen entlehnt batten. Das 
Zeichen fiir das sumerische pag = pak geht auf die Darstellung 
eines Vogels zuriick, der im Fluge durch die Liifte segelt. Dieses 
Zeichen wurde regelmaBig hinzugefiigt, wenn man etwas als 
fliegend hervorstellen wollte. Der Name Suruppak erzahlt uns 
also von einem fliegenden sura. Damit ist alles hervorgehoben, 
was fiir die Erklarung der Bezeichnungen in Betracht kommt. Das 
sumerische su-kur-ru-ki laBt auf einen Ort schlieBen, der wegen 
seiner Lanzen bekannt war; wir lesen in den Texten von einem 
gi-su-kin oder von einem mit der Hand fortgeschickten Rohr, das 
man als suru bezeichnete; der Name, der fiir den Ort in Gebrauch 
war, laBt sich in seiner Form ohne weiteres auf eine Verbindung 
von sum + pag zuriickfuhren. Suruppak war also, wenn wir 
dieses zusammenfassen, nach der ideographischen Bezeichnung ein 
su-kur-ru-ki oder ein Platz, wo Lanzen sind, und nach dem Namen 
des Ortes ein Platz der fliegenden Rohrstangen. Der Ort lag da- 
mals noch am Euphrat, und zwar an einer Stelle, wo wir nach 
diesen Andeutungen ein Sumpfgelande mit prachtigen Lanzen- 
schaften voraussetzen diirfen. Die Fara-Texte unterscheiden aber 
neben dem in Su-kur-ru-ki vorhandenen su-kur-ru noch ein lam- 
kur-ru, das in der spateren Zeit ganz in derselben Weise gebraucht 
wurde. Da die Zeichen fiir su und fiir lam einander sehr ahnlich 
waren, ist diese Gleichsetzung oder vielleicht auch die friihere 
Spaltung leicht zu begreifen. Sie fiihrte dazu, daB man den Ort 
bald als Su-kur-ru-ki und bald als Lam-kur-ru-ki bezeichnete. Fur 
Lam-kur-ru-ki findet sich auch an mehreren Stellen die Wiedergabe 
durch Aratta. Es scheint also, daB dieser Ort in derselben Gegend 
lag. Da man die Zeichen des einen Ideogramms fiir ebenso 
berechtigt hielt wie die Bestandteile des andern, suchte man die 
Lesungen dann in einer neuen Zusammenstellung miteinander zu 
verbinden. Man ging dabei von dem am haufigsten vorkommenden 
Su-kur-ru-ki aus und ersetzte hier das ru, das an und fiir sich 
entbehrt werden konnte, durch das aus dem zweiten Ideogramm 
heriibergenommene lam. Damit erhielt man das in W.-B. 62 vor- 
liegende Su-kur~lam-ki. Man umschrieb dieses, wie wir annehmen 
diirfen und bei der Inhaltsangabe schon vorausgesetzt haben, in 
der Aussprache ebenfalls durch Suruppak. Der Konig des Ortes 
wird in diesem Texte als Su-kur-lam bezeichnet. Der Name ist hier 
erst nachtraglich aus dem Ideogramm hergeleitet. Su-kur-lam-ki 
war fiir den Verfasser das Land des Konigs Su-kur-lam. Die Aus- 
sprache muB also fiir beide Bezeichnungen dieselbe gewesen sein. 
In den andern Texten kommt dieser Konig nicht vor. Er hat hier 
seinen Platz zwischen Uburtutu und dem Helden der Flut.erhalten. 
Wir erwahnten schon, daB Methuselah als der Trager eines 
SpieBes oder einer Lanze zu betrachten ist. Der Name geht in der 
ersten Halfte auf das Akkadische und in der zweiten auf das 
tiebraische zuriick; er muB also aus einer Zeit stammen, wo man 



115 

beides in Palastina nebeneinander gebrauchte. Der selah war eine 
Waffe, die nach der Grundbedeutung des Wortes ebenso wie der 
sukurru ,,geschickt" oder geworfen wurde. Wer mit einer solchen 
Waffe zu kampfen pflegte, war nach der semitischen Ausdruckweise 
ein ,,Mann des selah" oder ein ,,Mann des sukurru". Da der Anfang 
des Namens akkadisch ist, diirfen wir annehmen, daB der Urheber 
dieser Bezeichnung ebenfalls noch mit der Keilschrift vertraut war. 
Er bringt das akkadische mutu = Mann noch ganz in derselben 
Form, die uns auch bei dem Namen Methusael entgegentritt. Wir 
haben aber schon friiher darauf hingewiesen, daB in Palastina die 
Neigung bestand, bei Entlehnungen die Namen der in Betracht 
kommenden Personlichkeiten nach Moglichkeit in hebraischen Um- 
schreibungen zu bringen. Die Tiamat wurde zu einer Gestalt, die 
man als Rahab bezeichnete. Es ist deshalb durchaus zu verstehen, 
daB man zu einem Ausdruck griff, der trotz des an der Spitze 
stehenden methu = mutu das keilinschriftliche sukurru vermied. Der 
Trager dieser Waffe war nach der Bibel der Vater des Lamech. 
Der Leser sieht hier wohl ebenfalls sofort die Uebereinstimmung 
mit dem eigenartigen und nur aus der soeben besprochenen Ver- 
schmelzung zu erklarenden Su-kur-lam-ki. Diese Bezeichnung ist 
offenbar auch in Palastina bekannt gewesen. Sie hat hier zu einer 
ahnlichen SchluBfolgerung gefiihrt, wie wir sie nach den Angaben 
von W.-B. 62 schon fur die Aufstellungen im sumerischen Sprach- 
gebiete voraussetzen muBten. Der Verfasser von W.-B. 62 schloB 
aus der Schreibung auf den Namen eines in den andern Listen nicht 
vorkommenden Konigs, den er dann auf Uburtutu folgen lieB und 
an Stelle des Uburtutu zum Vater des Ziudsuddu machte; der Ge- 
lehrte, der sich in Palastina mit der Formel beschaftigte, zog den 
Strich an einer andern Stelle. Er hob aus der Reihe der Schrift- 
zeichen zuerst das Wort sukur sukurru = selah heraus und sah 
in diesem sukurru, das in den Fara-Texten stets mit dem Deter- 
minativ fiir die Gottheit verbunden ist, fur sich allein schon den 
vollstandigen Namen einer bestimmten irdischen Heldengestalt. 
Dann faBte er das noch iibrigbleibende lam-ki als die Bezeichnung 
einer zweiten Personlichkeit, die er nach der Aufeinanderfolge nur 
in einem Sohne dieses Kriegshelden vermuten konnte. Bei diesem 
Erklarungsversuche iibertrug er das sumerische sukurru, das dem 
Verstandnis keine Schwierigkeiten bereitete, in der angegebenen 
Weise ins Hebraische. Er unterlieB aber die Uebertragung bei der 
zweiten Bezeichnung, mit der er aus guten Griinden nichts an- 
zufangen wuBte. Die beiden sumerischen Lautwerte geben in dieser 
ZusammenschlieBung fur sich allein iiberhaupt keinen Sinn: Im Semi- 
tischen konnte man hochstens an das sachlich so fernliegende lamaka 
= kneten denken. Der Name wurde dann im Hebraischen nach der 
Angabe des masoretischen Textes im Laufe der Jahrhunderte zu 
Lemech. Er hat hier also dieselbe Entwicklung durchgemacht wie 
das aus malku entstandene melech. 

8* 



116 

Henoch, der Vater des Methuselah, im Hebraischen 
fiihrt uns durch seinen Namen auf das Verbum hanach = ein- 
weihen. Man weihte nicht nur Gotteshauser, sondern auch Privat- 
wohnungen und groBere Siedelungen. Kain erbaute eine Stadt und 
benannte sie nach dem Namen seines Sohnes Henoch; er bezeich- 
nete sie gewissermaBen als eine ,,Grtmdung", die erst mit der 
Weihe ihren selbstverstandlichen AbschluB fand, und gab ihr den 
Namen seines Sohnes, den er als den eigentlichen Grander be- 
trachtete. Die Angaben sind hier genau so zu verstehen, wie bei 
den Zusammenstellungen in der Volkertafel (Gen. 10); die Person- 
lichkeiten, die dort auftreten, sind erst Ableitungen und nachtrag- 
liche ErschlieBungen aus den Bezeichnungen des Landes oder des 
Ortes. Es ist also von vornherein anzunehmen, daB wir es bei dem 
Henoch der Sethitenliste ebenfalls mit einer besonderen Griindung 
zu tun haben. Er nimmt in dieser Liste den siebten Platz ein und 
erscheint hier als ein Mann nach dem Herzen Gottes, der schon im 
Alter von 365 Jahren von dieser Welt hinweggenommen wurde. 
Wir finden ihn also an derselben Stelle, wo wir bei Berossus nach 
den vorhandenen Aufzeichnungen von einem Evedorachos oder von 
einem Edoranchos und in dem Texte W.-B. 444 von einem Enmen- 
duranna erfahren. Dieser begegnet uns in dem Texte K. 2486 + 
K. 4364 1 ) unter dem Namen Enmeduranki als ein bevorzugter 
Freund der Gotter, besonders des Sonnengottes und des Adad, die 
ihn zu ihren Beratungen herangezogen 2 ) und ihm die Geheimnisse 
des Himmels und der Erde anvertrauten. Er war nach den an- 
gegebenen Bezeichnungen der en-men oder der priesterliche Herr 
an dem Tempel Dur-an-na 3 ) oder Dur-an-ki, den er in Sippar, da 
seine Vorganger nach den keilinschriftlichen Angaben anderswo 
residierten, offenbar selbst erbaut und den Gottern zur Verfiigung 
gestellt hatte. Diese Frommigkeit wird von den Gottern fast in 
derselben Weise belohnt, wie es in der Bibel bei Henoch geschieht. 
Enmenduranna wird zu den vertraulichen Beratungen der Gotter 
herangezogen, Henoch wird nach der Bibel von Gott aus dem 
Kreise der iibrigen Menschen herausgenommen. ,,Er wandelte mit 
Gott 4 ), und er war nicht mehr; denn Gott hatte ihn hinweg- 
genommen". 

Im Akkadischen wurde die Einweihung eines Tempels oder 
eines Palastes stets durch das Verbum surru und durch die zu 
diesem Verbum gehorende Nominalform tasritu ausgedruckt. Das 



1 ) Zimmern, Beitrage zur Kenontnis 'der Babylonischen Religion, Ritual- 
tafeln Nr. 24. 

2 ) ana puhrisunu , sie [beriefen ihn] in ihre Versammlung. Das 

Verbum ist abgebrochen. 

3 ) Der Name ist in derselben Weise zu erklaren wie das bei Tempel- 
bezeichnungen hauifiger vorkommende E^an-na = e = Haus + an-na = an 
= Himmel. 

4 ) = Er verkehxte mit Goii Vgl. dafur bes. I Sam. 25,15. 



117 

1st dasselbe Wort, das auch in dem Monatsnamen tasritu vorliegt. 
Es bezeichnet in seiner Grundbedeurung zunachst nur den Anfang. 
Der Tasritu war in der alteren Zeit, wo man das Jahr noch im 
Herbste begann, nicht der siebte, wie man spater zu zahlen pflegte, 
sondern der erste Monat oder der Anfang des Jahres. Das ist er in 
Palastina, wie es scheint, bis zur Zeit der Konige geblieben. Das 
Fest der Obst- und Weinlese wurde zur Zeit des Moses noch am 
Ausgange 1 ) oder an der Wende 2 ) des Jahres gefeiert. Man begann 
diesen Monat auch spater noch mit den klangvollen Neujahrsfeier- 
lichkeiten, die im Nisan niemals iiblich gewesen sind, und griff 
dann nach der babylonischen Gefangenschaft bei der Neuordnung 
des Kalenders wieder ganz auf den Anfang im Herbste zuriick. Im 
Sumerischen bezeichnete man den Tasritu als den Monat dul-kug, 
von dul = du = Wohnung 3 ) und dem hinzugefugten kug = 
glanzend, hell oder rein, das ebenso wie das akkadische ellu nicht 
nur von einer physischen, sondern vor allem auch von einer reli- 
giosen Reinheit gebraucht wurde. Diese Bezeichnung hat bei dem 
Gedanken an den Monat kaum einen verniinftigen Sinn. Sie paBt 
aber um so besser, wenn wir an eine Einweihung denken. Man 
hatte also die beiden Vorstellungen offenbar schon im Sumerischen, 
wie wir annehmen miissen, begrifflich miteinander verbunden und 
aus dem ersten Monat kurzerhand einen ,,Monat der Einweihung" 
gemacht. Wenn dieses aber in der sumerischen Zeit moglich war, 
diirfen wir erwas Ahnliches auch in einer spateren Periode vor- 
aussetzen. Die beiden Bedeutungen gingen auch in Palastina, 
solange der siebte Monat den Anfang des Jahres bildete, fur den 
Kenner des Akkadischen ohne weiteres ineinander tiber. Man wurde 
durch den Monatsnamen, besonders wenn er ideographisch ge- 
schrieben war, an die Einweihung eines Hauses erinnert, und man 
wird in einem Zusammenhange, wo von einer Einweihung die Rede 
war, mit derselben ungezwungenen Beweglichkeit des Geistes unter 
Umstanden auch an den ersten Monat des Jahres gedacht haben. 
Wir diirfen also mit der Moglichkeit rechnen, da(3 bei dem Texte, 
der uns augenblicklich beschaftigt, ebenfalls ein derartiger Zu- 
sammenhang vorliegt. DaB der Erzahler an eine Einweihung 
dachte, ersieht man an dem Worte hanoch. Es handelt sich dabei, 
wie wir aus den sonstigen Uebereinstimmungen in den Berichten 
entnehmen mufiten, um die Grundung eines Tempels, von dem er 
nur aus babylonischen Keilschrifttexten erfahren konnte. Dies be- 
rechtigt uns aber zu der weiteren Annahme, daB die hebraische 
Bezeichnung tatsachlich auf den akkadischen Ausdruck zuriickgeht. 
Wir sind uns vollkommen klar dariiber, daB dieses zunachst nur 
eine Vermutung ist, die niemand mit zwingenden Griinden zu be- 



!) Exod. 23,16. 
3) Exod. 34,22. 

3 ) Brunnow, Classified List Nr. 9579 -f- 9588; Deimel, Sum. Lexikon 
Nr. 459, 2 + 14. 



118 

weisen vermag. Wenn wir aber an dieser Voraussetzung festhalten, 
dann 1st der Ursprung der 365 Jahre, die dem Henoch beigelegt 
werden, fiir jeden sofort verstandlich. Das Jahr wurde auch da- 
mals schon stets auf 365 Tage berechnet. Der Verfasser dachte bei 
dem Worte tasritu, mit dem er sich in seinen Erinnerungen be- 
schaftigte, nicht nur an eine Einweihung, sondern auch an den 
ebenfalls als tasritu bezeichneten ersten Monat des Jahres, das auch 
fiir ihn schon einen Kreislauf von 365 Tagen bedeutete. Er verband 
nun, vielleicht ohne sich dessen bewuBt zu werden, in seiner Vor- 
stellung die Zahl 365 mit dem Worte tasritu = Einweihung und 
ubertrug diese Zahl dann auf den Urheber der fraglichen Ein- 
weihung, den er im Hebraischen als Hanoch bezeichnete. Der 
Ansatz erklart sich also, wie man sieht, ganz aus der personlichen 
Denkweise des in Palastina wohnenden Schriftstellers. Er fiihrt uns 
hier ebenso wie die Angaben iiber Methuselah und Lamech in eine 
Zeit, wo man mit dem Akkadischen in den Kreisen, aus denen diese 
Zusammenstellung hervorgeht, offenbar noch sehr gut vertraut war. 

Jered, der Vater des Henoch, der sechste unter den Urvatern 

der Sethitenliste, hat seinen Namen von dem Verbum jarad = herab- 

steigen. Er steht in dem Verzeichnis an derselben Stelle, wo 

Berossus nach der gewohnlichen Lesung den Namen Daonos bietet. 

Daonos ist aber hochst wahrscheinlich nur ein bis in die Zeit der 

Majuskelhandschriften zuriickgehender Schreibfehler fiir Daozos = 

Dawuzi = Damuzi = Tammuz 1 ). Ein anderer Name kommt auch 

nach den keilinschriftlichen Aufzeichnungen gar nicht in Betracht. 

Die Bibel erzahlt uns also an der Stelle, wo Berossus iiber den 

Tammuz berichtet, von einem Manne des Abstieges. Das deckt sich 

ganz mit den Vorstellungen, die bei den Phoniziern und spater 

auch bei den Griechen iiber die Eigenart und iiber das traurige 

Schicksal des beklagenswerten und besonders auch bei den offent- 

lichen Kulthandlungen stets wieder beklagten jugendlichen Gottes 

verbreitet waren. Er war der Gott des wechselnden Pflanzen- 

wuchses und muBte in dieser Eigenschaft bei der Gluthitze des 

Sommers, wenn das Wachstum wieder zu ersterben begann, in 

jedem Jahre fiir langere Zeit in die Tiefe der Unterwelt hinab- 

steigen. 

Auch bei Enos oder Enos, wie man nach dem Hebraischen 
sprechen sollte, liegen die Verhalmisse ganz klar. Der Name war 
in dieser Aussprache fiir die Bewohner von Palastina die gewohn- 
liche Bezeichnung fur Mensch. Man wiirde es also verstehen, wenn 
er etwa wie Adam an der Spitze einer derartigen Aufzahlung 
stande. Er nimmt aber nicht den ersten, sondern den dritten Platz 
ein, wo man in einem solchen Falle schon eine Einschrankung oder 
eine genauere Bestimmung erwartet. In dem Texte W.-B. 444 finden 



*) Nach einer bei Langdon mitgeteilten Vermutung von Sayce. Damuzi 
Dumuzi = dtuntt-zi = aplu kenu = ,,echter Sohn" des Ea. 



119 

wir hier den Namen Enmenluanna, der auch bei Berossus in dem 
eigenartigen Amelon zugrundeliegt. Dieser setzt sich aus dem oben 
schon einmal erwahnten enmen und aus lu = Mensch + anna = 
an Anu zusammen. An = Hinimel; Anu war die oberste Gott- 
heit des Himmels. Wir erfahren hier also von einem Priesterfiirsten, 
der mit besonderem Nachdruck als ein Mann des Himmels oder 
als ein Diener des obersten im Himmel wohnenden Oottes be- 
zeichnet wird. Die Keilschrift erzahlt uns an dieser Stelle von einem 
emnen-lu-anna, die Bibel bietet hier bloB die Bezeichnung enos. 
Diese kann aber in ihrer Bedeutung, wie man sieht, nur mit dem 
in der Mitte des sumerischen Ausdrucks stehenden lu in Verbindung 
gebracht werden. Man hat dieses lu, da enmen und anna auch bei 
den ubrigen Namen mehrfach vorkamen, offenbar fur den wichtig- 
sten Teil der ganzen Verbindung angesehen und auf die Wieder- 
gabe der beiden andern Bestandteile verzichtet. DaB sie tatsachlich 
vorhanden und auch in Palastina bekannt waren, ersieht man aus 
der Stelle 4,26: ,,Auch dem Seth wurde ein Sohn geboren, den er 
Ends nannte. Damals fing man an, den Namen Jahwes anzurufen". 
Enmenluanna ist der erste unter den zehn Konigen, der durch seinen 
Namen als der Diener und besondere Verehrer einer bestimmten 
Gottheit hervortritt; er verehrt nach dieser Bezeichnung den ersten 
und obersten Gott des Himmels; Enos lebte nach der biblischen 
Angabe zu einer Zeit, wo die Jahweverehrung ihren Anfang nahm. 
Wir haben es hier mit einer aus der babylonischen Liste gezogenen 
SchluBfoIgerung zu tun, die den keilinschriftlichen Ausdruck schon 
in seiner ganzen Bedeutung voraussetzt. 

Berossus bringt dann in seiner Aufzahlung an der vierten Stelle 
den Namen Ammenon. Dieser geht in seiner sprachlichen Form, 
wie allgemein zugegeben wird, auf ein keilinschriftliches En-me-mm 
= En-men-nun = En-men-nun-na zuruck. Es ist dieselbe Bezeich- 
nung, die uns nach der Sintflut auch in den Zusammenstellungen 
der mythologischen Konige von Kis begegnet Der Trager dieses 
Namens tritt uns in dem Ausdruck als ein groBer oder als ein 
erhabener Priesterfurst entgegen, Da der erste Bestandteil des 
Wortes mit demselben Konsonanten schlieBt, mit dem der zweite 
beginnt, kam es hier in der Regel zu einer Verschmelzung, bei der 
das en-men zu dem erwahnten en-me wurde. Wir finden diese Form 
nicht nur bei Berossus, sondern auch in zwei verschiedenen Nieder- 
schriften der Konigsliste von Kis. Der Konig wird in dieser Liste, 
soweit die Texte bis jetzt vorliegen, nur auf einer einzigen Tafel 
als En-men-nun-na bezeichnet. Die Sethitenliste bietet an der vierten 
Stelle nach der masoretischen Aussprache den Namen BCenan. Das 
Wort ist aber nach der Schreibung des konsonantischen Textes und 
nach der Wiedergabe in den alten Uebersetzungen in Wirklichkeit 
als Hainan zu lesen. Es geht seinem Ursprunge nach auf das oben 1 ) 

A ) S. 112. 



120 

schon erwahnte kain = Schraied zuriick und steht in der Form, in der 
es tins hier entgegentritt, mit dem im Syrischen noch vorhandenen 
kainen = schmieden in Zusammenhang. Wir haben hier also in der 
babylonischen Liste einen en-me-nun = en-men-nun = en-men-nun- 
na und in der Bibel einen kenan = kainan = kain == Schmied. 

Der Schmied gehorte ziir Berufsklasse der Handwerker; er war 
also nach der sumerischen Ausdrucksweise ein nun-me-tag oder em 
nun-me, ein Meister, im Beruhren oder im Arbeiten mit der Hand 1 ). 
Der Ausdruck nun-me bezeichnet im sumerischen Schriftsystem nach 
den vorhandenen Texten zunachst nur den ab-gal oder den ,,gro'Ben 
Vater". Er weist also, wenn wir ihn wortlich nehmen, auf einen 
Vater oder auf einen Greis hin, der im Vergleich mit den ubrigen 
Mannern seines Alters irgendwie hervorragt. Man achtete den 
Greis, wie es scheint, auch bei den Sumerern an erster Stelle wegen 
seiner groBen Erfahrung. Diese gab ihm das Recht, auch da zU 
sprechen, wo andere schwiegen. Er gait, wenn er gehaltvoll und 
weise zu reden verstand, als nun-me oder als ,,gro6 in der Rede". 
Der Ausdruck hat also mit dem Handwerk fur sich allein noch 
nichts zu tun. Dieser Zusammenhang ergibt sich erst durch das 
hinzugefugte tag, das die Erfahrung nach einer bestimmten Seite 
genauer begrenzt. Im Akkadischen gebrauchte man in derselben 
Bedeutung in der Regel das Wort ummanu. Dies begegnet uns 
schon in dem Namen des sagenhaften Cannes 2 ), der nach den 
Angaben des Berossus als geheimnisvoller Fischmensch aus der 
Tiefe des Meeres emporstieg und die Menschen im Gebrauch der 
Schriftzeichen und in den verschiedenen Kunsten unterwies. Die 
Meerestiefe war nach der babylonischen Auffassung der Sitz der 
Weisheit. Der Schmiedemeister ist also, wenn wir dieses zusammen- 
fassen, ebenfalls ein nun-me-tag. Diese Bezeichnung weist ebenso 
wie der Name des Konigs En-me-nun-na ein nun und ein me auf. 
Das ist sicher kein Zufall. Die Liste der babylonischen Urkonige 
bot auch in der Niederschrift, die dem Verfasser der Sethitenliste 
vorlag, den Namen des Konigs in der einfacheren und etwas 
fliichtig gesprochenen Form. Wir muBten uns davon uberzeugen,, 
daB diese Form in den Texten, die in Babylonien verbreitet waren, 
viel haufiger vorkam als die Schreibung, die man nach dem Ur- 
sprunge der Bezeichnung erwarten muB. Das gilt naturlich auch 
fiir die Texte, die von den Gelehrten in Palastina benutzt wurden. 
Man suchte nun diese Form auch sprachlich zu erklaren. Dabel 
zerlegte man das Wort in en und me + nun. Das lag praktisch am 
nachsten. En war die gewohnliche Bezeichnung fiir belu = Herr, 
Die Schwierigkeit ergab sich erst bei den Zeichen fiir me + nun, 
die in dieser Aufeinanderfolge im Sumerischen sonst nicht vor- 
kommen. Man wuBte aber, daB die Aufeinanderfolge der Zeichen 



*) Vgl. Delitzsch, Sumerisehes Glossar S. 4 und S. 85 (u. d. W. gasam). 
2 ) S. oben S. 21. 



-f fj -t. 

1 z 1 

mit der Lesung nicht immer in Einklang stand. Wer sich mit der 
Keilschrift etwas eingehender befaBt hatte, kannte z. B. die Schrei- 
bung zu-ab, die fur ab-zu = Wassertiefe in Oebrauch war. Er 
wuBte auch, daB es andere Verbindungen gab, bei denen die An- 
ordnung dem personlichen Ermessen des Schreibers iiberlassen war, 
und zog dann aus solchen Erscheinungen ohne Bedenken seine 
Folgerungen. Man ging bel diesen Gepflogenheiten in Palastina 
mitunter noch weiter als es sonst in der Regel der Fall war. Die 
Briefe des Konigs Ribaddi von Byblus 1 ) bieten fur das regelmaBige 
kal-ga = kala-ga = dannu machtig 2 ) an zahlreichen Stellen ein 
gleichbedeutend.es ga-kal. Die Schreibungen wechseln zum Teil auf 
derselben Tafel und einmal 3 ) sogar in derselben Zeile. Es handelt 
sich bei dieser Umstellung nur um die Willkiir einer einzigen 
Personlichkeit, die im Auftrage des Konigs die fierstellung der 
Briefe zu besorgen hatte. Wir diirfen aber aus dem Verfahren 
dieses Schreibers den SchluB ziehen, daB man an solchen Ab- 
weichungen im allgemeinen gar keinen besonderen AnstoB nahm. 
Die eine Verbindung wurde von den Lesern ganz in derselben Weise 
verstanden wie die andere. Es kam nur darauf an, daB die Bestand- 
teile, die zu der Formel gehorten, tatsachlich vorhanden waren. In 
einem andern Falle 4 ) setzt derselbe Verfasser fur nu-kur-tum = 
Feindschaft das sonst nicht vorkommende kur-nu-tum. Wenn man 
aber bei einem ga-kal sofort auf kal-ga und bei einem kur-nu-tum 
sofort auf das gewohnliche nu-kur-tum schloB, muBte man auch 
bei dem me + nun, wie man es in der Liste zu finden glaubte, fast 
mit zwingender Notwendigkeit zu einer ahnlichen Vermutung ge- 
langen. Man kam auf diese Weise zu einer Deutung, die aus dem 
babylonischen en-me-nun, dem erhabenen Priesterfursten, zunachst 
einen en-nun-me und dann mit einer naheliegenden Weiterfuhrung 
des Gedankens einen en-nun-me-tag oder einen Herm des Hand- 
werks und der Kiinste machte. Das konnte nach der Art, wie man 
in der alten Zeit die besonderen Formen einer solchen Berufs- 
tatigkeit zu beurteilen pflegte, nur ein Zimmermann oder ein 
Schmied sein. 

Auf Ammenon folgte dann bei Berossus an der funften Stelle 
nach den griechischen Aufzeichnungen der Konig Megalaros, der 
aber in der Vorlage zu dem armenischen Texte, wie wir aus diesem 
entnehmen miissen, noch als Amegalaros bezeichnet wurde. Das ist 
offenbar dieselbe Personlichkeit, die uns in dem Texte W.-B. 444 
an vierter Stelle als En-men-gal-an-na oder als der groBe Priester- 
fiirst des Himmels oder des obersten Himmelsgottes entgegentritt. 
Das sumerische gal war im wesentlichen gleichbedeutend mit nun. 



*) Knudtzon, Die EI-Amarna-Tafeln Nr. 68138. 

2 ) Deimel, Sum. Lexikon Nr. 322, 1819. 

3 ) Schroeder, Die Tontafeln von El-Amarna Nr. 33 = Knudfzon Nr. 71 
Z. 21. 

4 ) Schroeder Nr. 52 = Knudtzon Nr. 103 Z. 8. 



122 

Es 1st deshalb kein Zufall, daB die beiden Namen sich unmittelbar 
aneinander anschlieBen. In der Bibel finden wir hier den Namen 
Mahalalel, genauer Mah a lal-el, von mahalal = Lobpreisung und 
el = Gott. Der Trager dieses Namens soil in derselben Weise, wie 
es auch sonst durch das Verbum halal zum Ausdruck gebracht 
wird, das Lob Gottes verkunden. Das war, soweit es sich um den 
feierlichen Gottesdienst handelt, das besondere Vorrecht der 
Priester. Das Lob war aber um so wertvoller, je groBer der Priester 
war, der es aussprach. Es lag deshalb nahe, bei einem grofren oder 
besonders hochstehenden Priester an eine Verherrlichung zu denken, 
die in ihrer Bedeutung iiber den Rahmen des Gewohnlichen bei 
weitem hinausging. Das ist hier offenbar geschehen. Der Verfasser 
des hebraischen Textes las in der keilinschriftlichen Zusammen- 
stellung von dem hervorragenden Priesterfursten des obersten 
Himmelsgottes und griff deshalb zu einer Bezeichnung, die auf die 
berufliche Tatigkeit dieses Priesters und auf den hohen Wert dieser 
Tatigkeit deutlich Bezug nimmt. 

Man sieht also, wenn wir die Einzelheiten noch einmal zu- 
sammenfassen, daB zwischen der Sethitenliste und den keilinschrift- 
lichen Angaben fast uberall ein unmittelbarer Zusammenhang be- 
steht. Der Name Enos gibt sich als eine Uebersetzung des in dem 
Namen En-men-lu-an-na vorkommenden lu = ends = Mensch zu 
erkennen, Kenan laBt sich ohne Schwierigkeit aus dem in En-me- 
nun-na vorhandenen me-nun erklaren, Mahalalel erinnert in seiner 
Bedeutung an die priesterliche Tatigkeit des En-men-gal-an-na, 
Jered weist auf den Abstieg hin, der den Tammuz im Sommer eines 
jeden Jahres in die Unterwelt fiihrte, Henoch begegnet uns als der 
Vater einer Griindung und als der besondere Diener und Freund 
Gottes an einer Stelle, wo die babylonischen Texte von dem 
Griinder und ersten Priester eines hervorragenden Tempels erzahlen, 
Methuselah setzt eine Anlehnung an das in dem Namen Su-kur- 
lam-ki vorhandene sukur = sukurru = Lanze voraus und Lamech 
ist aus dem in derselben Bezeichnung vorkommenden lam-ki ent- 
standen. Der Zusammenhang kommt nicht nur in der Bedeutung, 
sondern auch in der Aufeinanderfolge der Namen zum Ausdruck. 
Diese stimmt in der Bibel von der dritten bis zur siebten Stelle 
genau mit den Angaben des Berossus iiberein. An der achten und 
an der neunten Stelle sind die ursprunglichen Bezeichnungen vor 
den beiden auf sukur + lamki zuriickgehenden Bildungen ganz in 
den Hintergrund getreten. 

Die Zahlenangaben zeigen allerdings, wenn wir bei den An- 
satzen die Summe der einzelnen Jahre miteinander vergleichen, 
einen gewaltigen Unterschied. Wenn wir die Bibel zugrundelegen, 
erhalten wir fur die zehn Urvater ein Durchschnittsalter von 930 + 
912 + 905 + 910 + 895 + 962 + 365 + 969 4- 777 + 950 = 
8575 : 10 = 857,5 Jahren. Diese Zahl erhoht sich, wenn wir 
Henoch ausscheiden und nur mit den Personlichkeiten rechnen, bei 
denen der Tod hervorgehoben wird, auf 8575 365 =8210 : 9 = 



912,2 Jahre. Die Angaben des Berossus fiihren uns aber, wie 
oben schon festgestellt wurde, fur die Regierungszeit der einzelnen 
Konige .auf eine Durchschnittsdauer von nicht weniger als 43 200 
Jahren. Die GroBen konnen erst in greif barer Form nebeneinander- 
gestellt werden, wenn wir diese Zahl wieder auf die in den Texten 
stets eingehaltene Berechnung nach Saren zuriickfiihren. Wir er- 
halten dann fiir jeden Konig die Durchschnittszahl von 12 Saren. 
Wenn wir die Zahlen von W.-B. 62 zugrundelegen, ergibt sich ein 
Durchschnitt von 12,66 Saren, also fast genau dasselbe, und wenn 
wir von W.-B. 444 ausgehen, fallt auf jeden der dort aufgefuhrten 
acht Konige ein Zeitraum von 8,375 Saren. Wir erhalten hier also 
bei den niedrigsten Ansatzen etwas mehr als 8^ Sar, bei dem 
hochsten Satze 12% Sar und bei den Ansatzen des Berossus genau 
12 Sar. Wenn wir nun beriicksichtigen, daB die Bibel fiir die 
Lebensdauer eines jeden Patriarchen einen Durchschnitt von 912,2 
oder von etwas mehr als 900 Jahren ergab, dann ist der Zusammen- 
hang wohl fiir jeden sofort einleuchtend. Wo die babylonischen 
Texte mit Saren rechneten, rechnet die Bibel offenbar mit der ein- 
heitlichen GroBe von jedesmal 100 Jahren. Die biblischen Angaben 
bewegen sich fast alle zwischen 900 und 1000. Nur Henoch und 
Lamech bleiben erheblich hinter diesen Satzen zuriick. Fiir Maha- 
lalel wird ein Alter von 895 Jahren vorausgesetzt. Die hochste 
Zahl in der ganzen Liste ist die Zahl 969, die wir bei Methuselah 
vorfinden. Der Ansatz beginnt also fast an jeder Stelle mit der Zahl 
900. DaB die Zehner und Einer voneinander abweichen, ergibt sich 
ganz aus der Natur der Sache. 

In den babylonischen Texten ist der Abstand zwischen den 
einzelnen Angaben erheblich groBer. Berossus erzahlt uns, wenn 
wir es an dieser Stelle kurz wiederholen diirfen, von 10 +34- 13 + 
+ 12 + 18 + 10 + 18 + 10 + 8 + 18 Saren, in dem Texte W.-B. 62 
lesen wir von 18 + 20 + 20 + 6 + 8 + 6+10 + 20 + 8 
+ 10 Saren, zu denen an der ersten Stelle noch vier Ner kommen, 
und in dem Texte W.-B. 444 sind 8 + 10+12 + 8+10+8 + 5 
+ 5 Sar + 5 + 1 Ner angesetzt Von diesen Zusammenstellungen 
ist nur die dritte, soweit es sich um die Sare handelt, auf den ersten 
Blick vollkommen durchsichtig. Der Schreiber beginnt hier mit der 
Zahl 8 und fiigt dann an den beiden folgenden Stellen jedesmal 
2 hinzu, um an der vierten Stelle wieder auf die 8 zuriickzugreifen. 
An der fiinften Stelle erhqht er diese wieder um 2, so daB sich hier 
noch einmal 8+10 ergibt. Diese Verbindung liegt dann offenbar 
auch bei den drei folgenden Stellen zugrunde, mit dem einzigen 
Unterschiede, daB die 10 sich in diesem Falle auf zwei Personen 
verteilt. Man sieht also, daB der Wechsel von 8 und 10 Saren bei 
diesem Texte die Grundlage bildet, auf der die ganze Reihe der 
Ansatze sich aufbaut. Das fiihrt fiir den einzelnen zu dem normalen 
Durchschnittssatze von 9 Saren. Der Zeitraum von 8,375 Saren 
ergab sich nur, weil die Ansatze an den beiden letzten Stellen so 
niedrig waren. Bei Berossus ist die Zahl 18, die sich in unserm 



124 

Texte dreimal auf mehrere Fursten verteilt, an drei verschiedenen 
Stellen einem einzigen Konige zugewiesen. Dadurch wurde die 
Gesamtzahl natiirlich um ein Bedeutendes erhoht. Neben diesem 
18 + 18 + 18 findet sich aber auch bei Berossus noch einmal ein 
10 + 8. Man sieht also, daB hier ein wirkliches System vorliegt, 
und zwar ein System, das in dem W.-B. 444 noch am deutlichsten 
hervortritt. Bei Berossus fallen die Zahlen 3 und 13, die wir an 
der zweiten und dritten Stelle antreffen, ganz aus dem Rahmen der 
tibrigen Angaben heraus. Sie verbinden sich aber mit der folgenden 
12 in ihrem Werte zu einer 28, die ihrerseits wieder aus einem An- 
satze von 18 + 10 hervorgegangen sein konnte. Wenn wir diese 
Zahlen dafiir einsetzen, erhalten wir bei Berossus den eigenartigen 
Wechsel von 10 + 18 + 10 + 18 + 10 + 18 + 10 + 8 + 18. Diese 
Reihe spricht ebenfalls fur sich selbst. Sie baut sich nicht auf 8 + 10, 
sondern auf 10 + 18 auf. Dieses 10 + 18 ist aber offenbar aus 
8 + 10 hervorgegangen. Man erinnerte sich der 8 und der 10 
und machte dann unter dem EinfluB der 10 aus der 8 eine 18. Die 
10+8, die den Wechsel schlieBlich unterbrach, ist in Wirklichkeit 
nur noch ein Ueberrest von der alteren Grundform. Bei dem Texte 
W.-B. 62 findet sich 18 am Eingange und 8 + 10 am SchluB. 
Auffallend ist bei diesem Texte besonders das mehrfache Vor- 
kommen der Zahl 20. Wir finden sie an der zweiten, dritten und 
achten Stelle und erhalten dieselbe Zahl, wenn wir die Ansatze 
fur den vierten, fiinften und sechsten Konig- miteinander verbinden. 

Der Zusammenhang zwischen der Liste des Berossus und dem 
Texte W.-B. 444 zeigt sich auch in der Aufeinanderfolge der 
einzelnen Konige. Die drei ersten Nummern sind genau dieselben. 
An der vierten Stelle tritt dann eine Verschiebung ein, da Enmen- 
nunna in der keilinschriftlichen Aufzeichnung nicht vorhanden ist. 
Hierauf stimmen die beiden folgenden Angaben wieder miteinander 
iiberein, nur mit dem Unterschiede, daB Enmengalanna infolge der 
Einschiebung bei Berossus an die fiinfte und Tammuz an die sechste 
Stelle riickte. Auf Tammuz, der in alien Texten als der Hirte be- 
zeichnet wird, folgt dann in dem Texte W.-B. 444 der Konig Ensib- 
zianna von Larak. Dieser gibt sich in seinem Namen, wenn man 
die einzelnen Bestandteile wortlich iibersetzt, als den ,,Herrn, den 
zuverlassigen Hirten des Himmels" zu erkennen; er war also eben- 
falls ein Hirt. Dieser Zusammenhang ist in der Liste des Berossus 
durchbrochen. Berossus nennt hinter dem iTammuz zunachst den 
Evedoranchos, der in den beiden andern Texten in seiner keil- 
inschriftlichen Bezeichnung als der Nachfolger des Ensibzianna 
erscheint, und bringt dann erst an der folgenden Stelle den Namen 
Amempsinos. Er hat also eine Vorlage benutzt, in der die Namen 
Ensibzianna und Enmenduranna oder Enmenduranki aus 
irgendeinem Grunde vertauscht waren. Die Vorlage unterschied 
sich hiernach von den Angaben des Textes W.-B. 444, soweit es 
sich um die Aufzahlung der Konige handelt, nur in zwei Punkten; 
sie berichtete zwischen Enmenluanna und Enmengalanna von einem. 



125 

Konige Enmennunna, der in den beiden uns jetzt noch zur Ver- 
ftigung stehenden Texten nicht vorkommt, und wies beim siebten 
und achten Konige eine Umstellung auf. 

Durch diese Zusammenstellungen 1st auch das Verhaltnis der 
Bibel zu unsern Texten wohl ausreichend festgelegt. Die Angaben 
treten uns, soweit wir es im einzelnen verfolgen konnen, in ihrer 
altesten Form in dem Texte W.-B. 444 entgegen. Dieser Text bildet 
die Grundlage, auf der sich die Fassung, wie wir sie bei Berossus 
vorfinden, im Laufe der Zeit entwickelt hat. Die Ansatze sind hier 
noch verhalmismaBig niedrig; der Erzahler rechnet bei den 
einzelnen Konigen noch mit einem Durchschnitt von 8i 10 Saren, 
die in dem Texte wiederholt aufeinanderfolgen. Dieses 8+10 
wurde dann sparer zu 10 + 18. Die Bibel hat diese Entwickelung 
noch nicht mitgemacht; sie rechnet noch mit einem Durchschnitt 
von 900 Jahren, der in dieser Form auf einen Zeitraum von 9 Saren 
zurtickgeht, und bekennt sich dadurch noch ganz zu den Voraus- 
setzungen von W.-B. 444. Man las aber in den Texten, die in 
Palastina verbreitet waren, schon den Namen des Konigs Enmen- 
nunna, und zwar an derselben Stelle, wo er uns jetzt bei Berossus 
begegnet, und fand in diesen Texten auch den Enmenduranna schon 
am siebenten Platze. Das Fehlen des Enmennunna kann in dem 
Texte W.-B. 444 vielleicht auf einem Versehen beruhen. Der Ver- 
fasser von W.-B. 62 kennt bereits eine Reihe von zehn Konigen; 
bei dem Texte W.-B. 444 erhalten wir mit dem Sintfluthelden, der 
selbst nicht mehr erwahnt wird, im ganzen nur neun. Es ist des- 
halb nicht unmoglich. daB der Name in diesem Zusammenhange 
schon bis in die alteste Form der Texte zuriickreicht. Das ist aber 
bei der Umstellung, die wir hervorheben muBten, ganz aus- 
geschlossen. Wir haben es hier mit einer tatsachlichen Anderung 
zu tun, die auch in der Bibel schon in der Aufeinanderfolge der 
Patriarchen eine sichere Spur zurucklieB. Die Ansatze von W.-B. 62 
haben in ihrer Eigenart auf die biblische Darstellung keinen EinfluB 
gehabt. Der Name Su-kur-lam-ki, der uns hier begegnete, kann in 
derselben Schreibung natiirlich auch in einem andern Texte seinen 
Platz gehabt haben. Die Uebereinstimmungen beschranken sich 
also in ihren Einzelheiten ganz auf eine bestimmte Form der Ueber- 
lieferung, wie sie in dem Texte W.-B. 444 und in der Liste des 
Berossus vertreten ist. Diese Form tritt uns in der Bibel in einer 
Auspragung entgegen, die im wesentlichen noch der alteren Zeit 
angehort, aber in der Aufeinanderfolge der einzelnen Namen schon 
mit der jiingeren Fassung ubereinstimmt. Die Beriihrungen weisen 
uberall einen einheitlichen Charakter auf; sie zeigen zwar deutlich 
hervortretende Entlehnungen, bieten aber fur die keilinschriftlichen 
Bezeichnungen, soweit es moglich war, stets einen Ausdruck in 
hebraischer Sprache. Enos gent auf eine wortliche Uebersetzung 
zuriick, Kenan macht aus dem koniglichen Handwerker, den man 
in dem babylonischen Helden vermutete, mit leichter Verschiebung 
einen Vertreter der ehrsamen Schmiedekunst, Mahalalel weist auf 



126 

das Lob bin, das der groBe Priesterkonig nach der babylonischen 
Bezeichnung seinem Gotte zu spenden hatte, Jered wurde durch den 
Abstieg nahegelegt, an den man bei der Erwahnung des Tammuz 
zu denken pflegte, Henoch erinnert an die Tempelgriindung, die 
dem Trager des babylonischen Namens zugeschrieben wurde, der 
Hinweis auf die Lanze fiihrte bei Methuselah zu der Einftigung eines 
mit der Lanze bewaffneten Kriegers. Die einzige Bezeichnung, die 
bei den Uebertragungen beibehalten wurde, ist der Name Lamech, 
der eine Deutung in seiner keilinschriftlichen Grundform uberhaupt 
nicht zulieB. Wir finden hier also durchweg dasselbe Verfahren, 
das uns schon bei dem Namen Rahab iiberraschte. Man bemiihte 
sich, die fremdartigen Bezeichnungen stets durch einen Ausdruck 
zu ersetzen, den jeder verstand. Das war in einer Zeit, wo der 
Name noch iiberall die Wiedergabe eines bestimmten Gedankens 
bedeutete, schon eine Forderung der praktischen Ueberlegung. 
Wenn der Erzahler seine Gestalten dem Zuhorer oder dem Leser 
wirklich naherbringen wollte, dann muBte er schon in den Namens- 
bezeichnungen auf die Charakterziige und auf die besonderen 
GroBtaten der einzelnen Personlichkeiten hinweisen. Die Namen 
erklaren sich also in ihren hebraischen Formen ganz aus den Ver- 
halinissen der damaligen Zeit. Die Umschreibungen sind aber so 
deutlich, daB man die Trager der Namen in dem vorliegenden 
Zusammenhange noch iiberall mit Sicherheit zu erkennen vermag. 

Es fragt sich nun, ob die Bearbeitung auf eine einzige Person 
zuriickgeht, oder ob wir es vielleicht mit einer Zusammenstellung 
zu tun haben, die sich ihrem Inhalte nach auf weitere Kreise ver- 
teilt. Diese Frage laBt sich nur beantworten, wenn wir die Angaben 
in ihren charakteristischen Eigentumlichkeiten genau miteinander 
vergleichen. Man wird aber sofort zugeben, daB die Abhangigkeit 
von der babylonischen Liste sich mit derselben Deutlichkeit bei fast 
alien in dem hebraischen Texte behandelten Personlichkeiten fest- 
stellen laBt. Es liegt hier also eine Bearbeitung vor, die man in 
ihren Grundziigen als eine einheitliche, in sich selbst geschlossene 
wissenschaftliche Uebertragung bezeichnen muB. Wir konnten die 
genauere Form der Zusammenstellung, auf die der Erzahler zuriick- 
griff, an der Hand des vorhandenen Materials noch mit ziemlicher 
Sicherheit ermitteln. Er hielt sich streng an die Aufeinanderfolge, 
die er vorfand, und ersetzte den Sar, der bei den keilinschriftlichen 
Ansatzen zugrundegelegt war, durch die Zeitspanne von jedesmal 
100 Jahren. Bei dieser Arbeit kam er an mehreren Stellen zu einer 
SchluBfolgerung, die den Tatsachen nicht ganz gerecht wurde. DaB 
er das me-nun in dem Namen Enmenunna nicht ohne weiteres zu 
einem nun-me machen durfte, ist selbstverstandlich. Er vergreift 
sich hier in ahnlicher Weise wie bei der Umdeutung der Schrift- 
zeichen fiir Suruppak, die uns den Schliissel fur das Verstandnis der 
Namen am Ende der Reihe in die Hand geben. Bei Enos = enos 
= Enmenluanna liegt im Grunde nur eine Teiliibersetzung vor. 
Der ,,Mensch", von dem hier die Rede ist, war nach dem keil- 



127 

inschriftlichen Ausdruck ein ,,Mann des Himmels" oder ein ,,Mann 
Gottes", den man im Akkadischen vielleicht als Mutu-sa-ili be- 
zeichnet hatte. Bei Henoch konnten wir aus der Zahlenangabe, die 
uns hier iiberrascht, auf eine Gleichsetzung von tasritu = Ein- 
weihung mit dem in dem Monatsnamen vorliegenden tasritu = 
Jahresanfang schlieBen. 

DaB der Verfasser sich bei seinen Ansatzen durch den Gedanken 
an den Kreislauf des Jahres beeinflussen lieB, sehen wir auch an 
den Zahlen, die wir bei Lamech vorfinden. Wir betonten schon, 
daB die Zahl 777, die sich auf die Dauer seines Lebens bezieht, um 
ein Erhebliches hinter dem sonstigen Durchschnitt zuruckbleibt. 
Wenn man die Zahl mit den ubrigen Ansatzen vergleicht, hat man 
sofort den Eindruck, daB es sich hier um eine besondere Hervor- 
stellung der 7 handelt. Der Patriarch lebte 700 + 70 + 7 Jahre. 
Hiermit ist aber der Zusammenhang, soweit es sich um die Person- 
lichkeit des Lamech handelt, nach den vorhandenen Angaben noch 
nicht erschopft. Lamech stand im Alter von 182 Jahren^ als ihm 
der Sohn geboren wurde, und starb dann nach einem Zeitraum 
von 595 Jahren. Diese Zahlen gestalten ebenfalls eine Aufteilung 
durch 7. 182 : 7 = 26; 595 : 7 = 85. 7 ist in der Zeitrechnung 
die Zahl der Woche, 26 die Wochenzahl eines halben Jahres, 182 
die Anzahl der auf diesen Zeitraum entfallenden Tage. 365 : 2 = 
182,5. Wir haben hier also ein ahnliches Verhalmis, wie es sich 
bei dem Ansatze fiir Henoch ergab. Bei Henoch deckt sich die Zeit- 
angabe fiir seinen Aufenthalt in dieser Welt mit den Tagen des 
Jahres, bei Lamech stehen die Zahlen mit den Tagen eines halben 
Jahres und mit dem Zeitraum einer Woche in Zusammenhang. Die 
Woche bildet, wenn man nur mit ganzen Tagen rechnet, den vierten 
Teil eines Monats; sie geht ihrem Ursprunge nach ebenso wie der 
Monat auf den Wechsel in der Bewegung des Mondes zuriick. Der 
Mondgott wurde aber, wie wir gesehen haben 1 ), u. a. auch als 
Lamga bezeichnet, als der Gott des letzten und des ersten Viertels, 
der das eine Mai nach der einen und das andere Mai nach der 
andern Seite schaut. Der Name Lamga ist in dieser Form nur als 
die weichere Aussprache fiir ein alteres Lamka = Lamkar = namkar 
zu betrachten. Es ergab sich also, wenn wir die hartere Aus- 
sprache zugrundelegen, in alien wesentlichen Bestandteilen des 
Wortes ein volliger Gleichklang mit der Grundform des Namens 
Lamech. Dieses Zusammentreffen ist dem Urheber unseres Berichtes 
offenbar zum BewuBtsein gekommen und fiir seine Festlegungen 
entscheidend gewesen. Der Mondgott gebot als Lamga im Laufe 
des Monats iiber die Halfte der Zeit, wo er am Himmel stand. 
Damit ergab sich, wenn wir iiber die Zeit hinwegsehen, wo er 
am Himmel verschwunden war, jedesmal die Halfte eines Monats. 
Das macht fur das Jahr im ganzen 182 Tage. Dies war jedoch 
eine Zahl, die fiir die Lebensjahre nicht in Betracht kam. Sie konnte 



*) Vgl. oben S. 74 ff. 



128 

hochstens mit der Periode bis zur Geburt des Sohnes in Verbindung 
gebracht werden, und das ist nach der vorhandenen Angabe wirk- 
lich geschehen. Der Verfasser legte fiir diesen Abschnitt die Gesamt- 
zahl der Tage zugrunde, wo der Mond als Lamga am Himmel 
- stand, und brachte dann die Lebensdauer mit der Zahl 777 zum 
Ausdruck. Der Grundgedanke ist also ganz derselbe wie bei 
rienoch; der Tag ist dem Verfasser bei seinen Ansatzen jedesmal 
zu einem Jahre geworden. Auffallend ist nur, daB das Mondjahr 
und das Sonnenjahr hier in der Vorstelhmg nicht schari ausein- 
andergehalten werden. Die Berechnung richtet sich in den Einzel- 
heiten nach den Erscheinungsformen des Mondes und ist dann in 
der Gesamtzahl der Tage jedesmal dem Sonnenjahr angepaBt. Das 
entspricht aber ebenfalls der Denkweise der damaligen Zeit. Man 
berechnete das Jahr nach der Sonne und den Monat mit seinen 
Unterabteilungen nach dem Kreislaufe des Mondes. 

Die Anlehnung geht aber noch weiter. Sie zeigt sich mit der- 
selben Deutlichkeit in den Zahlen, die fiir Kenan mitgeteilt werden. 
Kenan nimmt in der Liste den vierten Platz ein. Er war 70 Jahre 
alt, als ihm der Sohn geboren wurde, und lebte dann noch 840 
Jahre, so daB er ein Alter von 910 Jahren erreichte. Diese Zahlen 
lassen sich ebenfalls alle durch 7 teilen. 70 : 7 = 10; 840 : 7 = 
120; 910 : 7 = 130. Der vierte Teil eines Jahres umfaBt 91 voile 
Tage, die zusammen einen Abschnitt von 13 Wochen ergeben. 
Man sieht also, daB der Gedanke an den Kreislauf und an die Zeit- 
raume des Jahres dem Verfasser auBerordentlich nahelag. Beim 
vierten Patriarchen griff er zu den Zahlen, die sich auf den vierten 
Teil des Jahres bezogen 1 ), bei Henoch denkt er an den Kreislauf 
des ganzen Jahres und bei Lamech nimmt er auf die Zeiten Bezug, 
die durch den Mond als Lamka = Lamga bestimmt sind. Dieses 
Verfahren laBt in seiner Eigenart ebenfalls nur auf eine einzige 
Person schlieBen. 

In der Kainitenliste begegnet uns Lamech als der Sohn des 
Methusael. Er folgt hier also nicht auf einen Methuselah oder auf 
einen ,,Mann der Lanze", sondern auf einen Mutu-sa-ili, einen 
,,Mann Gottes". Da das Wort mutu in der Bibel sonst in Zu- 
sammensetzungen nicht vorkommt, ist man von vornherein geneigt, 
die beiden Bezeichnungen ihrem Ursprunge nach miteinander zu 
verbinden. Sie gehoren in ihrer sprachlichen Form derselben Zeit 
an, die neben dem Hebraischen unter Umstanden noch den Ge- 
brauch des Akkadischen gestaltete. Methuselah erweist sich in 
dieser fiinsicht als eine Mischform, Methusael ist dagegen ein ein- 
wandfreies Akkadisch. Die eine Bezeichnung ist aber bei den da- 
maligen Verhaltnissen an und fiir sich ebenso gut moglich wie die 
andere. Bei Lamech uberrascht uns auch hier wieder der eigen- 



1 ) Man beachte fiir diese Beriicksichtig-ung der Aufeinanderfolge das 
Verhalten bei der Zusammensliellung des Alphabetes. Der fiinfte Buchstabe 
war He. Diese Bezeichnung geht, soweit es sich um den Namen des Buch- 
stabens handelt, auf das sumerische i = e = 5 zuriick. Vgl. oben S. 15. 



129 

artige Zusammenhang mit der Siebenzahl. Er begegnet tins hier 
schon an der siebten Stelle, und zwar als gewaltiger Krieger, der 
seinen Feinden nicht siebenfache, sondern siebenundsiebzigfache 
Rache schwort. ,,Wenn Kain sich siebenmal racht, dann Lamech 
siebenundsiebzigmal". Diese Uebereinstimmungen bediirfen auf 
jeden Fall einer Erklarung. Sie beziehen sich nicht nur auf die 
Namen, sondern auch auf den Inhalt der Ueberlieferungen, die 
durch diese Namen gekennzeichnet sind. Lamech steht in der einen 
Liste wie in der andern, wenn wir uns so ausdriicken durfen, ganz 
unter dem Zeichen der Sieben. Dieser Zusammenhang laBt sich in 
der Sethitenliste, wie wir gesehen haben, noch ohne Schwierigkeit 
auf die Bewegung des Mondes zuriickfuhren. In der Kainitenliste 
tragen die Angaben schon deutlich den Charakter einer spateren 
Verallgemeinerung. Der Verfasser hat hier bloB an die Sieben 
gedacht und diese Vorstellung auch auf die Anordnung tibertragen, 
die in der Sethitenliste noch ganz in der altesten Form erscheint. 
Der Name Methuselah, der an dieser Verschiebung teilnahm, wurde 
dann unter dem EinfluB des vorhergehenden Mechujael durch eine 
Bezeichnung ersetzt, die ebenfalls den Hinweis auf el = ilu = Gott 
enthielt. In der Sethitenliste erklart der Zusammenhang nicht nur 
die Aufeinanderfolge, sondern auch den Ursprung und die Be- 
deutung der Namen; in der Kainitenliste ist diese Gliederung schon 
vpllstandig zerstort Lamga ist in dieser Liste von der Zeit der 
Sintflut, wo man ihn nach dem keilinschriftlichen Su-kur-lam-ki er- 
warten mu6, ganz abgeriickt, und aus dem ,,Mann der Lanze" ist 
hier ein Schutzling oder Diener der Gottheit geworden, der mit 
dem sukurru gar nichts mehr zu tun hat. Die Kainitenliste hat also 
bei ihren Ansatzen den Aufbau und die Bezeichnungen der Sethiten- 
liste schon zur Voraussetzung. 



130 



IV. 

Die Sintflut. 

Auch bei der Sintflut sind wit fur die Angaben des Berossus 
fast ganz auf die Chronik des Eusebius angewiesen. Der Verfasser 
berichtet hier ebenfalls iiber die Einzelheiten zunachst im AnschluB 
an die Aufzeichnungen des Alexander Polyhistor 1 ) und fiigt dann 
spater noch den Auszug von Abydenus hinzu 2 ), den er auch in der 
Praeparatio Evangelica 3 ) heranzieht. An der ersten Stelle heiBt es 
nach der Fassung des griechischen Textes: 

,,Derselbe Alexander erzahlt ferner nach der Schrift der Chal- 
daer: Nach dem Tode des Ardatos 4 ) habe dessen Sohn Xisuthros 
18 Saren hindurch regiert. Unter diesem sei eine groBe Flut ge- 
kommen, und dariiber sei folgender Bericht niedergeschrieben: 
Kronos sei im Schlafe an ihn herangetreten und habe ihm gesagt, 
daB am 15. des Monats Daisies 5 ) die Menschheit durch eine Flut 
vernichtet wurde. Er habe deshalb befohlen, schriftlich den Anfang, 
die Mitte und das Ende aller Dinge aufzuzeichnen und in Sispara 6 ), 
der Stadt des Sonnengottes, zu vergraben, alsdann ein Fahrzeug 
zu bauen und mit seinen Angehorigen und den ihm Nahestehenden 
hineinzugehen, Speise und Trank hineinzuschaffen, gefliigelte und 
vierfiiBige Tiere hineinzubringen und nach Vollendung aller Vor- 
bereitungen die Fahrt zu beginnen. Wenn er aber gefragt werde, 
wohin er fahre, solle er antworten: Zu den Oottern, um Gutes fur 
die Menschen zu erflehen. Er habe dann gehorcht und ein Fahr- 
zeug erbaut von fiinF) Stadien in der Lange und von zwei Stadien 
in der Breite. Hierauf habe er alles, was ihm aufgetragen war, 
ausgefiihrt und sein Weib und seine Kinder und die ihm Nahe- 



*) Syncelltis p. 53,19 ff. = Schnabel, Berossos S. 264 if., Fragm Nr. 34. 

2 ) Syncellu p. 70,1 ff. = Schnabel S. 266, Fragm. Nr. 35. 

3 ) IX, 12 p. 41415. 

*) oder Ardates? Der Name geht in seiner Gsrundform auf das oben 
S. 114 sohon einmal erwahnte Aratta zurtick. Dies wurde ideognaphisoh, 
wie wir gesehen haben, durch eine Zeichenverbindung ausgedruckt, die auch 
fiir Suruppak in Gebrauch war. Es karan sich also nur um eine Ortsbezeich- 
nung handeln, die uns in dieselbe Qegetfd ftihrt. Der Persanenname steht 
hier also zu der Ortsangabe in demselben Verhaltnis wie wir es bei den 
Angaben des Textes W.-B. 62 fiir den Konig Su-kur-lam voraussetzen muBten. 
Dieser war ebenfalls der Vater des Xisuthros. 

5 ) Mitte Mai bis Mitte Juni. 

8 ) = Sippara = Sippar. 

7 ) Im armenisdien Texte steht 15. 



131 

stehenden hineingebracht. Als aber die Hut gekommen, habe 
Xisuthros gleich bei ihrem Zurucktreten einige von den Vogeln 
herausgelassen, diese batten aber keine Nahrung gefunden und 
keinen Ort, sich niederzulassen, und seien wieder in das Fahrzeug 
zuruckgekommen. Xisuthros habe dann nach einigen Tagen 
wiederum die Vogel hinausgeschickt, und diese seien zuruckgekehrt 
mit lehmbeschmutzten FiiBen. Als er sie hierauf zum dritten Male 
losgelassen habe, seien sie nicht mehr in das Fahrzeug zuruck- 
gekommen. Hieraus habe Xisuthros den SchluB gezogen, daB die 
Erde wieder hervorgetreten sei. Er habe deshalb die Zusammen- 
fiigung des Schiffes an einer Stelle auseinandergenommen und ge- 
sehen, daB das Schiff an einen Berg getrieben sei. Darauf sei er 
mit seinem Weibe, seiner Tochter und dem Steuermanne hinaus- 
gegangen, habe sich anbetend auf die Erde niedergeworfen, einen 
Altar errichtet und den Gottern ein Opfer dargebracht. Dann sei er 
mit denen, die aus dem Schiffe hinausgegangen waren, plotzlich 
verschwunden gewesen. Die in dem Schiff Zuruckgebliebenen seien, 
als Xisuthros mit seinen Begleitern nichfc wieder eintrat, ebenfalls 
hinausgegangen und batten ihn gesucht, indem sie ihn mit Namen 
riefen. Xisuthros sei aber selbst von ihnen nicht mehr gesehen 
worden, es sei jedoch eine Stimme vom Himmel gekommen, die 
ihnen befahl, gottesfiirchtig zu sein, wie es sich gezieme. Denn 
er selbst fahre wegen seiner Gottesfurcht dahin, um bei den Gottern 
zu wohnen, und derselben Ehre seien auch seine Frau, seine Tochter 
und der Steuermann teilhaftig geworden. Die Stimme sagte ihnen 
auch, daB sie wieder nach Babylon zuriickkehren sollten, und daB 
ihnen vom Schicksal bestimmt sei, die Schriften aus Sispara wieder 
aufzunehmen und unter den Menschen zu verbreiten. Die Gegend, 
wo sie sich befanden, gehore zu Armenien. Als sie dies gehort, 
batten sie den Gottern geopfert und sich zu FuB nach Babylon 
begeben. Von dem Schiff, das sich dort niedergelassen, sei in den 
Bergen der Koryaer in Armenien noch ein Teil vorhanden, und 
manche Leute holten sich von dem Schiffe Erdpech, das sie davon 
abschabten, um es als Schutzmittel gegen Krankheiten zu ge- 
brauchen. Sie seien nun nach Babylon gekommen, batten die 
Schriften zu Sispara ausgegraben, viele Stadte gegriindet und Heilig- 
tiimer errichtet und Babylon wieder aufgebaut." 

Die Niederschrift des Abydenus kann im wesentlichen nur als 
eine kurze Bestatigung dieser Angaben betrachtet werden. Der 
einzige Unterschied, der vielleicht einige Beachtung verdient, ist die 
abweichende Form der Eigennamen. Wir erfahren hier nicht von 
einem Xisuthros, sondern von einem Sisithros. Der Ort, wo die 
Schrifttexte vergraben wurden, wird hier richtig als Sippara be- 
zeichnet. ,,Nach diesem", so heiBt es daselbst, ,,regierte u. a. auch 
Sisithros, dem Kronos vorherverkiindet, daB ein gewaltiger Regen 
am 15. Daisies kommen wird, und den Befehl erteilt, alles, was an 
Schriften vorhanden war, in der Stadt des Sonnengottes im Lande 
Sippara zu verbergen. Nachdem Sisithros dieses ausgefuhrt hatte, 



132 

schiffte er sich sogleich nach Armenien ein, und sofort kam das von 
dem Gotte verhangte Unwetter iiber ihn. Am dritten Tage, nach- 
dem der Regen sich gelegt hatte, entsandte er einige von den Vogeln, 
um zu versuchen, ob sie aus dem Wasser hervortauchendes Land 
sehen wiirden. Diese sind jedoch, wie ein weithin gahnendes Meer 
sie empfangt, in Verlegenheit, wo sie sich niederlassen sollen, und 
kehren zu Sisithros zuriick, und andere nach ihnen ebenso. Wie er 
aber mit der dritten Sendung Erfolg gehabt hatte sie kehrten 
namlich wieder mit lehmbeschmutzten FiiBen , da entriickten ihn 
die Gotter aus dem Kreise der Menschen. Das Fahrzeug aber 
lieferte in Armenien den Einwohnern holzerne Amulette zur Ab- 
wehr von bosem Zauber." 

Die ersten keilinschriftlichen Mitteilungen uber die Sintflut 
wurden im Jahre 1872 entdeckt. George Smith, einer von den 
damaligen Assistenten des Britischen Museums, fand bei seinen 
Arbeiten ein Tontafelfragment, das ihn durch eine Bemerkung iiber 
die Landung eines Schiffes auf einem Berge iiberraschte. In den 
folgenden Zeilen las er dann, wie eine Taube losgelassen wurde 
und wieder zuriickkehrte, wie eine Schwalbe losgelassen wurde und 
ebenfalls wieder zuriickkehrte, wie endlich ein Rabe losgelassen 
wurde und nicht wieder zuriickkehrte. Damit war die Bedeutung 
des Textes gegen jedes Bedenken sichergestellt. Er suchte nun 
unermudlich nach weiteren Fragmenten und ermittelte auf diese 
Weise noch umfangreiche Bruchstiicke von zwei andern Exemplaren 
desselben Berichtes, die den Inhalt des ersten Textes wesentlich 
vervollstandigten. Hierbei konnte er zugleich den Nachweis er- 
bringen, daB die Schilderung zur elften Tafel einer groBeren, im 
ganzen zwolf Tafeln umfassenden Heldendichtung gehorte, die 
heutzutage allgemein als das Gilgamesch-Epos bezeichnet wird 1 ). 
In den folgenden Jahren fanden sich dann von dem Werke noch 
zahlreiche weitere Fragmente, die bei mehreren Tafeln eine nahezu 
Itickenlose Wiederherstellung des ursprimglichen Textes gestatteten. 
Eine Gesamtausgabe der einzelnen Stiicke, soweit sie bis dahin 
bekannt waren, wurde von Paul Haupt 2 ) und in der neuesten Zeit 
von R. Campbell Thompson 3 ) unternommen. Der Text des Sintflut- 
berichtes findet sich auBerdem noch bei Delitzsch in der dritten 
Auflage der Assyrischen Lesestiicke S. 99 ff. und bei Rawlinson, 
Cuneiform Inscriptions of Western Asia, Bd. IV, zweite Auflage, 



1 ) nach einer zuerst von Pinches (Babyl. and Orient Rec. IV, 264) mit- 
geteilten phonetischen Schreibung (MeiBner, Seltene ass. Ideogramme Nr. 
4035), die .in dieser Frage jeden Zweifel beseitigt. Smith bezeichnete den 
Helden im AnschluB an die ideographische Wiedergabe des Namens zunachst 
als Izdubar. Da er in ihm zugleich den biblischen Nimrod vermutete, sprach 
man in der ersten Zeit gewohnlidh vom Izdubar- oder Nimrod-Epos, 

2 ) Das Babylonische Nimrodepos, Assyriologi&che Bibliothek, herausgeg. 
von Friedr. Delitz&ch und P. Haupt, Bd. Ill, Leipz. 1884 u. 1891. Die Ueber- 
reste der hier noch fehlenden zwolften Tafel sind veroffentlicht in den Bei- 
tragen zur Assyriologie, Bd. I, S. 49 ff. 

3 ) The Epic of Gilgamisch, Oxford 1930. 



-J 22 

- l OO ^^ 

S. 43 44. Um die Uebersetzung machten sich besonders A. 
Jeremias 1 ), P. Jensen 2 ), Ungnad 3 ), Ebeling 4 ) und Albert Schott 5 ) 
verdient. 

Gilgamesch, der starke und gewaltige Konig von Uruk, der 
Erbauer der dortigen Stadtmauer, zu zwei Dritteln ein Oott und 
nur zu einem einzigen Drittel ein Mensch, zieht seine Untertanen 
zu barter Fronarbeit heran, so daB sie sich in ihrer Bedrangnis 
an die Gotter um Hilfe wenden. Diese veranlassen nun die Gottin 
Aruru, einen ebenbiirtigen Freund und Gefahrten fur ihn zu er- 
schaffen. Beide sollen miteinander wetteifern in der Ausfiihrung 
von groBen Heldentaten, und Uruk soil in dieser Zeit wieder seine 
friihere Ruhe genieBen. Aruru geht sofort an die Arbeit. Sie wascht 
ihre Hande, kneift Lehm ab und bildet den Enkidu, ein Wesen von 
gewaltiger Korperkraft und auBergewohnlicher Sinnlichkeit, das 
behaart ist wie ein Tier und in der ersten Zeit mit den Tieren des 
Feldes zusammenlebt und sich in derselben Weise von Gras und 
Krautern ernahrt, aber im iibrigen die Eigenschaften eines Menschen 
aufweist. Ein Jager, der sich zunachst vor ihm fiirchtet, bringt 
ihn alsdann auf die Anregung seines Vaters und auf den Vorschlag 
des Gilgamesch mit einer Buhldirne in Verbindung, und die Dime 
fiihrt ihn nach Uruk, wo Gilgamesch sich inzwischen schon zwei- 
mal in einem Traumgesichte mit ihm beschaftigt hat. Die beiden 
Helden messen sich gleich beim ersten Zusammentreffen in einem 
Kampfe, bei dem Enkidu unterliegt, und schlieBen dann Freund- 
schaft. Sie ziehen in die Welt hinaus zu gemeinsamen groBen Unter- 
nehmungen, bis Enkidu plotzlich von einer Krankheit befallen wird, 
die am zwolften Tage den Tod herbeifiihrt. Gilgamesch ist bei 
diesem Vorgange tief erschiittert und vermutet zunachst einen 
Schlaf. Als aber das Auge des Freundes sich nicht mehr offnet und 
das Herz nicht mehr schlagt, bedeckt er ihn, wie eine Braut sich 
verhiillt, und iiberlaBt sich dann ganz seinem Schmerze. Sechs Tage 
und sechs Nachte weint er um ihn. Nachdem er ihn hierauf zur 
letzten Ruhe bestattet, ergreift ihn die Furcht vor dem eigenen Ende. 
,,Werde ich nicht ebenso wie Enkidu sterben? Wehklagen ist. in 
mein Herz eingezogen; ich fiirchte mich vor dem Tode und irre 
dahin iiber die Flur." Um die Unsterblichkeit zu erlangen, begibt 
er sich nun unter vielen Schwierigkeiten in die Unterwelt zu seinem 
Urahnen Ut-napistim und bittet diesen um Auskunft und Rat. ,,Wie 



*) Izdubar-Nimrod, Leipz. 1891. 

2 ) bei SchraJder, Keilinschriftl. Biblioth. Bd. VI, 1. Teil, S, 116 If. 

3 ) Altorientalische Texte und Bilder zrnn Alien Testamente, herausgeg. 
von Hugo GreBmann, Tubingen 1909, S. 39 ff.; Das Gilgamesch-Epos. Neu 
iibersetzt von Arthur Ungnad und gemeinversiandlich erklart von Hugo GreB- 
mann. Goitingen 1911; Die Religion der Babylonier und Assyrer S. 66 ff. 

4 ) bei GreBmaiin, Altorientalische Texte zum Alten Testament, 2. Aufl. 
S. 150 ff. 

5 ) Das Gilgamesch-Epos, Leipzig, Reclam; Genauere Begriindung der 
Einzelheiten in der Zeitschr. f. Assyriologie, Neue Folge Bd. 8 (1934), S. 
92143. 



134 

tratest du ein in die Schar der Cotter", so fragt er ihn, ,,und er- 
schautest das Leben?" Hierauf antwortet ihm Ut-napistim: 

,,Ich will dir erofmen, Gilgamesch, verborgene Kunde, 

ein Geheimnis der Gotter dir anvertrauen. 

Surippak 1 ), eine Stadt, die du kennst, 

[am Ufer] des Euphrat gelegen, 

ist eine alte Stadt, in der die Gotter verkehrten. 

Eine Sturmflut zu senden, trieb die groBen Gotter der Sinn. 

ihr Vater Anu, 

ihr Berater, der gewaltige Enlil, 

ihr Thronhalter Ninurta, 

ihr Fiihrer Ennugi. 

Ea, der Herr mit dem glanzenden Auge, hatte bei ihnen 

gesessen 

und erzahlte ihre Rede einer Rohrhiitte: 
Rohrhtitte! Rohrhiitte! Wand! Wand! 
Rohrhiitte, hore! Wand, verstehe! 
Mann aus Surippak, Sohn des Ubartutu, 
zerstore das Haus, erbaue ein Schiff, 
lass fahren den Reichtum, suche das Leben, 
verachte Besitztum und rette das Leben, 
bringe Lebenssamen jeglicher Art hinein in das Schiff! 
Das Schiff, das du erbauen sollst, 
seine MaBe seien abgemessen; 

es sollen einander gleich sein seine Breite und seine Lange; 
wie den Apsu 2 ) sollst du es bedachen. 
Ich verstand es und sagte zu Ea, meinem Herrn: 
[Sie]h, mein Herr, was du da befahlst, 
[habe ich] zu Herzen genommen und will es befolgen. 
[Aber was] soil ich erwidera der Stadt, dem Volke und den 

Altesten? 

Da tat Ea seinen Mund auf und sprach, 
sagte zu seinem Diener, zu mir: 
Dann sollst du, [Menjsch, also zu ihnen sprechen: 
[Fiir]wahr 3 ), Enlil hat Hass gegen mich gefasst. 
Ich werde nicht wohnen bleiben in eurer [Stadt], 
[auf] Enlils Boden mein Auge nicht richten; 
ich werde hinabsteigen zum Ozean und bei Ea, meinem 

Herrn, wohnen. 
[Ueber] euch aber wird er Ueberfluss regnen lassen, 



*) Suruppak. 

2 ) So nach der Wiedergabe von Schott. Man stellte sich den Apsu, wie 
es scheint, in seiner auBeren Form (S. oben S. 64) als einen gewaltigen 
Wiirfel vor. 

3 ) [MinJ'dima, nach der Uebersetzung und dem Ergan'zvmgsvor&chlage 
von Ebeling, Archiv fur Orientforsohung VIII (1933), S. 231. 



135 

[eine verborgene Stelle von] Vogeln, eine verborgene Stelle 
von Fischen 1 ), 

iippige Feldfrucht, 

[wenn am Abend der Gebieter] der Finsternis 
[auf euch herabregnen lasst] einen Weizenregen 2 ). 
[Sobald es am Mor]gen zu dammern begann, 
versammelte sich [zu mir] das La[nd]. 



das Bauwerk. 

Das Kind tr[ug] Asphalt [herbei]; 

der Starke brachte auf den [Be]darf heran. 

Am fiinften Tage entwarf ich seinen Bau. 

Ein Iku 3 ) war seine Grundflache 4 ), zehn Gar die Hohe 

seiner Wande, 

zehn Gar jedesmal der Rand seines Daches 5 ). 
Ich entwarf die Gestalt der Vorderseite, zeichnete es, 



*) Verborgeiie Stelle = Lager, wo sich die Tiere in grofier Menge zu- 
sammenfinden. 

2 ) samutu kibati. Ki'btu = Weizen, vom sumerischen gib gib-ba = 
gig-ba = gig. Vgl. Hrozny, Das Getreide im alien Babylonien, S. 54 ff., und 
die Bestatigung dieses Ansatzes in dem Korrektuirzusatze S. 7- 8. Gig = 
marsu schmti'tzig, mig-gig = miaorustu: = Schmutz. Der Weizen war also 
nach der sumerischen Ausdrucksweise das ,,SdinMtzgetreide". Er entwickelt 
sich auch in unserer Gegend ira Gegensatze zu andern Getreidearten am 
besten, wenn. der Boden zur Zeit der Aussaat stark durchfeuchtet ist. Man 
sate deshalb ini Herbste beim Eintreten der Regenperiode zuerst die Gerste 
und wartete mit dem Weizen, bis diese Voraussetzung erfullt war. Die Zu- 
hprer miissen aber bei unserm Texte sofort an die eigentlkhe Frucht denken, 
die nach der ganzen Darstellung mit einem sokhen Regen auf die Erde herab- 
kpmanen soil. Der Regen erscheint hier als der unmittelbare Trager des 
Jiimmli&chen Segens. Der Segen soil seinen Anfang nehmen, wenn der Ge- 
bieter der Finsternis erscheint und die Wasser in aufiergewShnlichen Mengen 
aus dem Dunkel der Wolken herabschidct. Es gab aber im Akkadischen 
noch ein zweites fcibatu, das aus dem Semitischen kommt und nach der Be- 
deutung des Grundwortes filer Leiden und korperliche Schmerzen in Gebrauch 
war. Vgl. dafilr besonders C. Frank in der Zeitschr. f. Assyriologie, Neue 
Folge Bd. 2 (192425), S. 218. Dieses Zusammentreffen, das hier im Wort- 
laut einen merkwiirdigen Doppelsinn hervortreten, laBt, war hochst wahr- 
scheinlich vom Dichter beabsichtigt. 

3 ) So durch ,,Feld" wiedergegeben zuerst bei Schott, nach der ein- 
leuchtenden Erklarung des etwas eigenartig geschriebenen Textes durch 
Landsberger. Der Iku war eine Flache von 10 Gar im Quadrat; der Gar 
hatte eine Lange von 12 Ellen. 

*) So nach dem Zusammenihange. Der Text bietet hier das Zeichen fiir 
hi mit nachfolgendem sa sa. Es kommt also nur ein Wort in Betracht, bei 
dem sich das Suffix mit einer Dentalis verband. Das wiirde z. B. bei isdu 
der Fall sein. Man bezeichnete den -unteren Teil eines Schiffes als isid elippi. 
Isdu gehort auch zu den Synonymen von hi = puridu = Bein. 

5 ) Die Wande bildeten also ebenfalls jedesmal ein Quadrat. 



136 

legte sechsmal einen Boden hinein, 

teilte es siebenfach 1 ), 

teilte sein Inneres neunfach 2 ). 

In seiner Mitte schlug ich Wasserpflocke ein. 

Ich suchte eine Schifferstange und legte den Bedarf hinein. 

Sechs Saren Erdpech schiittete ich in den Ofen, 

drei Saren Asphalt schiittete ich hinein. 

Drei Saren trugen seine Korbtrager 3 ) an Ol herbei, 

auBer einem Sar Ol, das der nikku verzehrte 4 ), 



*) 'durch die Einfugung der sechs Boden. 

2 ) durch den Eiiibau von acht yerschiedenen Wanden, die in entsprechen- 
den Abstanden jedesmal von der einen Seite des Schiffes zur anderen gingen. 
Durch diese Wande wurde jedes Stockwerk zunachst in neun Einzelraume 
geteilt. Die Zahl der Raume 1st bei einer derartigen Aufteilung immer um 
eins groBer als die Anzafal der Scheidewande. In dem Schiffe befanden sich 
also sechs parallel ztir Grundflache gebaute Zwischendecken, die den ganzen 
Innenraum zunachst in sieben ubereinanderliegende Teile zerlegten, und acht 
von unten bis nach oben reichende Querwande, die auf jedem Flur eine Reihe 
von neun Raumen ergaben. Die Zahl der Scheidewande wird bei der zweiten 
Angabe nicht ausdrucklich hervorgehoben; sie ist aber dem Schriftsteller, wie 
wir aus der Zahlung der Stockwerke entnehmen mussen, sicher zum BewuBt- 
sein gekommen. Er rechnet, wenn wir diesen Gedanken hineinfiigen, in un- 
mitfelbarer Aufeinanderfolge mit den Zahlen von 6 bis 9. Das Schiff hatte 
6 Zwischendecken, 7 Stockwerke, 8 Scheidewande und jedesmal 9 Quer- 
raume. Fiir die Hohe der Seitenwande und fur die Breite des Schiffes wird 
die Zahl der Gar-Strecken, mit denen man hier rechnete, auf 10 angegeben! 

3 ) die Korbtrager oder Lasttrager des Schiffes. 

4 ) sa ikulu ni-ik-ku. Das Wort nikku wurde nach einer andern Angabe 
ebenso wie das synonyme tumagu durch ein Ideogramm ausgedriicfct, das 
am Ende das zweimal gesetzte Zeichen fiir bul enthielt (Meifiner, Seltene 
assyr. Ideogramme Nr. 7902; Deimel, Sumer. Lexikon Nr. 515,9 h). Der erste 
Teil der hier in Betracht kommenden Zeichenverbindung ist leider zerstort. 
Das Zeichen fur bul war in dieser Verdoppehing besonders fiir nasu = 
schwanken (MeiBner Nr. 7830 und 7901; Deimel Nr. 515,7. 9 b), radu 
beben (MeiBner Nr. 7831; Deimel Nr. 515,9 e) nd nasarbutu = wehen 
(MeiBner Nr. 7832; Deimel Nr. 515,9 c) in Gebrauch, Hierzu paBt aiuch die 
Gleichsetzung mit dem Worte tumagu, das in seiner Bedeutung hochst wahr- 
scheinlich mit dem im Hebraischen und im Arabischen noch vorhandenen 
mug =z beben oder wogen in Zusammienhang steht. In einem Beschworungs- 
texte wird IV Rawlinson 2 29* 4CI 11 12 die vorwurfsvolle Frage gestellt, 
warum jemand es wagt, den Sand des Flueses, den taltallu der Dattelpalme, 
den nikku des Feigenbaumes und da Stroh der Feldirucht als Opfergabe an- 
zubieten. Das akkadische taltallu ist ein Lehnwort aus dem Sumerischen. Es 
geht auf ein zweimal gesetztes tal = dal = fliegen zuriick. Das Schrift- 
zeichen ist nur eine Weiterbildung des Zeichens fiir Vogel. Man hat des- 
halb vielfach an den Blutenstaub gedacht. Es sind aber sicher die Scho'B- 
linge oder die Wedel, schon mit Riicksicht auf das Hebraische, wo die 
iippigen Haarlooken des Geliebten im Hohen Liede als taltallim bezeichnet 
werden. Der nikku befindet sich am Feigenbaume; er steht aber im iibrigen 
mit dem taltallu und mit dem Stroh des Ackerfeldes in offensichtlicher Paral- 
lele. Dabei wird er nach dem Ideogramm, von dem wir ausgingen, ebenfalls 
in irgendeiner Weise hin und her bewegt. Wir konnen hier also nur an die 
vom Winde bewegten Zweige des Baumes denken. Damit kommen wir im 
Gilgamesch-Epos auf die Bewegung beim Tragen, bei dem ein erheblicher 
Teil des Ols verschuttet wurde. 



137 

und zwei Saren Ol, [das] der Schiffer zuriicklegie. 

Fiir die L[eu]te schlachtete ich Kinder, 

totete ich Schafe Tag fiir Tag. 

Mos[t, Sesamwjein, Ol und Traubenwein 

[Hess ich] das Vol[k trinken] wie FluBwasser. 

Ein Fes[t veranstaltete ich] wie am Neujahrstage, 

ofmete die Salben[biichse] und streckte meine Hand aus 1 ). 

[Bel] Sonnenuntergang war das Schiff fertig. 

[Weil aber .] schwierig war, 

machen die Bauleute den Stapelweg des Schiffes tragfest 

oben und unten 2 ). 

[In das Wasser drjangen zwei Drittel von ihm. 
[Alles, was ich hatte, l]ud ich hinein; 
alles, was ich hatte an Silber, lud ich hinein; 
alles, was ich hatte an Gold, lud ich hinein; 
alles, was ich hatte an Lebewesen jeglicher Art, lud ich 

hinein; 
ich brachte hinauf in das Schiff meine ganze Familie und 

meine Verwandtschaft, 
Vieh des Feldes, Getier des Feldes, alle Handwerker brachte 

ich hinauf. 

Einen Zeitpunkt hatte Samas mir festgesetzt: 
Wenn der Gebieter der Finsternis am Abend einen Weizen- 

regen herabregnen laBt, 

dann tritt ein in das Schiff und verschlieBe dein Tor! 
Dieser Zeitpunkt kam heran; 
der Gebieter der Finsternis KeB am Abend einen Weizen- 

regen herabregnen. 

Ich betrachtete das Aussehen des Sturmes, 
fiirchtete mich, den Sturm zu betrachten; 
ich trat ein in das Schiff und verschloB mein Tor. 
Dem Lenker des Schiffes, dem Schiffer Puzur-Amurri, 
iibergab ich den Bau mit seiner Habe. 
Sobald es am Morgen zu dammern begann, 
stieg herauf vom Grunde des Himmels ein schwarzes 

Gewolk. 

Adad donnert darin, 
Sullat und yams gehen vorauf, 
gehen als Thronhalter 3 ) iiber Berg und Land. 
Den Schiffspfahl reiBt Iragal heraus; 
Ninurta kommt und offnet das Wehr. 
Die Anunnaki erhoben ihre Fackeln, 



J ) um die Salbe zu verteilen. 

2 ) gi-ir elippi kak-pl. us-tab-ba-lu e-lis u sap-lis. Ustaibbalu ist das 
Prasens des reflexiven Kausativstatmnes von babalu = wabalu = abalu = 
bringen oder tragen. Biblu = biltu = Last Man raachte, daB der Weg triig, 
lieB ihn Iragen, sorgte, daB er die Last zu tragen vermochte. 

3 ) des Adad. 



138 

lassen mit ihrem Glanze das Land ergluhen. 

Adads Wiiten dringt bis zum Himmel, 

kehrt alles Helle in Finsternis; 

[er uberschwlemmte das Land, zerbr[ach es] wie einen 

To[pf]. 
Einen Tag lang [wehte] der Su[dsturm]; 

eilends [brauste] er dahin [und trieb die Wa]sser [zum] 

Gebirge. 
Wie eine Schlacht ko[mmen] sie [herein] iiber die 

Men[schen], 

Nicht sieht der Bruder seinen Bruder, 
nicht sind mehr kenntlich die Menschen im Himmel. 
Die Goiter gerieten in Angst vor der Flut, 
wichen zuriick und stiegen hinanf zum Himmel des Anu; 
die Goiter duckten sich nieder wie Hunde, drauBen an der 

Ringmauer gelagert. 

Istar schreit wie eine Gebarende; 

es ruft die Herrin der Gotter, die SchSnstimmige: 

Die Vergangenheit ist zu Lehm geworden, 

weil ich in der Versammlung der Gotter Boses befahl. 

Wie konnte ich in der Versammlung der Gotter Boses 
befehlen, 

zur Vernichtung meiner Menschen den Kampf befehlen! 

Ich gebe meinen Menschen als die Mutter das Leben, 

und wie Fischbrut fiillen sie nun das Meer! 

Die Gotter, die Anunnaki, weinen mit ihr, 

die Gotter sitzen an ihrem Platze in Tranen. 

Verschlossen sind ihre Lippen 

Sechs Tage und sieben Nachte 

gent der Wind, die Sturmflut, vernichtet der Siidsturm das 
Land; 

wie der siebente Tag kam 1 ), wurde der Siidsturm, die Sturm- 
flut, im Kampfe niedergeschlagen, 

den er gekampft hatte gleich einem Heere. 

Es beruhigte sich das Meer, der Sturm legte sich, die Flut 
horte auf. 

Ich schaute auf das Wetter, und Stille war eingetreten, 

und die ganze Menschheit war wieder zu Lehm geworden; 

es war sich gleich geworden die Flur wie ein Dach. 

Ich offnete die Luke, und das Licht fiel auf mein Angesicht. 

Da kniete ich nieder und setzte mich weinend; 

iiber mein Angesicht flieBen die Tranen. 

Ich schaute hin nach den Gebieten am Ufer des Meeres. 



*) Der Tag kn g-ewohnlichen Sirane des Wortes, als es hell wurde, aach 
der siebenten Nacht. 



139 

Gegen die zwolfte Doppelstunde 1 ) stieg Land empor. 

Zum Berge Nisir trieb das Schiff; 

der Berg Nisir hielt das Schiff fest und lieB es nicht 

schwanken; 
einen Tag, einen zweiten Tag hielt der Berg Nisir das Schiff 

fest und lieB es nicht schwanken; 
den dritten, den vierten Tag hielt der Berg Nisir das Schiff 

fest und lieB es nicht schwanken; 
den funften, den sechsten Tag hielt der Berg Nisir das Schiff 

fest und lieB es nicht schwanken. 
Als der siebente Tag herankam, 
entsandte ich eine Taube, lieB sie hinausfliegen. 
Die Taube ging fort und kehrte zuriick; 
weil sich kein Ort zum Auftreten ihr zeigte 2 ), kam sie zuruck. 
Ich entsandte eine Schwalbe, lieB sie hinausfliegen. 
Die Schwalbe ging fort und kehrte zuruck; 
weil sich kein Ort zum, Auftreten ihr zeigte, kam sie zuruck. 
Ich entsandte einen Raben, lieB ihn hinausfliegen. 
Der Rabe ging fort und sah das Versiegen des Wassers; 
er friBt, flattert umher 8 ), entleert sich und kommt nicht 

zuruck. 
Da lieB ich hinausgehen nach den vier Winden und brachte 

ein Opfer dar, 

bereitete ein Rauchopfer auf dem Gipfel des Berges. 
Sieben und sieben OpfergefaBe stellte ich auf, 
schiittete Rohr, Zedernholz und Myrte darunter. 
Die Gotter rochen den Duft; 
die Gotter rochen den angenehmen Duft; 
die Gotter versammelten sich wie Fliegen tiber dem Spender 

des Opfers. 

Sobald die Herrin der Gotter erschien, 
erhob sie den groBen Steinschmuck, den Anu ihr in seiner 

Zuneigung gemacht hatte. 
Ihr Gotter hier, so wahr ich das Lasurgestein an meinem 

Halse nicht vergessen werde, 
will ich dieser Tage gedenken und sie in Ewigkeit nicht 

vergessen. 
Die Gotter mogen herankommen zum Rauchopfer, 



*) a-na 12 ta-a-an, ,,gegen zwolf". Der Tag- wurde not EinsdiluB der 
am Anfange stehenden Nacht in zwolf Doppelstunden eingeteilt. Die zwolfte 
Doppelstunde war also die letzfe Doppelstunde des Tages, die Zeit kurz vor 
dem Untergange der Soirae. Damit kamen die sieben ersten Tage der Flut 
zum AbschhtB. Da jeder wuBte, dafi es sidh um Stunden handelte, brauchte 
dieses bei der Zahlenangajbe nicht besonders hervorgehoben zu werden. Man 
gestattete sich hier action dieselbe Kiirzung, die uns auich in den modernen 
Sprachen noch uberall begegnet. 

2 ) So nach der Erklaruing von Landsberger. Vgl. dafiir die Angabe von 
W. von Soden in der Orient. Literaturz. Jahrg. 38 (1935), Sp. 146. 

3 ) Orient. Literaturz. a. a. O. 



140 

aber Enlil soil nicht herankommen zum Rauchopfer, 

well er, ohne zu iiberlegen, eine Sturmflut schickte 

und meine Menschen zum Verderben bestimmte. 

Sobald Enlil erschien, 

sah er das Schiff, und es ergrimmte Enlil, 

wurde von Zora erfiillt iiber die Gotter, die Igigi. 

Es 1st jemand entronnen mit dem Leben; 

nicht sollte leben ein Mensch in dem Verderben! 

Da tat Ninurta seinen Mund auf und sprach, 

sagte zu dem Helden Enlil: 

Wer kann auBer Ea etwas beginnen? 

Nur Ea kennt jegliche Verrichtung! 

Und Ea tat seinen Mund auf und sprach, 

sagte zu dem Helden Enlil: 

Du Weiser unter den Gottern, o Held, 

wie konntest du, ohne zu uberlegen, eine Sturmflut schicken? 

Dem Sunder lege seine Siinde auf, 

dem Frevler lege seinen Frevel auf, 

aber laB locker, daB er nicht abgeschnitten werde, und ziehe 

an, daB er nicht lo[se werjde 1 ). 
Statt daB du eine Sturmflut schicktest, 
hatte ein Lowe sich erheben und die Menschen vermindern 

sollen ! 

Statt da du eine Sturmflut schicktest, 
hatte ein Wolf (?) sich erheben und die Menschen vermindern 

sollen! 

Statt daB du eine Sturmflut schicktest, 
hatte eine Hungersnot kommen und das Land nie[derwerfen] 

sollen! 

Statt daB du eine Sturmflut schicktest, 
hatte Irra 2 ) sich erheben und das Land schlagen sollen! 
Ich habe selbst das Geheimnis der groBen Gotter nicht 

bekanntgegeben ; 
den Atarhasis 3 ) lieB ich Traume schauen, und dadurch erfuhr 

er das Geheimnis der Gotter. 
Da kehrte ihm die Ueberlegung zurtick. 
Es stieg der Herr in das Schiff, 
ergriff meine Hande und fiihrte mich hinauf, 
ftihrte mein Weib hinauf und lieB es niederknien an meiner 

Seite; 



*) Nach Ebeling, Aarchiv fiir Orientforscbung VIHI (1933), S. 231. 

2 ) der Golt der Pest 

3 ) = Ut-napistim. Atarhasis atar-hasisu, aufiergewohnlich klug. Die 
Klugheit zeigte sich hier in der richtigen Deutung der Traume. Es kann 
sich also bei den Mitteiluogen in der Rohrhutte (Vgl. o. S. 134), wenn in den 
Angafoen kein Widerspruch vorliegt, nur um eine Erscheinung im Schlafe 
gehandelt haben. 



141 

\ 

dann beriihrte er unsere Stira, trat in unsere Mitte und 
segnete uns: 

Friiher war Ut-napistim ein Mensch, 

jetzt sollen Ut-napistim und sein Weib uns Gottern gleich 
sein; 

wohnen soil Ut-napistirn in der Feme, an der Miindung 
der Strome! * 

Da nahmen sie mich, und in der Feme, an der Miindung 

der Strome, lieBen sie mich wohnen." 

Die Texte, in denen uns dieser Bericht erhalten. ist, stammen 
fast alle aiis der Bibliothek des Assurbanipal (668 626). Sie sind 
aber nach Vorlagen angefertigt, die einer wesentlich friiheren 
Periode angehoren. Die Abschreiber heben zum Teil ausdrticklich 
hervor, daB ihre Niederschrift mit der alteren Aufzeichnung genau 
ubereinstimmt. Diese Vorlagen sind dann ihrerseits wieder, soweit 
wir es bis jetzt beurteilen konnen, schon als der AbschluB einer 
noch weiter zuriickliegenden Entwicklung zu betrachten, die bereits 
im dritten vorchristlichen Jahrtausend ihren Anfang nahm. Das 
Epos lag am SchluB der altbabylonischen Periode schon in einer 
Bearbeitung vor, die sich von der spateren Fassung im Inhalte nur 
wenig unterschied. Wir besitzen aus dieser Zeit bis jetzt drei 
groBere Bruchstiicke, die sich inhaltlich besonders mit der zweiten, 
dritten und zehnten Tafel des jungeren Textes beriihren 1 ). Um das 
Jahr 1250 war die Dichtung in ihrer damaligen Form schon bei 
den Chethitern verbreitet, und zwar nicht nur in ihrem akkadischen 
Wortlaut 2 ), sondern auch hi einer vollstandigen chethitischen Ueber- 
setzung 3 ). Der Held des Gedichtes wird in den altbabylonischen 
Fragmenten stets nur als Gis bezeichnet. Das ist um so auffallender, 
weil sich hi andern altbabylonischen Texten fast immer die Schrei- 
bung Gis-gibil-ga-mes vorfindet. In den Texten, die wir den 
Chethitern verdanken, tritt er uns unter dem Namen Gis-gim-mas 
entgegen. Diese Form fallt ihrem Ursprunge nach mit dem in der 



*) Vgl. hierzu besonders die Veroffenilichungen von St. Langdon, The 
Epic >of Gilgiamesh, University of Pennsylvania, The University Museum, 
Publications of the Babylonian Section Vol. X, 3, Philadelphia 1917, S. 207 
bds 227 und PI. LXIII LXX, von M. Jastrow and A. T. Clay, An Old 
Babylonian Version pi the Gilgamesh Epic on the basis of recently disco- 
vered texts, Yale Oriental Series, Researches, Vol. IV, 3, New Haven 1920 
und von Br. MeiBner, Ein altbabylonischcs Fragment des Gilgamosepos in 
den Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellsch., Jahrg. VII (1902), Heft 1. 
Uebersetzungen u. a. auch von Ebeting bei GreBmann, Altorient. Texte zum 
Alten Testament, 2. Aufl. S. 186 ff. Die Texte zeigen in mehrfacher Hinsicht 
eine auffallende UebereinstinMnung 1 . Zur Annahme einer ziweifachen Rezension 
liegt kein ausreichender Grund vor. 

2 ) nach dem Bruchstiick in den von Weidner veroffentlichten Keilinschriift- 
urkunden aus Boghazkoi, Heft IV, Nr. 12, S. 12 13. Uebersetziung- von 
Ebeling bei GreBmaim a. a. O. S. 195196. 

3 ) Die bis jetzt bekanntgewordenen Fragmente dieser Uebersetzung bei 
Friedrich, Die hethitischen Bruchstiicke des Gilgames-Epos, in der Zeitschrift 
flir Assyriologie, Neue Folge Bd. 5 (1929) S. 182. 



__ -142 

spateren Bearbeitung regelmaBig vorkommenden Iz-tu-bar = Iz-du- 
bar zusammen. Fur iz, wie man fruher zu lesen pflegte, kann nach 
unserer jetzigen Kenntnis in dem vorliegenden Falle nur die Wieder- 
gabe durch gis in Betracht kommen; fur tu ist auch die Um- 
schreibung durch gin gestattet, tind das dritte Zeichen war nicht 
nur fur bar, sondern auch fiir mas in Gebrauch. Wir haben also, 
wie* wir aus diesen Uebereinstimmungen entnehmen miissen, in 
Wirklichkeit nicht Iz-tu-bar oder Iz-du-bar, sondern Gis-gin-mas 
= Gis-gim-mas zu lesen. Damit erhalten wir fiir dieselbe Person- 
lichkeit die Bezeichnungen Gis-gibil-ga-mes, Gil-ga-mes, Gis-gim- 
mas und Gis. Diese lassen sich natiirlich nicht voneinander trennen. 
Sie legen von vornherein die Vermutung nahe, da8 die ktirzeren 
Formen aus der langeren hervorgegangen sind. Das ist in der Tat 
der Fall. Der Ausdruck Gis-gibil-ga-mes gibt sich ohne Schwierig- 
keit als eine Zusammensetzung von gis-gibil-ga = Vater 1 ) + mes 
= edlu = Mann 2 ) zu erkennen. Diese Bedeutung wird fur jeden 
sofort verstandlich, wenn wir eine Angabe des Textes W.-B. 444 3 ) 
heranziehen, wo der Vater des Gilgamesch als ein lilhi oder als 
ein schwaches und torichtes ,,Kind" bezeichnet wird*). Gilgamesch 
war also der Sohn eines ,,Kindes" und der Vater eines Mannes! 
Diese beiden Gedanken greifen offenbar ineinander; sie zeigen uns, 
daB hier ein wirklicher Zusammenhang vorliegt. Es scheint aber, 
daB dieser Zusammenhang schon friih wieder in Vergessenheit 
geriet. Man sah wenigstens in der Aussprache ganz iiber die Be- 
deutung des Namens hinweg und gestattete sich hier planlose 
Kurzungen, die nur in lautlicher Hinsicht noch einigermaBen be- 
friedigen. Bei der Wiedergabe durch Gilgames unterdriickte man 
alles, was zwischen dem Anlaute von gis und dem Auslaute von 
gibil lag; Gisgimmas erklart sich nur durch den Ausfall von bil + 
ga, wobei der Vokal von ga sich auf die folgende Silbe iibertrug; 
bei Gis haben wir es mit einem regelrechten Kurznamen zu tun. 
In dem Texte der zehnten Tafel erkundigt Gilgamesch sich nach 
dem Wege, den er einschlagen muB, um zur Wohnstatte des Ut- 
napistim zu gelangen. Diese Stelle findet sich auch in dem alt- 
babylonischen Bruchstiick, und zwar in einer Schreibung, die auch 
dem Sintfluthelden in unserm Epos wieder zu der richtigen Form 
seines Namens verholfen hat. Der Name ist hier namlich nicht 
ideographisch geschrieben, wie es bei der jungeren Bearbeitung der 
Fall war, sondern phonetisch. Gilgamesch wendet sich in der 



*) Delitzsch, Sumerisches Glossar S. 87. 

2 ) S b 120 Briinnow, Classified List Nr. 5967 und Deimel, Sum. Lexikoii 
Nr. 314,3. Die Umschreibung des Zeichens lautet hier allerdings me-is = 
mes; sie fallt aber, wie wir annehmen miissen, ihrem Ursprunge nach mit 
dem gleichbedeutenden ma-is = mis = mes zu&ammen, das uns in derselben 
Schreibung (vgl. Brunnow Nr. 5982, Deimel Nr. 314,41 und Delitzsch Gl. S. 
247) in den Eme-sal-Texten begegnet. 

3 ) Vgl. oben S. HOf. 

4 ) Kol. Ill Z. 18. 



vierten Kolumne dieses Fragmentes an Sursunabu, den Fahrmann 
des ,,U-ta-na-is-tim, des Fernen", und bittet inn: ,,Zeige mir U-ta- 
na-is-tim, den Fernen!" In der jiingeren Bearbeitung wird dieser 
Name stets nur durch ud-zi oder ud-zi-tim ausgedruckt. Zi = 
napistim. Diese Bedeutung ist hier durch das hinzugefiigte tim 
gegen jedes Bedenken sichergestellt. Es blieb aber zweifelhaft, wie 
man das erste Zeichen zu lesen hatte. Man konnte mit derselben 
Berechtigung an eine Wiedergabe durch par, pir oder lah denken. 
Dieser Zweifel wurde durch die phonetische Schreibung beseitigt 1 ). 
Man legt sich nun die weitere Frage vor, wie der Name Ut- 
napistim seinem Ursprunge nach zu erklaren ist. Diese Frage laBt 
sich aber nur beantworten, wenn wir die ideographische Schreib- 
weise genauer ins Auge fassen. Oilgamesch erkundigt sich nach 
,,Ud-zi, dem Fernen". Das deckt sich, wenn wir die einzelnen 
Bezeichnungen rniteinander vergleichen, Wort fur Wort mit dem 
sumerischen zi-ud-sud = Ziu(d)sud = Ziu(d)sudda. Sud = lang, 
weit, fern. Dieses sud ist in dem Namen Ziu(d)sudda, wie es auch 
sonst sehr haufig geschieht, offenbar von der Zeit gebraucht. Der 
Ausdruck weist hier auf eine Personlichkeit hin, bei der die Lebens- 
zeit lang ist. Ziu(d)sudda hatte die Flut iiberlebt und war auch 
spater vor dem Tode bewahrt geblieben. Dieser Zusammenhang 
ist aber dem Urheber der akkadischen Bezeichnung nicht mehr zum 
BewuBtsein gekommen. Es erging ihm, wie es auch heutzutage 
noch vorkommen kann, wenn man aus einer Sprache iibersetzen 
muB, die man nicht ausreichend beherrscht. Er dachte bei dem 
Worte sud nur an den Abstand des Ortes und schloB nun auf einen 
Zi-ud, der in der Feme lebte. Hierbei iibersetzte er dann das zi 
richtig durch napistu. Nun blieb ihm aber noch der zweite Bestand- 
teil, der bei diesen Voraussetzungen eine Deutung uberhaupt nicht 
zulieB. Er sah sich deshalb genotigt, das Wort in der iiberlieferten 
Form beizubehalten, und verband auf diese Weise das sumerische 
ud mit dem akkadischen napistu 2 ). Der Fehlgriff ist aber bei den 
Auffassungen der damaligen Zeit, wo man auch die Toten gewohn- 
lich als die Fernen bezeichnete 3 ), durchaus zu begreifen. Man 
suchte den Ziu(d)sudda, obwohl er dem Tode entronnen war, eben- 
falls jenseits der Wasser des Todes. Hierzu kommt noch der enge 
Zusammenhang mit dem Grundgedanken der ganzen Dichtung. 
Gilgamesch hat mit seinem Freunde die Heimat verlassen, um in 
der Feme groBe Heldentaten zu vollbringen. Es muBte also dem 



*) Das eigenairtige naistim ist in dieser Umschreibiingf, wenn wir es 
nicht auf ein Versehen zuriickfuhrein wollen, von nesu = balatu = leben 
(Ebeldng S. 194 Anm. f.) herzuleiten. 

2 ) Main konnte versucht sein, bei der Wiedergabe durch uta an das akka- 
dische uttu = sehen, ausersehen oder erwahlen zu denken. Dann wiirde man 
aber nicht den Genitiv napistim, sondern den Akkusativ napistam erwarten. 
Der Genitiv setzt den Gedanken an ein Nomen voraus. Uta ist hier lediglich 
das mit einer Vokalendung versehene ut = ud. 

3 ) Vgl. oben S. 70. 



144 

Verfasser besonders daran liegen, ihn so weit hinauszufuhren, wie 
nur irgendwie moglich. Er laBt ihn deshalb dutch alle Lander 
ziehen, tiber schwierige Berge und auf den gefahrlichsten Wegen, 
bis an die auBerste Grenze der Erde. Dieser Zusammenhang tritt 
in dem Wortlaute des altbabylonischen Textes noch deutlicher her- 
vor, als es bei der spateren Bearbeitung der Fall ist. In dem alteren 
Texte wird Ut-napistim, wie wir gesehen haben, in wenigen Zeilen 
zweimal nacheinander als Ut-napistim, der Feme", bezeichnet; bei 
der spateren Bearbeitung findet sich diese Verbindung in dem Texte 
der ganzen Tafel nur ein einziges Mai, und zwar an einer Stelle, 
die in dem altbabylonischen Bruchstiick nicht vorkommt. An den 
iibrigen Stellen ist der Zusatz in dem Texte dieser Tafel nirgendwo 
vorhanden. Man sieht also, daB er in der altbabylonischen Dar- 
stellung fast noch zum Namen gehorte. Der Name ist mit diesem 
Zusatze nicht nur fiir den Inhalt unserer Dichtung, sondern auch 
fur die Form des sprachlichen Ausdrucks, wenn wir auf die altere 
Fassung des Textes zuriickgreifen, besonders charakteristisch. Das 
ist fiir den Ursprung der ganzen Bezeichnung entscheidend. Sie 
geht mit der Dichtung offenbar auf dieselbe Person zuriick. Der 
Verfasser sah in dem sumerischen Zi-ud-sud-da einen in der Feme 
wohnenden Zi-ud, der ihm fiir seine Zwecke wesentliche Dienste 
leisten konnte. Er iibertrug nun diese Bezeichnung, soweit es ihm 
moglich war, in das Akkadische und hielt dann auch in der akka- 
dischen Darstellung an der Verbindung, die er auf diese Weise 
geschaffen hatte, nach Moglichkeit fest. Der Zusatz begann erst bei 
den spateren Bearbeitungen des Werkes allmahlich zuriickzutreten. 
In den Texten, die nicht zum Gilgamesch-Epos gehoren, wird der 
Held in der akkadischen Zeit, soweit wir es bis jetzt verfolgen 
konnen, wegen seiner auBergewohnlichen Klugheit 1 ) in der Regel 
nur als Atarhasis oder Atrahasis bezeichnet. 

Atarhasis war nach einer Schilderung, die als Beschworungs- 
legende zum Gebrauch bei schwangeren Frauen empfohlen wurde 2 ), 
schon in der Zeit vor dem Eintreten der groBen Flut ein besonderer 
Freund und Giinstling des Ea. Die potter waren nach den An- 
gaben dieses Textes mit der Lebensweise der Menschen nicht mehr 
zufrieden und schickten deshalb verschiedene Plagen, um ihre Zahl 
zu vermindern. Sie verhangten zuerst 3 ) eine Hungersnot, die so 
groB wurde, daB die Eltern ihre Kinder verzehrten. Als diese vor- 
iiber war 4 ), dauerte es nicht lange, bis die Menschheit noch einmal 
zu Klagen AnlaB gab. Nun folgte eine zweite Hungersnot, ver- 
bunden mit einem Aussetzen der Geburten. In dieser Bedrangnis 



A ) V^l. oben S. 140. 

2 ) Cuneiform Texts from Bab. Tablets XV, 49; deutsch u. a. von Jensen, 
Keilinschriftl. Biblioth. Bd. VI, 1. Teil, S. 274 ft, von Ungnad bei Qrefimann, 
Altorient. Texte zum Alten Testament, Tubingen 1909, S. 61 if. und von 
Ebeling in der zweiten Aufl. dieses Werkes S. 203 ff. 

3 ) Der Text ist im Anfange zerstort. 

4 ) Der Wortlaut ist hier ebenfalls nicht mehr erhalten. 



145 

wandte Atarhasis sich an Ea, der in irgendeiner Weise 1 ) fur Abhilfe 
sorgte. Die Verhaltnisse waren aber bald wieder dieselben; das 
,,Geschrei der Menschen" war bald wieder so groB, daB Enlil eine 
Gotterversammlung berief und sich in dieser Versammltmg dariiber 
beschwerte. Er machte den Vorschlag, sofort eine Pest zu schicken, 
damit das Rufen sich vermindere. Als aber die Pest zu wuten begann 
und Kopfweh, Fieber und Siechtum die Menschen ergriff, war es 
wieder Atarhasis, der zu Ea um Gnade flehte. Er ,,tat seinen 
Mund auf und sprach zu Ea, seinem fierrn: Herr, es jammert die 
Menschheit; euer .... verzehrt das Land. Ea, Herr, es jammert 

die Menschheit; der Gotter verzehrt das Land. Ihr habt 

uns geschaffen; [es moge aufjhoren Krankheit, Kopfweh, 

Fieber und Siechtum!" Die Gotter zogen deshalb, wie es scheint, 
ihre strafende Hand wieder zuriick, und Enlil muBte sich nach 
einiger Zeit noch einmal beklagen. Er beschwerte sich dariiber, 
daB die Menschen nicht weniger, sondern zahlreicher waren als 
fruher, und erreichte es, daB auch dieses Mai wieder eine Hungers- 
not verhangt wurde und die Geburten wieder ein Ende nahmen. 
Der weitere Verlauf 2 ) wird dann derselbe gewesen sein wie bei den 
vorigen Abschnitten; Atarhasis wird sich wieder an Ea gewandt 
haben und Ea wird noch einmal versucht haben, die Gotter zur 
Nachsicht zu bewegen. Hierauf erwartet man an der letzten Stelle, 
nachdem alles Eingreifen bisher umsonst gewesen ist, eine voll- 
standige Vernichtung der Menschheit durch die Flut. Man sieht 
aber zu seiner Ueberraschung, daB der Rauin fur einen derartigen 
Bericht bei weitem nicht ausreicht. Wir lesen dann in den folgenden 
Zeilen, daB die Geburtsgottin im Auftrage des Ea eine Be- 
schworungsformel aussprach und 7+7 kleine Menschenleiber 
bildete, die als sieben Knaben und sieben Madchen gliicklich ihr 
irdisches Dasein begannen. Die Tafel schlieBt hierauf mit einigen 
praktischen Anweisungen, die man in der Wohnung der Schwange- 
ren vor der Geburt des Kindes zu beobachten hat. Damit ist der 
eigentliche Zweck des ganzen Textes gegen jedes Bedenken sicher- 
gestellt. Man sah in dem Texte einen Bericht tiber den wirkungs- 
losen Kampf, den Enlil gegen die stete Vermehrung der Menschen 
fuhrte, und betrachtete das Verlesen dieses Berichtes als ein wirk- 
sames Mittel zur Erleichterung der Geburt. Hierbei scheint man 
aber die Sintflut, die fur die Menschheit beinahe zum Verhangnis 
geworden ware, absichtlich ganz weggelassen zu haben. 

Die Darstellung erweist sich in den mythologischeh Angaben, 
die wir hier vorlegten, als die jiingere Parallele zu einem altbaby- 
lonischen Texte, der in einem andern Zusammenhange dieselben 
Vorgange behandelte. Wir kennen diesen Text allerdings nur aus 
einer Niederschrift 3 ), die so gut wie vollstandig zerstort ist. Der 



^ Der Text ist auch hier wieder zerstort. 

2 ) Hier klafft ebenfalls eine Liicke. 

3 ) V. Scheil, Recueil de travaux relatifs a la philologie et a 1'archeologie 
egyptiennes et assyriennes Bd. XX, S. 55 ff.; A. T. Clay, A Hebrew Deluge 

10 



146 

Wortlaut laBt sich nur noch an wenigen Stellen mit Sicherheit ent- 
ziffern. Diese sind aber ausreichend, um uns iiber den Aufbau und 
den Inhalt der ganzen Aufzeichnung ein zuverlassiges Urteil zu 
gestatten. Wir erfahren dort gleich in der ersten Kolumne, daB das 
Land sich erweiterte und die Menschen zahlreich wurden, aber 
durch ihr ,,Geschrei" den Unwillen des Enlil erregten. Enlil be- 
schwerte sich iiber dieses ,,Geschrei" in einer Versammlung der 
groBen Gotter und erwirkte, daB iiber die Menschheit eine Hungers- 
not verhangt wurde. Das Folgende ist dann bis zur siebten 
Kolumne fast ganzlich veraichtet. In der siebten Kolumne haben 
sich aber noch einige Zeilenanfange erhalten, in denen von einer 
Sturmflut die Rede ist. Wir lesen dort noch die Worte: . . . .[tat] 
seinen Mund [auf und] sprach zu . . . .: Warum totest du die 
Men[schen]? Ich will meine Hand erheben gegen die Men[schen]. 

Die Sturmflut, die du befiehlsr, Wer ist er? Ich 

. . . Ich erzeuge Sein Werk 

Sie sollen hineingehen in . . Den 

Schiffspfahl Sie sollen gehen " 

Man sieht, daB wir uns hier in einer Gotterversammlung befinden. 
In dieser Versammlung ist jemand aufgetreten, der die Menschen 
zu toten beabsichtigt und eine Sintflut verlangt. Das kann nach 
unserer sonstigen Kenntnis nur Enlil gewesen sein. Ein anderer 
Gott spricht aber dagegen. DaB es ein Gott ist und keine Gottin, 
ergibt sich aus der einleitenden Verbalform. Wir diirfen also mit 
Sicherheit auf Ea schlieBen. Dieser scheint dann recht nachdriick- 
lich fur die Menschheit einzutreten. Er spricht in seinen Aus- 
fiihrungen von einem Schiffspfahl. Wo aber ein Schiffspfahl ist, 
miissen wir auch ein Schiff voraussetzen. Die achte Kolumne 
schlieBt mit der Formel: ,,Atramhasis tat seinen Mund auf und 
sprach zu seinem Herrn". Die Tafel stammt nach der Unterschrift 
aus dem 11. Jahre des altbabylonischen Konigs Ammisaduga. Es 
war die zweite Tafel der Serie, die mit den Worten begann: Inuma 
sallu amelum, Wenn der Mensch sich zur Ruhe gelegt hat. Sie ist 
nach einer Vorlage angefertigt, die nach einer Bemerkung des Ab- 
schreibers ebenfalls schon eine Beschadigung aufwies. Ammisaduga 
war der vierte Nachfolger des Chammurabi. 

Man bezeichnet den Inhalt der beiden Texte gewohnlich als den 
Mythus oder die Erzahlung von ,,Ea und Atarhasis". Wenn man 
aber den Gegenstand erschopfen wollte, miiBte man auch den 
Namen Enlil noch hinzufugen. Enlil ist hier der unversohnliche 
Gegner der Menschen, Ea dagegen ihr Freund und Beschutzer. Die 
Menschen werden dem Enlil zu zahlreich; sie storen ihn besonders 
durch ihr ,,Geschrei". Er hat nach dem Wortlaute des jiingeren 



Story in Cuneiform and other Epic Fragments in the Pierpont Morgan Library, 
Yale Oriental Series, Researches, Vol. V, 3, New Haven 1922, PI. I ff. Ueber- 
setzungen u. a. von Jensen, Keilinschriftl. Bibl. Bd. VI, 1. Teil, S. 288 ff., von 
Ungnad bei GreBmann a. a. O. S. 57 f. und von Ebeling in der zweiten Auf 1. 
S. 201 f. 



147 

Textes zunachst gar nicht die Absicht, sie ganz zu vernichten; er 
will nur erreichen, daB ihre Zahl sich verraindert. Da seine MaB- 
nahmen aber nicht zum Ziele fiihren, greift er endlich zu einera 
Gewaltmittel, das der Menschheit ein vollstandiges Ende bereiten 
soil. Der Verfasser des jiingeren Textes hat den Bericht iiber diesen 
AbschluB allem Anscheine nach weggelassen, weil er fur seine 
Zwecke nicht mehr in Betracht kam. Er wollte nur einen Text 
schaffen, den man als kraftige Beschworung bei der Geburt eines 
Kindes verlesen konnte. Dazu waren die Angaben iiber die vorauf- 
gehenden Heimsuchungen, die erfolglos verliefen und eine Ver- 
mehrung der Menschheit nicht aufhalten konnten, ganz besonders 
geeignet; der Hinweis auf die Sintflut wiirde aber vielleichi sogar 
das Gegenteil bedeutet haben. Wir haben es hier also mit einer 
Bearbeitung zu tun, die in dieser Form, wenn unsere Voraus- 
setzungen richtig sind, erst nachtraglich aus der alteren Zusammen- 
stellung hervorgegangen sein kann. Bei dieser Bearbeitung ist an 
den Einzelheiten, wie sie in der altbabylonischen Darstellung er- 
zahlt wurden, wohl kaum etwas geandert worden. Enlil beklagt 
sich auch in dem altbabylonischen Texte sofort mit besonderem 
Nachdruck iiber das storende ,,Geschrei" der Menschen. Dieser 
Gedanke zieht sich also, wenn wir die folgenden Spalten nach den 
Angaben des jiingeren Textes erganzen, durch die verschiedenen 
Abschnitte des ganzen Berichtes. 

Man legt sich nun die Frage vor, was mit dem ,,Geschrei" 
gemeint ist. War es nur der allzu grofie Larm, der den Enlil storte? 
Oder sind wir berechtigt, an sonstige Unarten und vielleicht sogar 
an ernste Verfehlungen zu denken, die der Menschheit zum Vorwurfe 
gemacht wurden? War es der Ruf der Sunde, von dem wir in der 
Bibel verschiedentlich lesen? Eine derartige Vermutung liegt an 
und fur sich sehr nahe. Man erblickt in den MaBnahmen der Gotter 
eine Strafe, und man glaubt von der Strafe ohne Bedenken auf 
sittliche Uebertretungen schlieBen zu diirfen. Die Gotter dachten 
aber iiber die Pflichten des Menschen wesentlich anders, als wir 
es heutzutage gewohnt sind. Die Menschen hatten die Altare zu 
bedienen und auch im iibrigen immer an erster Stelle fur das person- 
liche Wohlergehen der Gotter zu sorgen. Sie waren nach dem 
Schopfungsepos nur ins Dasein gerufen, um die Dienstleistungen 
zu iibernehmen, die Marduk nach dem siegreichen Kampfe zunachst 
dem unterworfenen Anhange der Tiamat zugewiesen hatte. Bei 
diesem Verhaltnis konnte die Vermeidung von Storungen unter 
Umstanden schon sehr wesentlich sein. Die Texte bezeichnen das 
Ruf en an den betreffenden Stellen regelmaBig mit dem Worte rigmu. 
Das ist dasselbe Wort, das in dem Epos bei den Angaben iiber die 
Rucksichtslosigkeiten der jiingeren Gotter gebraucht wird 1 ). Die 
Gotter verursachten in ihrem Uebermut einen solchen Larm, daB 
es dem Apsu und der Tiamat ganz unmoglich war, uberhaupt noch 



Vgl. oben S. 56 f . 

10* 



148 

zu schlafen. Dies war fur Apsu ein ausreichender Grund, ihren 
Untergang in Vorschlag zu bringen. Wenn man sich aber in der 
Gotterwelt so gegen die eigenen Kinder benahm, muBte die Mensch- 
heit unter gleichen Voraussetzungen auf eine ahnliche Behandlung 
gefaBt sein. Wir sind also schon mit Riicksicht auf diese Parallele zu 
der Annahme gezwungen, daB die Storungen fur Enlil wirklich ent- 
scheidend waren. Das ergibt sich auch aus den Worten, mit denen 
die Aufzeichnungen nach der soeben schon erwahhten Unterschrift 
ihren Anfang nahmen. Das Werk sollte nach der einleitenden Vor- 
bemerkung benutzt werden, wenn jemand sich zur Ruhe gelegt hatte. 
Es sollte ihn offenbar vor storendem Larm schiitzen und ihm den 
Segen eines wohltuenden Schlafes vermitteln. Die Ruhe, von der 
hier die Rede ist, steht zu dem Rufen und Schreien, das in den 
Angaben des Textes immer wieder getadelt wird, in einem deutlich 
hervortretenden Gegensatze. Es handelt sich also bei der Zusammen- 
stellung auch in ihrer altbabylonischen Form nur um den Text 
einer Beschworung, die nach der Auffassung der damaligen Zeit 
schon wegen der Wucht und Bedeutung ihrer Hinweise einen 
sicheren Erfolg versprach. Man glaubte sich auf das Verhalten des 
Enlil berufen zu durfen und wiinschte den Storern ein ahnliches 
Geschick, wie dieser es iiber die storende Menschheit verhangt hatte. 
Da wir am SchluB des altbabylonischen Textes erfahren, daB 
Atarhasis etwas zu sagen beabsichtigt, muB die Unterhaltung auf 
einer dritten Tafel noch ihre Fortsetzung gehabt haben. Es scheint 
also, daB diese Tafel den eigentlichen Flutbericht enthielt. Ea hat 
dem Atarhasis in der achten Kolumne der zweiten Tafel vielleicht 
schon einige Anweisungen gegeben, die in der ersten Spalte der 
folgenden Tafel zum AbschluB gebracht wurden. Die Unterhaltung 
ist hochst wahrscheinlich von derselben Art gewesen wie in dem 
Texte D. T. 42 1 ), den man fast wortlich hier einfiigen mochte. Wir 
lesen dort: 

wie die Wolbung 

soil machtig sein oben und un[ten] ! 

verschlieBe 

[Ich habe] eine Zeit [festgesetzt], die ich [dir] 
angeben werde. 

Dann geh [in das Schiff] und verschlieBe die Tur 
des Schiffes! 

Bringe hinein dein Getreide, dein Besitztum und 
[deine] Habe, 

dein , deine Familie, deine Angehorigen und die 

Handwerker! 



1 ) Dditzsch, Assyrische Lesestiicke, 3. Aufl. S. 101; Haupt, Das babyl. 
Nimrodepos S. 131; IV Rawlinson, 2. Aufl., Additions S. 9. Uebersetzungen 
u. a. von Jensen, Keilinschriftliche Biblioth. Bd. VI, l.Teil, S.254ff., von 
Ungnad bei GreBmann, Altorient. Texte zum Alten Testamente, Tubingen 
1909, S.57, Das Gilgamesch-Epos S.69 und von Ebeling bei GreBmann, Alt- 
orient. Texte zum Alten Test., 2. Aufl., S. 200. 



149 

[Vieh des FJeldes, Tiere des Feldes, soweit sie 
Krauter verzehren, 

werde ich dir [zujschicken, daB sie deine Tiir hiiten 1 ). 

[Atr]ahasis tat seinen Mund auf und sprach, 

[sajgte zu Ea, [seinem] Herrn: 

[Noch] nie habe ich ein Schiff gebaut 

Zeichne [auf den Erdjboden [seinen] Ab[rn3]! 

[Den Ab]ri6 will ich mir ansehen und das Schiff 
darnach [bauen]. 

zei[chne] auf den Erdboden 

was du befahlst " 

Ea spricht in den ersten Zeilen dieses Bruchstiickes noch von 
der Form und der besonderen Einrichtung des Schiffes. Wenn der 
Bau vollendet ist, soil Atarhasis sein Getreide, sein Besitztum, seine 
Angehorigen und auch die ihm zur Verfiigung stehenden Hand- 
werker hineinbringen, ebenso das Vieh und die Tiere des Feldes, 
soweit sie Gras fressen. Diese sollen ihm friih genug zugeschickt 
werden. Da er aber noch niemals ein Schiff gebaut hat, >ittet er 
um eine Zeichnung auf dem Erdboden. In der SchluBzeile ver- 
spricht er dann, die Befehle gewissenhaft auszufiihren. Die Vor- 
gange werden hier nicht von ihm selbst, wie in dem Gilgamesch- 
Epos, sondern von einem dritten erzahlt. Der Name Atarhasis 
findet sich in diesem Texte in einer feststehenden Formel, die offen- 
bar durch die ganze Darstellung ging. Die Formel ist aber von der 
Fassung, die uns in der altbabylonischen Niederschrift begegnet, in 
den Einzelheiten etwas verschieden. Es kann sich also, wenn der 
Text hier wirklich einzuschalten ist, nur um eine spatere Bearbeitung 
handeln. Das Bruchstiick gehort aber, wenn wir die vorhandenen 
Aufzeichnungen miteinander vergleichen, mit der altbabylonischen 
Behandlung des Gegenstandes auf jeden Fall zu derselben Gruppe. 
Zu diesen Texten kommt noch ein weiteres Fragment, das nach 
den Schriftzeichen ebenfalls aus der altbabylonischen Zeit stammt. 
Es ist nur ein bescheidenes, aber inhaltlich sehr wertvolles Tafel- 
chen aus einem Triimmerhugel von Nippur, das noch die Schlufi- 
teile von dreizehn Zeilen enthalf). Man liest dort: 

dich 3 ) 

will ich losen 4 ). 

soil alle Menschen zusammen ergreifen. 



4 ) = bei dir in dem Schiff bleiben. 

2 ) Veroffentlicht und iibersetzt von H. V. Hilprecht, The Babylonian Ex- 
pedition of the University of Pennsylvania, Series D, Vol. V, fasc. 1, The 
earliest Version of the Babylonian Deluge Story and the Temple Library of 
Nippur, Philadelphia 1910; deutsch unter dem Titel: Der neue Fund zur 
Sintflutgeschichte asus der Tempelbibliothek von Nippur, Leipzig 1910. Ueber- 
setzungen u. a. auch von Ungnad bei GreBmann, Das Gilgamesch-Epos, S. 73 
und von Ebeling bei Grefimann, Altorient. Texte zum Alten Testament, 
2. Aufl. S. 199. 

oder: dein 

apassar. Vielleicht: will ich enthiillen oder offenbaren. 



150 

bevor die Sturmflut hervorbricht. 

[iiber alle *)], so viele ihrer sind, will ich 

Vernichtung, Zerstorung, Untergang bringen. 

baue ein groBes Schiff ! 

sei sein Bau! 

soil ein GroBschiff) sein, zu tragen, was an 

Leben gerettet wurde. 

bedecke es mit starkem Dach! 

das du machen wirst. 

die Tiere des Feldes, die Vogel des Himmels, 

statt der Zahl 3 ). 

und Familie " 

Obwohl in diesem Texte kein einziger Name vorkommt, ist der 
Zusammenhang sofort verstandlich. Wir haben hier ein Bruchstuck 
aus der Rede eines Gottes, der sich mit jemandem in einer Unter- 
haltung befindet. Er teilt ihm mit, daB er etwas losen oder enthullen 
will, und spricht dann in den folgenden Zeilen von einer Flut, die 
er zu schicken beabsichtigt. Diese Flut soil alle Menschen erfassen 
und iiberall Tod und Vernichtung bereiten. Darum macht er den 
Vorschlag, ein groBes Schiff zu bauen und alle Lebewesen darin 
aufzunehmen, die dem Verderben entgehen sollen. Das Schiff soil 
ein starkes Dach haben. Unter den Tieren werden auch die Vogel 
des Himmels genannt. Man sieht, daB der Gott, der hier spricht, 
auch der Urheber der Flut ist. Es wird also nicht Ea, sondern Enlil 
sein. Dieser wurde in Nippur, wo das Bruchstuck gefunden wurde, 
ganz besonders verehrt. Wir werden deshalb nicht fehlgehen, wenn 
wir annehmen, daB hier ein Zusammenhang besteht. Die Bewohner 
von Nippur konnten es sich nicht vorstellen, daB Enlil bloB das 
Ungluck iiber die Menschheit gebracht haben sollte; sie verehrten 
ihn vor allem auch als den giitigen Erretter. Die Darstellung ist 



*) Hier stand ein Plural auf ani. 

2 ) magurgurrum, aus dem sumerischen ma = Schiff + gur-gur = kur-kur 
= sehr groB. Das Schiff war also noch groBer als ein gewdhnliches ma- 
gur = ma-kur = makurru. Das Kleinschiff wurde zum Unterschiede von 
einem derartigen GroBschiff im Sumerischen als ma-tur und im Akkadischen 
als maturru bezeichnet. Vgl. Merzu besonders die Liste K. 8239 (MeiBner, 
Supplement zu den ass. Worterbuchern, Autogr. S. 14). 

3 ) ku-um mi-ni, an Stelle der Gesamtzahl. Diese Zeichen sind hier im 
Texte von dem Vorhergehenden weit abgeruckt (vgl. Hilprecht, Der neue 
Fund usw., S. 51 und die im Anhange beigefiigte Photographie der Tafel), so 
daB der Gedanke a-n eine Verbalendung gar nicht in Betracht kommen kann. 
Es kann sich nur um einen Ausdruck handeln, der fiir sich allein die zweite 
Halfte der Zeile ausmacht. Die erste Halfte ist abgebrochen. Da aber 
zwischen der ersten und der zweiten Halfte noch ein erheblicher Abstand 
zu erkennen ist, konnen im Anfange nur wenige Zeichen fortgefallen sein. 
Es liegt deshalb nahe, hier mit Hilprecht einen Hinweis auf die in der Bibel 
erwahnten Paare der einzelnen Tiere zu vermuten. Auf jeden Fall ist der 
Zusammenhang derselbe. Die Bibel gebraucht hier ebenfalls das Wort min. 
Hilprecht erblickt in dieser Uebereinstimimung einen besonderen Beweis fiir 
die Herkunft des hebraischen Wortes aus dem Akkadischen. 



151 

also von den bisher besprochenen Bearbeitungen in diesem Punkte 
wesentlich verschieden. 

Die Texte, die wir bisher behandelten, sind samtlich in akkadi- 
scher Sprache geschrieben. Aus der sumerischen Zeit kennen wir 
bisher nur eine einzige Darstellung, die ebenfalls aus Nippur 
stammt 1 ). Die Tafel ist auch in diesem Falle leider nur unvollstandig 
erhalten; sie ist quer durchgebrochen, so dafi auf der einen Seite 
der obere und auf der andern der untere Teil des Textes fehlt. 
Wir besitzen von dem urspriinglichen Wortlaute vielleicht etwas 
mehr als den dritten Teil. 

Die erste Kolumne berichtete von der Schopfung. In der zweiten 
wird die Einrichtung des Konigtums erzahlt. Der Verfasser 
beschaftigt sich hier zuerst mit der Wurde und den erhabenen 
Geboten des Konigs und erwahnt dann die Stadte, wo die Urkonige 
bis zur Flut nacheinander regierten. Dabei fiigt er jedesmal den 
Namen des Gottes hinzu, dem die Stadt anvertraut wurde. Er 
beginnt bei dieser Aufzahlung mit Eridu und nennt dann Bad-tibira, 
Larak, Sippar und Suruppak. Das ist genau dieselbe Aufeinander- 
folge, die uns auch in dem Texte W.-B. 444 2 ) begegnet. Hierauf 
begann in der dritten Spalte die eigentliche Behandlung der Flut. 
Die Liicke, von der wir sprachen, umfaBt an dieser Stelle ungefahr 
30 Zeilen. Wo der Text wieder einsetzt, ist die Entscheidung iiber 
das Schicksal der Menschen bereits gefallen. 

,,Da [schrie] Nintu wie [eine Gebarende]; 

die reine Innanna jammerte iiber ihr Volk, 

Ea ging in seinem Herzen mit sich selbst zu Rate. 

Anu, Enlil, Ea, Ninhursag 

Die Gotter des Himmels und der Erde riefen die Namen 

Anu und Enlil." 
Dann heiBt es weiter: 

,,Damals war Ziu(d)suddu Konig und Priester 

Grofispenden 3 ) bereitete er . . . ; 

in demiitiger Verehrung warf er sich nieder, 

taglich immer bereitstehend 

Traume, deren Weisung nicht hervortrat, deutete er, 

sprach Beschworungen beim Himmel und bei der Erde. 

die Gotter eine Wand 



*) A. Poebel, Historical and Grammatical Texts, University of Pennsyl- 
vania, The University Museum, Publications of the Babylonian Section Vol. V, 
Philadelphia 1914, PL I. Umschrift und Uebersetzung- von A. Poebel, Histo- 
rical Texts, a.a.O. Vol. IV Nr. 1, Phila'delphia 1914, S. 13 ff.; Uebersetzungen 
auBerdem von Ungnad, Die Religion der Babylonier und Assyrer S. 121 f. und 
von Ebeling bei GreBm^ann, Altorient. Texte zum Alien Testam>ent, 2. Aufl., 
S. 198 f. 

2 ) Vgl. oben S. llOf. 

3 ) an-sag-gur-gur. Sag- = Geschenk (s. oben S. 60), an = Gott, an-sag = 
ein Geschenk fur die Gotter, gur s= groB, gur-gur = sehr groB, wie in dem 
ebenfalls schon erwahnten ma-gur = groBes Schiff und ma-gur-gur = sehr 
groBes Schiff. 



152 

Ziu(d)suddu stand an ihrer Seite und horte: 
An die Wand zu meiner Linken tritt heran! 
An der Wand will ich ein Wort zu dir sprechen. 

Mein Heiliger, hore zu ! 

Von unserer [Hand] wird eine Sturmflut, Ungluck 

bringend, 

Den Samen der Menschheit zu vernichten 

ist Entscheidung und Befehl der Versammlung [der Gotter]. 

Die Befehle Anus und Enlils 

Sein Konigtum, seine Herrschaft 

ihm " 

Hierauf folgt wieder eine Liicke von etwa 35 36 Zeilen. Am 
SchluB der Lucke ist das Unwetter in vollem Gange. 

,,B6se Stiirme, mit gewaltigem Winde, kamen heran, 

wehten zusammen, 

die Sturmflut, die Ungluck bringende, raste mit ihnen. 
Als sieben Tage und sieben Nachte 
die Sturmflut im Lande gerast hatte, 
das GroBschiff 1 ) auf der Wasserflut im Sturme 

geschwankt hatte, 
kam der Sonnengott hervor, uber Himmel und Erde 

Licht verbreitend. 

Ziu(d)suddu offnete eine Luke 2 ) des GroBschiffes. 
Das Licht des Sonnengottes, des Helden, trat ein in das 

GroBschiff. 

Ziu(d)suddu, der Konig, 
vor dem Sonnengotte warf er sich nieder; 
der Konig schlachtete einen Ochsen, brachte reichlich 

Schafopfer dar." 

In den folgenden sechs Zeilen sind nur noch Spuren vorhanden. 
Dann kommt wieder eine vollstandige Liicke, die hier ebenso wie 
am Anfange der dritten Spalte etwa 30 Zeilen betragt Dann lesen 
wir in der sechsten Spalte: 

,,Beim Himmel und bei der Erde seid beschworen, 

an eurer Seite werde er gesehen! 
Anu und Enlil, beim Himmel und bei der Erde 

seid beschworen, an ihrer Seite werde er gesehen, 
damit einer 3 ) von der Erde aufsteige, zum Himmel 

emporsteige! 



*) ma-gur-gur. 

2 ) ka-bur mu-uoa-da-bur, offnete einen ,,Mund zum Offnen". 

3 ) nig-nam-ma. Dies entspricht nach andem Stellen dem akkadischen 
mi-mma svansu, was auch winner sein Name sein mag, oder minima sa suma. 
nabu, alles, was mit einem Namen benannt ist, was existiert, irgend etwas. 
Das kann unter Umstanden auch eine Person sein. In dem Texte IV Rawlin- 
son 2 10 finden wir zweimal (Obv. 58 59 und Rev. 1 2) die Qleicbung nig- 
nam =n manman = irgend jemand. Diese Bedeutung liegt auch hier vor. 
Der Betende hat den Wunsch, daB auch wenigstens einmal ein Erdenbewohner 
unter die Gotter versetzt werde. 



153 

Ziu(d)suddu, der Konig, 

vor Anu und Enlil warf er sich nieder. 

Ein Leben gleich einem Gotte wurde ihm gegeben, 

eine ewig wahrende Seele, gleich einem. Gotte, fur ihn 

hervorgebracht 

Damals erhielt Ziu(d)suddu, der Konig, 
den Namen: Einer 1 ) hat den Samen des Lebens gerettet. 
In einem feraen Lande, im Lande Dilmun, einer [heiligen] 

Statte, lieBen sie ihn wohnen." 

Die Darstelhmg ist in ihrern Zusammenhange trotz der storen- 
den Unterbrechungen noch sehr iibersichtlich. Die eigentlichen 
Urheber der Flut sind Anu und Enlil. Die Angaben iiber die 
Griinde sind leider nicht erhalten. Man sieht aber, daB die Gotter 
in der Beurteilung der vorgeschlagenen MaBnahme durchaus nicht 
einig sind. Nintu, die Gottin der Geburt, verhalt sich ganz ab- 
lehnend, und Ea gent mit sich selbst noch zu Rate. Die Rettung 
des Ziu(d)suddu hat ihren Grund in seiner besonderen Frommig- 
keit. Er bringt den Gottern als Konig und Priester groBe Opfer 
dar und lebt ganz in ihrem Dienste. Ea sucht ihn deshalb durch 
kluges Eingreifen vor dem Untergange zu bewahren. Er ruft ihn 
an eine Wand und setzt ihn hier von der Absicht der Gotter in 
Kenntnis. Der Sturm dauert sieben Tage und sieben Nachte. Als 
der Sonnengott dann wieder erschien, warf Ziu(d)suddu sich nieder, 
ihn zu verehren. Hierauf dankte er auBerdem noch durch ein reich- 
liches Opfer. Ueber seine Erhebung zu den Gottern laBt sich bei 
dem jetzigen Zustande des Textes keine vollstandige Klarheit gewin- 
nen. Man sieht aber, daB die Ehrung das Ergebnis einer Bitte ist. 
Der Bittende wendet sich zunachst, wie es scheint, an die Gesamt- 
heit der Gotter und richtet dann dieselben Worte mit besonderem 
Nachdruck noch einmal an Anu und Enlil, die sich bisher den 
Menschen gegeniiber so ungnadig erwiesen. Er weist dabei auf 
die Tatsache hin, daB noch niemand auf Erden einer solchen Ehre 
teilhaftig wurde, und halt es deshalb fur wunschenswert, daB hier 
wirklich einmal eine Ausnahme gemacht wird. Das konnen in diesem 
Zusammenhange nur Worte des Ea sein. Ziu(d)suddu wirft sich 
dann vor Anu und Enlil nieder, urn diesen fur ihre Zustimmung zu 
danken. Er wird alsdann mit der Unsterblichkeit ausgestattet und 
erhalt seinen Wohnsitz auf der Insel Dilmun 2 ). 

Wenn wir diese Zusammenstellung mit dem Bericht im Gilgamesch- 
Epos vergleichen, finden wir in den Einzelheiten eine auBerordent- 
lich weitgehende Uebereinstimmung. Ea ist der Freund der Men- 
schen, Enlil sucht sie zu vernichten. Anu tritt im Gilgamesch-Epos 
ganz in den Hintergrund. Die Preisgabe des Geheimnisses erfolgt 
in beiden Dichtungen durch die Zuhilfenahme einer Wand. In dem 



*) Derselbe A-usdxiuck wie in der vorhergehenden Arnnerkung. 

2 ) im Persischen Meerbusen. Sie war nach den Angaben in den Inschrif- 
ten des Sargon 30 Doppelstunden vora Lande. 



154 

Epos 1st es die Wand der Rohrhutte. Es regnete nach dem sume- 
rischen Texte sieben Tage und sieben Nachte. Im Gilgamesch-Epos 
nimmt der Sturm schon am Morgen des siebten Tages sein Ende. 
Ut-napistim offnet die Luke, und das Licht fallt wieder auf sein 
Angesicht. Er sinkt in die Knie und setzt sich dann nieder und 
weint. Am SchluB des Tages erblickt er endlich den Berg Nisir. 
Man sieht, daB hier dieselbe Ueberlieferung vorliegt; sie ist aber 
in der akkadischen Bearbeitung schon welter ausgestaltet. Das 
Niederknien, von dem uns die beiden Dichtungen erzahlen, ist in 
der sumerischen Darstellung sofort verstandlich. Ziu(d)suddu sieht 
das strahlende Gesicht des Sonnengottes und fiihlt sich gedrangt, 
ihn zu verehren. Im Gilgamesch-Epos tritt dieser Zusammenhang 
im Ausdruck gar nicht mehr hervor. Der Dichter spricht hier nur 
von dem Lichte des Tages und laBt den Helden dann in die Knie 
fallen, ohne daB die Gottheit erwahnt wird. Er arbeitet bei diesen 
Angaben offenbar ganz nach dem Gedachtnis. DaB Ut-napistim sehr 
klug war, ergibt sich im Gilgamesch-Epos nur aus der Deutung 
der Traume, die Ea ihm schickte. Ea glaubt zu seiner Entschuldi- 
gung voraussetzen zu diirfen, daB diese Traume unter normalen 
Verhaltnissen das Geheimnis der Gotter nicht gefahrdet hatten. Es 
ist nur bekannt geworden, weil der Traumende zufallig ein 
Atarhasis war. In der sumerischen Dichtung wird diese Klugheit 
schon als eine besondere Eigenschaft des Helden ausdriicklich her- 
vorgehoben. Er vermag die Traume auch da noch richtig zu 
erklaren, wo die Kenntnis anderer versagt. ,,Traume, deren Weisung 
nicht hervortrat, deutete er, sprach Beschworungen beim Himmel 
und bei der Erde." Dies war nach der altbabylonischen Auffassung 
der Inbegriff aller Weisheit. Die \5^eisheit gait als das besondere 
Geschenk des Ea; sie wurde dem Ziu(d)suddu in so reichem MaBe 
zuteil, weil er dem Ea so treu ergeben war. Das ersieht man in 
dem sumerischen Texte schon aus der unmittelbaren Verbindung der 
beiden Gedanken. Ziu(d)suddu brachte dem Ea nach den vorher- 
gehenden Zeilen auBergewohnliche GroBopfer dar, warf sich in 
demiitiger Verehrung vor ihm nieder und war taglich zu jeder 
Dienstleistung bereit 1 ). Diese Frommigkeit wird ebenfalls im Gilga- 
mesch-Epos nirgendwo erwahnt. Der Verfasser beschaftigt sich 
nur mit der Tatsache, daB Ea den Ut-napistim zu retten beabsich- 
tigte. Er setzt dabei die tieferen Zusammenhange, die ihm sicher 
nicht entgangen sind, stillschweigend voraus. Die einzige Ver- 
schiedenheit, die man vielleicht als wesentlich bezeichnen konnte, 
ist der Unterschied in den Angaben iiber die spatere Wohnstatte 
des Ziu(d)suddu. In der sumerischen Dichtung befindet sie sich 
auf einer Insel, die noch ganz im babylonischen Kulturgebiete lag, 
im Gilgamesch-Epos haben wir sie an der auBersten Grenze der 
Erde zu suchen. Der Dichter hat aus dem Ziu(d)suddu, wie wir 
gesehen haben, einen in der Feme wohnenden Zi-ud gemacht, der 



Vgl. oben S. 151. 



155 

ihm die Moglichkeit gab, die Fahrt des Gilgamesch als eine durch 
nichts zu iiberbietende GroBtat zu schildern. Er hat aber an den 
Grundgedanken der sumerischen Darstellung, soweit wir es beur- 
teilen konnen, iiberall festgehalten. Das Gilgamesch-Epos hat also 
die sumerische Dichtung schon zur Voraussetzung. Sie kann aber 
in dem uns vorliegenden Wortlaute rnir aus einer Zeit stammen, 
wo das Akkadische schon im Lande verbreitet war. Der Verfasser 
gebraucht das akkadische Wort pu-uh-ru = puhru 1 ), urn die Gotter- 
versamralung zu bezeichnen, und verwendet in derselben Weise das 
ebenfalls dem Semitischen angehorende da-ri = dari 2 ) = daru = 
Ewigkeit. Wir haben also jedenfalls an das Ende des dritten vor- 
christlichen Jahrtausends zu denken. 

Die jungste Darstellung, die wir besitzen, ist die Niederschrift 
des Berossus. Diese bietet fur den Fluthelden noch den sumerischen 
Namen. Sie setzt also Quellen voraus, in denen diese Bezeichnung 
noch vorkam. Xisuthros 3 ) erfahrt hier das Geheimnis der Gotter 
durch einen Traum. Wenn er gefragt wird, wohin er zu fahren 
beabsichtigt, soil er antworten: ,,Zu den Gottern, um Gutes fur 
die Menschen zu erflehen." Das ist ganz dasselbe Verhalten, wie 
wir es in den Texten beobachten, wo er uns unter dem Namen 
Atarhasis begegnete. Er ist dort bei den VerfolgungsmaBnahmen 
des En^ der fromme und stets giitige Vermittler zwischen Ea und 
den Menschen. Wir konnen also nur vermuten, daB diese Auffassung 
hier nachwirkt. Es liegt hier offenbar ein ahnliches Verhaltnis vor 
wie bei der Anweisung, Speise und Trank in das Schiff zu bringen. 
Diese findet sich nur bei Berossus und in dem Atarhasistexte 
D. P. 42*). Als er zu den Gottern emporstieg, ermahnte er noch in 
einem AbschiedsgruB die Hinterbliebenen zur Frommigkeit. 

Man denkt bei diesen Angaben fast unwillkiirlich an die Bibel. 
Noe erscheint hier ebenfalls als der besondere Freund Gottes. Er 
,,hatte Gnade gefunden in den Augen des Herrn"; denn ,,er war 
gerecht und vollkommen unter seinen Zeitgenossen", und ,,er wan- 
delte mit Gott". Die Errettung tragt hier ebenso wie in der sume- 
rischen Darstellung und in den Atarhasistexten den Charakter einer 
personlichen Belohnung. Im Gilgamesch-Epos tritt dieser Gedanke 
in den Hintergrund. Die Bibel steht also den Atarhasistexten in 
diesem Punkte wesentlich naher als dem Berichte des" Ut-napistim. 
Die Uebereinstimmung geht aber noch weiter. Wir lesen auch in 
der Bibel, daB die notwendigen Nahrungsmittel in die Arche hin- 
eingebracht wurden. ,,Nimm dir von aller Speise, die gegessen 
wird, und speichere es bei dir auf, damit es dir und ihnen den 
Tieren zur Nahrung diene!" Es scheint hier also eine Ueber- 
lieferung vorzuliegen, die sich mit dem Inhalte der genannten Text- 



1) Kol.IV,9. 

2 ) Kol.VI,9. 

3 ) Vgl. obenS. 130 f. 

4 ) S. oben S. 148 f. 



156 

gruppe tatsachlich auf das engste beriihrte. Die Texte begegneten 
uns aber in ihrer altesten Form, wie wir annehmen muBten, in der 
Niederschrift aus der Zeit des Ammisaduga. Sie begannen in dieser 
Bearbeitung mit dem Hinweis auf eine Person, die sich zur Ruhe 
gelegt hatte. Man glaubte einer solchen Person, wenn es notwendig 
war, durch das Verlesen der eigenartigen Zusammenstellung zu 
einem ungestorten Schlafe verhelfen zu konnen 1 ). Das Ruhen, von 
dem hier die Rede ist, wurde im Hebraischen an erster Stelle durch 
das Wort nuah ausgedriickt; die Ruhe, nach der man verlangte, 
konnte in derselben Weise als noah bezeichnet werden. Das war 
aber nach der Bibel zugleich der Name des Patriarchen. Wir haben 
hier also auf der einen Seite die altbabylonische Tafelserie, die nach 
den Einleitungsworten und nach der ganzen Form der Darstellung 
den Schlafbediirftigen einen wirksamen Schutz gegen storenden 
Larm bieten sollte, und auf der andern Seite die Personlichkeit des 
Noe, der mit derselben Deutlichkeit durch seinen Namen auf diesen 
Gedanken hinweist. Das setzt natiirlich einen Zusammenhang vor- 
aus. Die Tafelserie ist offenbar in Palastina bekannt gewesen und 
von den Erzahlern ausgiebig benutzt worden. Man bemuhte sich 
aber, die keilinschriftlichen Namen iiberall durch hebraische Bezeich- 
nungen zu ersetzen, und ging dabei in dem vorliegenden Falle 
von den Einleitungsworten und von dem Grundgedanken des Textes 
aus, den man bei der Darstellung besonders heranzog. Da der 
Name noch zur Sethitenliste gehort, durfen wir ihn ohne Bedenken 
auf denselben Urheber zuruckfiihren, der auch bei den vorher- 
gehenden Bezeichnungen die Uebertragung vornahm. Auffallend 
ist nur, daB die Liste hier in ihrer jetzigen Form eine Bemerkung 
enthalt, die mit dieser Deutung nicht in Einklang zu bringen ist. 
Lamech bezeichnete seinen Sohn als Noah, weil er von ihm Trost 
erwartete in den Arbeiten und Muhsalen auf dem Acker, den Jahwe 
verflucht hatte. Dieser Satz kann aber nur aus einer Zeit stammen, 
wp man den Namen schon vorfand und an der Hand von ahnlich 
klingenden Wortern praktisch zu erklaren versuchte. Er geht offen- 
bar auf denselben Schriftsteller zuriick, der den Sundenfall erzahlte. 
Das ergibt sich nicht nur aus dem Inhalt, sondern auch aus dem 
Gebrauch derselben Gottesbezeichnung. Der Verfasser sprach in 
seinen Aufzeichnungen nicht von Gott, sondern von Jahwe. Die 
Sethitenliste ist in ihren Angaben, wie wir gesehen haben, wesentlich 
alter als die Liste der Kainiten, die uns ebenfalls in einem Abschnitte 
begegnet, wo uberall der Name Jahwe gebraucht wird. Als die 
Listen in den Text der Bibel aufgenommen wurden, waren sie schon 
seit langem vorhanden. Das Wort naham, das dem Lamech in den 
Mund gelegt wird, kann fur den Ursprung des Namens iiberhaupt 
nicht in Betracht kommen. 

Die Bibel erzahlt uns Gen. 6, 10 ff., daB Gott dem Noe die 
Weisung gab, mit seinen Sohnen, seiner Frau und seinen Schwieger- 



Vgl. oben S. 146. 



157 

tochtern in die Arche zu gehen und jedesmal zwei von den einzelnen 
Tieren hineinzufiihren. Und Noe tat, wie Gott ihm befohlen hatte. 
Dann folgt 7, 1 ff. ein Abschnitt, in dem der Name Jahwe gebraucht 
wird. Jahwe befiehlt hier dem Noe, von den reinen Tieren und von 
den Vogeln je sieben Paare mitzunehmen, von den iibrigen dagegen 
nitr ein Paar. Dabei macht er die Angabe, daB die Flut nach sieben 
Tagen beginnen soil. Und Noe tat, wie Jahwe ihm befohlen hatte. 
Hierauf heifit es in dem folgenden Abschnitt: ,,Und Noe war 
600 Jahre alt, als die Wasserflut liber die Erde kam. Da ging Noe 
mit seinen Sohnen, seinem Weibe und seinen Schwiegertochtern vor 
den Wassern der Flut in die Arche. Und von den reinen und von 
den unreinen Tieren und von den Vogeln und von allem, was auf 
Erden kriecht, gingen sie paarweise zu Noe in die Arche, jedesmal 
ein mannliches und ein weibliches, wie Gott befohlen hatte." Der 
Name Jahwe ist in diesen Zeilen vermieden, und die reinen Tiere 
und die Vogel werden vor den unreinen in keiner Weise bevorzugt. 
Die Flut begann alsdann am 17. Tage des zweiten Monats. An 
diesem Tage offneten sich die Sprudel des Abgrundes und die Luken 
des Himmels, und es regnete vierzig Tage und vierzig Nachte. Noe 
ging an diesem Tage mit seinen Sohnen, seinem Weibe und seinen 
Schwiegertochtern in die Arche und fiihrte von alien Tieren, auch 
von den Vogeln, jedesmal ein Paar hinein, so wie Gott ihm befohlen 
hatte, und Jahwe schloB die Tiir hinter ihm zu. Der Name Jahwe 
begegnet uns hier zum ersten Male wieder in dieser SchluBbemer- 
kung. Er steht aber in diesem Zusammenhange ganz fur sich allein; 
in der Fortsetzung ist ebenso wie in dem vorhergehenden Abschnitte 
zunachst nur von Gott die Rede. Die Flut dauerte nun nach den 
weiteren Angaben vierzig Tage lang, und das Wasser stieg bis 
fiinfzehn Ellen iiber die hochsten Berge, und alles Leben wurde 
vernichtet. Nur Noe und die Personen, die mit ihm in der Arche 
waren, blieben ubrig. Nachdem der Verfasser dies hervorgehoben 
hat, fahrt er dann fort: ,,Und das Wasser nahm zu auf der Erde 
150 Tage lang; und es erinnerte sich Gott des Noe und all der 
wilden Tiere und all der Haustiere, die mit ihm in der Arche waren, 
und es schickte Gott einen Wind iiber die Erde, und das Wasser 
blieb stehen. Und es schlossen sich die Sprudel des Abgrundes und 
die Luken des Himmels, und der Regen vom Himmel horte auf. 
Und es kehrte das Wasser wieder zuriick von der Erde, und das 
Wasser wurde weniger vom Ende der 150 Tage. Und die Arche 
blieb stehen im siebten Monat, am 17. Tage des Monats, auf den 
Bergen Armeniens. Und das Wasser wich zuriick bis zum zehnten 
Monat. Im zehnten Monat, am ersten des Monats, wurden die 
Gipfel der Berge sichtbar. Und am Ende von vierzig Tagen offnete 
Noe das Fenster der Arche, das er gemacht hatte, und er schickte 
den Raben hinaus. Dieser flog hin und her, bis das Wasser von 
der Erde vertrocknet war. Und er schickte die Taube aus, um zu 
sehen, ob sich das Wasser von der Erdoberflache verlaufen hatte. 
Aber die Taube fand keine Ruhestatte zum Auftreten, und sie kehrte 



158 

zu ihm zuriick zur Arche; denn das Wasser war iiber der ganzen 
Erde. Und er streckte die Hand aus und nahm sie zu sich in die 
Arche. Und er wartete noch weitere sieben Tage und schickte die 
Taube noch einmal aus der Arche. Und die Taube kehrte zur 
Abendzeit zu ihm zuriick, und siehe, sie hatte einen griinen Olzweig 
im Schnabel. Nun wuBte Noe, daB das Wasser von der Erde 
zuriickgetreten war. Und er wartete noch einmal sieben Tage und 
schickte die Taube hinaus, und dieses Mai kam sie nicht wieder 
zu ihm zuriick. Und im 601. Jahre, im ersten Monat, am ersten des 
Monats, war das Wasser von der Erde versiegt, und Noe hob das 
Dach der Arche empor und schaute, und siehe, die Oberflache der 
Erde war frei von Wasser. Und im zweiten Monat, am 27. Tage 
des Monats, war die Erde ganz abgetrocknet. Und es sprach Gott 
zu Noe: Geh hinaus aus der Arche, du und dein Weib und deine 
Sohne und deine Schwiegertochter mit dir! Alle Tiere, die bei dir 
sind von jeglichem Fleische, an Vogeln und an Vieh und an jeg- 
lichem Gewiirm, das da kriecht auf Erden, fiihre mit dir hinaus, 
damit sie sich bewegen auf Erden und fruchtbar sind und sich 
vermehren auf Erden! Und es ging Noe hinaus aus der Arche, und 
ebenso seine Sohne und sein Weib und seine Schwiegertochter. 
Alle Tiere und alles Gewiirm und alle Vogel, alles, was kriecht auf 
Erden, in seinen Alien, ging aus der Arche hinaus." Noe verlafit 
also die Arche und erfiillt damit einen Auftrag, der ihm nach dem 
Wortlaute nicht von Jahwe, sondern von Gott erteilt wurde. Dann 
tritt aber in den folgenden Zeilen sofort wieder ein Wechsel ein. 
Noe ,,erbaute dem Jahwe einen Altar, und er nahm von alien reinen 
Tieren und von alien reinen Vogeln und brachte auf dem Altare 
Brandopfer dar. Und Jahwe roch den lieblichen Duft, und Jahwe 
sprach bei sich selbst: Ich will in Zukunft den Erdboden nicht 
mehr verfluchen um der Menschen willen; denn das Trachten des 
menschlichen Herzens ist bose von Jugend auf. Ich will in Zukunft 
nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich getan habe. Es 
sollen fortan, solange die Erde steht, Aussaat und Ernte, Frost und 
Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhoren." 

Wenn wir diese Darstellung genauer betrachten, so beobachten 
wir in den Angaben verschiedene Unebenheiten, die einer sachlichen 
Erklarung bediirfen. Nachdem der Verfasser im ersten Abschnitt 
hervorgehoben hat, daB von jeder Tierart nur ein einziges Paar 
in die Arche gebracht werden soil, wird im zweiten Abschnitt, wo 
uns der Name Jahwe begegnet, bei den reinen Tieren und bei den 
Vogeln die Rettung von jedesmal sieben Paaren verlangt. Der 
Abschnitt zeigt also, wenn wir ihn aus seiner Umgebung heraus- 
heben, als charakteristische Eigentiimlichkeiten den Gottesnamen 
und die Forderung der sieben Tierpaare. Der Name Jahwe begeg- 
net uns dann bis zum SchluB des eigentlichen Flutberichtes nur 
noch ein einziges Mai, und zwar in der Angabe, daB Gott nach 
dem Eintreten des Noe von auBen die Tiir verschloB; er setzt dann 
aber sofort wieder ein, wo das Opfer behandelt wird, und iiber- 



159 

rascht tins hier in wenigen Satzen fast unmittelbar nacheinander im 
ganzen dreimal, um gleich darauf in dem folgenden Kapitel wieder 
ganz zuriickzutreten. Wenn wir nun die Rettung der sieben Tier- 
paare und den Bericht iiber das Opfer miteinander in Verbindung- 
bringen, so erkennen wir ohne Schwierigkeit den inneren Zusammen- 
hang. Das Opfer schlieBt sich unmittelbar an die Flut an. Es 
wurde also zu einer Zeit dargebracht, wo die Tiere sich noch nicht 
vermehrt batten. Wenn sich ihre Zahl auch bei den reinen Tieren 
jedesmal auf ein einziges Paar beschrankt hatte, ware das Opfer 
gar nicht moglich gewesen. Die Siebenzahl ist hier also nur das 
Ergebnis einer nachtraglichen Ueberlegung, die den Bericht iiber 
das Dankopfer zur Voraussetzung hat. Die beiden Abschnitte 
gehoren nach Form und Inhalt zusammen. Sie stammen aus einer 
gemeinsamen Vorlage, die man wegen des Gottesnamens in der 
Regel als die jahwistische bezeichnet. In dieser Vorlage war das 
Opfer allem Anscheine nach besonders in den Vordergrund gestellt. 
Auch die tibrigen Zahlenangaben sind in der Zusammenstellung, 
wie wir sie jetzt vorfinden, nicht ohne weiteres miteinander in 
Einklang zu bringen. Die Flut begann am 17. Tage des zweiten 
Monats. Es regnete dann vierzig Tage und vierzig Nachte, und 
das Wasser wuchs 150 Tage lang. Da erinnerte sich Gott des Noe 
und schickte einen Wind iiber die Erde, der das Wasser zum Stehen 
brachte. Die Arche landete am 17. Tage des siebten Monats, also 
am SchluB der 150 Tage, auf der Spitze eines Berges, die sich 
gerade funfzehn Ellen unter der Oberflache befand 1 ). Nun begann 
das Wasser wieder zu sinken. Am Anfange des zehnten Monats 
traten die Berge aus der Flut hervor. Nach vierzig Tagen schickte 
Noe den Raben hinaus. Dann folgt ohne besondere Zeitangabe die 
Entsendung der Taube, die schon am Abende zuriickkehrte. Sie 
wurde dann nach sieben Tagen zum zweiten Male hinausgeschickt 
und brachte ebenfalls noch an demselben Abend den Olzweig 
zuriick. Hierauf wartete Noe noch einmal sieben Tage, um sie am 
Ende dieser Zeit zum dritten Male zum Fenster hinauszusetzen. 
Am ersten Tage des neuen Jahres war das Wasser von der Erd- 
cberflache zuriickgetreten, und am 27. Tage des zweiten Monats 
war die Erde wieder trocken. Das war genau 365 Tage, also ein 
voiles Sonnenjahr, nach dem Beginn der Flut. Der zwolfmalige 
Kreislauf des Mondes betrug im ganzen nur 354 Tage. Diese 
muBten also, wenn das Jahr zum AbschluB kommen sollte, noch 
um elf Tage erweitert werden. Wenn der Regen aber nur vierzig 
Tage dauerte, sind diese Voraussetzungen unmoglich. Das Steigen 
muBte aufhoren, sobald der Regen ein Ende nahm. Die Angaben 
lassen sich nur erklaren, wenn wir auch hier wieder eine Ver- 
schiedenheit in der Ueberlieferung annehmen. In der einen Quelle 



4 ) Die Arche war 30 Ellen hoch; sie sank also, wie man annahm, bis 
zur Mitte in die Flut. Im Qilg-amesch-Epos wird der Tieigang des Schiffes 
(vgl. oben S. 137) auf zwei Drittel awgegeiben. 



- 160 

war fur den Regen eine Zeit von vierzig Tagen, in der anderen ein 
Zeitraum von fiinf Monaten angesetzt. Die babylonischen Texte 
kennen fur das Unwetter nur eine Dauer von sieben Tagen. Nach 
der sumerischen Schilderung raste die Sturmflut sieben Tage und 
sieben Nachte; im Gilgamesch-Epos wird der Sturm am Morgan 
des siebten Tages tiberwunden. Als der siebte Tag zu Ende war, 
landete das Schiff auf dem Berge Nisir. Dann dauerte es noch 
weitere sieben Tage, bis Ut-napistim sich entschloB, eine Taube 
hinauszuschicken. Der Verfasser geht hier offenbar von dem 
Gedanken aus, daB das Zuriicktreten der Flut im wesentlichen 
dieselbe Zeit erforderte wie das Emporsteigen des Wassers. Hieraus 
erklart es sich auch, daB bei der Schwalbe und bei dem Raben eine 
Zeit iiberhaupt nicht mehr angegeben wird. Der Abstand ist hier 
auf jeden Fall geringer. Man setzte also in den keilinschriftlichen 
Bearbeitungen fur den Verlauf der Flut nur einen Zeitraum von 
wenigen Wochen voraus. Diese Zeit ist aber fur das Auftreten und 
fur das allmahliche Verschwinden einer derartigen Wassermenge 
viel zu kurz. Das ist auch den Erzahlern in Palastina offenbar zum 
BewuBtsein gekommen. Man suchte deshalb nach hoheren Ansatzen, 
die den Verhaltnissen besser zu entsprechen schienen, und entschied 
sich dabei, wie wir annehmen miissen, in der einen Quelle fiir 
eine Regenzeit von vierzig Tagen und in der andern fiir eine 
Periode von fiinf Monaten. Diese Entwicklung laBt sich in dem 
Abschnitt, den wir auf die jahwistische Vorlage zuriickfuhren 
muBten, noch mit iiberraschender Deutlichkeit verfolgen. Jahwe 
gibt hier dem Noe die Weisung, mit seiner Familie und mit den 
Tieren in die Arche zu gehen, und fiigt dann als Begriindung 
hinzu, daB die Flut nach sieben Tagen beginnen soil. ,,In jetzt 
noch sieben Tagen lasse ich Regen tiber die Erde kommen vierzig 1 
Tage und vierzig Nachte." Hier ist die Siebenzahl noch vorhanden; 
sie bezieht sich aber nicht mehr auf die Dauer des Unwetters, 
sondern auf die Zeit, die zwischen der gottlichen Anweisung und 
dem Beginn des Unwetters liegt. Fur das Unwetter wird die auch 
sonst in der Bibel so haufig vorkommende Periode von vierzig 
Tagen vorausgesetzt. Wenn das Wasser aber vierzig Tage lang 
stieg, gehort auch die Angabe iiber das vierzigtagige Sinken des 
Wassers zu dieser Quelle. 

Bei der zweiten Zahlengruppe, die ebenfalls eine in sich selbst 
geschlossene Einheit bildet, wird fiir die Gesamtdauer der Ereig- 
nisse der Zeitraum eines ganzen Jahres vorausgesetzt. Von diesem 
Jahre, das als Sonnenjahr gedacht war, werden ftinf Monate auf 
das Steigen der Flut und sieben Monate auf das Sinken und allmah- 
liche Verschwinden des Wassers gerechnet. Es reichte, wenn wir 
die Lebensjahre des Noe zugrundelegen, vom 17. Tage des zweiten 
Monats im Jahre 600 bis zum 27. Tage im zweiten Monat des 
Jahres 601, und bildete in diesem Zusammenhange einen festen 
Bestandteil in den Ansatzen der Sethitenliste. Diese sind in ihren 
Voraussetztmgen, soweit es fiir die einzelnen Personen in Betracht 



161 

kam, schon ganz auf den Inhalt des Flutberichtes abgepaBt. Methu- 
selah stand im Alter von 187 Jahren, als Lamech geboren wurde, 
und Lamech hatte bei der Geburt des Noe ein Alter von 182 Jahren 
erreicht. 187 + 182 = 369. Da Methuselah aber erst im Alter von 
969 Jahren starb, erhalten wir als das Todesjahr 1 ) genau das Jahr 
der Flut. Das 1st um so auffallender, well der Name dieses Patriar- 
chen in seiner Bedeutung auf den ersten Teil des sumerischen Su- 
kur-lam-ki = Suruppak zuruckgeht. Der Zusammenhang soil durch 
diese Gleichsetzung, wie wir annehmen diirfen, noch besonders zum 
Ausdruck gebracht werden. Als die Sohne des Noe ihr irdisches 
Dasein begannen, hatte der Vater nach der Angabe der Liste schon 
ein Alter von 500 Jahren. Dieser Ansatz ist auBerordentlich hoch; 
bei den vorhergehenden Personlichkeiten wird fur die erste Periode 
des Lebens nur eine Zeit von 130, 105, 90, 70, 65, 162, 65, 187 
und 182 Jahren vorausgesetzt. Der Unterschied findet jedoch sofort 
wieder eine befriedigende Erklarung, wenn wir die Einzelheiten 
des Flutberichtes ins Auge fassen. Es war selbstverstandlich, daB 
Noe beim Eintreten der Flut schon ein bemerkenswertes Alter 
erreicht haben muBte. Seine Sohne muBten aber noch verhaltnis- 
maBig jung sein; denn sie batten zur Zeit, als sie sich in der Arche 
befanden, noch keine Kinder. Wir sehen also, daB die Flut bei den 
Ansatzen schon in ganz besonderer Weise beriicksichtigt wurde. 
Hieraus miissen wir den SchluB ziehen, daB der Verfasser die 
Absicht hatte, tiber das Ereignis eingehend zu berichten. Dieser 
Bericht laBt sich in seinen wesentlichsten Bestandteilen noch aus der 
jetzigen Form des Textes herausheben. Er kommt noch fast liicken- 
los zum Vorschein, wenn wir die jahwistischen Einschaltungen an 
die Seite schieben. 

Die Flut beginnt im Gilgamesch-Epos mit einem ,,Weizenregen". 
Dieser Regen soil nach den Angaben des Verfassers einen allge- 
meinen UeberfluB, einen Reichtum an Vogeln und Fischen und 
iippige Feldfrucht herbeifiihren. Es handelte sich also zunachst nur 
um einen starken Herbstregen, der erst am folgenden Morgen, als 
es zu dammera begann, zu dem Einsetzen der wirklichen Kata- 
strophe hiniiberleitete. Wir stehen hier also im Anfange der Regen- 
periode, und zwar in der Zeit, wo die Niederschlage schon stark 
genug waren, um die Aussaat des Weizens zu gestatten. Als man 
die Oerste sate, wiirde man von einer Weizenernte noch nicht 
gesprochen haben. Damit kommen wir fur normale Verhaltnisse in 
die erste Zeit des Monats November, in den Monat Arahsamnu 
den ,,achten Monat" des Jahres. Diese Zahlung setzt aber schon 
voraus, daB man das Jahr mit dem Nisan begann. Wo man den 
Tasritu als den ersten Monat betrachtete, war der Arahsamnu, 
natiirlich der zweite. Das gilt nach unsern bisherigen Feststellungen 
auch fiir Palastina. Der Tasritu war fur den Verfasser der Sethiten- 
liste noch der Monat, der ihn nach den Zahlen, die dort fiir Henoch 
mitgeteilt werden, an den Kreislauf des ganzen Jahres erinnerte. 

J ) Vgl obea S. 112. 

11 



162 

Die Flut begann also nach seinen Voraussetzungen am 17. Tage 
des Arahsamnu, zu einer Zeit, wo die Regenperiode auch sonst 
ihren Anfang nahm, und das Wasser stieg dann 150 Tage hindurch,, 
also fiinf Monate, bis zum Ende des Winters. Die Zeit, wo es 
wieder zuriicktrat, fiel alsdann mit dem Sommer zusammen. Am. 
1. Tasritu war die Erde von dem Wasser wieder frei, und am. 
27. des folgenden Monats, 365 Tage nach dem Beginn der Flut,. 
war sie ganz wieder abgetrocknet. Wir haben es also bei den 
Zahlen, die wir hier vorfinden, mit einem unmittelbaren AnschluB 
an die klimatischen Erscheinungen im gewohnlichen Verlaufe des 
Jahres zu tun. Dieser AnschluB ist fur den Verfasser des Textes 
besonders charakteristisch. Bei Kenan, der unter den Urvatern den 
vierten Platz einnimmt, denkt er an die 91 Tage, die den vierten 
Teil eines Jahres ausmachen; Henoch wird durch die Zahl 365 aus- 
gezeichnet; bei Lamech werden die 182 Tage herangezogen, wo 
der Mond im Laufe des Jahres als Lamga am Himmel steht; bei der 
Sintflut wird dann wieder die Dauer von 365 Tagen zugrunde- 
gelegt. Dabei handelt es sich stets um ein Sonnenjahr, obschon die 
Monate nach den Bewegungen des Mondes berechnet werden. Der 
Anfang dieses Jahres war der 1. Tasritu. Man sieht also auch hier 
wieder, da8 die Darstellung auf eine einzige Person zuruckgeht. 
Die Sethitenliste beginnt mit den Worten: ,,Dies ist das Ver- 
zeichnis der Geschlechter des Adam: An dem Tage, wo Gott den 
Adam den Menschen erschuf, machte er ihn nach dem Bilde 
Gottes. Als Mann und als Weib schuf er sie, und er segnete sie 
und nannte ihren Namen Mensch hebr. adam an dem Tage, 
wo sie geschaffen wurden." Diese Worte greifen auf die Stelle 
Gen. 1, 26 ff. zuriick: ,,Und Gott sprach: LaBt uns den Menschen 

machen nach unserm Bilde, so daB er uns ahnlich ist! 

Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde; nach dem Bilde 
Gottes schuf er ihn. Als Mann und als Weib schuf er sie. Und 
Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und 
mehret euch, erfiillet die Erde und macht sie euch untertan!" Die 
Uebereinstimmung zeigt sich nicht bloB in dem Inhalte, sondern 
auch in der Form der Gottesbezeichnung; der Bericht iiber die 
Schopfungswoche, auf den hier Bezug genommen wird, geht ebenso 
wie die Sethitenliste auf einen Verfasser zuriick, der nur das Wort 
elohim oder Gott gebraucht. Die beiden Abschnitte sind aber 
durch jahwistische Einschaltungen voneinander getrennt. Wenn 
wir diese wieder zur Seite schieben, erhalten wir eine Darstellung y 
in der sich der Schopfungsbericht, die Angaben der Sethitenliste 
und der Flutbericht mit derselben Gottesbezeichnung unmittelbar 
aneinander anschlieBen. Dieser ZusammenschluB verbreitet auch 
uber die Zahlen in dem ersten Teile des ganzen Textes ein iiber- 
raschendes Licht. Der Verfasser lehnt sich fur die Schopfung an die 
Aufeinanderfolge der einzelnen Wochentage; er gibt fur die Ereig- 
nisse aus dem Leben der Urvater stets ein bestimmtes Jahr an und 
datiert dann die Angaben des Flutberichtes ganz in derselben Weise 



genau nach Monaten und Tagen. Man sieht, daB dieses Zahlen- 
system fur sich allein schon die Abschnitte zu einer festen Einheit 
miteinander verbindet. In den jahwistischen Texten, die hier ein- 
gefiigt sind, finden sich besondere Zeitangaben nur bei der Sintflut. 
Die Kainitenliste zeigt zwar an mehreren Stellen eine auffallende 
Beriicksichtigung der Siebenzahl; sie bietet aber keine einzige 
Angabe, die man auch nur im entferntesten als eine Datierung 
betrachten konnte. Bei der Sintflut haben wir es in dieser Quelle 
nur mit Zeitraumen von sieben Tagen und mit einer zweimaligen 
Periode von jedesmal vierzig Tagen zu tun. Die Neigungen der 
beiden Verfasser sind also durchaus verschieden. In der einen 
Vorlage finden wir eine iiberraschende und wohl kaum zu iiber- 
bietende Liebe zur Zahl, in der andera sind die Zahlenangaben ganz 
allgemein gehalten. Dieser Unterschied beseitigt auch wohl den 
letzten Zweifel iiber die Bedeutung von min 1 ). Das Wort tritt in 
den Texten, in denen die Zahlen eine so auffallende Beriicksichtigung 
erfahren, ebenfalls ganz besonders in den Vordergrund. Der Ver- 
fasser gebraucht es in den drei Abschnitten nicht weniger als 
siebenzehnmal, und zwar zehnmal im Schopfungsbericht 2 ) und 
siebenmal in dem Bericht iiber die Sintflut 3 ). Es begegnet uns aber 
im Flutberichte nur da, wo die Tiere noch samtlich am Leben sind. 
Als die Paare nach dem Verlassen der Arche wieder auf die Erde 
zuriickkehrten, geschah es lemispehothehem 4 ) oder nach ihren 
Familien, weil hier von einer groBeren Zahl iiberhaupt nicht mehr 
die Rede sein konnte. Die Ausdriicke sind im iibrigen fast wqrtlich 
dieselben. 

Die Darstellung bildet in ihrer urspriinglichen Form eine genaue 
Parallele zu dem Inhalte der Tafel, auf der uns der Flutbericht in 
sumerischer Sprache vorliegt. Wir finden dort ebenfalls, soweit der 
Text noch erhalten ist 5 ), in der ersten Kolumne einen Bericht iiber 
die Schopfung. In der zweiten Kolumne werden die Stadte behandelt, 
in denen die Urkonige nacheinander regierten. Auf diesen Abschnitt 
folgt dann an der dritten Stelle der ausfiihrliche Bericht uber die 
Flut. Das ist derselbe Zusammenhang, den wir auch spater noch 
bei Berossus vorfinden. 

Bei der Frage nach dem Alter der Darstellung sind wir fast 
ganz auf die Beobachtungen an der Hand der Sethitenliste ange- 
wiesen. Wir konnten feststellen, daB die Liste in der Aufeinander- 
folge der Namen auf das engste mit dem Texte W.-B. 444 und der 
fast gleichlautenden Zusammenstellung bei Berossus verwandt ist. 
Wo Berossus und der Verfasser von W.-B. 444 auseinandergehen, 
steht die Bibel schon auf der Seite des Berossus; sie laBt sich aber 
in ihren Zahlenangaben nur mit den Voraussetzungen des alteren 



4 ) Vgl. oben S. 92 If. und S. 150. 

2 ) Gen. 1, 11 f. 21. 24 f. 

3 ) Gen. 6, 20 und 7, 14. 
*) Gen. 8, 19. 

5 ) Vgl. oben S. 151. 



11* 



164 

Textes in Zusammenhang bringen. Die Namen sind sinngemaBe 
Neubildungen im AnschluB an die Ueberlieferungen der Babylonier; 
sie konnen also nur in einer Zeit entstanden sein, wo diese in 
Palastina in den Kreisen der Schreibkundigen noch bekannt waren. 
Bei Noe kennen wir sogar noch das Literaturwerk, das durch die 
Einleitungsworte und durch die Form seines Inhalts zu der Bezeich- 
nung den AnlaB gab. Der Verfasser hat die Texte selbst noch 
gelesen. Er beschaftigt sich bei der Festsetzung der beiden vor- 
letzten Namen mit dem sumerischen Su-kur-lam-ki, das man als 
Ideogramm fur Suruppak gebrauchte, und weiB den ersten Teil 
dieses Ausdrucks richtig zu deuten. DaB ihm der zweite Teil 
Schwierigkeiten machte, ist durchaus zu begreifen. Wir konnten 
dann bei den andern Bezeichnungen besonders auch auf eine Bekannt- 
schaft mit lu = Mensch, mit gal = groB, mit nun-me-tag = ummanu 
= Meister und mit tasritu = Einweihung schlieBen. Wenn er von 
der Zahl einer Gruppe spricht, gebraucht er stets das akkadische 
minu. Der Tasritu ist fur ihn noch der erste und der Arahsamnu 
der zweite Monat des Jahres. Seine Darstellung ist alter als die 
von dem jahwistischen Schriftsteller mitgeteilte Kainitenliste, die 
ebenfalls noch zu einer Zeit entstanden sein muB, wo die Kenntnis 
des Akkadischen in Palastina verbreitet war. Das Sethitenverzeichnis 
ist uns in der jahwistischen Bearbeitung leider nicht mehr erhalten. 
Es ist bei der Zusammenstellung des biblischen Textes in Wegfall 
gekommen, weil der Urheber dieses Textes der jetzigen Liste den 
Vorzug gab. Wir besitzen von den Aufzeichnungen nur noch 
kleinere Bruchstucke, die inhaltlich iiber die Angaben des Parallel- 
berichtes hinausgingen. Der Verfasser betonte, daB Seth einen Sofan 
erhielt, den er Enos nannte, und daB man damals mit der Anrufung 
des Namens Jahwe begann. Diese Bemerkung 1 ) geht ebenfalls auf 
das keilinschriftliche Enmen-lu-anna zuriick. Enmen-lu-anna ist der 
erste, der in den altbabylonischen Listen durch seinen Namen als 
der Diener eines Gottes bezeichnet wird. Dies wurde in der israe- 
litischen Zeit auf Jahwe bezogen. Wir sehen also auch hier wieder, 
daB man sich in Palastina mit dem Inhalte der babylonischen Keil- 
schrifttexte ganz eingehend beschaftigte. Ob der Verfasser der 
jahwistischen Angabe die SchluBfolgerung selbst gezogen hat, oder 
ob er sie vorfand, wird sich wohl niemals entscheiden lassen. Fur 
Noe 2 ) gibt er eine Erklarung, die mit der urspriinglichen Bedeutung 
des Namens nichts mehr zu tun hat. 

Da die Sethitenliste mit dem Schopfungsbericht und dem sich 
anschlieBenden Bericht iiber die Sintflut ganz monotheistisch ist, 
kann sie ebenfalls nur auf einen Israeliten zuriickgehen. Die Israeliten 
miissen also die Werke der babylonischen Literatur in der alteren 
Zeit tatsachlich noch selbst benutzt haben. Sie befanden sich, wie 
wir hieraus entnehmen diirfen, offenbar schon in Palastina, als die 



*) Vgl. oben S. 119. 
2 ) Vgl. oben S. 156. 



165 

Keilschrift hier allmahlich durch die Buchstabenschrift verdrangt 
wurde. 

Ueber die Art, in der die Benutzung erfqlgte, und iiber das 
MaB der Entlehnungen braucht zu dem Gesagten kaum noch etwas 
hinzugefiigt zu werden. Es war fiir einen glaubigen Israeliten von 
vornherein selbstverstandlich, daB die Schopfung nur das Werk 
des allmachtigen Gottes sein konnte, den man in Israel als Jahwe 
verehrte. Was von Marduk erzahlt wurde, war also fiir den 
israelitischen Leser in Wirklichkeit nur eine Grofitat des Jahwe. 
Man hatte deshalb gar keine Bedenken, auch den Kampf gegen 
das tosende Meer 1 ) auf ihn zu ubertragen, und sprach von den 
Einzelheiten, soweit sie groB und edel waren, ganz in derselben 
Weise, wie es in Babylon bei einer Verherrlichung des Marduk 
geschah. Auch die Urvater konnten unter diesen Umstanden nur 
als Diener des wahren Gottes betrachtet werden. Das war ganz 
besonders der Fall, wenn es sich um Personlichkeiten handelte, bei 
denen das Verhaltnis zur Gottheit schon im Namen zum Ausdruck 
gebracht war. Enmen-gal-anna, der grofie Priester des Himmels, 
verkiindete nach der Wiedergabe in der Sethitenliste das Lob Gottes; 
Enmen-dur-anna, der Freund des Sonnengottes und des Adad, tritt 
uns in der Bibel als der fromme Henoch entgegen; Enmen-lu-anna 
war als der erste, bei dem dieses anna im Namen hinzugefiigt wird, 
fiir den Verfasser der jahwistischen Texte der erste Verehrer des 
Jahwe. Der Inhalt der keilinschriftlichen Angaben ist uberall nach 
Moglichkeit beibehalten, die Form dagegen, soweit es notwendig 
war, stets gelautert und mit dem religiosen Empfinden der israeli- 
tischen Berichterstatter in Einklang gebracht. Die Uebereinstim- 
mungen treten beim Schopfungsbericht, wo die babylonischen 
Schilderungen so phantastisch erscheinen, fast ganz in den Hinter- 
grund; sie sind dagegen bei den Angaben iiber die Urvater und 
bei der Behandlung der Sintflut in den Einzelheiten sehr auffallend. 
Als die Sintflut beendet war, ging das Konigtum nach dem 
Prisma W.-B. 444 zunachst an die Dynastie von Kis iiber. Diese 
zahlt im ganzen 23 Herrscher, mit einer Regierungsdauer von 
24510 Jahren, drei Monaten und drei und einem halben Tage. Der 
erste von diesen Fiirsten regierte 1200, der zweite 960, der vor- 
letzte 900 und der letzte 625 Jahre. Die Zahl 1200 kommt im 
ganzen dreimal vor. Einmal findet sich die Zahl 1500, und zwar 
an der dreizehnten Stelle bei dem sagenhaften Konige Etana, dem 
,,Hirten, der zum Himmel hinaufstieg, der die feindlichen Lander 
zuverlassig und treu machte". Der niedrigste Ansatz ist 140. Als 
Durchschnitt ergibt sich fur diese Periode nur noch eine Regierungs- 
dauer von ungefahr 1065 Jahren und acht Monaten. Bei den vor- 
sintflutlichen fierrschera betrug der Durchschnitt nach derselben 
Liste nicht weniger als 30 150 Jahre. Die Lebensdauer ist also unter 
den Verhaltnissen, wie sie sich nach der Flut gestalteten, sofort 

A ) Vgl. oben S. 85. 



166 

ungleich kiirzer als vorher. Bei der nachsten Dynastic, der ersten 
Dynastic von Uruk, finden wir dann die Zahlen 32 [4] + 420 + 
1200 + 100 + 126 + 30 + 15 + 9 + 8 + 36 + 6 + 36, die 
zusammen cine Dauer von 2310 Jahren ergeben. Hieran schliefien 
sich so dann vier Konige von Ur, drei Konige von Awan, acht 
Konige der zweiten Dynastic von Kis, ein Konig von yfamasi, drei 
Konige einer zweiten Dynastie von Uruk, vier Konige der zweiten 
Dynastic von Ur, ein Konig von Adab, sechs Konige von Mari, 
ein Konig von Kis, sechs Konige von Aksak, sieben Konige der 
vierten Dynastie von Kis, ein Konig von Uruk, elf Konige von 
Akkad, funf Konige der vierten Dynastie von Uruk, einundzwanzig 
Konige von Gutum, ein Konig von Uruk, funf Konige von Ur und 
vierzehn Konige von Isim. Die Regierungszeit schwankt bis zum 
Konige von Adab zwischen 36 und 360 Jahren. Bei der zweiten 
Dynastie von Kis ist die niedrigste Zahl 180. Die Konige von Mari 
regierten nur 30 + [17] + 30 + 20 + 30 +9 Jahre. Dann folgt 
der Konig von Kis wieder mit 100 Jahren. Die Konige der vierten 
Dynastie von Kis regierten 25 + 400 + 30 + 7 + 11 + 11 + 7 
Jahre. Bei der vierten Dynastie von Uruk haben wir 7 + 6 + 6 + 
5 + 6 Jahre, bei den Konigen von Gutum beschranken sich die 
Angaben sogar auf die bescheidene Summe von 3 + 6 + 6 + 6 + 6 
-5 + 6+15 + 3+3 + 1 + 3 + 2 + 2+1 + 2 + 7 + 7 + 7 
Jahren und 40 Tagen. Wenn wir die Ansatze zusammenfassen, 
dann erhalten wir von der Flut bis zum 11. Jahre des Konigs Sin- 
magir von Isin im ganzen eine Reihe von 32798 Jahren. Damit 
kommen wir fur die Zeit von der Sintflut bis Chrisrus, wenn wir 
als das 11. Jahr des genannten Konigs in runder Zahl das Jahr 2100 
voraussetzen, auf eine Summe von nicht weniger als 34 898 Jahren. 
Das ist im wesentlichen dasselbe Ergebnis, zu dem wir auch an der 
Hand von mehreren Fragmenten aus Nippur gelangen. In einem 
Texte, der im vierten Regierungsjahre des elften Konigs von Isin 
angefertigt war 1 ), zahlte man 134 Konige mit 28 800 + . . . + 60 + 16 
Regierungsjahren; auf einer andern Tafel, die in ihren Zusammen- 
stellungen bis zum Ende der Dynastie reichte 2 ), waren 139 Konige 
mit einer Summe von 32243 Jahren aufgefiihrt. Man war nach 
dem Wortlaute dieser Texte ganz davon iiberzeugt, da6 die 
einzelnen Dynastien stets unmittelbar aufeinander folgten, so da!3 
die Gesamtzahl der Jahre zugleich die Dauer des ganzen Abschnitts 
ergab. Das war auch die Auffassung des Berossus. Er zahlte von 
der Flut bis zur Einnahme Babylons durch die Meder, wie er sich 
ausdruckt 3 ), eine Reihe von 86 Konigen mit einer Regierungszeit von 



*) Poebel, Historical and grammaiical Texts Nr. 2; Historical Texts 
S. 73 if. und S. 9899. 

2 ) Poebel, Historical and grammatical Texts Nr. 4; Historical Texts 
S. 8081 und S. 9899. 

3 ) Es handelt sich um das Volk, dem auch die Bewphner von Gutum 
angehorten. Vgl. Schnabel, Berossos (Nach der Schreibweise von Schnabel!) 
S. 193. 



167 

33 09 1 1 ) Jahren und berichtete dann iiber 21 2 ) Konige der Meder 
mit 224 Regierungsjahren, 1 1 Konige mit 28 oder 48, 49 chaldaische 
Konige mit 458, 9 arabische Konige mit 245 und 45 Konige mit 
526 Jahren, bis im Jahre 730 vor Chr. die babylonische Konigs- 
wiirde dem Tiglatpileser zufiel. 33091 + 224 + 28 + 458 + 245 
-f 526 + 730 = 35 302. 

In der Bibel besitzen wir fiir die erste Periode nach der Flut 
eine ahnliche Zusammenstellung in dem Texte Gen. 11, 10 26, der 
tins von der Nachkommenschaft des Sem erzahlt. Wir finden dort 
ebenso wie in der Sethitenliste eine Reihe von zehn aufeinander- 
folgenden Personlichkeiten, bei denen die Zeit bis zur Geburt des 
Sohnes und dann die Zahl der weiteren Lebensjahre jedesmal in 
zwei verschiedenen Angaben genau hervorgehoben wird. Es 
sind dies 

1. Sem, 

2. Arpachschad, 

3. Schelach, 

4. Eber, 

5. Peleg, 

6. Reu, 

7. Serug, 

8. Nachor, 

9. Terach, 
10. Abram. 

Sem war nach der Angabe des Verfassers bereits 100 Jahre alt, 
als Arpachschad geboren wurde, und lebte dann noch 500 Jahre, so 
daB er ein Alter von 600 Jahren erreichte; Arpachschad war aber 
bei der Geburt seines Sohnes erst 35 Jahre alt und lebte hierauf 
noch 403 Jahre; Schelach stand im Alter von 30 Jahren, als Eber 
geboren wurde, und uberlebte dieses Ereignis um 403 Jahre; Eber 
war 34 Jahre alt und lebte noch 430 Jahre; Peleg stand im Alter 
von 30 Jahren und lebte noch 209 Jahre; Reu war 32 Jahre alt 
und lebte noch 207 Jahre; Serug war 30 Jahre alt und lebte noch 
200 Jahre; Nachor hatte bei der Geburt seines Sohnes erst ein 
Alter von 29 Jahren erreicht und lebte noch 119 Jahre; Terach 
war 70 Jahre alt, als Abram geboren wurde, und starb im Alter 
von 205 Jahren. Die Ansatze sind hier also ebenfalls schon gleich 
im Anfange der Reihe wesentlich niedriger als bei den Patriarchen 
der ersten Periode. Nachdem fur Noe noch ein Alter von 950 Jahren 
vorgesehen ist, bleibt Sem sofort um 350 Jahre hinter ihm zuriick. 
Das Jahr der Vaterschaft ist fiir ihn allerdings noch etwas hoch 
angegeben, aber bei den folgenden Namen sind in dieser Hinsicht 
schon ganz die normalen Verhaltnisse der spateren Zeit voraus- 

*) So bei Eusebius in dem armenischen Texte der Chronik (= SdhMafoel, 
Berossos S. 267, Fragm. Nr. 39). In der Chronographie des Syncellus 
(p. 147, 9 ff. Fragm. Nr. 39 b) sind 34 090 Jahre angegeben. 

2 ) So nadh der S3 r rischen Uebersetzunsg; vgl. Schnabel a. a. O. Der arme- 
uische Text hat 8. 



168 

gesetzt Bei Terach iiberrascht uns dann wieder ein plotzliches 
Emporschnellen auf 70 Jahre. Fiir Arpachschad, Schelach und 
Eber liegt die Lebensdauer zwischen 500 und 400 Jahren; in der 
zweiten Halfte der Liste reicht sie an keiner einzigen Stelle mehr 
iiber 300 Jahre hinaus. Zwischen der Geburt des Sem und der 
Geburt des Abram liegt nach dieser Zusammenstellung nur eine 
Zeit von 390 Jahren. Die Einzelheiten stehen zum Teil noch in 
unmittelbarem Zusammenhange mit der Flut. Eber bezeichnete 
seinen Sohn nach der Stelle Gen. 10, 25 als Peleg oder als ,,Spal- 
tung", weil sich damals die Spaltung oder die Zerstreuung der 
Menschheit vollzog. Die Liste stimmt in ihrer Ausdrucksweise ganz 
mit der Sethitenliste iiberein. In der Volkertafel (Gen. 10, 1 ff.) 
schreibt der Verfasser: Die Sohne des Japheth waren Gomer, 
Magog, Madai usw., in der Geschlechtstafel heiBt es dagegen: 
Arpachschad war 35 Jahre alt, da zeugte er den Schelach, und 
Arpachschad lebte nach der Zeugung des Schelach noch 403 Jahre 
und zeugte Sohne und Tochter. Es fehlt hier, wenn man die 
Sethitenliste vergleicht, bloB die Zusammenfassung: Und alle Tage 
des Arpachschad betrugen 438 Jahre, und er starb. Die Grundform 
ist in den beiden Verzeichnissen genau dieselbe. Die Handlung des 
Vaters wird in diesem Schema jedesmal durch holid ausgedruckt. 
In der Volkertafel gebraucht der Erzahler ebenso wie in der 
Kainitenliste auch bei der Erwahnung des Vaters stets nur das 
einfache jalad. Die beiden Texte stehen in der Bibel in ihrer 
charakteristischen Eigenart ganz fur sich allein. Sie gehen beide 
von dem Gedanken aus, daB die Dauer der betreffenden Periode 
nur nach den Jahren zu berechnen ist, die jedesmal von der Geburt 
des einen Patriarchen bis zur Geburt des andern verflieBen. Dieser 
Gedanke, den manche bewundert und manche fast als selbstver- 
standlich betrachtet haben, mag an und f iir sich gar nicht so fern 
liegen; es ist aber ausgeschlossen, daB mehrere Schriftsteller den- 
selben Gedanken unabhangig voneinander ganz in dieselbe Form 
kleiden. Die Uebereinstimmung ist nur zu begreifen, wenn wir die 
Zusammenstellungen auf denselben Verfasser zurtickfuhren. Die 
Volkertafel ist durch den Gottesnamen, den wir dort in der Charak- 
teristik des Nimrod vorfinden, und durch das haufiger vorkommende 
jalad = erzeugen 1 ) im sprachlichen Ausdruck als vorwiegend jah- 
wistisch erwiesen. Sie steht in der Mitte zwischen den Texten 
Gen. 9,20 27 und 11,1 9, die uns ebenfalls in ihren Angaben 
nur von Jahwe erzahlen. Wenn wir diese jahwistischen Einschal- 
tungen wieder an die Seite schieben, riickt das zweite Verzeichnis 
fast unmittelbar an die Abschnitte, zu denen auch die Sethitenliste 
gehort. Wir erhalten dann eine Zusammenstellung, die in ihren 
Zahlenangaben vom ersten Tage der Schopfung bis zur Geburt des 
Abram reicht. Die Zahlen ergeben dabei ein einheitliches, in sich 
selbst geschlossenes System. Sie sind in der Sethitenliste von den 



V. 8, 13, 15, 24 u. 26. 



169 

Ansatzen der Babylonier abhangig und weisen fiir die zweite 
Periods dieselbe systematische Kiirzung auf, die in den babylo- 
nischen Verzeichnissen unmittelbar nach der Flut ihren Anfang 
nimmt. Die Texte werden also in ihren chronologischen Voraus- 
setzungen erst verstandlich, wenn wir sie ganz miteinander ver- 
binden. In der jahwistischen Darstellung ist auch hier wieder eine 
genauere Datierung nirgendwo vorhanden. Die einzige Bemerkung, 
die in dieser fiinsicht vielleicht einige Beachtung verdient, ist der 
Hinweis auf die Spaltung der Menschheit in den Tagen des Peleg. 
Man betrachtete diese Spaltung, wie die Bibel in ihren Aus- 
drucken deutlich genug hervorhebt, als ein Ungliick, das man durch 
den Bau der Stadt Babylon und durch die Errichtung des gewal- 
tigen Turmes noch abzuwenden gedachte. Das Werk konnte aber 
nicht zu Ende gefiihrt werden, weil Jahwe von der Hohe des 
Himmels herniederstieg und die Sprache der Menschen verwirrte. 
Die Stadt wurde deshalb als Babel oder als ,,Verwirrung" bezeichnet. 

Der Berichterstatter bewegt sich bei dieser Erklarung in den- 
selben Bahnen, die er auch anderswo einschlagt. Wir erinnern in 
diesem Zusammenhange nur an die Umschreibungen fiir Eva (Gen. 
3,20), Kain (4, 1), Seth (4,25), Noe (5,29) und Japhet (9,27). Der 
Name ist fiir ihn die Wiedergabe eines bestimmten Gedankens, den 
er in seiner sprachlichen Form rein auBerlich auf einen lautlichen 
Gleichklang zuruckfiihrt. Was er bietet, ist mitunter richtig, aber 
in den meisten Fallen ein harmloser Fehlgriff. Er gibt uns die 
Deutungsversuche, wie sie damals im Volke verbreitet waren. Man 
beschaftigte sich mit dem Wortlaute des betreffenden Ausdrucks, 
besonders wenn es sich um eine Ortsbezeichnung handelte, und 
suchte dann aus der angeblichen Bedeutung des Namens auf die 
Geschichte zu schliefien. Bei dem Worte Babel glaubte man in 
dieser Weise auf das Verbum balal = mischen oder verwirren 
zuriickgreifen zu diirfen. Im Akkadischen wurde die Stadt als 
Babilu bezeichnet. Dies laBt sich sprachlich nur als Bab-ili oder 
als ,,Tor Gottes" erklaren; es war die wortliche Uebersetzung des 
alteren sumerischen Ka-dingirra, das sich urspriinglich nur auf ein 
bestimmtes Tor an dem Hofe des babylonischen Marduktempels 
Esagila bezog. Dieses Tor, auch das heilige Tor genannt, wurde 
nur geoffnet, wenn die Gotterbilder bei besonderen Gelegenheiten 
in feierlicher Prozession hindurchgefiihrt wurden. Das griechische 
BafivXwv geht auf den Ausdruck Bab-ilani = ,,Tor der Gotter" 
zuriick. 

Der Turm, von dem uns die Bibel erzahlt, kann nur der eigen- 
artige Stufenturm von Esagila gewesen sein. Ein solcher Turm war 
bei einer grofieren Tempelanlage die Regel. Es war seinem Ursprunge 
nach in Wirklichkeit nur ein kiinstlicher Berg, bei dem die Ver- 
jiingung nicht schrag emporstieg, sondern auf quadratischer Grund- 
flache in einer Anzahl von senkrechten Abstufungen erfolgte. Die 
Hohe war im allgemeinen dieselbe wie die Breite der Grundflache. 
Die Zahl der Abstufungen war verschieden; bei dem Turm in 



170 

Babylon waren es sieben. Das untere Stockwerk war hier in der 
spateren Zeit nach den vorhandenen Angaben etwas mehr als 
90 m breit und reichlich 33 m hoch, die zweite Stufe hatte noch 
eine Breite von 78 m und eine Hohe yon gut 18 m, die dritte Stufe 
war etwas iiber 60 m breit und reichlich 6 m hoch, die vierte hatte 
eine Breite von gut 51 m und ebenfalls eine Hohe von gut 6 m, 
die fiinfte Stufe war gut 42 m und die sechste gut 33 m breit; die 
Hohe war auch hier wieder dieselbe wie bei der dritten und vierten 
Stufe. Die siebte Stufe hatte eine Lange von etwas iiber 24 m, 
eine Breite von etwas iiber 21 m und eine Hohe von etwas mehr 
als 15 m. Die Seitenwande waren bei dieser Stufe, die an den 
Himmel heranreichen sollte, in blauer Farbe gehalten. Das Bauwerk 
trug oben einen Tempel, der fur die alteste Zeit, wie man vermutet, 
jedenfalls als das einzige Gotteshaus der ganzen Anlage zu betrach- 
ten ist. Die Ootter batten ihren Wohnsitz auch nach den orien- 
talischen Auffassungen besonders auf den Hohen der Berge. Die 
Fundamente des unteren Stockwerkes konnten durch die Grabungen 
der Deutschen Orient-Gesellschaft 1 ) noch festgestellt und in ihrer 
GroBe genau nachgepruft werden. In der altbabylonischen Zeit ist 
der Bau, wie es scheint, um ein Drittel schmaler und dem- 
entsprechend auch um ein Drittel niedriger gewesen 2 ). 



x ) in der Zeit von 19001914. 

2 ) Vgl. zu den Einzelheiten besonders Th. Domibart, Der Sakralturm, 
I. Teil: Zikkurat, Miinchen 1920; Der Stand des Babelturm-Problems, 
Klio XXI 2, Leipzig 1927, S. 135 174; Der Bafoylonisehe Turm, Der Alte 
Orient XXIX 2, Leipzig 1930. 



171 



V. 

Das Zeitalter des Abraham. 



Wir erwahnten schon, da8 Terach nach den Angaben der Bibel 
bis zum 70. Jahre seines Lebens ohne Nachkommen war. Das war 
nach den Zahlen, die uns sonst in der Liste begegneten, sehr auf- 
fallend; es pa8t aber ganz zu den Ansatzen, die wir auch bei 
Abraham und Isaak vorfinden. Abraham war gerade 100 Jahre alt, 
als Isaak geboren wurde 1 ); Isaak hatte bei der Geburt des Jakob 
em Alter von 60 Jahren erreicht 2 ). 

Bei seiner Einwanderung nach Agypten stand Jakob im Alter 
von 130 Jahren 2 ). Von diesem Zeitpunkte bis zum Auszuge der 
Israeliten aus Agypten vergingen 430 Jahre 4 ); vom Auszuge bis 
zum Beginn des Tempelbaues wird ein Zeitraum von 480 Jahren 
vorausgesetzt 5 ). Der Tempelbau wurde aber nach den vorhandenen 
Angaben 6 ) hochst wahrscheinlich im Jahre 968 in Angriff genom- 
men. Wir erhalten hier also, wenn wir die Zahlen so nehmen, wie 
wir sie vorfinden, von der Geburt des Abram bis zur Geburt des 
Heilandes eine Summe von 100 + 60 + 130 + 430 + 480 + 968 
oder von 2168 Jahren. 

Abram verbrachte die erste Zeit seines Lebens in Ur in Chaldaa. 
Wie lange die Familie sich in Haran aufhielt, wissen wir nicht. 
Als er sich von Haran nach Kanaan begab, stand er im Alter von 
75 Jahren 7 ). 

Beim Eintreten einer Hungersriot ging er mit seinen Angehorigen 
nach Agypten. Nach seiner Riickkehr kam es zu Streitigkeiten mit 
den Hirten des Lot, der sich alsdann in Sodoma niederliefi. 

Hierauf unternahmen ,,Amraphel, der Konig von Sinear, Arioch, 
der Konig von Ellasar, Kedorlaomer, der Kdnig von Elam und 
Tidal, der Konig von Gojim", einen Kriegszug nach dem Lande 
Kanaan, um die Konige von Sodoma und vier andern benachbarten 
Stadten wieder zum Gehorsam zu zwingen. Diese waren dem 



1) Gen. 21, 5. 

2 ) Gen. 25,26. 
a ) Gen. 47,9. 

4 ) Exod. 12,4041. 

5 ) I Kon. 6, 1. 

8 ) Vgl. hieriiber besonder s Fr. X. Kugler, Von Moses bis Paulus, Mxinster 
1922, S. 172 if. 
7 ) Gen. 12,4. 



172 

Kedorlaomer zwolf Jahre hindurch dienstbar gewesen und hatten 
sich dann im dreizehnten Jahre ihren Verpflichtungen entzogen. 
Dafiir sollten sie jetzt im vierzehnten Jahre gestraft werden. 

Abram war damals noch immer ohne Nachkommen. Er nahm 
dann im Alter von 85 Jahren 1 ) die Hagar zu sich, die ihm im 
folgenden Jahre 2 ) den Ismael gebar. 

Der Kriegszug liegt also nach der Darstellung der Bibel 
zwischen dem 75. und dem 85. Lebensjahre des Abram, und zwar 
hochst wahrscheinlich am SchluB dieser Periode, da die ersten 
Jahre durch die Hungersnot, den Aufenthalt in Agypten, den Streit 
unter den Hirten und die Trennung der beiden Verwandten aus- 
gefiillt werden. Das 75. Lebensjahr fallt nach den obigen Ansatzen 
mit dem Jahre 2093 zusammen; das 85. wiirde dem Jahre 2083 
entsprechen. Es fragt sich nur, ob wir berechtigt sind, die Angaben 
iiberall genau nach dem Buchstaben zu nehmen. Wenn wir eine 
Gruppe von Geschichtszahlen betrachten, werden wir stets die 
Beobachtung machen, da8 die Endziffern eine auBerordentlich 
starke Verschiedenheit aufweisen. Die Ereignisse sind von den 
Bezeichnungen im Zahlensystem ebenso unabhangig wie von den 
Bewegungen der Sterne. Wir finden aber bei den Zahlen, mit denen 
wir es hier in der Bibel zu tun haben, an der letzten Stelle nur 
eine 5 oder eine Null. Die Texte erwahnen bei Abraham ein Alter 
von 75, 85 und 100, bei Isaak ein Alter yon 60 und bei Jakob ein 
Alter von 130 Jahren; der Aufenthalt in Agypten wird auf 430 und 
die Zeit vom Auszuge bis zum Beginn des Tempelbaues auf 
480 Jahre angegeben. Man sieht sofort, daB dies der Wirklichkeit 
nicht ganz entspricht. Die Verfasser haben hier Abrundungen vor- 
genommen, die in ihrer Gesamtheit sicher schon eine bedenkliche 
Fehlerquelle darstellen. Hierzu kommt dann noch eine weitere 
Schwierigkeit, die sich aus dem Ursprunge der beiden groBeren 
Zahlen ergibt. Die Angabe liber den Aufenthalt in Agypten klingt 
an und fur sich sehr zuverlassig. Es sind auf jeden Fall mehrere 
hundert Jahre gewesen, und die Zahl 30 erweckt unser voiles 
Vertrauen. Wir diirfen aber nicht iibersehen, daB es sich bei dem 
Ansatze an erster Stelle urn die Zahl 400 handelt. Die Nachkommen 
des Abraham sollten nach Gen. 15, 12ff. voriibergehend in einem 
Lande wohnen, das ihnen nicht gehorte. Sie sollten in diesem 
Lande Sklavendienste leisten 400 Jahre lang. Wenn wir nun in den 
Geschlechtsverzeichnissen der Chronik die Angaben iiber die Nach- 
kommenschaft des Joseph aufschlagen, stoBen wir dort fur diesen 
Zeitraum auf zehn Generationen. Der Verfasser erzahlt uns in dem 
Abschnitt I Chron. 7, 20 ff.: ,,Ephraims Sohne sind Schuthelach, 
dessen Sohn Bered, dessen Sohn Tachath, dessen Sohn Elada, 
dessen Sohn Tachath, dessen Sohn Zabad, dessen Sohn Schuthelach, 
sowie Ezer und Elad. Und die Manner von Gath, die im Lande 
geboren waren, toteten sie, weil sie hinabgezogen waren, um ihr 

*) Gen. 16, 3. 
2 ) Gen. 16, 16. 



173 

Vieh zu nehrnen. Und es trauerte ihr Vater Ephraim viele Tage, 
und seine Briider kamen, ihn zu trosten. Und er ging zu seiner 
Frau, und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn, und er 
nannte ihn Beria, well es geschah, als Leid in seinem Hause 
herrschte. Seine Tochter war Scheera. Diese baute das untere und 
das obere Bethchoron, ebenso Uzzen Scheera. Seine Sohne waren 
Rephach und Rescheph, dessen Sohn Telach, dessen Sohn Tachan, 
dessen Sohn Ladan, dessen Sohn Ammihud, dessen Sohn Elischama, 
dessen Sohn Non und dessen Sohn Jehoschua." Die Zahl der 
Geschlechter begegnet uns hier sogar in einer doppelten Reihe. 
Die eine reicht von Ephraim bis Elad, die andere von Ephraim bis 
Josue. Da die beiden Zusammenstellungen mit Ephraim ihren 
Anfang nehmen, ist die Zeit des Joseph offenbar noch nicht mit- 
gerechnet. Nun wissen wir aber, daB die Erhohung des Joseph 
unmittelbar nach der Deutung der Traume stattfand. Das war in 
dem Jahre, das den sieben fruchtbaren Jahren voraufging. Als er 
dann in der Zeit der unfruchtbaren Jahre seine Briider und seinen 
Vater nach Agypten einlud, fiigte er als Begrtindung hinzu, daB 
die Hungersnot noch fiinf Jahre dauern wiirde. Damit erhalten 
wir fur die Zeit von der Erhohung des Joseph bis zum Einzuge 
der Israeliten eine Spanne von 1 + 7 + 2 Jahren. Diese erganzen 
die 30 Jahre, die zu den zehn Generationen noch hinzukommen, 
ebenfalls zu 40. Das System ist also genau durchgefiihrt. Wir 
haben es im ganzen mit elf Generationen zu tun, bei denen die 
40 Jahre des Joseph um die Zeit bis zum Einzuge der Israeliten 
gekiirzt sind. Wenn man aber fur die Zeit bis zum Auszuge aus 
Agypten nach Generationen rechnete, wird man es auch fur die 
folgenden Jahrhunderte getan haben. Wir haben also bei der 
Zahl 480 auf eine Reihe von zwolf Generationen zu schlieBen. Es 
war ein Abschnitt von 12 X 40 Jahren. Die Uebereinstimmung ist 
hier so auffallend, daB der Zusammenhang kaum noch eines beson- 
deren Beweises bedarf. Wenn wir nun die Aufzeichnungen der 
Chronik vergleichen, finden wir auch hier wieder eine iiberraschende 
Parallele. Wir lesen dort im ersten Buche 5,29 36: ,,Aarons 
Sohne sind Nadab, Abihu, Eleazar und Ithamar. Eleazar zeugte 
den Pinechas und Pinechas den Abischua, Abischua zeugte den 
Bukki und Bukki den Uzzi, Uzzi zeugte den Zerachja und Zerachja 
den Merajoth, Merajoth zeugte den Amarja und Amarja den 
Achitub, Achitub zeugte den Sadok und Sadok den Achimaas, 
Achimaas zeugte den Azarja und Azarja den Jochanan, und 
Jochanan zeugte den Azarja, der Priesterdienste tat in dem Hause, 
das Salomon in Jerusalem erbaute." Wir haben hier, wenn die 
Angaben richtig sind, von dem Tode des Aaron bis zu dem Hohen- 
priester Azarja dreizehn Generationen, die in ihrer Aufeinanderfolge 
durch die Namen Eleazar, Pinechas, Abischua, Bukki, Uzzi, 
Zerachja, Merajoth, Amarja, Achitub, Sadok, Achimaas, Azarja 
und Jochanan bestimmt sind. Dieses Verzeichnis wiederholt sich 
dann in etwas kiirzerer Form im folgenden Kapitel V. 35 38. Der 



174 

Verfasser erzahlt uns dort: ,,Dies sind die Sohne des Aaron: Sein 
Sohn Eleazar, dessen Sohn Pinechas, dessen Sohn Abischua, dessen 
Sohn Bukki, dessen Sohn Uzzi, dessen Sohn Zerachja, dessen Sohn 
Merajoth, dessen Sohn Amarja, dessen Sohn Achitub, dessen Sohn 
Sadok und dessen Sohn Achimaas." Die Liste reicht hier also nur 
bis zum Vater des im vorigen Kapitel an der ersten Stelle genannten 
Azarja. Sie umfaBt in dieser Form, wenn wir Aaron mitzahlen, 
genau zwplf Glieder. Aaron wurde zum Hohenpriester geweiht, 
als man Agypten gerade verlassen hatte. Er bekleidete sein Amt 
vierzig Jahre hindurch, bis unmittelbar vor dem Einzuge in 
Palastina. Der Vertreter des zwolften Geschlechtes ist Achimaas, 
der Vater des ersten Azarja. Dieser ist also der Enkel des Sadok. 
Nun wissen wir aber, daB man in den semitischen Sprachen fur 
Enkel kein eigenes Wort besaB. Man bezeichnete ihn, wenn man 
sich ganz genau ausdriicken wollte, als den Sohn des Sohnes. Wo 
dieses nicht notwendig war, begniigte man sich im Hebraischen in 
der Regel mit dem einfachen ben. Wir diirfen also fur Azarja in 
diesem Falle nur die Bezeichnung als ,,ben Sadok" erwarten. Dieser 
Ausdruck begegnet uns in der Tat an der Spitze des Textes I K6n. 
4, 2 ff., wo die Beamten des Salomon aufgezahlt werden. Wir 
erfahren dort, daB Azarja, der ,,Sohn" des Sadok, der erste unter 
den Priestern war. Es wird hier also dasselbe von ihm ausgesagt, 
was die Chronik von Azarja, dem Sohne des Jochanan, berichtet. 
Diese Angaben sind in der Form, in der sie uns vorliegen, nicht 
miteinander in Einklang zu bringen. Es ist moglich, daB auch der 
zweite Azarja noch unter Salomon tatig war; es ist aber nicht 
moglich, daB er als Enkel des Sadok bezeichnet wird. Wir sind 
also zu der Annahme gezwungen, daB der Verfasser der Konigs- 
biicher wirklich an Azarja, den Sohn des Achimaas, gedacht hat. 
Achimaas nimmt aber sowohl in der ersten als auch in der zweiten 
Liste nach Aaron den elften Platz ein. Wir erhalten hier also, wenn 
wir die Zahlung mit Aaron beginnen, bis zu dem Sohne des 
Achimaas im ganzen zwolf Generationen. Damit finden unsere 
Voraussetzungen ihre voile Bestatigung. Der Verfasser der Konigs- 
biicher hat offenbar schon dieselbe Liste benutzt, die bei den Auf- 
stellungen in der Chronik zugrundeliegt Er sieht aber den Hohen- 
priester, um den es sich hier handelt, nicht in dem zweiten, sondern 
in dem ersten Azarja. Die Liste enthielt dariiber wohl keine 
besonderen Angaben. Die 480 Jahre reichen also im Grunde nur 
bis zur Ernennung des Azarja zum Hohenpriester. Diese fiihrte 
dann auf den Tempelbau und wurde bei der chronologischen Auf- 
stellung zugleich mit dem Anfange des Tempelbaues in Verbindung: 
gebracht. Wir brauchen hier die Vorziige und die Mangel einer 
solchen Berechnung nicht besonders hervorzuheben. Die Angaben 
sind in ihrem Werte durch die Eigenart des Systems wohl aus- 
reichend gekennzeichnet. Das ZeitmaB ist bei diesen Zusammen- 
stellungen durch den Abstand gegeben, der unter noraialen Ver- 
haltnissen zwischen den Eltern und der gleichen Entwicklungsstufe 



175 

des folgenden Qeschlechtes liegt. Dieser Abstand kann unter 
Umstanden weit iiber 40 Jahre hinausgehen; er bleibt aber in den 
meisten Fallen hinter diesem Ansatze zuruck. Wir diirfen also von 
vornherein mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, daB uns die bib- 
lische Chronologic, wenn die Angaben vollstandig sind, urn eine 
Reihe von Jahrzehnten zu weit fiihrt. Die Unterlagen verdienen 
aber im iibrigen unser voiles Vertrauen. Die Geschlechter, mit 
denen man rechnete, sind nicht etwa, wie man vielfach vermutet 
hat, die Erfindungen einer irregeleiteten Systematik; sie sind in den 
Vertretern, die uns vorgeftihrt werden, wirklich vorhanden gewesen 
und haben auch heutzutage noch ein Anrecht auf ernste Beachtung. 
Die Vernachlassigung der Chronik hat sich in der Bibelforschung 
schon oft empfindlich geracht. 

Kedorlaomer, der Konig von Elam, gibt sich durch seinen 
Namen als ein Diener der elamitischen Gottin Lagamara zu 
erkennen. Er steht nach dem Berichte der Bibel an der Spitze der 
feindlichen Konige, so daB die drei andern als seine Vasallen zu 
betrachten sind. 

Unter dem Lande Sinear haben wir in der Bibel stets die Ebene 
am Unterlaufe des Euphrat zu verstehen. Es war die Landschaft 
mit den Stadten ,,Babel, Erech, Akkad und Kalne" 1 ). Babel, die 
spatere Hauptstadt des Landes, war bis gegen das Ende des dritten 
vorchristlicheri Jahrtausends ohne besondere politische Bedeutung 
gewesen. Es war dann die Hauptstadt ernes selbstandigen baby- 
lonischen Herrscherhauses geworden, der sogenannten Dynastie von 
Amurru 2 ), die 300 Jahre am Ruder blieb und im ganzen elf Konige 
aufweist. Die Herrschaft dieser Fiirsten beschrankte sich zunachst 
auf das Gebiet von Babylon, bis der sechste unter ihnen, der 
umsichtige und erfolgreiche Chammurabi, das Land ganz in seinen 
Besitz brachte. Er besiegte in seinem 29. und 30. Regierungsjahre 
die Elamiten, die nicht nur den Osten, sondern auch den Suden 
des Landes beherrschten, eroberte Larsa, das seit mehr als 70 Jahren 
in ihren Handen war, und stiirzte seinen Gegner Rim-Sin, der in 
dieser Stadt seit 61 Jahren regiert hatte. Seine Macht erstreckte 
sich in den letzten Jahren seines Lebens iiber das ganze Gebiet 
von ,,Sumer und Akkad", iiber den Siiden mit seiner sumerischen 
Kultur und iiber die semitisch redende Bevolkerung im Norden des 
Landes. 

Der erste Konig dieser Dynastie war Sumuabu, der zweite fiihrte 
den Namen Sumulailu. Sumuabu war nach einer babylonischen 
Aufzeichnung 3 ) ein Zeitgenosse des Konigs Ilusuma von Assyrien, 
und sein Nachfolger wird in einer aus Assur stammenden syn- 
chronistischen Konigsliste 4 ) mit Erisu, dem Sohne des Ilusuma, 



J ) Gen. 10, 10. 

2 ) der ,,Amcw:iterdyiiastie". 

3 ) King", Chronicles concerning early Babylonian Kings II S. 14 u. S. 119. 

4 ) Ass. 4128 Kol. IV Z. 1720, bei Weidner, Die Konige von Assyrien. 
Mitteilungen der Vorderasiat.-Agypt. Gesellsch. 1921, Heft 2, S. 16. Die Tafel 



176 

zusammengestellt. Erisu starb nach einer anderen Angabe 1 ) 159 + 
580 = 739 Jahre vor der Zeit des Konigs Salmanassar I., der um 
das Jahr 1280 vor Chr. 2 ) zur Herrschaft gelangte. 1280 4- 739 = 
2019. Das fiihrt uns fiir Ilusuma auf die Zeit von etwa 2056 2040 3 ) 
und wiirde fiir Sumuabu, wenn wir die Thronbesteigung der beiden 
Fiirsten in dasselbe Jahr verlegen, eine Regierungszeit von etwa 
20562043 und fiir Chammurabi die Zeit von etwa 19541912 
ergeben. 

Nun wissen wir aber, daB man spater in Babylon am Hofe des 
Nabuna'id, wo man in geschichtlichen Fragen gut unterrichtet war, 
von Chammurabi bis zum Konige Burnaburiasch II. einen Abstand 
von 700 Jahren annahm. Wir erfahren dies aus zwei verschiedenen 
Texten 4 ), die uns beide von dem Neubau des Sonnentempels in 
Larsa erzahlen. Der Tempel war von Chammurabi, dessen Urkunde 
man noch vorfand, nach der iibereinstimmenden Angabe der beiden 
Texte ,,700 Jahre vor Burnaburiasch" auf einer noch alteren Grund- 
lage errichtet worden. Das kann erst nach dem 30. Jahre seiner 
Regierung gewesen sein, da die Stadt vorher noch nicht in seinem 
Besitze war. Burnaburiasch muB aber nach den El-Amarna-Tafeln 
kurz vor der Thronbesteigung des Konigs Amenophis IV., also 
wahrscheinlich kurz vor dem Jahre 1380 s ), zur Herrschaft gekom- 
men sein. Wenn wir nun annehmen, daB er den Bau vielleicht schon 
im ersten Regierungsjahre begann, und wenn wir bei Chammurabi, 
der wohl gleich nach der Eroberung die Priesterschaft und das 
Volk zu gewinnen suchte, an das 31. Jahr seiner Regierung denken, 
dann erhalten wir fiir diesen Zeitpunkt als friihesten Termin unge- 
fahr das Jahr 2080. Wir diirfen aber bei unsern SchluBfolgerungen 
nicht iibersehen, wie der Ansatz in Wirklichkeit entstanden ist. 
Die Urkunde des Chammurabi war sicher in dem Stile gehalten, 
der damals bei derartigen Texten allgemein ublich war. Sie hob 
also hervor, daB Chammurabi, der machtige Konig, der Konig von 
Babylon usw., den Tempel erbaut hatte, enthielt aber iiber das 
Jahr, in dem dieses geschehen war, keine Mitteilung. Wenn Nabu- 
na'id also betont, daB Chammurabi den Tempel 700 Jahre vor 
Burnaburiasch errichtete, so kann das nur ein Hinweis auf die 



foefindet sich jetzt im Museum zu rKonstantinopel und tragt dort die Bezeich- 
nung ,,Assur 14 616 c". Eine nach besseren Photographien von Weidner 
besorgte Neuaiisgabe des Textes im Archiv fiir Orientforsohung iBd. Ill (1926), 
S. 66 ff . 

4 ) Die Insehriften der .altassyrischen Konige, bearbeitet von EbeEng, 
MeiBner und Weidner, Altorientalisehe Bibliothek, Erster ^Band, Leipzig 1926, 
S. 120121. 

2 ) So nach Weidner in den Konigslislen 'bei MeiBner, Babyloniien und 
Assyrien, Zweiter Band, S. 451, und im Archiv fiir priantforsdhun'g, Bd. IV 
(1927), S. 16. Forrer kommt im Reallexikon der Assyriolpgie, herausgeg. von 
Ebeling und MeiBner, Erster Band, S. 264 bei der Bearbeitung der assyrischen 
Konigsgeschichte auf das Jahr 1266. 

3 ) So Weidner. Forrer rechnet mat einer Regierungszeit von 2050 2024. 
*) Langdon, Die neubabylonischen Konigsinschriften S. 234 ff. u. S. 242 ff. 

5 ) S. oben S. 45. 



177 

Regierungszeit im allgemeinen sein, der fur das Jahr, in dem der 
Bau stattfand, gar nichts bedeutet. Der Ansatz geht offenbar auf 
eine Konigsliste zuriick, die von den Archaologen des Nabuna'id 
zu Rate gezogen wurde. In dieser Liste betrug der Abstand vom 
Regierungsantritt des Chammurabi bis zum Regierungsantritt des 
Burnaburiasch ungefahr 700 Jahre. Wir wiirden also hochstens zu 
der Annahme berechtigt sein, daB Chammurabi um das Jahr 2080 
zur Herrschaft gelangte. Das wiirde uns fiir den Anfang der 
Dynastie auf das Jahr 2182 fiihren. 

In den Aufzeichnungen des Berossus war die Dynastie von 
Amurru, wie es scheint, in keiner Weise besonders gekennzeichnet. 
Es wird nur hervorgehoben, daB die Meder die Stadt Babylon 
eroberten und dort 224 Jahre regierten. Hierauf folgten dann bis 
zum Jahre 730, wo Tiglatpileser Konig von Babylon wurde, 
1 1 Konige mit 28 oder 48, 49 Konige mit 458, 9 Konige mit 245 
und 45 Konige mit 526 Regierungsjahren 1 ), so daB wir von der 
Eroberung bis auf Christus einen Abstand von 2212 oder 2232 
Jahren erhalten. 

Wir wiirden auf diese Zahlen, wenn sie ganz fiir sich allein 
standen, vielleicht kaum einen besonderen Wert legen. Sie beriihren 
sich aber in eigenartiger Weise mit einer andern Angabe, die eben- 
falls aus Babylon stammt und ungefahr derselben Zeit angehort. 
Als Alexander der GroBe nach der Eroberung des Perserreiches 
die Stadt in seinen Besitz gebracht hatte, erhielt Aristoteles durch 
seinen Neffen Kallisthenes genauere Mitteilungen iiber die dort 
vorhandenen astronomischen Beobachtungen, die sich, wie man 
erzahlte, iiber einen Zeitraum von 1903 Jahren erstreckten 2 ). Das 
kann friihestens in den letzten Monaten des Jahres 331 und spate- 
stens im Jahre 327 geschehen sein, wo Kallisthenes im Kerker 
seinen Tod fand. Dies fiihrt uns also, wenn wir die 1903 Jahre 
hinzuzahlen, fur den Anfang der Beobachtungen in die Zeit von 
2234 2230. Das deckt sich genau mit den Voraussetzungen des 
Berossus. Er rechnete fiir die 11 Konige der zweiten Dynastie 
offenbar mit einer Zeit von 48 Jahren, so daB wir uns nicht fur 
das Jahr 2212, sondern fiir das Jahr 2232 zu entscheiden haben. 
Dies gait in der Perserzeit, wie wir aus der Uebereinstimmung 
entnehmen miissen, als das Griindungsjahr des alten babylonischen 
Reiches. Man dachte bei dieser Griindung, wie sich aus den Worten 
des Berossus ergibt, offenbar an eine Eroberung. Ob dieses richtig 
ist, mag dahingestellt bleiben; die Frage ist fur die Datierung ganz 
ohne Bedeutung. Wenn wir aber den Anfang der Dynastie in das 
Jahr 2232 verlegen, erhalten wir fiir die Thronbesteigung des 
Chammurabi nach den keilinschriftlichen Zahlenangaben das 
Jahr 2130. Dieser Satz geht iiber das Ergebnis, zu dem wir im 
AnschluB an die Texte des Nabuna'id gelangten, um ungefahr 



*) Vgl. oben S. 166167. 

2 ) Simplicius in setnem Kommentar zu Aristoteles De Coclo II, 12 {ed. 
I. L. Heiberg p. 506). 

12 



178 

60 Jahre hinaus. In dem Texte des Salmanassar batten wir es mit 
einem Ansatze zu tun, der hinter dieser Berechnung um 120 Jahre 
zuriickblieb. 

Wenn die Schwankung nicht so groB ware, lieBe sie sich wahr- 
scheinlich ohne besondere Schwierigkeiten durch eine Gruppe von 
astronomischen Angaben beseitigen, die uns fur Ammisaduga, den 
zehnten Konig der ersten Dynastic, zur Veriiigung stehen. Wir 
besitzen namlich auf einigen astrologischen Tafeln noch eine 
zusammenfassende Deutung der Bewegungen der Venus, wie man 
sie in den 21 Regierungsjahren dieses Konigs beobachtet und 
sorgfaltig niedergeschrieben hatte. Man hatte das Aufgehen und 
das Verschwinden der Venus mit den Ereignissen in Verbindung 
gebracht, die man in den betreffenden Jahren zu verzeichnen hatte, 
und auf dieser Grundlage allgemeine Regeln aufgestellt, die einen 
Einblick in die Geheimnisse der Zukunft ermoglichen sollten. So 
war z. B. im sechsten Jahre des Ammisaduga die Venus am 
28. Arahsamnu im Westen verschwunden und drei Tage spater, 
am 1. Kislimu, im Osten wieder hervorgetreten. Das geniigte dem 
Verfass.er, um unter Beriicksichtigung der damaligen Zeitverhaltnisse 
die Regel aufzustellen: ,,Wenn die Venus am 28. Tage des Arah- 
samnu im Westen untergeht, drei Tage lang am Himmel fortbleibt 
und am 1. Kislimu im Osten wieder aufleuchtet, wird Mangel an 
Getreide und Stroh im Lande sein und eine Verwiistung angerichtet 
werden." Der Text behandelt in dieser Weise 21 verschiedene Mog- 
lichkeiten, die in ihrer Zahl genau den 21 Regierungsjahren des 
Konigs entsprechen 1 ), und enthalt an der achten Stelle, wie der 
Jesuitenpater Franz Xav. Kugler 2 ) zuerst erkannt hat, im Anfange 
der Zeile eine Datierungsformel, die nach andern Angaben als die 
Formel fur das achte Jahr seiner Regierung in Gebrauch war. 
Damit war theoretisch die Moglichkeit gegeben, die Zeit des 
Amisaduga astronomisch genau festzulegen. Die Erscheinungen 
wiederholen sich mit einer geringen, sich stets gleichbleibenden 
Verschiebung in einem Zyklus von acht Jahren. Die Verschiebung 
betragt in sieben Zyklen etwas weniger als emen Monat, so daB 
wir nach einem Zeitraum von 7X8 56 oder von 8X8 = 64 Jahren 
stets wieder auf dasselbe Datum kommen. Wir haben also, wenn 
die Bewegungen aus den Angaben einwandfrei zu ermitteln sind, 
vor allem noch die zweite Frage zu beantworten, in welcher Periode 
der Abschnitt fiir die Regierungszeit des Konigs tatsachlich unter- 
zubringen ist. Die Schwierigkeit wird aber noch groBer, weil die 
Beobachtungen nur mit freiem Auge gemacht wurden und der 
Wirklichkeit nicht vollstandig entsprechen. Sie bediirfen deshalb an 
mehreren Stellen einer Verbesserung, die sich aber stets nur auf 
Vermutungen aufbaut. Es war auch bei der groBten Gewissen- 
haftigkeit nicht immer moglich, den Stem gerade beim ersten 



*) Das 18. Jahr ist allerdings ausgefallen. 

2 ) Siernkunde und Sierndienst in Babel, Munster i. W. 1907 ff., II. 
ILTeil, 1. Heft, Munster 1912, S. 257 if. 



179 

Erscheinen zu erblicken, und es wird dem Forscher niemals 
gelingen, die Storungen iiberall genau zu erschlieBen und im 
einzelnen richtig einzuschatzen. Er kann sich bei seinen Unter- 
suchungen stets nur die Frage vorlegen, ob die Abweichungen eine 
Gleichsetzung mit seinen astronomischen Ermittelungen noch 
zulassen oder nicht. Hierzu kommt bei den Angaben fast iiberall 
noch die weitere Frage, wo der Monat im Laufe des Sonnenjahres 
genau seinen Platz hatte. Das Sonnenjahr hatte 365, das Mondjahr 
aber nur 354 Tage. Das macht einen Unterschied von 1 1 Tagen, der 
bekanntlich durch Schaltmonate wieder ausgeglichen wurde. Man 
fugte, wenn es notwendig erschien, entweder einen zweiten Adar 
oder einen zweiten Ulul ein. Der Konig Ammisaduga hatte eine 
besondere Vorliebe fiir die Wiederholung des Ulul. Der Adar 
wurde unter seiner Regierung nach den vorhandenen Urkunden im 
4. und im 20. Jahre wiederholt, der Ulul ist fiir das 5., 10., 11., 14. 
und 19. Jahr seiner Regierung als Schaltmonat nachgewiesen. Durch 
diese Schaltungen treten auBergewohnliche Verschiebungen ein, die 
in jedem Falle genau zu beriicksichtigen sind. Diese waren aber im 
Jahre 1912, wo Kugler mit seinen Ausfiihrungen hervortrat, fiir die 
damalige Zeit im einzelnen noch gar nicht festgestellt. 

Da der Konig nur im Anfange des zweiten vorchristlichen Jahr- 
tausends gelebt haben konnte, beschrankte Kugler sich bei seinen 
Untersuchungen auf die Zeit von 2080 1740. In dieser Zeit kamen 
fiir den Ansatz nach seinen Berechnungen nur vier Moglichkeiten 
in Betracht, die alle den astronomischen Anforderungen in gleicher 
Weise entsprachen. Der Regierungsantritt konnte nach diesen Vor- 
aussetzungen in das Jahr 2041 40, 1977 76, 1857 56 oder 
1801 00 fallen. Kugler entschied sich nun im AnschluB an die 
babylonische Ueberlieferung zunachst fiir die zweite Moglichkeit, 
die fiir den Regierungsantritt des Chammurabi das Jahr 2123 und 
fiir den Anfang der Dynastie das Jahr 2225 ergab. Er hebt aber 
ausdriicklich hervor, daft er diesen Ansatz noch nicht als endgiiltig 
betrachtet. ,,Es kann sich", so fiigt er hinzu, ,,nur noch darum 
harideln, zii untersuchen, ob nicht eine Verschiebung von 56 
(bzw. 64) Jahren oder einem einfachen Multiplum dieses Betrages 
vorgenommen werden miiJBte" 1 ). Diese Einschrankung kommt jedoch . 
in der ganzen Darstellung so wenig zur Geltung, daB sie in der 
ersten Zeit fast gar nicht beachtet wurde. Die Geschichtsforscher 
stellten sich ebenso wie die Vertreter der Keilschriftforschung mit 
vollem Vertrauen auf den Boden der angegebenen Berechmmg. 
Kugler begann aber schon nach drei Jahren, wie er spater erzahlt 2 ), 
an der Richtigkeit seiner Voraussetzungen zu zweifeln. Er muBte 
sich davon uberzeugen, daB die Lage der Monate, die sich bei 
diesem Ansatz ergab, mit den Angaben in den Pacht- und Ernte- 
kontrakten aus der damaligen Zeit, soweit sie ihm bekannt wurden, 



*) S.298. 

2 ) Von Moses bis Pautus, Minister 4922, S. 498. 

12* 



180 

nur schwer in Einklang zu bringen war. Die Termine lagen beson- 
ders fur die Zeit der Dattelreife, wie es schien, auBerordentlich 
spat. Das veranlaBte ihn schlieBlich, den Ansatz ganz fallen zu 
lassen und sich mit derselben Entschiedenheit auf den Standpunkt 
der vierten Moglichkeit zu stellen, die fiir den Regierungsantritt des 
Chammurabi auf das Jahr 1947 und fiir den Anfang der Dynastic 
auf das Jahr 2049 fiihrte 1 ). 

Im Jahre 1916 berichtete E. Weidner in seinen Studien zur 
assyrisch-babylonischen Chronologic und Geschichte 2 ) schon iiber 
das Ergebnis einer Nachpriifung, die er nach spateren Angaben 3 ) 
mit Professor Neugebauer, dem hierbei der astronomische Teil der 
Arbeit zufiel, an den Ausfiihrungen von Kugler vorgenommen hatte. 
Da er der Veroffentlichung, die damals beabsichtigt war, nicht 
vorgreifen wollte, beschrankt er sich auf die Mitteilung, daB als 
das erste Jahr der Dynastie nach den Untersuchungen wahrschein- 
lich das Jahr 2057 in Betracht komme. Dieser Ansatz unterscheidet 
sich von der Auffassung, zu der auch Kugler sich nach dem 
Gesagien in den folgenden Jahren hindurcharbeitete, nur um den 
einmaligen Zyklus von acht Jahren. Die Einzelheiten sind aber 
menials bekannt geworden. Die Drucklegung war wegen der 
Schwierigkeiten, die der Krieg mit sich brachte, leider nicht mehr 
moglich. Das Manuskript ist mit den Berechnungen von Neugebauer 
im Revolutionsjahre 1918 verloren gegangen 4 ), und Neugebauer ist 
selbst noch im Dezember 1918 gestorben. 

Im Jahre 1923 erfahren wir, daB der Oxf order Astronom John 
Knight Fotheringham, der mit Langdon zusammenarbeitete, auch 
den zweiten Losungsversuch von Kugler aus astronomischen Griin- 
den als einen Fehlgriff betrachtete 5 ). Die beiden Forscher ent- 
schlossen sich deshalb, samtliche Fragen noch einmal durchzu- 
arbeiten und die Zweifel nach Moglichkeit zu beseitigen. Fothering- 
ham zog zu den Untersuchungen auch den deutschen Astronomen 
Karl Schoch heran, der voriibergehend als Assistent bei ihm tatig 
war, und Langdon konnte bei der textkritischen Bearbeitung der 
Angaben die wertvollen Feststellungen von Schnabel benutzen, die 
iiber die von Kugler geschaffenen Grundlagen zum Teil wesentlich 
hinausfiihrten. Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Arbeit wurden 
dann in einem Werke niedergelegt, das in der schwierigen Frage 
wohl die endgiiltige Losung bedeutef). Die Verfasser suchten, 



*) Von Moses bis Paulus S. 49Q f f. ; Sternkunde und Sierndienst, II, Buch, 
II. Teil, 2. Heft, Miinster 1924, S. 563 ff. 

2 ) Mitteilungen der Vorderasiaf. Gesellsch. 1915, Heft 4, S. 24. 

3 ) zuerst in den Mitteilungen der Vorderasiat.-Agypt. Gesellsch. 1921, 
Heft 2, S. 41. 

*) Vgl. hieriiber die Mitteilung von Schnabel in der Zeitschr. der Deut- 
schen Morgenl. Ge&ellsch., Neue Folge, Bd. 3, 1925, S. 11213. 

5 ) Oxford Editions of Cuneiform Texts, Vol. II, The Weld-Blundell Collec- 
tion, vol. II, Preface. 

6 ) S. Langdon, M. A., and J. K. Fotheringham, M. A. D. li-tt., The Venus 
Taiblets of Ammizaduga, a solution of Babylonian chronology by means of the 



181 

soweit es sich um die entscheidende SchluBfolgerung handelt, fiir die 
in Betracht kommende Periode zunachst die Monate genau fest- 
zulegen und sich dann im einzelnen ein Urteil dariiber zu bilden, 
wie die astronomischen Beobachtungen sich mit ihren Datierungen 
am besten in dieses System hineinfiigten. Dabei ergab sich fiir den 
an dreizehn Stellen hervorgehobenen ostlichen Aufgang der Venus, 
wenn man den ersten Ansatz von Kugler zugnmdelegte und iiber 
eine Abweichung von hochstens einem Tage hinwegsah, eine zehn- 
malige Uebereinstimmung, bei dem Ansatze von Weidner eine 
Uebereinstimmung in fiinf Fallen und bei der spateren Annahme 
von Kugler ein Zusammentreffen in drei Fallen. Fotheringham 
entschied sich aber schon aus rein astronomischen Griinden 1 ) nicht 
fiir den zuerst genannten Vorschlag von Kugler, der fiir Ammisa- 
duga eine Regierungszeit von 1977 1956 voraussetzte, sondern 
fiir die Zeit von 1921 1900, die sich um 56 Jahre von diesem 
Ansatz entfernt. Bei dieser Einfugung konnte er eine genaue 
Uebereinstimmung fiir das 1., 6., 14. und 21. Regierungsjahr und 
auBerdem noch fiir sieben Beobachtungen ein Zusammentreffen mit 
einer Abweichung von hochstens einem Tage feststellen, so daB der 
Unterschied nur in zwei Fallen iiber einen Tag hinausging. Dies 
fiihrte dann fur den Anfang der Dynastie auf das Jahr 2169 und, 
fiir Chammurabi auf die Zeit von 2067 2024. Fur die Konstellation 
im 6. Jahre des Ammisaduga kommen in den drei letzten vorchrist- 
lichen Jahrtausenden, wie Schoch schon im Jahre 1924 auf Grund 
seiner eigenen, damals noch unveroffentlichten astronomischen 
Tafeln bekanntgeben konnte 2 ), im ganzen nur zwei Jahre in Betracht, 
und zwar die Jahre 197271 und 191615. Das Jahr 197271 
fallt mit dem alteren Vorschlage von Kugler zusammen, das Jahr 
1916 15 deckte sich mit den Festlegungen, zu denen Fotheringham 
damals gelangt war. Dieser Ansatz wurde dann durch die Datie- 
rungen in den Kontrakten und durch das Verhaltnis dieser Daten 
zu den Erscheinungen im Laufe eines gewohnlichen babylonischen 
Wirtschaftsjahres in jeder Weise bestatigt. 

Der Konig von Babylon war zur Zeit des Kriegszuges, wie oben 
schon betont wurde, ebenso wie der Konig von Ellasar nach der 
biblischen Darstellung noch ein Vasall des Konigs von Elam. 
Dieses Verhaltnis dauerte nur bis zum 29. Regierungsjahre des 
Chammurabi. Der Kriegszug muB also, wenn wir an dem Ansatze 
festhalten, noch vor dem Jahre 2039 stattgefunden haben. Die 
biblischen Angaben fiihren uns dagegen, wie wir gesehen haben, 
bis in die Zeit kurz vor dem Jahre 2083. Das macht einen Unter- 
schied von etwa 45 Jahren. Es muB uns aber vorlaufig noch 



Venus observations of the first dynasty. With Tables of Computation by Carl 
Schoch. Oxford University Press 1928. 

*) Vg-1. hierfiir besonders die ersten genaueren Mitteilungen bei Langdon, 
Oxford Editions etc., Preface S. Ill Arnn. 1. 

-) Astronomische Nachrichteii 222 S. 27 f . ; Scha'umberger, Die Chronologic 
der Hammurabi-Zeit nach neueren Forscbungen, Biblica X (1929), S. 336. 



182 

geniigen, diesen Unterschied besonders hervorzuheben. Die Er- 
klarung wird sich erst spater ergeben. 

Die einzige Schwierigkeit, die auBerdem noch unsere Beachtung 
verdient, ist die abweichende Bezeichnung des Konigs von Babylon. 
Die Bibel nennt ihn Amraphel, die keilinschriftlichen Texte bieten 
an ungezahlten Stellen die Form hja-am-mu-ra-bi. Bei dieser Zeichen- 
verbindung ist nur das bi in der Aussprache nicht ganz eindeutig; 
es war in der damaligen Zeit in Babylonien auch fiir pi in Gebrauch. 
Wir haben also, wenn wir die Schriftzeichen ins Auge fassen, bloB 
die Wahl zwischen FJammurabi und FJammurapi. Der Anlaut der 
ersten Silbe entspricht in dieser Schreibung dem harteren semi- 
tischen F/eth, so daB im Deutschen nur die Wiedergabe in Betracht 
kommt, die dem Leser bei unsern Ausfuhrungen bisher schon 
begegnet ist. Das weichere Fleth war im Akkadischen nicht mehr 
vorhanden. Man sprach es bei Lehnwortern, soweit es nicht ganz 
iiberhort wurde, ebenfalls als ein gewohnliches ch. Da der Name 
semitischen Ursprunges ist, laBt der zweite Bestandteil sich ohne 
Schwierigkeit auf rabu zuriickfuhren. Es ist dieselbe Bildung, die 
sich z. B. auch in Ilurabi, Adadrabi, Anurabi, Sinrabi und Samsu- 
rabi vorfindet. Wir nennen hier absichtlich nur Beispiele aus den 
Urkunden der altbabylonischen Zeit. Damit ist die babylonische 
Aussprache fiir die damalige Zeit gegen jedes Bedenken sicher- 
gestellt. Nun besitzen wir aber noch einen Brief aus der Zeit der 
spateren assyrischen Konige 1 ), der den Trager des Namens an zwei 
verschiedenen Stellen 2 ) als Am-mu-ra-pi bezeichnet. Der Verfasser 
berichtet in seinen Angaben iiber eine Urkunde des Chammurabi, 
die er selbst aus Babylon gebracht hatte. Da die Urkunde den 
Namen sicher in einer andern Form bot, konnen wir in der Wieder- 
gabe durch Am-mu-ra-pi nur die Aussprache vermuten, die damals 
in Assyrien verbreitet war. Diese steht dem biblischen Amraphel 
wesentlich naher. Sie unterscheidet sich im Grunde nur durch das 
Fehlen des abschlieBenden Lamed. Dieser Laut muB in Palastina, 
wie wir annehmen diirfen, an die einfachere Form herangetreten 
sein. Das geschah aber nicht etwa durch die Fliichtigkeit eines 
Schreibers, sondern durch einen Deutungsversuch, der zu einer 
Gleichsetzung mit einer in dieser Weise gebildeten hebraischen 
Bezeichnung fiihrte. Man wurde durch das in dem zweiten Teile 
des Namens vorhandene ra-pi zunachst an das akkadische arapu = 
dunkel werden erinnert. Die Volksetymologie ist in ihren Voraus- 
setzungen sehr anspruchslos; sie begniigt sich in der Regel mit 
der Feststellung eines auBeren Gleichklanges. Dieser konnte hier 
kaum iiberhort werden. Es war zugleich dife einzige Parallele, die 
sich in dieser Hinsicht zu bieten schien. Das geniigte. Man griff 
also, wie wir. hieraus entnehmen diirfen, ohne Bedenken auf dieselbe 
Bezeichnung zuriick, die auch in irpu irpitu = urpatu = Wolke 



A ) Harper, Letters Nr.255. 
2 ) Z. 8 und Z. 10. 



183 

und in arapu = issur raehu Sturmvogel vorliegt. Dies fiihrte 
dann im Hebraischen zu~einer Verschmelzung mit dem gleich- 
bedeutenden und ebenfalls auf diese Wurzel zuriickgehenden 
'araphel. Die Form ist also schon zu einer Zeit entstanden, wo 
man sich in Palastina noch eingehend mit dem Akkadischen 
beschaftigte. 

Der Konig von Ellasar, der in der Bibel in diesem Zusammen- 
hange genannt wird, kann nach der damaligen Lage der Dinge 
nur der Konig yon Larsa gewesen sein. Er begegnet uns, obwohl 
elamitischer Herkunft, in den keilinschriftlichen Urkunden iiberall 
unter dem semitischen Namen Rim-Sin, der ihn, wenn man die 
beiden Bestandteile wortlich iibersetzt, als den ,,Wildstier des 
Mondgottes" erscheinen laBt. Das ist um so atiffallender, weil die 
Texte, die wir von mm besitzen, noch samtlich in der alten sume- 
rischen Sprache geschrieben sind. Die semitische Bezeichnung 
erscheint hier als etwas Fremdes, das sich in die Darstellung nicht 
ganz hineinfiigt. Der erste Teil ist in der Regel phonetisch aus- 
gedriickt, der Gottesname wird dagegen in den vorhandenen Texten 
stets durch ein Ideogramm angedeutet, so daB man fiir Sin ebenso 
gut eine andere Bezeichnung des Mondgottes einsetzen konnte. Nun 
wissen wir aber, daB im Sumerischen auch die Wiedergabe durch 
Aku 1 ) gestattet war. Man konnte also mit derselben Berechtigung 
auch Rim-Aku lesen. Dies ware im Hebraischen, wo wir fiir das 
m in der spateren Aussprache die Wiedergabe durch w erwarten 
mussen, bei normaler Entwickelung je nach der Betonung entweder 
zu Riwach oder zu Riwoch geworden. Das deckt sich ganz mit 
den Schriftzeichen der Bibel. Der Vokal, der in der ersten Silbe 
voraufgeht, ist ebenso wie der Anlaut in Ellasar unter dem EinfluB 
der nachfolgenden Liquida entstanden. 

Man hat in dem Rim, das uns in den Texten begegnet, vielfach 
eine Kurzung fiir das sumerische erim = eri = Diener erblickt. Das 
wiirde, wenn man die hebraische Schreibung ins Auge faBt, an und 
fiir sich ebensogut moglich sein. Die Annahme geht aber von 
Voraussetzungen aus, die einer Einschrankung bedurfen. Im Sume- 
rischen pflegte man den Diener gewohnlich als uru oder ur zu 
bezeichnen. Eri begegnet uns in dieser Bedeutung nur in den 
sogenannten Eme-sal-Texten. Es ist aber mindestens sehr zweifel- 
haft, ob wir die Formen der Eme-sal-Texte zur Erklarung von 
Eigennamen iiberhaupt heranziehen diirfen. Man findet in den 
Urkunden aus der altbabylonischen Zeit eine fast uniibersehbare 
Menge von Namen, die mit uru oder ur beginnen, und zwar in 
einer Schreibung, bei der die Aussprache einwandfrei feststeht. Die 
Wiedergabe durch eri laBt sich dagegen in den Texten nirgendwo 
nachweisen. 

Der Name Tidal, hebraisch Tid'al, gibt sich in dieser Schreibung 
sofort als chethitisch zu erkennen. Er deckt sich in seinem Laut- 



Eteimel, Pantheon Babyl. Nr. 61. 



184 

bestande, wenn wir die Konsonanten miteinander vergleichen und 
iiber die Endung hinwegsehen, genau mit dem Namen Tudhalijasch, 
der bei den Chethitern wiederholt als Konigsname vorkommt. Die 
Chethiter hatten zur Zeit, wo sie in die Gesehichte eintreten, ihre 
Wohnsitze im Innern von Kleinasien, in der Gegend des jetzigen 
Angora. Sie dehnten dann ihre Herrschaft bis nach Syrien und 
Mesopotamien aus und drangen sogar bis nach Babylon vor, wo 
sie den funften Nachfolger des Chammurabi, den Konig Samsudi- 
tana, vom Throne vertrieben und dadurch der Dynastie ein ruhm- 
loses Ende bereiteten. Babylon wurde damals zerstort, und die 
Gefangenen wurden mit der Beute zur chethitischen Hauptstadt 
gebracht. Das war unter dem Konige Murschilisch I., dem zweiten 
Nachfolger des Labarnasch, der als der eigentliche Begriinder der 
chethitischen GroBmacht betrachtet wurde. Labarnasch war seiner- 
seits wieder der Sohn des Puscharma und der Enkel des Konigs 
Tudhalijasch I 1 ). Wir erhalten also von Tudhalijasch bis Murschi- 
lisch im ganzen fiinf Generationen. Damit kommen wir fur Tud- 
halijasch tatsachlich in die Zeit des Chammurabi. 

Die Angaben der Bibel gehen also, soweit es sich um die vier 
Konige handelt, auf eine sichere und zuverlassige Ueberlieferung 
zuriick. Die Bibel kennt noch die Namen der Fiirsten, die zur Zeit 
des Abraham in den feindlichen Landern regierten, und gibt uns 
zugleich ein im v/esentlichen durchaus zutreffendes Bild der 
damaligen politischen Lage. An der Spitze des Zuges stand der 
Konig von Elam, dem die Konige von Babylon und Larsa Heeres- 
f olge zu leisten hatten. Dieses Verhaltnis nahm erst sein Ende, als 
Chammurabi die Elamiten aus Larsa vertrieben hatte. In der Zeit, 
wo sie nicht nur den Osten, sondern auch den Siiden des Landes 
noch in ihrer Gewalt hatten, war der Konig von Babylon ganz 
von ihnen abhangig. Es ist aber leicht zu begreifen, daB die baby- 
lonischen Quellen hierauf nirgendwo Bezug nehmen. Sie erzahlen 
uns nur von den Ereignissen, bei denen der Konig im Vordergrunde 
steht, und gehen tiber Dinge, die ihm nicht zur besonderen Ehre 
gereichen, schonend hinweg. Man sieht also auch hier wieder, daB 
die biblischen Angaben nicht aus Babylon stammen. Ein babylo- 
nischer Berichterstatter wiirde den Vorrang, den der Konig von 
Elam einnimmt, sicher nicht so deutlich betont haben. Die Dar- 
stellung muB nach der ganzen Anlage schon in ihren Grundziigen 
in Palastina entstanden sein. Sie fiihrt uns bis in die Zeit, wo 
Chammurabi fur die Bewohner von Palastina noch eine bekannte 
Personlichkeit war, und gibt uns in diesem Zusammenhange die 
Moglichkeit, auch den Unterschied in der Form des Namens aus 
den Verhaltnissen geschichtlich zu erklaren. Die Erinnerung an 
den Chethiterfiirsten ist in dem jetzigen Texte schon sehr abgeblaBt. 
Er wird, obschon der Name noch bekannt ist, ohne besondere 
Hervorhebung des Landes oder der Hauptstadt nur als ein ,,Konig 



*) VgL hierzu besonders die Ausiuhruragem von Albr. Gotze, Das Hethiter- 
Reich, Der Alte Orient XXVII 2, Leipzig 1928, S. 1518. 



185 

der Volker" bezeichnet, als der Konig eines heidnischen Volkes, 
der sich nach der Annahme des Verfassers ebenfalls an dem Zuge 
beteiligte. Das laBt auf eine Zeit schlieBen, wo das Chethiterreich 
schon der Vergangenheit angehorte. 

Wer sich iiber die Tatigkeit eines altbabylonischen Herrschers 
im einzelnen genauer unterrichten will, ist in erster Linie auf die 
sogenannten Datierungslisten angewiesen, die wir aus der damali- 
gen Zeit noch besitzen. Man pflegte namlich die Regierungsjahre 
nicht durch Zahlen voneinander zu unterscheiden, wie es spater 
geschah, sondern durch den Hinweis auf ein bestimmtes Ereignis, 
das sich gerade zugetragen hatte und dem Jahre gewissermafien 
einen festen Platz gab. So heiBt es z. B. in einer Urkunde aus 
Nippur: ,,Im Monat Simannu, im Jahre, als der Konig Samsuiluna 
auf Befehl Anus und Enlils die Mauer von Ur und Uruk zerstort 
hatte" 1 )- Das Ereignis, nach dem die Datierung vorzunehmen war, 
wurde zu Anfang des Jahres amtlich bekanntgegeben und blieb 
dann in der Regel fur das ganze Jahr maBgebend. Nur in seltenen 
Fallen, die wir zum Teil noch nachweisen konnen, wurde im Laufe 
des Jahres eine Anderung vorgenommen. Die Datierung erfolgte 
also gewohnlich nach einer Begebenheit, die sich schon im vorher- 
gehenden Jahre zugetragen hatte. Da es aber nicht moglich war, 
die Ereignisse in ihrer Aufeinanderfolge stets im Gedachtnis zu 
behalten, so fertigte man Listen an, die man im Geschaftsverkehr 
oder bei sonstigen Feststellungen sofort zu Rate ziehen konnte. 
Diese Aufzeichnungen 2 ) lassen sich auch fiir die Zeit des Chammu- 
rabi aus den uns zur Verfiigung stehenden Bruchstiicken noch 
vollstandig wiederherstellen 3 ) . 

Im 1. Jahre seiner Regierung datierte man, wie es iiblich 
war, nach der Thronbesteigung; im 2. Jahre wurde hervorgehoben, 
da6 der Konig dem Lande Recht verschafft hatte; das 3. Jahr ist 
das Jahr, als er fiir den erhabenen Sitz des Mondgottes in Babylon 
einen neuen Thron hergestellt hatte; das 4. Jahr wurde mit der 
Errichtung einer Umfassungsmauer im Tempelbezirk von Sippar, 
das 5., wie es scheint, mit dem Bau der Mauer von Schiramach in 
Verbindung gebracht; im 6. Jahr bezog man sich auf eine Begeben- 
heit, die wir vorlaufig noch nicht genauer zu bestimmen vermogen; 
im 7. Jahre datierte man nach der Eroberung von Uruk und Isin, 
im 8. nach einem Ereignis, bei dem das Land Emutbal genannt 



*) M. Schorr, Urkuujden des altbabylonischen Zivil- und ProzeBrechts, 
Vorderasiai. Bibl. V, Leipzig- 1913, Nr. 128. 

2 ) Am leichtesten zuganglich ini Anhang-e der geaannten Urktuiden- 
sannnlung- und in den ZusammensteHungen im Reallexikon fiir Assyriologie, 
Zweiier Band S. 131 if. 

3 ) Die letzien bis dahini noch voorhandenen Liicken wurden beseitigt durch 
die Veroffenilichung von Pater Scheil im 39. Bande der Memoires de 1'Aca- 
demie des Inscriptions et Belles-Lettres^ Paris 1912. In dem Texte W.-B. 373, 
der jetzt noch zu den gewohnlichen Listen hinzukommt (Oxford Editions, 
Vol. II, S.31fi), sind die Angaiben fiir das 30., 31., 32., 33., 36., 37. und 
39. Jahr im- Vergleich zu den sonstigen Niederschriften besonders umfang- 
reich und klar. 



186 

wird, und nach einem Vorgange, der sich an dem Kanal Sumudar 
zutrug; das 9. Jahr war das Jahr, als man den Kanal Chammurabi- 
hegallum fertiggestellt hatte; das 10. Jahr wurde nach der Ver- 
nichtung von Malgu, das 11. nach der Eroberung von Rapiku und 
Salibi bezeichnet; im 12. Jahre 1st von dem Throne der Gottin 
Sarpanitu die Rede, im 13. Jahre wies man, wie es scheint, auf die 
Errichtung ernes bronzenen Konigsbildes bin, im 14. Jahre erfahren 
wir von eiriem Throne, den man fur die Gottin Innanna von Baby- 
lon hergestellt hatte, im 15. Jahre lesen wir von der Errichtung 
von sieben Standbildern, im 16. von der Anfertigung eines Thrones 
fur den Gott Nabu, im 17. von der Erhohung eines Bildes der 
Innanna von Kibalbarru, im 18. von der Herstellung eines 
erhabenen Sitzes fiir den Gott Enlil; im 19. datierte man nach der 
Errichtung der Mauer von Igi-hursag, im 20. nach der Anfertigung 
eines Thrones fiir den Gott Adad, im 21. nach der Fertigstellung 
der Mauer von Basu, im 22. nach der Errichtung des Bildes, wo 
Chammurabi als ,,K6nig der Gerechtigkeit" dargestellt wurde; das 
23. Jahr ist das Jahr, wo man den Bau der Mauer von Sippar 
begonnen hatte, das 24. wurde mit der Fertigstellung des Tigida- 
Kanals in Verbindung gebracht, und das 25. erhielt seine Bezeich- 
nung nach der Vollendung der Mauer von Sippar; im 26. ist von 
groBen Gottersitzen aus Gold die Rede; das 27. Jahr wurde nach 
der Herstellung einer aus glanzendem Golde gefertigten Kriegs- 
standarte, das 28. nach der Erbauung des Adad-Tempels in Babylon 
und das 29. nach einem neugefertigten Bildnis der Sala benannt; 
das 30. Jahr ist das Jahr, wo Chammurabi, der Liebling des Mar- 
duk, ein Heer der Elamiten und ihrer Verbundeten vollstandig 
geschlagen und die Unabhangigkeit von Sumer und Akkad neu 
begrundet hatte; in der Formel des folgenden Jahres erfahren wir 
von der Unterwerfung der Landschaft Jamutbal und dem ent- 
scheidenden Siege fiber den Konig Rim-Sin, in dem Texte fiir das 
32. Jahr wird von einem weiteren Siege und von der Unterwerfung 
des Landes bis zum Tigris berichtet; im 33. Jahre datierte man 
nach der Vollendung des groBen Chammurabi-nuhus-nise-Kanals, 
der den Siiden des Landes mit Wasser versorgte, im 34. Jahre 
hatte man auf den Neubau eines Tempels in Uruk, im 35. auf die 
Zerstorung der Stadtmauern von Mari und Malgu und im 36. auf 
die Wiederherstellung einer Tempelanlage zu Kis Bezug zu nehmen; 
im 37. Jahre verwies man auf die Niederlage eines feindlichen 
Heeres im Gebiete von Turukku, im 38. datierte man nach einer 
groBen Flut, im 39. nach einem Siege fiber die verbfindeten Gegner 
im Norden des Landes und im 40. nach den Arbeiten an einem 
Tempel des Gottes Nergal, dessen Spitze der Konig damals erhoht 
hatte wie ein Gebirge; in der Formel fur das 41. Jahr ist von der 
Erhorung eines Gebetes durch die Gottin Tasmetu die Rede; das 
folgende Jahr ist das Jahr, wo die Mauern von Kar-Samas und 
von Rapiku errichtet waren; das 43. Jahr wurde nach der Fertig- 
stellung der Mauer von Sippar benannt. 



187 

Man sieht, daB die kriegerischen Leistungen in dieser Zusammen- 
stellung gar nicht so sehr in den Vordergrund treten. Wenn wir 
sie richtig verstehen wollen, miissen wir die Angaben aus diesem 
Rahmen herausheben und innerlich miteinander in Zusammenhang 
bringen. Die Eroberung von Uruk und Isin, von der wir im 
7. Jahre lesen, war ein grundlegender Erfolg im Siiden des Landes; 
was wir im 10. und 11. Jahre erfahren, fiihrt uns an den mittleren 
Euphrat. Dann vergeht ein Zeitraum von ungefahr 20 Jahren, wo 
Kriegstaten iiberhaupt nicht erwahnt werden. Erst im 30. Jahre 
erfahren wir von einem Siege iiber die. Elamiten und ihre Verbiin- 
deten. In den beiden folgenden Jahren wurde der Kampf dann 
fortgesetzt und die Herrschaft der Elamiten endgiiltig gebrochen. 
Hierauf muBten die Erfolge, wie wir aus den Angaben in der Zeit 
vom 35. bis zum 39. Jahre ersehen, noch dreimal durch weitere 
Kriegsziige gesichert werden. 

Bei den friedlichen Ereignissen, die in der Datierungsliste 
genannt werden, uberrascht uns vor allem der haufige Zusammen- 
hang mit dem Dienste der Gotter. Im 28., 34. und 36. Jahre ist von 
einem Tempelbau und im 40. wahrscheinlich von einer baulichen 
Veranderung an einem Tempel die Rede, im 3., 12., 14., 16. und 
20. Jahre wird hervorgehoben, daB fur die Gottheit in einem 
Tempel ein neuer Thron angefertigt wurde, im 18. Jahre nahm 
man auf die Herstellung eines erhabenen Sitzes Bezug, den der 
Konig fur Enlil geschaffen hatte 1 ), im 26. berichtet der Text von 
groBen Gottersitzen aus Gold, im 17. Jahre wird uns mitgeteilt, 
daB der Konig das Bild der Gottin Innanna erhoht hatte 2 ), im 29. 
erfahren wir, daB er der Sala ein Bildnis errichtet hatte. Wir ersehen 
hieraus, daB die Religion im Leben der Babylonier einen hervor- 
ragenden Platz einnahm. Jede groBere Stadt hatte ihre bevorzugten 
Heiligtiimer. In Babylon verehrte man an erster Stelle den Marduk, 
in Borsippa huldigte man dem Nabu, Nippur ist als die Stadt des 
Enlil bekannt, Sippar und Larsa waren die besonderen Kultstatten 
des Sonnengottes, Ur gait in derselben Weise als die bevorzugte 
Stadt des Mondgottes. Die Tempel wurden als die eigentlichen 
Wohnstatten der Gotter betrachtet, in denen sie den Menschen 
naher waren als anderswo. Wer dazu beitrug, ihnen dieses Heim 
recht angenehm und wurdig zu gestalten, durfte auf ihre Zuneigung 
und ihren besonderen Schutz rechnen. Es war deshalb das selbst- 
verstandliche Bestreben eines jeden gewissenhaften und frommen 
Konigs, nach dieser Seite hin alien Anforderungen zu entsprechen. 
Dazu notigte auch schon die politische Klugheit, da die Priester- 
schaften im allgemeinen sehr angesehen und machtig waren. DaB 
Chammurabi diesen Umstand nicht unterschatzte, ergibt sich auch 
aus den umfangreichen Zuwendungen und Schenkungen, mit denen 



a ) Thron r= gis gu-za = kussu, Sitz = bara = parakku. IV Rawlin- 
son 2 18 Nr. 3 Obverse I 6 7 findet sich der Ausdruck ina kiissi parakki. Der 
kussu bildet also einen Teil des parakku. 

2 ) Es handelt sich -hier sicher urn eine Erhohoing des parakku. 



188 

er die Tempel vielfach bedachte. Er bezeichnet sich in den Texten 
mit Vorliebe als den Giinstling des Sonnengottes und als den 
besonderen Liebling des Mondgottes. Seine Werke erregen ihr 
Wohlgefallen, und seine Gebete finden bei ihnen Erhorung. Den 
Tempel zu Larsa lieB er neu wieder aufbauen; im Tempel zu Ur 
begrtindete er Ueppigkeit und Reichtum; in Isin brachte er Ueber- 
fluB und Fiille in das Heiligtum des Ninurta; in Kes sicherte er 
dem Tempel der Nintu die Mittel zur Bestreitung der Opfermahl- 
zeiten; in Lagas hielt er reiche Gaben zu Ehren des Gottes Ningirsu 
bereit; in Malgu setzte er fur Ea und dessen Gemahlin, die sein 
Konigtum groB gemacht batten, Opfer fur ewige Zeiten fest; in 
Dilbat erweiterte er die zum Tempel des Uras gehorenden Acker- 
flachen. 

Fiir die Landwirtschaft sorgte er besonders durch die Anlage 
von Kanalen, die eine ausreichende Bewasserung des Bodens 
ermoglichten. Die Datierungsliste erzahlt uns schon im 9. Jahre 
von dem Kanal Chammurabi-hegallum, durch den der Konig nach 
der Namensbezeichnung groBen UeberfluB begriinden will; im 
24. Jahre erfahren wir, daB er den Tigida-Kanal vollendet hatte. 
Nach der Eroberung von Larsa grub er gleich in den ersten Jahren 
den Chammurabi-nuhus-nise-Kanal, der dem Volke nach dem Wort- 
laute dieser Bezeichnung ebenso wie der Chammurabi-hegallum- 
Kanal UeberfluB und Reichtum bringen sollte. In dem einen Falle 
ist der Name sumerisch 1 ), in dem andern akkadisch 2 ). Der Bau des 
zuletzt genannten Kanals war zugleich ein Unternehmen, das auch 
politisch als sehr bedeutungsvoll erscheinen muBte. Als Anu und 
Enlil, so erzahlt uns der Konig, ihm das Land Sumer und Akkad 
zur Herrschaft gegeben und ihre Ziigel in seine Hand gelegt 
hatten, da grub er diesen Kanal, um die Wasser des Ueberflusses 
nach Sumer und Akkad hiniiberzuleiten. Seine beiden Ufer machte 
er zu Ackerland; Haufen von Getreide schiittete er auf; Wasser 
fur alle Zukunft schuf er fiir Sumer und Akkad. Die zersprengte 
Bevolkerung von Sumer und Akkad brachte er wieder zusammen; 
Weideland und Tranke schuf er fiir sie; mit UeberfluB und Fiille 
nahrte er sie; in ruhigen Wohnsitzen lieB er sie wohnen. Den 
Anfang des Kanals schiitzte er durch die Anlage einer starken 
Befestigung 3 ). 

Um eine geregelte Verwaltung des neuen Gebietes zu sichern, 
setzte er damals in Larsa den Sin-idinnam zu seinem Statthalter 
ein. Er kummerte sich aber, wenn es ihm notwendig erschien, 
selbst noch um die geringsten Kleinigkeiten und betrachtete den 
Statthalter lediglich als den ausftihrenden Beamten, dem er in 
zahlreichen Eilbriefen seine Befehle zugehen lieB. Von diesen 
Anweisungen ist uns ein erheblicher Teil noch erhalten 4 ). Sie tragen 

Fiille. 



2 ) Nuhsu = UeberfluB; mihus nise =: UeberfluB der Mettschen. 

3 ) Keilinschr. Biblioth., herausgeg. von 1 Eberh. Schrader, Bd. Ill, 1. 
S. 122 if. 

4 ) Herausgegeben und bearbeitet von L. W. King, The Letters and Inscrip- 



189 

au&erlich genau den Charakter der damaligen Privatbriefe, bei 
denen der Schreiber des Absenders sich in der Einleitungsformel 
schematisch an den Schreiber des Empfangers wendet und ihm die 
Bitte ausspricht, den Empfanger von dem Inhalte des Textes miind- 
lich in Kenntnis zu setzen. Wenn Sin-idinnam z. B. jemanden sofort 
zur Hauptstadt schicken sollte, wurde dieses in folgender Weise aus- 
gedriickt: ,,Zu Sin-idinnam sprich: Also sagt Chammurabi: Sobald 
du diese meine Tafel erblickst, sende den .... nach Babylon. Nicht 
soil er zogem; in Eile soil er eintreffen" 1 ). 

DaB es fiir Sin-idinnam nicht immer ganz leicht war, jemanden 
zu einer Reise nach Babylon zu bewegen, diirfen wir aus der 
zweimaligen Aufforderung entnehmen, einen gewissen Etel-pi- 
Marduk zu schicken. In dem ersten Briefe, der leider eine groBere 
Lucke enthalt, lesen wir noch: ,,Die Kinder des Boten 0ablum, 
des Gutsverwalters, haben eine Urkunde iiber den Schaden gebracht 
und mir vorgelegt, den Etel-pi-Marduk ihnen zugefiigt hat .... 

[Ihren Schjaden sollen sie 

genau angeben. Verschaffe ihnen Genugtuung fiir ihren Schaden 
und schicke den Etel-pi-Marduk, der sie geschadigt hat, vor mich" 2 ). 
Als Etel-pi-Marduk diese Reise dann aus begreiflichen Grunden 
hinausschob, traf nach einiger Zeit ein zweiter Brief ein, der diesem 
Zogern wahrscheinlich ein Ende machte. ,,Ich hatte dir geschrieben", 
so heiBt es dort nach der iiblichen Einleitung, ,,da8 du den Etel-pi- 
Marduk vor mich schicken solltest. Warum hast du ihn nicht 
geschickt? Sobald du diese meine Tafel erblickst, schicke Etel-pi- 
Marduk vor mich. Nicht soil er zogern; Tag und Nacht soil er 
reisen, damit er eiligst hier anlange" 3 ). 

In der Regel handelt es sich bei den Vorladungen allerdings 
nur um eine harmlose und regelmaBig wiederkehrende MaB- 
nahme der Verwaltung, die an und fiir sich niemanden zu schrecken 
brauchte. Der Statthalter erhielt dann in einem Schreiben lediglich 
den Auftrag, die betreffenden Personen in Kenntnis zu setzen. So 
besitzen wir z. B. noch einen Brief, in dem der Konig das Er- 
scheinen von nicht weniger als 47 Hirten verlangt, die in Babylon 
ihre Abrechnung vorlegen sollten 4 ). Von diesen Hirten wird einer 
als der Hirt des Gottes Ningirsu von Girsu, ein anderer als der 
Ziegenhirt von [Lag] as, ein dritter als der Hirt der Gottin Namasse 
von Nina und ein vierter als der Hirt des Sonnengottes von Larsa 
bezeichnet. Die iibrigen Angaben sind zum Teil abgebrochen; 
sie beziehen sich aber, wie aus den Ueberresten hervorgeht, 
wenigstens an drei verschiedenen Stellen ebenfalls noch auf den 

lions of gammurabi, London 1898 1900, G. Nagel, Briefe Baminurabis an 
Sin-idinnam, Beitr. zur Assyr. IV S. 434 ff. und Arth. Ungnad, Babyl. Briefe 
aus der Zeit der rlammurapi-Dynastie, Vorderasiat. Bibl. VI, Leipzig 1914, 
S. 2 if. 

*) King Nr. 32 = Ungnad NT. 27. 

2 ) King Nr. 18 Ungnad Nr. 7. 

3 ) King Nr. 73 = Ungnad Nr. 29. 

4 ) King Nr. 29 Ungnad Nr. 16. 



190 

Hirten eines Tempels. Wir finden also in der ganzen Zusammen- 
stellung mindestens sechs verschiedene Tempelhirten, die ebenso 
wie die iibrigen Vertreter ihres Standes, soweit sie hier genannt 
werden, in ihrer Berufstatigkeit ganz unter staatlicher Kontrolle 
stehen. Der Konig hat die Tempel, wie er iiberall hervorhebt, mit 
Ackergrund und Weideland versorgt; er halt .sich aber fiir berech- 
tigt, aus den Ertragnissen auch fiir den Staat noch eine Abgabe 
zu fordern. Bei den iibrigen Hirten handelt es sich ebenfalls um 
eine Gegenleistung fiir die Benutzung des ihnen vom Staate zur 
Verfiigung gestellten Gelandes. Sie verteilen sich auf die ver- 
schiedenen Ortschaften und Bezirke, die in dem Texte jedesmal 
hinzugefiigt werden, und stehen nach den Angaben unter sieben 
verschiedenen Oberhirten. In einem andern Briefe schreibt der 
Konig dem Statthalter: ,,Sobald du diese [meine Tafel] erblickst, 
[sende], daB man die Verwalter der Tempel insgesammt und 
Warad-Samas, den Sohn des Eribam, den Hirten vom Tempel des 
Sonnengottes, der unter deinem Befehle steht, nebst ihrer ganzen 
Abrechnung zu dir schicke; dann sende sie nach Babylon, damit 
sie ihre Abrechnung vorlegen. Tag und Nacht sollen sie reisen, 
damit sie in zwei Tagen in Babylon eintreffen" 1 ). Die Abgaben 
bestanden, soweit es sich um die Viehwirtschaft handelte, haupt- 
sachlich in Lammern und Wolle. Sie waren an bestimmte, genau 
festgelegte Termine gebunden, die jeder piinktlich einzuhalten hatte. 
Als der Konig in einem Schaltjahre vor dem Tasritu die Einlegung 
eines zweiten Ululu verfiigte, setzte er in dem Rundschreiben aus- 
driicklich hinzu: ,,Wo [verkundet wurde], daB die Steuern am 
25. Tasritu in Babylon eintreffen sollten, miissen diese am 25. des 
zweiten Ululu in Babylon eintreffen" 2 ). 

Wo die Verbal tnisse es gestatteten, wurde der Boden, soweit 
er im -Besitze des Staates war, zum Teil an kleinere Landwirte 
verpachtet, die uns in den Urkunden als issakke oder ,,Verwalter" 
begegnen. Die Pacht wurde in diesen Fallen in Getreide entrichtet. 
Ein anderer Teil des staatlichen Grundbesitzes wurde den zahl- 
reichen Beamten und Handwerkern iiberlassen, die dem Konige 
zur Verfiigung standen. Die GroBe dieser Flachen betrug im 
Durchschnitt 12 Bur oder 612 Hektar 3 ). Wenn der Inhaber 
des Grundstiicks es selbst nicht bebauen konnte, durfte er es ver- 
pachten; wenn er die Stelle verlieB, fiel es wieder an den Staat 4 ). 

Am vorteilhaftesten war fiir den Staat wohl die Verpachtung 
der wertvollen Dattelpflanzungen. Die Fruchte wurden schon vor 



A ) King Nr. 39 = Ungnad Nr. 15. 

2 ) King Nr. 14 = Ungnad Nr. 14. 

3 ) 1 Bur = 18 Iku; der I'ku umfaBte 100 Sar, der Sar 1st eine Flache von 
12X12 Ellen. Das ergibt fuf das Bur, wenn wir die Elle mit 0,495 m ansetzen, 
genau 63510,5 qm. 

*) Vgl. hierzu besonders die Ausfuhrungen von Thureau^Dangin, La Cor- 
respondance de Hamniurapi avec Samas-hasir, Revue d'Assyriologie Vol. XXI 
Nr. 12. 



191 

der Reife von den koniglichen Steuerbeamten abgeschatzt und fielen 
dann bei der Ernte nur bis zur Halfte und vielfach nur bis zu 
einem Drittel an den Pachter. Der groBere Teil der Ertragnisse 
wurde an den Staat abgeliefert und auf Frachtschiffen zur Haupt- 
stadt gebracht. 

Die Schiffe waren in einem Lande, wo es so viele WasserstraBen 
gab, das einfachste und vorteilhafteste Mittel fiir jede ortliche 
Beforderung. Sie waren in ihrer GroBe nach den vorhandenen 
Angaben sehr verschieden. In einem Briefe, der sich mit dem 
Transport einer Arbeitertruppe beschaftigt, wird jedesmal auf 
10 Personen ein Schiff von 10 Kur gerechnet 1 ). Nach einem andera 
Briefe muBten die Schiffer von Sippar-Amnanim zur Zeit des Konigs 
Abi-esuh, also noch in derselben Periode 2 ), als Abgabe ein Schiff 
stellen, das 60 Kur faBte 3 ). An einer dritten Stelle wird ein Schiff 
von 75 Kur erwahnt 4 ), und nach einem vierten Briefe soil in 
einem einzigen Schiff eine Getreidemenge von 300 Kur verschickt 
werden 5 ). Ein Kur umfaBte in der damaligen Zeit ungefahr 
250 Liter 6 ). Fiir das Schiff von 75 Kur muBte Sin-idinnam aus 
den Reihen der FuBsoldaten, die in der Gegend von Ur standen, 
eine Bedienungsmannschaft von 90 Personen zur Verfugung 
stellen. Diese sollten dann aus dem Verzeichnis der FuBsoldaten 
getilgt werden. 

Eine derartige Aufforderung scheint haufiger vorgekommen zu 
sein, als dem Sin-idinnam lieb war. Auf jeden Fall hatte ein 
gewisser Taribatum fiir die ihm unterstellten Schiffe die Truppen 
nicht sofort erhalten konnen, die der Konig zu diesem Zwecke 
bewilligt hatte. Die Folge war eine Beschwerde, die dem Statt- 
halter eine ernste Verwarnung einbrachte. Der Konig weist mit 
sichtlichem Nachdruck auf die Dringlichkeit und die hohe Bedeu- 
tung der Sache hin und befiehlt ihm, jetzt unverzuglich dem 
Antrage zu entsprechen. Wenn er zogert, soil ihm die ganze Ver- 
antwortung zufallen 7 ). 

Damit die Schiffe ungehindert verkehren konnten, muBten die 
Wasserlaufe von Zeit zu Zeit gereinigt und wieder in Ordnung 
gebracht werden. Da dieses in Uruk unterblieben war und die 
Fahrzeuge nicht mehr bis in das Innere der Stadt zu gelangen 
vermochten, befahl der Konig, daB die Arbeiten sofort nachgeholt 
wiirden. Er halt die erforderlichen Grabungen nicht fur sehr 
umfangreich und glaubt, daB sie sich mit den Leuten, die dem 
Statthalter zur Verfugung stehen, ohne Schwierigkeit in einem 



*) King Nr.27 = Ungmad Nr.48. 

2 ) Abi-esuh war der Enkel und zweite Nachfolger des Chammiurabi. 

3 ) King Mr. 87 = Ungnad Mr. 74. 

4 ) King Nr. 36 = Ungnad Nr. 41. 
s ) King Nr. 37 = Ungnad Nr. 21. 

?) 300 Sila. Der Sila 1st nach neueren Uniersuchungen Vgl. Revue 
d'Assyriologie XVH1, 135 mit 0,84 1 anzusetzen. 300X0,84 = 252. 
7 ) King Nr. 75 = Ungnad Nr. 51. 



192 

Zeitraume von drei Tagen bewaltigen lassen 1 ). Im Euphrat ver- 
langt er auf der Strecke von Larsa bis Ur die Entfernung der 
storenden Wasserpflanzen. Der Statthalter soil nach den Angaben 
des Brief es mit dieser Arbeit beginnen, wenn die Grabungen an 
einem Kanal, die inn vorlaufig noch in Anspruch nehmen, beendet 
sind 2 ); er soil also die Arbeiter zum Euphrat schicken, sobald sie 
mit den Grabungen an dem Kanal zum AbschluB gekommen sind. 
Es handelt sich hier offenbar um eine Abteilung von Fronarbeitern, 
die fur derartige Unternehmungen zu jeder Zeit bestellt werden 
konnten. Die Verpflichtungen waren durch das Herkommen und 
durch konigliche Verfiigungen, soweit es moglich war, im einzelnen 
genau geregelt. So gait es z. B. als selbstverstandlich, daB die 
kleineren Arbeiten an den Kanalen von den Leuten ausgefiihrt 
wurden, die an den Ufera ihre Acker hatten. Der Konig pflegte 
in einem solchen Falle nur mitzuteilen, daB die Arbeit bis zu einem 
bestimmten Zeitpunkte erledigt sein muBte, und der Statthalter 
hatte dann das Notwendige zu veranlassen 3 ). Es konnte aber vor- 
kommen, daB die Leute sich durch den Befehl des Konigs vor 
eine Aufgabe gestellt sahen, die iiber ihre Krafte hinausging. Das 
war z. B. in $albi der Fall, als Sin-idinnam hier im Auftrage des 
Konigs die Anwohner des Ningirsu-hegal-Kanals zu umfangreichen 
Ausbaggerungen heranzog. Die Grabungen erstreckten sich, wie 
der Leiter der Arbeiten feststellen lieB, iiber eine Bodenflache von 
mehr als 15 Hektar. Er hielt es deshalb fur angemessen, daB auch 
die iibrigen Einwohner sich beteiligten, und wandte sich in diesem 
Sinne an Sin-idinnam, der sich aber ablehnend verhielt. Dies ver- 
anlaBte ihn, iiber die Angelegenheit in einem ausfiihrlichen Briefe 
an den Konig zu berichten und ihm die Bitte auszusprechen: 
,,Mein Herr moge an Sin-idinnam, den Knecht meines Herrn, 

schreiben, daB die iibrige Ortschaft Halbi sich beteilige; 

Mein Herr moge Befehl geben, daB die Erdmassen bewaltigt wer- 
den" 4 ). Man hielt nach Moglichkeit daran fest, daB jeder zunachst 
nur in seiner Heimat beschaftigt wurde. Wenn es sich aber um 
Unternehmungen handelte, bei denen diese Krafte nicht ausreichten, 
wurden die Arbeiter unter Umstanden sogar aus dem ganzen 
Lande zusammengezogen. Das geschah stets in derselben Weise; 
sie wurden vom Konige durch ein besonderes Schreiben bei den 
Statthaltern angefordert, und diese hatten dann ihrerseits wieder 
durch ihre Beamten fur die richtige Auswahl zu sorgen. Die Ver- 
sendung erfolgte, wie wir schon sahen, in der Regel auf Schiffen. 
In der Truppe, die Sin-idinnam nach dem genannten Briefe zu 
stellen hat, darf sich kein Schwacher, kein Greis und kein Kind 
befinden. Nur starke Manner sollen geschickt werden, und zwar 
ohne Verzogerung, damit sich die Zeit ihrer Ankunft um keinen 



a ) King Nr. 5 = Ungnad Mr. 44. 

2 ) King Nr. 4 = Ungnad Nr. 43. 

3 ) Vgl. hierf iir z. B. King Nr. 71 Ungnad Nr. 42. 

4 ) Cuneiform Texts from Bab. Tablets XXIX, 17 = Ungnad Nr. 135. 



193 

Tag hinausschiebt. Der Konig rechnet bei dem Unternehmen auf 
eine Dauer von ungefahr einem Monat. Was fur diese Zeit zur 
Verpflegung erforderlich 1st, soil der Statthalter den Leuten zur 
Verfugung stellen. Das Ziel der Fahrt 1st Babylon. In einem 
andern Briefe lesen wir, daB der Konig eine Abteilung von 
360 Mann von Babylon hach Larsa schickte. Von diesen sollten 
180 Mann als Lasttrager in Larsa und 180 Mann als Lasttrager 
in Rahabu verwandt werden 1 ). Wenn jemand zu Unrecht heran- 
gezogen wurde, entschied der Konig nach genauer Prufung der 
Angelegenheit ohne Bedenken gegen seine Beamten. Als die 
Wasseraufseher 2 ) sich weigerten, an einer solchen Arbeit teilzu- 
nehmen, kam die Verfugung: ,,Lege ihnen Fronarbeiten nicht 

auf und tilge sie aus dem Verzeichnis derer, die sie zu 

den Arbeiten heranholen" 3 ). 

Auch bei der Heranziehung zum Militardienste scheinen Fehl- 
griffe nicht ganz selten gewesen zu sein. So scheint es z. B. haufig 
genug vorgekoramen zu sein, daB man den Oberhirten die Hiiter 
wegholte. Wir besitzen wenigstens noch zwei verschiedene Briefe, 
die sich mit einer derartigen Angelegenheit beschaftigen. Nach 
dem einen dieser Briefe*) hatte der Oberhirt Naram-Sin zugleich 
im Auftrage des Oberhirten Apil-Samas dem Chammurabi erklart: 
,,Hiiter, die unter unserm Befehle standen, hat man zu den Soldaten 
beordert"; nach dem andern Texte 5 ) hatten Silli-Istar, Warad- 
Amurrim und Nur-Samas ihre Beschwerde in die Worte gekleidet: 
,,Huter, die unter unserm Befehle standen, hat man zu den Soldaten 
genommen, und einen Ersatz hat man uns nicht gegeben". Dieser 
Umstand, den wir ohne Zweifel auch fur den ersten Fall voraus- 
setzen diirfen, ist fur die Beurteilung der ganzen Sachlage wohl 
von entscheidender Bedeutung. Der Konig verfiigt in beiden Fallen 
die Zuriickgabe der bereits eingezogenen Hirten und verlangt in 
dem zweiten Briefe auBerdem noch eine Feststellung des ihnen 
erwachsenen Schadens, der in angemessener Weise vergiitet wer- 
den soil. Ein anderer Brief war durch die Beschwerde eines 
gewissen Sin-magir veranlaBt, der mehrere unter seinem Befehle 
stehende Miiller zurtickverlangte. Diese waren von Inuhsamar, 
einem Untergebenen des Sin-idinnam, ,,zum Militardienst und zu 
anderem Lehnsdienst" beordert worden, obwohl sie dem Sin-magir 
durch eine besondere konigliche Urkunde zur Verfugung gestellt 
waren. Sie sollten deshalb ebenfalls wieder zuriickgegeben werden 6 ). 
Derselbe Bescheid erfolgte, als Sin-idinnam einen Gutsverwalter 7 ) 



*) King Nr. 46 =: Ungnad Nr. 45; Rahabu war eine Qrt&chaft in der 
Nahe von Larsa. 

2 ) die a-si-gab-Leute; a = mu = Wasser, si-gab = atu = Aufseher. 

3 ) King Nr. 77 = Ungnad Nr. 47. 

4 ) King Nr. 3 = Ungnad Nr. 36. 

5 ) Thureau-Dangin, Lettres et contrats de 1'epoque de la premiere dynastic 
babylonienne Nr. 1 = Ungnad Nr. 37. 

6 ) King Nr.26 = Ungnade Nr.38. 
. 7 ) issakkti; vgl. oben S. 190. 

13 



194 

zum Militardienst herangezogen hatte. ,,Ich hatte dir geschrieben", 
so heiBt es in dem betreffenden Briefe, ,,da8 du den Verwalter 
Sin-ili, der unter Taribatum steht, den du zu den Soldaten ein- 
geschrieben hattest, als Verwalter dem Taribatum zuriickgeben 
solltest. Hierauf hast du mir geantwortet: Seine Sohne sind schon 
gewachsen, deshalb schrieb ich sie zu den Soldaten 1 ). So hast du 
mir geschrieben, und den Sin-ili hast du zu mir geschickt. Man 
hat mir diesen Sin-ili vorgefuhrt; ich habe den Sachverhalt geprtift, 
und es hat sich herausgestellt, daB er fur immer Verwalter ist . .. . . 

Warum hast du Sohne von Verwaltern zu den 

Soldaten beordert? Was du getan hast, ist nicht recht. Sohne 
von Verwaltern, die fur immer Verwalter sind, sollst du zu den 
Soldaten nicht wieder beordern. Den Sin-ili habe ich ausschlieBlich 
als Verwalter dem Taribatum gegeben. Als Ersatz fur seine Sohne, 
die du zu den Soldaten eingeschrieben hast, entbiete andere zu 
den Soldaten" 2 ). 

Mit der eigentlichen Berufstatigkeit der Soldaten beschaftigt 
sich nur ein einziger Brief, der zudem in der Mitte noch eine 
erhebliche Liicke aufweist. Auf der ersten Seite der Tafel lesen 
wir unmittelbar nach der Einleitung die Worte: ,,240 Leute des 
koniglichen Heeres, die unter dem Befehle des Nanna-manse stehen 
und zu der dir unterstellten Streitmacht gehoren, die von Assur 

und Situllum abgezogen sind und "; auf der zweiten 

Seite heiBt es am SchluB des urspriinglichen Textes: . . . . [Tag 
und Nacht] sollen sie marschieren und sich bei der Truppe des 
Ibni-Amurrum, ihrer Stamnitruppe, niederlassen. Die Truppe soil 
nicht zogern; eilends schicke sie fort, daB sie sich auf den Weg 
machen" 3 ). Die Abteilung soil sich also nach ihrer Riickkehr aus 
dem Bezirk von Assur sofort wieder in ihr Standgebiet begeben. 
Dieses Gebiet befindet sich in einer Gegend, die von Larsa noch 
ziemlich weit entfernt ist. Es handelt sich also vielleicht urn dieselbe 
Truppe, die nach einer andern Angabe 4 ) ihren Standort in der 
Gegend von Ur hatte. Die Soldaten besafien an diesen Standorten 
ebenso wie die tibrigen Beamten des Konigs ein kleines Ackergut, 
das sie im Frieden zu bewirtschaften hatten. Im Kriege muBten 
sie diese Arbeit ihren Angehorigen iiberlassen. Das Anwesen 
bestand in der Regel aus Feld, Garten und Haus. 

Chammurabi betrachtete es schon bei der Thronbesteigung als 
seine vornehmste Aufgabe, dem Lande Recht zu verschaffen. Er 
griff deshalb sofort zu einer MaBnahme, die er fur wichtig genug 
hielt, um das zweite Jahr seiner Regierung nach diesem Schritt 
zu benennen. Sie bezog sich nach dem Wortlaute der Formel auf 



a ) Nach dieser Angabe und nach der weiteren Fortsetzung des Briefes 
scheint es sich zunachst nur um die Sohne zu liandeln. Der Soha gehort 
nach der babylonischen' Auffassuog ohne weiteres zur Berufsklasse des Vaters. 

2 ) King Nr. 43 = Ungnad Nr. 39. 

3 ) King Nr. 23 = Ungnad Nr. 40. 
*) Vgl. oben S. 191. 



195 

die Rechtsprechung im ganzen Lande. Es muB also ein Eingriff 
gewesen sein, der schon damals fur die Behandlung des Rechtes 
von entscheidender Bedeutung war. Die Angabe fuhrt in ihrer 
Form ohne weiteres auf die Bezeichnung des 22. Jahres, die uns 
von einer Darstelhmg erzahlt, wo Chammurabi als der Konig 
der Gerechtigkeit erscheint Dieses Bestreben, einem jeden zu 
seinem Rechte zu verhelfen, gehort zu den Grundzugen seines 
Wesens. Er ging bei seinen Entscheidungen, soweit sie uns bekannt 
sind, mit einer Umsicht und einer Gewissenhaftigkeit yor, die auch 
heutzutage noch unsere vollste Bewunderung verdient. Hierbei 
band er sich natiirlich an die Auffassungen, die damals bei der 
Rechtsprechung allgemein zugrundegelegt wurden. Diese gingen 
aber in den Einzelheiten, wie es scheint, vielfach auseinander. Sie 
bedurften also einer einheitlichen Festlegung, die vieileicht schon 
friih in Angriff genommen wurde, aber erst in den spateren 
Regierungsjahren ihre abschlieBende Form fand. Dieses ,,Gesetz- 
buch", wie man es heutzutage zu nennen pflegt, ist uns durch 
einen gliicklichen Zufall noch so gut wie vollstandig erhalten, und 
zwar in derselben Ausfertigung, die der Konig nach der Angabe 
des Textes vor dem erwahnten Bildnis in Esagila errichten lieB. 
Das Denkmal hatte dort iiber 700 Jahre seinen Platz gehabt, als 
es bei einer Pliinderung mit andern Beutestiicken durch den elami- 
tischen Konig Sutruk-Nahhunte nach Susa verschleppt wurde, wo 
es im Dezember 1901 und im Januar 1902 bei den Ausgrabungen 
der Franzosen auf der Akropolis in drei verschiedenen Bruch- 
stiicken aus den Trummern wieder ans Licht kam. Es ist ein 
runder, saulenartiger Dioritblock in der Hohe von 2,25 m, der in 
51 sauber gemeifielten Spalten auBer der Einleitung und dem 
umfangreichen SchluBwort eine Reihe von nahezu 300 Rechts- 
vorschriften enthielt. Am Anfange des Textes befindet sich oben 
auf der Vorderseite eine Darstellung des Sonnengottes, der dem 
Konige die Gesetze feierlich iiberreicht. Auf dem unteren Teile 
dieser Seite sind mehrere Spalten fortgemeiBelt, weil hier die 
Siegesinschrift ihren Platz finden sollte, die bei andern an derselben 
Stelle zum Vorschein gekommenen Beutestiicken tatsachlich vor- 
handen ist. Sie ist aber bei dem Dioritblock aus irgendeinem 
Grunde trotz dieser Vorbereitung nicht mehr hinzugefugt worden. 
Der Wortlaut wurde von Pater Scheil, dem wissenschaftlichen 
Bearbeiter der keilinschriftlichen Funde, sofort in mustergiiltiger 
Weise mit einer nahezu abschlieBenden Uebersetzung veroffent- 
licht 1 ). Auf diese Ausgabe stiitzen sich alle folgenden Bearbeitun- 
gen, die nur teilweise hier genannt werden konnen. Veroffent- 
lichungen in der Urschrift liegen vor von Robert Francis Harper 2 ), 



x ) Delegation en Perse, Memoires pid^lies sous la direction de M. J. de 
Morgan, Tome IV, Textes elamites-semetiques, Deuxieme serie, par V. Scheil, 
O. P., Proiesseur a 1'Ecole pratique des Hautes-Etudes, Paris 1902. 

2 ) The Code of Uammurabi, King of Babylon, Chicago 1904. 

13* 



196 

Ungnad 1 ) und Deimel 2 ), Uebersetzungen und Bearbeitungen in 
deutscher Sprache u. a. von Dav. Heinr. Miiller 3 ), Hugo Winckler 4 ), 
Peiser 5 ), Ungnad 6 ), Ebeling 7 ) und Eilers 8 ). 

Die Erhaltung des Textes ist so vollkommen, daB die Bruch- 
stucke, die wir von andern Niederschriften noch besitzen, nur fur 
die Beseitigung der auf der Vorderseite vorhandenen Liicke von 
entscheidender Bedeutung sind. Sie stammen ihrem Ursprunge 
nach teils aus Babylonien und teils aus Assyrien, und zwar aus den 
verschiedensten Perioden 9 ). Es sind groBtenteils Tontafeln, die uns 
einen RiickschluB auf das Vorhandensein von zahlreichen Hand- 
exemplaren gestatten. Nur die altbabylonischen Bruchstucke geben 
sich ebenfalls zum Teil als Ueberreste von einem Steinblock zu 
erkennen. Sie fanden sich an derselben Stelle, wo das vollstandige 
Denkmal ausgegraben wurde, und konnen deshalb nur. von einem 
zweiten bei derselben Gelegenheit nach Susa gebrachten Exemplar 
stammen. Der Text war auf dem einen Stein genau derselbe wie 
auf dem andern, die Ausfiihrung wies aber in der Form einige Ver- 
schiedenheiten auf. Bei dem vollstandigen Exemplar zeigt sich in 
der Zusammenstellung nirgendwo eine Unterbrechung, bei dem 
Exemplar, zu dem die Bruchstucke gehorten, war zwischen den 
einzelnen Abschnitten immer eine Zeile freigelassen. Auf den Ton- 
tafeln findet sich hier stets eine Trennungslinie. 

In der Einleitung tritt Chammurabi seinem Volke als der fromme 
Diener der Gotter entgegen, der Recht und Gerechtigkeit im Lande 
zur Geltung zu bringen und den Ruchlosen und den Bosen zu 
vernichten beabsichtigt, damit der Starke dem Schwachen nicht 
schade. Er ist der Hirt, der Berufene des Gortes Enlil, der Bringer 
von UeberfluB und Fulle, der Sturm der vier Weltgegenden, der 
groB gemacht hat den Namen von Babylon, der das Herz des 
Marduk erfreut und taglich einsteht fiir den Tempel Esagila. Er 
hat Ur zu Wohlstand gebracht; er ist der Krieger, der Larsa 
geschont und fiir den Sonnengott in dieser Stadt den Tempel 



A ) Keilschrifttexte der Gesetze yammurapis, Leipzig 1909. 

2 ) Codex Oamimirabi, Textus primigenius, transScriptio, translatio latina, 
vocabularia, tabula comparationis inter leges Mosis et yammurabi. Ad 'usum 
privatum auditorum Pontificii Iinstituti Biblici de Urbe. Romae 1910, und 
Codex Jlanunurabi, trans&criptio et translatio latina denuo in lucem edita 1930. 

3 ) Die Gesetze Ilammurabis *und ihr Verhaltnis zur mosaischen Gesetz- 
gebung sowie zu den XII Tafeln. Wien 1903. 

4 ) Die Gesetze Hamraurabis in Umschrift und Uebersetzung, Leipzig 1904. 

5 ) Hammurabi's Gesetz, von J. Kohler und F. E. Peiser, Band I, Leipzig 
1904. 

6 ) Bei GreBmann, Altorientalische Texte und Bilder zum Alten Testa- 
mente, Tubingen 1909, S. 140 ff . 

7 ) Bei GreBmann in der zweiten Aullage der Texte, Berlin 1926, S. 380 ff. 

8 ) Die Gesetzesstele Chammurabis, Der Alte Orient XXXI 3/4, Leipzig 
1932. 

9 ) Am vollstandigsten zur Zeit in der zweiten Auflage der Ausgabe von 
Deimel S. 33 ff. 



197 

erneuert hat, der neues Leben in Uruk erstehen lieB und die zer- 
streuten Bewohner von Isin wieder zusammenrief, das Entsetzen 
der Feinde, der kraftvolle Stier, der die Hasser zu Boden stoBt; er 
ist es, der die Bewohner von Malgu geborgen und ihre Wohnungen 
fest gegriindet hat; er ist der erste unter den Konigen, der Be- 
zwinger der Niederlassungen am Euphrat, der Gerechte, der den 
Bewohnern von Assur ihre Schutzgottheit zurtickgab, der Konig, 
der in Ninive im Tempel Emismis den Namen der Istar erstrahlen 
lieB. Als er von Marduk entboten wurde, dem Volke Recht zu ver- 
schaffen, schuf er die Oesetze in der Sprache des Landes 1 ). Aus 
dem Nachwort ersehen wir, daB er den Denkstein im Tempel 
errichten lieB, damit jeder, der in einen Rechtsstreit geraten war, 
die Bestimmungen dort nachlesen und sich selbst in der Angelegen- 
heit ein Urteil bilden konnte. Er hofft, da8 seine Nachfolger die 
Worte, die er auf dem Stein niederschreiben lieB, stets huten und 
beriicksichtigen bis zum Ende der Zeiten, und wiinscht ihnen fur 
diesen Fall eine lange Regierung. Wenn jemand es aber wagt, die 
Bestimmungen zu andern oder.an die Seite zu setzen, wenn er im 
Texte den Namen ausloscht und seinen eigenen dafiir einsetzt oder 
wenn er, um den Fluchen der Goiter zu entgehen, dieses durch 
einen andern besorgen laBt, dann soil Anu, der Vater der Gotter, 
die Konigsherrschaft von ihm hinwegnehmen, sein Zepter zer- 
brechen und seine Geschicke verfluchen, dann soil Enlil ihm nicht 
zu erstickende Wirren und Verzweiflung in seiner Wohnung ent- 
fachen, dann sollen Tage der Diirftigkeit und Jahre.der Hungersnot 
sein Anteil sein und er selbst nach seinem Tode der Vergessenheit 
anheimfallen. Ea soil ihm Sinn und Verstand nehmen, seine Fliisse 
an der Quelle verstopfen und Brotfrucht in seinem Lande nicht 
gedeihen lassen. Der Sonnengott soil sein Konigtum stiirzen, bei 
der Opferschau em Vorzeichen schicken von der Entwurzelung 
des Reiches und ihm den Untergang des Landes bereiten; er soil 
ihn fortreiBen aus der Mitte der Lebenden und unten in der Erde 
seinen Totengeist nach Wasser dursten lassen. Der Mondgott soil 
ihm die Krone und den Thron nehmen und die Tage, Monate und 
Jahre seines Konigtums unter Miihsal und Klagen zu Ende gehen 
lassen, Adad soil ihm den Regen versagen und das Uebersprudeln 
der Quellen, Istar soil mit ihrem gewaltigen Zorne sein Konigtum 
verfluchen, Nergal, der Gott des Todes, soil seine Untertanen heim- 
suchen gleich einem Feuer im Rohricht und ihm selbst die Glieder 
zerschmettern gleich einem tonernen Bildnis, Nuitu, die hehre 
Fiirstin der Lander, soil ihm keinen Erben und keine Nachkommen 
schenken und Ninkarrag soil ihm eine schwere Krankheit und eine 
eiternde Wunde schicken, die niemals heilt, deren Wesen ein Arzt 
nicht kennt, die durch Verbande nicht zu beruhigen und gleich 
einem TodesbiB nicht zu beseitigen ist. Anderes konnen wir hier 



A ) d. h. im Akfoadischen, im Gegensatz zu den bis dahin gebrauchten 
Zusammenstelluiigein in der sumerischen Sprache. 



198 

ubergehen. Wir heben die Einzelheiten nur hervor, well sie fur 
die Denkweise der damaligen Zeit besonders charakteristisch sind. 
Die Einleitung ermoglicht uns in ihren Angaben auBerdem noch 
eine genauere Datierung des vorliegenden Textes. Die Niederschrift 
kann in ihrer jetzigen Form erst entstanden sein, als der Konig 
schon iiber Larsa und im Norden iiber Assur und Ninive gebot. 
Das fiihrt uns in die letzten Regierungsjahre. 

In der eigentlichen Gesetzessammlung wird uns in dem ersten 
Abschnitt, der nach unserm jetzigen Empfinden fiinf Paragraphen 
umfaBt, zunachst in wenigen Worten einiges iiber Klager, Zeugen 
und Richter gesagt. Wenn jemand einen andern vor Gericht eines 
Mordes beschuldigt, ohne hierfur den Beweis zu erbringen, wird 
er selbst getotet. Wenn er ihn der Zauberei beschuldigt und die 
Richtigkeit seiner Anklage nicht zu beweisen vermag, hat der An- 
geklagte zum FluB zu gehen und sich in das Wasser zu stiirzen. 
Wenn der FluBgott ihn ergreift, darf der Klager das Haus des 
Angeklagten in Besitz nehmen; wenn der FluBgott aber die Un- 
schuld des Angeklagten erweist und ihn nicht ertrinken laBt, wird 
der Klager wegen seiner Anschuldigung getotet und das Haus des 
Klagers dem Angeklagten iiberlassen. Wenn jemand vor Gericht 
ein falsches Zeugnis ablegt und dadurch das Leben des Angeklagten 
in Gefahr bringt, wird er selbst mit dem Tode bestraft; wenn es 
sich bei der Aussage urn Getreide oder um Geld handelt, trifft ihn 
in derselben Weise die Strafe, die iiber den Angeklagten verhangt 
wird. Das deckt sich genau mit der Bestimmung, die wir Deuteron. 
19,16ff. vorfinden. Wenn sich herausstellte, daB jemand gegen 
einen andern vor Gericht eine falsche Beschuldigung erhoben oder 
ein falsches Zeugnis abgelegt hatte, sollte iiber ihn nach dem 
israelitischen Gesetze dasselbe verhangt werden, was er iiber seinen 
Mitbruder zu verhangen gedachte. Das Urteil wurde bei den Baby- 
loniern nicht nur miindlich ausgesprochen, sondern auch in einer 
besonderen Urkunde schriftlich festgelegt. Wenn der Richter an 
einer solchen Entscneidung nachtraglich eine Anderung vornahm, 
wurde er nach dem Wortlaute des Gesetzes zur zwolfmaligen Ent- 
richtung des Betrages verurteilt, der in der Entscheidung vor- 
gesehen war, und seines Amtes fur immer entsetzt. 

Im zweiten Abschnitt begegnen uns dann zunachst die wichtig- 
sten Bestimmungen iiber die so haufig vorkommenden Verfehlungen 
am fremden Eigenrum. Wer Tempelgut gestohlen hat oder sich 
am Besitztum des Staates vergriff, wird ebenso wie der Hehler, 
der das Gestohlene von ihm ubernahm, mit dem Tode bestraft. 
Wer Silber oder Gold, einen Sklaven oder eine Sklavin, ein Rind, 
ein Schaf, einen Esel oder sonst etwas von einem Vornehmen ohne 
Zeugen und ohne eine schriftliche Bescheinigung gekauft oder in 
Verwahrang g-enommen hat, wird als Dieb betrachtet und eben- 
falls getotet. Wenn jemand ein Rind, ein Schaf, einen Esel, ein 
Schwein oder ein Schiff gestohlen hat und das Gestohlene einem 
Tempel oder dem Staate gehorte, muB er es dreiBigfach erstatten. 



199 

Wenn es das Eigentum eines Muskenu 1 ) war, muB er es in zehn- 
facher Hohe zuriickgeben. Wenn er hierzu nicht imstande 1st, wird 
er getotet. Wenn jemand einen Oegenstand, den er verloren hatte, 
in der Hand eines andera findet und Zeugen beibringt, die den 
Gegenstand kennen, und wenn der andere behauptet, da8 er ihn 
gekauft hat, und den Verkaufer und die Zeugen des Verkaufes 
vorfiihrt, ist der Verkaufer' als Dieb zu betrachten und mit dem 
Tode zu bestrafen und der Gegenstand an den Eigentumer zuriick- 
zugeben. Der Kaufer darf dann das Geld, das er gezahlt hat, aus 
dem Hause des Verkaufers wieder an sich nehmen. Wenn er den 
Verkaufer aber nicht vorfuhren und den Kauf nicht durch Zeugen 
beweisen kann, wird er selbst als Dieb betrachtet und getotet. 
Wenn der Eigentumer die Zeugen nicht beibringen kann, gilt er 
seinerseits als boswilliger Verleumder, der fur seine Tat ebenfalls 
mit dem Tode zu bestrafen ist. Wenn der Verkaufer schon gestorben 
ist, erhalt der Kaufer sein Geld aus dem Hause des Verkaufers in 
fiinffacher Hohe. Wenn die Zeugen des Kaufers nicht in der Nahe 
sind, haben die Richter ihm fur die Erbringung des Beweises einen 
Ausstand yon sechs Monaten zu gewahren. Wenn jemand den 
minderjahrigen Sohn eines Vornehmen gestohlen hat, wird er ge- 
totet. Dieselbe Strafe trifft ihn, wenn er einen Sklaven oder erne 
Sklavin des Staates oder den Sklaven oder die Sklavin eines Mus- 
kenu aus der Stadt hinausgefuhrt hat, oder wenn er einen fliichtigen 
Sklaven oder eine fliichtige Sklavin in seiner Wohnung verborgen 
hielt und ihn auf den Ruf oder die Forderung des Aufsehers nicht 
herausgab. Wenn er auf dem Felde einen fluchtigen Sklaven oder 
eine fliichtige Sklavin aufgegriffen hat und es ihm gelungen ist, ihn 
wieder zu seinem Herrn zu bringen, erhalt er von diesem eine 
Belohnung von zwei Silberschekeln. Wenn der Sklave, der ihm 
begegnet, den Namen seines Herrn nicht angibt, hat er ihn zum 
Regierungsgebaude zu fuhren, wo man den Eigentumer feststellen 
und den Sklaven wieder in seinen Besitz bringen wird. Wenn er 
den Sklaven in seiner Wohnung zuruckbehielt, um ihn fur sich 
selbst zu gebrauchen, wird er mit dem Tode bestrafr. Wenn er 
eidlich versichern kann, daB der Sklave ohne sein personliches 
Verschulden aus seiner Hand entflohen ist, wird er nicht weiter 
belastigt. Wenn jemand in ein Haus eingebrochen ist, soil er vor 
der Offnung, die er in die Mauer gerissen hat, getotet und im Boden 
verscharrt werden. Wenn jemand gefaBt wurde, nachdem er einen 
Raub ausgefuhrt hatte, wird er getotet. Wenn es nicht moglich 
war, den Rauber zu ergreifen, hat der Beraubte unter Eid an- 
zugeben, was ihm genommen wurde, und die Ortsbehorde hat es 

*) ein Mann aus den gewohnlichen Volkskreisen. Es war die Klasse 
zwischen den Vornehmen und den Sklaven. Das Wort wurde im Hebraischen 
zu misken und setzt dort in seiner Bedeutung ein bestimmtes MaB von 
Armut und Diirftigkeit voraus. Das ist auch im Aramaischeni und im 
Arabischen der Fall. Es hat sich im lialienischen als meschino = armselig", 
diirftig, elend und im Franzosischen als mesquin erhalten. Die rechtliche 
Lage laBt sich noch nicht mit Sicherheit umschreiben. 



200 

ihm dann zu ersetzen. Wenn er von dem Rauber getotet wurde, hat 
sie an die Angehorigen eine Silbermine zu zahlen. Wenn jemand 
sich bei einem Brande an dem Eigentum des Hausherrn vergreift, 
soil er sofort in das brennende Feuer geworfen werden. 

Die Bestimmungen sind im Vergleich zu den Forderungen des 
israelitischen Rechtes auBerordentlich hart. In Israel sind alle vor 
dem Gesetze gleich. Es macht gar keinen Unterschied, ob v das Ge- 
stohlene einem Reichen oder einem Armen, einem Konige oder 
einem Bettler gehorte. Der Dieb hat es nach den Angaben, die 
uns in Exod. 20,22 23,33, dem Auszuge aus dem ehemaligen 
Bundesbuche 1 ), vorliegen, unter normalen Verhaltnissen doppelt zu 
ersetzen 2 ). Eine hohere Strafe ist nur vorgesehen, wenn er z. B. 
ein Rind oder ein Schaf gestohlen und das Tier bereits geschlachtet 
oder verkauft hatte, so daB die Zuriickgabe im engeren Sinne des 
Wortes nicht mehr moglich war. Er muBte dann fur das Rind 
fiinf Rinder und fiir das Schaf vier Schafe erstatten 3 ). Die Todes- 
strafe kommt in der Bibel fiir einen gewohnlichen Diebstahl gar 
nicht mehr in Betracht; sie kann nur noch verhangt werden, wenn 
Menschenraub vorliegt 4 ). Die Auslieferung eines Sklaven, die in 
dem altbabylonischen Gesetze verlangt wird, ist bei den Israeliten 
ausdriicklich verboten. ,,Du sollst einen Sklaven, der sich vor seinem 
Herrn zu dir fluchtet, nicht an seinen Herrn ausliefern. Er soil bei 
dir bleiben in deiner Mitte, an dem Orte, den er wahlt, in einer 
deiner Ortschaften, wo es ihm gefallt, ohne daB du ihn behinderst" 5 ). 

Der folgende Abschnitt beschaftigt sich mit den Pflichten und 
den besonderen Rechten der Personen, die zum Soldatenstande 
gehorten. Wenn der Soldat den Befehl erhalt, sich an einem Kriegs- 
zuge zu beteiligen, und diesem Befehle nicht entspricht, sondern 
sich durch einen Mietling vertreten laBt, wird er getotet und der 
Mietling in den Besitz seines Hauses gesetzt. Wenn der Soldat bei 
einer Niederlage des Konigs in Gefangenschaft geraten ist und 
spater aus der Gefangenschaft zuriickkehrt, nachdem sein Feld und 
sein Garten bereits einem Nachfolger ubergeben wurde, muB der 
Nachfolger vor ihm zuriicktreten und das Besitztum verlassen. 
Wenn der Gefangene einen Sohn hat, der das Besitztum ubernehmen 
und fiir ihn eintreten kann, wird die Stelle seinem Sohne iiberlassen. 
Wenn der Sohn noch minderjahrig ist, erhalt die Mutter den dritten 
Teil des Feldes und des Gartens, um ihn groBzuziehen. Wenn der 
Soldat das Anwesen freiwillig verlassen hat und ein anderer an 
seiner Stelle das Feld und den Garten schon im dritten Jahre be- 
wirtschaftet, kann er auf das Besitztum keinen Anspruch mehr er- 
heben. Wenn die Abwesenheit nur den Zeitraum eines Jahres um- 
faBt, wenn das zweite Jahr also noch nicht abgelaufen ist, werden 



A ) Vgl. fiir diesen Ausdruck die Bezeichnung Exod. 24,7. 

2 ) Exod. 22, 3. 6. 

3 ) Exod. 21,37. 

4 ) Exod. 21,16 und ebenso Deuteron. 24,7. 

5 ) Deuteron. 23,1617. 



201 

ihm Feld, Garten und Haus zuriickgegeben. Wenn der Soldat in 
Gefangenschaft geriet und in der Fremde von einem Kaufmann 
wieder losgekauft und zuriickgebracht wurde, so hat er das Lose- 
geld, wenn es in seinem Hause vorhanden ist, selbst zu erstatten; 
wenn er es nicht besitzt, muI3 der Tempel oder die Stadtverwaltung 
die Zahlung leisten; wenn diese dazu nicht imstande sind, tut es 
der Staat. Sein Feld, sein Garten und seine Wohnung diirfen fur 
den Loskauf nicht verwandt werden. Wenn der Fiihrer einen Un- 
tauglichen angenommen und einen Mietling zum Heereszuge des 
Konigs zugelassen hat, wird er getotet. Dieselbe Strafe steht ihm 
bevor, wenn er etwas von dem Eigentum eines Soldaten an sich 
nimmt, wenn er ihn schadigt, wenn er inn vermietet, wenn er ihn 
vor Gericht gegen einen Machtigen nicht in Schutz nimmt und 
wenn er ihm entzieht, was der Konig ihm geschenkt hat. Wenn 
jemand von einem Soldaten Rinder und Schafe gekauft hat, die ihm 
vom Konige geschenkt wurden, geht er des Geldes verlustig. Feld, 
Garten und Haus eines Soldaten diirfen nicht verkauft werden. 
Wenn jemand die Besitzung gekauft hat, wird die Urkunde, die ihm 
dariiber ausgestellt wurde, vernichtet; er geht des Geldes, das er 
gezahlt hat, verlustig und muB das Anwesen an seinen Besitzer 
zuriickgeben. Der Soldat kann von dem Besitztum auch seiner 
Frau und seiner Tochter nichts verschreiben und kann es nicht zur 
Deckung einer Schuld verwenden. Was er aber kauflich erworben 
hat, darf er in dieser Weise gebrauchen. Wenn jemand das Anwesen 
eines Soldaten durch Tausch in seinen Besitz gebracht hat, ist dieser 
Tausch ebenfalls nichtig; wenn er bei dem Tausche Geld zulegen 
muBte, bleibt das Geld in den Handen des Soldaten. 

Die Bestimmungen iiber den Grundbesitz und die Wohnung der 
Soldaten fiihren nun zu den Abschnitten, die sich mit Acker, Garten 
und Haus im allgemeinen beschaftigen. Wenn jemand ein Feld 
gepachtet hat und es nicht bewirtschafter, hat er als Pacht dieselbe 
Getreidemenge zu entrichten, die sich fiir den Acker des Nachbarn 
ergab. Wenn der Acker von einem Unwetter oder von einer Hoch- 
flut heimgesucht wurde, fallt der Schaden, wenn der Eigentumer 
die Pacht schon erhalten hat, dem Pachter zur Last; wenn er sie 
noch nicht erhalten hat, wird der Ertrag nach der bestehenden 
Vereinbarung geteilt. Wenn der Pachter im ersten Jahre nicht auf 
seine Kosten gekommen ist und den Acker dann weiterverpachtet, 
darf der Eigentumer keinen Einspruch dagegen erheben. Wenn 
jemand von seinem Acker einen Teil seines Getreides zur Deckung 
einer Zinsverpflichtung abgeben muB und das Getreide durch Un- 
wetter, Flut oder Trockenheit zerstort wurde, ist er in dem be- 
treffenden Jahre von der Lieferung entbunden. Wenn jemand von 
einem Kaufmann ein Darlehen erhielt und ihm dafiir den Ertrag 
eines Getreide- oder Sesamfeldes als Sicherung uberlieB, hat er bei 
der Ernte das Getreide selbst an sich zu nehmen und den Kaufmann 
damit zu befriedigen. Wenn er nicht in Geld zu bezahlen vermag, 
ist der Wert des Getreides nach der ,,Festsetzung des Konigs" oder 



202 

nach dem Satze zu berechnen, den der Staat bei solchen Zahlungen 
zugrundelegt. Wenn jemand es unterlasseh hat, an seinem Acker- 
stiicke den Deich eines Wasserlaufes in Ordnung zu halten, und 
das Wasser den Deich durchbrach, hat er den dadurch entstandenen 
Schaden zu ersetzen. Wenn er dazu nicht imstande ist, wird sein 
Besitztum verkauft und das Geld an die Geschadigten verteilt. Wenn 
jemand auf seinem Acker bei der Offnung des Bewasserungs- 
grabens nicht vorsichtig gewesen ist und dadurch auf dem Felde 
des Nachbarn einen Schaden herbeigefiihrt hat, mu8 er das Ge- 
treide, das auf diese Weise zerstort wurde, aus der eigenen Ernte 
wieder erstatten. Die GroBe des Schadens wird in einem solchen 
Falle nach den Ertragnissen der unmittelbar danebenliegenden 
Grundstucke festgesetzt. Wenn durch das Wasser die Anlage oder 
die Herrichtung des Ackers zerstort wurde, ist dem Eigentumer auf 
das Bur 1 ) eine Getreidemenge von 10 Kur zu liefern. Wenn ein 
Hirt ohne Erlaubnis seine Schafe auf einem fremden Acker weiden 
laBt, hat er den Schaden, den er dadurch anrichtet, fur das Bur 
mit einer Lieferung von 20 Kur zu begleichen. Das ist der dritte 
Teil des normalen Ertrages. Wenn es zu einer Zeit geschieht, wo 
die Schafe ihre Weideplatze schon verlassen haben und sich in ihren 
Pferchen innerhalb des Stadtgebietes befinden, also zur Nachtzeit, 
dann hat er die Ackerstiicke bis zur Ernte selbst zu ubernehmen 
und dem Eigentumer bei der Ernte fur das Bur den vollen Ertrag 
von 60 Kur zu entrichten. 

Wenn jemand in einen Garten eindringt und dort ohne Erlaub- 
nis des Eigentiimers einen Baum fallt, hat er als Entschadigung 
eine halbe Silbermine zu zahlen. Wenn jemand einem Gartner eine 
Ackerflache ^zur Bepflanzung mit Baumen 2 ) iibergab und der 
Gartner die Baume gepflanzt und vier Jahre gepflegt hat, werden 
die Friichte im fiinften Jahre zwischen dem Eigentumer und dem 
Gartner zu gleichen Teilen geteilt. Bei dieser Teilung darf der 
Eigentumer zwischen den beiden Halften fur seine Person zuerst 
wahlen. Wenn der Gartner einen Teil des Gartens nicht bepflanzt 
hat, kommt dieses Stuck auf seine Halfte 3 ). Wenn er die Baume 
uberhaupt nicht gepflanzt hat, muB er fur die betreffenden Jahre 
nach den Ertragnissen des danebenliegenden Ackers die gewohn- 
liche Feldpacht entrichten. Wenn jemand einem Gartner seinen 
Baumgarten zur Befruchtung iibergeben hat*), iiberlaBt ihm der 
Gartner bei der Ernte zwei Drittel des Ertrages. Wenn der Gartner 
die Baume nicht befruchtet und durch eigene Schuld nur einen 
geringen Ertrag erzielt, werden fur die Ablieferung die Ertragnisse 
in dem Garten des Nachbarn zugrundegelegt. Wenn jemand von 
einem Kaufmanne Geld geliehen hat und ihm zur Begleichung seiner 



*) Vgl. oben S. 190. 
-) mit Dattelpalmen. 

3 ) Die Teilung erfolg^t also nach der Zafal und dem Stande der Baume, 
bevor die Friichte gepfluckt waren. 

*) Ueber die Befruchtung der Palmen vgl. oben S. 101. 



203 

Schuld den Ertrag eines gepachteten Baumgartens anbietet, so darf 
der Kaufmann dieses nicht annehmen. Er hat in einem solchen Falle 
die Regelung dem Eigentumer zu uberlassen, der ihm das erforder- 
liche Geld zahlt und den Rest der Datteln fur sich selbst nimmt. 

Wenn ein Kaufmann Getreide 1 ) auf Zinsen gegeben hat, erhalt 
er fur den Kur eine Vergiitung von [60 Sila]. Wenn er Geld aus- 
leiht, bekommt er fur den Silberschekel, der 180 Se oder silberne 
,,Getreidekorner" umfafit, nach dem Wortlaute des Gesetzes den 
sechsten Teil eines Schekels und 6 Se. 180 : 6 = 30; 30 + 6 = 36. 
Das ist in Wirklichkeit 180 : 5; es ergibt also einen Zinssatz von 
einem Fiinftel des Betrages oder von 20 Prozent 2 ). Wenn man bei 
einem Getreidedarlehen die Zinsen in Geld entrichten will, darf der 
Kaufmann fur den Kur nur einen Zinsbetrag von dem sechsten Teil 
eines Schekels und 6 Se fordern, also denselben Betrag, den er von 
einem Schekel erhalt. Wenn er mehr verlangt, soil er alles, was er 
gegeben hat, verlieren 3 ). 

Wenn jemand einem andern Geld zu einem gemeinsamen Ge- 
schafte gegeben hat, miissen beide Gewinn und Verlust gleichmaJBig 
teilen. Wenn der Kaufmann einem Gehilfen oder Vertreter Geld 
gibt und ihn damit uber Land schickt, hat der Gehilfe die Gewinne, 
die er auf dieser Geschaftsreise erzielt, genau nacheinander zu 
buchen und dem Kaufmann ebenso wie das Grundkapital 4 ) zu ver- 
zinsen. Bei seiner Ruckkehr hat er dariiber unter Angabe der Tage 
Rechenschaft abzulegen und dem Kaufmann das Geld auszu- 
handigen. Wenn er keinen Gewinn erzielt hat, mu6 er das ihm 
anvertraute Kapital in der doppelten Hohe zuriickgeben. Wenn ihm 
das Geld aus Gefalligkeit uberlassen wurde, hat er auch bei einem 
Verluste das voile Kapital zu erstatten. Wenn ein Feind ihn ge- 
zwungen hat, etwas von dem, was er bei sich trug, im Stich zu 
lassen, und er dieses durch einen Eid bekraftigt, ist er von der 
Ersatzpflicht entbunden. Wenn der Kaufmann dem Gehilfen Ge- 
treide, Wolle, Ol oder sonst irgend etwas zu verkaufen gegeben hat, 
mu8 der Gehilfe das Geld, das er einnimmt, genau nacheinander 
buchen und sich bei der Abgabe vom Kaufmann eine Quittung 
ausstellen lassen. Wenn er sich die Quittung nicht geben lieB, wird 



4 ) So mach dem Sinne. In der altbabylonischen Absehrift die Be- 
stimmung stand auf dem Steindenkmal in der Liicke lesen wir hier kaspa- 
am = kaspam = Geld. 

2 ) Der Zinssatz fiir das Getreide ist hiernach erganzt. Man g'mg aber 
in der Praxis bei Getreidedarlehen in der Regrel viel hoher. Die Zinsen be- 
trugen hier im Durchschnitt 33^ Prozent. Dies erklart sich aus der Tat- 
saohe, dafi die Getreidedarlehen fast immer bis zur nachsten Ernie lieien. 
Die Ruckzahlung erfolgte also zu einer Zeit, wo das Getreide am billigsten 
war. 

3 ) In der alteren umerisohen Zeit war die Gleichsetzung von Kur und 
Schekel allgemein iiiblich. Sie hat aber fiir die Zeit des Chammurabi nur noch 
bei den Preisverhaltnissen unmittelbar nach der Ernte ihre Berechtigung. Der 
Durchschnittspreis betrug damals fiir den Kur schon 1% 2 Schekel. 

4 ) So nadh dem Zusammenhange. 



204 

ihm die Zahlung, falls es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, 
nicht angerechnet. Wenn der Gehilfe von dem Kaufmanne Geld 
bekommen hat und es in Abrede stellt, und der Kaufmann durch Eid 
und Zeugen beweist, daB ihm das Geld gezahlt wurde, hat er das 
Geld in dreifacher Hohe an den Kaufmann zuruckzuzahlen. Wenn 
der Kaufmann eine Zahlung des Gehilfen in Abrede stellt und der 
Gehilfe den Beweis erbringt, daB er die Zahlung geleistet hat, mu6 
er das Geld, das er bekommen hat, an den Gehilfen in sechsfacher 
Hohe bezahlen. 

Der Verkauf von berauschenden Getranken lag fast ganz in den 
Handen der vielfach recht iibel beleumundeten Schenkwirtinnen. 
Die Schenkwirtin ist nach dem Gesetze verpflichtet, die Bezahlung 
des Bieres in Getreide zu gestatten; sie darf sich das Geld, das sie 
bekommt, nicht in betriigerischer Weise nach dem groBen Gewichte 
zahlen lassen und muB em Bier liefern, das in seiner Giite zum 
Preise des Getreides im richtigen Verhaltnis steht. Wenn man ihr 
nachweist, daB sie sich iiber diese Verpflichtungen hinwegsetzte, 
soil sie ins Wasser geworfen werden. Wenn sich in dem Hause 
einer Schenkwirtin Verbrecher zusammenfinden und sie diese Ver- 
brecher nicht festnimmt und der Behorde zufiihrt, wird sie getotet. 
Wenn eine Priesterin 1 ) oder eine Oberpriesterin 2 ), die nicht in dem 
zum Tempel gehorenden Frauenhause wohnt, in eine Schenkwirt- 
schaft hineingeht, um dort zu trinken, soil diese Person verbrannt 
werden. Wenn die Schenkwirtin 60 Sila Pihu-Bier 3 ) gegeben hat, 
kann sie zur Erntezeit 50 Sila Getreide beanspruchen. 

Was wir hier iiber das Leben in einem solchen Wein- oder 
Bierhause erfahren, deckt sich ganz mit der Schilderung, die uns 
im zweiten Kapitel des Buches Josue von den Verbal tnissen im 
Hause der Rachab gegeben wird. Rachab wird ausdriicklich als 
issah zonah oder als Buhlerin bezeichnet. Sie offnet ihr Haus den 
Fremden und bietet ihnen Verpflegung und Nachtruhe. Auch Per- 
sonen, die politisch nicht einwandfrei sind, werden gern aufge- 
nommen und finden bei ihr Schutz und Hilfe. Sie verbarg die 
Kundschafter und ermoglichte ihre Flucht, obschon sie iiber die 
Herkunft dieser Manner nicht mehr im Zweifel ,war. 

DaB eine Priesterin in einem solchen Hause nicht verkehren 
durfte, ist auch bei den sittlichen Auffassungen der vorisraelitischen 
Zeit durchaus zu begreifen. Sie durfte sich zwar preisgeben, aber 
nur im Tempelbezirk, im unmittelbaren Dienste der Gottheit. 
AuBerhalb des Tempels hatte sie sich eines vorbildlichen und ein- 



*) sal-me = naditu. Me siptu = Beschworung; sal hebt hervor, daB 
es sich um eine Frau handelt. Sal-me ist also eine Frau, die init Beschwo- 
rung'en zu tun hat. Das Hersagen einer Beschworung' wurde im Akkadischen 
durch nadu ausgednickt. Naditu ist in seiner sprachlichen Form das Femindnum 
des Partizip Prasens. Die Priesterin war die naditu sa sipati. 

2 ) entu. Sie nahm an den Tempeln eine ahnliche Stellung ein wie der als 
enu bezeichnete Oberpriester. 

3 ) ein in der damaligen Zeit gem getrunkenes Mischbier. 



_ one; . 
_ ^\j^ 

wandfreien Lebenswandels zu befleiBigen 1 ). Das erwartete man in 
der israelitischen Zeit, wo es keine Priesterinnen mehr gab, in der- 
selben Weise von den Tochtern der Priester. Wenn die Tochter 
eines Priesters sich soweit vergaB, da8 sie den Namen ihres Vaters 
durch Unkeuschheit entweihte, wurde sie nach Lev. 21,9 ebenfalls 
rait dem Feuertode bestraft. Es bedarf wohl kaum eines Beweises, 
da6 hier ein geschichtlicher Zusammenhang vorliegt. 

Wenn jemand fur einen andern die Beforderung von Silber, 
Gold, Edelsteinen oder andern beweglichen Gegenstanden tiber- 
nommen hat und diese nicht abliefert, sondern fiir sich selbst be- 
halt, muB er dem Eigentumer alles, was er an sich genommen und 
nicht abgegeben hat, fiinffach erstatten. Wenn jemand von einem 
andern Getreide oder Geld zu fordern hat und das Getreide dann 
ohne die Erlaubnis des Schuldners eigenmachtig aus dem Speicher 
holt, muB er es zuriickgeben und ganz auf seine Forderung ver- 
zichten. Wenn jemand von einem andern, ohne daB er von ihm 
etwas zu fordern hat, eine Person als Pfand in seinen Besitz nimmt, 
hat er fur jede Person, an der er sich in dieser Weise vergreift, den 
dritten Teil einer Silbermine zu zahlen. Wenn die Forderung 
berechtigt war und die Person, die er genommen hat, in seiner 
Wohnung eines natiirlichen Todes gestorben ist, ergeben sich fiir 
ihn keine Verpflichtungen. Wenn der Tod aber die Folge von 
Schlagen oder von schlechter Behandlung war und der Eigentumer 
der Person hierfur den Beweis erbringt, soil dem Kaufmann 2 ), 
wenn es sich um den Sohn des Schuldners handelt, 'ebenfalls einer 
von seinen Sohnen genommen und getotet werden. Wenn es ein 
Sklave war, hat er den dritten Teil einer Silbermine zu zahlen und 
zugleich auf seine Forderungen zu verzichten. Wenn jemand eine 
Zahlung zu leisten hat und seine Frau, seinen Sohn oder seine 
Tochter zur Begleichung dieser Schuld verkauft oder in Dienst gibt, 
ist diese Person nach drei Jahren wieder aus dem Hause des 
Kaufers oder des Dienstherrn zu entlassen. Wenn es sich aber um 
einen Sklaven oder um eine Sklavin handelt und der Kaufer die 
Person schon weiterverkauft hat, kann eine Zuriickgabe nicht mehr 
verlangt werden. 

Wenn jemand sein Getreide im Hause eines andern zum Auf- 
bewahren ausgeschiittet hat und ein Teil des Getreides von dem 
Eigentumer des Hauses entwendet wurde, muB dieser den Teil, den 
er an sich genommen hat, doppelt ersetzen. Die Miete, die man 
fiir das Aufbewahren des Getreides zu zahlen hat, betragt fiir den 
Kur im Jahre ftinf Sila 3 ). Wenn jemand einem andern Silber oder 
Gold oder sonst etwas Wertvolles zum Aufbewahren ubergeben 
will, hat er Zeugen heranzuziehen, denen er die Gegenstande vor- 
legt, und alles in einer Urkunde genau zu verzeichnen. Wenn die 



*) V,gl. Meriiber besoadens die Ausfiihrungen von Br. MeiBner, Baby- 
lonien und Assyrian, Zweiter Banld, S. 68 71. 

2 ) So nach dem ausdriicklichen Wortlaute des Textes. 

3 ) Also 1% Frozen! 



206 

Uebergabe ohne Zeugen und ohne Urkunde erfolgt 1st und spater 
geleugnet wird, kann der Eigentiimer auf die Ruckgabe keinen An- 
spruch erheben. Wenn die Uebergabe vor Zeugen stattfand, muB 
der Mann, der die Annahme leugnet, alles, was er zu verheimlichen 
suchte, doppelt ersetzen. Wenn die Gegenstande in dem Hause, 
wo sie verwahrt wurden, von Dieben bei einem Einbruch zugleich 
mit dem Besitztum des Hauseigenttimers gestohlen sind, muB der 
Hauseigentiimer, weil er nicht vorsichtig gewesen ist, das Gestohlene 
wieder ersetzen. Wenn jemand, dem etwas nicht abhanden ge- 
kommen ist, dennoch behauptet: ,,Mir ist etwas abhanden ge- 
kommen", und iiber seinen Schaden hinausgeht, hat er den wirk- 
lichen Schaden vor einem Gotte 1 ) genau anzugeben und das, was 
er zu Unrecht beansprucht hatte, in doppelter Hone zu ersetzen. 

Der Gesetzgeber vertritt hier also den Grundsatz, daB jemand, 
der fremdes Eigentum in Verwahrung genommen hat, das ihm 
anvertraute Gut so, wie es ihm iibergeben wurde, an den Eigen- 
tiimer zuruckgeben muB. Wenn er versucht, es zu unterschlagen, 
muB er es doppelt erstatten. Diebstahl ist keine Entschuldigung. 
Wenn der Eigentiimer etwas zuriickverlangt, was er nicht iibergeben 
hat, wird er ebenfalls zu einer Entrichtung des Wertes in doppelter 
Hone verurteilt. Diese Festsetzungen beriihren sich auf das engste 
mit den Bestimmungen, die wir Exod. 22,6 ff. antreffen. ,,Wenn 
jemand", so heiBt es dort, ,,einem andern Geld oder Gebrauchs- 
gegenstande in Verwahrung gibt und dieses aus dem Hause des 
Mannes gestohlen wird, zahlt der Dieb, wenn er gefunden wird, 
das Doppelte. Wenn der Dieb nicht gefunden wird, soil der Haus- 
besitzer vor Gott gefuhrt werden, ob er nicht seine Hand aus- 
gestreckt hat nach dem Eigentum des andern. Wenn Unterschlagung 
in Betracht kommt, mag es sich um ein Rind handeln oder um einen 
Esel, ein Schaf, einen Mantel oder sonst etwas, was abhanden ge- 
kommen ist, von dem man aber sagt: Da ist es, dann soil die Sache 
der beiden vor Gott kommen und der, den Gott fur schuldig erklart, 
soil dem andern doppelten Ersatz leisten. Wenn jemand einem 
andern einen Esel, ein Rind, ein Schaf oder sonst ein Tier in Ver- 
wahrung gibt und dieses urns Leben kommt, etwas bricht oder ver- 
schleppt wird, ohne daB jemand es sieht, dann soil zwischen beiden 
ein Eid bei Jahwe stattfinden, ob er nicht seine Hand ausgestreckt 
hat nach dem Eigentum des andern, und der Eigentiimer soil dieses 
annehmen und der andere braucht nichts zu ersetzen. Wenn es aber 
gestohlen ist, soil er dem Eigentiimer Ersatz leisten. Wenn es zer- 
rissen wurde, soil er es vorlegen zum Beweise; dann braucht er 
das Zerrissene nicht zu ersetzen." Die Verfehlung wird hier ebenso 
wie bei Chammurabi stets mit einer Entschadigung in doppelter 
Hohe beglichen. Die Zuriickerstattung muB nach dem einen Gesetze 
wie nach dem andern auch da noch erfolgen, wo der Gegenstand 
durch Diebstahl entwendet wurde. Wenn es einer Feststellung der 



ina mahar ilim. 



207 

Tatsachen bedarf, geschieht dieses durch Eidesleistungen vor einem 
Gott oder vor Jahwe. Man sieht also, daB auch hier wieder ein 
Zusammenhang besteht. 

Die Zuriickerstattung in doppelter Hohe ist bei Chammurabi, wo 
der Diebstahl sonst viel schwerer bestraft wird, sehr auffallend. 
Wir haben es hier offenbar mit der geringsten Strafe zu tun, die 
man in der damaligen Zeit bei einer Aneignung von fremdem 
Eigentum fur zulassig hielt. Diese Strafe ist in der israelitischen 
Gesetzgebung schon zur gewohnlichen Siihne fiir jeden Diebstahl 
geworden. 

Wenn jemand gegen eine Oberpriesterin oder gegen die Ehe- 
frau eines andern den Finger erhebt, ohne seinen Verdacht oder 
seine Behauptung zu beweisen, soil man ihn vor die Richter fiihren 
und ihm vorn auf dem Kopfe die fiaare wegscheren. 

Die Ehe wird vor dem Gesetze nur als giiltig angesehen, wenn 
ein schriftlicher Vertrag vorliegt. Wenn eine Frau bei einem. Ehe- 
bruch ertappt wird, soil man die beiden Personen ins Wasser 
werfen. Wenn der Ehemann aber seiner Frau verzeiht und den 
Wunsch hat, daB sie am Leben bleibt, schenkt der Konig auch dem 
Ehebrecher das Leben. Wenn jemand eine Person vergewaltigt, die 
mit einem andern verlobt ist, wird er mit dem Tode bestraft. Wenn 
jemand die Treue seiner Frau in Zweifel zieht, ohne daB sie bei 
einem andern angetroffen und uberfuhrt wurde, soil sie bei einer 
Gottheit einen Eid schworen und in ihr Haus zuruckkehren. Wenn 
man gegen eine Frau wegen eines andern Mannes den Finger er- 
hebt, ohne daB sie in seiner Umarmung ertappt wurde, soil sie sich 
auf das Verlangen ihres Mannes in den FluB stiirzen und dem 
FluBgott die Entscheidung iiberlassen. Wenn der FluBgott sie nicht 
wieder herausgab, betrachtete man dies als die regelmaBige Strafe 
fur einen wirklichen Ehebruch. 

In der Bibel heiBt es Lev. 20,10: ,,Wenn jemand Ehebruch 
treibt mit der Frau eines andern Mannes, wenn er Ehebruch treibt 
mit der Frau seines Mitbruders, dann sollen Ehebrecher und Ehe- 
brecherin den Tod erleiden." Ueber die Art des Todes wird hier 
nichts angegeben. Wir wissen aber aus andern Stellen 1 ), daB beide 
gesteinigt wurden. Die Steinigung war die einzige Todesstrafe, die 
in der israelitischen Zeit fiir ein gewohnliches Verbrechen iiber- 
haupt in Betracht kam. 

Wenn der Ehemann Grand hatte, die Treue seiner Frau zu be- 
zweifeln, konnte er auch bei den Israeliten eine Feststellung durch 
ein Gottesurteil veranlassen. Die Frau hatte sich in diesem Falle, 
wie wir Num. 5,11 31 erfahren, mit ihrem Manne zum Priester 
zu begeben, der mit ihr vor den Herrn trat, und dort das sogenannte 
Fluchwasser zu trinken. Der Priester holte dieses Wasser aus dem 
Heiligtum und fiigte zuerstetwas Erde vom Boden des Gotteshauses 
hinzu. Er hatte dann einen Fluch auszusprechen, den er auBerdem 



*) Deut 22,23 H.; Ezech. 16,40; Job. 8,2 ff. 



208 

auf eine Tafel schrieb, und diese Schrift ebenfalls in das Wasser zu 
mischen. Das Wasser sollte der Frau, wenn sie unschuldig war, 
trotz des Fluches keinen Schaden bereiten; wenn sie sich aber ver- 
fehlt hatte, sollte es ihr zum Verhangnis werden und fur die Zukunft 
die Geburt eines Kindes unmoglich machen. Es sollte hier also in 
ahnlicher Weise wirken, wie man es in Babylon von dem Wasser 
des Flusses erwartete. In Babylon muBte die Frau, wenn sie schuldig 
war, in dem Wasser ertrinken; in Palastina muBte man sich darauf 
beschranken, ihr das Wasser in einem GefaBe zu reichen, weil dort 
die Wasserprobe im gewohnlichen Sinne des Wortes in den meisten 
Gegenden unmoglich war. Man konnte dort nicht ohne weiteres 
zum FluB gehen, wie man im Akkadischen zu sagen pflegte, weil 
die groBeren Flusse dort viel zu selten waren; man legte aber Wert 
darauf, dem Wasser noch etwas Erde beizufiigen, urn auf diese 
Weise der Eigenart des FluBwassers moglichst nahezukommen. 
Der israelitische Brauch ist hier also, wie wir annehmen mtissen, 
aus der Form des altbabylonischen Verfahrens hervorgegangen. 
Das ist aber jedenfalls schon vor der Zeit der israelitischen Ein- 
wanderung geschehen. Die Bewohner von Palastina hatten aus der 
Not eine Tugend gemacht und die Forderung des babylonischen 
Gesetzgebers durch andere Bestimmungen ersetzt, die den Verhalt- 
nissen des Landes besser entsprachen. Diese wurden dann in der 
spateren Zeit beibehalten. 

Wenn der Ehemann in Gefangenschaft geraten ist und in seinem 
Hause die notwendigen Lebensmittel vorhanden sind, ist die Frau 
gesetzlich verpflichtet, in der Wohnung zu bleiben und iiber das 
Besitztum zu wachen. Wenn sie die Wohnung verlaBt und sich in 
das Haus eines andern begibt, soil sie ins Wasser geworfen werden. 
Wenn die Lebensmittel nicht ausreichen, ist ihr dieser Schritt ge- 
stattet. Sie muB aber, wenn der Mann zuriickkehrt, ebenfalls wieder 
in sein Haus ziehen und die Kinder, die sie in dem andern Hause 
geboren hat, dem Vater iiberlassen. 

Der Ehemann wird in den Bestimmungen ohne besondere Ein- 
schrankung als der bel issati oder als der Herr der Frau bezeichnet. 
Er hatte seinem Schwiegervater vor der EheschlieBung nach alter 
Sitte die sogenannte tirhatu oder das Brautgeld uberreicht, das 
seinem Ursprunge nach als der Kaufpreis zu deuten ist und dieses 
Verhaltnis rechtlich begriindete. Das Geld wurde aber in der da- 
maligen Zeit der Braut, wie wir aus mehreren Urkunden erfahren, 
beim Verlassen des Elternhauses gewohnlich an den Gurtel 1 ) ge- 
bunden tind auf diese Weise dem Manne wiederzugestellt, der es 
dann ebenso wie die Mitgift als das Eigentum der Frau zu be- 
trachten hatte. Wenn er seine Frau zu entlassen beabsichtigt, weil 
sie ihm keine Nachkommen schenkt, muB er ihr nach dem Gesetze 
beides zuriickgeben. Wenn ein Brautgeld nicht vorhanden ist, muB 
ihr der Ehemann aus hoherem Stande eine Silbermine und der 



ina giannisa, Gannu = kannu Schnur, von kananu flechten. 



209 

Muskenu den dritten Teil einer Mine als Scheidegeld zahlen. Dieses 
Geld wurde ihr, wie man sich ausdriickte, in den SchoB gebunden; 
es wurde also wohl ebenfalls am Giirtel befestigt. Wenn eine Frau, 
die in dem Hause ihres Mannes wohnt, ihren Sinn auf das Ausgehen 
richtet 1 ), wenn sie Torheiten begeht, das Besitztum zerstreut und 
ihren Ehemann vernachlassigt, darf der Ehemann sie, wenn der 
Beweis erbracht 1st, ohne Scheidegeld und Wegzehrung entlassen. 
Wenn er sie behalten will, darf er sie zur Sklavin machen und neben 
ihr eine zweite Frau nehmen. Wenn die Frau sich iiber das Ver- 
halten ihres Mannes beklagt und sich herausstellt, daB sie selbst 
ohne Schuld ist, daB ihr Mann aber auszugehen pflegt und sie sehr 
vernachlassigt, darf sie ihre Mitgift nehmen und in das Haus ihres 
Vaters zuriickkehren; wenn sie aber durch ihr eigenes Verhalten die 
Schuld tragt, weil sie selbst ausgeht, das Besitztum zerstreut und 
ihren Mann vernachlassigt, soil man sie ins Wasser werfen. Wenn 
jemand eine Priesterin geheiratet und die Priesterin ihm eine Sklavin 
gegeben hat, die ihm Kinder schenkte 2 ), und wenn die Sklavin sich 
hierauf etwas zu gute tut und sich der Herrin gleichstellt, darf die 
Herrin sie nicht mehr verkaufen. Sie darf sie aber mit dem Sklaven- 
zeichen versehen und sie als Sklavin behandeln. Wenn sie noch 
keine Kinder geboren hat, ist der Verkaiif gestattet. Wenn die Frau 
an der Lahbu-Krankheit leidet, darf der Mann eine zweite Frau 
nehmen, aber die erste nicht verstoBen. Er hat ihr eine besondere 
Wohnung zu errichten und sie bis zu ihrem Tode zu unterhalten. 
Wenn die Kranke es vorzieht, ihren Mann zu verlassen, muB der 
Mann ihr die Mitgift zuriickzahlen. 

Wenn der Ehemann seiner Frau einen Acker, einen Garten, ein 
Haus oder sonst etwas geschenkt und ihr dariiber eine Urkunde 
ausgestellt hat, konnen die Kinder nach dem Tode des Mannes 
keinen Einspruch dagegen erheben. Sie soil aber das Besitztum 
einem der Kinder vermachen, dem sie personlich geneigt ist, und 
nicht einem Binder. Wenn eine Frau mit ihrem Manne die Ver- 
einbarung trifft, daB sie fur seine Verpflichtungen nicht aufzu- 
kommen braucht, und sich hieruber eine Bescheinigung ausstellen 
laBt, kann sie zur Begleichung der Schulden, die der Mann vor der 
Ehe schon hatte, nicht herangezogen werden. Das gilt in derselben 
Weise fur den Mann, wenn die Frau beim Eintritt in die Ehe mit 
einer Schuld belastet war. Wenn die Frau aber die Verpflichtung 
ubernahm, als die Ehe schon geschlossen war, miissen beide ge- 
meinsam den Kaufmann 3 ) befriedigen. 

Wenn eine Frau wegen eines andern Mannes ihren Ehemann 
ermorden lieB, soil sie gepfahlt werden. Wenn ein Mann sich an 
der eigenen Tochter vergeht, soil er aus der Stadt gewiesen werden. 



*) oder: wenn sie das Haus zu. verlassen beabsichtigt? Es ist aber nadi 
der Fortsetzung- derselbe Fehler, der auch bei einem Manne vorkommen kann. 

2 ) Die Priesterinnen duriten heiraten, muBten aber selbst kinderlos 
bleiben. 

3 ) So im Texte. 

14 



210 

Wenn er sich mit der Braut seines Sohnes verfehlt, nachdem der 
Sohn bereits mit ihr verkehrte, wird er gebunden und ins Wasser 
geworfen; wenn es vorher geschehen ist, soil er eine halbe Silber- 
mine bezahlen und alles, was die Braut aus dem Hause ihres Vaters 
mitgebracht hat, wieder zuruckgeben, damit sie sich mit einem 
andern verheiratet. Wenn jemand nach dem Tode seines Vaters mit 
der eigenen Mutter verkehrt, sollen beide verbrannt werden. In 
der Bibel ist diese Strafe Lev. 20,14 fur den Verkehr mit der 
Schwiegermutter vorgesehen. Es handelt sich hier in beiden Fallen 
um eine Form des Inzestes. Die Strafe ist also in der israelitischen 
Zeit grundsatzlich dieselbe geblieben. DaB die Bibel bei dieser 
Verfehlung nicht an den Verkehr mit der eigenen Mutter, sondern 
an die Schwiegermutter denkt, ist eine Abschwachung, die sich ohne 
weiteres aus dem hoher liegenden sittlichen Empfinden des israeli- 
tischen Schriftstellers erklart. Man hielt eine Verfehlung mit der 
eigenen Mutter, wie es scheint, bei dem Leser nicht mehr fur 
moglich. 

Der Feuertod wird im Gesetzbuch des Chammurabi, wie wir 
gesehen haben 1 ), auBerdem noch bei dem Fehltritt einer Priesterin 
und in der Bibel bei der Verfehlung der Tochter eines Priesters 
verlangt. An andern Stellen kommt diese Strafe, soweit das Gericht 
zu entscheiden hatte, sonst nirgendwo vor. Dieses Zusammentreffen 
erhebt unsere Voraussetzungen zur vollen GewiBheit. 

Wenn der Brautigam dem Vater der Braut erklart, daB er ein 
anderes Madchen heiraten mochte, darf der Vater alles behalten, 
was der Brautigam ihm geschenkt hat. Wenn der Vater die Braut 
nicht herausgibt, obschon die Vorbedingungen von seiten des 
Brautigams erfiillt sind, mu6 er alles, was er von dem Brautigam 
erhalten hat, in doppelter Hohe zuruckgeben. Das gilt auch fur den 
Fall, wenn ein Freund dieses durch bose Reden veranlaBt hat. Das 
Madchen darf dann aber nicht dem Freunde gegeben werden. 

Die Mitgift gehort nach dem Tode der Frau nicht dem Manne, 
sondern den Kindern. Wenn die Frau kinderlos war, geht das 
Besitztum wieder an das Haus ihres Vaters zuriick. Das Brautgeld 
fallt aber dem Manne zu. Wenn er es durch die Frau zuriick- 
erhalten hat, darf er es behalten; wenn dieses nicht der Fall ist, darf 
er es von der Mitgift, die er dem Schwiegervater wiederzustellen 
muB, abrechnen. 

Wenn der Vater einem Sohne, der ihm lieb ist, Feld, Garten und 
Haus geschenkt und dariiber eine Urkunde ausgestellt hat, wird die 
Erbschaft nach dem Tode des Vaters durch diese Schenkung nicht 
beriihrt. Der Sohn behalt das Anwesen, das der Vater ihm ge- 
schenkt hat, und erbt mit den iibrigen Geschwistern zu gleichen 
Teilen. Wenn der Vater fur die alteren Sohne, die er besitzt, vor 
seinem Tode schon Frauen genommen hat und ein jiingerer Sohn 
beim Tode des Vaters noch unverheiratet ist, erhalt der jiingere Sohn 



Vgl. oben S. 204205. 



211 

neben seinem Anteil ein angemessenes Brautgeld, damit er eben- 
falls eine Frau nehmen kann. Wenn jemand nacheinander zwei 
Frauen gehabt hat und von jeder Fran mit Kindern beschenkt 
wurde, soil er diese Kinder nicht nach den Miittern voneinander 
trennen, sondern bloB bei der Riickgabe der Mitgift einen Unter- 
schied machen und sie im iibrigen einander gleichsetzen. Wenn 
jemand eins von seinen Kindern enterben will, hat er die Angelegen- 
heit dem Richter vorzutragen, der die Grtinde dann einer Priifung 
unterzieht. Der AusschluB von der Erbschaft ist nur gestattet, wenn 
das Kind sich gegen den Vater schwer verfehlt hat. Der Vater soil 
aber dem Kinde bei einer derartigen Verfehlung das erste Male ver- 
zeihen und sich zu der MaBnahme nur entschlieBen, wenn das Kind 
den Fehltritt wiederholt. 

Wenn jemand von seiner Ehefrau und von einer Sklavin Kinder 
besitzt und den Kindern der Sklavin erklart hat: ,,Ihr seid meine 
Kinder", dann miissen sie bei der Erbschaft den Kindern der Ehe- 
frau gleichgesetzt werden. Der Sohn der Ehefrau darf aber seinen 
Anteil selbst auswahlen. Wenn der Vater zu den Kindern der 
Sklavin nicht gesagt hat: ,,Ihr seid meine Kinder", haben sie auf 
das Eigentum des Vaters kein Anrecht. Sie erhalten aber mit ihrer 
Mutter beim Tode des Vaters die Freiheit. Die Ehefrau bleibt nach 
dem Tode ihres Mannes in seiner Wohnung; sie behalt ilre Mitgift 
und die Geschenke, die sie von ihm erhalten hat, und hat von diesen 
Gutern den NieBbrauch bis zu ihrem Tode. Es ist ihr aber nicht 
gestattet, sie zu verkaufen. Bei ihrem Tode gehen sie in den Besitz 
ihrer Kinder iiber. Wenn sie von ihrem Manne kein besonderes 
Geschenk erhalten hat, bekommt sie bei der Erbschaft neben ihrer 
Mitgift den Anteil eines Kindes. Wenn die Kinder sie bedrangen, 
um sie aus dem Hause zu treiben, sollen die Richter die Angelegen- 
heit untersuchen und den Kindern eine Strafe auferlegen. Wenn sie 
sich aus freien Stiicken entschlieBt, die Wohnung zu verlassen, um 
sich anderswo noch einmal zu verheiraten, darf sie ihre Mitgift 
behalten. Sie muB aber alles, was der Mann ihr geschenkt hat, fiir 
die Kinder zurucklassen. Die Mitgift wird bei ihrem Tode an die 
Kinder aus der ersten und aus der zweiten Ehe verteilt. Wenn aus 
der zweiten Ehe keine Kinder vorhanden sind, fallt sie ganz _an die 
Kinder aus der ersten Ehe. 

Wenn ein Sklave die Tochter eines Freigeborenen heiratet, darf 
der Herr des Sklaven die Kinder nicht als dienstpflichtig betrachten. 
Das Vermogen, das die beiden im Ehestande erwerben, wird beim 
Tode des Mannes in zwei Teile geteilt. Der eine Teil ist fiir seinen 
Herrn, der andere fiir die Frau und die Kinder. 

Wenn eine Witwe, die noch kleine Kinder hat, in ein anderes 
Haus zu gehen und sich dort noch einmal zu verheiraten be- 
absichtigt, bedarf sie hierzu der Erlaubnis der Richter. Die Richter 
priifen in diesem Falle, was der erste Mann hinterlassen hat, und 
iibergeben dann das Besitztum dem zweiten Manne und der Frau 
zur Verwaltung. Die beiden Eheleute haben es gewissenhaft zu 

14* 



212 

behiiten und die Kinder groBzuziehen. Sie diirfen von dem Haus- 
rate nichts verkaufen. Wer Gegenstande, die den Kindern einer 
Witwe gehoren, durch Kauf in seinen Besitz bringt, geht seines 
Geldes verlustig. Das Besitztum muB fiir die Eigentiimer wieder 
zuriickerstattet werden. 

Wenn eine Oberpriesterin, eine Priesterin oder eine Zikru 1 ) von 
ihrem Vater mit einem Ackerstiick oder einem Garten beschenkt 
wurde und in der Urkunde nicht ausdrticklich erklart ist, daB sie 
frei dariiber verfiigen kann, fallt das Besitztum beim Tode des 
Vaters mit den iibrigen Grundstiicken an ihre Briider, die sie dann 
nach dem Werte des Anteils mit Getreide, Salbol und Kleidung zu 
versorgen haben. Wenn die Briider sie in dieser Hinsicht nicht 
zufrieden stellen, darf sie das Feld und den Garten nach eigenem 
Ermessen an andere verpachten und den Erlos bis zu ihrem Tode 
fiir sich behalten. Bei ihrem Tode fallt das Ganze dann an ihre 
Bruder zuriick. Wenn der Vater es in der Urkunde gestattet hat, 
darf sie den NachlaB auch andern zuwenden. Wenn sie von ihrem 
Vater nicht in dieser Weise beschenkt wurde, fallt ihr beim Tode 
des Vaters derselbe Anteil zu, den die Bruder erhalten. Dieser geht 
aber bei ihrem Tode wieder an die Bruder iiber. 

Wenn jemand ein kleines Kind 2 ) auf seinen Namen als Sohn 
angenommen hat und es grofizieht, darf es nicht von ihm zuriick- 
gefordert werden. Wenn es ihm aber gelingt, die Eltern des Kindes 
festzustellen, darf er es ihnen seinerseits wieder zufiihren. Wenn das 
Kind yon einem Eunuchen, der im Palastdienste beschaftigt ist, oder 
von einer Zikru adoptiert wurde, kann die Zuruckgabe niemals ver- 
langt werden. Das gilt auch fiir das Adoptivkind eines Hand- 
werkers, wenn dieser ihm das Handwerk beigebracht hat. Wenn 
er dieses unterlieB, darf das Kind in das Haus seines Vaters zuriick- 



1 ) sal zi-ik-ru-um. Die Bezeichtiiung deckt sich mit dem akkadischen 
zikrum = zikru mannlich. Die zikru imjfite ebenso wie die entu und die 
naditu kinderlos bleiben. Damit ist aber noch nicht gesagt, daB wir sie unter 
den Tempelfrauen zu suchen haben. Die naditu durfte zwar kein eigenes 
Kind an ihre Brust drucken; .sie durfte sich aber verheiraten und konnie 
dann dem Manae, wie es haufig geschah, eine Nebenfrau zur Verfiigung 
stellen, die in der Familie denselben Platz einnahm wie Hagar im Hause des 
Abram. Das war bei der zikru, wie wir schon aus der Bezeiohnung ent- 
iiehmen diirfen, 'ebenfalls nicht moglich. Sie konnte hochstens ein Kind adop- 
tieren. Dieses Verhaltais war dann aber in derselben Weise wie bei einem 
am Hoie beschaftigten Eunuchen dorch gesetzliche Bestimmungen besonders 
geschiitzt. Das Adoptivkind konnte einen Hofbeamten oder eine zikru, wie 
sich gleich im folgenden Ab&chndtte noch zeigen wird, unter keinen Umstanden 
eigeniwillig verlassen. Dies fiihrt uns hoohst wahrscheinlich zu den zahl- 
reichen Nebenfrauen des Konigs, die in den spateren assyrischen Texten als 
die sikreti bezeichnet werden. Es waren die ,,Abgesperrten" (nach der Er- 
klarung von Ungnad in der Zeitschr. fiir Assyriologie, Neue Folge Bd. 4, 
S. 194), die ihr Leben kn Harenn verbrachten. Die beiden Worter sind ein- 
amder so ahnlich, daB hier sicher ein Zusammenhang besteht. Wir haben es 
also bei der babylonischen Bezeichnung wahrscheinlich mit einer Volfcs- 
etymologie zu tun, die in der Kinderlosigkeit dieser Frauen eine besondere 
Stiitze fand. , . ; i '.-.,!,! """ 

3 ) Es handelt sich um ein Findelkind. 



213 

kehren. Wenn jemand ein Adoptivkind mit Rucksicht auf die Kinder, 
die ihm spater selbst noch geboren wurden, wieder zu entlassen 
beabsichtigt, muB er ihm den dritten Teil seiner Erbschaft geben. 
Er braucht ihm aber vom Acker, vom Garten oder vom Hause nichts 
zu iiberlassen. Wenn das Kind eines Eunuchen oder das Kind einer 
Zikru zu seinem Adoptivvater oder zu seiner Adoptivmutter sagt: 
,,Du bist nicht mein Vater" oder ,,Du bist nicht meine Mutter", 
wird ihm nach dem Wortlaute des Gesetzes die Zunge abgeschnitten. 
Wenn ein solches Kind das Haus seiner Eltern ausfindig macht 
und aus Abneigung gegen seinen Adoptivvater oder gegen seine 
Adoptivmutter eigenmachtig zu ihnen zuriickkehrt, wird ihm ein 
Auge ausgerissen. 

Wenn eine Amme ein Kind zum Saugen angenommen hat und 
fur dieses Kind, nachdem es gestorben ist, ohne Wissen des Vaters 
und der Mutter ein anderes anlegt, wird ihr die Brust abgeschnitten. 
Wenn ein Kind seinen Vater schlagt, wird ihm die Hand abgehauen. 
Wenn jemand einem Freigeborenen das Auge zerstort, soil man 
ihm ebenfalls das Auge zerstoren; wenn er einem Freigeborenen 
einen Knochen bricht, soil man auch ihm den Knochen brechen; 
wenn er das Auge eines Muskenu zerstort oder einem Muskenu den 
Knochen bricht, hat er eine Silbermine zu zahlen; wenn er das 
Auge eines Sklaven zerstort oder einem Sklaven den Knochen bricht, 
hat er dem Eigentumer die Halfte seines Kaufwertes zu vergiiten. 
Wenn ein Freigeborener einem Manne, der ihm gleichsteht, einen 
Zahn ausschlagt, soil man ihm ebenfalls einen Zahn ausschlagen; 
wenn er einem Muskenu den Zahn ausschlagt, hat er den dritten 
Teil einer Silbermine zu zahlen. Wenn jemand einem Hohergestellten 
einen Schlag auf die Backe gibt, erhalt er in offentlicher Versamm- 
lung sechzig Hiebe mit dem Ochsenziemer. Wenn ein Freigeborener 
einem andern Freigeborenen, der ihm gleichgestellt ist, auf die 
Backe schlagt, hat er eine Silbermine zu zahlen; wenn ein Muskenu 
einem Muskenu eine Ohrfeige gibt, hat er den Betrag von zehn 
Schekeln zu entrichten; wenn ein Sklave einem Freigeborenen auf 
die Backe schlagt, schneidet man ihm das Ohr ab. Wenn jemand 
einem andern im Streite eine Wunde beibringt und eidlich erklaren 
kann, daB er es nicht absichtlich getan hat, braucht er nur den Arzt 
zu bezahlen. Wenn die Verwundung zum Tode fuhrt, hat der Tater, 
wenn er diesen Eid leistet, bei einem Freigeborenen eine halbe 
Silbermine und bei einem Muskenu den dritten Teil einer Mine zu 
zahlen. Wenn jemand die Tochter eines Freigeborenen geschlagen 
und dadurch eine Fehlgeburt herbeigefuhrt hat, muB er fur ihre 
Leibesfrucht 1 ) eine Entschadigung von zehn Schekeln entrichten. 
Wenn die Frau gestorben ist, totet man seine Tochter. Wenn es 
die Tochter eines Muskenu war, hat er bei einer Fehlgeburt fur die 
Vernichtung der Leibesfrucht funf Schekel 2 ) und beim Tode der Frau 
eine halbe Mine zu zahlen. Wenn es eine Sklavin war, hat er fur 

1 ) ana sa lihbisa. 

2 ) Das war in der 'damaligen Zeit der Durchschnittspreis fur eine Sklavin. 



214 

die Vernichtung der Leibesfrucht nur zwei Schekel und beim Tode 
der Frau nur den dritten Teil einer Mine zu entrichten. 

Die Strafe erfolgt in diesem Abschnitt, soweit es sich durch- 
fiihren lieB, uberall nach dem Rechte der Wiedervergeltung. Die 
Amme, die ihre Brust miBbraucht hat, soil ihre Brust verlieren, 
der Sohn, der seine Hand gegen den Vater erhoben hat, soil die 
Hand verlieren; wer einem Gleichgestellten ein Auge zerstort, einen 
Knochen gebrochen oder einen Zahn ausgeschlagen hat, wird ganz 
in derselben Weise am eigenen Korper gestraft. Dieser Grundsatz 
ist auch in der israelitischen Gesetzgebung eine selbstverstandliche 
Regel. Im Bundesbuche heifit es Exod. 21, 24 25: ,,Auge um Auge, 
Zahn um Zahn, Hand um Hand, FuB um FuB, Brandmal um Brand- 
mal, Wunde um Wuride, Beule um Beule"; im Deuteronomium 
mahnt der Verfasser 19,21: ,,Dein Auge kenne kein Erbarmen; 
Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, 
FuB um FuB!" Die beiden Stellen nennen hier in voller Ueber- 
einstimmung das Auge, den Zahn, die Hand und den FuB. Cham- 
murabi spricht in unserm Texte, wie wir gesehen haben, vom Auge, 
vom Zahn und von einem Knochenbruch, und zwar zunachst vom 
Auge und vom Knochenbruch, den er mit dem Verluste des Auges 
auf dieselbe Stufe stellt, und behandelt dann in den folgenden Zeilen 
das Ausschlagen des Zahnes. Es muB sich also bei dem Knochen- 
bruch um eine Schadigung handeln, die nach der Auffassung des 
Gesetzgebers immer sehr erheblich ist. Das erklart sich am ein- 
fachsten, wenn wir an einen Armbruch oder an einen Beinbruch 
denken. Es paBt auch am besten zu dem Texte, der fur esimtu = 
Knochen das sumerische gir-pad-du bietet. Gir ist im Sumerischen 
die gewohnliche Bezeichnung fiir sepu FuB. Dadurch wird die 
Uebereinstimmung mit der hebraischen Zusammenstellung so gut 
wie vollstandig. Chammurabi spricht von einer Vernichtung des 
Auges, von einem Beinbruch oder von einem Armbruch und von 
dem Ausschlagen ernes Zahnes; die biblischen Angaben nennen 
das Auge, den Zahn, die Hand und den FuB. Diese Verbindung 
tragt ganz den Charakter einer kurzen Zusammenfassung, bei der 
die keilinschriftliche Darstellung als Grundlage gedient hat. 

Der Unterschied, den der babylonische Gesetzgeber zwischen 
einem Freigeborenen und einem Muskinu zu machen hatte, kam 
fiir die Regelung der israelitischen Verhaltnisse nicht welter in 
Betracht. Es blieb aber die Tatsache bestehen, daB es auch in 
Israel Sklaven gab. Wenn man in Babylon einem Sklaven das 
Auge zerstort oder ems der GliedmaBen gebrochen hatte, muBte 
man dem Eigentiimer als Entschadigung den halben Kaufpreis 
des Sklaven entrichten. Ueber das Ausschlagen eines Zahnes sah 
man bei einem Sklaven groBmiitig hinweg. In der Bibel heiBt es 
in dem Texte des Bundesbuches unmittelbar nach der obigen 
Zusammenfassung: ,,Wenn jemand seinem Sklaven oder seiner 
Sklavin in das Auge schlagt, so daB er es zerstort, so soil er inn 
fiir sein Auge f rei lassen ! Und wenn er seinem Sklaven oder seiner 



215 

Sklavin einen Zahn ausschlagt, so soil er ihn fur seinen Zahn 
freilassen!" Der Verfasser hat sich offenbar noch erinnert, daB die 
Verletzung eines Sklaven oder einer Sklavin in dem babylonischen 
Gesetzbuch an dieser Stelle besonders geregelt war; er dachte 
aber nicht an die Sklaven eines andern, sondern an den Fall, wo 
jemand seinem eigenen Sklaven einen Schaden zugefiigt hatte, und 
verlangt fur diesen Fall die Freilassung. Das war bei einer Zer- 
storung des Auges gewiB angemessen, obschon es auch hier 
iiberraschen mu8. Der Eigentiimer konnte einen Sklaven nach dem 
Wortlaute der vorhergehenden Bestimmungen fast zu Tode prtigeln, 
ohne daB ihm ein Haar gekrummt wurde. ,,Wenn jemand seinen 
Sklaven oder seine Sklavin mit dem Stocke schlagt", so heiBt es 
dort, ,,daB sie unter seiner Hand sterben, so soil er bestraft 
werden; wenn sie aber noch einen Tag oder zwei Tage am Leben 
bleiben, soil er nicht gestraft werden; denn es handelt sich urn 
sein eigenes Geld." Das ist mit der Freilassung, wie sie bei den 
angegebenen Schadigungen verlangt wird, nur schwer in Einklang 
zu bringen. Das Ausschlagen eines Zahnes kann unter Umstanden 
sehr schmerzlich sein; es bringt aber kaum eine Stoning zuwege, 
die man auf die Dauer als eine wesentliche Beeintrachtigung 
empfinden miiBte. Der Gesetzgeber stand bei der Regelung der 
Angelegenheit unter dem EinfluB einer Verschiebung, die ihm hier 
zum Verhangnis geworden ist. Er hatte aus der Zusammenstellung, 
wie wir sie bei Chammurabi vorfinden, den Grundsatz heraus- 
gehoben, daB der Verlust des Auges bei einem Gleichgestellten zu 
einem Vermste des Auges und der Verlust des Zahnes unter gleichen 
Voraussetzungen zu einem Verluste des Zahnes fiihren muBte. Da 
Auge und Zahn in dem babylonischen Texte ausdriicklich genannt 
werden und beide zum Gesichte des Menschen gehoren, lag es 
nahe, sie unmittelbar miteinander zu verbinden. Diese Verbindung 
hat hier offenbar den Ausschlag gegeben. Die GliedmaBen werden 
in der Aufzahlung erst an der dritten Stelle genannt und finden 
beim Sklaven uberhaupt keine Beriicksichtigung. 

Was wir bei der keilinschriftlichen Zusammenstellung in der 
zweiten Halfte des Textes lesen, hat in der Bibel seine Parallelen 
in den vorhergehenden Versen. Die Bibel beschaftigt sich ebenso 
wie der babylonische Text zuerst mit den Moglichkeiten, die sich 
bei einer gewohnlichen Schlagerei ergeben konnen, und schlieBt 
dann in derselben Weise mit dem Falle, wo durch StoBen oder 
Schlagen eine Fehlgeburt herbeigefiihrt wurde. Der Verfasser des 
Bundesbuches behandelt also die Fragen, die in dem babylonischen 
Gesetzbuche an dieser Stelle zusammengefaBt werden, ebenfalls in 
einem einzigen Abschnitt. Er erinnert sich, daB der Text von Auge, 
Zahn und Gliedern erzahlt und bei Sklaven eine besondere Regelung 
vorsieht; er kennt auch die Falle, die im zweiten Teile des Textes 
zur Sprache kommen, und behandelt sie in derselben Aufeinander- 
folge. Nur bringt er sie nicht am SchluB, sondern in den Versen, 
die der Erwahnung der Korperteile unmittelbar voraufgehen. 



216 

Wenn der Arzt einem Freigeborenen mit dem Bronzemesser eine 
schwere Wunde beigebracht und ihn dadurch gesund gemacht hat, 
oder wenn er einem Freigeborenen mit dem Bronzemesser die 
Augenhohle geofmet und dadurch das Auge wieder gesund gemacht 
hat, darf er als Entschadigung nach dem Gesetzbuche des Chammu- 
rabi zehn Schekel verlangen. Ein Muskenu braucht in diesem 
Falle nur fiinf Schekel zu zahlen. Wenn die Operation an einem 
Sklaven vorgenommen wurde, hat der Herr des Sklaven dem Arzte 
zwei Schekel zu entrichten. Wenn der Freigeborene nach der 
Operation starb oder das Auge verlor, wird dem Arzte die Hand 
abgehauen. Wenn es sich um den Sklaven eines Muskenu handelt, 
muB der Arzt, falls der Tod eintritt, den Sklaven ersetzen. Wenn 
das Auge zerstort wurde, muB er dem Eigentumer den halben 
Kaufpreis des Sklaven entrichten. Wenn der Arzt einen Knochen- 
bruch heilt oder eine Sehne gesund macht, erhalt er von einem 
Freigeborenen funf Schekel, von einem Muskenu drei Schekel und 
von dem Herrn eines Sklaven zwei Schekel. Wenn ein Rinderarzt 
oder ein Eselarzt einem Rinde oder einem Esel eine schwere Wunde 
beibringt und das Tier dadurch wieder gesund macht, hat der 
Eigentumer ihm den sechsten Teil eines Schekels 1 ) zu zahlen. Wenn 
das Tier infolge der Operation eingeht, muB der Tierarzt dem 
Eigentumer den fiinften Teil seines Kaufpreises vergiiten. Wenn ein 
Haarscherer einem Sklaven ohne den Willen seines Herrn die 
Sklavenlocke abschneidet, wird ihm die Hand abgehauen. Wenn 
jemand den Scherer durch betriigerische Angaben hierzu veranlaBt, 
soil er getotet und am Eingange seines Hauses in den Boden ge- 
scharrt werden. Der Scherer hat in diesem Falle zu schworen, daB 
er nur aus Unkenntnis so handelte, und bleibt dann ohne Strafe. 

Wenn ein Baumeister fur jemanden ein Haus gebaut hat, darf er 
fur den Sar eine Entschadigung von zwei Schekeln verlangen. 
Wenn das Haus, das der Baumeister errichtet hat, zusammenbricht 
und der Eigentumer unter den Triimmern den Tod findet, wird der 
Baumeister getotet. Wenn der Sohn des Eigentumers bei dem Zu- 
sammenbruch das Leben verliert, wird der Sohn des Baumeisters 
getotet. Wenn der Sklave des Eigentumers bei dieser Gelegenheit 
zu Tode kommt, muB der Baumeister ihm einen andern Sklaven 
zur Verfiigung stellen. Er muB alles ersetzen, was bei dem Einsturz 
auch sonst noch vernichtet wurde, und das Haus aus eigenen 
Mitteln von neuem wieder aufbauen. 

Wenn ein Schiffer fiir einen andern ein Schiff von 60 Kur ab- 
gedichtet hat, erhalt er als Entschadigung einen Betrag von zwei 
Schekeln. Wenn er die Arbeit aber nicht gut gemacht hat, so daB 
das Schiff schon im ersten Jahre leek wird, muB er sie auf eigene 
Kosten noch einmal vornehmen. Wenn ein Schiffer von einem 
andern ein Schiff gemietet hat und es durch Fahrlassigkeit zum 



1 ) oder: den sechsten Teil seines Wertes? Das entscheidende Wort fehlt 
hier im Texte. 



217 

Sinken bringt oder in anderer Weise zerstort, muB er es dem Eigen- 
tiimer ersetzen. Wenn jeraand einen Schiffer und ein Schiff mietet 
und das Schiff mit Getreide, Wolle, Ol, Datteln oder irgendeiner 
andern Last befrachtet, tragt der Schiffer sowohl fur das Schiff 
als auch fur die Ladung die ganze Verantwortung. Er hat nicht nur 
fiir das Schiff, das er zum Sinken bringt, sondern auch fur die 
Ladung vollen Ersatz zu leisten. Wenn ein Schiffer ein Schiff sinken 
laBt und es ihm gelingt, es wieder zu heben, hat er dem Eigentiimer 
die Halfte seines Wertes zu zahlen. Wer einen Schiffer mietet, hat 
ihm im Jahre sechs Kur Getreide zu geben. Wenn ein Ruderschiff 
auf ein Segelschiff fahrt und dieses zum Sinken bringt, hat der 
Eigentumer des Ruderschiffes das Segelschiff mit der ganzen Ladung 
zu ersetzen. 

Wenn jemand ein Rind als Pfandstiick fortfiihrt, muB er den 
dritten Teil einer Silbermine zahlen. Wenn jemand einen Pflug- 
stier 1 ) mietet, hat er dem Eigentumer fiir das Jahr vier Kur Getreide 
zu liefern. Wenn er sonst einen Zugochsen 2 ) mietet, geniigt eine 
Entschadigung von drei Kur. Wenn man einen Ochsen oder einen 
Esel mietet und dieses Tier von einem Lowen zerrissen wird, hat der 
Eigentumer den Schaden zu tragen. Wenn man aber durch Nach- 
lassigkeit oder durch Schlagen den Tod des Tieres herbeigefuhrt 
hat, muB man es dem Eigentumer ersetzen. Das gilt auch bei 
schweren Verletzungen, wenn dem Tiere z. B. ein Bein gebrochen 
oder die Nackensehne durchschnitten wurde. Wenn jemand dem 
Ochsen ein Auge zerstort hat, braucht er nur die Halfte seines 
Wertes zu zahlen. Wenn jemand dem Ochsen ein Horn abgestoBen 
oder den Schwanz abgeschnitten hat, kann der Eigentumer ein 
Ftinftel 3 ) seines Kaufpreises verlangen. Wenn die Hand eines Gottes 
das Tier beriihrt und getotet hat, ist der Mieter nicht zu belastigen. 

Wenn jemand auf der StraBe von einem Ochsen getotet wurde, 
konnen Anspriiche auf Entschadigung im allgemeinen nicht geltend 
gemacht werden. Der Eigentumer ist nur haftbar, wenn das Tier 
sich schon friiher als stoBig erwiesen hatte. Er hat in diesem Falle, 
wenn der Getotete zur Klasse der Freigeborenen gehorte, eine halbe 
Silbermine zu zahlen. Wenn es ein Sklave war, brauchte er nur den 
dritten Teil einer Mine zu entrichten. Diese Regelung fuhrt uns 
wieder auf die Bestimmungen in dem Auszuge aus dem altisra- 
elitischen Bundesbuche. Wir lesen dort Exod. 21,28ff.: ,,Und wenn 
ein Ochs einen Mann oder eine Frau stoBt, so daB der Tod eintritt, 
so ist der Ochs zu steinigen, und sein Fleisch darf nicht gegessen 
werden; der Eigentiimer des Ochsen ist aber straflos. Wenn der 



1 ) gud-da ; ur-ra. Vgl fiir die Bedeutung- besonders die Stellen bei Dedmel, 
Sumerisches Lexikon II 297, 58. 

2 ) ;gud ab kaur-sag. Ab = arhu = Wildochs; kar = iz-kar = iskaru = 
Kette oder Fessel; sag = Kopf. Es handelt sich also um. einen Ochsen, der 
am Kopfe gefesselt ist Iskaru findet sich u. -a. auch als Synonym von simittu 
Joch. 

3 ) Nicht gauz deutlich. Vielleicht: ein Viertel. 



218 

Ochs aber vorher schon stoBig war tind der Eigentumer, obschon 
es ihm mitgeteilt war, ihn nicht hiitete, dann soil der Ochs, wenn 
er einen Mann oder eine Frau getotet hat, gesteinigt und sein Eigen- 
tiimer getotet werden. Wenn ihm eine GeldbuBe auferlegt wird, 
soil er fur sein Leben als Losegeld zahlen, was ihm auferlegt wird. 
Wenn er der Ochs einen Sohn oder eine Tochter gestoBen 
hat, soil mit ihm ebenfalls nach diesem Rechte geschehen. Wenn 
der Ochs einen Sklaven oder eine Sklavin gestoBen hat, soil er 
ihrem Herrn dreiBig Schekel bezahlen, und der Ochs soil gesteinigt 
werden." Die Forderungen sind hier in den Einzelheiten zum Teil 
durchaus verschieden. Der Ochs, der bei den Israeliten jedesmal 
gesteinigt wurde, machte den Richtern von Babylon noch gar keine 
Sorgen. Wenn der Eigentiimer den Fehler nicht kannte, wird er 
auch nach dem Bundesbuche personlich nicht weiter bestraft. Wenn 
er ihn kannte, hat er nach dem babylonischen Recht eine GeldbuBe 
zu entrichten. Bei den Israeliten hat er in diesem Falle zunachst 
das Leben verwirkt. Es besteht aber die Moglichkeit, ihm eine Geld- 
strafe aufzuerlegen, die dann als Losegeld fur sein eigenes Leben zu 
betrachten ist. Die Strafe ist hier also wesentlich schwerer. Man 
muB aber zugeben, daB der Grundgedanke bei der ganzen Regelung 
derselbe ist. Der Eigentiimer soil nur bestraft werden, wenn ihm 
der Fehler des Tieres bekannt war. Dieser Gedanke wird sowohl 
in dem keilinschriftlichen als auch in dem hebraischen Texte be- 
sonders in den Vordergrund gestellt. Die beiden Verfasser be- 
ginnen in voller Uebereinstimmung mit dem Falle, wo das Tier 
seinen Fehler bisher noch nicht gezeigt hatte; sie kommen dann an 
zweiter Stelle auf den Fall, wo der Fehler dem Eigentumer schon 
bekannt war, und machen hier zwischen den Standen, mit denen 
sie es zu tun haben, bei der Festsetzung der Strafe die notwendigen 
Unterschiede. Das ist genau dieselbe Aufeinanderfolge. Der Ver- 
fasser des hebraischen Textes muB also die keilinschriftliche Dar- 
stellung in ihrem Inhalt und in ihrer Gliederung wirklich gekannt 
haben. Da er sich bei einer Fahrlassigkeit des Eigentiimers fiir die 
Todesstrafe entschied, fugt er in seinen Ausfiihrungen noch eine 
weitere Bestimmung hinzu, die diese Vertrautheit mit dem baby- 
lonischen Gesetzbuche in uberraschender Weise bestatigt. Die 
Strafe soil nach dieser Bestimmung auch dann eintreten, wenn der 
Ochs einen Sohn oder eine Tochter getotet hat. Der Zusatz er- 
innert schon in seiner auBeren Form sofort an die Stellen, wo 
auch der babylonische Gesetzgeber sich mit der Siihne bei dem 
Tode eines Sohnes oder einer Tochter beschaftigt. Wenn jemand 
den Sohn eines Schuldners, den er als Pfand genommen hat, durch 
schlechte Behandlung zu Tode bringt, soil nach den Forderungen 
des babylonischen Rechtes ebenfalls einer von seinen Sohnen getotet 
werden 1 ); wenn jemand die Tochter eines Freigeborenen geschlagen 
und dadurch eine Fehlgeburt und schlieBlich den Tod der Frau 



S. oben S. 205. 



219 

herbeigefiihrt hat, soil man seine Tochter toten 1 ); wenn ein Haus 
ztisammenbricht und der Sohn des Eigentiimers von den Truramern 
erschlagen wird, soil man nicht den Baumeister, sondern den Sohn 
des Baumeisters toten 2 ). Wenn jemand also verschuldet hatte, da6 
der Sohn oder die Tochter eines andern zu Tode kam, rmiBte nach 
diesen Bestimmungen nicht der Schuldige, sondern der Sohn oder 
die Tochter des Schuldigen sterben. Das war auch dem Verfasser 
des Bundesbuches noch bekannt. Er betrachtet es aber als ein 
Unrecht und verlangt deshalb ausdriicklich, daB der Tierhalter in 
einem solchen Falle selbst getotet wird. Wir haben es hier mit einer 
Ablehnung zu tun, die man als eine bewuBte Polemik betrachten 
muB. Das zeigt sich auch im Ausdruck, der die Form der baby- 
lonischen Bestimmungen noch deutlich zur Voraussetzung hat. Es 
ist dieselbe Forderung, die sich im Deuteronomium in dem Satze 
24, 16 wiederholt: ,,Vater sollen nicht wegen der Kinder getotet 
werden und Kinder nicht wegen der Vater; jeder soil nur wegen 
seiner eigenen Verfehlung getotet werden." 

Wenn jemand einen Arbeiter mietet, der ihm den Acker bestellen 
soil, und ihm Saatgut (?) und Ochsen anvertraut, dann soil dem 
Arbeiter, falls er Saatgetreide und Futter unterschlagt, die Hand 
abgehauen werden. Wenn er die Ochsen weitervermietet und die 
Bestellung des Ackers unterlaBt, muB er dem Eigentiimer zur Zeit 
der Ernte fiir das Bur 60 Kur 3 ) Getreide entrichten. Wenn man 
jemanden als Pfliiger mietet, hat man ihm fiir das Jahr acht Kur 
Getreide zu geben. Der Mann, der die Ochsen 4 ) zu versorgen hat, 
erhalt sechs Kur. Wenn jemand einen Pflug vom Acker stiehlt, hat 
er dem Eigentiimer fiinP) Schekel zu zahlen. Ein Hiiter hat im Jahre 
ebenso wie der Pfliiger acht Kur Getreide zu fordern. Wenn der 
Hiiter ein Rind oder ein Schaf, das ihm anvertraut wurde, fort- 
kommen laBt, muB er es dem Eigentiimer ersetzen. Er ist ver- 
pflichtet, dafiir zu sorgen, daB die Zahl der Kinder, der Schafe und 
der Jungtiere sich nicht vermindert, und bleibt auch nach seiner 
Entlassung fiir den Schaden, der sich spater herausstellt, noch haft- 
bar. Wenn man ihn uberfiihrt, daB er die Tiere verkauft und ihre 
Abzeichen geandert hat, muB er dem Eigentiimer die gestohlenen 
Tiere zehnfach ersetzen. Wenn jemand ein Rind zum Dreschen 
mietet, hat er fiir das Tier zwanzig Sila Getreide zu geben; wenn 
er einen Esel zum Dreschen gemietet hat, muB er zehn Sila ent- 
richten; wenn er ein Jungtier 8 ) nimmt, betragt die Miete nur ein 
Sila. Wenn man Ochsen, Wagen und Fuhrmann mietet, hat man 
fiir den Tag im ganzen 180 Sila zu geben. Wenn es sich bloB um 



*) S. oben S. 213. 
2 ) S. oben S. 216. 
) Vgl. oben S. 202. 

*) Nach dem Zusamnietiiianige siad die Ochsen gemeint, die den Pflug 
zu ziehen haben. 

5 ) oder vier? Die Schreibung ist auch hier nidht ganz deutlich. 

6 ) oder: ein Zicklein? 



220 

den Wagen handelt, hat man 40 Sila zu entrichten. Ein Lohn- 
arbeiter erhalt vom Anfange des Jahres bis zum Ende des fiinften 
Monats einen Tagelohn von sechs Silberkornern. In der zweiten 
Halite des Jahres muB er sich mit fiinf Kornern begniigen. Auch 
fur die Handwerker bestanden feste Tarife. Man hatte ihnen aber, 
soweit sich atts dem Texte noch entnehmen laBt 1 ), auffallenderweise 
niemals mehr als fiinf Korner zu zahlen. Das ist wenigstens der 
Satz, der bei den Angaben an den beiden ersten Stellen genannt 
wird. Der Zimmermann, der an der siebten Stelle zwischen dem 
Schmiede und dem Schuhmacher seinen Platz hat, bekommt nur vier 
Korner. 

Wenn jemand ein Ruderschiff mietet, hat er fiir den Tag 
2Y 2 Silberkorner zu zahlen; wenn er ein Schiff von 60 Kur mietet, 
zahlt er fiir den Tag den sechsten Teil eines Schekels. 

Wenn jemand einen Sklaven oder eine Sklavin gekauft hat und 
der Sklave oder die Sklavin innerhalb eines Monats von der Bennu- 
Krankheit befallen wird, kann der Kauf riickgangig geniacht werden. 
Wenn an den Kaufer hinsichtlich des Sklaven oder der Sklavin von 
einer andem Seite Forderungen gestellt werden, hat der Verkaufer 
diese Forderungen zu befriedigen. Wenn der Sklave in einem 
fremden Lande gekauft wurde und ein friiherer Besitzer ihn im 
eigenen Lande wiedererkennt, muB der Kaufer ihn, falls es sich 
urn ein Landeskind handelt, ohne weitere Entschadigung freilassen. 
Wenn der Sklave aus einem fremden Lande stammt, kann der 
friihere Besitzer ihn durch die Erstattung des Preises, den der 
Kaufer gezahlt hat, wieder einlosen. Wenn ein Sklave seinem Herrn 
erklart: ,,Du bist nicht mein Herr", und dieser den Beweis erbringt, 
daB es wirklich sein Sklave ist, darf er ihm ein Ohr abschneiden. 
Mit dieser Bestimmung findet das Gesetzeswerk seinen AbschluB. 

Man sollte nun erwarten, daB die ,,gerechten Entscheidungen", 
die der Konig in dieser Weise mit so vieler Umsicht und Sorgfalt 
zusammenstellen lieB, ebenso wie die Vorschriften eines modernen 
Gesetzbuches sofort nach ihrer Bekanntgabe von den Untertanen 
iiberall genau beriicksichtigt wurden. Das ist aber, soweit wir aus 
andern Quellen erfahren, in Wirklichkeit gar nicht der Fall gewesen. 
Wir ersehen besonders aus den zahlreichen Kontrakten der da- 
maligen Zeit, daB die Forderungen des praktischen Lebens oft 
machtiger waren als die mitunter etwas einseitigen Wiinsche des 
Gesetzgebers. Man betrachtete die Bestimmungen, wie es scheint, 
vielfach nur als wohliiberlegte Vorschlage, iiber die man sich im 
Einzelfalle ohne Bedenken hinwegsetzen durfte. Daran vermochten 
auch die iiberschwenglichen Lobeserhebungen, die sich in dem 
SchluBwort der amtlichen Ausfertigung vorfinden, gar nichts zu 
andern. Das Gesetz rechnet an erster Stelle mit den Verhaltnissen, 
wie man sie damals in der Gegend von Babylon antraf. In Assyrien, 
das ebenfalls in der Einleitung besonders hervorgehoben wird, lagen 

J ) Die Zeilen sind hier teilweise zerstort. 



die Dinge zum Teil schon wesentlich anders; in Palastina wiirde 
manches fur weitere Kreise ganz unverstandlich geblieben sein. 
Aus dieser Tatsache diirfen wir fiir sich allein schon den SchluB 
ziehen, daB die Festsetzungen dort niemals im eigentlichen Sinne 
des Wortes als verbindlich erscheinen konnten. Sie fanden aber, 
wie sich aus der Bibel ergibt, noch zur Zeit des Moses im burger- 
lichen Leben eine weitgehende Beachtung. Man ersieht dieses nicht 
mir aus den Vorschriften des Bundesbuches, sondern auch aus den 
Parallelen in andern Zusammenstellungen, die wir ebenfalls im 
einzelnen schon kurz erwahnt haben. Die Blutschande wurde nach 
Lev. 20, 14 ebenso wie bei den Babyloniern in der schlimmsten 
Form, die man sich denken konnte, mit dem Feuertode bestraft 1 ). 
Diese Strafe sollte nach Lev. 21,9 in derselben Weise iiber eine 
Priestertochter verhangt werden, die den Namen ihres Vaters durch 
Unkeuschheit entweiht hatte. Die Priestertochter ist hier lediglich 
an die Stelle der babylonischen Priesterin getreten, die ihre Ver- 
fehlung ganz in derselben Weise zu siihnen hatte 2 ). Die Angaben 
finden sich beide in dem Abschnitt, den man gewohnlich als das 
Heiligkeitsgesetz bezeichnet 3 ). Es sind zugleich die beiden einzigen 
Falle, wo der Feuertod in der Bibel iiberhaupt verhangt wird. Das 
babylonische Gesetzbuch verlangt auBerdem noch, daft man 
jemanden, der bei einem Brande etwas entwendet, sofori in das 
Feuer des brennenden Hauses wirft*). Dies vollzog sich aber ohne 
die Entscheidung des Richters. Fiir den Richter kamen nur die 
beiden Falle in Betracht, die uns fast in derselben Form noch in dem 
Texte der Bibel begegnen. Das Fluchwasser, das die Ehefrau bei 
einem Zweifel an ihrer Treue zu trinken hatte 5 ), ist ein naheliegender 
Ersatz fur das Untertauchen bei der altbabylonischen Wasserprobe. 

Die Parallelen, die sich im Bundesbuche vorfinden, verteilen sich 
im wesentlichen auf Exod. 21, 1232 und Exod. 21,37 22, 14. 
Sie zeigen uns, daB der Verfasser mit dem Inhalt und der Gedanken- 
welt des babylonischen Gesetzbuches noch selbst in engerer Fuh- 
lung steht. Er kennt genau den Abschnitt, der sich mit der Wieder- 
vergeltung beschaftigt, und hebt den Grundgedanken dieses Textes 
in seinen Ausfiihrungen scharf hervor. Dabei bindet er sich trotz 
der Umstellung, die zuerst den zweiten Teil des Abschnittes beriick- 
sichtigt, im einzelnen sogar an den Aufbau der keilinschriftlichen 
Darlegung. Er weiB, daB der keilinschriftliche Text jedesmal eine 
besondere Regelung bei der Verletzung eines Sklaven vorsieht, und 
behandelt die Verletzung einer Schwangeren ebenfalls in unmittel- 
barem AnschluB an die Folgen einer gewohnlichen Schlagerei 6 ). 
Die Uebereinstimmungen sind noch deutlicher bei den Bestimmungen 



A ) S. oben S. 210. 

2 ) S. oben S. 204205. 

3 ) Von Lev. 17, 1 bis Lev. 26, 46. 
S. oben S. 200. 

S. oben S. 207208. 
6 ) S. oben S. 213 ff. 



iiber das stoBige Rind. Der Abschnitt zeigt hier genau dieselbe 
Gliederung und setzt auch eine Kenntnis von andera Stellen voraus, 
die fur die Rechtsauffassungen des Chammurabi besonders 
charakteristisch sind. Chammurabi vertritt in seinem Gesetzbuche 
die Auffassung, daB der Tod eines Kindes unter normalen Verhalt- 
nissen durch die Hingabe des eigenen Kindes zu suhnen ist. Dieser 
Gedanke wird in dem biblischen Texte fast in derselben Form, wie 
man ihn vorzutragen pflegte, mit Nachdruck zuriickgewiesen 1 ). Das 
kann nur in einer Zeit geschehen sein, wo man auf derartige Forde- 
rungen in Palastina noch besondere Riicksicht zu nehmen hatte. 
Die Strafe fur einen Diebstahl beschrankt sich in der Bibel bei ge- 
wohnlichen Entwendungen auf eine Entschadigung in doppelter 
Hohe. Sie war bei den alten Babyloniern wesentlich strenger. Diese 
Strenge kommt im Bundesbuche noch zur Geltung, wenn es sich 
um einen Menschenraub handelt 2 ) oder wenn der Dieb ein Tier, das 
er gestohlen, entweder schon geschlachtet oder verkauft hatte 3 ). 
Unterschlagungen wurden bei den Israeliten nach dem Bundes- 
buche ganz in derselben Weise bestraft wie bei den Babyloniern. 
Wenn man etwas in Verwahrung genommen hatte, muBte man es 
ebenso wie bei den Babyloniern auch dann noch in seinem Werte 
zuriickgeben, wenn man beweisen konnte, daB es gestohlen war. 
Die Feststellungen erfolgten hier sowohl nach dem babylonischen 
als auch nach dem israelitischen Rechte durch Eidesleistungen an 
der Stelle der Gottesverehrung*). 

Die Bibel hat also die Bestimmungen des altbabylonischen 
Gesetzbuch.es an einer Reihe von Stellen noch deutlich zur Voraus- 
setzung. Die Beriihrungen sind mitunter so auffallend, daB der 
Zusammenhang jedem sofort einleuchtet. Sie miissen aus einer Zeit 
stammen, wo der Text in Palastina den Gesetzgebern und Richtern 
noch allgemein zuganglich war, und fiihren uns durch die sonstigen 
Angaben zugleich in die Periode, wo die Herrschaft sich bereits in 
den Handen der Israeliten befand. Wir kommen hier also zu der- 
selben SchluBfolgerung, die sich in der Genesis bei unsern bis- 
herigen Untersuchungen schon aus den Namen der Urvater 5 ) und 
aus den Aufzeichnungen iiber die Sintflut 6 ) ergab. Die Namen gehen 
in ihren Bedeutungen, wie wir gesehen haben, groBtenteils auf keil- 
inschriftliche Bezeichnungen zuruck, die in der Bibel von monothei- 
stischen Berichterstattern umschrieben und durch naheliegende Neu- 
bildungen ersetzt wurden. Wir konnten zum Teil noch die Texte 
nachweisen, die bei diesen Bearbeitungen als Grundlage gedient 
haben. Sie zeigen uns, daB die Abschnitte schon zu einer Zeit 
entstanden sind, wo die Keilschrift unter den Gebildeten noch 



*) S. oben S. 217219. 

2 ) Exod. 21, 16. 

3 ) Exod. 21, 37. Vgl. oben S. 200. 
) S. oben S. 205 if. 

5 ) S. oben S. 108 if. 

6 ) S. oben S. 145 if. und S. 155 ff. 



allgemein in Gebrauch war. Die Israeliten fanden in Palastina 
neben den tibrigen Literaturwerken der Babylonier auch das Oesetz- 
buch vor, das sie dann ebenso wie die friiheren Gebieter des Landes 
bei der Regelung ihrer Angelegenheiten gern und f leiBig zu Rate 
zogen. Es war, wenn wir uns an den Ausdruck in der Genesis 
anschlieBen, das Gesetzbuch des Amraphel, des Konigs von Sinear. 
Der Name geht in dieser Form, wie wir annehmen muBten 1 ), bis 
in die altbabylonische Zeit zuriick. Er findet sich zwar bloB in 
dem Texte, der uns von dem Kriegszuge des Abraham erzahlt; das 
ist aber fiir den Ursprung der eigenartigen Bildung nicht ent- 
scheidend. Wir haben es hier mit einer Umgestaltung zu tun, die 
in dem Berichte neben den iibrigen Personennamen ganz fiir sich 
allein steht. Das hatte sicher einen ganz besonderen Grund. Die 
Umgestaltung war in dem vorliegenden Falle nicht das Werk des 
Verfassers, der den einen Namen gerade so behandelte wie den 
andern, sondern das Ergebnis einer friiheren Entwfckelung, die 
bei der Niederschrift des Textes schon langst zum AbschluB ge- 
kommen war. Sie ist offenbar aus dem Bestreben hervorgegangen, 
dem Namen eine Pragung zu geben, die sich in den Lautbestand 
und in den Wortschatz der Landessprache ohne Schwierigkeit 
hineinfiigte. Dies kann aber nur bei einer Personlichkeit voraus- 
gesetzt werden, die in der Sprache des taglichen Lebens haufiger 
genannt wurde. Hierzu gab das bescheidene Kriegsunternehmen 
keinen AnlaB. Die Ursache muB deshalb anderswo gesucht werden. 
Sie lag in den Begleiterscheinungen, die sich in Palastina, wie es 
scheint, iiberall bei der Benutzung des Gesetzbuches ergaben. Wenn 
man das Gesetzbuch heranzog, muBte man ebenso wie es auch 
heutzutage noch geschieht, zur Unterscheidung von andern Samm- 
lungen den Namen des Urhebers hinzufiigen. Der Name wird in 
dem Texte nicht weniger als sechsmal ausdriicklich genannt, so daB 
man iiber die babylonische Form der Bezeichnung gar nicht im 
Zweifel sein konnte. Es war aber eine Form, die in der Volks- 
sprache nicht befriedigte. Man suchte mit den Namen, die man 
gebrauchte, stets einen Gedanken zu verbinden und war gewohn- 
lich nicht eher zufrieden, als man dies in irgendeiner Weise erreicht 
hatte. Dabei lehnte man sich aber nicht mehr an die babylonische 
Form, sondern an die Aussprache, die uns spater auch in Assyrien 
uberrascht. Amraphel war also fiir die Bewohner von Palastina, 
wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, an erster Stelle der 
groBe Gesetzgeber, der auch in der israelitischen Zeit die Ent- 
wickelung der Dinge noch wesentlich beeinfluBt. Der Zusammen- 
hang, zeigt sich auch da, wo die biblischen Texte die Auffassung 
der babylonischen Bestimmungen grundsatzlich zuriickweisen 2 ). 
Man iibernahm, was sich bewahrt hatte, und anderte, was den 
Forderungen des Rechtes und der Billigkeit nicht ganz zu ent- 



A ) S. oben S. 182183. 
2 ) S. oben S. 218219. 



224 

sprechen schien. Das babylonische Gesetzbuch ist in seinen An- 
weisungen auBerordentlich strenge. Es vertritt fast iiberall den 
Herrenstandpunkt, der bei allem Streben nach wirklicher Gerechtig- 
keit in erster Linie die Rechte der Freigeborenen und der Besitzenden 
zu wahren sucht und fur die Not der Armen und Bedrangten nur 
selten ein tieferes Verstandnis aufbringt. Der Verfasser des Bundes- 
buches stellt sich dagegen, wo es moglich ist, iiberall mit demselben 
Nachdruck auf den Standpunkt des Schwachen und Verfolgten, der 
des Schutzes und der Hilfe bedarf. Er bringt die Strafen, wo es 
notwendig erscheint, auf ein ertragliches MaB und nimmt sich be- 
sonders der Sklaven und der Fremden an. Der Israelit soil den 
Fremden rucksichtsvoll behandeln, weil er selbst in Agypten als 
Fremdling gelebt hat. Dieser Gedanke, der in dem Texte an zwei 
verschiedenen Stellen 1 ) besonders hervorgehoben wird, spricht fur 
sich allem schon fur das hohe Alter der ganzen Zusammenstellung; 
er fiihrt uns in eine Zeit, die mit der Bedrangnis, in der man sich 
befunden hatte, noch in unmittelbarem Zusammenhange steht. In 
den spateren Jahrhunderten wiirde dieser Hinweis gar keinen Ein- 
druck mehr gemacht haben. Auch die Strenge, die man z. B. gegen 
den Besitzer eines stofiigen Rindes zeigte, geht im letzten Grunde 
auf dasselbe Bestreben zuriick. Sie hatte lediglich den Zweck, das 
Leben anderer zu schiitzen. Nach dem babylonischen Gesetzbuche 
muB man den Sklaven, der seinem Herrn entlaufen ist, unter alien 
Umstanden dem friiheren Eigentiimer wieder zufuhren 2 ); nach der 
Bibel soil man ihn in keiner Weise behindern 3 ). Die Bestimmung 
findet sich zwar erst im Deuteronomium; sie bringt aber nur zum 
Ausdruck, was sicher schon in der altesten Zeit die Regel war. Die 
Gesetze sind in der Form, in der sie uns vorliegen, ganz aus dem 
Empfinden eines Volkes hervorgegangen, das selbst in Kummer und 
Bedrangnis gelebt hat. 



!) Exod. 22, 20 und 23, 9. 

2 ) S. oben S. 199. 

3 ) S. oben S. 200. 



225 



VI. 

Von Moses bis zum Beginn der KSnigsherrschaft. 

Das Zurucktreten der Keilschrift fallt in Palastina mit dem 
siegreichen Vordringen der Buchstabenschrift zusammen. Diese war 
aber beim Tode des Konigs Ahiram, wie wir aus den Texten an 
seiner Grabstatte entnehmen muBten, wenigstens im Norden des 
Landes in ihrer damaligen Auspragung schon allgemein verbreitet. 
Es war im wesentlichen noch dieselbe Form, die im Anfange des 
vierzehnten Jahrhunderts, wie wir gesehen haben, in der Kanzlei 
des Aziru von einem hervorragenden Schreiber genau festgelegt 
wurde. Auch die keilinschriftliche Bearbeitung des Alphabetes war 
unter den damaligen Verhalmissen nur eine besondere MaBnahme 
zur starkeren Heranziehung der Volkssprache, die das Akkadische 
schlieBlich ganz in den Hintergrund drangte. 

Die Israeliten miissen nach unsern bisherigen Zusammen- 
stellungen schon eher in Palastina gewesen sein, als diese Ent- 
wickelung zum AbschluB gelangte. Sie haben die Keilschrift, wie 
aus den Uebereinstimmungen hervorgeht, bei ihrem Einzuge noch 
vorgefunden und die Literaturwerke, die dort in dieser Schrift ver- 
breitet waren, noch vielfach zu Rate gezogen. Diese Tatsache ist 
fur die Datierung der Einwanderung von besonderer Bedeutung. 
Sie notigt uns, die Eroberung des Landes so friih zu setzen, daB 
die Entlehnungen iiberhaupt noch moglich waren. 

Das alteste Zeugnis, das den Aufenthalt der Israeliten in Pala- 
stina schon voraussetzt, ist das Siegeslied auf den Konig Menephta, 
wo auch die Israeliten schon in der Zahl der Unterworfenen auf- 
gefiihrt werden. ,,Die Fiirsten sind hingestreckt und sagen: salom 1 ); 
keiner erhebt sein Haupt unter den neun Bogen 2 ). Verwiistet ist 
Tehenu 3 ), Chatti 4 ) in Frieden, erbeutet ist Kanaan mit (?) allem 
Schlechten. Fortgefiihrt ist Askalon, gepackt ist Gezer, Jenoam 
vernichtet, Israel ist verdorben, hat keinen Samen mehr. Palastina 
ist zur Witwe geworden fur (?) Tameri" 5 ). Menephta war der 



*) Das kanaanaische Wort fiir Friede. 

2 ) Ein alter Name fiir alle dem agyptischen Konige unterworfenen Volker. 

3 ) Ein Stamm in Libyen; hier eine Bezeichnung- ties ganzen Volkes. 
*) Dias Land der Chethiter. 

5 ) Nach der Uebersetzting und den Erklarungen von Ranke bei GreB- 
mann, Altoirient. Texte zum Alten Testament, Zweite Aufl., S. 2425. Israel 
ist in dem Texte mit dem itn Plural stehenden Personendeterminativ ver- 
bunden. Es wird also nicht als Land, sondern als Volk betrachtet. Tameri 
war ein alter poetischer Name fur Agypten. 

15 



226 



Sohn und Nachfolger von Ramses II. Die Stele, auf der uns der 
Text iiberliefert 1st, stammt aus dem fiinften Jahre seiner Regierung. 




das Jahr 1235. Die Behauptung, daB das Volk keinen Samen mehr 
hat, ist im Agyptischen ein haufig vorkommender Ausdruck fiir die 
angebliche Vernichtung eines Volkes. Es handelt sich aber bei einer 
solchen Angabe gewohnlich nur um eine phrasenhafte Ueber- 
treibung. Die Israeliten waren also in der damaligen Zeit in Pala- 
stina schon ansassig und lebten dort, wie es scheint, ganz in der- 
selben Weise wie die iibrigen Bewohner des Landes. 

Der Auszug aus Agypten erfolgte nach dem Ansatze der 
Konigsbiicher im Jahre 480 vor dem Beginn des Tempelbaues, der 
nach zuverlassigen Berechnungen im Jahre 968 in Angriff ge- 
nommen wurde. 968 + 480 = 1448. Dies fiihrt uns fiir den Einzug 
in Palastina, wenn wir die Zahlen genau so nehmen wie wir sie 
vorfinden, auf das Jahr 1408. 

Wir haben uns iiber den Wert dieser Angaben schon eingehend 
unterhalten 2 ). Sie gehen auf eine Zahlung von Geschlechtern zuriick, 
die jedesmal mit 40 Jahren eingesetzt wurden. Die Grundlagen 
lassen sich in den Buchern der Chronik zum Teil noch genau nach- 
priifen. Das System verdient in dem, was es zu bieten vermag, 
unser voiles Vertrauen; es gestattet aber keine Datierung, bei der 
man sich unbedingt auf ein bestimmtes Jahr oder auf die Fest- 
legung eines bestimmten Zeitabschnittes verlassen darf. Die Zahl 
480 ist in dieser Hinsicht genau so zu bewerten wie der Ansatz fiir 
den Aufenthalt in Agypten. Die beiden Angaben erzahlen uns von 
23 verschiedenen Geschlechtern, die nach diesem Schema fiir die 
Zeit von der Erhohung des Joseph bis zum Beginn des Tempel- 
baues eine Reihe von 920 Jahren ergeben. Da Jakob damals 
120 Jahre alt war 3 ) und Isaak bei der Geburt des Jakob ein Alter 
von 60 Jahren erreicht hatte, kommen wir fiir den Kriegszug des 
Kedorlaomer 4 ) bei dieser Berechnung ungefahr auf das Jahr 2083. 
Dieser Zeitpunkt liegt aber nach den Aufzeichnungen der Baby- 
lonier, wie wir gesehen haben, um etwa 45 Jahre zu hoch. 

Das einzige Buch, das uns fiir die Datierung des Auszuges 
noch weiteres Material an die Hand gibt, ist das Buch der Richter. 
Wir finden hier eine groBe Menge von Zahlenangaben, die wir in 
diesem Zusammenhange nicht iibergehen diirfen. Es fragt sich nur, 
wie wir die Ereignisse miteinander zu verbinden haben. Wenn wir 
die Aufeinanderfolge so nehmen, wie wir sie vorfinden, kommen 
wir fiir den Umfang des Buches allein schon auf eine Zeit von 
410 Jahren. Das wiirde mit dem Aufenthalt in der Wiiste, der 



*) Zehschr. f. Agypt. Sprache und Altertumsk. Bd. 70 (1934), S. 97 ft 

2 ) S. oben S. 171 ff. 

3 ) Zehn Jahre vor seiner Reise nach Agypten. S. oben S. 173. 
*) S. oben S. 172. 



227 

Tatigkeit des Josue und den Ansatzen fur Heli, Samuel, Saul und 
David bis zum vierten Regierungsjahre des Salomon eine Zeit von 
mehr als 600 Jahren ergeben. Dabei ist der Wortlaut des Textes 
fast iiberall sehr gut erhalten, so daB wir gar keinen Orund haben, 
hier mit besonderen Fehlern zu rechnen. Wir stoBen bei den An- 
gaben, wenn wir sie nach der GroBe der einzelnen Zahlenwerte 
kurz zusammenfassen, auf Perioden von drei (9,22), sechs (12,7), 
sieben (6,1; 12,9), acht (3,8; 12,14), zehn (12,11), achtzehn (3,14; 
10,8), zwanzig (4,3; 15,20 = 16,31), zweiundzwanzig (10,3), drei- 
undzwanzig (10,2), vierzig (3,11; 5,31; 8,28; 13,1) und achtzig 
(3,30) Jahren. Diese Zahlen lassen in den drei ersten Dekaden 
einen so naturlichen und ungezwungenen Wechsel erkennen, daB 
sie schon aus diesem Grunde ein besonderes Vertrauen verdienen. 
Es sind Zahlen, wie sie tatsachlich im Leben vorkommen, ohne 
Abrundungen und ohne bedenkliche Gleichformigkeiten 1 ). Dann 
folgt aber sofort die Zahl 40, die viermal fiir sich allein steht und 
bei der Spanne von 80 Jahren nur verdoppelt ist. Man sieht aber 
schon an dieser Verdoppehmg, daB der Verfasser hier ebenfalls 
noch das Bestreben hat, moglichst genau zu sein. Das ist bei 
kleineren Zahlen verhaltnismaBig recht leicht. Sie sind leicht fest- 
zustellen und auch leicht zu behalten. Um so schwieriger ist es 
dagegen, wenn groBere Zahlen in Betracht kommen. Man ist dann 
in der Regel schon zufrieden, wenn die Angabe den Tatsachen im 
wesentlichen gerecht wird. Es darf aber vorausgesetzt werden, daB 
hier ebenso wie bei den kleineren Zahlen in den meisten Fallen eine 
bestimmte Ueberlieferung vorliegt, iiber die man sich nicht ohne 
weiteres hinwegsetzen darf. 

Die Israeliten hatten nach der Stelle 3,3 gegen die Philister, die 
Kanaaniter, die Sidonier und die Chiwiter zu kampfen, die auf dem 
Libanon vom Berge Baal Hermon bis gegen Hamath saBen. Wir 
haben hier eine Aufzahlung der Feinde nach ihren Wohnsitzen. Der 
Verfasser beginnt bei dieser Zusammenstellung im Siiden und 
schlieBt dann mit der Erwahnung des Volkes, das seinen Wohnsitz 
ganz im Norden hat. Er bemiiht sich aber, die Ereignisse bei der 
Behandlung der Einzelheiten stets in ihrer geschichtlichen Aufein- 
anderfolge vorzufuhren. Othniel, der erste unter den Richtern, war 
ein jiingerer Bruder des Kaleb. Er befreite das Volk, nachdem es 
acht Jahre dem Kuschan Rischathaim dienstbar gewesen war, und 
starb dann nach 40 Jahren. Als es nach seinem Tode den Weg des 
Herrn wieder verlieB, kam es in die Knechtschaft des Konigs Eglon 
von Moab, dem es 18 Jahre zu dienen hatte. Auf diese Zeit folgte 

!) Es ist allerdings auffallend, daB die Zahl achtzehn (3,14 und 10,8) 
sich in beiden Fallen auf eine Unterdriickung bezieht, und zwar in dem einen 
Falle auf eine Unterdruckung durch die Moabiter, denen die Ammoniter und 
die Amalekiter sich anschlossen, und in dem andern auf die aus einer spate- 
ren Zeit berichteten regelmaBigen Ueberfalle von seiten der Ammoniter. 
Die Verhaltnisse sind hier so ahnlich, daB die Uebereinstimmung wohl kauin 
aui ieinem Zufall beruht Wir haben es also jedenfalls an der einen der beiden 
Stellen mit einer Ueb-ertragung zu tun. 

15* 



228 

dann die achtzigjahrige Friedensperiode, die durch die kiihne Tat 
des Ehud eingeleitet wurde. Nach dem Tode des Ehud taten die 
Israeliten wieder, was dem Herra miBfiel. Da gab der Herr sie in 
die Hand des Konigs Jabin von Chasor, aus der sie erst nach 
zwanzig Jahren durch den Sieg des Barak und der Debora wieder 
befreit wurden. Auf den Sieg folgte dann eine Ruhezeit von 
40 Jahren, eine Zeit der Bedrangnis von sieben Jahren und eine 
zweite Periode der Ruhe, die ebenfalls vierzig Jahre dauert und bis 
zum Tode des Gedeon reicht. Abimelech, der Sohn des Oedeon, 
wurde sodann in Sichem zum Konige gewahlt und regierte dort 
drei Jahre. An die Zeit des Abimelech schlieBt sich dann die Tatig- 
keit des Tola und des Jair, die im ganzen 45 Jahre umfaBt. Hierauf 
heiBt es in dem Abschnitt 10, 6ff.: ,,Die Israeliten taten aber aufs 
neue, was dem Herrn miBfiel. Sie dienten den Baalen, den Astarten, 
den Gottern Syriens, den Gottern Sidons, den Gottern Moabs, den 
Gottern der Ammoniter und den Gottern der Philister und verlieBen 
den Herrn und dienten ihm nicht mehr. Da entbrannte der Zorn 
des Herrn gegen Israel und er gab sie in die Hand der Philister und 
in die Hand der Ammoniter. Und diese qualten und plagten die 
Israeliten in jenem Jahre, achtzehn Jahre hindurch, alle Israeliten 
jenseits des Jordan im Lande der Amoriter, in Gilead. Und es 
kamen die Ammoniter uber den Jordan, um auch in Juda, Benjamin 
und Ephraim zu kampfen, so daB Israel in groBer Not war. Und 
es riefen die Israeliten zum Herrn und sprachen: Wir haben ge- 
siindigt wider dich; denn wir haben unsern Gott verlassen und den 
Baalen gedient. Und es sprach der Herr zu den Israeliten: 1st die 
Rettung vor Agypten und vor den Amoritern nicht gerade so viel 
wie Rettung vor den Ammonitern und vor den Philistern?" Dieser 
Abschnitt bildet, wenn wir ihn richtig verstehen, den Schliissel fur 
das Verstandnis der folgenden Kapitel. Der Verfasser nennt hier 
die Philister an drei verschiedenen Stellen in unmittelbarem Zu- 
sammenhange mit den Ammonitern. Dies sollte fiir sich allein schon 
geniigen, um den Wortlaut gegen die Bedenken einer voreiligen 
Kritik unter alien Umstanden zu schutzen. Hierzu kommt an der 
dritten Stelle noch der Vergleich mit Agypten und den Amoritern, 
der ohne das Vorhandensein von zwei verschiedenen Feinden in 
seiner Eigenart wesentlich verlieren wiirde. Die Angaben sind ganz 
von dem Gedanken getragen, daB die beiden Feinde sich zu der- 
selben Zeit gegen Israel erheben. Dies konnte bei den ersten Satzen 
vielleicht noch zweifelhaft sein; es wird aber durch die Zusammen- 
stellung in der Antwort des Herrn zur vollen GewiBheit. Dabei 
denkt der Verfasser zunachst an die Ammoniter, die er im Anfange 
und am SchluB des Textes zuerst erwahnt, und erst an zweiter Stelle 
an die Philister. Er nimmt aber ohne Bedenken eine Umstellung 
vor, wo der Zusammenhang es ihm nahelegt. Das ist in der Mitte 
des Textes der Fall, wo er sich in den folgenden Satzen noch ein- 
gehender mit den Ammonitern beschaftigen will. Hierzu paBt dann 
auch die Fortsetzung. Er berichtet in seinen Ausfiihrungen zunachst 



229 

iiber die Kampfe gegen die Ammoniter und greift dann in den 
spateren Kapiteln auf die Philister zuruck. Die Ereignisse sind hier 
also bei der Festlegung der chronologischen Aufeinanderfolge nicht 
nacheinander, sondern nebeneinander zu beriicksichtigen. Damit 
kommt die eine Reihe der Angaben fur die Aufstellung jedesmal in 
Wegfall. Wenn wir die Zahlen zugrundelegen, die tins fiir die 
Datierung der Vorgange im Norden des Landes zur Verfiigung 
stehen, diirfen die vierzig Jahre, die auf die Bedriickung durch die 
Philister entfallen, und die zwanzig Jahre des Samson nicht mehr 
hinzugefugt werden; wenn wir es vorziehen, diese 40 + 20 Jahre 
zugrundezulegen, miissen wir auf die 18 + 6 + 7+ 10 + 8 Jahre 
verzichten, die im ersten Teile der Darstellung fur die Berechnung 
in Betracht kommen. In dem einen Falle haben wir die 410 Jahre, 
von denen wir sprachen, um 60 und in dem andern um 49 Jahre 
zu kiirzen. Da die Ammoniter und die Philister nicht miteinander 
verbiindet waren, haben sie mit ihren Uebergriffen wohl kaum in 
demselben Jahre den Anfang gemacht. 

Die Philister gehoren zu den sogenannten Seevdlkern, die nach 
den Aufzeichnungen der Agypter um das Jahr 1200 von den Kiisten 
und Inseln Europas heranzogen und im achten Regierungsjahre des 
Konigs Ramses III. im Norden von Palastina zu Land und zu 
Wasser empfindlich geschlagen wurden. Sie werden in den Berichten 
immer ausdriicklich hervorgehoben, und zwar in der Regel an der 
ersten Stelle. Es gelang ihnen aber, sich trotz dieser Niederlage 
bis zum Suden von Palastina durchzuschlagen und sich dort 
niederzulassen. Sie setzten sich zunachst an der Kiiste fest und 
suchten dann von dort aus ihr Gebiet nach Moglichkeit zu er- 
weitern. Da Ramses nach den Berechnungen von Borchardf) wahr- 
scheinlich im Jahre 1195 zur Herrschaft gelangte, diirfen wir die 
Niederlage mit ziemlicher Sicherheit in das Jahr 1188 verlegen. Das 
Vordringen begann also vielleicht schon um das Jahr 1180. Nun 
wissen wir aber, daB Saul um das Jahr 1010 gestorben ist, kurz 
nach dem Tode des Samuel. Dieser hatte schon bei der Berufung 
des Saul ein so hohes Alter erreicht, daB ihm die Last des Richter- 
amtes zu schwer wurde. Er hatte also, da er beim Tode des Heli 
noch jung war, schon etwa 40 50 Jahre seines Amtes gewaltet. 
Wir stehen hier aber bei der Einfugung vor einer Schwierigkeit, da 
wir fiir Saul keine genaueren Angaben iiber die Zahl der Regierungs- 
jahre besitzen. Die Bibel erzahlt uns I Sam. 13, 1: ,,Saul war ein 
Jahr alt, als er Konig wurde, und war zwei Jahre Konig von 
Israel." Dieser Wortlaut deckt sich in seiner Form ganz mit der 
Wendung, die wir II Sam. 2,10 und 5,4 vorfinden. Es kann also 
nicht zweifelhaft sein, daB der Satz in seinem Aufbau als urspriing- 
lich zu betrachten ist. Er fehlt zwar in der Septuaginta, aber dieses 



*) Zeitschr. f. Agypt. Sprache und Altertumsk. Bd. 70, S. 102 103. V-gl 
dazu die Ansatze von Albright, Bulletin of ihe American Schools of Oriental 
Research Nr. 58, Apr. 1935, S. 17. 



230 

Fehlen erklart sich sofort aus dem Inhalt. Der Uebersetzer ging 
an den Zahlenangaben vortiber, well er nichts mit ihnen anzufangen 
wuBte. Man 1st nun versucht, an einen gelegentlichen Schreibfehler 
zu denken. Es ist aber auffallend, daB beide Zahlen falsch sind, 
und daB es sich gerade um die Zahlen 1 und 2 handelt, die auch 
in dem folgenden Satz eine Rolle spielen. Saul wahlte sich, wie es 
dort heiBt, aus Israel 3000 Mann aus, von denen er 2000 selbst 
behielt und 1000 an Jonathan abgab. Das ist sicher kein Zufall. 
Der Urheber des jetzigen Textes hat bei der Niederschrift des ersten 
Satzes schon diese 2000 + 1000 im Kopfe gehabt und die 2+1 
gedankenlos fur die Zahlen eingefugt, die er hier mitzuteilen hatte. 
Diese sind also fur immer verloren. Man sieht aber, daB Jonathan 
beim Regierungsantritt seines Vaters schon eine Feldherrnstelle be- 
kleiden konnte. Dies zeigt uns, daB der Vater damals schon im 
reiferen Mannesalter stand. Am Ende seiner Regierung war er noch 
kraftig genug, um selbst in den Krieg zu ziehen. David hatte beim 
Tode des Saul ein Alter von 30 Jahren erreicht. Er war aber, als 
er an den Hof kam, nach der Angabe von I Sam. 16, 18 schon ein 
starker und kraftiger junger Mann, wie der Konig sie gem in das 
Heer aufnahm, verniinftig in der Rede und schon von Gestalt. Das 
setzt ein Alter von mindestens 20 Jahren voraus. Saul konnte ihn 
schon nach kuzer Zeit zu seinem Waffentrager ernennen. Wir haben 
also von seiner Berufung bis zum Tode des Saul nur mit einem Ab- 
stande von hochstens zehn Jahren zu rechnen. Die Berufung steht 
aber in unmittelbarem Zusammenhange mit der Verwerfung des 
Saul, die wir von dem Anfange seiner Regierung nicht allzu weit 
abriicken durfen. Wir durfen hier, wie es scheint, wohl kaum iiber 
einen Zeitraum von etwa funf bis sechs Jahren hinausgehen. Wenn 
dieses richtig ist, kommen wir fiir den Anfang der Regierung un- 
gefahr auf das Jahr 1025. Dies fuhrt uns fiir den Tod des Heli auf 
die Zeit von etwa 1075 1065. Heli muB also das Richteramt, wenn 
wir uns an der Stelle I Sam. 4, 18 auf die Angabe des masoretischen 
Textes verlassen, schon um das Jahr 1110 ubernommen haben. 
Wenn wir nun die zwanzig Jahre des Samson und die vierzig Jahre 
der voraufgehenden Bedriickung hinzurechnen, erhalten wir fiir den 
Anfang dieser Bedruckung ungefahr das Jahr 1170. 

Die Zahlen der andern Reihe bleiben hinter den 40 + 20, wie 
wir gesehen haben, um 11 zuriick. Da sie im ganzen sehr niedrig 
sind, verdienen sie ein besonderes Vertrauen. Das ist auch bei den 
Ansatzen fur Tola und Jair der Fall. Tola begann seine Tatigkeit, 
wie die Bibel voraussetzt, kurz nach dem Tode des Abimelech. Er 
richtete Israel dreiundzwanzig Jahre lang, und Jair, der in dem 
Texte mit zweiundzwanzig Jahren aufgefuhrt wird, scheint sein 
unmittelbarer Nachfolger gewesen zu sein. Da Jair in Gilead 
wohnte, haben wir es hier jedenfalls schon mit derselben Ueber- 
lieferung zu tun, die uns von der sich anschlieBenden Ammoniter- 
plage berichtet. Wir erhalten hier also, wenn wir die Angaben 
zusammenfassen, von der Berufung des Tola bis zum Tode des 



231 

Abdon eine Zeit von mindestens 45 + 49 Jahren. Es ist moglich, 
daB die Spanne noch groBer war; sie kann aber nach der Eigenart 
der Ansatze nicht kleiner gewesen sein. Der Tod des Abimelecfa 
fallt also, wenn die Zahlen richtig sind, in die Zeit kurz vor dem 
Jahre 1200. Damit kommen wir fur das Auftreten des Gedeon, 
wenn wir die Angaben so nehmen, wie wir sie vorfinden, auf die 
Zeit von 1250 und fur den Sieg des Barak und der Debora un- 
.gefahr auf das Jahr 1300. Das wiirde uns fiir die Ermordung des 
Eglon nach den vorhandenen Ansatzen auf das Jahr 1400 und fiir 
den Beginn der Unterdriickung durch Kuschan Rischathaim un- 
g^efahr auf das Jahr 1466 fiihren. Wir wiirden also, wenn wir fiir 
die Tatigkeit des Josue eine Zeit von etwa 30 Jahren voraussetzen, 
fur den Einzug in Palastina ungefahr auf das Jahr 1500 und fiir 
den Beginn des Aufenthalts in Agypten auf das Jahr 1970 kommen. 
Dies wiirde fiir die Geburt des Jakob das Jahr 2100, fiir die Geburt 
des Isaak das Jahr 2160 und fur die Geburt des Abram das Jahr 
2260 ergeben. Der Zug des Kedorlaomer wiirde dann in der Zeit 
zwischen den Jahren 2185 und 2175 seinen Platz finden. Wenn wir 
die Bemerkung iiber den Anfang des Tempelbaus zugrundelegen, 
erhalten wir statt dieser Zahlen die Zeit von 2093 2083 1 ). Diese 
greift aber fiir sich allein schon, wie wir gesehen haben, um etwas 
mehr als vierzig Jahre iiber den richtigen Zeitpunkt hinaus. Wir 
haben also die Ansatze, wenn wir sie fiir eine genauere Datierung 
der Ereignisse verwerten wollen, auch im ersten Teile des Richter- 
buches in ihren Auswirkungen noch erheblich zu kiirzen. Sie er- 
geben in ihrer jetzigen Form oder doch wenigstens in der Art 
ihrer jetzigen Zusammenstellung eine Zahlenreihe, die auch im 
Rahmen der biblischen Angaben noch um etwa 90 100 Jahre zu 
hoch ist. Es fragt sich nur, wo wir den eigentlichen Grund dieser 
Erscheinung zu suchen haben. 

Da Othniel bei der Eroberung von Kirjath Sepher,noch so Jung 
war, daB er die Tochter seines Bruders Kaleb zur Frau nehmen 
konnte, bieten die Angaben iiber die acht Jahre der Knechtschaft 
und iiber die sich anschlieBenden vierzig Jahre seiner richterlichen 
Tatigkeit fiir die Chronologic keine besonderen Schwierigkeiten. Das 
gilt auch fiir den Bericht iiber die Unterdriickung durch Eglon und 
iiber die Tat des Ehud. Um so auffallender ist dann aber die An- 
gabe iiber die hierauf folgende Ruheperiode von 80 = 40 + 40 
Jahren. Da der Ansatz in dieser Form ganz fiir sich allein steht, 
verdient die Zahl ein besonderes Vertrauen. Wir haben hier jeden- 
falls an eine Ruhe zu denken, die sich iiber einen Zeitraum von zwei 
verschiedenen Menschenaltern erstreckte. Der Verfasser erzahlt uns 
dann in den folgenden Versen: ,,Und nach ihm war Schamgar, der 
Sohn des Anath. Dieser schlug die Philister, sechshundert Mann, 
mit einem Ochsenstecken 2 ) und wurde dadurch ebenfalls zu einem 



*) S. oben S. 172. 

2 ) oder: mit einer Pflugschar? Vgl. dazu V. Zapletal, Das Bucfa der 
Richter S. 5253. 



o-ao 

jOi ~~ 

Befreier Israels. Doch die Israeliten taten wieder, was bose war 
in den Augen des Herrn; denn Ehud war gestorben. Da gab der 
Herr sie in die Hand des Jabin, des Konigs von Kanaan, der seinen 
Konigssitz in Chasor hatte." Der Uebergang ist hier in mehrfacher 
Hinsicht sehr eigenartig. Wir erfahren in den ersten Satzen, daB 
Schamgar, der Sohn des Anath, sechshundert Philisier erschlug 
und dadurch ebenfalls zum Retter Israels wurde. Die Einzelheiten 
werden aber gar nicht weiter behandelt. Die Fortsetzung beschaftigt 
sich sofort mit der Tatsache, daB die Israeliten den Herrn wieder 
verlieBen, und hebt dann als Grand den Tod des Ehud hervor. 
Man sieht, daB Schamgar hier in Wirklichkeit gar keine Rolle spielt. 
Es war deshalb ein naheliegender Gedanke, ihn aus diesem Zu- 
sammenhange kurzerhand zu entfernen. Damit ist aber noch nicht 
gesagt, daB dieses richtig war. Die Dinge liegen oft anders, als 
man im ersten Augenblicke vermutet. Wenn wir die Angaben be- 
seitigen, nehmen wir dem Leser die Moglichkeit, die Erwahnung 
des Schamgar in dem am SchluB des folgenden Abschnittes mit- 
geteilten Liede der Debora zu verstehen. Der Dichter erzahlt uns 
dort: ,,In den Tagen des Schamgar, des Sohnes des Anath, in den 
Tagen der Jael hatten aufgehort die Zuge auf den StraBen"; er 
nennt hier also mit besonderem Nachdruck an erster Stelle den 
Schamgar, den er als einen Zeitgenossen der Jael betrachtet. Man 
wurde bei dieser Stelle sofort in Verlegenheit kommen, wenn der 
Name nicht schon irgendwie bekannt ware. Die Bemerkung kann 
also, wenn man auf das Ganze sieht, gar nicht entbehrt werden. 
Die Datierung beschrankt sich auf den Hinweis, daB Schamgar 
,,nach ihrn" war, daB er also auftrat, als Ehud schon gestorben 
war. Ueber den Zeitpunkt des Todes wird uns in dem Texte gar 
nichts gesagt. Es darf aber nach den uns sonst zur Verfiigung 
stehenden Beispielen vorausgesetzt werden, daB die richterliche 
Tatigkeit sich hochstens tiber einen Zeitraum von etwa vierzig 
Jahren erstreckte. Was dariiber hinausgeht, kann also fiiglich nur 
als eine Zeit betrachtet werden, in der man wieder tat, was dem 
Herrn nicht gefiel. Das ist sehr auffallend; denn solche Fest- 
legungen kommen anderswo nicht vor. Die Schwierigkeit wird aber 
noch groBer, wenn wir bedenken, daB das Strafgericht sich in 
einer ganz anderen Gegend von Palastina vollzieht. Othniel war 
ebenso wie Kaleb nur im Siiden des Landes tatig, Eglon besetzte 
die Palmenstadt, unter der wir entweder Tamar oder Jericho zu 
verstehen haben, und Ehud gehorte zum Stamme Benjamin. Wir- 
sind deshalb zu der Annahme berechtigt, daB der Norden und die 
westlichen Teile von Palastina von diesen Ereignissen nicht weiter 
beriihrt wurden. Auch die Erfolge des Jabin und des Sisera waren 
ortlich beschrankt. Es war in der Hauptsache nur ein Kampf um 
die Vorherrschaft in der Ebene von Jezreel, der in den ubrigen 
Gebieten des Landes niemanden besonders aufregte. Dan blieb 
nach den Angaben im Liede der Debora trotz des Kriegsrufes ruhig 
bei den Schiffen, Aser am Gestade des Meeres, Ruben kam zu keiner 



233 

Entscheidung, und der Siiden wird in dem Liede iiberhaupt nicht 
erwahnt. Es 1st durchaus zu begreifen, daB die Beteiligten solche 
Vorgange stets als eine Schicksalsfrage fiir ganz Israel betrachteten. 
Das hat auch der Verfasser des Buches getan. Er weiB zwar, daB 
die Kampfe gegen die Philister in dieselbe Zeit fallen, wo die 
Israeliten von den Ammonitern belastigt wurden; dies kommt aber 
in der Darstellung, wie wir gesehen haben, gar nicht so zum Aus- 
druck, wie man es erwarten sollte. Die Einzelheiten sind in den 
betreffenden Kapiteln in einer Weise behandelt, daB das Neben- 
einander der Ereignisse fiir den Leser schlieBlich zu einem aus- 
gesprochenen Nacheinander wurde. Das scheint auch hier der Fall 
gewesen zu sein. Das Lied der Debora setzt schon den Sieg des 
Schamgar voraus. Es kann also erst zu einer Zeit entstanden sein, 
wo die Kampfe mit den Philistern bereits ihren Anfang genommen 
hatten. Damit kommen wir aber fiir den Siiden des Landes schon 
in die Periode der eigentlichen Unterdriickung. Diese fallt also mit 
den Vorgangen, die im Norden zu der blutigen Auseinandersetzung 
fiihrten, wenigstens schon teilweise zusammen. Die Angaben sind 
aber im iibrigen, wie es scheint, genau so zu nehmen, wie wir sie 
vorfinden. Die Zeit des Ehud folgt auf die achtzehn Jahre der 
Knechtschaft, die sich nach der Darstellung des Textes an die 
vierzigjahrige Friedenszeit nach der Befreiung von der Herrschaft 
des Kuschan Rischathaim anschloB. Wir erhalten hier also, da diese 
yom Verfasser auf acht Jahre angegeben wird, fiir die Entwickelung 
im Siiden des Landes die Aufeinanderfolge von 8 + 40 + 18 + 80 
Jahren. Diese liegen aber, wie wir gesehen haben, noch in ihrem 
ganzen Umfange vor dem Auftreten der Philister, die jedenfalls 
schon im Jahre 1187 1 ) an der Stidgrenze von Palastina anlangten. 
Sie fiihren uns also, wenn wir auch die beiden groBeren Zeit- 
angaben genau nach dem Wortlaute nehmen, fiir das Eindringen 
des Kuschan Rischathaim auf das Jahr 1333. Da Othniel im Kampfe 
gegen Kuschan Rischathaim die Fiihrung ubernahm und gleich 
darauf als Richter anerkannt wurde, miissen wir annehmen, daB 
Kaleb damals schon gestorben war. Wir kommen hier also fiir den 
Auszug ungefahr auf dieselbe Zeit, die sich nach unsern bis- 
herigen Zusammenstellungen fur diesen Termin aus der Zahl der 
aufeinanderfolgenden Generationen ergab. Damit findet der Ansatz 
auch hier wieder eine iiberraschende Bestatigung. Das Richterbuch 
vertritt hier eine Ueberlieferung, die sich ganz auf derselben Grund- 
lage bewegt. Es setzt fiir die Periode bis zum Auftreten der Philister 
schon eine Dauer von mehr als 146 Jahren voraus. Diese Tatsache 
ist fiir sich allein schon von ausschlaggebender Bedeutung. Sie 
findet dann ihre Erganzung in den Angaben im zweiten Teile des 
Buches, wo wir von einer vierzigjahrigen Bedriickung durch die 
Philister und von der zwanzigjahrigen Richtertatigkeit des Samson 
erfahren. Dieser Zusammenhang ist dem Verfasser wohl selbst 



S. oben S. 229. 



234 

nicht mehr zum BewuBtsein gekommen; er lafrt sich aber aus dem 
Zahlenmaterial und aus der Gruppierung der einzelnen Texte, so- 
weit sie hier in Betracht kommen, ohne Schwierigkeit herausheben. 
Der Verfasser hat bei der Niederschrift seines Werkes aus einer 
Reihe von Quellen geschopft, die an und fiir sich gar nichts mit- 
einander zu tun haben. Wir mussen also zwischen dem, was in den 
Quellen stand, und der Art und Weise, wie er selbst die Vorgange 
miteinander verbunden hat, scharf unterscheiden. Es kommt fiir die 
Chronologic besonders darauf an, was uns die Quellen in dieser 
Hinsicht erzahlen. Diese bieten uns in den Berichten iiber die 
Philister, soweit sie in dem jetzigen Werke noch vorliegen, eine 
wertvolle Moglichkeit zur sicheren Orientierung. Was vor dem 
Auftreten der Philister geschah, liegt zeitlich noch vor dem Jahre 
1188; was von den Kampfen mit den Philistern erzahlt wird, hat 
die Ereignisse dieses Jahres schon zur Voraussetzung. Wir haben 
dann aber die Texte so zu nehmen, wie sie sich darbieten, und 
diirfen sie nicht, wie es vielfach geschehen ist, mit Riicksicht auf 
andere Stellen gewaltsam verandern. Die Kritik hat gewifi ihre hohe 
Berechtigung; sie hat aber in der Weise, wie sie in solchen Fallen 
zum Teil gehandhabt wurde, oft das Wertvollste zerschlagen, was 
sich in der Bibel noch aus alteren Aufzeichnungen oder aus alteren 
zuverlassigen Ueberlieferungen in seiner ursprunglichen Form er- 
halten hatte. 

Der Auszug war nach den Angaben im ersten Kapitel des 
Buches Exodus die Folge einer planmaBigen Knechtung, die fiir 
das Volk auf die Dauer unertraglich wurde. Es wurde nach diesen 
Angaben auch bei dem Bau der Stadte Pithom und Ramses, die 
hier ausdriicklich mit Namen genannt werden, zu barter Fronarbeit 
gezwungen. Dies fuhrt uns aber schon in die Zeit des Konigs 
Ramses II., der erst im Jahre 130 1 1 ) den Thron bestieg und das 
Zepter dann bis zum Jahre 1235 in der Hand behielt. Sein Sohn 
und Nachfolger Menephta hatte damals schon ein verhaltnismaBig 
hohes Alter erreicht. Er unternahm im dritten Jahre seiner Re- 
gierung den Kriegszug nach Palastina, wo er schon mit den Isra- 
eliten zusammenstieB, und starb dann bereits im Jahre 1227. Der 
Kriegszug fallt also in das Jahr 1233. Das ist mit den Ansatzen, 
die wir bisher in Betracht zogen, ohne weiteres in Einklang zu 
bringen. Wenn wir fiir den Einzug unter Beibehaltung der 
biblischen Zahlen das Jahr 1408 voraussetzen, mussen die Israeliten 
damals schon seit ungefahr 175 Jahren in Palastina gewesen sein; 
wenn wir, um die in der Zahl 480 liegenden Ungenauigkeiten aus- 
zugleichen, auf die Zeit von etwa 1390 herabgehen, kiirzt sich der 
Abstand in runder Zahl auf eine Spanne von etwas weniger als 
160 Jahren. Nun wissen wir aber, da6 Moses nach den Angaben 
von Exod. 7,7 und Deuteron. 34,7 zur Zeit des Auszuges schon 
80 Jahre alt war. Wir wiirden also, wenn das Geburtsjahr schon 



*) S. oben S. 25. 



in die Zeit des Ramses fiel, fiir den Auszug als fruhesten Termin 
etwa das Jahr 1220 erhalten. Der Auszug hatte dann, ohne daB 
wir es irgendwie zu andern vermogen, dreizehn Jahre nach dem 
erwahnten Kriegszuge und sieben Jahre nach dem Tode des 
Menephta stattgefunden. Dieser Gedanke bedarf also gar keiner 
weiteren Widerlegung. Man konnte sich hochstens die Frage vor- 
legen, ob wir zwischen den Israeliten, die tins im Jahre 1233 in 
Palastina begegnen, und den Israeliten, die von Moses gefuhrt 
wurden, vielleicht einen Unterschied machen durfen. Das ist aber 
ebenfalls unmoglich. Das Siegeslied nennt die Israeliten in einem 
Zusammenhange, der an erster Stelle auf die nordlichen Teile von 
Palastina schlieBen laBt. Das sind dieselben Teile, wo wir die 
Israeliten zu suchen haben, die unter der Fuhrung des Jbsue 
durch den Jordan zogen. Wir sehen also, daB der Hinweis auf die 
Bauten des Ramses fiir die Datierung ganz ausscheiden muB. Wenn 
wir an der Angabe festhalten, stoBen wir bei den weiteren Voraus- 
setzungen der Bibel auf umiberwindliche Schwierigkeiten. Das Jahr 
1233 bildet einen Markstein, an dem wir nicht riitteln durfen. Die 
Geburt des Moses fallt in eine Zeit, wo die Bedruckung schon eine 
besonders scharfe Form angenommen hatte. Was wir dariiber er- 
fahren, setzt eine Entwickelung voraus, die sich im giinstigsten 
Falle schon iiber eine Reihe von mehreren Jahren erstreckt. Die 
Angabe, daB die Regierung des Konigs ,,nach vielen Tagen" ihr 
Ende erreichte, hat in dem Zusammenhange, in dem sie uns ent- 
gegentritt, nur den Wert einer sprachlichen Ueberleitung. Die 
Zahlen, die sich auf das Alter des Moses beziehen, sind ebenfalls 
in keiner Weise zu beanstanden; sie haben in ihrer jetzigen Form 
dieselbe Berechtigung wie die Angaben, die wir iiber das Alter des 
Aaron und des Josue besitzen. Es hat eine Zeit gegeben, wo man 
sich ganz daran gewohnt hatte, Ramses II. als den ,,Pharao der 
Bedruckung" und Menephta als den ,,Pharao des Auszuges" zu 
betrachten. Diese Auffassung ist mit den Ansatzen der Bibel iiber- 
haupt nicht in Einklang zu bringen. Man kann sie bei unserer 
jetzigen Kenntnis der Dinge nur noch vertreten, wenn man sich iiber 
diese Zahlenangaben ohne Bedenken hinwegsetzt. Die Bedruckung, 
von der uns die Bibel erzahlt, wird in den Texten des Alten Testa- 
mentes im Zusammenhange mit der wunderbaren Befreiung so oft 
hervorgehoben, daB man die Tatsache dieser Vorgange gar nicht 
bezweifeln kann. Hiermit ist aber noch nicht gesagt, daB wir die 
Mitteilungen auch in den Einzelheiten iiberall ganz wortlich zu 
nehmen haben. Die Verhaltnisse liegen hier, soweit es sich um die 
chronologischen Voraussetzungen handelt, wahrscheinlich genau 
so wie bei den Angaben im 26. Kapitel der Genesis. Wir lesen dort 
von dem Aufenthalt des Isaak im Lande der Philister und von 
seinen Verhandlungen mit Abimelech, dem Konige von Gerar, der 
ausdriicklich als Konig der Philister bezeichnet wird. Das war lange 
vor der Zeit, wo die Philister dort wohnten. Die Ausdrucksweise 
war fiir die Zeit, wo der Verfasser dieses Berichtes lebte, offenbar 



236 

zutreffend. Er machte aber zwischen den damaligen und den 
friiheren Bewohnera des Ortes keinen Unterschied, well ihm die 
Geschichte der Philister nicht so genau bekannt war, und kam auf 
diese Weise zu einem Anachronismus, der den sonstigen Inhalt 
seiner Darstellung gar nicht weiter beriihrt. Wenn eine solche 
Verschiebung in dem einen Falle moglich ist, darf sie auch an 
andern Stellen vorausgesetzt werden. Man beruft sich aber fiir 
Ramses II. besonders auch auf eine Gruppe von agyptischen An- 
gaben, die uns in einem ahnlichen Zusammenhange von den 
Arbeiten der 'epwrj-Leute erzahlen. Die 'epwrj-Leute werden ebenso 
wie die Israeliten, die von den Agyptern nach der Bibel als Hebraer 
bezeichnet wurden, bei den Bauten dieses Konigs zum Tragen von 
Steinen herangezogen; sie gehoren ebenfalls einem Fremdvolk an 
und begegnen uns in den Texten in der Zeit vom fiinfzehnten bis 
zum zwolften Jahrhundert. Die Uebereinstimmungen sind hier so 
auffallend, daB eine Gleichsetzung fast als selbsverstandlich er- 
scheint. Es fragt sich nur, ob wir in der Gleichsetzung so weit 
gehen diirfen, wie es vielfach geschehen ist. Die 'epwrj-Leute treten 
uns noch in einer Zeit entgegen, wo die Israeliten sicher schon in 
Palastina waren. Dies zeigt uns, daB wir sie wenigstens fiir die 
damalige Zeit voneinander zu trennen haben. Wir wurden aber zu 
weit gehen, wenn wir mehr behaupten wollten. Es ist an und fiir 
sich sehr gut moglich, daB ein Teil der Hebraer bei der Auswande- 
rung der Israeliten in Agypten zuriickblieb. Die Einzelheiten ent- 
ziehen sich hier noch ganz unserer Kenntnis. Man sieht aber, daB 
die Angaben fiir die Datierung des Auszuges nicht in Betracht 
kommen. Sie wurden uns zu einem Ansatze notigen, der fast um 
zwei Jahrhunderte zu tief liegt 

Auch die Untersuchungen, die man in Palastina bisher mit dem 
Spaten vorgenornmen hat, fiihren in dieser Frage zu demselben 
Ergebnis. Wir wissen, daB die Stadt Jericho gleich in der ersten 
Zeit nach dem Durchzuge durch den Jordan zerstort wurde. Sie 
wurde dem Erdboden gleichgemacht und erst in der Zeit des 
Achab 1 ) wieder aufgebaut. Man fand hier also eine vorzugliche 
Gelegenheit, die archaologischen Feststellungen fiir die Datierung 
der damaligen Vorgange nutzbar zu machen. 

Der Triimmerhugel wurde schon in den Jahren 1908 und 1909 
von Professor Dr. Sellin und seinen Mitarbeitern im Auftrage der 
Deutschen Orient-Gesellschaft in langeren Grabungen eingehend 
durchforscht. Die Grabungen ergaben aber zunachst nur einen 
Ueberblick iiber die Befestigungsanlagen und die Aufeinanderfolge 
der Bauschichten. Sie wurden damals vor der Zeit abgeschlossen, 
weil man sich von einer Fortsetzung der Untersuchungen keinen 
wesentlichen Erfolg mehr versprach. Sellin hielt es fiir ausreichend, 
daB es nach seiner Auffassung gelungen war, ,,die ausgezeichnete 
Befestigung des alten kanaanitischen Jericho mit einem Teile seiner 



I Kon. 16,34. 



237 

Wohnraume, eine zusammenhangende Partie des vorexilisch-israeli- 
tischen Stadtchens, die nachexilisch-judische Ansiedlung und das 
iiber die ganze Statte diinn verstreute byzantinische Jericho in ihren 
charakteristischen Eigentiimlichkeiten mit voller Scharfe wieder her- 
auszustellen, scharfer und klarer, als es wohl je anderswo moglich 
war" 1 ). Das Bild der alten Sladt war nach seiner damaligen Ueber- 
zeugung und nach der Ueberzeugung seiner Mitarbeiter ebenso wie 
die Reihenfolge der einzelnen Kulturschichten endgultig festgelegt 
Die Fundobjekte wiederholten sich iiberall mit einer derartigen 
durch nichts unterbrochenen GleichmaBigkeit, daB eine Fortsetzung 
der Arbeit nicht mehr in einem richtigen Verhaltnisse zu den daraus 
erwachsenden Kosten zu stehen schien. Man wuBte zwar, da8 
man an einer Stelle grub, die abseits lag; man war aber trotzdem 
enttauscht, daB die Einzelfunde im ganzen so sparlich waren. Sellin 
glaubt in diesem Sinne z. B. ausdriicklich hervorheben zu mussen, 
daB nicht einmal ein Skarabaus, ein Siegelzylinder, ein Ton- oder 
ein Bronzeidol zu Tage gefordert wurde. Dies berechtigt aber nach 
seiner Auffassung ebenfalls ,,zu ganz bestimmten Folgerungen fiir 
die Zeiten der Besiedelung bezw. Zerstorung, fiir die Ausdehnung 
auslandischer Handels- und Verkehrswege und endlich last not 
least fiir die Eigentumlichkeit der Religion des Landes ferae von 
jenen StraBen" 2 ). Diese Folgerungen sollten neben der ,,Gruppie- 
rung und Fruktifizierung der positiven Ergebnisse" in einer ktinf- 
tigen ,,zusammenfassenden Publikation" gezogen werden. Die 
Publikation erschien alsdann im Jahre 19 13 3 ). Sellin unterscheidet 
in dieser Veroffentlichung ebenso wie der Mitherausgeber Carl 
Watzinger eine kanaanitische, eine israelitische und eine jiidische 
Stadt. Die erste wird bei der Wiedergabe aus praktischen Griinden 
in blauer, die zweite in roter und die dritte in griiner Farbe zur 
Darstellung gebracht. Die ,,blaue" Stadt wurde nach der Annahme 
der Herausgeber zwischen 1600 und 1500 von den Israeliten zer- 
stort. Man hatte zwar den Eindruck, daB die archaologischen 
Feststellungen fiir diese Schicht einen hoheren Ansatz verlangten, 
aber man beruhigte sich bei dem Gedanken, daB Jericho in seiner 
kulturellen Entwickelung vielleicht um Jahrhunderte hinter den 
weiter nach Siiden und Westen liegenden Kulturstatten zuriick- 
geblieben war. Der Druck war aber noch nicht vollstandig zum 
AbschluB gebracht, als in England das dreibandige Werk von 
Macalister iiber die Ergebnisse seiner Grabungen in Gezer 4 ) er- 
schien. Dies bot in den Festlegungen, zu denen der Verfasser auf 
Grund der Schichtenbeobachtungen und der Grabfunde gekommen 



*) Mitteilungen der Deutsdien Orient-Gesellschaft Nr. 41, Dezember 1909, 
S. 28. 

2 ) A. a. O. S. 29. 

3 ) Jericho. Die Ergebnisse der Ausgrabtrng'en, dargestellt von Ernst 
Sellin und Carl Watzinger, Leipzig, Wissenschaftliche Veroffentlichung der 
Deutschen Orient-Qesellschaft Nr. 22. 

*) The Excavation of Gezer 19021905 and 19071909, London 1912. 



238 

war, zum ersten Male die Voraussetzungen zur Aufstellung einer 
wirklich zuverlassigen absoluten Chronologic. Hierzu kamen 
auBerdem noch die Grabungen, die Mackenzie in den Jahren 1911 
und 1912 nach denselben Grundsatzen in Bethschemesch vor- 
genommen hatte 1 ). Damit gelangte man in den nachsten Jahren 
auch fiir die Funde von Jericho zu einer neuen Bewertung. pas 
Tongeschirr, das sich in seinen Ueberresten in der ,,roten" Schicht 
erhalten hatte, erwies sich jetzt ebenfalls noch als kanaanitisch. 
Die Israeliten hatten also, wie man hieraus entnehmen muBte, nicht 
die ,,blaue", sondern die ,,rote" Stadt zerstort. Die ,,blaue" Stadt 
gehorte nach diesen Feststellungen der altkanaanitischen Zeit an; 
die ,,griine" Stadt war die Niederlassung der spateren Israeliten 2 ). 
Es kam also jetzt darauf an, die ,,rote" Schicht genauer zu datieren. 
Hierzu war aber das Material, das man bei der ersten Grabung 
aus dem Boden geholt hatte, noch nicht ausreichend. Die Frage 
beriihrte sich auf das engste mit den bisherigen Studien des eng- 
lischen Forschers Prof. Dr. Garstang, der damals schon seit einer 
Reihe von Jahren mit eingehenden Untersuchungen zum Inhalte des 
Buches Josue und des Buches der Richter beschaftigt war und sich 
ebenfalls fiir den Charakter und die Zeit der israelitischen Ein- 
wanderung von planmaBigen Ausgrabungen wertvolle Belehrungen 
versprach. Er hatte selbst in Palastina, wo er als Director of the 
British School of Archaeology und als Director of the 
Department of Antiquities tatig war, nach dieser Seite schon an 
mehreren Stellen besondere Versuche gemacht und entschied sich 
dann im Jahre 1927 fiir eine Fortsetzung der Grabungen in Jericho, 
die im Januar 1930 ihren Anfang nahm. Die Graben, die Sellin 
und Watzinger gezogen hatten, wurden erweitert und die Schutt- 
haufen zum Teil entfernt, so daB man wieder zu unberuhrtem 
Boden gelangte, wo die Schichten sich noch deutlich voneinander 
abhoben. Dabei legte man einen besonderen Wert auf die Samm- 
lung der Tonscherben, die dem Forscher fiir die Datierung der 
einzelnen Schichten bei einer modernen Grabung den Schliissel in 
die Hand geben. Der erste Bericht erschien bereits im Juli des- 
selben Jahres 3 ). Garstang hatte die Scherben auch dem Dominikaner- 
pater Vincent und dem Professor C. S. Fisher zur Verfiigung ge- 
stellt, die in ihrer Beurteilung ganz mit ihm iibereinstimmten. Er 
hatte unter diesen Scherben, die aus den Hausern in der Nahe der 
westlichen Stadtmauer stammten, noch kein einziges Stuck myke- 
nischen Ursprunges gefunden, obschon die mykenischen Tonwaren 
an andern Stellen, die in der Zeit von 1400 1200 bewohnt waren, 

^ Quarterly Statements of the Palestine Exploration Fund Nr. 43 (1911), 
S. 139142 und S. 169172; Nr. 44 (1912), S. 171178; Annual of the 
Palestine Exploration Fund I (1911), S. 4194; H (191213), S. 1100. 

2 ) Vgl. fur diese SchluBfolgerungen besonders C. Watzinger, Zur Chrono- 
logic der Schichten von Jericho, Zeitschr. der Deutschen Morgenl. Gesellsch., 
Neue Folge Bd. 5 (1926), S. 131136. 

3 ) Quarterly Statements of the Palestine Exploration Fund Nr. 62, S. 
123132. 



fast iiberall sehr haufig sind. Das einzige GefaB dieser Art, das 
kurz vor dem AbschluB der damaligen Grabung entdeckt wurde, 
lag auBerhalb der Stadt in einer Schicht, die den Untergang des 
Ortes bereits zur Voraussetzung hatte. Es war, wie er sich aus- 
driickt, em GefaB von bekanntem Typus 1 ), das nach dem Urteil 
von Spezialkennern in die Zeit von 1350 1200 fiihrt Die Stadt 
war also, wie sich hieraus zu ergeben schien, in der damaligen 
Zeit schon zerstort. Die Zerstorung erfolgte nach seiner Annahme 
um das Jahr 1400, als die mykenischen Tonwaren in Palastina noch 
keinen Eingang gefunden hatten 3 ). Garstang stieB aber bei dieser 
Datierung sofort auf den Widerspruch von P. Vincent, der den 
Einzug der Israeliten in die Zeit von etwa 1250 1200 verlegte und 
an diesem Ansatze trotz des auffallenden Ergebnisses noch fest- 
hielt 3 ). Das Zuriicktreten des mykenischen Tongutes erklarte sich 
nach seiner Auffassung schon aus der einsamen Lage des Ortes. 
Die Feststellungen erstreckten sich auBerdem nur auf einen be- 
scheidenen Teil der ganzen Anlage, so daB man die Folgerungen 
wirklich als verfruht bezeichnen konnte. Das Ergebnis blieb aber 
auch bei den weiteren Grabungen dasselbe. Die Scherben fiihrten 
stets wieder auf den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, und die 
Asche, die man iiberall vorfand, lieB auf den Untergang der Stadt 
durch eine gewaltige Feuersbrunst schlieBen. Im Jahre 1932 unter- 
suchte man zunachst die schon im Jahre 1931 bekannt gewordene 
Nekropole 4 ). Die Tonwaren und die Skarabaen, die sich in den 
Grabern vorfanden, reichen bis in die Zeit des Konigs Ameno- 
phis III. Es ergab sich also, daB die Begrabnisstatte bis zu diesem 
Zeitpunkt in Gebrauch war. Das ist gleichbedeutend mit der Fest- 
stellung, daB der Ort bis dahin bewohnt wurde. Die Unter- 
suchungen wurden dann fortgesetzt, brachten aber auch in den 
beiden folgenden Jahren noch keine restlos befriedigende Klarung. 
Professor Albright hielt auch nach der funften Grabungsperiode 
eine weitere Durchforschung des Hugels a further campaign or 
two noch fur wiinschenswert, um selbst zu einem abschlieBenden 
Urteil zu gelangen. Albright hatte die Zerstorung von Jericho bis 
zum Jahre 1922 in dieselbe Zeit verlegt wie P. Vincent, und sich 
dann aus archaologischen Griinden fur die Zeit von 1600 1500 
entschieden, weil die Erzeugnisse der jungeren Bronzezeit nach 



a ) ,,of well known type". 

2 ) ,,just before the infiltration of iMykenaean wares began". 

3 ) Revue Biblique, Bd. 39 (1930), S. 403433; Quarterly Statements of 
the Palestine Exploration Fund Nr. 63 (1931), S. 104107. Der Artikel in 
der Revue Biblique war schon am 1. Oktober 1929, also noch vor dem, Beginn 
der Grabung:, zum AbschluB gebracht. 

4 ) Bearbeitung der Funde (Jericho, City and Necropolis, von Garstang 
und seinen Mitarbeitern) in den Annals of Archaeology and Anthropology 
des Institute of Archaeology of the University of Liverpool, herausgegeben 
von T. P. Droop und T. E. Peet, Vol. XIX (1932), S. 3ff. und S. 35 ff., 
XX (1933), S. 3ff., XXI (1934), S. 99 if., XXII (1935), S. 143 ff. und XXHI 
(1936), S. 67 ff. 



240 

den deutschen Ausgrabungen in Jericho fast ganz zu fehlen 
schienen 1 ). In der Zeit von 1Q30 1933 hatte er aus den damaligen 
Feststellungen im ganzen dieselben SchluBfolgerungen gezogen wie 
Garstang. Er glaubte dann aber nach den Grabungen, die man in 
den Jahren 1933 und 1934 in Hai und in Bethel vornahm, wieder 
bis in das dreizehnte Jahrhundert herabgehen zu miissen, und ver- 
trat diese Auffassung besonders in einem Berichte, der im Dezember 
des Jahres 1934 im Bulletin of the American Schools of Oriental 
Research 2 ) erschien. Hierbei wagt er aber noch keine genaueren 
Festlegungen. Er beschrankt sich darauf, hervorzuheben, da8 die 
Zerstorungen ,,irgendwo im dreizehnten Jahrhundert" 3 ) erfolgten. 
In der folgenden Nummer 4 ) werden dann die Angaben aber sofort 
wieder zuriickhaltend. Die Studien hatten ihn wieder auf die Ver- 
haltnisse in Jericho gefuhrt, und er war durch den letzten Grabungs- 
bericht und durch personliche Besprechungen mit Garstang zu der 
Ueberzeugung gekommen, daB man den Untergang von Jericho 
nicht zu tief ansetzen darf. Das Datum von Garstang schien ihm 
zwar zu hoch zu sein; es war ihm aber ebenso klar, daB der Ansatz 
von P. Vincent in der zweiten Halfte des dreizehnten Jahrhunderts 
erheblich niedriger liegt als das Beweismaterial es gestattet 5 ). Er 
glaubte damals zum Ziele zu kommen, wenn er die Zerstorung von 
Bethel, die nach seiner Auffassung von dem Untergange von Hai 
nicht getrennt werden darf, in die erste Halfte des dreizehnten Jahr- 
hunderts verlegte. Der Ort war ebenso wie Jericho einer gewaltigen 
Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Der Ansatz war aber mit den 
Feststellungen, die sich aus den Funden von Jericho ergaben, 
immer noch nicht ganz in Einklang zu bringen. Es ist deshalb 
durchaus zu begreifen, daB er in der folgenden Nummer 8 ) noch 
einen weiteren Schritt tat und die spatere Datierung vollstandig 
wieder aufgab. Garstang hatte nach der Grabung im Jahre 1930, 
wie wir gesehen haben, zunachst den Standpunkt vertreten, daB die 
Zerstorung noch vor dem Eindringen der mykenischen Tonwaren 
stattf and. Dieser Standpunkt lieB sich aber nach der Durchforschung 
des Begrabnisplatzes nicht mehr aufrecht erhalten. Die Graber 
enthielten zwar keine mykenischen Importwaren; sie bargen aber 
schon vier verschiedene GefaBe, die sich bei genauerer Pruning als 
einheimische Nachahmungen erwiesen. Das macht fur die Datierung 
keinen Unterschied. Die Einfuhrung der mykenischen Tonwaren 
beschrankt sich aber auf die Zeit von etwa 1425 bis zum Ausgange 
des dreizehnten Jahrhunderts, wo sie durch das Vordringen der 



*) Annual of the American Schools of Oriental Research VI (1926), S. 53. 

2 ) Nr. 56, S. 911. 

3 ) ,,somewhere in the thirteenth century". 

4 ) Nr. 57, February 1935. 

5 ) ,,While Garstang's own date seems too high, it is just as clear that 
Vincent's date in the second half of the thirteenth century is considerably 
lower than the evidence justifies." A. a. O, S. 30. 

6 ) Nr. 58, April 1935, S. 10 ff. 



241 

Seevolker ihr Ende fand. Die Nachahmungen konnen also erst nach 
dem Jahre 1425 entstanden sein. Sie zeigen tins, daB der Begrabnis- 
platz noch bis iiber diese Zeit hinaus benutzt wurde, und gestatten 
also fiir den Untergang der Stadt wohl kaum einen Ansatz, der 
noch vor dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts liegt. Albright 
glaubt aber in seiner SchluBfolgerung noch etwas weiter gehen zu 
dtirfen und erblickt in dem Vorkommen dieser TongefaBe einen 
starken Beweisgrund 1 ) gegen eine Datiemng vor der Mitte dieses 
Jahrhunderts. Er entscheidet sich dann im Zusammenhange mit 
andern Erwagungen, die uns hier zu weit fiihren wiirden, fur die 
Zeit zwischen den Jahren 1360 und 1320. Dabei fiigt er aber aus- 
drucklich hinzu, daB es sich nur um das vierzehnte Jahrhundert 
handeln kann 2 ). 

Palastina stand damals unter der Oberhoheit von Agypten, die 
schon im Anfange des funfzehnten Jahrhunderts durch die erfolg- 
reichen Kriegsziige des Konigs Thutmosis III. begriindet war. 
Thutmosis war siegreich bis zum Euphrat vorgedrungen und hatte 
seinem Sohn und Nachfolger Amenophis II. ein Reich hinterlassen, 
das nach den Berichten iiber die Kriegserfolge noch die Gegend 
von Karkemisch umfaBte. Auf dem ersten Feldzuge, der in das 
23. JRegierungsjahr fallt, hatte er nach einer siegreichen Schlacht 
die Stadt Megiddo erobert und die Kleinfiirsten, die sich in der 
Stadt befanden, in seine Gewalt gebracht. Die Fiirsten batten sich 
vor ihm niedergeworfen und den Boden gekiiBt, um ,,Atem fiir ihre 
Nase" zu erbitten; sie waren aber nach Agypten gefiihrt und durch 
andere ersetzt worden 3 ). Auf dem sechsten Feldzuge, im 30. Jahre 
seiner Regierung, hatte er nach den vorhandenen Angaben in ahn- 
licher Weise die Stadte Kadesch, Simyra und Ardata erobert und 
,,die Kinder der Fiirsten und ihre Briider" ebenfalls fortgefiihrt 
Es hatte sich dann das Verhaltnis herausgebildet, das der Bericht- 
erstatter mit den Worten zum Ausdruck bringt: ,Jedesmal aber, 
wenn einer von diesen Fiirsten stirbt, laBt seine Majestat dessen 
Sohn an seine Stelle treten" 4 ). Die Konige von Agypten galten noch 
als die eigentlichen Herren des Landes; sie waren aber in der Regel 
zufrieden, wenn ihnen der Tribut entrichtet wurde, und machten 
sich im iibrigen wegen des Verhaltens und der Bestrebungen ihrer 
Vasallen nicht allzu viel Sorge. Wir erfahren dieses besonders aus 
den Briefen von El-Amarna, die uns durch ihre Angaben einen 
iiberraschenden Einblick in die Verhaltnisse zur Zeit des Konigs 
Amenophis III. und des Konigs Amenophis IV. gestatten. Amen- 
ophis III. regierte von etwa 1416 1380, Amenophis IV. von etwa 



1 ) ,,a strong- argument". 

2 ) ,,We should, therefore, date this event preferably between 1360 and 
1320 but in the fourteenth century, in any case." 

3 ) Breasted, Ancient Records of Egypt Vol. II 408443; GreBmann, 
Altorient. Texte zum Alten Testament, 2. Aufl. S. 83 ft 

4 ) Breasted, Records II 467; GreBmann S. 88. 

16 



242 

1360 bis kurz nach dem Jahre 1363 1 ). Die Texte 2 ) befinden sich 
jetzt bis auf etwa zehn Tafeln, die in Privatbesitz iibergingen, in 
den Museen von Berlin, London, Kairo, Oxford, Paris und Brussel. 
Sie wurden, soweit sie in Berlin und in Kairo aufbewahrt werden, 
in den Jahren 188990 zuerst von Hugo Winckler 3 ) und soweit 
sie sich in London befinden, im Jahre 1892 in Typendruck von 
C. Bezold 4 ) veroffentlicht. Die Tafeln des Museums zu Oxford 
wurden von Sayce 5 ) herausgegeben. Die erste deutsche Ueber- 
setzung, die trotz ihrer hohen Vorziige naturlich nicht sofort in 
allem befriedigen konnte, ist ebenfalls das Werk von H. Winckler 6 ). 
Sie wurde dann abgelost durch die mustergiiltige Bearbeitung von 
J. A. Knudtzon 7 ), die zugleich als die groBe Vorarbeit fiir die 
Neuherausgabe der Berliner Texte durch Otto Schroeder 8 ) zu be- 
trachten ist. Hierzu kamen dann als nachtragliche Erganzung noch 
sechs weitere Nummern, die im Jahre 1918 nach Paris gelangten 
und dort im Jahre 1922 von Thureau-Dangin 9 ) veroffentlicht 
wurden, und eine Tafel, die im Jahre 1933 nach dem Tode des 
friiheren Eigentiimers in den Besitz des Museums zu Brussel tiber- 
ging und jetzt in der Bearbeitung von Georges Dossin 10 ) vorliegt. 
Damit sind die Texte, soweit sie sich erhalten haben, wohl restlos 
erfaBt. Wir zitieren sie nach der Ausgabe von Knudtzon und nach 
den von Thureau-Dangin und von Georges Dossin angegebenen 
Nummern des Pariser und des Brusseler Museums"). 

Die Briefe, die von den Hofen der GroBkonige kommen, sind 
nicht nur als Privatschreiben, sondern in erster Linie als diplo- 
matische Aktenstiicke zu bewerten. Die Konige bezeichnen sich in 
diesen Zuschriften, bei denen die Ausdrucksweise durch das Her- 
kommen zum Teil genau festgelegt war, regelmaBig als ,,Brtider". 
Diese Bezeichnung soil nach ihrer Auffassung nicht nur den Rang, 
sondern vor allem auch das Verhaltnis ausdriicken, das zwischen 
dem Empfanger und dem Absender besonders gepflegt werden muB. 
Sie findet sich zunachst in der Einleitung, die nach alter Sitte 12 ) 
stets die an den Schreiber des Empf angers gerichtete Bitte enthalt: 
,,Zu NN., dem Konige des Landes NN., meinem Bruder, sprich: 



J ) Er mindestens 17 Jahre regiert. 

2 ) S. oben S. 4. 

3 ) Der Thoritafelfund von el Amiatrua, in den Mitteilungen aus den orien- 
lalischen Sammlungen 1 der Koniglkhen Museen zu B'erlin, Heft 1 3. 

*) The Tell El-Amarna Tablets in the British Museum. 

5 ) bei Flinders Petrie, Tell el Aamiarna, London 1894. 

6 ) Die Thontaieln von Tell-El-Amarna, in der Keilinschriftl. Bibliothek, 
herausgeg. von Eberhard Schrader, Bd. V, Berlin 1896. 

7 ) Die El-Amaoma-Tafeln, in der Vorderasiait. Bibliothek, 2. Stuck, Leipzig 
19071915. 

8 ) Die Tontaieln von El-Amarna, Vorderasiat. Schriftdenkmaler der 
Koniglichen Museen zu Berlin, Heft XI XII. 

9 ) Revue d'Assyriologie, Vol. XIX, S. 91 ff. 

10 ) Revue d'Assyriologie, Vol. XXXI, S. 125 ff. 
") AO 70937098 und E 6753. 
12 ) Vgl. schon oben S. 188189. 



Also sagt NN., der Konig des Landes NN., dein Bruder." Das 
erste, was der Bruder dann mitzuteilen hat, 1st in der Regel die 
Versicherung, daB es ihm gut geht, und der Ausdruck des 
Wunsches, daB dieses auch beim Empfanger der Fall sein moge. 
So schreibt z. B. der Konig Burnaburiasch von Babylon: ,,Mir 
geht es wohl. Dir, deinem Lande, deinem Hause, deinen Frauen, 
deinen Kindern, deinen GroBen, deinen Pferden, deinen Wagen, 
moge es wohlergehen in hohem MaBe" (Knudtzon 8, 4 7), und in 
einem andern Briefe: ,,Mir und meinem Hause, meinen Pferden und 
meinen Wagen, meinen GroBen und meinem Lande geht es wohl 
in hohem MaBe. Meinem Bruder und seinem Hause, seinen Pferden 
und seinen Wagen, seinen GroBen und seinem Lande, moge es 
wohlergehen in hohem MaBe" (7, 4 7). Die Ausdriicke sind hier 
fast immer dieselben; nur ist die Aufeinanderfolge ttnd auch die 
Zahl der Hervorhebungen nach der Eigenart und der personlichen 
Neigung der Schreiber verschieden. Es ist aber beachtenswert, daB 
der Hinweis auf die Wagen und die Pferde des Bruders in diesem 
Zusammenhange niemals fehlt. Der Absender spricht dann auch 
im weiteren Verlaufe des Briefes noch gern von der Notwendigkeit, 
nun wirklich als Bruder miteinander zu verkehren, und glaubt dabei 
stets hervorheben zu dtirfen, daB das beste Mittel zur Forderung 
dieser Freundschaft ein passendes Geschenk ist. ,,Wie du und mein 
Vater", so erklart z. B. der genannte Burnaburiasch, ,,friiher gute 
Freunde miteinander waren, so jetzt ich und du miteinander. 
Zwischen uns soil etwas anderes gar nicht eintreten. Was du in 
meinem Lande begehrst, schreibe doch, daB man es dir bringe, und 
was ich in deinem Lande begehre, will ich schreiben, daB man es 
mir bringe" (6, 8 ff .). Und ebenso heifit es in einem andern Briefe 
von ihm : ,,Seit mein Vater und dein Vater miteinander iiber gute 
Freundschaft redeten, ubersandten sie einander schone Geschenke, 
und etwas Schones, was erbeten wurde ? versagten sie einander 
nicht" (9, 7 ff .). Eine solche Freigebigkeit ist nach seiner Auffassung 
unbedingt notwendig. ,,Unter Konigen ist Briiderschaft und gute 
Freundschaft, Bundesgenossenschaft und schones Verhaltnis, wenn 
schwer ist das edle Gestein, schwer das Silber und schwer das 
Gold" (11 R. 22 f.). Auf diesem Standpunkte steht auch der 
Chethiterkonig Subbiluliuma. Er hat in Erfahrung gebracht, daB in 
Agypten ein Thronwechsel stattgefunden, und spricht nun die Er- 
wartung aus, daB die bisherigen Beziehungen ihren Fortgang 
nehmen. ,,Jetzt bist du, mein Bruder, auf den Thron deines Vaters 
hinaufgestiegen, und so wie dein Vater und ich Geschenke unter 
uns begehrten, ebenso wollen jetzt auch du und ich unter uns 
gute Freunde sein" (41, 16ff.). Und daB man in Assyrien denselben 
Gedanken vertrat, e^gibt sich aus der Bemerkung des Assuruballit: 
,,Wenn gute Freundschaft aufrichtig deine Absicht ist, dann schicke 
viel Gold" (16, 32 f.). Man machte von dem Rechte, dem koniglichen 
Bruder solche Bitten vorzutragen, in weitestem Umfange Gebrauch. 
Mitunter fugte man auch eine nahere Begriindung hinzu. Der 

16* 



244 

Konig von Assyrien bedarf des Goldes, well er zufalligerweise 
gerade mit dem Bau eines Palastes beschaftigt 1st, den er gern ent- 
sprechend verzieren mochte. In Agypten 1st Gold nach seiner Auf- 
fassung so haufig wie Staub. Zudem erinnert er sich, daB sowohl 
seinem Vater als auch dem Konige von tJanihalbat fruher einmal 
zwanzig Talente geschickt worden sind. Er vergleicht sich dann 
selbst in irgendeiner Weise 1 ) mit dem Konige von tJanihalbat und 
begreift es nicht, daB man ihm bisher nur so wenig ubersandt hat 
(16, 13 ff.). Fast in derselben Lage befindet sich Kadasman-yarbe 
von Babylon. Er hat ebenfalls ein ,,Werk" unternommen, zu dem 
er des Goldes bedarf, und aus diesem Grunde schon einmal an 
den Konig von Agypten geschrieben, aber der konigliche Bruder 
hat seiner Bitte bisher noch nicht entsprochen. Darum wird er jetzt 
besonders eindringlich. ,,Und was das Gold angeht, von dem ich 

dir geschrieben habe, so iibersende mir alles Gold, was , vieles, 

noch eher als dein Bote zu mir kommt, jetzt eilends, wahrend 
dieser Ernte, sei es im Tammuz, sei es im Ab, damit ich das Werk, 
das ich in Angriff genommen habe, zur Ausfuhrung bringe! Wenn 
du in dieser Ernte, im Tammuz oder Ab, das Gold, von dem ich dir 
geschrieben habe, iibersendest, werde ich dir meine Tochter geben. 

Darum iibersende Wenn du aber im Tammuz oder Ab 

das Gold nicht iibersendest und ich somit das Werk, das ich in 
Angriff genommen habe, nicht ausfiihren kann, wozu sollst du es 
dann noch iibersenden? Sobald ich das Werk, das ich in An- 
griff genommen, ausgefuhrt habe, wozu sollte ich dann noch des 
Goldes bediirfen? Fiirwahr, iibersende dann 3000 Talente, ich 
wiirde sie nicht annehmen, sondern sie dir zuriickschicken, und 
meine Tochter wiirde ich dir nicht zur Heirat geben" (4, 36 ff.). 
Burnaburiasch mochte gem einen Tempel ausstatten. Es handelt 
sich um ein umfangreiches Unternehmen, so daB die zwei Minen, 
die er schon bekommen hat, dafur durchaus nicht genugen. Sein 
Vater hat fruher viel mehr erhalten. Deshalb moge man auch ihm 
jetzt moglichst viel. schicken, wo moglich ebenso viel wie seinem 
Vater. Falls aber nur weniges vorhanden ist, erklart er sich auch 
mit der Halfte zufrieden (9, 1 1 ff.). In einem andern Briefe gibt er 
ebenso, wie wir es bei Kadasman-yarbe gefunden haben, zugleich 
einen bestimmten Termin an. ,,Viel Gold aus deinem Lande moge 

man bringen ; man moge es bringen bis zum SchluB dieses 

Jahres, damit ich eilends mem Werk durchfiihren kann" (11 R. 
28 ff.). Ein solches Drangen war allerdings nicht unbegriindet. 
Denn es kam vor, daB die Boten jahrelang warten muBten, bis ein 
entsprechendes Geschenk zusammengebracht war. So beklagt sich 
z. B. gerade der erwahnte Kadasman-yarbe, indem er sich in der 
iiblichen Weise der guten alten Zeiten erinnert: ,,Fruher schickte 
dir mein Vater einen Boten, und nicht hieltest du ihn viele Tage 
zuriick; eilends lieBest du ihn hier anlangen, und ein schones Ge- 



Die Zeilen sind hier am Anfaiige zerstort. 



245 

schenk iibersandtest du meinem Vater. Jetzt aber, wo ich dir einen 
Boten geschickt habe, hast du ihn sechs Jahre zuriickbehalten, und 
fiir diese sechs Jahre hast du nur dreiBig Minen Goldes, das auBer- 
dem noch wie Silber 1st, zum Geschenke fur mich iibersandt. Man 
hat das Gold vor den Augen deines Boten Kasi geprtift, und dieser 
hat sich davon uberzeugt" (3, 9ff.). 

Der Empfanger 1st hier nicht nur mit dem Umfange der Sendung, 
sondern vor allem auch mit der Beschaffenheit des erhaltenen 
Goldes hochst unzufrieden. Was man erwartete, war ,,schones Gold 
in groBer Menge" (7, 64). Die Ahnlichkeit mit Silber entsprach also 
durchaus nicht den zu stellenden Anforderungen. Dagegen ist es 
nach dem Zusammenhange als das hochste Lob aufzufassen, wenn 
Tusratta, der Konig von Mitanni, von einer goldenen Platte spricht, 
die wie legiertes Kupfer aussah (19,38). Eine solche Tafel ist friiher 
seinem Vater zugeschickt worden. Er hoffte deshalb etwas Ahn- 
liches zu bekommen; denn auch er ist nach seiner wiederholten 
Versicherung davon uberzeugt, daB im Lande seines Bruders Gold 
in Menge vorhanden ist wie Staub (19,61; 20,52; 26, 41 f. u. 6.). 
Aber was ihm iiberbracht wurde, kann in Wirklichkeit gar nicht als 
Gold bezeichnet werden. Die Sendung war richtig versiegelt. Als 
sie dann geoffnet wurde, muBten selbst die Boten des Konigs ge- 
stehen: ,,Dieses alles ist kein Gold". Und ,,sie weinten in hohem 
Grade" (20,46ff.)- 

Man kann es dem Empfanger nicht allzu sehr verargen, daB 
er sich bei dieser Gelegenheit zu AuBerungen hinreiBen lieB, die 
fiir den koniglichen Bruder nicht gerade schmeichelhaft waren. Das 
scheint ihm nachher allerdings leid getan zu haben. Denn er halt 
es fur angebracht, sich wegen dieses Vorkommnisses zu ent- 
schuldigen. ,,Mein Bruder wird mich in seinem Herzen festhalten, 
wenn auch mein Herz irgendwie verletzt gewesen ist, und nicht 
mogen sie die Herzen * jemals voneinander gelost werden. 
Tesup, mein Gott, moge mich nicht so leiten, daB ich mit meinem 
Bruder in Zorn gerate" (20, 60 ff.). Der Konig von Babylon ist bei 
einer ahnlichen Gelegenheit jedenfalls vorsichtiger gewesen. Da 
die Geschenke durch viele Hande gingen, rechnet er mit der M6g- 
lichkeit, daB die Beamten sich verfehlt haben. Er gestattet sich des- 
halb die fiir den Empfanger wohl nicht so ganz eindeutige Bitte, 
den Beamten etwas mehr auf die Finger zu sehen. ,,Das Gold aber, 
das mein Bruder iibersenden wird, wolle mein Bruder keinem 
Beamten iiberlassen. Die Augen meines Bruders mogen selbst zu- 
sehen, und mein Bruder moge es versiegeln und so iibersenden. 
Weil mein Bruder das friihere Gold, das mein Bruder iibersandte, 
nicht selbst besah, sondern ein Beamter meines Bruders es ver- 
siegelte und iibersandte, so kam, als ich die vierzig Minen, die sie 
brachten, in den Schmelzofen legte, Vollwertiges 1 ) nicht heraus" 
(7, 66 ff .). Diese Bitte scheint jedoch keinen Erfolg gehabt zu haben. 



*) Ass. aarrumroa. 162,20 wird dieses Wort auch von 'den Aagaben 
eines Briefes gebraucht Es stehl dort m Parallele mit kinu = wahr. 



246 

Denn in einem andern Briefe, der aus zwingenden Griinden als 
jiinger anzusehen 1st, sagt derselbe Veriasser von einer spateren 
Sendung: ,,Was den Boten betrifft, den du geschickt hast, so waren 
die zwanzig Minen Goldes, die er brachte, nicht voll; denn als man 
es in den Ofen legte, karaen nicht einmal fiinf Minen heraus" 
(10,18ff.). 

Auch kostbare, schon gearbeitete Mobel und Hausgerate waren 
mitunter sehr willkommen, besonders wenn man z. B. einen neuen 
Palast auszustatten hatte. Als Amenophis III. von den baulichen 
Unternehmungen des Kadasman-^arbe erfuhr, schickte er ihm vier 
Bettgestelle, eine Sanfte (?), zehn verschiedene Sessel und zehn 
offenbar zu diesen Sesseln gehorige FuBschemel. Diese Mobelstiicke 
wiesen mit Aiasnahme der FuBschemel samtlich einen reichen 
Schmuck an Edeimetall auf; es waren im ganzen sieben Minen und 
neun Schekel Gold, sowie eine Mine und acht einhalb Schekel 
Silber zur Verwendung gekommen. Eins von den Bettgestellen war 
auBerdem noch mit Elfenbein geschmiickt (5, 13 ff.). 

Ebenso wurden eigentliche Kunstwerke gern entgegen- 
genommen; nur gait auch hier wieder als notwendige Voraus- 
setzung, dafi sie aus moglichst kostbarem Material hergestellt 
waren. Subbiluliuma, der Konig des Chattilandes, wunschte sich 
,,zwei Bilder aus Gold eines moge stehen und eines moge sitzen 
und zwei Bilder von Frauen aus Silber". Er hatte dieserhalb 
schon an Amenophis III. geschrieben und glaubte seine Bitte dann 
nach dem Thronwechsel, der inzwischen erfolgt war, wiederholen 
zu diirfen (41, 23 ff). In derselben Weise hatte sich auch der Konig 
von Mitanni zwei goldene Bilder von Amenophis III. ausbedungen, 
das eine fur sich selbst, wie er sich ausdruckt, und ein zweites als 
Portrait seiner Tochter Daduhepa, die er dem Konige von Agypten 
zur Frau gegeben hatte. Seine Boten hatten angeblich sogar das 
Gold gesehen, das fur diese Bilder bestimmt war, und sich von der 
Herstellung personlich uberzeugt. Aber bevor das Geschenk iiber- 
reicht werden konnte, war Amenophis III. gestorben. Da schickte 
der Konig Amenophis IV. start der massiven Ausfuhrung zwei 
Figuren aus Holz, die mit Gold iiberzogen waren. Das hat der 
Empfanger seinem koniglichen Bruder allerdings niemals verziehen 
(26,33ff.; 27, 19 ff. u. 6.). 

Eine besondere Vorliebe scheint man fur kunstlerische Wieder- 
gaben aus dem Leben der Natur gehabt zu haben. Kadasman- 
Harbe erinnert daran, daB er schon einmal um Darstellungen aus 
der Tierwelt geschrieben hat, und bittet diese jetzt heriiberzu- 
schicken (4,35). Burnaburiasch spricht an einer Stelle, die leider 
zum Teil zerstort ist, von Wildochsen und Wildkuhen und fahrt 
sodann fort: ,,Tiere, sei es des Landes, sei es des Flusses, moge 
man anfertigen nach der Gestalt von lebendigen; die Haut moge 
man machen wie bei lebendigen. Dein Bote moge sie bringen. 
Wenn aber noch alte, bereits fertige, vorhanden sind, wenn Sindi- 
sugab, mem Bote, bei dir eintrifft, dann mogen Wagen sie eiligst 



247 

aufnehmen und zu mir gelangen. Und neue fur die Zukunft moge 
man anfertigen, und wenn mein Bote und dein Bote von dir ab- 
reisen, mogen sie miteinander diese bringen" (10, 29 ff.). In ahn- 
licher Weise auBert er sich in einem zweiten Briefe, der allerdings 
ebenfalls an dieser Stelle nur liickenhaft erhalten ist. ,,Wenn voll- 

standige alte vorhanden sind, dann ; wenn alte nicht vor- 

handen sind, dann moge man neue anfertigen. Uebersende sie durch 
Salmu, den Kaufmann! Wenn aber Salmu, der Kaufmann, schon 
fortgezogen ist, dann moge dein Bote, aer kommen wird, sie 
bringen". AuBerdem bittet er in den folgenden Zeilen um bemalte 
Schnitzereien aus Elfenbein, und zwar um Darstellungen aus der 
Pflanzenwelt, die durch Farbe der Wirklichkeit moglichst nahe 
gebracht sind. ,,Baume aus Elfenbein moge man anfertigen und 
farben; Pflanzen des Feldes, die einander gleich sind, moge man 
aus Elfenbein anfertigen und farben und sie mir bringen" (11 R. 5ff.). 

Als Gegengeschenke lassen die bisher erwahnten Konige durch- 
weg einige Minen Lasurstein und mehrere Kriegswagen und Pferde 
uberbringen. Sie sind aber auch ihrefseits mit ihren Gaben allem 
Anscheine nach sehr zuriickhaltend. Dabei findet man besonders in 
den Briefen des Burnaburiasch an mehreren Stellen eine wohliiber- 
legte Entschuldigung. In einem Schreiben, das offenbar dem An- 
fange seiner Regierung angehort, beruft er sich auf die Trockenheit 
und die sonstigen Schwierigkeiten der Witterung und des Weges. 
,,Weil man gesagt hat, der Weg sei beschwerlich, Wasser sei nicht 
mehr vorhanden und das Wetter sei heiB, so habe ich dir nicht 
viele schone Geschenke iibersandt. Nur vier Minen schonen Lasur- 
steins habe ich als Handgeschenk meinem Bruder geschickt, und 
fiinf Gespanne von Pferden. Wenn aber das Wetter gut wird, dann 
wird mein kiinf tiger Bote, der abgehen soil, viele schone Geschenke 
meinem Bruder uberbringen, und alles, was mein Bruder begehrt, 
moge mein Bruder schreiben. Aus ihren Hausern sollen die Leute 
es fur ihn holen" (7, 53 ff.). Man sollte nun erwarten, daB in einem 
der folgenden Briefe nach diesen Zusicherungen auch wirklich ein- 
mal von einer groBeren Sendung die Rede ware. Das ist aber 
nirgendwo der Fall. Dagegen stoBen wir schon bald auf eine 
andere Entschuldigung. Er beschwert sich dort iiber das Ver- 
halten des Konigs von Agypten, der schon dreimal einen Boten 
geschickt, aber noch niemals etwas Wertvolles iibersandt hat. Des- 
halb ist er auch seinerseits, wie er meint, zu einer groBeren Gabe 
nicht verpflichtet. Das Gold, das der Bote ihm gebracht hat, war 
nur eine minderwertige Legierung, die bei der Scheidung im 
Schmelzofen, wie oben schon gesagt wurde, trotz des Gewichtes 
von zwanzig Talenten in Wirklichkeit noch keine fiinf Talente ergab 
(10, 12 ff.). Bei einer andern Gelegenheit halt er es fur angebracht, 
aus besonderen Griinden etwas fur die ,,Herrin des Hauses" bei- 
zufiigen. Er ist aber der Meinung, daB ,,zwanzig Siegelringe aus 
schonem Lasurstein" geniigen, weil er in keiner Weise fiir irgend- 
eine Aufmerksamkeit zu danken hat (11 R. 25 ff.). 



248 

Der anspruchslose, sympathische Konig von Cypern bittet in der 
Regel nicht urn Gold, sondern urn Silber (35, 19 ff. 43 f.; 37, 18). 
Nur eirnnal wiinscht er sich ein Bettgestell mit goldenem Schmuck 
und einen mit Gold verzierten Wagen (34,201) AuBerdem bittet 
er urn Kleiderstoffe, gutes Ol (34,22ff.; 35,24f.) und ,,einen Mann, 
der die Adler befragt" (35,26). Er schickt dann als Gegengabe 
besonders Kupfer (33, 15 ff.; 34, 16 ff. u. 6.), und zwar gewohnlich 
in reichlichem MaBe. Als es ihm ausnahmsweise nicht moglich 
war, weil der Pestgott das Volk heimgesucht hatte, bat er aus- 
driicklich um Entschuldigung. ,,DaB das Kupfer wenig ist, moge 
dein Herz nicht verletzen. Denn in meinem Lande hat die Hand 
Nergals, meines Herrn, alle Menschen meines Landes getotet, und 
niemand ist da, der Kupfer bereitet" (35, 12ff.) Ebenso spricht er 
in einem andern Zusammenhange sein Bedauern daruber aus, daB 
er dem Wunsche des koniglichen Binders nicht eher entsprechen 
konnte. ,,Es moge dein Herz nicht verletzen, daB dein Bote drei 
Jahre in meinem Lande geblieben ist. Denn die Hand Nergals ist 
in meinem Lande und in meinem Hause; meine Gattin besaB einen 
Sohn, der jetzt gestorben ist" (35, 35 ff.). 

Merkwurdigerweise verschweigt er in seinen Briefen sowohl 
seinen eigenen Namen als auch den Namen des Empfangers. Der 
yerkehr war also rein sachlich. Er hat das Bestreben, sich an 
Agypten moglichst enge anzuschlieBen, und sieht es nur ungern, 
daB auch die Ftirsten des benachbarten Festlandes ihre Boten dort- 
hinschicken. Deshalb halt er es nicht fur uberfliissig, vor diesen 
Beziehungen mit besonderem Nachdruck zu warnen. ,,Mit dem 
Konige von Chatti und dem Konige von Sanhar tritt nicht in Ver- 
bindung! Was meine 'Person anbetrifft, so habe ich, was auch 
immer mein Bruder an Geschenken mir ubersandt hat, dieses zwei- 
fach dir wiedererstattet" (35, 49 ff .). Durch dieses Verhalten hat er 
nach seiner Auffassung offenbar viel eher ein Anrecht auf die 
Freundschaft des Konigs von Agypten erworben als irgend ein 
anderer. 

Auch die iibrigen Konige der damaligen Zeit hatten fur den 
diplomatischen Verkehr ihrer Rivalen und Gegner ein wachsames 
Auge. Wie wir soeben schon beobachtet haben, war man in 
Assyrien genau iiber die GroBe des Geschenkes unterrichtet, das 
der friihere Konig von Agypten an den Fiirsten von yanihalbat 
geschickt hatte. Ebenso wenig entging es dem Konige von Babylon, 
daB Amenophis IV. die Boten des Konigs von Assyrien empfing. 
Das war nach seiner Auffassung ein Eingriff in die bestehenden 
Rechte, weil Assyrien noch immer als babylonischer Vasallenstaat 
angesehen wurde. Er glaubt deshalb Einspruch dagegen erheben 
zu miissen und bringt die Erwartung zum Ausdruck, daB der 
agyptische Konig sich mit den Gesandten in keiner Weise mehr 
einlaBt. ,,Wenn du mien lieb hast, dann mogen sie irgendwelche 
Geschafte nicht machen; mit leeren Handen mogen sie wieder ein- 
treffen" (9, 3 If.). 



- 249 

Man konnte jedocfa in seinem Forschungstriebe mitunter auch 
zu weit gehen. Der Konig Amenophis III. hatte es gewagt, den 
Boten des Kadasman-Jarbe nach den Soldaten seines tierrn zu 
fragen. Hiermit war Kadasman-yarbe durchaus nicht einverstanden. 
Er beschwerte sich dariiber und veranlaBte dadurch semen Bruder 
zu einer Erwiderung, die ganz den Stempel einer etwas kindlichen 
Ausrede tragt. ,,Ob Krieger vorhanden sind oder nicht, das hat 
er selbst mir mitgeteilt. Weshalb sollte ich ihn auch fragen, ob 
Krieger vorhanden sind, die dir gehoren, oder ob Pferde vorhanden 
sind, die dir gehoren? fiore doch nicht auf diese deine Boten, deren 
Mund gehassig ist" (1, 82 ff.). 

Dagegen gait es als selbstverstandlich, daB man sich in freund- 
schaftlicher Weise nach den Angelegenheiten rein personlicher 
Natur erkundigte. Es wurde z. B. fast als eine Beleidigung emp- 
funden, wenn man zufallig nicht wuBte, daB der Bruder erkrankt 
war. Sobald man Kenntnis davon erhielt, war man verpflichtet, 
wo moglich eine Gesandtschaft zu schicken und den Kranken zu 
trosten. Als eine solche Aufmerksamkeit einmal bei einem langeren 
Unwohlsein des Burnaburiasch von Amenophis IV. unterlassen 
wurde, war er dariiber nach seinem eigenen Gestandnis sehr un- 
gehalten. ,,Ich lieB meinen Zorn tiber meinen Bruder losbrechen 
und sprach: DaB ich krank bin, sollte mein Bruder nicht gehort 
haben? Warum hat er doch mein Haupt nicht erhoben? Warum 
hat er seinen Boten nicht geschickt und nicht zugesehen?" Erst die 
Versicherung, daB dieses wegen der weiten Entfernung noch nicht 
moglich gewesen war, konnte ihn nach seiner eigenen Angabe vor- 
laufig wieder beruhigen (7, 8 ff.). 

Ebenso verlangte es die Internationale Hoflichkeit, daB man sich 
bei den Festen vertreten liefi, die von einem befreundeten Fiirsten 
veranstaltet wurden. Dabei scheint man es aber wenigstens in 
Agypten durchaus nicht immer fiir notwendig gehalten zu haben, 
zu einer derartigen Feier besonders einzuladen. Wer zufallig davon 
erfuhr, durfte sich in der iiblichen Weise beteiligen; wer dieses 
unterlieB, muBte mit der Moglichkeit rechnen, seinen Bruder da- 
durch ernstlich zu verletzen. Als der Konig von Cypern einmal 
auf ein solches Versaumnis in aller Form aufmerksam gemacht 
wurde, hielt er es nicht fiir uberfliissig, sich ausdriicklich zu ent- 
schuldigen und durch seinen Boten zugleich ein entsprechendes 
Geschenk iiberreichen zu lassen. ,,Wenn du an mich geschrieben 
hast: Warum hast du deinen Boten nicht zu mir gesandt? so 
muB ich erwidern: Ich hatte gar nicht gehort, daB du ein Opferfest 
begingest. Darum fiihle dich nicht verletzt in deinem Herzen! Nach- 
dem ich es jetzt vernommen habe, schicke ich meinen Boten zu dir, 
und durch meinen Boten schicke ich dir hundert Talente Kupfer" 
(34, 7ff.). Der Konig von Babylon hatte von seiner Stellung und 
seinen Rechten allerdings eine andere Auffassung. Er wiinschte bei 
solchen Anlassen gebuhrend in Kenntnis gesetzt zu werden und 
empfand es als eine Beleidigung, wenn dieses unterblieb. Auch 



250 

glaubte er ein Anrecht auf ein besonderes Gastgeschenk zu haben. 
,,Als du ein groBes Fest veranstaltetest, schicktest du nicht deinen 
Boten mit dem Bescheide: Komm doch, iB und trink, und ein Fest- 
geschenk iibersandtest du nicht. Die dreiBig Minen Goldes, die 

du iibersandt hast, sind ein Geschenk, das *)". Zu dieser 

Beschwerde ist er um so eher berechtigt, als er sich selbst in einem 
ahnlichen Falle nach seiner eigenen Ueberzeugung geradezu muster- 
haft benommen hatte. Er hebt deshalb ausdriicklich hervor, wie 
er semen Verpflichtungen damals im einzelnen nachgekommen ist. 
,,Siehe", so schreibt er, ,,was ich getan habe. Ein groBes [Fest 2 )] 
habe ich in [meinem Hause] veranstaltet. Deine Boten haben zu- 
gesehen. Am Eingange des Hauses lieB ich die Aufforderung an- 
bringen: Komm doch, iB mit mir und trink! Nicht habe ich getan, 
was du getan hast. 25 Manner und 25 Frauen, zusammen 50 Per- 
sonen, habe ich [dir zum Geschenke 3 )] iibersandt" (3, 18ff.). 

Fur ein derartiges Verschenken von Sklaven an den befreundeten 
Herrscher eines andern Landes finden wir in den Briefen noch zwei 
andere Beispiele. Der Konig Tusratta von Mitanni schickte dem 
Konige Amenophis III. einmal auBer den sonst iiblichen Gaben 
,,einen Wagen, zwei Pferde und einen Jungling und eine Jungfrau 
aus der Beute des Chattilandes" (17, 36 ff.). Ein anderes Mai be- 
richtet er iiber die Entsendung von dreiBig jungen Madchen, die 
dem koniglichen Binder fiir den Harem zur Verfugung gestellt 
werden (19, 85). 

Tusratta bezeichnet in diesem Briefe den Konig von Agypten 
als seinen Schwiegersohn, der ihn liebt, und sich selbst als den 
Schwiegervater, der den Schwiegersohn ebenfalls liebt. Amenophis 
hat ihn namlich durch einen Boten um seine Tochter gebeten, die 
er zur Herrin von Agypten machen will, und er hat auch seinerseits 
schon zugesagt. Die Uebersendung hat allerdings noch nicht statt- 
gefunden; sie soil aber, wie es scheint, in kiirzester Zeit erfolgen. 
Ebenso war auch die Schwester des Tusratta schon seit einer Reihe 
von Jahren mit dem Konige von Agypten verheiratet. Der Brief 
setzt voraus, daB sie damals noch lebte. Denn Tusratta bringt in 
der Einleitung noch fiir seine Schwester, wie es dort heiBt, und 
fiir die iibrigen Frauen des Konigs seine besonderen Wunsche zum 
Ausdruck. Wir stehen hier also vor derTatsache, daB Amenophis III. 
in den letzten Jahren seines Lebens nicht nur die Schwester, sondern 
auch die Tochter des Tusratta zur Frau hatte. Die Tochter tritt 
uns dann in den spateren Briefen als die Gemahlin des Konigs 
Amenophis IV. entgegen. Amenophis IV. erscheint in diesen Briefen 
ebenso, wie es friiher bei Amenophis III. der Fall war, als der 
geliebte Schwiegersohn des Tusratta, und die Tochter wird in 
einem Schreiben an die Mutter des Konigs Amenophis IV., die 
einfluBreiche und auch sonst in den Briefen des Tusratta so oft er- 



*) Der Text ist hier teilweise zerstort. 
2 ) [a-ki-ta r]a-bi-ta. 

So ana sulmanika naeh andern Stellen zu erganzen. 



3 



251 

wahnte Konigin Teje, von dem besorgten Vater als deren Schwieger- 
tochter bezeichnet. 

Auch Kadasman-yarbe, der Konig von Babylon, 1st mit Ameno- 
phis III. personlich verschwagert; er beklagt sich aber, daB er 
iiber das Schicksal seiner Schwester keine befriedigende Auskunft 
erhalten kann. Er weiB nicht einmal, ob sie noch lebt oder schon 
gestorben 1st. Als seine Boten sich nach ihr erkundigten, hat 
Amenophis sich darauf beschrankt, seine Frauen zusammenzurufen 
und auf eine von ihnen hinzuweisen mit der Erklarung: ,,Sehet eure 
Herrin, die da vor euch steht." Keiner von den Boten hat sie er- 
kannt; niemand hat Gelegenheit gehabt, sich mit ihr selbst zu unter- 
halten, einen GruB von ihr zu iiberbringen, ihre Wohnung zu sehen 
und einen Einblick in ihr Verhaltnis zum Konige zu gewinnen. Die 
Person, die ihnen gezeigt wurde, kann ebensogut die Tochter eines 
Muskenu 1 ) oder eine Frau aus dem Lande der Gagaer, atis Hani- 
halbat oder aus dem Gebiete von Ugarit gewesen sein (1, lOff.). 

Die Vorhaltungen sind allerdings in dem Zusammenhange, in 
dem sie uns begegnen, wohl kaum so tragisch zu nehmen, wie man 
im ersten Augenblicke vermuten konnte. Sie erfolgen namlich nicht 
etwa mit Rucksicht auf die Schwester, sondern lediglich als vor- 
laufige Einwendung gegen einen weiteren Heiratsplan, den Ameno- 
phis ins Auge gefaBt hatte. Er hatte durch seine Boten ebenfalls 
noch um eine Tochter des Kadasman-yarbe gebeten, so daB sich 
hier dieselbe Verbindung ergeben muBte, wie sie nach dem Ge- 
sagten mit dem Konige von Mitanni zustande kam. Man pflegte 
aber einem Antrage nur in den seltensten Fallen sofort zu ent- 
sprechen. Artatama, der GroBvater des Tusratta, hatte seine Tochter 
dem Vater des Konigs Amenophis III. erst gegeben, als dieser zum 
siebten Male durch besondere Boten darum bat; Amenophis III., 
hatte die Schwester des Tusratta erhalten, nachdern er den Suttarna, 
den Vater des Tusratta, sechsmal darum gebeten hatte. Die Bereit- 
willigkeit, die Tusratta selbst bei der Verheiratung seiner Tochter 
gezeigt hatte, war nach seiner Auffassung ein auBergewohnliches 
Entgegenkommen, das er als ein besonderes Zeichen seiner Freund- 
schaft hervorhebt (29, 16ff.). In der Regel gingen also langere 
Verhandlungen vorauf, die durchaus nicht immer zum Ziele fiihrten. 
Eine der groBten Schwierigkeiten lag in der merkwurdigen Tat- 
sache, daB die Konige von Agypten sich niemals entschlieBen 
konnten, auch ihrerseits einem auslandischen Fiirsten eine von ihren 
Tochtern als Gattin zu (iberlassen. Als Kadasman-Hfarbe dem 
Amenophis statt der einseitigen Verschwagerung eine Wechselheirat 
vorschlug, begrundete dieser seinen ablehnenden Standpunkt mit 
der Erklarung: ,,Von alters her ist eine Konigstochter von Agypten 
an niemanden gegeben worden." Aber Kadasman-yarbe war in 
der Sache nicht engherzig. Es kam ihm weniger auf die Person 
als auf den auBeren Schein an. Darum schrieb er kurzerhand 



Vgl. oben S. 199. 



252 

zuriick: ,,Erwachsene schone junge Madchen sind sicher vorhanden. 
Schicke deshalb irgendein schones Madchen nach deinem Sinne! 
Wer wird dann behaupten wollen: Das ist keine Konigstochter?" 
AIs Amenophis auch hierauf nicht einging, wurde schlieBlich als 
einzige Gegenleistung, wie wir oben schon gesehen haben, nur die 
sofortige Zusendung einer groBeren Goldmenge verlangt (4, 6ff. 
36 ff .). Diese sollte jetzt einen Teil des zu entrichtenden Brautpreises 
bilden. 

Der Brautpreis bestand aber nicht etwa bloB aus sorgfaltig 
abgewogenem Edelmetall, sondern vor allem auch aus mannig- 
faltigen Wertgegenstanden, so daB sich in der auBeren Form genau 
dasselbe Geprage ergibt, wie wir es bei den ublichen Geschenken 
beobachtet haben. Wieweit die Einzelheiten bei den Verhandlungen 
vorher festgelegt wurden, entzieht sich iiberall unserer Kennmis. 
Es scheint jedoch, daB man bei solchen Gelegenheiten eine Frei- 
gebigkeit entwickelte, zu der man sich in andern Fallen nur selten 
emporzuschwingen vermochte. Was Amenophis z. B. dem Tus- 
ratta ubersandte, ,,war ohne Grenzen; es reichte von der Erde bis 
zum Himmel hinauf" (29, 24). DaB dieses keine bloBe Uebertreibung 
war, ersieht man aus der Hohe der Mitgift, die von der anderen 
Seite zur Verfiigung gestellt wurde. Tusratta macht gar keinen 
Hehl daraus, daB diese Ausstattung ihn ganz besonders in Anspruch 
nimmt (20,21). Das genaue Verzeichnis der einzelnen Gaben, das 
sich zufallig noch vorfindet, umfaBt nicht weniger als 66 + 72 + 
60 + 42 = 240 Zeilen. Der Text ist leider an einigen Stellen be- 
schadigt. Auch enthalt er eine Reihe von Ausdriicken, die wir mit 
unserer jetzigen Kenntnis noch nicht zu deuten vermogen. Aber 
das wenige, was sich aus der Aufzeichnung mit Sicherheit heraus- 
heben laBt, darf ohne Bedenken als MaBstab fur das Ganze ge- 
nommen werden. Hiemach wurden mit der Tochter u. a. iiber- 
bracht: Mehrere (zwei oder vier?) schone feurige Pferde, ein 
Wagen, zu dessen Verzierung 320 Schekel Gold gebraucht waren,. 
zwei aus Gold und kostbaren Steinen gearbeitete Zierketten fiir den 
Hals der Pferde, ein goldgeschmiickter Bogen, zwei aus Gold und 
Kleiderstoff hergestellte Gerate zum Fangen von Fliegen, das eine 
im Gewichte von drei, das andere im Gewichte von zehn Schekeln, 
zfwei mit einem Lasurstein gezierte und mit Gold umkleidete Hand- 
ringe aus Eisen, von denen der eine funf, der andere sechs Schekel 
Goldes erfordert hatte, ein FuBring, zu dessen Anfertigung fiinf 
Schekel Goldes erforderlich gewesen waren, ein Halsschmuck aus 
Gold und Edelsteinen, ein Dolch mit eiserner Klinge, dessen Hand- 
griff mit Gold und kostbaren Steinen geschmuckt war, ein Paar 
Schuhe aus Hammelhaut mit Goldverzierungen im Gewichte von 
dreizehn Schekeln und mit Knopfen aus wertvollem Stein, ein Paar 
Schuhe aus violettem Purpur mit Knopfen aus demselben Stein, 
einer Goldverzierung im Gewichte von vier Schekeln und einem 
besonderen Schmuck aus Lasurstein in der Mitte, ein Paar Schuhe 
aus buntgewebtem Tuchstoff, eine Reihe von Kleidern und 



253 

Kleidungsstiicken, eine Biichse mit Myrrhe, zehn GefaBe mit Ol, 
zwei aus Bronze gefertigte Panzer, zwei Panzer aus Leder, ein 
lederner Panzerschutz fur Pferde, ein mit Silber beschlagener Schild 
aus Leder, neun Schilde aus Leder und Bronze, fiinf goldene Htind- 
chen im Gewichte von fiinf Schekeln, fiinf silberne Hiindchen im 
Gewichte von fiinf Schekeln, mehrere Decken und Tiicher fiir das 
Nachtlager, ein Waschbecken aus Bronze mit zugehorigem Deckel, 
ein Kessel aus Bronze, zehn Topfe aus Bronze, ein Kohlenbecken 
aus Bronze. Bronze wird im ganzen 49mal als Material angegeben, 
Eisen nur viermal. Gold und Silber dienen hauptsachlich zur Ver- 
zierung. Gold begegnet uns 63mal, Silber bloB 17mal. Wenn wir 
die Gewichtsangaben zusammenzahlen, die bei den Bemerkungen 
iiber die Verwendung von Edelmetall regelmaBig hinzugefiigt 
werden, so erhalten wir an Gold zweimal fehlt die Angabe, 
einmal ist sie abgebrochen etwas iiber 1101 Schekel, also etwas 
mehr als 18 Minen und 21 Schekel, an Silber genau 589V2 Schekel 
oder 9 Minen 49Vs Schekel. 

Die Ueberfuhrung geschah mit einer Feierlichkeit, wie sie der 
politischen Bedeutung des Ereignisses entsprach. Der Bote, durch 
den Amenophis den Brautpreis iiberbringen lieB, hatte den Auftrag, 
die Prinzessin entgegenzunehmen; ein Bote des Tusratta begleitete 
sie. Als man in Agypten angelangt war, machte der Konig ,,diesen 
Tag zu einem frohlichen zusammen mit seinem Lande" (29,30). 
Ganz in derselben Weise erfolgte nach allem, was wir dariiber 
erfahren, die Einholung einer Tochter des Burnaburiasch. Der 
agyptische Gesandte befand sich schon seit langerer Zeit in Babylon 
und wartete auf den Augenblick, wo die Reise beginnen konnte. 
Er hatte jedoch nur wenige Wagen im ganzen waren es fiinf 
und ein so geringes Personal mitgebracht, daB der konigliche 
Schwiegervater seine Tochter vorlaufig zuriickbehielt und eine 
bessere Ausstattung der Gesandtschaft verlangte. ,,Mit fiinf Wagen", 
so heiBt es in dem leider nur unvollstandig erhaltenen Schreiben, 

,,sollte man sie dir bringen? Die Konige meiner Um- 

gebung [sollen nicht sagen]: Eine Tochter des groBen Konigs hat 

man mit fiinf Wagen nach Agypten gebracht. [Als ] deinem 

Vater iibersandte, 3000 Mann in seiner Begleitung" 

(11, 19ff.). Es scheint also, daB man bei solchen Gelegenheiten 
mitunter Karawanen ausrtistete, deren Personal nach Tausenden 
zahlte. Diese Mannschaften dienten nicht nur zur Hebung des 
auBeren Glanzes, sondern vor allem auch zum Schutze und zur 
Deckung des Zuges. 

Wenn man in der Selbsthilfe nicht so weit gehen wollte, empfahl 
es sich, in einem besonderen Schreiben die Fursten von Syrien und 
Palastina gewissermaBen um freies Geleit zu bitten. Ein solcher 
Brief hat sich noch in dem Texte Nr. 30 erhalten. Er stammt nach 
der Schrift hochst wahrscheinlich aus dem Lande Mitanni und 
wendet sich an die Kleinfursten von Kanaan, die der Absender als 
Diener seines Bruders bezeichnet. ,,Zu den Konigen von Kinahhi, 



254 

Dienern meines Bruders, sprich: Also sagt der Kpnig: Siehe, ich 
habe Akia, meinen Boten, an den Konig von Agypten, meinen 
Bruder, in groBter Eile entsandt. Niemand moge inn aufhalten. 
Plugs lasset ihn in Agypten hineinziehen, und zu den Handen des 
halzuhlu 1 ) von Agypten moge man in Eile ihn bringen, und irgend 
etwas .... moge ihm nicht widerfahren." Damit ist in verbind- 
licher Form die Bitte ausgesprochen, dem Boten nichts zuleide 
zu tun. 

DaB diese Vorsicht nicht uberfliissig war, ersehen wir aus den 
Angaben anderer Briefe. Wir lasen in einem Schreiben des Burna- 
buriasch bereits von einem Kaufmarine Salmu, der mit seinen Kara- 
wanen von Babylon nach Agypten zog und darum gelegentlich 
auch als Ueberbringer von Geschenken und koniglichen Botschaften 
benutzt wurde. Dieser wurde zweimal uberfallen, und zwar allem 
Anscheine nach jedesmal von einer Seite, von der man es am 
wenigsten erwarten sollte. Der eine von den beiden Uebeltatern, 
ein gewisser Biriamaza, wird bloB mit Nameh genannt. Es scheint 
also eine Personlichkeit gewesen zu sein, die dem Konige von 
Agypten ohne weiteres bekannt war. Der andere wird ausdriicklich 
als der Statthalter oder Vorsteher eines Gebietes bezeichnet. Burna- 
buriasch halt es fur notig, daB sie zur Rechenschaft und Strafe 
gezogen werden, und verlangt fur den Kaufmann eine Entschadi- 
gung. ,,Seinen Schaden moge man ihm ersetzen" (7, 73 ff.). Diese 
Erwartungen scheinen sich aber kaum erfiillt zu haben. Denn in 
einem ahnlichen Falle, der sich spater zutrug, vertritt er denselben 
Standpunkt mit einem Nachdruck und einer Entschiedenheit, die 
jedenfalls einer Erklarung bediirfen. Es handelte sich damals um 
einen Ueberfall auf Geschaftsleute, die den Boten Ahutabu begleitet 
batten. ,,Meine Geschaftsleute", so schreibt er, ,,die mit Ahutabu 
hinaufzogen, waren zu Handelszwecken in Kinahhi zuriickgeblieben. 
Als Ahutabu zu meinem Bruder weitergezogen war, haben in yin- 
natuni, einer Stadt in Kinahhi, Sumadda, der Sohn des Balumme, 
und Sutatna, der Sohn des Saratum, von Akko, nachdem sie ihre 
Leute geschickt hatten, meine Geschaftsleute getotet und ihr Geld 
weggenommen. Frage den . . . ., den ich zu dir gesandt habe, 
und laB ihn dir berichten! Kinahhi ist dein Land, und seine 
K6n[ige sind deine Diener]. In deinem Lande bin ich vergewaltigt 
worden. Bandige sie, und das Geld, das sie weggenommen haben, 
erstatte zuruck! Und die Leute, die meine Diener getotet haben, 
tote sie und rache ihr Brut! Wenn du diese Leute nicht totest, so 
werden sie ein anderes Mai, sei es meine Karawane, sei es deine 
Boten, toten, und dann werden zwischen uns Boten nicht mehr 
gehen, und jene werden von dir abfallen. Nachdem Sumadda 
einem meiner Leute die FiiBe abgehauen, hat er ihn bei sich zuriick- 
behalten, und ein anderer steht bei Sutatna von Akko, nachdem 
dieser ihn zum Sklaven gemacht, als Diener vor seinem Angesichte. 



l ) Ein Amtsname. Genaueres nich-t bekaunt. 



255 

Diese Leute moge man bringen, damit du dick selbst iiberzeugest" 
(8,13ff.). 

Die Personlichkeiten, denen wir hier begegnen, sind uns zttm 
Teil aus ihren eigenen Briefen bekannt. Saratum von Akko, der 
Vater des Sutatna, 1st natiirlich kein anderer als Zurata, der Vater 
des Konigs Zatatna von Akko. Es ist also der Absender des 
Briefes Nr. 232. Er hatte von dem Konige von Agypten einen 
Befehl erhalten und antwortet darauf in folgender Weise: ,,Zu dem 
Konige, meinem Herrn, der Sonne vom Himmel, sprich: Also sagt 
Zttrata, der Mann von Akko, der Diener des Konigs, der Staub 
seiner FiiBe und der Boden, auf den er tritt: Zu den FiiBen des 
Konigs, meines Herrn, der Sonne vom Himmel, habe ich mich 
siebenmal und siebenmal niedergeworfen, mit Bauch und mit 
Riicken. Wer ist der Mann, an den der Konig, mein Herr, schreibt 
und er nicht gehorche? Nach dem, was hervorgeht aus dem Munde 
der Sonne des Himmels, wird ganz und gar getan werden." Ebenso 
versichert Zatatna bei einer ahnlichen Gelegenheit nach genau der- 
selben Einleitung: ,,Was geschrieben hat der Konig, mein Herr, 
an seinen Diener, hat er gehort, und alles, was mein Herr befiehlt, 
besorge ich" (233, 16ff.). Von Sumadda besitzen wir noch das 
ebenf alls in diesem Sinne getialtene Schreiben Nr. 224 : ,,Zu dem 
Konige, meinem Herrn, meiner Sonne, sprich: Also sagt Sumadda, 
der Diener des Konigs, meines Herrn: Zu den FiiBen des Konigs, 
meines Herrn, bin ich siebenmal und siebenmal niedergefallen. Da 
geschrieben hat der Konig, mein Herr, um Getreide, so antworte 
ich: Es ist geschlagen 1 ). Es frage der Konig, mein Herr, seinen 
Aufseher, ob es gebracht haben unsere Vater seit den Tagen 
Kuzunas, unseres Vaters." 

Der Konig von Agypten ist fur die palastinensischen Keinfiirsten, 
wie sie stets wieder versichern, der unumschrankte Herr und Ge- 
bieter, dem sie sich willenlos unterwerfen. Sie bezeichnen ihn in 
pflichtmaBiger Uebereinstimmung mit den theologischen Auffassun- 
gen des Nillandes als ihre Gottheit und ihre Sonne, fallen siebenmal 
und siebenmal vor seinem Angesichte zu Boden und betrachten 
sich in ihrer Niedrigkeit je nach Bediirfnis und Neigung als den 
Staub oder den Lehm seiner FiiBe, als den Boden, auf den er tritt, 
als den Sessel, auf dem er sitzt, als den Schemel, auf dem seine 
FiiBe sich ausruhen, als den Hund seines Hauses oder den Stall- 
knecht seiner Pferde. Bei diesen Ausfiihrungen erheben sie sich, 
wenn sie iiber einen stilgewandten Schreiber verfiigen, mitten Jn 
aller Prosa mitunter zu einer poetischen Begeisterung, die an die 
schonsten Stellen des Alten Testamentes erinnert. So begegnen sich 
z. B. drei verschiedene Personlichkeiten in der ubereinstimmenden 
Erklarung: ,,Ich habe hierhin geschaut und ich habe dorthin 
geschaut, aber nicht ist es hell geworden. Und ich habe geschaut 
auf den Konig, meinen Herrn, und es ist hell geworden. Und es 



*) muhusu. Was ist damit gemeint? 



256 

mag weichen ein Ziegel unter dem andern, ich aber weiche nicht 
unter den FiiBen des Konigs, meines Herrn" (266, 9 ff.; 292, 8 ff.; 
296, llff.). In einem anderen Schreiben, das hochst wahrscheinlich 
auf denselben Verfasser zuriickgeht, heiBt es yon dem Absender 
und seiner Umgebung: ,,Siehe, was uns anbetrifft, so wenden sich 
zu dir meine Augen. Wenn wir hinaufsteigen zum Himmel, und 
wenn wir hinabsteigen zur Erde, ist unser Haupt in deinen Han- 
den" (264, 14 ff.). Der dem Konige von Agypten sehr ergebene 
Namjawaza versichert in einem seiner Briefer ,,Der Herr ist die 
Sonne am Himmel, und wie auf das Ausgehen der Sonne vom 
Himmel, so warten die Diener auf das Ausgehen der Worte von 
dem Munde ihres Herrn" (195, 16ff.); Abimilki, der Konig von 
Tyrus, schreibt in einem langeren Texte: ,,Mein Herr ist die Sonne, 
die ausgeht 1 ) iiber die Lander Tag fur Tag nach der Bestimmung 
seines gnadigen Vaters, des Sonnengottes, der Leben gibt durch 
seinen giitigen Hauch 2 ) und umhergeht bei seinem Niedersinken 3 ), 
der das ganze Land in Ruhe versetzt durch die Macht seines 
Armes, der seinen Ruf vom Himmel ertonen laBt wie Adad, so daB 
erzittert (?) vor seinem Rufe das ganze Land. Siehe, es hat 
geschrieben der Diener an seinen Herrn, nachdem er gehort hat 
den freundlichen Boten des Konigs, der bei seinem Diener anlangt, 
und den gutigen Hauch, der ausgeht von dem Munde des Konigs, 
meines Herrn, an seinen Diener, und umhergeht, bevor der Bote 
des Konigs, meines Herrn, anlangt 4 ). Wenn ein Hauch nicht umher- 
geht, gedenke ich der Worte meiner Vater. Siehe, jetzt, wo aus- 
gegangen ist ein Hauch des Konigs an mich, da bin ich iiberaus 
froh, und .... Tag fur Tag. Weil ich froh bin, ist die Erde 
nicht . . . ., nachdem ich gehort habe den freundlichen Boten von 
meinem Herrn, und das ganze Land hat Furcht vor memem Herrn, 
nachdem ich gehort habe den gutigen Hauch und den freundlichen 



*) = aufgeht. 

2 ) ina sehisu tabi. Fur sehu steht in den iibrigen Briefen in demiselben 
Zusammenihange regelmaBig das Wort saru. Die beiden Worter werden auch 
in einem Konat. Vokaboilar (Vgl. Ebeling bei Knudtzon S. 1520) als Syno- 
nyme behandelt. 

3 ) izah-ar ( isahar) ina sapanisu. Das akkadische saharu entspricht 
dem hebralschen sahar, das nach den vorharadenen iBelegstellen besonders audh 
das Umhergehen in einem fremden Lande bezeichnet. Der sober 1st der 
Kaufmann, der yon Ort zu Ort zog und iiberall in den Hausern seine Waren 
anbot. Die Konigsboten besuchien in derselben Weise die einzelnen Fiirsten. 
Das Hinausgehen fand also in dem Sahara seine naturliche Fortsetzung. In 
dem Briefe Nr. 151, der ebenfalls von Abimilki stammt, wird die Form izahar 
ohne weiteres durch ein dem asu entsprechendes kanaanaisches jisa erkiart. 
Die Ausdrilcke sind hier also, soweit es fiir den Verfasser in Betraeht kam, 
in ihrer Bedeutung einander gleiohgesetzt. SJapanu = saphan. Es ist dasselbe 
Wort, das in saphon r= Norden zugrundeliegt. Der iSforden ist die Gegend 
der Finsternis. Die Sonne geht auf und kehrt dann in Palastina, wenn sie 
niedergeht, z>u den Fiirsten ein. 

4 ) Der Hauch oder die Mitteilung eilt dem Boten schon voraus. Es 
wurde natiirlich sofort bekannt, wenn der Bote in einer Angelegenheit bei 
den Fiirsten die Runde machte. 



257 

Boten, der bei mir anlangt. Wenn der Konig, mein Herr, sagt: 
Stelle dich zur Verfugung fur das groBe Heer, so spricht der Diener 
zu seinem Herrn: Ja, mit Freuden. Auf meiner Brust und auf 
meinem Riicken trage ich das Wort des Konigs, meines Herrn. Wer 
hort auf den Konig, seinen Herrn, und ihm dient an seinem Orte, 
iiber den geht die Sonne auf, und es geht umher ein giitiger Hauch 
aus dem Munde seines Herrn. Hort er aber nicht auf das Wort 
des Konigs, seines Herrn, dann geht zugrunde seine Stadt, zugrunde 
sein Haus, ist verschwunden im ganzen Lande sein Name auf ewig. 
Siehe, der Diener, der hort auf seinen Herrn, wohl ergeht es seiner 
Stadt, wohl seinem Hause; sein Name bleibt in Ewigkeit. Du bist 
die Sonne, die aufgeht iiber mien, und eine Mauer aus Bronze, 
die sich erhebt zu seinem 1 ) Schutze. Im Hinblick auf den machtigen 
Arm des Konigs, meines Herrn, bin ich ruhig, habe ich Vertrauen 2 )" 
(147, 5 ff.). 

Um diese Schilderung richtig zu wiirdigen, muB man vor allem 
den Wortlaut der giitigen Weisung herausheben, auf die der Ab- 
sender in seiner Darlegung Bezug nimmt. Er hatte von dem agyp- 
tischen Konige den Befehl erhalten: ,,Stelle dich zur Verfugung 
fur das groBe Heer!" Ein ahnlicher Befehl war auch der AnlaB 
fiir die begeisterten Worte des Namjawaza gewesen. Denn es heiBt 
dort gleich in dem folgenden Satze: ,,Siehe, ich stehe mit meinen 
Kriegern und meinen Wagen, meinen Briidern, meinen sa-gaz- 
Leuten und den Suti den Feldtruppen zur Verfugung bis zu dem 
Orte, den der Konig, mein Herr, bezeichnet." Was hiermit gemeint 
ist, ergibt sich aus einer Gruppe von Paralleltexten, die durch ihre 
Abweichungen die vorliegende Bemerkung in mehrfacher Hinsicht 
erganzen. Am nachsten beriihrt sich die Angabe mit der Meldung 
des Artamanja von Ziribasanu: ,,Siehe, du hast mir geschrieben, 
herzurichten 3 ) fiir die Feldtruppen. Ja, wer bin ich, ein Hund, daB 
ich nicht hinziehen sollte! Siehe, ich stehe mit meinen Kriegern 
und meinen Wagen den Feldtruppen zur Verfugung bis zu dem 
Orte, den der Konig, mein Herr, bezeichnet" (201,9ff.). Statt dieser 
letzten Wendung heiBt es in andern Briefen: ,,bis zu dem Orte, 
wohin sie ziehen" (203, 18 f.; 204, 19 f; 205,18). Aber noch deut- 
licher driickt Arzawija von Ruhiza sich aus. ,,Es mogen kommen", 
schreibt er, ,,die Feldtruppen des Konigs und seine Aufseher! Denn 
ich habe alles hergerichtet, und hinter ihnen werde ich herziehen 
zu dem Orte, wo man feind ist dem Konige, meinem Herrn, und 
wir werden sie nehmen. In die Hand des Konigs, unseres Herrn, 
werden wir geben seine Gegner" (191, 11 ff.). Ammunira, der Konig 
von Berut, erklart in demselben Zusammenhange: ,,Siehe, ich habe 



4 ) Der Schreiber hat vergessen, da6 er bereits die erste Person gebraticht 
hat Er verweilt mit seinen Gedanken oifenbar noch bei der dritten Person 
des vorhergehenden Satzes. 

2 ) nuhti, mit einem erklarenden batiti = batahti. 

3 ) ana susiri; das Verbum steht hier ebenso wie auch an einigen .andern 
Stellen, die sogleich noch zu beriicksichtigen sind, ohne ein besonderes Objekt. 

17 



258 

hergerichtet zugleich mit meinen Pferden, meinen Wagen und allem y 
was mein 1st, was sich vorfindet bei dem Diener des Konigs, meines 
Herrn, fur die Feldtruppen des Konigs, meines Herrn" (141,24ff.). 
DaB dieses mehr ist als eine Phrase, zeigt uns z. B. die Angabe des 
Konigs von Askalon: ,,Siehe, ich beobachte das Wort des Konigs, 
meines Herrn, des Sohnes der Sonne, und habe hergerichtet Speisen, 
Rauschtrank, ol, Getreide, Kinder, Schafe, fur die Krieger des 
Konigs, meines Herrn" (324, 1 Off.). Er hat also den Befehl erhal- 
ten, die Truppen bei ihrem Durchzuge mit den notwendigen Lebens- 
mitteln zu versorgen. Das war naturlich keine Ausnahme, sondern 
eine selbstverstandliche Regel. In einem andern Briefe heiBt es 
dariiber: ,,Siehe, ich habe hergerichtet alles mogliche: Speisen, 
Rauschtrank, Rinder, Schafe, Getreide, Stroh, alles mogliche, was 
befohlen hat der Konig, mein Herr" (325, 15 ff.). Ebenso berichtet 
ein gewisser Dijate: ,,Siehe, Rinder und Kleinvieh habe ich her- 
gerichtet, wie du befohlen hast in dem Briefe an mich" (193, 19 ff.). 
Akizzi von Katna erzahlt in einem Schreiben von den Leistungen 
in friiherer Zeit: ,,Wenn die Krieger und die Wagen des Herrn 
kamen, wurden Speisen, Rauschtrank, Rinder, Schafe, Honig und 
Ol vor die Krieger und Wagen meines Herrn hinausgebracht", und 
bittet seinen Herrn, die GroBen dariiber zu befragen und es sich 
von ihnen bestatigen zu lassen (55, 1 Off.). Die GroBen sind hier 
offenbar die agyptischen Beamten, die bei solchen Gelegenheiten 
ebenfalls in Tatigkeit traten. Die Texte erwahnen in diesem Zusam- 
menhange besonders einen Maja, der in den verschiedensten Gegen- 
den des Landes mit der Angelegenheit zu tun hatte und iiberall die 
notwendigen Anweisungen gab. ,,Siehe", so schreibt z. B. der 
Konig Bajawa, ,,ich richte her, wie befohlen hat der Konig, mein 
Herr, und hore sehr, sehr auf die Worte Majas, des Vorstehers des 
Konigs, meines Herrn" (216, 10 ff,). Jabni-ilu, der Konig von Lakis r 
beschrankt sich in seinem Antwortschreiben auf die Erklarung: 
,,Siehe, ich habe gehort auf alle Worte, die Maja, der Vorsteher 
des Konigs, zu mir gesprochen hat; siehe, ich habe alles . getan" 
328, 20 ff.). Japahi, der damalige Konig von Gezer, betont aller- 
dings, daB er iiber nichts mehr verfiigt, da er aus seinem Gebiete 
vertrieben ist. Er hofft aber, daB die Feldtruppen ihn wieder in 
seine Stadte zuriickfuhren werden, und erwahnt ebenfalls, daB er 
den Maja gehort hat (300, 23 ff.). Maja hatte offenbar den Auftrag, 
die Fiirsten selbst aufzusuchen und sich iiber die Einzelheiten mit 
ihnen in Verbindung zu setzen. Er war also, wie wir annehmert 
miissen, zugleich der Bote, von dem wir in den Briefen erfahren. 
In einem Schreiben, das dem yiziri iiberbracht wurde, stand nach 
der Angabe des Empfangers die Auf f orderung : ,,Schiitze Maja,, 
den Vorsteher des Konigs, meines Herrn!" Das war nach der 
Aufgabe, die er zu losen hatte, sicher nicht unbegriindet und wird 
sich auch in den (ibrigen Briefen, die er bei sich trug, wohl stets 
wiederholt haben. yiziri fiigt deshalb in seiner Antwort die Bemer- 
kung hinzu, daB dieser Schutz dem Maja ganz besonders zuteil 



259 

wird. Auf die sonstigen Forderungen erklart er einfach und bieder: 
,,Der Konig, mein Herr, hat mir befohlen: Richte Quartiere 1 ) her 
fiir die Feldtruppen des Konigs, meines Herrn! Es gebe der Oott 
des Konigs, meines Herrn, daB ausziehe der Konig, mein Herr, 
mit seinem Heere und kennen lerne seine Lander! Denn siehe, so 
habe ich grofie Quartiere hergerichtet fiir die Truppen des Konigs, 
meines Herrn" (337, 7 ff.)- Es handelt sich hier nach der ideo- 
graphischen Schreibung und nach dem hinzugefiigten kanaanaischen 
malania um Quartiere fiir die Nacht. Man errichtete fiir die Unter- 
bringung der Truppen, wenn man es gut machen wollte, sogar 
eigentliche Wohnhauser. ,,Ich habe", so schreibt der Konig Addu- 
dani, ,,eine Wohnstatte erbaut, eineStadt, Manhate ist ihrName, um 
herzurichten fiir die Feldtruppen des Konigs, meines Herrn." Dann 
beschwert er sich, daB Maja ihm dieses Manhate aus der Hand 
genommen und einen agyptischen Beamten darin eingesetzt hat, 
und bittet den Konig, dies durch den Vorsteher Rianap, der sonst 
fiir ihn in Betracht kommt, wieder riickgangig zu machen. ,,Beauf- 
trage den Rianap, meinen Vorsteher, daB er zuriickbringe die Stadt 
in meine Hande!" Wenn dieses geschieht, will er fiir die Feld- 
truppen alles herrichten (292, 29 ff.). Rianap war nach andern 
Brief en der gewohnliche Vertreter des Konigs im siidlichen Teile 
des Landes. Er war ,,machtig wie die Sonne am Himmel" (315, 15). 
Ob er hier eingegriffen hat, wissen wir nicht. Auf jeden Fall ist 
Addudani durch die Art, wie er fiir seine Person den koniglichen 
Befehl zur Ausfiihrung brachte, der Grander einer Ortschaft 
geworden, die noch in spaterer Zeit den Namen Manahath trug. 
Es ist der Ort, wo die agyptischen Soldaten ihre ,,Ruhestatte" 
gehabt hatten. Die Briefe, die von den Boten iiberbracht wurden, 
erschienen in der Form als Briefe des Konigs; sie waren aber in 
Wirklichkeit nur Mitteilungen aus der koniglichen Kanzlei. Der 
Konig wird in den Schriftstucken nicht mit Namen genannt und 
tritt uns nur in der dritten Person entgegen. Wir besitzen von 
diesen Zuschriften, soweit sie fur eine groBere Zahl von Empfangern 
bestimmt waren, allerdings nur ein einziges Exemplar, das durch 
einen glucklichen Zufall in Agypten zuriickgeblieben ist und jetzt 
als Nr. 7095 unter den altorientalischen Texten von Paris auf- 
bewahrt wird. Die Darstellung laBt aber gar nicht daran zweifeln, 
daB die Anweisungen in andern Fallen gerade so lauteten. Der 
Brief war fiir den Konig Intaruda von Aksapa bestimmt und ist 
in dieser Ausfertigung vielleicht als Duplikat zu betrachten. Er 
soil den Empfanger ebenfalls davon in Kenntnis setzen, daB eine 
Heeresabteilung eintreffen wird. Der Verfasser erklart deshalb in 
der iiblichen Weise dem Leser des Schreibens: ,,Zu Intaruda, dem 
Manne von Aksapa, sprich: Also sagt der Konig: Siehe, diesen 
Brief habe ich dir bringen lassen, um dir zu sagen: Gib acht! 
Schiitze den Ort des Konigs, der in deiner Obhut ist! Siehe, ich 



*) Vgl. hier den Text bei Schroeder, Die Tontafeln von El-Amarna Nr. 187 
und Orient. Literature. Jahrg. 18 (1915), Sp. 105 f. 



17* 



260 

habe yanni, den Sohn des Mairia, den Vorsteher des Konigs im 
Lande Kinahhi, zu dir entsandt. Hore recht gut auf das, was er 
dir sagen wird, damit der Konig dich nicht als Frevler antrifft! 
Hore recht gut auf jedes Wort, das er dir sagen wird, und fuhre 
es recht gut aus! Gib acht! Gib acht! Sei nicht nachlassig! Richte 
her fur die Feldtruppen des Konigs Speise in Menge, Wein, alles 
mogliche in Menge! Siehe, er wird sehr schnell bei dir eintreffen 
und den Feinden des Konigs den Kopf abschlagen. Wisse, daB 
der Konig sich wohl befindet wie die Sonne am Himmel, und daB 
seine zahlreichen Truppen und Streitwagen sich sehr wohl befin- 
den!" Der Ueberbringer ist hier nicht Maja, sondern yanni. Es 
handelt sich also wahrscheinlich um ein Unternehmen, das zeitlich 
von dem Durchzuge, den Maja vorzubereiten hat, getrennt werden 
muB. Aksapa, das biblische Achschaph, lag in einer Gegend, die 
sicher auch von Maja ohne Schwierigkeit erreicht werden konnte. 
Die Einzelheiten sind aber im iibrigen dieselben. Die Antwort- 
schreiben stimmen in ihren Wendungen auch da, wo Maja als der 
Vertreter des Konigs genannt wird, mit den Ausdriicken in dem 
vorliegenden Briefe zum Teil wortlich iiberein. Die Fiirsten erklaren 
ohne Bedenken, daB sie die Stadt, die ihnen anvertraut ist, gewissen- 
haft schiitzen und daB sie auf alles gehort haben, was ihnen von 
dem Ueberbringer des koniglichen Schreibens zur Pflicht gemacht 
wurde. Sie haben, wenn man es ihnen glauben darf, fur die Ver- 
pflegung der Truppen vielfach schon das Erforderliche sicher- 
gestellt und bringen in einer Reihe von Texten sogar ihre Bereit- 
willigkeit zum Ausdruck, sich selbst an dem Kriegszuge zu 
beteiligen. 

Ueber das Ziel des Unternehmens sind sie allem Anscheine nach 
gar nicht unterrichtet. Sie sprechen ganz allgemein von den Fein- 
den des Konigs und von dem Orte, wo sie mit diesen zusammen- 
stoBen. In dem Briefe des yiziri wird der Wunsch ausgesprochen, 
daB der Konig hinausziehen mochte, um auf diese Weise das Land 
kennen zu lernen. yiziri scheint also erwartet zu haben, daB der 
Konig selbst die Fiihrung des Heeres ubernehmen wiirde. Das ist 
auch der Gedanke, der uns in einem Schreiben des Ribaddi von 
Byblus begegnet. Ribaddi befindet sich in groBer Bedrangnis; denn 
das ganze Land ist zu dem Amoriterfursten Aziru, dem Sohne 
des Abdasirta, iibergegangen, und die Stadt ist auf das auBerste 
bedroht. Es ist deshalb unbedingt notwendig, daB der Konig ein 
Heer schickt, um die Gefahr abzuwenden und das Land wieder 
in seine Gewalt zu bringen. ,,Die Leiter der Gemeinden", so 
schreibt er, ,,sehen alle nicht gern, daB Feldtruppen ausziehen, 
wenn es ruhig bei ihnen ist; ich aber, fur meine Person, ich 
wiinsche, daB sie ausziehen, da es mir schlecht ergeht. Darum 
moge der Konig, mein Herr, ausziehen, um sein Land zu sehen 
und alles wieder in Besitz zu nehmen! Siehe, an dem Tage, wo 
du ausziehst, wird das ganze Land sich wieder anschlieBen an den 
Konig, meinen Herrn" (AO 7093, 54 ff.). Er glaubt annehmen zu 



261 

diirfen, daB ein Heer von 5000 Agyptern, 5000 Leuten aus Meluha 1 ) 
nnd 50 Kriegswagen fiir die Losung der Aufgabe geniigen wiirde 

(132, 56 ff.). 

Auch die Karawanen des Konigs von Agypten hatten ein An- 

recht auf besondere Unterstiitzungen. Wir sehen z. B., daB sie 

ebenfalls mit Nahrungsmitteln versorgt wurden, und zwar auf 

einen vorhergehenden Befehl, der ganz in derselben Weise zustande 

kam und sich in denselben Ausdriicken bewegte wie der Brief an 

den Konig von Achschaph. Das ergibt sich besonders aus einem 

etwas schematisch gehaltenen Antwortschreiben, das den Inhalt 

des zugrundeliegenden Briefes noch deutlich hervortreten laBt. Der 

Absender, der uns im iibrigen nicht naher bekannt ist, versichert 

in diesem Schreiben, daB seine Stadt sich wohl befindet und daB 

er alles gehort hat, was der Konig ihm mitteilt. Er pfliigt 2 ) und 

rupft die Schafe 3 ) und geht [nicht] hinaus in seine Stadt; er rich- 

tet . . . ., Speisen und .... her fiir die Karawanen des Konigs, 

seines Herrn; denn er hat gehort auf alle Worte des Konigs, seines 

Herrn (226, 6 ff .). In einem andern Schreiben antwortet der Konig 

Mutba'lu, der Sohn des Labaja, unter Zuriicksetzung aller iibrigen 

Gedanken auf einen derartigen Befehl mit behaglicher Ausfiihrlich- 

keit: ,,Der Konig, mein Herr, hat den tJaja zu mir gesandt, um 

zu sagen. Siehe, Karawanen nach fjtanakalbat hat man abgeschickt; 

sende sie weiter! Wer bin ich, daB ich nicht weitersenden sollte die 

Karawanen des Konigs, meines Herrn! Siehe, Labaja, mein Vater, 

hat [gedient] dem Konige, seinem Herrn, und weitergesandt [alle] 

Karawanen, die abgeschickt hatte der Konig nach ^anagalbat. 

Nach Karduniasch 4 ) sende der Konig, mein Herr, Karawanen! Ich 

werde sie hinbringen so schnell wie nur moglich" (255, 8 ff.). 

Die Antwort beginnt in dem ersten Schreiben mit der Bemer- 
kung, daB der Absender pfliigt und die Schafe rupft, und daB er 
nicht hinausgeht in seine Stadt. Sie setzt also voraus, daB der 
Konig diese Arbeiten ebenfalls von ihm verlangt hat. Die Angabe 
ist in dieser Kiirze nicht ohne weiteres verstandlich. Sie beriihrt 
sich aber in ihrem Wortlaut auf das engste mit einer Stelle, die sich 
in einem Schreiben des Fiirsten Biridija von Megiddo vorfindet. 
Wir erfahren dort, daB Biridija im Gebiete von Sunama = Sunem 
durch Fronleute aus Japu pfliigen laBt, daB sich aber die iibrigen 
Fiirsten in der Nachbarschaft an dieser Arbeit nicht beteiligen. 
AuBer den Leuten von Japu, die er selbst aufgeboten hatte, waren 
nur noch die Leute von Nuribda erschienen (A O 7098, 10 ff.). Er 
will durch diese Mitteilung offenbar hervorheben, daB er seinerseits 



1 ) Meluha war ein Land, das nach den vorhandenen Angaben unter 
Agypten stand und von Schwarzen bewohnt wurde. Es kann also nur Nubian 
gemeint sein. 

2 ) i-ri-su mit erklarendem ih-ri[-sn]) 

3 ) i-ba-ka-a[m]. Die Schafe wurden in der alteren Zeit gerupft. Die 
Arbeiten liegen zeitlich weit auseinander. Das Rupicn der Schafe gesehah 
im Friihjahr. 

4 ) Die damalige Bezeichnung fiir das Land Babylon. 



262 

besonders treu seine Pflicht tut. Die Acker wurden also von Nach- 
barfiirsten durch Fronarbeiter bestellt, und die Ertragnisse waren 
in diesem Falle, wie wir annehmen miissen, das Eigentum des 
Staates. Sunama war aber nach einer andera Angabe ebenso wie 
Burkuna und ytarabu von Labaja entvolkert worden (250,42ff.). 
Es war dann nach dem Tode des Labaja, wie man aus unserm 
Schreiben ersieht, in den Besitz des agyptischen Staates iiber- 
gegangen 1 ). Die beiden Briefe fiihren uns auch nach andern Beob- 
achtungen in dieselbe Gegend. Der Ort Japu, der zu dem Gebiete 
des Biridija gehort, ist das etwa drei Stunden nordostlich von 
Megiddo und nahezu ebenso weit nordwestlich von Sunem, in 
nachster Nahe von Nazareth 2 ) gelegene Jafa; die Schrift ist bei dem 
andern Briefe nach dem Eindruck, den Knudtzon gewann 3 ), ganz 
dieselbe wie bei der Tafel Nr. 225, die von Samu-Adda, dem Fiirsten 
des im Westen von Japu gelegenen Samhuna, stammt. Auch der 
Ausdruck weist fast genau dieseJben Wendungen auf. Die Texte 
setzen hier also Verhaltnisse voraus, die wir nicht ohne weiteres 
verallgemeinern diirfen. Sie zeigen uns aber, dafi die agyptische 
Verwaltung auch die Arbeitskraft der Bewohner von Palastina 
ohne Bedenken fiir sich in Anspruch nahm. 

Die Opfer, die man in dieser Weise zu bringen hatte, mochten 
unter Umstanden sehr erheblich sein; sie waren aber, wie es scheint, 
im allgemeinen noch leichter als die eigentlichen Jahresabgaben, 
die man gewohnlich als Tribute bezeichnet. 

Die Tribute wurden von den koniglichen Beamten fiir die ein- 
zelnen Bezirke genau festgesetzt. Akizzi, der Fiirst von Kiatna, 
erklart in einem Briefe von seinen Standesgenossen in der dortigen 
Gegend: ,,Der GroBe meines Herrn moge verkiinden, was auch 
immer ihre Geschenke sein sollen, und sie mogen es geben" (53, 
50 f.). Er denkt hierbei an die Konige von Nuhasse, Nii, Zinzar und 
Tunanat, die ihrem Gebieter noch treu ergeben sind. Ebenso heiBt 
es in einem Schreiben des Konigs von Askalon: ,,Und siehe, ich 
richte den Tribut her fiir die Sonne, wie befohlen hat der Konig, 
mein Herr, die Sonne vom Himmel" (325, 20 ff.). In einem andern 
Briefe versichert der Absender: ,,Alle Worte des Konigs, meines 
Herrn, werde ich tun, bis auszieht der GroBe und alles holt, was 
befohlen hat der Konig, mein Herr" (239, 8 ff.). Er setzt also 
voraus, daB der Beamte nach einiger Zeit bei ihm eintreffen und 
den Tribut abholen wird. Das scheint aber eine Ausnahme gewesen 
zu sein; denn die Entsendung des Beamten erfolgt hier nach den 
weiteren Angaben des Briefes aus einem ganz besonderen Grunde. 
Der Absender fiigt namlich hinzu: ,,Und es moge ausziehen der 
GroBe, und er moge kennen lernen unsern Frevel! Denn Boses 



*) So zuerst Prof. D. A. Alt im Palastinajahrbuch des Deutschen evang. 
Instituts fiir Altertumswissenschaft des Heiligen Landes zu Jerusalem^ XX. 
Jahrg. (1924), S. 34 f f . 

2 ) Alt a. a. O. S. 38. 

3 ) S. 1300, Arnn. 1. 



263 

gegen deine Diener hat man vor dir gesprochen." DaB man die 
Gaben nicht eher zu entrichten pflegte, als es unbedingt notwendig 
war, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Sumadda, der 
Sohn des Balumme, schreibt in einem seiner Briefe 1 ), daB der 
Konig eine Getreidelieferung von ihm verlangt. Er hat aber das 
Getreide noch nicht abgeschickt; denn er glaubt den Beweis 
erbringen zu konnen, da6 seine Vater zu dieser Leistung noch 
niemals herangezogen wurden. Puba'lu, der Konig von Jursa. ist 
ebenfalls mit der Lieferung noch im Riickstande. Er wendet sich 
deshalb in einem Doppelbriefe zunachst an den Konig und ver- 
sichert ihm, dap er der Stadt den notwendigen Schutz angedeihen 
laBt und auf die Worte des Vorstehers gehort hat. Dann schreibt 
er auf derselben Tafel in einem zweiten Briefe an den zustandigen 
Beamten: ,,Es war nichts in meinem Hause bei meinem Hinein- 
treten. Deshalb habe ich eine Karawane zu dir nicht entsandt. 
Siehe, ich richte her eine schone Karawane zu dir" (316, 18 ff.). 
Man sieht, daB hier eine Entschuldigung vorliegt. Der Absender 
hatte von der Verwaltung offenbar die Aufforderung erhalten, 
seinen Verpflichtungen moglichst bald nachzukommen. DaB dies 
nicht immer so leicht war, ersehen wir aus einer Meldung des Tagi. 
,,Siehe", so schreibt dieser Fiirst, ,,ich bin ein Diener des Konigs 
und habe versucht, Karawanen zusammenzubringen durch meinen 
Bruder. Er ware aber um ein Haar erschlagen worden. Deshalb 
kann ich meine Karawanen nicht senden zum Konige, meinem 
Herrn. Frage deine Vorsteher, ob nicht um ein Haar erschlagen 

ware mein Bruder! Und siehe, jetzt habe ich versucht 

meine Karawanen zu entsenden durch meinen Genossen an den 
Konig, meinen Herrn" (264, 5 ff. 19 ff.). Wir konnen aus dieser Mit- 
teilung nur den SchluB ziehen, daB die Stimmung gegen Agypten 
auBerordentlich gereizt war. Subandu, ein kleiner und unbedeuten- 
der Furst im Suden von Palastina, berichtet in einem seiner Briefe: 
,,Der Konig, mein Herr, die Sonne vom Himmel, hat den yania 
zu mir geschickt. Und siehe, ich habe gehort auf das Wort des 
Konigs, meines Herrn, gar sehr, und siehe, ich habe gegeben 
500 Kinder und 20 Madchen. Dies, damit Kenntnis erhalt der 
Konig, mein Herr, die Sonne vom Himmel" (301, 12 ff.). In einem 
andern Schreiben, das in der Einleitung und im SchluBsatze mit 
dem Briefe des Subandu wortlich ubereinstimmt 2 ), ist an derselben 
Stelle von hundert Silberschekeln und von zehn Sklaven und zehn 
Sklavinnen die Rede. Man sieht also, daB der Absender neben dem 
Geldbetrage nach der an ihn ergangenen Weisung ebenfalls u. a. 
zwanzig Personen zu liefern hatte. Wir werden deshalb nicht zu 
weit gehen, wenn wir in der Zahl, die uns hier entgegentritt, einen 
gewissen Normalsatz vermuten, der unter bestimmten Voraus- 
setzungen oder bei bestimmten Gelegenheiten als Regel betrachtet 
wurde. Dies wird uns auch durch ein Schreiben aus der konig- 



!) S. oben S. 255. 

2 ) In dem Briefe Nr. 309. Der Text ist leider in der Mitte zerstort. 



264 

lichen Kanzlei, das nach den Spuren in den ersten Zeilen wahr- 
scheinlich an den Fiirsten von Ammia gerichtet war, in iiber- 
raschender Weise bestatigt. Das Zeichen fiir 20 besteht aus zwei 
aufeinanderfolgenden Winkelhaken. Von den Haken, die sich hier 
am Anfange der Zeile befinden, ist der zweite noch deutlich vor- 
handen. Der erste laBt sich allerdings infolge einer kleinen 
Beschadigung, die auch eine andere Lesung gestatten wiirde, nicht 
mehr mit Sicherheit feststellen. Der Brief erscheint in der auBeren 
Form wieder als eine personliche Kundgebung des Konigs; er zeigt 
aber im Ausdruck, soweit der Inhalt es gestattete, einen verbind- 
lichen und sehr entgegenkommenden Ton, der in einem Sonder- 
wunsche des Konigs oder der koniglichen Verwaltung seinen 
tieferen Orund hatte. Der Verfasser lobt ztmachst den Empfanger, 
daB er die Siadt, die ihm anvertraut wurde, treu und gewissenhaft 
beschiitzt, und erklart ihm alsdann in den folgenden Zeilen: ,,Sende 
deine Tochter an den Konig, deinen Herrn, und sende als Geschenke 
[2]0 vortreffliche Sklaven, Silber, Wagen und vortreffliche Pferde! 
Dann wird der Konig, dein Herr, dir sagen: Das ist gut 1 ), daB du 
ihm, dem Konige, ein Geschenk gemacht hast im Gefolge deiner 
Tochter" (99, 10 ff.). Der Konig wiinscht hier also neben den 
sonstigen Gaben auch eine von den Tochtern des Fursten. Es gait 
dann als selbstverstandlich, daB man einem solchen Verlangen 
entsprach. Bei dem Briefe Nr. 187, der in der zweiten Halfte fast 
ganz zerstort ist, hat sich noch der SchluBsatz erhalten: ,,Und 
siehe, ich habe meine Tochter an den Hof geschickt, an den Konig, 
meinen Herrn, meinen Gott, meine Sonne." DaB man dem Konige 
Sklaven uberlieB, wird uns auch sonst noch verschiedentlich 
bescheinigt. ,,Als [...., der Vorsteher des Konigs], zu mir kam", 
schreibt Abdiheba von Jerusalem, ,,habe ich 10 Diener [in seine 
Hand] gegeben; als Suta, der Vorsteher des Konigs, zu mir kam, 
habe ich 21 Madchen und 80 Kriegsgefangene in die Hand des 
Suta gegeben als Geschenk fiir den Konig, meinen Herrn" 
(288, 16 ff.). Es kam aber auch vor, daB die Sklaven oder die 
Sklavinnen in aller Form bezahlt wurden. Wir ersehen dieses aus 
dem Inhalte des Schreibens E 6753, das an den Konig Milkili von 
Gezer 2 ) gerichtet ist und in seinen Angaben fast als ein Geschafts- 
brief erscheint. Der Konig von Agypten schreibt hier nach dem 
Wortlaute des Textes an seinen Diener: ,,Siehe, ich habe dir den 
yania zugeschickt, den Befehlshaber der Truppen, mit allem, was 
notwendig ist, um schone Frauen zu erwerben, mit Silber, Gold, 
Kleidern, Rotstein und jeder Art von edlem Gestein, Sesseln aus 
Ebenholz (?), kurz, mit allem Schonen, im ganzen fiir 160 Tiban. 
Das gibt zusammen 40 Frauen, jede Frau zu 40 Silberschekeln. 
Schicke mir also sehr schone, unter denen keine mit einem Fehler 



*) si-ia-du b[a-a"ln-d[u] fur si-ia-tu ba-ara-tu mit der Wiedergabe von t 
durch d, wie in der folgenden Zeile in der Verbalform kia-ad-din ta-ad-din. 

2 ) am [el] al Gaz-[ri]. Der Wohnsitz dieses Fursten ist in den iibrigen 
Brief en nicht angegeben. 



265 

1st, so daB dir der Konig, dein Herr, sagen kann: Das ist gut. 
Dann hat man dir Leben verliehen. Wisse, daB der Konig sich 
wohl befindet wie die Sonne, und daB seine Truppen, seine Wagen 
und seine Pferde sich sehr wohl befinden." Der Konig bietet hier 
also fur jede Frau, wie sie in dem Schreiben gewunscht wird, 
einen Preis von vier agyptischen D-b-n Diban = Tiban oder von 
40 in Palastina geltenden Schekeln. Der Diban hatte ein Gewicht 
von ungefahr 91 Gramm. Milkili tat aber mehr als von ihm ver- 
langt wurde. Er sandte dem Konige nach seiner eigenen Angabe 
durch die Hand des yania 1 ) 46 Sklavinnen und auBerdem noch 
fiinf Knaben und fiinf Kriegsgefangene (268, 15ff.). Im Norden 
des Landes beschwert sich ein Fiirst, daB jemand ihn angegriffen 
und zehn von seinen Leuten als Gefangene an den Konig von 
Agypten geschickt hat (173, 9 ff.). Ribaddi, der Konig von Byblus, 
hat einmal auf diese Weise drei von seinen Leuten verloren. Das 
war ,,eine Tat, wie sie noch nicht veriibt worden ist von ewiger 
Zeit her". Er bittet deshalb, diese drei Personen sofort wieder 
zuriickzuschicken (122, 13 ff.; 123,9ff.). Die Kleinfursten handelten 
bei diesem Verschenken von Gefangenen nur nach groBeren Vor- 
bildern. Sie taten dasselbe, was der Konig von Mitanni tat, als er 
dem Konige von Agypten u. a. einen Wagen, zwei Pferde und einen 
Jungling und eine Jtmgfrau aus der Beute des Chattilandes 2 ) tiber- 
sandte. Es ist aber bezeichnend, daB der Konig mit diesen Schen- 
kungen einverstanden ist, obschon er ganz genau weiB, daB sie 
stets nur auf ortliche Fehden und Gewalttatigkeiten zuriickgehen. 
Diese Fehden wurden von den Geschenkgebern wohl ausnahmslos 
als Unternehmungen zum Schutze der ihnen anvertrauten Stadte 
dargestellt. Die Gefangenen werden bei der Aufzahlung von den 
iibrigen Personen immer genau unterschieden. Man wiirde sie 
sicher nicht geschickt haben, wenn man nicht die Absicht gehabt 
hatte, durch den Hinweis auf den gliicklichen Erfolg einen 
besonders guten Eindruck zu erwecken. 

Was man zu tun hatte, um eine Stadt gegen das Vordringen der 
Feinde gewissenhaft zu verteidigen, wird uns in einem Briefe des 
Biridija von Megiddo gesagt. ,,Ich habe gehort", so schreibt dieser 
Fiirst, ,,die Worte des Konigs, meines Herrn und meiner Sonne, 
und siehe, ich schiitze Makida, die Stadt des Konigs, meines Herrn, 
bei Tag und bei Nacht. Bei Tage schutze ich von den Feldern aus. 
Mit Wagen und K[riegern] schutze ich die Mauern des Konigs, 
meines Herrn" (243, 8 ff.). Wenn die Truppe nicht stark genug war, 
wagte der Feind sich bis unmittelbar an die Stadt. Dann ergab sich 



*) pna ka-a]t ya-a[n-ia]. Winckler liest bei dem Eigennamen das zweiie 
Zeichen als mu, Knudtzon und Schroeder deuten die Spuren auf das Zeichen 
fiir pi r= ja, so daB sich der Name PJaja ergfab. Winckler hat also im Anfange 
denselben Keil gesehen, mit dem auch das Zeichen fur an beginnt. Auch 
der senkrechte Keil, der den Zeichen fiir an und fiir pi gemeinsam ist, 
scheint auf der Tafel naoh der Wiedergabe von Schroeder noch deutlich her- 
vorzutreten. 

2 ) Vgl. oben S. 250. 



266 

der Zustand, den derselbe Fiirst in einem andern Briefe sehildert. 
,,Nicht konnen wir die Schafe rupfen 1 ), und nicht konnen wir hin- 
ausgehen durch das Tor" (244, 13 ff.). In ahnlicher Weise schreibt 
Ribaddi von den Eroberungsversuchen des Abdasirta: ,,Siehe, er 
umschleicht 2 ) alle Tore Gublas. Wenn du ausziehst, wird er weichen 
von den Toren. Wir konnen nicht hinausgehen zur Ttir" (88, 1 1 ff.). 
An einer andern Stelle hebt er hervor, daB die Stadt von FuB- 
truppen und Wagen umgeben ist. ,,Sa-gaz-Leute und Wagen sind 
hingelegt, und nicht weichen sie von dem Eingange des Stadttores 
von Gubla" (87, 21 ff.). Er bittet deshalb in diesem Schreiben, das 
an den Heerfiihrer Amanappa gerichtet ist, urn Untersttitzung durch 
Truppen und Kriegswagen. ,,Dringe ein auf den Konig, meinen 
Herrn, daB [heran]kommen mit dir vortreffliche Krieger [nebst] 
Wagen!" 

Die Krieger, die der Konig hier schicken soil, werden im Gegen- 
satz zu den Feldsoldaten an andern Stellen als ameluti massarti 
oder als ameluti mansarti 3 ) bezeichnet. Es waren, wenn man auf 
die Grundbedeutung dieses Ausdrucks zuriickgeht, Leute des 
Schutzes oder Schutzmannschaften im eigentlichen Sinne des 
Wortes. Sie standen unter normalen Verhaltnissen ganz im Dienste 
des betreffehden Fiirsten, der auch in den El-Amarna-Tafeln noch 
an erster Stelle fur seine Stadt zu sorgen hat. Da ihm aber stets 
wieder zum BewuBtsein gebracht wurde, daB er die Stadt als das 
Eigentum des Konigs zu betrachten und deshalb auch fur den 
Konig zu schiitzen und zu verteidigen hatte, zog er aus dieser 
Auffassung eine naheliegende SchluBfolgerung. Er stellte sich 
ebenfalls auf diesen Standpunkt und hielt es fur selbstverstandlich, 
daB der Konig auch seinerseits, wenn es notwendig war, Ersatz 
und Verstarkungen schickte. Die Begriindung war immer dieselbe. 
Man bat um ameluti massarti ana nasar al sarri, um Schutztruppen, 
womit man die Stadt des Konigs zu schiitzen versprach. Der Konig 
konnte sich einer solchen Bitte, wenn er sein Besitztum nicht preis- 
geben wollte, schon aus praktischen Griinden auf die Dauer nicht 
ganz widersetzen. Wenn die Hilfe noch langer auf sich warten 
lieB, muBte die Stadt des Konigs, wie die Bittsteller in ihren Dar- 
legungen regelmaBig hervorheben, unbedingt in die Hande der 
Feinde fallen. Die Antrage waren aber so zahlreich, daB sie trotz 
dieser Versicherungen oft iiberhort wurden und nur selten zu einem 
entscheidenden Ergebnis fiihrten. Sie sind, soweit sie noch vor- 
liegen, vielfach ganz allgemein gehalten, so daB es wirklich nicht 
leicht war, sich iiber die Einzelheiten, die hier in Betracht kamen, 
ein sicheres Urteil zu bilden. In andern Fallen sind die Wiinsche 
genau formuliert. Als Abdasirta die dem Ribaddi gehorige Stadt 



1 ) So nach MeiBner im Archiv fiir Orientforschungf, Bd. V (1928), S. 184. 

2 ) er-tam-si, nach dem ansprechenden Vorschlage yon libeling, Das 
Verbum der El-Amarna-Briefe, in den Beitr. zur Assyriolosfie, herausgesr. 
von Delitzsch und Haupt, Bd. VIII, Heft 2, S. 77. 

s ) 238, 11 und 244, 35. 



267 

Sigata bedrohte, bat dieser um 50 Spann Pferde und 200 FuB- 
soldaten, damit er sich halten konne, bis die erwarteten Feldtruppen 
eintrafen (71,22ff.). Er hatte jedoch vergebens gehofft; die Stadt 
verfiel ihrem Schicksale. Die einzigen Orte, die ihm noch blieben, 
waren Gubla und Batruna. Um sie zu retten, bat er jetzt um 
400 Mann und 30 Paar Pferde, aber zunachst mit demselben Erfolge 
(76, 24 ff.). Darauf trug er seine Bitte noch einmal vor, und zwar 
mit dem Hinzufiigen, da6 man ein Gleiches dem Fiirsten von Akko 
bewilligt habe (85, 19 ff.). Auch dieses fuhrte nicht zum Ziele. 
Batruna ging verloren, und Ribaddi bat zum dritten Male um 
400 Mann und 30 Paar Pferde, um jetzt wenigstens noch Gubla 
verteidigen zu konnen (90,45ff.). In der Tat hat er Gubla vor- 
laufig behalten. Ob es an der Unterstiitzung oder an andern 
Umstanden gelegen hat, wissen wir nicht. Als dann Aziru, der 
Sohn des Abdasirta, spater die Feindseligkeiten wieder aufnahm, 
verlangte Ribaddi zum Schutze von Gubla ,,300 Krieger und 
30 Wagen^und 100 Leute der Kasi-Lander" (131, 12ff.y. Diese 
Forderung steht mit den erwahnten Angaben offenbar in einem 
sachlichen Zusammenhange. 300 + 100 = 400; die Anzahl der 
Wagen ist dieselbe wie die Zahl der genannten Pferdepaare 1 ). 
Der Konig von Megiddo bittet in der Bedrangnis, in der er sich 
befmdet, um ,,100 Leute zum Schutze der Stadt" (244,33ff.). Er 
hat sich gegen die Angriffe des Labaja zu verteidigen, der im 
Siiden von Palastina ungefahr dieselbe Rolle spielt wie Abdasirta 
im Norden, aber nach allem, was wir auch sonst uber ihn erfahren, 
noch nicht so gefahrlich ist. Die Konige Bajadi, Abdihiba von 
Jerusalem und [Addujdani wunschen Verstarkungen in der Hohe 
von 50 Personen (238,11; 289,42; 295, Rs. 6). [Addu]dani bittet 
an derselben Stelle zugleich um einen amelu igi-mal, der nach dem 
Zusammenhange wohl an der Spitze der Abteilung steht 2 ). Abimilki 
von Tyrus glaubt einmal (148,14) um 10 und in zwei andern 
Briefen (149,18 und 151,15) um 20 Personen bitten zu diirfen. 
Auch der Konig von Byblus ersucht in einer Zeit, wo die Verhalt- 
nisse noch giinstiger fur ihn liegen, nur um die Zusendung von 
,,20 Leuten aus Meluha und 20 Leuten aus Agypten" (108,67). 
Er ist also, wenn ihm die Gefahr nicht zu grofi erscheint, in seinen 
Forderungen ebenfalls sehr bescheiden. 

1 ) Die Leute aus den Kasi-Landern sind nach dem Zusammenha'nge die- 
selben Krieger, die an andern Stellen als Leute aus dem Lande Meluha 
(Vgl. qben S. 261) bezekhnet werden. In dem Briefe Nr. 133, der ebenfalls 
von Ribaddi stammt, wird der Name [me-lu-]ha durch ein hinzugefiigtes 
kaf-si] genauer erklart. Kasi kann unter diesen Umstanden nur das 
hebraische Kus sein. 

2 ) Das sumerische igi-mal ~wird in dem Brieie Nr. 337 (Vgl. ofoen S. 259) 
durch malanu = Nachtquartier erklart. Der amelu igi-mal kann also nur 
der ,,Quartiermeister" sein. Addudani ist auch der Erbauer des Lagers, 
aus dem die Stadt Manahath (S. oben S. 259) entstanden ist. Er scheint 
also, wie wir aus diesem Zusammentreffen entnehmen diirfen, auf die Bereit- 
stellung yon guten Quartieren einen besonderen Wert gelegt zu haben. Auch 
die Israeliten hatten Heeresabteilungen von jedesmal funfzig Mann, mit einem 
,,Fiihrer der Fiinfzig" an ihrer Spitze. 



268 

Die Zahl der Wagen und Pferde, die zur Verteidigung 
gewiinscht werden, ist in den Briefen verhaltnismaBig recht hoch. 
Ribaddi verlangt einmal 50 (71,23f.), dreimal 30 Paar Pferde 
(76,26; 85,20; 90,46), zweimal 30 Paar Pferde nebst Wagen 
(72,27; 107,401), zweimal 20 Paar Pferde (103,42; 106,42) und 
zweimal 30 Wagen (127,37; 131,12). Einmal beschwert er sich 
in einem Schreiben an den oben schon erwahnten Truppenfuhrer 
Amanappa, daB dieser vom Konige 30 Paar Pferde fiir ihn erhalten, 
aber nur 10 Paar abgeliefert habe (86, 41 ff.). Amanappa scheint 
also fiir diese Pferde an einer andern Stelle eine bessere Verwendung 
gehabt zu haberi. Zweimal betont er, daB die notwendigen Leute 
vorhanden sind, daB ihm aber die Wagen und die Pferde fehlen 
(106, 43 f. und 107,42). Man sieht also, daB die Mannschaften 
auch dainals schon leichter zu beschaffen waren als die Aus- 
rtistung des Heeres. Das fuhrte zur Zeit des Konigs Amenophis III. 
sogar zu einer ernsten Auseinandersetzung mit dem Konig Kadas- 
man-yarbe von Babylon. Der Konig von Babylon hatte sich von 
seinen Boten erzahlen lassen, daB auch die Wagen, die er seinem 
koniglichen Bruder als Geschenk iibersandt hatte, wahrscheinlich 
in dieser Weise gebraucht wurden, und war dariiber sehr unge- 
halten. Amenophis hatte sie, wie man berichtete, kaum angesehen 
und sie sofort zu den iibrigen stellen lassen, die fur derartige 
Zwecke schon bereitgehalten wurden. Das entsprach, wie es 
scheint, durchaus den Tatsachen. Amenophis sucht es zwar in 
Abrede zu stellen, aber die Antwort, die er gibt, wird niemanden 
uberzeugt haben. Er betont, daB die Boten nicht zuverlassig sind, 
und versichert, daB man ihn stets nur um Pferde und um Wagen 
aus seinem eigenen Lande gebeten habe (l,88ff.). Das war auch 
in Babylon wohl kaum bezweifelt worden. Es war auch in der 
damaligen Zeit mitunter schon schwer, etwas abzustreiten und 
doch bei der Wahrheit zu bleiben 1 ). 

Man bat aber nicht nur um Krieger und Kriegsmaterial, sondern 
vielfach auch um die Lebensmittel, die zur Verpflegung der Truppen 
erforderlich waren. Wenn man Feldsoldaten wtinschte, erklarte 
man ohne Bedenken, daB alles in hinreichender Fiille bereitgestellt 
wiirde. Man hatte dann, wie es scheint, unter Umstanden einen 
viel groBeren Mut als die verantwortlichen Personlichkeiten in 
Agypten. Als man in Agypten aus guten Griinden zuriickhielt, 
glaubte Ribaddi in einem seiner spateren Briefe versichern zu 
durfen: ,,Wenn man sagt vor dem Konige: Es ist kein Getreide, 
sind keine Nahrungsmittel vorhanden; wo ist Nahrung fiir die 
Feldtruppen? so wisse: Aus samtlichen Stadten des Konigs, 
meines Herrn, [werden] Nahrungsmittel und Getreide fgebracht 
werden fiir die Feldtruppen des Konigs, meines Herrn]" (131, 41 ff.). 



*) Der Abschaii-tt folgt unmittelbar auf die Erklarung, daB der Kondg 
von Agypien sich bei den Boien in keiner Weise nach den Soldalen tmd 
der Heeresausriistung des Konigs von Babylon erkundigi habe (Vgl. oben 
S. 249), und ist offenbar ganz mit demselben MaBstabe zu messen. 



269 

Wie es aber in Wirklichkeit in den Stadten oft aussah, erfahren wir 
aus einer Reihe von andera Angaben. Ribaddi hatte selbst in seinen 
Briefen schon haufig dariiber geklagt, daB die Lebensmittel nicht 
ausreichten, und wiederholt auf die Gepflogenheiten einer langst 
entschwundenen Vergangenheit hingewiesen, wo alles noch reich- 
lich und schon geliefert wurde. ,,Zur Zeit meiner Vater", schreibt 
er an einer Stelle, ,,waren Schutzmannschaften des Konigs bei 
ihnen, und Lebensmittel des Konigs in ihrem Besitz. Aber siehe, 
ich habe keine Lebensmittel und keine Schutzmannschaften vom 
Konige" (121, 1 Iff.). An einer andern Stelle erklart er: ,,Fruher, 
in den Tagen meiner Vater, waren Schutzmannschaften des Konigs 
bei ihnen, und alles mogliche wurde ihnen vom Konige zur Ver- 
fiigung gestellt" (122, 1 1 ff.). So ist es nach einer weiteren Angabe 
noch in den ersten Jahren seiner eigenen Regierung gewesen; der 
Konig hat auch ihm in fruherer Zeit die notwendigen Krieger 
geschickt und ,,Oetreide von Jarimuta zur Nahrung fur sie", aber 
man scheint sich jetzt gar nicht mehr urn ihn zu kummern. ,,Siehe", 
so fahrt er fort, jetzt hat Arizu mich wieder bedrangt; ich habe 
keine Rinder und keine Schafe; genommen hat Aziru alles. Und 
es ist kein Getreide da zur Nahrung fur mich, und die hubsi-Leute 
sind abgezogen nach Stadten, wo Getreide vorhanden ist zur 
Nahrung fur sie" (125, 14 ff.). Diese hubsi-Leute, die nach den 
Texten den armeren Teil der stadtischen Bevolkerung ausmachen, 
waren in ihrer Not sogar schon zu einer personlichen Gefahr fiir 
ihn geworden. Sie waren von ihm abgefallen zu den Sohnen des 
Abdasirta und zu den Machthabern von Sidon und Beirut, weil 
keine Lebensmittel zur Verfugung standen (118, 22 ff.); sie drohten 
zu den Waff en zu greifen, wenn man ihnen nicht helfe (130, 39 ff.). 
Er furchtet sich vor ihnen (117,90) und hegt die Besorgnis, daB 
er schliefilich noch von ihnen erschlagen wird (77, 36 f .). Das war 
nach allem, was man ihnen an Opfern schon zugemutet hatte, 
durchaus nicht zu verwundern. Wir lesen bereits in einem der 
alteren Brief e des Ribaddi die ergreifende Klage: ,,Siehe, wie ein 
Vogel, der in seinem Netze liegt, sind sie inmitten von Gubla. 
Ihr Feld gleicht einer Frau, die ohne Gatten ist, wegen Mangels 
an Bestellung. Dahin sind ihre Sohne, ihre Tochter, die Gerate 
ihrer Hauser, indem sie gegeben wurden in Jarimuta fiir die 
Rettung ihres Lebens" (81,34ff.), und in den spateren Jahren 
gestalteten sich die Verhaltnisse noch schlimmer, weil die Fahrten 
nach Jarimuta von feindlicher Hand sogar unmoglich gemacht 
wurden (114, 54 ff.; vgl. 105, 85 f.). Auch die iibrigen Teile der 
Bevolkerung hatten vielfach auBerordentlich zu leiden. Was von 
den hubsi-Leuten gesagt ist, wird fast mit denselben Worten an 
andern Stellen ganz allgemein ausgedriickt. So heiBt es z. B. schon 
in einem fruheren Schreiben: ,,Dahin sind unsere Sohne und unsere 
Tochter mit uns, indem sie gegeben wurden in Jarimuta fiir die 
Rettung unseres Lebens. Mein Feld ist einer Frau gleich, die keinen 
Gatten hat, wegen Mangels an Bestellung" (74, 15 ff.), und in einem 
etwas jiingeren Briefe wiederholt sich diese Versicherung noch 



270 

einmal fast ganz in derselben Form (90, 36 ff.). Bei den Bitten um 
Ueberlassung von Pferden wird mehrfach hervorgehoben, daB kein 
Geld vorhanden ist, sie anderweitig zu beschaffen. Alles Geld ist 
namlich dahingegeben nach Jarimuta zur Erhaltung des Lebens 
(107, 37 ff.; 112, 25 ff.; 117, 74 ff.). Die bescheidenen Vorrate 
mussen unter solchen Verhaltnissen gemessen, also sorgsam abge- 
messen und vielleicht sogar dem einzelnen genau zugemessen 
werden, damit sie nicht vor der Zeit zu Ende gehen. ,,Schon seit 
zwei Jahren", heiBt es an einer Stelle, ,,messe ich mein Getreide; 
es ist kein Getreide da zur Nahrung fur uns" (85, 9 ff .), und in dem 
folgenden Briefe lautet die Klage mit einer sich von selbst ergeben- 
den Steigerung: ,,Siehe, schon seit drei Jahren messe ich unser 
Getreide; nichts ist vorhanden, um es hinzugeben fur Mittel zum 
Leben" (86, 38 f.). Auch den andern Fiirsten der dortigen Gegend 
sind nach einem spateren Briefe Lebensmittel zur Verfiigung gestellt 
worden, und zwar ist Ribaddi erklarlicherweise davon iiberzeugt, 
daB er diesen gegeniiber im Nachteil geblieben ist. ,,Der Konig 
hat Lebensmittel den Fiirsten, meinen Genossen, mir aber gar nichts 
gegeben. Friiher wurde zu meinen Vatern vom Hofe Geld und 
alles mogliche gesandt fur sein Leben 1 ). Und es sandte mein Herr 
auch Krieger zu ihnen. Aber siehe, ich habe geschrieben an meinen 
Herrn um Krieger; es sind aber keine Schutztruppen gesandt 
worden, und es wird mir gar nichts gegeben" (126, 15 ff.). Aber 
nichtsdestoweniger findet er einmal den Mut, auch die andern 
Fursten ausdriicklich in seine Bitte miteinzuschlieBen. Er kleidet 
seinen Wunsch in die Worte: ,,Bringe zur Ruhe die Fursten des 
Konigs durch Getreide" (121, 50 f.). Seine Gegner werden von 
anderen Seiten unterstutzt. Sie haben, wie er an einer Stelle 
behauptet, Pferde des Konigs genommen und Wagen, und sie haben 
Wagenkampfer und Offiziere an das Land ,,Su-ri" gegeben ,,zum 
Pfande" (101, 13 ff.). In dem folgenden Briefe fiigt er dann als 
Erklarung hinzu: ,,damit sie zu essen haben" '(109, 41). Er spricht 
dort allerdings nur von einem einzigen Offizier, der zu diesem 
Zwecke nach dem Lande ,,Su-ba-ri" verschickt wurde, aber man 
erkennt sofort die Uebereinstimmung. Su-ri ist lediglich ein nahe- 
liegender Schreibfehler, und der Plural erklart sich aus der begreif- 
lichen Neigung, bei einer Anklage die Beschuldigungen zu iiber- 
treiben und zu verallgemeinern. In einem Schreiben der Bewohner 
von Irkata wird erzahlt, daB ,,30 Pferde nebst Wagen" nach dem 
Lande Subari ausgeliefert wurden (100, 20 ff.). Diese Bemerkung 
scheint sich auf denselben Vorgang zu beziehen. Die Subari sind 
die alteren Bewohner der nordlichen Gebiete von Mesopotamien, 
die in der damaligen Zeit groBtenteils zum Reiche des Konigs von 
Mitanni gehorten. DaB Abdasirta und spater die Sohne des Abda- 
sirta Zahlungen nach Mitanni zu leisten hatten und zum Teil ganz 
erhebliche Betrage dorthin abfiihrten, wird auch 101, 6ff. und 
126, 65 66 ausdriicklich hervorgehoben. Ribaddi spricht sogar 



fur das Leben des betreffenden Konigs. Man erwartet: fur ihr Leben. 



271 

von einer grofien Unzufriedenheit, die sich infolgedessen unter den 
Bewohnern von Amurru zu erkennen gibt. Die Leute sind erbittert 
und ungehalten, daB von Agypten keine Feldsoldaten eintreffen; 
denn ,,sehr viel ist alles, was ihnen genommen wurde nach dem 
Lande Mitana" (86, 6ff.). Anderes wurde aus den fruchtbaren 
Niederungen am Orontes bezogen, wo Aziru ein Abkornmen mit 
dem Fursten von ECades geschlossen hatte. Dies wurde dann aber 
in Agypten, als es dort bekannt wurde, recht iibel vermerkt. ,,Der 
Konig hat gehort", so heiBt es in dem Brief e, den man ihm bald 
nachher zuschickte, ,,da8 du mit dem Manne von Kidsa eine Ver- 
einbarung getroffen hast, daB ihr untereinander fiir Speisen und 
Rauschtrank sorget. Wenn dieses wahr ist: warum handelst du so? 
Warum hast du eine Vereinbarung getroffen mit einem Manne, 
mit dem der Konig in Feindschaft lebt? Aber selbst wenn du recht- 
maBig gehandelt hast, hast du nur auf deinen Willen gesehen und 
war sein Wille fiir dich nicht vorhanden" (162, 22 ff,). Ob Aziru 
hierauf geantwortet hat, wissen wir nicht. Er hatte noch manches 
andere auf dem Gewissen und pflegte alles, was man ihm nicht 
beweisen konnte, kurzerhand in Abrede zu stellen. Der Konig 
betrachtet es als selbstverstandlich, daB die Vasallen sich in ihrer 
Bedrangnis nur an ihn wenden, und iiberlaBt dann die Regelung, 
soweit er nicht selbst eingreift, den Beamten in Jarimuta. Man 
erhielt dort unter Umstanden auch Geld und Kleidungsstticke. DaB 
die Fursten, wenn es notwendig war. mit Geld unterstiitzt wurden, 
erfuhren wir schon aus dem Brief e Nr. 126. Der Konig schickte 
ihnen ,,Geld und alles mogliche". Amanappa konnte dem Ribaddi 
ohne Bedenken den Rat geben: ,,Sende ein Schiff nach Jarimuta, 
und es werden dir Geld und Kleider von ihnen geliefert werden" 
(82, 28 ff.), und Ribaddi zieht hieraus nur die SchluBfolgerung, 
wenn er dann seinerseits an den Konig schreibt: ,,Sage dem Jan- 
hamu, daB er Geld und [Kleijder nehme fiir die Leute von Gubla 
in Jarimuta" (85, 48 ff.). 

Das Wort Jarimuta ist in den Texten stets mit dem Determinativ 
fiir kur = matu = Land verbunden. Es wird also nicht als die 
Bezeichnung einer Stadt, sondern als der Name einer Gegend 
betrachtet. Dabei ist aber der Zusammenhang mit einer Stadt 
natiirlich nicht ausgeschlossen. Da Ribaddi aufgefordert wird, mit 
einem Schiff dorthin zu fahren, denkt man zunachst an eine Gegend, 
die unmittelbar am Meere liegt. Man darf aber nicht ubersehen, 
daB der Name seiner Bedeutung nach eine ,,Anhohe" voraussetzt. 
Die Bildung ist ganz und gar semitisch. Sie deckt sich in der 
Form mit dem hebraischen Jarmuth, das uns in Juda 1 ) und im 
Gebiete des Stammes Issachar 2 ) als Ortsname begegnet. Das Wort 
findet sich nur in den Briefen des Ribaddi. Es ist aber kaum 
anzunehmen, daB Ribaddi seine Lebensmittel aus dem Siiden von 
Palastina bezog. Fiir ihn lag die Gegend, wo wir das nordliche 



*) Jos. 10, 3ff.; 12, 11; 15, 35; Neh. 11, 29. 
2 ) Jos. 21, 29. 



979 

il ft 

Jaramth zu suchen haben, an und fur sich wesentlich naher. Es 
war in der spateren Zeit eine Levitenstadt, die in der biblischen 
Angabe zwischen Dabrath und En Gannim genannt wird. Das 
fiihrt uns in die fruchtbare Ebene Jezreel, wo die Agypter z. B. das 
Gebiet von Sunem, wie wir gesehen haben, und wahrscheinlich 
auch die Feldbezirke von Burkuna und von yarabu durch die 
Bewohner der Nachbarorte fur sich bewirtschaften lieBen. Es gab 
aber, wie wir seit dem Jahre 1914 aus einer von Poebel veroffent- 
lichten Inschrift des altbabylonischen Konigs Sargon von Agade 1 ) 
wissen, auBerdem noch ein drittes fiir unsere Bezeichnung in 
Betracht komraendes Gebiet, das wir in der Gegend von Antiochien 
zu suchen haben. Wir erfahren dort, daB Sargon auf seinem 
Kriegszuge zum Westen ,,das obere Land, und zwar die Gebiete 
von Mari, Jarmuti und Ibla bis zum Zederawald und zu den 
Silberbergen" unterwarf. Der Zedernwald ist nach andern Texten 
der Amanus, das Silbergebirge der Taurus; Mari war die Haupt- 
stadt eines gleichnamigen Konigreiches am mittleren Laufe des 
Euphrat 2 ). Ibla wird von Gudea 3 ) als ein Gebirge bezeichnet, das 
sich in der unmittelbaren Nahe der Stadt Ursu = Ursu befindet. 
Gudea bildete nach seiner Angabe ,,in der Stadt Ursu im Gebirge 
Ibla" FloBe aus wertvollem Nutzholz 4 ). Ursu ist aber, wie allge- 
mein zugegeben wird, das heutige 'Arsuz am Golf von Alexandrette, 
sudlich vom Amanus. Jarmuti liegt nach dem Texte zwischen dem 
Gebiete von Mari und dem Gebiete von Ibla. Damit kommen wir 
in die Nahe der fruchtbaren Ebene an der Miindung des Orontes, 
ungefahr auf derselben Hohe mit Aleppo. Diese scheint auch 
wegen ihrer Lage den Forderungen der El-Amarna-Tafeln am 
besten zu entsprechen. 

Die Lieferungen erfolgten zum Teil durch die Vermittelung eines 
gewissen Japaddi. Dieser nahm Bestellungen entgegen und schickte 
das Getreide, wenn es verlangt wurde, auf eigenen Schiffen. Er 
betrachtete den Janhamu, wie es scheint, als seinen Vorgesetzten, 
arbeitete aber im iibrigen mit ihm Hand in Hand. In dem Briefe 
Nr. 98 schreibt er ihm: ,,Warum hast du dich zuriickgehalten von 
Sumur, nachdem abgefallen und auf die Seite des Aziru getreten 
sind alle Lander von Byblus bis Ugarit? Denn abgefallen ist Sigati 

und Ambi, und siehe, er hat Schiffe gelegt in Ambi und 

in Sigati, damit kein Getreide hineingebracht werde nach Sumur. 
Und nicht konnen wir hineinkommen nach Sumur. Darum schreibe 
doch an den Hof fiber diese Sache! Es ist gut, daB du unterrichtet 



*) Historical and grammatical Texts Nr. 34 Kol. V und VI; Historical 
Texts S. 177178 und S. 222 ff. 

2 ) Jetzt wiedergefunden in dem nordlich von Abu-Kemal gelegenen Tell 
Hariri. Vgl. daruber besonders die Mitteilungen von Andre" Parrot, Syria XVI 
(1935), S. Iff. 118ff., XVII (1936), S. Iff., XVIII (1937), S. 54 H u. 6. 

3 ) Statue B 7, 54. 

4 ) Er machte dort aus den einzelnen Stammen ein ad-su. Ad bezeichnet 
dm Sumerischen auch die Ineinanderfiigung oder die Seitenstucke eines Schiffes. 



bist." Er setzt also den Janhamu in Kenntnis, daB Aziru die 
Lieferungen nach Sumur unmoglich macht, und bittet ihn, hieriiber 
an den Hof zu berichten. Man hat in ihm einen agyptischen 
Beamten vermutet, aber sicher mit Unrecht. Er verbindet sich, 
wenn es ihm paBt, ohne Bedenken mit den pegnern der Agypter 
und handelt unter Umstanden genau so eigenmachtig wie die 
iibrigen syrischen und palastinensischen Kleinfiirsten. Wir werden 
deshalb nicht fehlgehen, wenn wir ihn ebenfalls als einen Stadtkonig 
betrachten, der hochst wahrscheinlich in einem Hafenorte von 
Jarimuta seinen Wohnsitz hatte. Die Fiirsten waren auch in der 
damaligen Zeit mitunter schon sehr gewiegte Kaufleute. 

Ribaddi bezog die Lebensmittel, wie wir aus seinen Briefen 
ersehen, urspriinglich ganz in derselben Weise. Er iibergab dem 
Japaddi, was er an Geld und an sonstigen Werten bereitstellen 
konnte, und wartete dann auf die Sendungen, die ihm von Jarimuta 
aus zugehen sollten. Hierbei kam er aber schlieBlich zu der 
Ueberzeugung, daB das Getreide nur teilweise geliefert wurde. 
Man schrieb ihm von Agypten, daB Janhamu ihm reichlich geschickt 
habe, und er muBte seinerseits versichern, daB er zwar gezahlt, 
aber kaum etwas erhalten hatte (85, 23 ff.; 86, 15 ff.)- Japaddi 
muBte also, da man an der Aufrichtigkeit und an der Gewissen- 
haftigkeit des Janhamu gar nicht zweifeln konnte, einen erheblichen 
Teil der ihm anvertrauten Werte ganz unterschlagen haben. Das 
fuhrte zu einer gerichtlichen Verhandlung, wobei die Schuld des 
Japaddi einwandfrei festgestellt wurde. Das Urteil kam aber nicht 
zur Ausfiihrung, weil Japaddi sich der Entscheidung nicht fugte. 
Er begann Feindschaft mit Ribaddi (105, 31 ff.) und nahm ihm 
z. B. zwei Schiffe weg (113, 11 ff.), so daB es unmoglich war, sich 
noch weiterhin auf die See hinauszuwagen. Ribaddi wandte sich 
deshalb wieder an den Konig und drangte in verschiedenen Briefen 
zu einer Nachpriifung der Angelegenheit, bei der es ihm, wie er 
hervorhebt, besonders auch auf seine Zuverlassigkeit und seinen 
guten Namen ankam. Es war fur ihn ein Streit um sein ,,Recht" 
(119, 15 ff. 36 ff. 45). Der Konig soil einen Vertreter (113, 17; 117, 
66) oder vielleicht auch mehrere Person en (116, 30) schicken, daB 
sie zwischen ihm und Japaddi die Entscheidung treffen, der er 
sich gem fiigen will, ganz einerlei, ob der Konig ihm einiges 
zubilligt oder alles fur sich nimmt (116, 34 ff.). Was dem Konige 
zugesprochen wird, soil ein anderer nicht an sich nehmen (117, 
67 ff.). Der Konig hielt die Sache fur wichtig genug, um der Bitte 
zu entsprechen. Er schickte zwei Vertreter, den Abdaddi und den 
Benazimi, denen er vorher die notwendigen Anweisungen gab. 
Die Wertgegenstande, um die es sich handelte, waren noch in der 
Hand des Japaddi. Sie gehorten zum Teil einer Dame, die einen 
Bruder hatte, mit dem man nicht gem einen Rechtsstreit anfing. 
Abdaddi hatte vom Konige den Auftrag, die Dame nach Agypten 
zu bringen und ihr das Besitztum zuriickzugeben. Sie war allem 
Anscheine nach sehr wohlhabend und hatte das Notwendige zur 
Verfiigung gestellt, um den Einkauf der Lebensmittel zu ermog- 

18 



274 

lichen. DaB die Wohlhabenden bei solchen Gelegenheiten ganz 
besonders herangezogen wurden, geht auch aus andern Angaben 
hervor. Ribaddi versichert dem Konige gerade fur die damalige 
Zeit, daB die Einwohner seiner Stadt nichts mehr besafien, und 
daB alles, was zwei oder drei Personen noch abgeben konnten, 
als Losegeld entrichtet war (116, 42 ff.). Da der Bruder der Dame 
in der Angelegenheit eine besondere Rolle spielt, darf man wohl 
annehmen, daB sie unverheiratet war. Der Bruder nahm an ihrer 
Seite den Platz ein, den man sonst dem Ehemanne zubilligt. Es 
handelt sich also wohl um eine Priesterin oder um eine Ober- 
priesterin am Tempel der Astarte. Abdaddi lieB sich nun von 
Ribaddi genau angeben, was Japaddi erhalten hatte, und brachte 
diese Zusammenstellung, die uns in dem Texte 'Nr. 120 vorliegt, 
zugleich mit dem Brief e Nr. 119 an den Hof des Konigs. Um den 
Abdaddi fur seine Bemuhungen einigermaBen zu entschadigen, 
hatte der Konig ihm die kleineren Gegenstande, um die es sich 
handelte, als Geschenk angeboten. Es wird aber ausdrucklich 
hinzugefiigt, daB Abdaddi diese Gegenstande nicht genommen 
hatte 1 ). Die Tafel 120 (= Schroeder Nr. 6566) ist leider sehr 
beschadigt. Sie ist aber trotz der Liicken, die uns iiberall entgegen- 
treten, in ihren Angaben noch auBerordentlich wertvoll. Z. 6 wer- 
den ,,100 Schwerter" und ,,100 kleine Dolche" genannt, Z. 12 lesen 
wir von einer Waschschiissel, Z. 17 von einem Bettgestell mit 
doppelter Vergoldung, Z. 18 von einem Sessel 2 ) mit vergoldetem 
ka-ah 3 ), Z. 20 ist von 100 Sesseln die Rede; Z. 21 werden ,,15 sa- 
ba-tu" und ,,15 ma-ar-ba-d[u]" aufgefiihrt. Dieses marbadu gibt 
sich durch seine Form 4 ) sofort als eine Entlehnung aus dem 
Kanaanaischen zu erkennen. Es kann nur dem hebraischen marbad 
= Bettdecke 5 ) entsprechen. Diese 15 Bettdecken werden hier 
unmittelbar nach den 15 sa-ba-tu genannt; sie miissen also, wie 
sich schon aus der Zahl ergibt, auf das engste mit ihnen zusammen- 
gehoren. Das fiihrt uns mit zwingender Notwendigkeit auf das 



1 ) Die Angabe findet sich gerade an einer Stelle, wo die Tafel 119 in der 
Mitte gebrochen ist. Es ist deshalb begreiflich, daB die Bemuhungen der 
Herausgeber hier nicht sofort zum Ziele fiihrten. Der Text ist aber in der 
Veroffentlichung yon Schroeder (Nr. 64 Rs 48 ff.) wohl ganz klar. Wir haben 
dort zu lesen: [ji-il-ki] a-na sa[-a-su] u (Vgl. Z. 52) [u-nu-te] zi-hi-ru-ta. 
Das ergibt sich nicht nur aus dem Zusammenhange und aus den Raunwerhalt- 
nissen, sondern auch aus den Spuren, die bei Schroeder noch vorhaoiden sind. 
Man sieht hier bei dem Worte unute Gerate noch einen Keil von dem u 
und den SchluBkeil von dem te. 

2 ) Die Tafel bietet hier nach einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1900, wo 
ich sie im AnschluB an die Vorlesungen von Prof. Delitzsch mit einer Reihe 
von andern Texten genauer priifen durfte, ein zwar beschadigtes, aber noch 
deutlich zu erkennendes gu-za. Ich giaubte dort genau dieselben Linien 
feststellen zu konnen wie in Z. 20. Das wird auch durch die Wiedergabe 
bei Schroeder im wesentlichen bestatigt. 

s ) Bedeutung noch unbekannt. 

*) Im Akkadischen miiBte man narbadu erwarten. 

*) Spr. 7, 16; 31, 22. 



hebraische sabatji = ruhen. Es kann sich also nur um fiinfzehn 
Gegenstande zum Ausruhen und um die gleiche Zahl von Decken 
handeln, mit denen man sich bei der Benutzung dieser Gegenstande 
vor Kalte zu schiitzen pflegte. Das ist fur den Ursprung und die 
Geschichte des alttestamentlichen Ruhetages, wie wir noch sehen 
werden, von besonderer Bedeutung. Die Tafel stammt aus einer 
Zeit, wo die Israeliten die Sprache von Palastina noch in keiner 
Weise beeinfluBt hatten. Z. 22 25 heiBt es dann weiter: ,,90 
hundert Sklavinnen und Sklaven. Es waren keine darunter, deren 
Scham ein Mann vorher schon entbloBt hatte 1 ). Diese mogen 
zuriickkehren! Die mannlichen behalte!" Die Zahl 90 hundert 
oder 9000 ist natiirlich nicht wortlich zu nehmen. Es ist die groBe 
Zahl der Sohne und Tochter, die, wie es an andern Stellen heiBt, 
nach Jarimuta gegeben wurden fur die Erhaltung des Lebens. Da 
Ribaddi den Standpunkt vertritt, daB alles im Verhaltnis zu den 
erfolgten Lieferungen zwischen ihm und dem Konige geteilt werden 
muB, will er dem Konige die mannlichen Sklaven fiir das Getreide 
tiberlassen, das er wirklich erhalten hat. In der folgenden Zeile 
werden dann noch 100 Goldminen erwahnt. 

Japaddi, der Gegner des Ribaddi, hatte sich damals ganz an 
Zimrida von Sidon angeschlossen, der seinerseits wieder mit 
Abimilki von Tyrus in Feindschaft lebte. Zimrida hatte sich friiher 
um die Freundschaft des Konigs von Tyrus bemiiht (146, 14 ff.); 
er hatte dann aber, als die Verhandlungen nicht zum Ziele fuhrten, 
die Stadt Uzu, das auf dem Festlande liegende Alttyrus, in seine 
Gewalt gebracht und dadurch die Bewohner der eigentlichen 
Handelsstadt, die auf einer Insel erbaut war, von der Verbindung 
mit dem Festlande ganz abgeschnitten. Das war fiir Tyrus ein 
Verhangnis. Es fehlte den Bewohnern an Lebensmitteln (148, 12) 
und an Wasser zum Trinken (148, 12 f. 31; 149, 51. 75; 150, 20 f.; 
151, 37ff.; 154, 11 ff.; 155, 7 ff. 19. 24 f. 63 f.), an Holz (148, 32 f.; 
149, 52. 76; 151, 37 ff.; 154, 11 ff; 155, 181 63), an Stroh 
(148, 33; 155, 19) und an Lehm (148, 34); es fehlte ihnen sogar 
die Moglichkeit, ihre Toten wiirdig zu bestatten (149, 52 f.). Man 
hatte zwar in Agypten die Stadt noch nicht ganz aus dem Auge 
gelassen; man hatte groBere Verstarkungen geschickt, die allem 
Anscheine nach zu einem voriibergehenden Erfolge gefiihrt hatten. 
Die ,,starke Hand des Konigs" war eingetroffen, und Tyrus hatte 
die Feinde siegreich zuriickgeschlagen (149, 64 ff.). Es ist aber 
bezeichnend, daB die Klagen trotz dieses Erfolges sofort wieder 



*) ia-nu i-na pa-nu-te ur-si-n[a] [i]p-ie [am]elu. Das Zeichen fiir amelu 
lieB sich im Jahre 1900, wenn ich damals richtig gesehen habe, in seinen 
Spuren noch mit ausreichender Sicherheit erkennen. Die Niederschrift, die 
ich mir damals anfertigte, zeigt auBer den Querkeilen besonders noch die 
drei Senkrechten, die fiir das Zeichen in den Briefen aus Byblus charak- 
teristisch sind. Schroeder bietet zwei Senkrechte, so daB sich das auch 
von Knudtzon gelesene Zeichen fiir ni ergab. Die Sielle war mir damals, 
weil ich andere Spuren zum Teil nicht zu erganzen vermochte, in ihrer 
Bedeutung noch ganz und gar unverstandlich. 

18* 



276 

einsetzten. Sie sind in dem Briefe, in dem uns dariiber berichtet 
wird, fast noch eindringlicher als in irgendeinem andern Schreiben. 
Abimilki scheint dann auBerdem noch die Mitteilung erhalten zu 
haben, daB der Konig die Freigabe des Trinkwassers verlangte. 
Er spricht in der iiblichen Weise von dem Hauche, der ihm zuge- 
gangen ist, und hebt als den Inhalt dieses Handles hervor, daB 
ihm Wasser zum Trinken zur Verfiigung gestellt werden sollte 
(155, 7ff.). Dieser Befehl, der nur an Zimrida gerichtet sein konnte, 
fand aber nach der Angabe des Abimilki gar keine Beachtung. 
Dabei betont derselbe Zimrida in den Brieien, die wir von ihm 
selbst noch besitzen, mit ganz besonderem Nachdruck seinen 
Gehorsam und seine Treue! Er stand in Wirklichkeit ganz auf der 
Seite des Aziru, der ebenso wie die Leute von Arwad an dem 
Unteraehmen gegen Tyrus beteiligt war (149, 57 ff.). Da Tyrus 
sich zu halten vermochte, gab er zu gleicher Zeit die Anregung zu 
einer Belagerung von Sumur (149, 67 f.), das dann erobert und von 
Aziru besetzt wurde (116, 12; 124, 19; 131, 8; 133, 5f.; 134, 34; 
138, 35; 59, 34; 140, 15; 149, 38 ff., 67). Aziru wurde dann 
aber zur Rechenschaft gezogen und muBte die Stadt wieder auf- 
bauen (159, llff. 43 ff.; 160, 24 ff.; 161, 35 ff.). Er hebt in einem 
Schreiben zu seiner Rechtfertigung hervor, daB die OroBen von 
Sumur ihn nicht zulassen wollten, daB sie ihm also die Tore der 
Stadt nicht ofmeten, obschon er zum Eintritt in die Stadt ein Recht 
zu haben glaubte (157, 111). Die GroBen, an die er hier denkt, 
sind die agyptischen Vorsteher, die in Sumur als Statthalter tatig 
waren. Die Stadt ist ihm, wie man erzahlte, durch den Vorsteher 
Uaib (132, 42) oder yabi (149, 37) iibergeben worden. Er glaubte 
also gar nichts Boses getan zu haben. Wenn der Chethiterkonig 
ihm Schwierigkeiten bereitet, hofft er von Agypten sogar noch 
Hilfstruppen zu erhalten. Er wird dem Konige, wie er am Anfange 
des Brief es erklart, bis in Ewigkeit die Treue bewahren und fiigt 
am SchluB noch hinzu, daB er auch stets den Tribut entrichten 
will, der dem Konige von den iibrigen Fiirsten gezahlt wird. Der 
Kpnig bestand aber darauf, daB er zur Huldigung oder yielleicht 
auch zum AbschluB der Verhandlungen personlich in Agypten 
erscheinen sollte. Dazu konnte er sich nach allem, was ihm zum 
Vorwurfe gemacht wurde, nur schwer entschlieBen. Er bat deshalb 
zunachst um Ausstand bis zum folgenden Jahre, weil sein Sohn 
ihn, wie es scheint 1 ), damals in seiner Abwesenheit nicht vertreten 
konnte. Der Ausstand wurde ihm bewilligt, aber mit der Erklarung, 
daB er im nachsten Jahre, wenn er nicht selbst kommen konnte, 
seinen Sohn zu schicken hatte (162, 42 ff.). Als die Zeit abgelaufen 
war, sandte der Konig einen Boten, mit Namen liatib, um ihn zu 
holen. Aziru konnte sich aber auch jetzt noch nicht zu der Reise 
entschlieBen. Er schrieb zunachst an den Hofbeamten Dudu und 
versicherte ihm, daB er mit fjtetib erscheinen werde, aber noch 
warten miisse, weil die Chethiter im Anzuge seien. Dann fiigt er 



Der Text ist hier zerstoit 



277 

aber sofort hinzu: ,,Mein Herr, ich habe Furcht vor dem Konige, 
meinem Merrn, und vor Dudu." Hierauf betont er noch einmal, 
da8 er unbedingt kommen wird, und schreibt dann in dem folgen- 
den Abschnitt: ,,Und es mogen erklaren Dudu und der Konig, 
mein Herr, und die Grofien: Fiirwahr, wir werden nichts in die 
Wege leiten gegen Aziru, was nicht gut ist. Ja, so sollst du 

schworen meinen Gottern und dem Gotte ; denn siehe, ich und 

Jatib sind brave Diener des Konigs" (164, 18ff.). Zu Dudu hat 
er ein ganz besonderes Vertrauen. Er hat ihm schon fruher in 
dem Briefe Nr. 158 mitgeteilt, daB er bereit ist, ihm zu geben, 
was immer sein Wunsch ist, und ihm in diesem Zusammenhange 
zugleich die Bitte ausgesprochen, beim Konige ein gutes Wort fur 
ihn einzulegen. Denn die Feinde haben, wie er sich ausdriickt, 
Worte der Verleumdung vor dem Konige gegen ihn ausgesprochen, 
und diese Verleumdungen soil Dudu zuriickweisen. ,,Siehe", so 
schreibt er, ,,du mogest vor dem Konige, meinem Herrn, sitzen wie 
ich selbst 1 ) und Worte der Verleumdung gegen mich nicht zu- 
lassen!" DaB er auch an Gaben fiir den Konig gedacht hatte, ist 
selbstverstandlich. Diese wurden auf besonderen Schiffen nach 
Agypten gebracht (168, 10). Als die Reise dann angetreten war, 
machten die Fiirsten von Nuhassi dem Sohne des Aziru zum Vor- 
wurfe, daB er seinen Vater fiir Geld an den Konig von Agypten 
verkauft habe. Sie waren iiberzeugt, daB er nie wieder zuriick- 
kehren wiirde (169, 17 ff.). Der Konig war aber nach allem, was 
voraufgegangen war, sehr entgegenkommend. Dudu hatte offenbar 
seine Pflicht getan. Aziru sprach bei den Verhandlungen, wie wir 
annehmen diirfen, wieder viel von Verleumdung und Luge und 
wurde dann schlieBlich in aller Form in dem Besitz des er- 
oberten Gebietes belassen. Das war auch aus politischen Grtinden, 
wie es scheint, der einzige Weg, der fiir Agypten in Betracht 
kam. Es muBte dem Konige bei dem Vordringen der Chethiter 
viel daran liegen, an der Grenze des Landes einen Freund zu be- 
sitzen, der wirklich iiber eine groBere Macht verfiigte. Die Ver- 
haltnisse waren aber bald wieder starker als der gute Wille, den 
man dem Aziru bei dem damaligen Uebereinkommen wohl zu- 
billigen darf. Er stand schon bald wieder auf der Seite der Chethiter 
und schloB mit dem Konige Subbiluliuma einen umfangreichen 
Staatsvertrag, der uns noch groBtenteils im Wortlaut erhalten ist 2 ). 
Die Abmachungen stimmen im Ausdruck genau mit dem Vertrage 
iiberein, den Subbiluliuma mit dem Konige Tette von Nuhassi 
schloB 3 ), und wiederholen sich spater noch in derselben Form in 
dem Vertrage zwischen Hattusil III. und Bentesina, dem Urenkel 



1 ) [ki-i-m]a a-ia-si, in derselben Schreibung wie Assturnasirpal Anm. 2, 26 
(a-na a-ia-si neben dem als Variante in einem Paralleltexte vorkonunenden 
ia-a-si). 

2 ) Ernst F. Weidner, Politische Dokumente aus Kleinasien. Boghazkoi- 
SttMien, iherausgeg. von Otto Weber, 8. und 9. Heft, Leipz. 1923, S. 70 fi. 

3 ) Boghazkoi-Studien, 8. Heit, S. 58 if. 



278 

des Aziru 1 ). Der Konig von Amurru ist hiernach verpflichtet, mit 
dem Konige der Chethiter dieselben Freunde und dieselben Feinde 
anzuerkennen. Er hat, wenn der Konig der Chethiter wegen kriege- 
rischer Unternehmungen das Land verlassen muBte, mit seinen 
Kriegem und mit seinen Wagen Wache zu halten und den Konig 
der Chethiter, sobald dieser angegriffen wird, mit seinen Kriegern 
und Wagen zu unterstiitzen. Wenn er selbst angegriffen wird, hat 
der Konig der Chethiter ihm Hilfe zu schicken. Der Tribut, den 
er jedes Jahr zu entrichten hatte, war auf 300 Schekel gelauterten 
Goldes 2 ) festgesetzt. Aziru suchte nach allem, was wir von ihm 
wissen, bei seinen EntschlieBungen in erster Lime den eigenen 
Vorteil. Er "ware sicher am liebsten ganz selbstandig gewesen. Die 
Chethiter iibten aber einen Druck aus, dem er sich auf die Dauer 
wohl kaum widersetzen konnte. Als er aufgefordert wurde, die 
Reise nach Agypten anzutreten, hatten sie das Gebiet von Nuhassi 
schon ganz in ihrer Oewalt. 

DaB Ribaddi so treu zu Agypten hielt, hat ebenfalls seine ge- 
schichtlichen Griinde. Byblus war eine Stadt, wo der EinfluB der 
agyptischen Kultur schon seit der altesten Zeit ganz besonders zur 
Geltung kam. Die Beziehungen waren hier so zahlreich, daB die 
Agypter kaum als Fremde betrachtet wurden. Ribaddi ist nach 
dem Stil seiner Brief e sicher kein Schmeichler. Er ist im Ausdruck, 
soweit seine Stellung es gestattete, einfach, schlicht und ehrlich 
und schrickt auch vor ernsten Worten, wenn er sie fur notwendig 
halt, niemals zuriick; er zeigt aber trotz aller Klagen, zu denen er 
sich veranlaBt sieht, fiir seinen Herrn und Gebieter ein auBer- 
gewohnliches MaB von personlicher Zuneigung, die auch unter 
den schwierigsten Verhaltnissen die Probe besteht. Das ist die- 
selbe Anhanglichkeit wie bei dem Konig Ahiram, dem die Vasen 
des Ramses 3 ) eine solche Freude bereiteten, daB der Sohn sie dem 
Vater pietatvoll ins Grab legte. Er war sich aber vollkommen klar 
dariiber, daB ein groBer Teil seiner Untertanen mit dieser Politik 
durchaus nicht einverstanden war. Wir lesen schon in einem der 
altesten Briefe, daB die Stadte, die ihm anvertraut waren, zum Teil 
feindlich gegen ihn sind und eine bedenkliche Haltung einnehmen. 
Sie sind machtig gegen ihn, wie er sich ausdriickt, und es ist nie- 
mand da, der ihm hilft. Als der Vertreter eines hohen agyptischen 
Beamten zu ihm kam, entstand ein ,,Rufen" gegen ihn. Die Tore 
seiner Stadte nehmen alle Kupfer; die Wachter sind also nicht mehr 
zuverlassig und lassen sich bestechen (6Q, 10 ff.). Abdasirta hatte 
an die Leute von Ammia geschrieben, daB sie ihren Herrn toten 
sollten (73, 26 ff . ; 74, 25 f .), und es stand zu erwarten, daB er bei 
den iibrigen Fiirsten dasselbe versuchen wiirde (73, 29 ff.). Leute 



*) Boghazkoi-Studien, 9. Heft, S. 124 ff. 

2 ) Boghazkoi-Siudien, 8. Heft, S. 76 ff.; Mitteilungen der Vorderasiat.- 
Aegypt. Qesellsch., 31. Jahrg. (1926), Heft 1, S. 1213. 

3 ) Vgl. oben S. 24. 



279 

von Byblus oder von Beruna 1 ) batten ebenfalls schon eine solche 
Aufforderung erhalten. Man hatte einen Bronzedolch gegen ihn 
gezogen und ihn neunfach verwundet. Es war ihm aber gelungen, 
den Tater zu toten (81, 1 Iff.; 82,35ff.). Er hat Furcht vor den 
hubsi-Leuten, daB sie ihn erschlagen (77,36!.), und weiB nicht, 
was er ihnen sagen soil, wenn das Getreide noch langer auf sich 
-warten laBt (85, 1 1 ff .). Alle Stadte sind ihm feind und halten mit 
den Sohnen des Abdasirta (109, 58 f.); sie haben sich alle den gaz- 
Leuten angeschlossen (116, 37 f). Als Sumur gefallen war, sprachen 
die Leute von Gubla, sein Haus und seine Frau zu ihm: ,,Folge 
dem Sohne des Abdasirta und laBt uns untereinander Frieden 
schaffen!" Er weigerte sich aber und horte nicht darauf. Dann 
faBte er in seiner Bedrangnis den EntschluB: ,,Wohlan, ich will 
gute Freundschaft schlieBen mit Ammunira", und begab sich nach 
Beirut zu der Wohnung dieses Fursten. Als er dann aber nach 
Hause zuriickkehrte, schloB man das Haus vor ihm zu (136, 8 S.). 
Seine Gegner batten in seiner Abwesenheit die Leute des Aziru 
in die Stadt hineingelassen und hielten die Tore verschlossen. An 
der Spitze dieser Bewegung stand sein eigener Bruder, der, wie 
es in einem andern Schreiben heiBt, Gubla gegen ihn emport und 
ihn selbst aus der Stadt vertrieben hatte (137, 17. 24 f. 57). Man 
darf aber nicht iibersehen, daB diese Darstellung mindestens sehr 
einseitig ist. Sie findet ihre Erganzung in den genaueren Angaben 
des etwas ruhiger gehaltenen, wahrscheinlich aus dem iolgenden 
Jahre stammenden Brief es Nr. 138, der die Einzelheiten zum Teil 
in ein wesentlich anderes Licht riickt. ,,Und siehe", so lesen wir 
dort, ,,jetzt hat Aziru die Stadt Sumur [genommen], und die Leute 
von Gubla sahen zu und erklarten: Wie lange werden wir wider- 
stehen konnen dem Sohne des Abdasirta? Onser Silber ist ganz 
den Feinden anheimgef alien. Und sie erhoben sich gegen mich; 
ich aber totete sie. Und sie sagten: Wie lange willst du uns toten? 
Wo wirst du Leute nehmen zum Wohnen in der Stadt? Und ich 
schrieb an den Hof um Krieger; es wurden mir aber keine Krieger 
gegeben. Und es sagte die Stadt: Ver[las]set ihn! Wir schlieBen 
uns dem Aziru an. Und ich sagte: Wie sollte ich mich ihm an- 
schlieBen und den Konig, meinen Herrn, verlassen? Und es sagte 
mein Bruder: So wol[len wir hojren auf die Stadt 2 ). Und sie 
besprachen sich, und die Stadtherren schlossen sich den Sohnen 
des Abdasirta an, und [ich] ging nach Beruta, um zu re[de]n vor 
yamunifri]." Er war begleitet von seinem Sohne, den er sofort 
nach Agypten schickte, um den Konig zur Entsendung von Kriegs- 
truppen zu bewegen, die ihn wieder in die Stadt zuruckfuhren 
sollten. Es ist ihm nicht moglich, personlich zum Konige zu 
kommen; denn er ist alt, und sein Korper ist von einem schmerz- 
lichen Leiden geplagt, das er auf den Zorn der Gotter von Gubla 
zuriickfuhrt. Um sie zu versohnen, hat er ihnen schon seine Siinde 



1 ) Der Name laBt sich hier nicht mehr mit Sicherheit feststellen. 

2 ) u l[u] n[i]-s[i]-mi a-na Mi, nach den Spuren bei Schroeder. 



280 

bekannt (137,27ff.). Es dauerte aber infolge eines Zwischenfalls, 
iiber den wir nicht genauer unterrichtet sind, mehr als vier Monate, 
bis der Sohn dem Konige die Angelegenheit vortragen konnte 
(138, 73), und er muBte dann, wie es scheint, ohne die Truppen, 
um die der Vater gebeten hatte, wieder zuriickkehren. Ueber den 
Umfang der Bewegung scheint Ribaddi selbst nicht ganz im klaren 
gewesen zu sein. In dem Briefe Mr. 137, wo die Schuld des Bruders 
so stark betont wird, glaubt er dem Konige versichern zu diirfen: 
,,Siehe, zahlreich sind die Leute, die mich lieben, in der Stadt, 
gering an der Zahl sind die feindlich Gesinnten in ihr." Er geht 
hier offenbar von dem Gedanken aus, daB diese von seinem Bruder 
verfiihrt wurden. In dem spateren Briefe kommt er aber der Wahr- 
heit wohl naher, wenn er erklart: ,,Siehe, die Halfte der Stadt ist 
zugetan den Sohnen des Abdasirta und die Halfte meinem Herrn." 
Es ware nach seiner Auffassung sicher nicht so weit gekommen, 
wenn man sich in Agypten etwas mehr um ihn und das Schicksal 
der Stadt gekummert hatte. Als er in Beirut war, hatte der Konig 
es in der ganzen Zeit nicht fur norwendig gehalten, ihm einen Boten 
zu schicken. Man hatte sich, wie er schreibt, in Byblus die Frage 
vorgelegt: ,,Wo ist der Mann, der zu ihm gekommen ist aus den 
Landern Agyptens 1 )?" Er hatte sogar einen Brief erhalten, aus 
dem er die Satze heraushebt: ,,Wo ist die Zeit, da der Konig, dein 
Herr, dir etwas zugeschickt hat 2 )? Wo sind die Krieger, die jemals 
zu dir gesandt worden sind?" Das waren ernste Vorwurfe, die 
den Tatsachen leider entsprachen. Agypten hatte dem Fiirsten 
und der Stadt gegeniiber wirklich nicht seine Pflicht getan. Er 
war aber auch jetzt noch bereit, fur seinen Konig zu sterben, und 
konnte mit gutem Grunde behaupten, daB keiner unter den Fiirsten 
ihm in dieser Gesinnung gleichkam. Der einzige, der ihm unter 
ahnlichen, aber doch in mehrfacher Hinsicht wieder anders ge- 
arteten Verhaltnissen in seiner Zuverlassigkeit und Treue an die 
Seite gestellt werden kann, ist Abdihiba oder Abdiheba von 
Jerusalem. 

Abdihiba tritt uns in seinem Namen als ein Diener der Hi-ba = 
yi-be = yi-pit 3 ) entgegen, die in den chethitischen Staatsvertragen, 
soweit sich die Texte noch erhalten haben, mit den iibrigen Gottern 
und Gottinnen der in Betracht kommenden Lander verschiedent- 
lich als Zeugin und besondere Schiitzerin der Abmachungen auf- 
gefiihrt wird. Die Liste dieser Gottheiten, die man gewohnlich als 
die Schwurgotter bezeichnet, findet sich am vollstandigsten in 
den beiden Urkunden, in denen die Vereinbarungen zwischen 



A ) a-ja-mi amelu sa a-lik istu matati mi-is-ri a-na mah-(ri-)su. Das Zei- 
chen fiir mah hat hier im wesentlichen dieselbe Form wie bei Schroeder 
13,4 (Knudtzon 33,4) in einem Briefe des Konigs von Alasia. 

2 ) a-ja-mi i-nu-ma ia-as-pu-r[u] sarru be-il-ka [a-n]a mah-(ri-)ka. 

3 ) Vgl. fiir diese Formen besonders die Ausfiihrungen von Sommer und 
Ehelolf in den Boghazkoi-Studien, 10. Heft, Das hethitische Ritual des Papa- 
nikri von Komana, Erlauterungen S. 49 50. 



Subbiluliuma und dem Konige Mattiwaza von Mitanni, dem Sohn 
und Nachfolger des Tusratta, niedergelegt sind. Die Vertrag- 
schlieBenden nennen hier zuerst die Sonnengottin von Arinna, die 
im Lande Chatti Konigtum und Konigintum lenkt, den Sonnengott, 
den Herrn des Himmels, Tesup, den Herrn von Chatti und den 
Gott Seri; dann folgt der Gott yu-u-ur-ra = yurra vom Gebirge 
Nanni und vom Gebirge yazzi. Hieran schliefien sich Tesup, der 
Herr des Kaufpreises, Tesup, der Herr des Feldlagers, Tesup, der 
Herr der Hilfe, Tesup von Betejarik, Tesup von Nirik, Tesup, der 
Herr von . . . ., Tesup von yalap, Tesup von Lihzina usw., bis 
wir ungefahr in der Mitte der ganzen Zusammenstellung auf yepit, 
die Herrin des Himmels, yepit von yalpa, yepit von Uda und 
yepit von Kizzuatni stoBen 1 ). Es war die Gemahlin des Tesup 
und die Mutter des Sarma. Sie wurde, wie man sieht, ebenso 
wie Tesup auch in yalap = yalpa = Aleppo verehrt. In dem in 
chethitischer Sprache niedergeschriebenen Vertrage des Konigs 
Muwattallis mit Alaksandus von Wilusa hat sie ihren Platz un- 
mittelbar hinter dem Stiergotte yu-u-ur-ri-is = yurris = yurru von 
Nanni und von yazzi 2 ). Der Name Abdihiba wird also, wie wir 
nach diesen Zusammenstellungen vermuten diirfen, gar nicht so 
selten gewesen sein. Wir n'nden ihn in Palastina auch in den 
Verzeichnissen, die wir aus Taanach besitzen. Es gab in Taanach 
einen Abdi-hi-ba und einen Abdi-sar-ru-ma = Abdisarruma = 
Abdisarma, einen Diener der yiba und einen Diener ihres Sohnes 
Sarma 3 ). Die beiden Namen begegnen uns in einer Liste, von der 
nur 22 Bezeichnungen ganz pder teilweise erhalten sind. In einem 
andern Verzeichnis finden wir fiir den zweiten Namen auBerdem 
noch die Schreibung Abdi-sa-ru-ma. Die Tafeln erwahnen, soweit 
sie noch vorliegen, im ganzen erwas mehr als 75 verschiedene 
Personen, die jedenfalls einen beachtenswerten Teil der damaligen 
Biirgerschaft ausmachten. Unter diesen befindet sich auch ein 
Ta-a-gu = Tagu, der offenbar denselben Namen tragt wie der in 
den El-Amarna-Tafeln vorkommende Tagi, der Schwiegervater des 
Milkili von Gezer. Wir haben hier also ein ahnliches Zusammen- 
treffen wie bei dem Namen Abdihiba; die beiden Bezeichnungen 
begegnen uns nicht nur bei den palastinensichen Kleinfiirsten, son- 
dern auch in den Reihen der Untergebenen. Sie fuhren uns in eine 
Volksschicht, die wir von der semitischen Bevolkerung des Landes, 
soweit es sich um den Ursprung handelt, scharf zu scheiden haben. 
Diese Volksschicht verehrte dieselben Gotter, die wir in den Texten 



*) Boghazk5i-Studien, 8. Heft, S. 28 S. und S. 48 ff. 

2 ) Friedrich, Staatsvertrage des yattireiches in hethitischer Sprache, 
2. Teil, Mitteilung-en der Vorderasiai-Aegypt. Gesellschaft Bd. 34, 1. Heft, 
Leipzig 1930, S. 78. Der Text bietet hier gdHu-u-ur-ri-is an Nanrni "Ha- 
az-zi. Das Zeichen fiir das sumerisehe gud = Stier steht hier also vor 
dem Qottesnamen und das Zeichen fiir an dingir = ilu = Gott vor den 
Namen der Kultstatten. 

3 ) A. Gustavs, Di Personennamen in den Tontafeln von Tell Ta'annek, 
Leipzig 1928, S. 10 und S. 12. 



von Boghazkoi vorfinden, den Tesup, die Uepit und den Sarma. 
Die Listen erwahnen zwar, soweit die Namen phonetisch ge- 
schrieben sind, nur die Wepit und den Sarma; wo man sich aber 
unter den Schutz der Jepit und des Sarma stellte, muB die Ver- 
ehrung des Tesup schon wegen der verwandtschaftlichen Beziehun- 
gen, die man bei den Tragern. dieser Namen voraussetzte, ohne 
weiteres als selbstverstandlich erscheinen. Sie zeigt sich auch in 
dem Vorkommen des Namens Agia = Akia, der seinem Ursprunge 
nach nur als eine Kurzform fur Ag-i-Tesup = Ak-i-Tesup zu be- 
trachten ist 1 ). Der Ausdruck fiihrt uns in dieser Form auf die 
Sprache des Landes Mitanni 2 ); er hebt hervor, daB Tesup gebracht 
oder verliehen hat. Die beiden Bezeichnungen stehen zueinander in 
demselben Verhaltnis wie das hebraische Nathan zu Nethan-el oder 
zu Nethan-jah. Tesup war, wie sich schon aus den El-Amarna- 
Tafeln ergibt, der erste und oberste Gott der Tusratta. Der Name 
wird in der Keilschrift gewohnlich durch dasselbe Ideogramm 
wiedergegeben wie der Name des Gottes Addu. Wir erfahren aus 
einer Bemerkung in einer akkadischen Zusammenstellung 3 ), daB 
dieses Zeichen im Lande Subartu als Te-es-su-up gelesen wurde. 
Es kommt also ganz darauf an, mit welcher Sprache man es gerade 
zu tun hat. Das Zeichen verbindet sich in den Listen von Taanach 
einmal mit einem voraufgehenden gu-li. Da der Text in Palastina 
gefunden wurde, versucht man hier zunachst mit Addu zum Ziele 
zu kommen. Man steht aber auch hier wieder vor der Tatsache, 
daB das Semitische bei dem ersten Bestandteil des Namens ver- 
sagt. Wir haben hier denselben ZusammenschluB, der uns soeben 
in Ak-i-Tesup begegnete; nur ist das Verbum in diesem Falle nicht 
ak, sondern kul = kul = gul = sagen. Der Name kann also in 
seiner Grundform, wie wir annehmen miissen, nur Kul-i-Tesup 
gelautet haben. Die Sprache, um die es sich hier handelt, trat uns 
zuerst in einem gliicklicherweise recht umfangreichen Briefe des 
Tusratta an den Konig Amenophis III. von Agypten entgegen*); 
sie liegt aber auch in zahlreichen Texten aus den Grabungen von 
Boghazkoi und von Ras Schamra vor, so daB ihre vollstandige 
ErschlieBung wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist. Es war, 
wie oben schon angedeutet wurde, nach der Ausdrucksweise der 
Babylonier und der Assyrer die Sprache des Landes Subartu, das 
im Osten bis iiber den Tigris hinausreichte. Auch die altesten 
Konige von Ninive tragen subaraische Namen. Die Subaraer iiber- 
nahmen aber in der dortigen Gegend schon friih das Schriftsystem 
der Babylonier. Sie benutzten es, solange sie an ihrer Mutter- 



*) Gustavs S. 89. 

2 ) Vgl. fiir diese Sprache be&onders die grundlegenden Untersuchungen 
von Ferdinand Bark, Die Mitannisprache, Mitteilungen der Vorderasiatischen 
Gesell&ch., 14. Jahrgang, 1909, Heft 12. 

3 ) Cuneif. Text from Bab. Tablets XXV 16, 18. 

*) Dieser Brief bildet die Qrundlage zu den soeben schon erwahnten 
Untersuchungen von Bork. 



283 

sprache noch festhielten, ungefahr in derselben Weise wie die 
Bewohner von Palastina. Das Akkadische ist zwar in diesen Texten 
wesentlich reiner als in den Briefen von El-Amarna; es weist aber 
ebenfalls noch manche Lehnworter auf, die dem Sprachforscher 
mitunter wertvolle Dienste leisten. Hierzu kommen auBerdem noch 
die Eigennamen, die in ihrer Zusammensetzung und in ihren Be- 
deutungen oft leicht zu erklaren sind. Die Texte fanden sich, so- 
weit sie bis jetzt vorliegen, in der Gegend von Kerkuk, und zwar 
an den Trummerstatten von Arrapha und von Nuzi, wo das Iraq- 
Museum mit der American Schoof of Oriental Research in Bagh- 
dad 1 ) und dann spater 2 ) die Harvard University mit der Baghdad- 
schule systematische Grabungen vornahmen 3 ). Wir erfahren aus 
den Texten von Boghazkoi, daB die Chethiter diese Sprache als 
churrisch bezeichneten. Die Angaben gestatten aller dings, soweit 
es sich urn die Lesung der Schriftzeichen handelt, bei dem ersten 
Zeichen auch die Wiedergabe durch har; es ist aber wohl sicher, 
daB das Wort in seiner Grundform mit dem Namen des Gottes 
yu-u-ur-ru in Zusammenhang steht. Wir haben es hier hochst- 
wahrscheinlich mit einer Gottheit zu tun, die erst nach dem Volke 
benannt ist, von dem sie verehrt wurde; es war der Gott des 
yolkes oder des Landes Hurri. Nun wissen wir aber, daB die 
Agypter auch die Gebiete von Syrien und Palastina als das Land 
Ch-r bezeichneten. Da sie in ihrem Schriftsystem nur die Konso- 
nanten hervorhoben, muB der Vokal erganzt werden. Dies wird 
uns in dem vorliegenden Falle besonders durch die Keilschrift und 
durch die Wiedergabe in den Texten aus der spateren griechischen 
Zeit ermoglicht. Wir finden z. B. in den El-Amarna-Tafeln an einer 
Reihe von Stellen den Namen Pa-hu-ru = Pi-^u-ru = Pu-hu-ru. 



*) im Jahre 1925. 

2 ) seit dem Jahre 1927. 

3 ) Veroffentlichungen und zusammenfassende Bearbeitungen bis jetzt u. a. 
von C. J. Oadd, Tablets from Kirkuk, Revue d'Assyriologie Vol. XXIII (1926), 
S. 49 ff.; Edward Chiera and Ephraim A. Speiser, Selected ,,Kirkuk" Docu- 
ments, Journal of the American Oriental Society 47 (1927), S. 36 ff.; 
Ed. Chiera, Joint Expedition with the Iraq Museum at Nuzi, Inheritance 
Texts, Paris 1927 (= American Schools of Oriental Research, Publications of 
ihe Baghdad School, Texts: Vol. I), Vol. II: Declarations in Court, Paris 1930 
( American Schools of Oriental Research etc., Texts: Vol. II), Vol. HI: 
Exchange and Security Documents, Paris 1931 (= American Schools etc., 
Texts: Vol: III), Vol. IV: Proceedings in Court, Philadelphia 1934 (= Ameri- 
casn Schools etc., Texts: Vol. IV), Vol. V: Mixed Texts, Philadelphia 1934 
(= American Schools etc., Texts: Vol. V); Ed. Chiera, Excavations at Nuzi, 
conducted by the Semitic Museum and the Fogg Art Museum of Harvard Uni- 
versity, with the Cooperation of the American 1 School of Oriental Research 
at Baghdad, Vol. I: Texts of Varied Contents, Cambridge 1929 (= Harvard 
Semitic Series Vol. V); Robert H. Pfeiffer, Excavations at Nuzi etc., Vol. II: 
The Archives of Shilwateshub, Son of the King, Cambridge 1932 (= Harvard 
Semitic Series Vol. IX); Paul Koschaker, Neue keilschriftliche Rechtsurkunden 
aus der El-Amarna-Zeit, Abhaoidlungen der philol.-hist. Klasse der Sachsi- 
schen Akademie der Wissensch. Bd. XXXIX Nr. V, Leipzig 1928; E. A. 
Speiser, New Kirkuk Documents relating to Family Laws, Annual of the 
American Schools of Oriental Research Vol. X (1930), S. 1 ff. 



284 

Das ist derselbe Name, der in der griechischen Zeit als 
vorkommt; es ist die fragliche Volksbezeichnung- mit dem an der 
Spitze stehenden Artikel. Der Trager einer solchen Bezeichnung 
war also fiir die Agypter ursprtinglich nur der ,,Churre" oder der 
Syrer. Das 01 ist in HZOIQIQ als o> zu bewerten. Ein Syrer, der 
auBerdem noch etwas klein geblieben war, tritt uns in einem 
griechischen Texte als n^Qy v aivGig, oder als ,,der kleine Churre" 
entgegen 1 ). Damit kommen wir von selbst auf die in der Genesis 2 ) 
und im Deuteronomium 3 ) erwahnten Choriter. Die Uebereinstim- 
mung geht aber noch welter. Die Texte von Ras Schamra zeigen 
uns, dafi das Churrische auch in der Gegend von Ugarit bei einem 
erheblichen Teil der Bevolkerung noch in Gebrauch war. Dies 
ergibt sich schon aus dem Geprage der zahlreichen dort vorkom- 
menden Eigennamen, die in ihren Bedeutungen, wie wir annehmen 
diirfen, wenigstens in den meisten Fallen in den Familien ihrer 
Trager noch richtig verstanden wurden. Man entdeckte dort z. B. 
eine Geschaftsliste, in der nicht weniger als 29 verschiedene Per- 
sonen aufgefiihrt werden, die von einem Unternehmer oder von 
einem Kaufmann groBere Mengen von Purpurwolle bezogen 
hatten*). Bei 16 von diesen Personen ist auBerdem noch der Name 
des Vaters angegeben, so daB wir hier eine Zusammenstellung von 
45 verschiedenen Namen vor uns haben, von denen allerdings 
einige nicht mehr mit Sicherheit zu lesen sind. Diese Bezeichnungen 
gehoren in ihrer Bildung, wie jeder sofort zugeben mu8, mit 
wenigen Ausnahmen einer Sprache an, die mit den semitischen 
Idiomen gar nichts zu tun hat. Sie iiberraschen uns besonders 
durch das haufige Vorkommen der Endung na, ni oder nu. Die 
Liste nennt u. a. einen J3[a]-na-ka-na und einen Gal-la-na, den 
Sohn eines Na-zi-ka-na, einen Ma-ah-ni-na, den Sohn eines Ma-hi- 
za-na, einen Zi-ka-ra-na und einen Zu-uk-ri-ia-na, einen Da-na-iia 
und einen Ra-ga-na, einen Ak-te-na 5 ) und einen Ma-an-te-ni, einen 
ya-ru-si-en-ni, einen Uz-zi-nu, einen Ul-bu-ut-ia-nu, einen E-la-ma- 
at-ia-nu und einen Tu-ut-tu-l[u?]-nu. Das ist ungefahr der dritte 
Teil der Namen, die in dieser Liste iiberhaupt vorkommen. Dieses 
Verbal tnis trifft auch fiir die Bezeichnungen zu, die uns in den 
bisher bekannt gewordenen Rechtsurkunden begegnen. In der 
ersten der hier in Betracht kommenden Urkunden 6 ) tritt uns unter 
15 verschiedenen Personen, die dort genannt werden, ein Ja-ri- 



*) Vgl. zu diesen Formen besonders die Ausfuhrungen von Spieg-elberg 
in der Orient. Literaturz., 9. Jahrg. (1906), Sp. 107108, und von Ranke, 
Keilschriftliches Material zur altagyptischen Vokalisation, Abhandl. der 
Berliner Akad. d. Wissensck 1910, S. 15 und S. 17. 

2 ) 14, 6; 36, 20 ff. 

3 ) 2, 12. 22. 

*) Herausgegeben und bearbeitet von Thureau-Dangin, Un comptoir de 
laine pourpre a Ugarit, Syria XV (1934), S. 137 ff. 

5 ) Hiernach ist auch die neunte Zeile in der siebten Liste von Taanach 
zu erganzen. Wir haben dort nicht Ak-ti-m[i], sondem Ak-li-n[a] zu iesen. 

6 ) Syria XVIII (1937), S. 245 ff. 



285 - 

ma-nu, ein ya-ra-si-na, ein Ja-at-li-nu, ein . .-da-na, ein Ad-du-mi-nu 
und ein Bur-ka-nu entgegen, in der zweiten finden wir unter den 
24 Personen, mit denen wir es dort zu tun haben, einen Ja-si-nu, 
der einen Addu-la-na zum Vater hatte, einen A-zi-ra-nu, einen 
Bu-ra-na, einen Ja-ri-su-nu, einen Da-na-nu, der als Sohn des 
Ili-ia-na bezeichnet wird, einen Ur-te-nu, einen A-ba-be-nu und einen 
Am-mi-ia-na, in der dritten haben wir unter den Tragern von 
8 verschiedenen Namen einen Gil-be-en, einen Bu-ri-ia-nu, einen 
Tub-bi-ia-nu und einen Za-lu-wa-nu. Der Prozentsatz liegt hier 
also, wenn wir es genau nehmen, in Wirklichkeit sogar noch etwas 
hoher. Ein Schreiber, der in Ugarit tatig war, unterzeichnet auf 
den von ihm angefertigten Tafeln als ,,Ra-ba-na, der Sohn des 
Su-me-ia-na" 1 ). Diese Feststellungen decken sich auch mit dem 
Auftreten der Formen in den vokallosen Texten, wie sie z. B. 
Syria X (1929), PL LXIff., Nr. 10 und Syria XV (1934), S. 244 ff. 
vorliegen. In dem Texte Syria XV sind fiir Ugarit nur zwei Per- 
sonen angegeben, der ,,Sohn des y-d-j-n" und der ,,Sohn des 
T-g-s-n". fj-d-j-n ist hier nach der Schreibung in akkadischen 
Texten 2 ) als yadianu zu lesen; T-g-s-n = Tagisenni. In einem 
Brief e, der im Jahre 1936 zutage gefordert wurde 3 ), fiihrt der Ver- 
fasser den Namen T-1-m-j-n = Telamiami. Wir haben hier offenbar 
eine Weiterbildung des in dem churrischen te-la-ma-e = rabu 4 ) '= 
groB vorliegenden telam, das uns in dem Briefe des Tusratta an 
mehreren Stellen 5 ) in einer etwas fliichtigeren Aussprache 6 ) als 
talam begegnet. Dieses talam ist uns in der Bibel in dem Namen 
des Talmai 7 ) erhalten, der mit seinen Brudern zu dem Riesen- 
geschlecht der Enakiter gehorte. Es ist in der Form, in der es uns 
in te-la-ma-e entgegentritt, nur eine Erweiterung des in zahlreichen 
Eigennamen vorkommenden til = Herr 8 ). In dem Texte Syria X 
(1929), PI. LXIff. Nr. 4, den wir oben S. 43 f. schon heran- 
zogen, wird Aton gleich in der zweiten Zeile als s-k-r-m t-1-m-e-n 
begriiBt. S-k-r-m ist hier offenbar dieselbe Bezeichnung, die z. B. 
in den Namen En-suk-rum 9 ), Suk-ri-Te-sup und Suk-ri-ia 10 ) vorliegt. 
Es ist wohl eine Weiterbildung des in dem Briefe des Tusratta an 
nicht weniger als achtzehn verschiedenen Stellen vorkommenden 



*) Syria XII (1931), S. 226 und XIII '(1932), S. 236. 

2 ) Festschrift M. Freiherr von Oppenheim, Archiv fiir Orientforschu ; ng, 
Beiband I, 1934, S. 72. 

3 ) Syria XVIII (1937), S. 136. 

4 ) Syria XH (1931), PI. L, Kol. II, Z. 18; Umschrift S. 239. 

5 ) II 61. 75; III 4; IV 3. 7. 15. 37. Tusratta spricht hier immer von dem 
,,Gro6en". 

6 ) Der erste Vokal hat sich hier dem zweiten angeglichen. 

7 ) Num. 13,22; Jos. 15,14; Richt. 1,10. 

8 ) Vgl. fiir dieses Wort und seine Bedeutung besonders A. Gustavs, 
Namenreihen aus den Kerkuk-Tafeln, Leipz. 1937 (Mitteilungen der Altorient. 
Geseil&chaft, X. Bd., Heft 3), S. 5152. 

9 ) Auch E-en-suk-rum geschrieben. Vgl. zu der Aussprache dear zweiten 
Silbe bes. die Belege bei Gustavs, Namenreihen S. 3 4. 

10 ) Die fiir Sukri-Tesup iibliche Kurzform. 



286 

sukku = einer. T-1-m-e-n unterscheidet sich von der Form, die tins 
in dem Eigennamen begegnet, nur durch die abweichende Schrei- 
bung* des i-Lautes. Der Name steht zu dem einfachen Talmai, wie 
es scheint, in demselben Verhaltnis wie Aziranu zu dem gewohn- 
lichen Aziru und wie hjanakana zu dem in den Kerkuk-Texten 
haufiger vorkommenden $anakka. Die Formen auf ana = anu 
waren in der Gegend von Ugarit nach den obigen Zusammen- 
stellungen in ihrer Gesamtheit fast doppelt so zahlreich wie die 
Bildungen auf ina, inu, ena, enni, enu und en. Sie wiederholten 
sich dort, wie aus den Beispielen hervorgeht, fast bei jeder vierten 
Person. Die Choriter treten uns in der Bibel besonders als die 
friiheren Bewohner des Landes Edom entgegen. Die Genesis bietet 
36,20 ff. fur die dortige Gegend em ausfuhrliches Verzeichnis ihrer 
Stamme, das im ganzen 26 verschiedene Bezeichnungen aufweist. 
Diese liegen ihrem Ursprunge nach zum Teil weit auseinander. Ein 
Name wie Oholibama hat mit dem Churrischen an und fur sich 
gar nichts zu tun; es ist eine regelrechte Entlehming aus dem 
Hebraischen. Das Hebraische kommt aber bei dem groBten Teil der 
Bezeichnungen fur die Erklarung iiberhaupt nicht in Betracht. Die 
Liste zeigt ebenfalls ein auBerordentlich starkes Hervortreten der 
Formen auf an, die alle andern Bildungen ganz in den Hintergrund 
drangen. Wir stoBen bei dieser Zusammenstellung auf einen Lotan, 
einen Disan, einen 'Alwan, einen fiemdan, einen Esban, einen 
Jithran, einen K e ran, einen Bilhan, einen Za'wan, einen 'Akan und 
einen Aran. Dazu kommt auBerdem noch ein Sib'on und ein Dison. 
Das sind im ganzen elf Bildungen auf an und zwei besondere 
Formen auf on. In der Stammliste des edomitischen Volkes, die 
unmittelbar voraufgeht, begegnen uns diese Endungen nur bei den 
Namen Teman und Sib'on. Man sieht also, daB hier ein wesent- 
licher Unterschied besteht. Die Formen auf an nehmen in der 
Choriterliste ganz denselben Platz ein wie die Bildungen auf ana 
bei den Namen aus der Gegend von Ugarit. In den Kerkuk-Texten 
tritt diese Endung allerdings gar nicht besonders hervor. Die ein- 
zigen Bezeichnungen, die in den Angaben des biblischen Textes 
einige Schwierigkeiten bereiten, sind die Formen Disan und Dison. 
Diese sind ebenfalls ihrem Ursprunge nach echt choritisch. Sie gehen 
in ihrem Lautbestande, wenn wir iiber den Vokal der letzten Silbe 
hinwegsehen, auf ein alteres Daisenni = Taisenni zuriick, das auch 
in den Texten von Kerkuk 1 ) noch mehrfach erhalten ist. Die Be- 
zeichnung hatte sich in Palastina, wie man aus den Ueberein- 
stimmungen entnehmen mufi, im Munde der Erzahler schbn friih 
den Bildungen auf an angeglichen, und zwar zu einer Zeit, wo das 
an, das uns in Disan entgegentritt, in der Aussprache auch im 
Siiden des Landes noch zu dem in Dison vorhandenen on werden 
konnte. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch bei dem in dem 
biblischen Verzeichnis vorkommenden Namen Sobal, der uns z. B. 



^ Vgl. zu der Gledchsetzung schon Chiera und Speiser im Annual of the 
American Schools of Oriental Research, Vol. VI (1926), S. 81. 



287 

in dem Briefe Kn. 62 in der Form Sabilu begegnet, und bei der 
Bezeichnung *Anah = 'Anath, die dem ebenfalls in der Keilschrift 
raehrfach zu belegenden Anati entspricht. Am auffallendsten ist 
aber die Uebereinstimmung bei einem Namen im Buche der Richter, 
den wir schon bei der Besprechung der chronologischen Verhalt- 
nisse mehrfach hervorheben muBten. Wir wissen aus den Angaben 
des Tusratta, daB man im Lande Mitanni den Simike verehrte. Er 
nahm nach allem, was uns an den betreffenden Stellen gesagt wird, 
unter den Gottern einen recht hohen Platz ein. Dies zeigt sich auch 
in der haufigen Verwendung bei der Bildung von Eigennamen. 
Wir finden ihn in den Kerkuk-Texten besonders in den Namen 
Arsimika, yassimika, yutisimika und Simikari. Hierbei gehoren 
die Bezeichnungen Arsimika und Simikari in ihrer Bedeutung zu- 
sammen. Die beiden Verbindungen enthalten in derselben Weise 
das Wort ari = ar geben. Simikari ist also ein Geschenk des 
Simika = Simika = Simike. Diese Bezeichnung ist uns in der Bibel 
in dem Namen Schamgar erhalten 1 ). Schamgar war nach den An- 
gaben des Richterbuches der Sohn des 'Anath. Wir haben es hier 
also mit einer Familie zu tun, die uns fiber ihren Ursprung gar nicht 
im Zweifel laBt. Sie steht aber im Kampfe gegen die Philister, wie 
wir aus der GroBtat des Schamgar entnehmen miissen, ganz auf 
der Seite der Israeliten. Sein Name war auch im Norden von 
Palastina bekannt und wurde dort im Liede der Debora besonders 
hervorgehoben. Der Verfasser des Richterbuches erzahlt von ihm, 
daB er durch seine Tat ebenfalls zu einem Befreier Israels wurde; 
er rechnet ihn aber nicht zu den Personen, die er im eigentlichen 
Sinne des Wortes als Richter betrachtet. Die Vorgange fiihren uns 
in eine Zeit, wo der ZusammenschluB der bisherigen Bevolkerung 
des Landes durch die Verhaltnisse von selbst gefordert wurde. Es 
ist moglich und vielleicht sogar wahrscheinlich, daB Schamgar 
personlich schon zu den Verehrern Jahwes gehorte; wir miissen 
uns aber klar daruber bleiben, daB wir dieses nicht zu beweisen 
vermogen. Sein Vater hatte jedenfalls der choritischen Gottheit, die 
in dem Namen des Sohnes genannt wird, noch ein besonderes Ver- 
trauen entgegengebracht. Das Churrische war in der Gegend von 
IjCatna, ungefahr 18 km nordostlich von Horns, wie man aus den 
Tontafeln von El-Amarna ersieht, zur Zeit des Konigs Amen- 
ophis III. noch die gewohnliche Sprache des taglichen Verkehrs. 
Akizzi, der damalige Konig des Ortes, war fur die Herstellung 
seiner Briefe auf einen Schreiber angewiesen, dem es jedenfalls 
gelaufiger war als das Akkadische. Dieser bringt Kn. 53, 63 ff. den 
einfachen Gedanken zum Ausdruck: ,,O Herr, wie Damaskus im 
Lande Ube ana sepeka, zu deinen FiiBen, ist, so ist auch PCatna ana 
sepeka, zu deinen FiiBen. " Er scheint aber zu fiirchten, daB dieser 
Satz, den er wohl schon aus dem Churrischen iibersetzt hat, von 



*) So zuerst B. Maisler, Quarterly Statements of the Palestine Exploration 
Fund Nr. 66 (1934), S. 193. 



288 

dem Leser des Briefes nicht sofort verstanden wird, und fiigt des- 
halb hinter dem ersten ana sepeka ein ka-ti-hi und hinter dem 
zweiten ein ka-ti-hu-li-es hinzu. Diese Bezeichmmgen beriihren sich 
in ihrer Aufeinanderfolge auf das engste mit dem o. S. 43 schon 
besprochenen ha-sa-ra-a-i ha-a-su-li-e-es. Sie zeigen am SchluB des 
zum zweiten Male gesetzten Wortes ebenfalls ein u-li-es, das hier 
in seiner Bedeutung aus dem Zusammenhange leicht zu erklaren ist. 
Es ist dasselbe Wort, das uns an andern Stellen in dem gewohn- 
lichen u-li = o-le = ein anderer 1 ) begegnet I<Ca-ti-hi = zu den 

FiiBen von , ka-ti-h' u-li-es = auch zu den FiiBen von , 

ebenso wie es bei den Bewohnern von Damaskus der Fall ist. 
I<Ca-ti-hi ist nach dieser Stelle, wie Bork zuerst richtig erkannt hat 2 ), 
eine Zusammensetzung von kati + hi. Es fiihrt uns also auf ein 
churrisches kati = FuB. Wir haben hier denselben Ausdruck, der 
uns Kn. 58,2 in dem Namen [Ka-]ti-hu-ti-su-pa begegnet. Der 
Trager dieses Namens war katihu Tisupa, ,,zu den FiiBen des 
Tesup", also ein ,,Diener des Tesup". Dieses katihu tritt uns Kn. 
284, 19 in derselben Form in einem Brief e des sudpalastinensischen 
Fiirsten Suwardata entgegen, und zwar in dem gewohnlichen Zu- 
sammenhange des Textes. Suwardata erklart hier nach der ein- 
leuchtenden Erganzung von Bork: I<Ca-ti-hu da-an-na sa uz[un s]a 
sarri beli-ia 7 u 7 ma-ak-ti-ti, ,,Zu den FiiBen des Machtigen, der 
das Ohr des Konigs, meines Herrn, ist, bin ich siebenmal und 
siebenmal niedergefallen." Dies zwingt uns zu der Annahme, daB 
das Churrische auch in der Umgebung des Suwardata in der da- 
maligen Zeit noch in Gebrauch war. Man sprach es dort, wie sich 
aus einer Zusammenstellung dieses Schreibens mit dem Briefe Nr. 
282 ergibt, neben dem Kanaanaischen. In dem Briefe Nr. 282 wird 
das akkadische ji-ki-im-ni durch ein kanaanaisches ja-zi-ni = 
josi'eni 3 ) erklart. Wir haben hier dieselbe Erscheinung, die sich 
auch fur Chasor feststellen laBt. In dem Briefe Nr. 228, der nach 
der Angabe des Textes von dem dortigen Fiirsten Abditirsi ab- 
geschickt wurde, findet sich Z. 19 hinter dem akkadischen li-ih-su- 
us-mi die Wiedergabe durch das kanaanaische ja-az-ku-urrmi; in 
dem Texte Nr. 227, in dem der Absender sich ohne Nennung seines 
Namens bloB als ,,K6nig von ^a-zu-ri" bezeichnet, iiberrascht uns 
in Z. 10 die Glosse mu-ti am-ri, die dort ein voraufgehendes ki 
ji-sa-ma erklart. Sie muB also den Gedanken ausdriicken, daB der 



1 ) In dem Briefe des Tusratta in seinen verschiedenen Formen II 82. 87. 
89. 92. 117, III 25. 32. 44. 75 und IV 53. 55. 109. In dem Vokabular aus Ugarit, 
dem wir die Bedeutung des Wortes te-la-ma-e entnahmen, hat sich Kol. IV 24 
die Bezeichnung u-li-wa-ru = i-tu-u = Grenze erhalten. U-li-wa-ru = u-li 
+ a-wa-ri (Kol. IV 25) = a-wa-ar-rj = eklu = Acker, also wortlich: ein 
anderer Acker. Beim Verbum ibringt ein angefiigtes ul (Bork, Mitannisprache 
S. 48 if. und S. 59) die Wiederholung zum Ausdruck. Das auf uli folgende s 
ist wohl in derselben Weise zu beurteilen wie bei den infiniteu Verbalformen 
auf is, die Bork S. 60 als Partizipien bezeichnet. 

2 ) Orient. Literaturz., 35. Jahrg. (1932), Sp. 377378. 

3 ) = er moge mich hinausfiihren. 



289 

Konig etwas gehort hatte. Dies fuhrt uns auf das Schreiben Nr. 52, 

wo uns in Z. 40 hinter einem la-a i-te die Glosse am-mu-li begegnet. 

Der Absender kommt hier auf die fur ihn etwas peinliche Tatsache 

zu sprechen, daB seine Karawanen seit drei Jahren von dem Konige 

von Agypten gar keine Kenntnis genommen batten. Da ihm der 

akkadische Ausdruck zur Wiedergabe dieses Gedankens nicht ganz 

zu geniigen scheint, fiigt er in diesem Falle, wie sich schon aus der 

auBeren Form des Wortes ergibt, cine churrische Verbalbezeichnung 

hinzu, die aus einem am und aus dem in der letzten groBeren FuB- 

note schpn herangezogenen ul der Wiederholung besteht. Wir er- 

halten hier also, wenn wir den zweiten Bestandteil an die Seite 

schieben, die Gleichung am = idu = wissen, kennen, erfahren. Das 

deckt sich ganz mit dem Gedanken, der fur das am in der Glosse des 

zuerst genannten Briefes in Betracht kommt. Die Glosse ist also 

ebenfalls churrisch. Der Brief geht auch nach der Schrift auf einen 

andern Verfasser zuriick als der Text Nr. 228. Das Churrische war, 

soweit wir dariiber schon unterrichtet sind, in seinem Wortschatz 

und in seinem Aufbau von dem Indogermanischen ebenso verschieden 

wie von den semitischen Idiomen; es weist aber in der Form, in der 

es uns in dem Briefe des Tusratta entgegentritt, schon offensichtliche 

Entlehnungen aus dem Indischen auf. Das indische kar = machen 

begegnet uns dort in drei verschiedenen Zusammensetzungen als 

der zweite Bestandteil einer Ausdrucksweise, die das Bewirken 

einer Handlung oder eines Zustandes hervorheben soil. Wir finden 

in dem Texte ein a-ku-ka-ra 1 ) gehen lassen, ein ta-a-tu-ka-a-ra 2 ) = 

Liebes erweisen und ein pi-it-tu-ka-a-ra 3 ) beistehen 4 ). Das in dem 

Briefe vorkommende marjannu 5 ) geht auf das altindische marya = 

Mann, junger Mann, junger Held oder Krieger zuriick. DaB es 

wirklich von dort entlehnt ist und nicht etwa auf einer Parallel- 

bildung in einer andern indogermanischen Sprache beruht, ersieht 

man an dem Vokal der ersten Silbe, der andere Erklarungen aus- 

schlieBt. Das Wort entspricht in dem deminutiven maryakas dem 

griechischen ueXQaS., das sprachgeschichtlich aus einem alteren 

jULtgiaS entstanden ist. Das e ist im Indischen und in dem unmittel- 

bar damit verwandten Iranischen in einer bestimmten Periode zu 

a geworden. Zur Bezeichnung des Ohres gebrauchte man das in 

dem Briefe mehrfach vorhandene Wort sur 6 ). Dies entspricht in 

derselben Weise dem aus einem alteren klu hervorgegangenen 

indischen sru. Bei dem in ka-ti-hi und in ka-ti-hu-li-es vorliegenden 

kati = sepe haben wir es offenbar mit dem indischen gati = Gang, 

Lauf, Weg, Handlungsweise zu tun. Ueber den Umfang dieser 



1) II 58.86. 

2 ) I 9.19; II 48.67.79.85.93; III 65.109; IV 96.112.113.121.123.130. 

3 ) I 21; III 110. 

4 ) Orient. Litei-aturz. a. a. O., Sp. 380. 

5 ) III 32; ebenso wiederholt in den Angaben und Festsetzungen der 
chethitischen Staatsvertrage. 

6 ) I 43; II 4. 103; IV 2.4. 16. 17.42.51. 

19 



290 

Entlehnungen 1st ein abschlieBendes Urteil vorlaufig noch nicht 
moglich. Es ist aber sicher, daft sie mit einer andern Erscheinung 
in Zusammenhang stehen, die bei dem Bekanntwerden der Texte 
von Boghazkoi so sehr iiberrascht hat. In dem Gotterverzeichnis, 
das wir oben S. 281 schon heranzogen, finden wir auch den Mitra, 
den Varuna, den Indra und das Zwillingspaar der Nasatyas er- 
wahnt 1 ). Diese kommen aber in den iibrigen Vertragen nicht vor; 
sie haben also fur den Konig von Mitanni eine besondere Be- 
deutung. Es sind die Gotter einer aus dem Ursitz der Inder 
kommenden Volksschicht, die vom Osten her, wie es scheint, in das 
Land eingedrungen war und sich erst teilweise mit der iibrigen Be- 
volkerung verschmolzen hatte. Die Glieder der Konigsfamilie tragen 
zum Teil noch indische Namen. Tusratta, der Vater des Mattiwaza, 
war der Sohn des Sutarna und der Enkel und der Bruder eines 
Artatama. Die Einzelheiten wiirden hier zu weit fiihren 2 ). Sie 
zeigen uns aber, daB die Inder das Land unterworfen und sich 
selbst an die Spitze gestellt hatten. Die marjannu sind die dem 
Konige zur Verfugung stehenden Krieger. Nun erinnern wir uns, 
daB die Stadt Achschaph zur Zeit des Konigs Amenophis III. unter 
einem Fursten stand, der in einem Schreiben aus der Kanzlei seines 
Herrn und Gebieters als Intaruda bezeichnet wird 3 ). Der Name wird 
aber AO 7096, Z. 23, in der zweiten Silbe mit einem Zeichen ge- 
schrieben, das sich auf das engste mit den in deri Mitannibriefen 
vorkommenden Formen des Zeichens fur dar beriihrt und ebenfalls 
nur als eine Variante dieses Zeichens zu betrachten ist. Er lautet 
dort En-dar-u-ta. In dem Briefe Nr. 223, den wir von dem Trager 
des Namens selbst noch besitzen, lassen die Spuren nach der Ver- 
offentlichung von Schroeder auf En-tar-u-ta schlieBen. Diese Formen 
fiihren in der Aussprache, wie jeder sofort zugeben wird, ohne 
Schwierigkeit auf ein hier iiberall zugrundeliegendes Indaruta. 
Indar = Indara = Indra. Damit kommen wir auch hier wieder 
auf denselben Teil der Bevolkerung. Wir sehen also, daB der Zu- 
sammenschluB schon eher erfolgt ist als die Choriter bis in das 
Gebiet von Palastina vordrangen. Der Name des Gottes Indra 
gestattet hier gar keinen Zweifel. Wenn es aber in Palastina einen 
Indaruta gab, konnen wir in dem Fursten Jamiuta, der uns Kn. 
177,2 in der Stadt Guddasuna begegnet, nur einen Schiitzling der 
Jami 4 ) und in Suwardata, dem Absender des Briefes mit der kurzen 
Entlehnung aus dem Churrischen, nur einen Svardatta oder ein 

*) Boghazkoi-Studien, 8. Heft, S. 32 und S. 54. 

2 ) Vgl. fur diese Fragen und fur die wichtigsten bisher gebotenen Er- 
klarungsversuche besonders die genaueren Angaben in dem Artikel von 
Friedrich, Arier in Syrien und Mesopotamien, im Reallexikon der Assy- 
riologie, herausgeg. von Ebeling und MeiBner, Erster Band, S. 144 ff., und 
die kurze, mehr auf die Forderungen der Gegenwart eingesiimmte Bearbeitung 
des ganzen Materials von SchmSkel, Die ersten Arier im Alten Orient, 
Leipzig 1938. 

3 ) S. oben S. 259. 

*) Schwester des Jama, des indischen Herrschers im Jenseits. 



291 

Geschenk des indischen Sonnengottes vermuten. Man gebrauchte 
die Zeichen mit dem s-Laut, wie wir wissen, in Syrien und in 
Palastina auch zur Wiedergabe von s. Das zeigt sich in derselben 
Weise bei dem Namen des Konigs Subandu. Wir haben es hier mit 
einer Bezeichnung zu tun, die sich nur auf das indische su = gut 
4- bandhu = Verwandter 1 ) zuriickfuhren laBt. Sie erzahlt uns von 
einer Personlichkeit, die gute, d. h. machtige und angesehene Ver- 
wandten besaB. Der Name muB auch, wie es scheint, fiir einen 
Bewohner von Taanach vorausgesetzt werden. Wir stoBen in einer 
der Listen, die dort zu Tage gefordert wurden, auf die Zeichen fiir 
ba-an-du, und zwar an einer Stelle, wo im Anfange auBer dem 
sogenannten Personenkeil nur ein einziges Zeichen fehlen kann. 
Artamanja, der Name des Konigs von Zir im Lande Basan, ist eine 
Zusammensetzung von arta, dem auch in Artatama vorkommenden, 
mit einem vokalischen r zu sprechenden rta = Recht oder Gesetz, 
und dem sich anschlieBenden man = men = meinen, erstreben oder 
beabsichtigen. Wir haben hier dieselbe Bildung, die auch in dem 
Namen des Konigs Rusmanja von Saruna vorliegt. Der erste Teil 
dieses Wortes geht wotil auf den Stamm rue = luc = lucere zuriick. 
Der Name Satija kann nur mit dem indischen satya = treu in Ver- 
bindung gebracht werden. Biridaswa, ein Oegner des Namjawaza, 
war nach der Wortbedeutung des Namens ein Besitzer von indischen 
Kampfrossen. Wir beschranken uns bei diesen Belegen auf die Bei- 
spiele, bei denen der Zusammenhang sofort in die Augen fallt, und 
gehen absichtlich an anderen Bezeichnungen voriiber, bei denen die 
Erklarung noch zweifelhaft ist. Die indogermanischen Ausdriicke 
sind hier mindestens ebenso zahlreich wie die Bildungen, die sich 
mit Sicherheit auf das Churrische zuruckfiihren lassen. Hierbei 
diirfen wir aber nicht iibersehen, daB uns das Churrische noch 
nicht ausreichend bekannt ist. Bei dem Konige von Jerusalem ergab 
sich die Zugehorigkeit zu dieser Volksschicht aus der Verehrung 
der fiba. Tagi, der Schwiegervater des Milkili von Oezer, fiihrt 
einen Namen, der ebenso wie Tagu ein churrisches tak voraussetzt. 
Akizzi geht im ersten Teile des Wortes ebenso wie Agia und Agi- 
Tesup auf den Stamm ak zuriick. In der Geschaftsliste aus Ugarit 2 ) 
wird ein Schuldner mit dem Namen Be-ja aufgefuhrt, in den El- 
Amarna-Tafeln beklagt sich Addudani, der Absender von Kn. 292 
bis 295, iiber einen gewissen Bi-e-ia (292, 42. 51) = Bi-i-ia (294, 
16. 24. 30), den Sohn der Gulati, der Gezer gepliindert und in der 
Nahe von Joppe seine Leute festgenommen hat. Der Name der 
Mutter gehort aber zu demselben Wortstamm, der uns in den Texten 
von Taanach schon in dem Ausdruck Guli-anim begegnet ist, und 
der Name des Sohnes ist hier zugleich durch das Vorkommen in 
der Liste von Ugarit als churrisch erwiesen. In den Aufzeichnungen 

1 ) Von bend'h, urspriinglich bhendh, = biiiden. Das Wort geht in der 
angegebenen Bedeuttmg, wie wir aus dem griechischen 7i8V&()6s = 
Schw^iegervater entnehmen diirfen, bis in die indogermanische Urzeit zuriick. 

2 ) S. oben S. 284. 

19* 



292 

von Taanach hat sich auch der Name Bi-anim erhalten. Dieser zeigt 
uns, daB Bija und Beja nur als fliichtig gesprochene Kurzformen 
zu betrachten sind. Das wird auch bei Gulati der Fall sein. Bei 
dem Namen des Konigs Ma-wa-ar-za-na von tJazi liegt dieselbe 
Bildung vor wie bei dem Namen des in der Geschaftsliste von 
Ugarit erwahnten Ma-hi-za-na. Die Bezeichnungen enden beide auf 
das auch sonst in churrischen Eigennamen haufiger vorkommende 
zana. Damit ist zugleich der Beweis erbracht, daB auch der Name 
des Fiirsten Ba-du-za-na, von dem wir in dem Briefe Nr. 239 
erfahren, als churrisch zu fassen ist. An einem andern Orte, der 
von tJazi nicht weit entfernt ist, waren die Geschicke der Burger- 
schaft einem Fiirsten mit dem Namen Bi-e-ri anvertraut. Das ist 
derselbe Name, der in den Texten von Kerkuk z. B. in den Formen 
Bi-ri, Bi-rum und Bi-i-rum vorkommt. Auch Zu-ra-sar, der Stadt- 
fiirst von Achtirumna, kann nach dieser Bezeichnung nur Choriter 
gewesen sein. Namen aus der Landessprache, wie sie uns in der 
Bibel begegnen, sind bei den Kleinfiirsten in den Texten von El- 
Amarna verhaltnismaBig sehr selten. Wir konnen hier, soweit uns 
die Bezeichnungen bisher schon bekannt geworden sind, nur an 
Abimilki von Tyrus 1 ), an Jabni-ilu, den Konig von Lakis 2 ), an 
Mutba'lu, den Sohn des Labaja 3 ) und an den soeben schon erwahn- 
ten Milkili von Gezer 4 ) erinnern. Von diesen vier Beispielen sind 
aber zwei fur die Beurteilung der damaligen Verhaltnisse von 
besonderer Bedeutung. Jabni-ilu, der Fiirst mit dem kanaanaischen 
Namen, war der Nachfolger des Konigs Zimrida, der von seinen 
Untertanen, wie wir noch sehen werden, treulos verraten wurde, 
und Mutba'lu folgt in derselben Weise auf einen Fiirsten, der eben- 
falls einen nichtsemitischen Namen trug. Der altere Fiirst tragt 
hier in dem einen Falle wie in dem andern einen nichtsemitischen, 
der jiingere dagegen einen semitischen Namen. Wir konnen hier 
also bei den Eroberern ein allmahliches Hineinleben in die Kultur- 
verhaltnisse der neuen Heimat feststellen, das sich in seinen Einzel- 
heiten auch sonst zum Teil noch deutlich verfolgen laBt. Dies 
berechtigt uns zu der naheliegenden SchluBfolgerung, daB die Zahl 
der Ortschaften, wo Konige mit eindeutigen semitischen Namen an 
der Spitze standen, in der alteren Zeit noch viel geringer war. Die 
Fiirstenhauser gehen ihrem Ursprunge nach, wie wir annehmen 
durfen, iiberall auf die siegreichen Fiihrer der churrischen Wehr- 
macht zuriick, die das Land ganz in ihren Besitz brachten. Das 
waren an erster Stelle die Inder, die in dem Stammgebiete dieser 
Krieger die Gewalt noch vollstandig in der Hand hatten. Die Chori- 
ter wurden zwar, wie aus dem Vorhandensein der churrischen 
Namen hervorgeht, bei der Verteilung der Konigssitze ebenfalls 



!) S. 256 f., S. 267 und S. 275 f. 

2 ) S. 258. 

3 ) S. 261. 

*) S. 264 f. tmd S. 281. 



293 

beriicksichtigi, aber bei weitem nicht in dem Umfange, wie es bei 
einer volligen Gleichsetzung der beiden Volksteile den Verhalt- 
nissen entsprochen hatte. Wir finden in den Texten von Taanach, 
wie wir gesehen haben, nur eine einzige Personlichkeit mit einem 
indischen Namen. Auch in der Gegend von Ugarit sind Inder bis- 
her'noch nicht nachgewiesen. Die Inder gehorten also, soweit sie 
nach Palastina kamen, wohl alle zu den Abteilungen der bevor- 
zugten Krieger. Die Eroberer hielten in der ersten Zeit, wie es 
scheint, an ihren Gepflogenheiten, an ihrer Sprache und an ihren 
Gottern iiberall fest. Es kam aber gerade auf religiosem Gebiete 
schon friih zu naheliegenden Gleichsetzungen, die dann von selbst 
unter Umstanden zur Benutzung derselben Kultstatten fuhrten. 
Man gebrauchte im Tempel von Lakis 1 ) einen Tonkrug, der nach 
der Inschrift, die er trug, der SauCska], der [Aserfat und der Elat 
geweiht war. Tesup, der Gott des Sturmes, beriihrte sich in seiner 
Eigenart am nachsten mit dem Gott Addu; er nahm aber, wenn 
man ihn mit den iibrigen Gottern vergleicht, einen wesentlich 
hoheren Rang ein, so da8 er in Palastina besonders auch als Baal 
gefaBt wurde. Die Entwicklung war aber, wie wir annehmen 
diirfen, in den einzelnen Teilen des Landes durchaus verschieden. 
Es scheint sogar, da8 auch die Politik hier an manchen Stellen 
eine wesentliche Rolle gespielt hat. Abdasirta, der Vater des 
Aziru, fuhrt einen Namen, der sowohl im ersten als auch im 
zweiten Teil aus dem Semitischen genommen ist. Die Lesung ist 
auch bei dem Zeichen fur abdu durch eine phonetische Schreibung 
(Kn. 63,3) gegen jedes Bedenken sichergestellt. Der Name Aziru 
findet sich aber in derselben Form in der Liste des Geschaftshauses 
von Ugarit. Er fiihrt uns also, da er aus dem Semitischen nicht 
zu erklaren ist, wieder in die Kreise der dort ansassigen churrischen 
Bevolkerung. Der Sohn des Aziru wird in zwei verschiedenen 
Texten als Du-Tesup und an einer anderen Stelle als Se-Tesup be- 
zeichnet; sein Enkel war Dubbi-Tesup, der Vorganger und wahr- 
scheinlich auch der Vater des Bentesina; der Sohn des Bentesina 
fiihrte nach einer chethitischen Aufzeichnung den Namen Sabilis 2 ). 
Wir haben hier also eine vollstandige Abkehr von der Entwick- 
lung, die der Vater des Abdasirta, wie wir aus dieser Bezeichnung 
entnehmen miissen, noch stark begiinstigt hatte. Ein Bruder des 
Aziru iiberrascht uns Kn. 104,7 mit dem eigenartigen Namen Pu- 
ba-ah-la, der in der zweiten Halfte genau so zu beurteilen ist wie 
der in dem Briefe Nr. 255 vorkommende Name Mu-ut-ba-ah-lum. 
Es handelt sich hier in beiden Fallen um ein besonderes Verhaltnis 
zu dem Gotte Ba-ah-lu = Ba'lu = Baal. Mut-Ba'lu = Mann des 
Baal; pu begegnet uns in derselben Verbindung in dem Namen 
des sudpalastinensischen Fiirsten von Jursa, der sich in seinen 
Briefen (Nr. 314 316) als Pu-anhn bezeichnet. Es findet sich 



*) S. oben S. 9f. 

2 ) = Sabilu = Sobal. S. oben S. 286 i. 



294 

auch in den Texten aus Boghazkoi, wo wir z. B. von einem Pu- 
sar-as 1 ) und von einem Pu-sar-ma 2 ) erfahren. Die Bildung ist 
hier, wie wir annehmen miissen, iiberall dieselbe. Sie ist im 
Chethitischen, soweit sie dort vbrkommt, aus dem Churrischen ent- 
lehnt. Damit kommen wir auf den Namen Pu-du-hi-ba, der im 
Churrischen als Frauenname in Gebrauch war. Die Ueberein- 
stimmung ist hier so auffallend, daB man ohne Bedenken auf einen 
Zusammenhang schlieBen darf. Pu-du geht aber, wie Gustavs zu- 
erst erkannt hat 3 ), auf das Verbum pud = put zuruck, das in dem 
Briefe des Tusrarta von der Aufnahme der Soldaten in den Dienst 
ihres Konigs gebraucht wird. Es bringt also denselben Gedanken 
zum Ausdruck, der bei dem Konige von Jerusalem nach der ge- 
wohnlichen Schreibung in seinem Verhaltnis zur yiba hervortritt. 
Gustavs glaubt deshalb nicht Abdihiba, sondern Putihiba lesen zu 
miissen. Das ist an und fiir sich durchaus moglich. In dem 
groBeren Epos von Ras Schamra findet sich ein Abschnitt, in dem 
uns von einem Kampfe des Koser und seines Anhanges gegen die 
Herrschaft des Baal erzahlt wird. Baal wird in diesem Kampfe 
von einem Waffengefahrten unterstiitzt, der den Namen B-d-b-'-l = 
Budiba'al tragt 4 ). Wir haben hier also schon denselben Namen, 
der uns in den Annalen des Assurbanipal 5 ) in der Wiedergabe 
durch Bu-di-ba-al = Pu-di-ba-al begegnet. Das erste Zeichen war 
nicht nur fur bu, sondern auch fiir pu in Gebrauch. Ein Diener 
der Astarte wird in phonizischen Texten in derselben Weise 
als B-d-'-s-t-r-t und in griechischen Aufzeichnungen u. a. als 
BovdaargaToq und als BodooxwQ bezeichnet. Eleazar, der Sohn 
des Aaron, heiratete eine Tochter des Putiel 6 ); zur Zeit des Senna- 
cherib 7 ) und des Assarhaddon 8 ) stand das Land der Ammoniter 
unter dem Konige Pu-du-ilu. Man sieht also, daB dieses pudu -- 
budu = pudi = puti = puti auch in das Kanaanaische eingedrungen 
war und dort noch in spateren Jahrhunderten ebenso gebraucht 
wurde wie das semitische 'ebed. Die Choriter machten bei dieser 
Bezeichnung, wie wir annehmen miissen, zwischen den Gottern 
ihrer Heirnat.und den Gottern von Palastina gar keinen Unter- 
schied. Als sie anfingen, den Baal und die Astarte zu verehren, 
gebrauchten sie zum Ausdruck ihrer Abhangigkeit zunachst noch 
dasselbe Wort, das sie friiher benutzt hatten. Diese Namen wurden 
dann auch in der spateren Zeit vielfach noch beibehalten. Wir 
diirfen aber nicht iibersehen, daB die Bezeichnung in den Mitanni- 



*) Keilschrifttexte aus Boghazkoi IV 14, Kol. Ill, Z. 40; Gotze, Die 
Annalen des Mursilis S. 227. 

2 ) Forrer, Die Baghazkoi-Texte dn Umschrift II 25, Kol. I, Z. 10; Gotze 
a. a. O. S. 249. 

3 ) Orient. Literaturz., 14. Jahrg. (1911), Sp. 341 ff. 
*) Syria XVI (1935), S. 29 ff. 

5 ) Rassam-Zylindei- II 83. 91. 
fl ) Exod. 6, 25. 

7 ) Taylor-Prisma II 52. 

8 ) Thompson-Prisma V 62. 



295 

briefen und in den Texten aus Boghazkoi stets phonetisch ge- 
schrieben wird. Das wurde jedenfalls auch in Palastina geschehen 
sein, wenn man diese Aussprache gewiinscht hatte. Die Schreiber 
gebrauchen hier aber regelmaBig das Ideogramm. Wir haben es 
hier also, wie es scheint, mit einer andern Oepflogenheit zu tun, 
die ebenfalls mit den Verhaltnissen von selbst gegeben war. Man 
hielt zwar in mancher choritischen Familie noch lange an den 
Gottern der Heimat fest; man hatte aber das Churrische schon 
langst mit dem Kanaanaischen vertauscht und zog es nun vor, auch 
Worter wie pudu in solchen Verbindungen durch semitische Be- 
zeichnungen zu ersetzen. Das scheint auch bei dem damaligen 
Konige von Jerusalem der Fall gewesen zu sein. Wenn man Puti- 
liiba gesprochen hatte, wiirde der Schreiber das Ideogramm hochst 
wahrscheinlich vermieden haben. Ueber das Verhaltnis des 
churrischen Ausdrucks zu dem kiirzeren pu sind wir vorlaufig 
noch auf Vermutungen angewiesen. Da wir auch bu lesen diirfen, 
haben wir bei dieser Bezeichnung hochst wahrscheinlich einen Zu- 
sammenhang mit dem in Bi- an im vorhandenen bi anzunehmen. 
Der Ausdruck unterscheidet sich von Pu-anim = Bu- an im, wenn 
wir die weichere Aussprache zugrundelegen, nur durch einen 
einzigen Vokal. Es ist allerdings moglich, daB wir fiir pu an der 
harteren Aussprache festzuhalten haben; diese kann aber mit der- 
selben Berechtigung auch fiir bi vorausgesetzt werden. Dann ist 
das Ergebnis wieder dasselbe. Es wiirde sich immer nur um den 
auslautenden Vokal handeln, der eine Scheidung der einen Form 
von der andern jedenfalls als bedenklich erscheinen laBt. Wir 
haben also, wenn dieses richtig ist, in dem haufiger vorkommenden 
pu = bu wahrscheinlich die Grundform zu erblicken. Diese tritt 
in ihrer Bedeutung noch scharfer hervor, wenn wir auch den 
Namen des in den Tusrattabriefen mehrfach erwahnten Pubri 
heranziehen. Wir haben es hier mit einer Bezeichnung zu tun, die 
sich ohne Schwierigkeit auf pu-ibri 1 ) pu-iwri = Diener des 
Konigs zuriickfuhren laBt. Das ist dieselbe Bedeutung, die bei den 
Phoniziern und im Hebraischen in dem Namen '-b-d-m-1-k = 
'Ebedmelech zum Ausdruck kommt. Ob das Churrische zu Jeru- 
salem in der Umgebung des Abdihiba noch verstanden wurde, 
laBt sich aus den Briefen, die wir von ihm besitzen, leider nicht 
feststellen. Man sieht aber, daB das Kanaanaische dem Schreiber 
wesentlich naher lag. Er gebraucht eine Reihe von kanaanaischen 
Verbalformen und greift an mehreren Stellen ohne Bedenken in 
den Wortschatz dieser Sprache. Der obere Teil der Stadt war nach 
den Angaben der Bibel bis zur Zeit des David im Besitz der Jebu- 
siter. Als der Engel des Herrn nach der Volkszahlung an den 
Einwohnern die Strafe vollzog, machte er Halt an der Tenne eines 



^ So in dem Namen Ib-ri-sar-ma (Keilschrifturkunden aus Boghazkoi 
XIII 35, Kol. Ill 7; IV 21; Gotze, Die Annalen des Mursilis S. 249) = Sarma 
ist Konig. 



296 

Jebusiters, der in dem hebraischen Konsonantentext an der Stelle 
II Sam. 24, 16 als Vrah und dann im weiteren Verlauf des Be- 
richtes an acht verschiedenen Stellen als 'rwnh bezeichnet wird. 
Die beiden Formen weisen dieselben Schriftzeichen auf, aber in 
verschiedener Aufeinanderfolge. Die erste Form liegt schon in der 
Septuaginta zugrunde, wo tins die Wiedergabe durch O^i/auber- 
rascht. Der Uebersetzer glaubte hier in der ersten Silbe trotz 
der Kiirze, die er voraussetzt, eine scriptio plena annehmen zu 
miissen und hielt dann auch fur die Fortsetzung des Textes an 
dieser Form fest; die Masoreten gaben dagegen der zweiten 
Schreibung den Vorzug, die sie ebenso fur die erste Stelle ver- 
langen, und lasen dann Arawnah. Zu dieser Aussprache liegt 
aber gar kein besonderer Grand vor. Wer unbefangen an den 
Text herantritt, kann sich nur fur die Wiedergabe durch Aronah 
Arona entscheiden. Dieses Arona ist nur die dumpfere Aussprache 
fur das in der Choriterliste der Genesis vorkommende Aran = 
Arana, mit Beibehaltung des SchluBvokals, der in der Liste der 
Genesis iiberall unterdriickt ist. Es steht zu diesem Aran in dem- 
selben Verhaltnis wie Dison zu Disan. Der Eigentiimer der Tenne 
tragt also, wie man sieht, noch einen einwandfreien choritischen 
Namen. Als er von David gebeten wurde, ihm die Tenne zu ver- 
kaufen, erklarte er im Laufe der Verhandlung: ,,Jahwe, dein Gott, 
moge dir gnadig sein!" Dies zeigt uns, daB er selbst andere 
Gotter verehrte. Das konnen nur die Gotter gewesen sein, die uns 
aus unsern bisherigen Zusammenstellungen schon bekannt sind. 
Die Jebusiter sind also, wenn wir uns so ausdriicken diirfen, die 
Choriter in der Gegend von Jerusalem. Sie werden Jos. 11,3 bei 
der Aufzahlung der damaligen Einwohner von Palastina unmittel- 
bar neben den Perizzitern erwahnt. Die Perizziter nehmen aber 
in ihrem Namen dieselbe Bezeichnung fur sich in Anspruch, die 
uns in den Briefen des Tusratta in dem Namen des Boten Pirizzi 
begegnet. Das ist unter diesen Umstanden sicher kein Zufall. Der 
Name stammt offenbar ebenfalls aus dem Churrischen. Er be- 
zeichnet in dem einen Falle eine bestimmte Person und in dem 
andern eine Volksgruppe, die hochst wahrscheinlich nach ihrem 
Stammvater so benannt wurde. Die Perizziter scheinen ebenso 
wie die Jebusiter die Bezeichnung als Choriter im Laufe der Zeit 
aufgegeben zu haben. Sie bildeten neben den Kanaanitern fur die 
biblischen Schriftsteller den wichtigsten Teil der vorisraelitischen 
Bevolkerung. Als der Streit zwischen den Hirten des Abram und 
den Hirten des Lot entstand, lebten die ,,Kanaaniter und die Periz- 
ziter" im Lande (Gen. 13,7); Jakob befurchtet, daB Simeon und 
Levi inn bei den Bewohnern des Landes, den ,,Kanaanitern und 
den Perizzitern", verhaBt machen (Gen. 34,30); als die Nach- 
kommen des Juda nach dem Tode des Josue die ihnen zugefallenen 
Bezirke zu erobern begannen, gab der Herr die ,,Kanaaniter und 
die Perizziter" in ihre Gewalt; es kam zum Kampfe, und sie 
schlugen in diesem Kampfe, wie dann noch einmal hinzugefiigt 



297 

wird, die ,,Kanaaniter und die Perizziter" (Richter 1,4 5). Wir 
haben also die Choriter, die Jebusiter und die Perizziter ganz auf 
dieselbe Stufe zu stellen. Auch die Enakiter, die wir oben schon 
erwahnten, werden in diesem Zusammenhange zu einer greifbaren 
GroBe. Sie waren in Hebron, wie uns die Bibel erzahlt, durch 
die B ruder Achiman, Scheschai und Talmai vertreten. Es waren 
Riesen, gegen die andere nach der Versicherung der Kundschafter 
nur wie Heuschrecken waren. Nach der Angabe von Deuteron. 
2,10 waren sie ,,gro8, zahlreich und hoch aufgewachsen". Diese 
Vorstellung kommt bei Talmai, wie wir gesehen haben, auch durch 
den Namen zum Ausdruck. Achiman und Scheschai waren, wie 
aus der Grundbedeutung der beiden Bezeicfmungen hervorgeht, 
bloB seine ,,Briider". Achiman geht in seiner aufieren Form auf 
das hebraische achi = ach + man zuriick; Scheschai ist in der- 
selbenWeise durch Anlehnung an das gleichbedeutende sumerische 
ses entstanden. Wir haben auch hier wieder ein Beispiel fur den 
EinfluB des Sumerischen auf den Ursprung einer bestimmten 
Ueberlieferung. Der Name muB also schon aus einer Zeit stammen, 
wo man sich in Palastina noch eingehend mit den Silbenzeichen 
und den Lautwerten der babylonischen Keilschrift beschaftigte. 
Der Urheber dieser Bezeichnungen geht von dem Gedanken aus, 
daB der Vater oder der typische Vertreter der Riesen nur ein Riese 
sein kann. Er kennt noch das Wort talam telam und erweitert 
das hebraische ach zu dem eigenartigen Achiman, um auf diese 
Weise zu einer Bildung auf an zu gelangen. Wir durfen also den 
SchluB ziehen, daB ihm das haufige Vorkommen dieser Endung 
in den choritischen Personennamen ebenfalls noch bekannt ist. Er 
hat offenbar das Bestreben gehabt, dem Namen auch in der Form 
ein besonderes choritisches Geprage zu geben. Man sieht aber 
an der Art der ganzen Bildung, daB er selbst einer andern Volks- 
schicht angehort. Ein Choriter ware mit einer derartigen Be- 
zeichnung sicher nicht einverstanden gewesen. Fur Enak bieten 
die hebraischen Texte nur die Form 'Anak, die uns in der Keil- 
schrift auf den fur die Gegend von Kerkuk verhaltmsmaBig recht 
haufig bezeugten Namen yanakka fuhrt. Es fragt sich nur, ob 
der Name bei den Enakitern in Hebron auf einer geschichtlichen 
Ueberlieferung beruht oder vielleicht ebenso, wie es bei Talmai der 
Fall war, erst in einer spateren Zeit festgelegt wurde. Diese Frage 
laBt sich aber wohl kaum mit ausreichender Sicherheit entscheiden. 
Das eine ist an und fur sich ebensogut moglich wie das andere. 
Die Enakiter sind also, wenn man den Verhaltnissen auf den 
Grand geht, ebenfalls ganz harmlose Choriter. Sie gehorten zu 
derselben Volksschicht, die vom Norden her in das Land ein- 
gedrungen war und es allem Anscheine nach ganz unterworfen 
hatte. Es handelt sich aber, wie auch aus der Bibel hervorgeht, 
fast iiberall um eine Minderheit, die allerdings in manchen Gegen- 
den sehr erheblich war. Die Texte von Taanach erwahnen fur 
diesen Ort, wie oben schon hervorgehoben wurde, im ganzen 



298 

etwas mehr als 75 verschiedene Personen. Unter diesen befinden 
sich etwa zwanzig, bei denen der Name nicht mehr in alien Be- 
standteilen genau zu erkennen 1st. Auch 1st es vorlauh'g noch gar 
nicht moglich, die einzelnen Bezeichnungen iiberall befriedigend 
zu erklareri. Die Tafeln geniigen aber trotz der Schwierigkeiten, 
die uns hier in den Weg treten, schon -zu der Feststellung, daB sich 
unter den Tragern dieser Namen mindestens elf Personen 
churrischer Abstammung befinden. Sie berichten uns, wie dem 
Leser zum Teil schon bekannt ist, von einem A-gi-ia, einem Ak-ti- 
na 1 ), einem ya-si-ia 2 ), einem tjat-ti-til-[la], einem Na-si-ma 3 ), einem 
Ta-a-gu, einem Zi-ra-ja 4 ), einem Abdi-hi-ba, einem Abdi-sar- 
ru-ma 5 ), einem Gu-li-anim 6 ) und einem Bi-anim 7 ). Dazu kommt 
auBerdem noch, wenn unsere Vermutungen richtig sind, der 
Trager des Namens [Su]-ba-an-du 8 ), der als Inder ebenfalls zu der 
hier in Betracht kommenden Volksschicht gehort. Diese Volks- 
schicht wird in den Texten der Bibel gewohnlich noch von der 
alteren einheimischen Bevolkerung des Landes unterschieden. Die 
Israeliten kampften nach den Angaben, die sich im Buche Josue 
und im Buche der Richter vorfinden, u. a. gegen die Kanaaniter, 
gegen die Perizziter, gegen die. Jebusiter und gegen die Enakiter, 
die nach der einen Darstellung 9 ) von Josue vernichtet und nach der 
anderen 10 ) von Kaleb vertrieben wurden. Man sieht also, daB der 
Unterschied, der zwischen der alteren Bevolkerung und der Schicht 
der Choriter bestand, in der damaligen Zeit noch gar nicht tiber- 
wunden war. Die Choriter sind, wie jetzt allgemein zugegeben 
wird, dasselbe Volk, das uns in Agypten als das Volk der Hyksos 
entgegentritt. Sie hatten dort ebenfalls die Herrschaft an sich ge- 
rissen und sie mehr als ein voiles Jahrhundert behauptet. Ihr 
Hauptsitz war damals, wieManetho erzahlt 11 ), inAvaris, griechisch 
AVKQIS, einem befestigten groBen Lagerplatz im ostlichen Nildelta, 
den sie selbst eingerichtet hatten. Es war, wie uns in dem Be- 
richte versichert wird, eine Flache von 10000 agyptischen Acker- 
hufen, die sie ganz mit einer groBen und starken Mauer umgeben 
hatten, um dort ihr Besitztum und ihre Beute unterzubringen. Der 
Platz befand sich nach den Angaben ganz am Rande des Delta- 
gebietes, an einer Stelle, die sich durch ihre Lage fiir die kriege- 
rischen Unternehmungen der Eroberer besonders empfahl. Die 



1) S. oben S. 284. 

2 ) Diese Lesung ist nach den zahlreichen Stellen, an denen uns der 
Name in den Texten aus Kerkuk begegnet, als unbedingt sicher zu betrachten. 

= Na-as-mu, in den Texten von Kerkuk. 
= Zi-ra-a-a, in den Texten von Kerkuk. 

5 ) S. oben S. 281. 

6 ) S. oben S. 282. 

7 ) S. oben S. 291 f. 

8 ) S. oben S. 291. 
8 ) Jos. 11,2122. 

10 ) Jos. 14,12ft; 15,13 f.; Richt. 1,20. 

") bed Flavius Josephus, Contra Apionem I 14. 



299 

Einrichtung geht nach dieser Ueberlieferung auf den Konig Salatis 
zuriick, der unter den Fremdherrschern in dem Verzeichnis des 
Manetho an der Spitze steht. Salatis hatte, wie Manetho erzahlt, 
seinen eigentlichen Wohnsitz in Memphis; er hielt sich aber in der 
Sommerzeit in Avaris auf, urn das Oetreide einzusammeln, den 
Soldaten, die er dort unterhielt 1 ), ihren Lohn zu geben und sie zu- 
gleich in den Wafien zu iiben. Sein Nachfolger war dann ein 
Konig, der in dem Texte als Bijwv bezeichnet wird. An der 
sechsten Stelle wird in dieser Liste ein Assis erwahnt. Als sie 
dann schlieBlich wieder vertrieben wurden, gelang es ihnen, sich 
in Avaris noch langere Zeit zu halten, bis die Agypter ihnen durch 
eine Vereinbarung freien Abzug gewahrten. Die Ortsbezeichnung 
laBt sich in diesem Falle nach allem, was uns-iiber den Ursprung 
und iiber die Bedeutung der Anlage gesagt wird, nur auf das 
churrische awari = eklu = Acker 2 ) zuruckfiihren. Es war ein 
Platz mitten in den Feldern, den die Konige aufsuchten, um iiber 
das Getreide zu verfiigen, ganz in der Nahe des Meeres und des 
Wiistengebietes, an einer Stelle, wo die Ackerfelder jeden iiber- 
raschen muBten, der vom Osten her in das Land hineinkam. Die 
beiden Formen stimmen bis auf den griechischen SchluBlaut Silbe 
fiir Silbe miteinander tiberein. Beon, mit langem e, ist derselbe 
Name, der uns oben S. 291 f. schon in den Bezeichnungen Be-ja, 
Bi-e-ia und Bi-aium begegnet ist. Assis deckt sich in seiner Grund- 
form mit dem in den Kerkuk-Texten vorkommenden As-si-a-e. Wir 
sehen also, daB Manetho, obschon seine Zahlenangaben nicht zu 
halten sind, auf zuverlassige Ueberlieferungen zuriickgreift Das 
geht auch aus andern Aufzeichnungen hervor, die diese Angaben 
zum Teil noch in wesentlichen Punkten erganzen. Die Hyksos 
batten sich nach ihrer Vertreibung zunachst nur bis zum Siiden 
von Palastina zuriickgezogen und waren dann von Amosis I., der 
um das Jahr 1580 zur Herrschaft kam, nach der Eroberung der 
Stadt Scharuchen (Jos. 19,6) zur Fortsetzung ihres Zuges nach 
Norden gezwungen worden. Damit verschwinden sie fiir uns aus 
der Geschichte. Ueber den weiteren Gang der Dinge fehlen uns 
wenigstens die Nachrichten. Es ist aber wohl sicher, daB auch 
die spateren Ziige der agyptischen Konige, besonders die Kriegs- 
ziige des Konigs .Thutmosis III. 3 ), mit dieser Entwicklung noch in 
unmittelbarem Zusammenhange stehen. Man hatte zwar die 
Hyksos vertrieben, stellte sich aber auf den Standpunkt, daB Pala- 
stina wahrend der Fremdherrschaft zu Agypten gehort hatte, und 
betrachtete es als selbstverstandlich, daB dieses Verhaltnis in der- 
selben Form bestehen blieb. Das bedeutete fur die Kleinfiirsten, 
die friiher in dem Konige von Agypten einen Vertreter ihres 
eigenen Volkes erblickt hatten, fiir sich allem schon ein starkes per- 



1 ) Die Zahl wird hier auf 240000 Mann angegeben! 

2 ) S. oben S. 288 Aom. 1. 

3 ) S. oben S. 241. 



300 

sonliches Opfer. Sie hatten sich jetzt dem Willen ihres bisherigen 

Feindes zu unterwerfen und fiihlten sich nicht mehr als die Sieger, 

sondern als die Besiegten.- Es wird aber dazu beigetragen haben, 

das Verhalmis zu ihren eigenen Untergebenen freundschaftlicher 

zu gestalten. Man sah jetzt in dem Konige von Agypten, wenn 

wir die Zusammenhange richtig verstehen, fast uberall den gemein- 

samen Gegner. Es scheint aber, daB die Abneigung des Volkes 

im ganzen noch groBer war als die Unzufriedenheit der Fiirsten. 

Jerusalem war also, wie wir aus diesen Zusammenstellungen 

entnehmen diirfen, beim Vordringen der Choriter wahrscheinlich 

in den Besitz eines Kriegers gelangt, der selbst zu der eigentlichen 

Grundschicht dieses Volkes gehorte. Als die Agypter dann spater 

in das Land kamen, hatten seine Nachfolger auch unter der Ober- 

hoheit der agyptischen Konige die Herrschaft weitergefiihrt. Abdi- 

hiba betont in seinen Brief en gerade dieses Verhaltnis zu seinem 

Herrn und Gebieter mit besonderem Nachdruck. Er gesteht zwar, 

daB der Konig ihn in das Haus seines V a t e r s gefiihrt (286, 13) 

oder ihn in dem Hause seines Vaters angestellt hat (288, 15), er weiB 

aber auch, daB er erst durch die Gnade seines Konigs zum wirk- 

lichen Herrn der Stadt geworden ist. Er wurde, wie er sich aus- 

driickt, nicht von seinem Vater oder von seiner Mutter, sondern 

durch die machtige Hand des Konigs von Agypten in Jerusalem 

eingesetzt (286,9 ff.; 287,25 ff.; 288, 13 f.). Er betrachtet die Stadt 

Jerusalem und den zu Jerusalem gehorenden Landbezirk als ein 

Geschenk des Konigs (287,27) und verteidigt dieses Gebiet gegen 

das Vordringen der damaligen Feinde, die er stets als die yabiri 

bezeichnet. Die FJabiri sind fur ihn die gefahrlichsten Gegner des 

Konigs. Er wird aber nicht aufhoren, die koniglichen Beamten, 

die sich viel zu viel mit ihnen einlassen, immer wieder vor ihnen 

zu warnen und zu erklaren: ,,Warum liebt ihr die FJabiri und haBt 

ihr die Stadtfiirsten?" Man hat ihn beim Konige verleumdet, weil 

er stets darauf hinweist, daB die Lander des Konigs an die yabiri 

verloren gehen (286,16ff.)- Sie sind uberall schon abgefallen. 

Ilimilku, sein Nachbar, hat mit den Fjabiri gemeinsame Sache ge- 

macht und richtet das ganze Land des Konigs zugrunde. Der 

Konig muB unbedingt Feldtruppen schicken, und zwar noch vor 

Ablauf des Jahres. Wenn dies geschieht, bleiben die Lander dem 

Konige noch erhalten; wenn es aber nicht geschieht, gehen sie fur 

ihn verloren; denn die yabiri plundera alle Lander des Konigs 

(286,35 ff.)- Allen Landern geht es gut; er ist unter den Fursten 

der einzige, der angefeindet wird 1 ) (287,12). Im Lande von Gezer, 

Askalon und Lakis gibt man den Fjabiri Speisen, Oel und alles, 

was sie notig haben. Milkili 2 ) und die Sohne des Labaja haben 

^das Land des Konigs den Fjabiri iibergeben (287,14ff.). Von 

Gintikirmil, einer Stadt am Karmel, bis zum Seirgebirge im Siid- 



*) gab-bi matati sa-li-mu a-na ia-a-si nu-kur-tu. 
2 Ilimilku. 



301 

osten des Landes geht es den Fiirsten wohl; er 1st der einzige, der 
angegriffen und befeindet wird 1 ). Die Stadte kommen uberall in 
die Gewalt der yabiri. In dem Orte Zilu ist ein Turbazu und ein 
JaptiJhadda im Stadttor erschlagen worden, ohne daB die Uebel- 
tater zur Rechenschaft gezogen wurden; in Lakis haben Ein- 
wohner der Stadt den Fiirsten Zimrida bei ihrem AnschluB an die 
fjabiri treulos verraten (288,26 ff.). Milkili weicht nicht von den 
Sohnen des Labaja und den Sohnen des Arzaja und sucht das Land 
des Konigs in ihre pewalt zu bringen. Nachdem es dem Milkili 
gelungen ist, mit seinem Schwiegervater Tagi 2 ) die Stadt Rubuda 
zu nehmen, versuchen sie in derselben Weise gegen Jerusalem vor- 
zugehen. Tagi hat schon das Land von Gintikirmil in seinen 
Besitz gebracht, und die Einwohner von Gintikirmil werden als 
Besatzungstruppen in Betsani verwandt. Das wird auch das 
Schicksal der iibrigen Stadte sein, nachdem Labaja und das Land 
Sakmi 3 ) den Wimschen der yabiri entgegengekommen sind und 
ihnen das Notwendige zur Verfiigung gestellt haben. Milkili hat 
dem Tagi und seinen Sohnen bereits geschrieben: ,,Gebt alles, 
was sie verlangen, den Leuten von Kilti" (289, 5 ff.). Milkili und 
Suwardata haben Leute von Gezer, Gath und Kilti genommen 4 ) 
und die Stadt Rubute erobert. Das Land des Konigs ist zu den 
yabiri abgefallen, und die Bewohner von Bethlehem 5 ) sind dem 
Beispiele der Einwohner von Kilti gefolgt und haben sich ihnen 
ebenfalls angeschiossen. Wenn der Konig keine Truppen schickt, 
tritt das ganze Land auf die Seite der yabiri (290, 5 ff.). 

Wenn wir diese Angaben in ihrer Aufeinanderfolge und in 
ihrer Bedeutung richtig verstehen wollen, miissen wir zunachst 
noch die Briefe des Suwardata heranziehen. Wir erfahren aus 
diesen Briefen, daB es eine Zeit gegeben hat, wo Abdihiba und 
Suwardata aufrichtig miteinander befreundet waren. Es waren 
unmittelbare Nachbam. Sie bemiihten sich beide, dem Konige 
gegeniiber ihre Pflicht zu tun und das Gebiet, das dieser ihnen 
anvertraut hatte, gegen die Angriffe der sa-gaz-Leute zu ver- 
teidigen. Suwardata hatte sich zu diesem Zwecke auch mit den 



*) sal-mu a-na gab-bi l$a.-zi-a-nu-ii u nu-kur-tu a-na ia-a-si, wie in dem 
vorhergehenden Texte. Salimu ist das Partizip von salamu, salmu das zu 
diesem Verbum gehorende Nomen. 

2 ) Vgl. 249, 89. 

3 ) Sichem. 

4 ) Milkili war, wie wir seit dem Bekanniwerden des Briefes E 6753 
wissen, Konig von Oezer. S. oben S. 264. Er nahm also die Leute aus 
seiner eigenen Stadt, die bei der Aufzahlung ebenfalls an erster Stelle 
genannt w^ird. Wenn dies aber bei Milkili der Fall war, mufi es auch fur 
Suwardata vorausgesetzt werden. Suwardata muB also seinen Wohnsitz 
entweder in Gath oder in Kilti gehabt haben. Es ist aber anzunehmen, 
daB der Hauptort zuerst genannt wird. Suwardata kann also, wenn dieses 
richtig ist, nur der Konig von Gath gewesen sein. Er war aber, wie sich 
aus dieser Zusammenstellung ergibt, u. a. auch der Gebieter von Kilti. 

5 ) So nach den Feststellungen von O. Schroeder in der Orient. Literaturz., 
18.Jahrg. (1915), Sp. 294 295. 



302 

Fiirsten von Akko und von Achschaph in Verbindung gesetzt, die 
ihm nicht weniger als fiinfzig Kriegswagen schickten. ,,Der Konig 
moge wissen", so schreibt er dariiber, ,,daB die sa-gaz-Leute (ihre 
Waffen) in die Gebiete tragen, die der Gott des Konigs, meines 
Herrn, mir gegeben hat, und daB ich sie geschlagen habe. Der 
Konig, mein Herr, moge wissen, da6 alle meine Briider mich ver- 
lassen haben, und daB ich und Abdihiba die sa-gaz-Leute bekamp- 
fen. Zurata, der Mann von Akka, und Endaruta 1 ), der Mann von 
Aksapa, sind mir zu Hilfe gekommen mit 50 Streitwagen. Siehe, 
sie stehen mir bei im Kriege. Moge es dem Konige, meinem Herrn, 
gef alien, den Janhamu zu schicken, damit wir den Krieg been den 

und damit du das Land des Konigs, meines Herrn, zu seinem 

zuriickbringest" (AO 7096, 1 1 ff .). Dieses Verhaltnis nahm aber 
ein Ende, als Abdihiba den Versuch machte, die Stadt Kilti in 
seinen Besitz zu bringen. Er hatte, wie Suwardata berichtet, an 
die Einwohner einen Brief geschrieben und sie aufgef ordert : 
,,Nehmt Geld und schlieBt euch mir an!" Das war dann in der 
Tat geschehen. Abdihiba hatte dem Suwardata auf diese Weise 
die Stadt aus der Hand genommen, obwohl Suwardata dem Abdi- 
hiba, wie er betont, keinen Mann, kein Rind und keinen Esel 
irgendwie fortgefiihrt hatte. Suwardata kann dieses Verhalten, wie 
er meint, nur mit dem Benehmen des Labaja auf dieselbe Stufe 
stellen, der damals schon gestorben war. ,,Labaja ist tot, der 
genommen hat unsere Stadte; aber siehe, ein anderer Labaja ist 
Abdihiba, daB er nimmt unsere Stadte." Er hatte sich deshalb sofort 
an den Konig von Agypten gewandt und war von ihm beauftragt 
worden, die Stadt wieder in seine Gewalt zu bringen. Das war 
ihm, wie er dem Konige schreibt, tatsachlich gelungen (280, 9 ff.). 
Abdihiba ist dann natiirlich entrustet, daB ihm die Stadt wieder 
genommen wurde, und spricht hier ebenfalls von einem Abfall 
an die Jrjabiri. Er glaubt in Erfahrung gebracht zu haben, daB 
den Leuten von Kilti geboten wurde, was sie nur wiinschten, und 
macht seinen Gegnern ohne Bedenken dasselbe Verfahren zum 
Vorwurfe, das man nach der Angabe des Suwardata auch bei ihm 
selbst schon vorausgesetzt hatte (289, 25 ff.). 

Die Feinde, mit denen die beiden Nachbarn es in der ersten 
Zeit bei ihrem gemeinsamen Vorgehen zu tun hatten, werden in 
dem Briefe des Suwardata, wie wir gesehen haben, als die sa-gaz- 
Leute bezeichnet. Sie sind nach der Schilderung des Suwardata im 
Vordringen begriffen und bedeuten fur die Lander des Konigs eine 
groBe Gefahr. Die meisten Fiirsten haben den Kampf bereits auf- 
gegeben. In der Nahe von Jerusalem ist auf besondere Hilfe nicht 
mehr zu rechnen. Die Streitwagen, die in dem Briefe genannt 
werden, sind von dem Fiirsten von Akko und dem Fiirsten von 
Achschaph geschickt worden. Sie stammen also aus einer Gegend, 
zu der man in Jerusalem bei normalen Verhaltnissen kaum noch 



*) = Indaruta. S. oben S. 290. 



303 

besondere Beziehungen hatte. Da wir in den Briefen des Abdihiba 
nur von den yabiri lesen, 1st es selbstverstandlich, daB wir die 
sa-gaz-Leute und die fcfabiri einander gleichzusetzen haben. Wir 
haben hier dieselbe Erscheinung, die uns bei den Aufzeichnungen 
der Chethiter uberrascht. In den Staatsvertragen, die Subbiluliuma 
und der Sohn und Nachfolger des Tusratta miteinander abschlieBen, 
werden auch die sa-gaz-G6tter oder die Goiter der sa-gaz-Leute 
als die besonderen Zeugen und Schiitzer der Abmachungen ange- 
rufen 1 ); in den Vertragen mit den iibrigen Fiirsten werden diese 
Gotter, soweit uns die Texte noch vorliegen, ganz in derselben 
Zusammenstellung als die Gotter der ^abiri bezeichnef). 

Das sumerische sa-gaz setzt in seiner Grundbedeutung ein 
,,Binden und Toten" voraus. Es war das gewohnliche Ideogramm 
fur habbatu = Rauber. Wir haben also bei dem Ausdruck zunachst 
nur an fremde Horden zu denken, die in das Land eingedrungen 
sind und sich dort an der Freiheit und am Leben der bisherigen 
Einwohner vergreifen. Diese Bedeutung war aber im Lauie der Zeit 
ganz in den Hintergrund getreten. Die yabiri sind nach den chethi- 
tischen Staatsvertragen eine Klasse von Menschen, die ihre eigenen 
Gotter verehren. Es sind also Fremde, die sich gerade durch ihre 
religiosen Auffassungen und durch ihre religiosen Kundgebungen 
von der iibrigen Bevolkerung scharf unterscheiden. Die Gotter des 
Landes sind nicht ihre Gotter, und .ihre Gotter sind nicht die Gotter 
des Landes. Es scheint sogar, daB die hier in Betracht kommenden 
Gottheiten den VertragschlieBenden im einzelnen gar nicht bekannt 
sind. Denn es ist sicher kein Zufall, daB hier gar kerne Namen mit- 
geteilt werden. Die Gotter finden aber trotzdem ihre Berucksichti- 
gung. Es wird also vorausgesetzt, daB die tJabiri sich politisch in 
die bestehenden Verhaltnisse hineinfiigen, und daB sie auch ihrer- 
seits durch die Bestimmungen gebunden sind. Sie lieBen sich viel- 
fach als Soldner anwerben und iibten dann das Kriegshandwerk 
in geschlossenen Abteilungen, die in andern Texten mehrfach er- 
wahnt werden. Das war auch schon bei den alten Babyloniern der 
Fall. Wir lesen dort von ihren Fiihrern und erfahren zugleich, daB 
ihnen Kleider und Schafe geliefert wurden. In den Texten von 
Kerkuk stoBen wir an einer Reihe von Stellen auf tfabiri, die sich 
selbst in die Sklaverei verkauft hatten 3 ). Diese tJabiru-Sklaven 



4 ) Boghazkoi-Studien, 8. Heft, S. 3031 und S. 5051. 

2 ) Boghazkoi-Studien, 8. Heft, S. 6869 und S. 7475; Mitteilungen der 
Vorderasiiat-Aegypt. Gesellsch. Bd. 31 (1926), 1. Heft, S. 2223; Bd. 34 (1930), 
l.Heft, S. 1617, S.80 81 und S. 112113. 

3 ) Chiera and Speiser, Selected ,,Kirkuk" Documents Nr. 7 u. 8; Chiera, 
Habiru and Hebrews, American Journal of Semitic Languages Vol. XLIX 
(193233), S. 115ff.; Speiser, Ethnic Movements in the Near East in the 
Second Millennium B. C, Annual of the American Schools of Oriental 
Research Vol. XIII (1933), S. 13 ff. (S. 33 fi); Saarisalo, New Kirkuk Docu- 
ments relating to Slaves, Helsingfors 1934, S. 61 ff. Die keilinschriftlichen 
Originaltexte finden sich jetzt bei Chiera, Joint Expedition with the Iraq 
Museum at Nuzi, Vol. V: Mixed Texts, Nr. 446465. 



304 

stammen nach ihren Namen und nach den besonderen Angaben der 
Texte aus den verschiedensten Landern, aus Assyrien, aus dem 
Lande Akkad, aus dem in der Nahe von Arrapha liegenden Gebirgs- 
lande Lullu, aus dem Lande Inzalti und aus andern Gebieten, die 
wir im einzelnen zum Teil noch nicht zu bestimmen vermogen. Die 
Namen sind im Gegensatze zu den Bezeichnungen, die wir sonst 
in den Texten antreffen, nur in den seltensten Fallen churrischen 
Ursprunges. Sie beweisen dadurch fur sich allein schon, daB wir 
es bei den Tragern mit Fremden zu tun haben, die in dem Lande 
selbst noch nicht heimisch sind. Die Fjabiri sind also nicht etwa die 
Vertreter eines bestimmten Volkes, wie man fruher in der Regel ver- 
mutet hat, sondern lediglich die Personen, die von auBen in das 
Land hineingekommen sind. Dabei ist es an und fur sich belanglos, 
ob sie einzeln oder in groBeren Abteilungen erschienen. Die Sumerer 
hatten aber sicher ihre guten Griinde, wenn sie das sa + gaz, das 
Binden und das Toten, bei dem Auftreten solcher Volksmassen als 
die Regel betrachteten. Die Auswanderer suchten bei ihrem Vor- 
dringen nach neuen Lebensmoglichkeiten und nach neuen Wohn- 
statten, die ihnen nur selten sofort eingeraumt wurden. Wir lesen 
im zehnten Kapitel der Genesis von den Nachkommen des Arpach- 
schad: ,,Und Arpachschad war der Vater des Schelach und Schelach 
war der Vater des 'Eber. Und dem 'Eber wurden zwei Sohne ge- 
boren. Der Name des einen war Peleg; denn in seinen Tagen wurde 
die Erde geteilt; und der Name seines Bruders war Joktan." Diese 
Satze bringen in ihrem Zusammenhange, wenn wir bei den 
hebraischen Bezeichnungen jedesmal auf die sprachliche Bedeutung 
des Wortes zuriickgreifen, eine eigenartige, in sich selbst ge- 
schlossene Gedankenverbindung zum Ausdruck. Der Name Schelach 
gibt sich in der Schreibung des masoretischen Textes als eine 
Nominalbildung zu dem Verbum salah = schicken zu erkennen, 
'Eber geht auf 'abar = iiberschreiten und Peleg auf palag = teilen 
zuriick, Joktan setzt in seiner Bedeutung das Hiphil und die zu 
demselben Verbalstamm gehorenden Hophalformen von katon = 
klein sein voraus. Da das Teilen immer zu einer Verkleinerung 
fiihrt, ist es sicher kein Zufall, daB uns die beiden Bezeichnungen 
gerade bei einem Briiderpaar begegnen. Sie gehoren auch fur den 
Urheber der Namen begrifflich zusammen. Der Gegenstand dieser 
Teilung ist nach der ausdriicklichen Angabe des Textes die Erde; 
der Vater der beiden Briider ist ein Mann, der hinubergeht und 
selbst als der Sohn eines Schelach bezeichnet wird. Er ist also 
himibergegangen, weil er von andern geschickt wurde. Man hat 
ihn aus der Heimat hinausgeschickt, so daB er ein fremdes Gebiet 
betreten muBte, das er dann selbst zum Teil in seinen Besitz zu 
bringen hatte. Wir haben hier das typische Bild eines ,,Hebraers", 
der iiber die Grenze gekommen ist und in dem neuen Lande ganz 
in derselben Weise vorgeht, wie es nach den keilinschriftlichen Auf- 
zeichnungen bei den. Habiri der Fall war. Die Bezeichnung findet 
sich in dieser Bedeutung schon in den Texten von Ras Schamra, 



305 

Der Olbaum war nach der Auffassung der Phonizier 1 ) ,,wie Silber 
fiir die '-b-r-m" und der k-s 2 ) ,,wie Gold fur die '-b-r-m". Die '-b-r-m 
scheinen also bei ihrem Auftreten eine besondere Vorliebe fiir Silber 
und Gold gezeigt zu haben. Wir sehen hier auch, daB der Ausdruck 
mit den Fltissen, die in diesem Zusammenhange vielfach genannt 
werden, an und fur sich gar nichts zu tun hat. Die Hebraer, von 
denen wir hier erfahren, sind nicht (iber den Euphrat und auch nicht 
iiber den Jordan gekommen. Das Hiniiberschreiten, das man bei 
ihnen voraussetzte, bezieht sich lediglich auf die Grenze des Landes. 
Das war natiirlich auch bei den Israeliten der Fall. Es waren 
Hebraer, seitdem sie sich in Palastina befanden. Als sie dort ein- 
zogen, hatte das Wort schon langst seine charakteristische Be- 
deutung. Es war in dieser Bedeutung zunachst nur bei der ein- 
heimischen Bevolkerung in Gebrauch und kommt auch in den 
Texten der Bibel urspriinglich nur zur Anwendung, wenn der 
Schriftsteller sich mit Fremden beschaftigt und auf die Ausdrucks- 
weise der Fremden besondere Riicksicht nimmt. Die Zeit, wo es 
uns auch sonst in der Darstellung begegnet, liegt wesentlich spater. 
Die Israeliten haben sich also diese Bezeichnung erst ganz all- 
mahlich zu eigen gemacht. Es war ein Ausdruck, der in der altesten 
Zeit bloB von den Gegnern gebraucht wurde. Damit ist das Ver- 
haltnis zu den hjabiri theoretisch wohl ausreichend geklart. Das 
eine Wort erzahlt uns nach den vorhandenen Belegen ebenso wie 
das andere von einer Klasse von Fremden, die in das Land ein- 
gedrungen sind, um sich dort irgendwie niederzulassen. Der Habiru 
ist in diesem Sinne ein Hebraer und der Hebraer ein Habiru. Es 
sind zwei gleichbedeutende Worter aus zwei verschiedenen 
Sprachen 3 ). Die Irjabiri sind also, wie wir annehmen diirfen, auch 
zur Zeit der El-Amarna-Texte von der einheimischen Bevolkerung 
sicher schon als Hebraer bezeichnet worden. Es waren Hebraer 
wie so viele vor ihnen, und man durfte bei ihrem Auftreten kaum 
erwarten, daB es die letzten sein wiirden. Wenn wir nun an die 
Hebraer denken, mit denen wir es in der Bibel zu tun haben, so 
stehen wir hier einer Volksmasse gegeniiber, die ebenfalls das Land 
vollstandig uberschwemmte. Solche Wanderungen kommen auch im 
Altertum stets nur in groBeren Zeitabstanden vor. Was wir aus den 
El-Amarna-Tafeln erfahren, laBt auf einen Einbruch schlieBen, der 
zu einem volligen Umsturz der bestehenden Verhaltnisse zu fiihren 
drohte; was uns die Bibel erzahlt, ist in seinen Einzelheiten fast als 
ein ausgesprochenes Gegenstuck zu diesem Bilde zu betrachten. In 
den ^keilinschriftlichen Texten berichten die Kleinfiirsten, was sie 
erleBen und was sie befiirchten; in der Bibel schildern uns die 
Israeliten, was ihre Vater unter der Fiihrung des Josue tatsachlich 



*) Syria XV (1934), S. 317 Anm. 1. 

2 ) Bedeutung noch unbekannt. 

3 ) Das akkadische habiru geht nach der Annahme von Lewy, Zeitschr. f. 
Assyriologie, Neue Folge Bd. 2 (1924 25), S. 26, Anm. 4 auf ein habaru = 
eindringen zuriick. 

20 



306 

geleistet und erreicht haben. Die keilinschriftlichen Aufzeichnungen 
stammen aus der Zeit von etwa 1416 1363 1 ); die biblischen Zahlen 
setzen nach allem, was wir dariiber feststellen konnten, genau die- 
selbe Zeit voraus. Sie fuhren uns, wenn wir sie so nehmen, wie wir 
sie vorfinden, fiir den Einzug auf das Jahr 1408. Wir kommen hier 
also, wie man sieht, auch fiir die Chronologic zu einer vollstandigen 
Uebereinstimmung. Es fragt sich nur, wie wir die Vorgange im 
einzelnen miteinander zu verbinden haben. 

Suwardata berichtet in dem Schreiben AO 7096, wie wir in 
diesem Zusammenhange noch einmal hervorheben miissen, daB die 
tJabiri in sein Gebiet eindringen und daB er sie geschlagen hat. Er 
bekampft sie ebenso wie Abdihiba. Die iibrigen Fiirsten haben ihn 
verlassen. Nur Zurata von Akko und Indaruta von Aksapa haben 
fiinfzig Streitwagen geschickf). Die yabiri sind also damals schon 
in groBeren Abteilungen bis in die Gegend von Oath 3 ) vor- 
gedrungen. Die Hilfe, von der uns in dem Briefe erzahlt wird, 
kommt nicht aus der Nachbarschaft, sondern aus dem Norden des 
Landes. Man sieht also, daB von den Fiirsten im Siiden und in den 
mittleren Teilen von Palastina wirklich keine Unterstiitzung mehr 
zu erwarten war. Der Brief stammt noch aus der Zeit des Konigs 
Zurata von Akko. Da wir von Zatatna, dem Sohne des Zurata, 
schon mehrere Schreiben besitzen, fallt er sicher noch in die Zeit 
des Konigs Amenophis III. Das ergibt sich auch aus dem Inhalte 
des Briefes Nr. 8, den Burnaburiasch an Amenophis IV. richtete. 
Burnaburiasch beschwert sich in diesem Briefe 4 ) schon uber Zatatna, 
den er als ,,Sutatna, den Sohn des Saratum", bezeichnet. Zurata 
war also zur Zeit, wo Amenophis IV. auf dem Throne saB, tatsach- 
lich schon gestorben. Wenn wir nun die Briefe des Abdihiba 5 ) ver- 
gleichen, finden wir das Bild, das Suwardata in seinem Schreiben 
von den Verhaltnissen entwirft, bis in alle Einzelheiten genau be- 
statigt. Die Gefahr ist aber inzwischen noch groBer geworden, 
und es steht zu befiirchten, daB das ganze Land fiir den Konig von 
Agypten verloren geht. Die Fiirsten kommen den Wunschen der 
yabiri iiberall entgegen. Im Lande von Gezer, Askalon und Lakis 
gibt man ihnen Speisen, Ol und alles, was sie no tig haben. Der 
Absender befiirchtet, daB es alien Stadten so ergeht wie den Be- 
wohnern von Gintikirmil, nachdem Labaja und das Land Sichem 6 ) 
den yabiri gegeben oder zur Verfiigung gestellt haben, was sie zum 
Leben gebrauchten (Kn. 289, 18ff.). Diese Angabe ist fiir die Be- 
urteilung der ganzen Entwicklung besonders wertvoll. Wir erfahren 
hier, daB zwischen Labaja und dem Gebiete von Sichem ein un- 
mittelbarer Zusammenhang besteht. Das Verhalten des Landes 



S. oben S. 241 f. 

S. oben S. 302. 

S. oben S. 301 Anm. 4. 

S. oben S. 254 f. 

S. oben S. 300 f . 

La-ab-a-ja u mat Sa-ak-mi. 



307 

Sichem 1st abhangig von dem Willen des Labaja. Dies notigt uns 
zu der Annahme, daB Labaja der Konig des Landes war 1 ). Abdi- 
hiba macht also dem Labaja zum Vorwurfe, daB er der erste ge- 
wesen ist, der den Wiinschen der yabiri in dieser Weise entgegen- 
kam. Das geschieht in einem Nebensatze, so daB man annehmen 
muB, daB er nur hervorheben will, was jedem bekannt war. In dem 
Briefe Nr. 287 betont er, daB auch die Sohne des Labaja engere 
Verbindungen mit den yabiri unterhalten. ,,Siehe", so schreibt er 
dort von dem Verhalten seiner Gegner, ,,das ist die Tat des Milkili 
und die Tat der Sohne des Labaja, die das Land des Konigs den 
Jabiri iibergeben." DaB die yabiri im Gebiete von Sichem anders 
behandelt wurden als es sonst in der ersten Zeit der Fall war, er- 
sehen wir auch aus den Briefen des Biridija von Megiddo. Biridija 
berichtet in dem Briefe Nr. 243, daB er mit Wagen und Kriegern 
die Mauern der Stadt verteidigen muB, weil die Feindschaft der 
tJabiri im Lande so groB ist, und schreibt dann in deni folgenden 
Briefe, daB die Stadt von Labaja belagert wird. Die Kampfe sollten 
jedoch fiir Labaja zum Verhangnis werden. Er wurde von Biridija 
gefangen genommen und dem Zurata von Akko iibergeben, der 
sich verpflichtete, ihn lebendig auf einem Schiffe nach Agypten zu 
bringen. Zurata lieB ihn aber in yinaruna gegen ein Losegeld 
wieder frei. Als Biridija dann zu Pferde hinter ihm herjagte, um ihn 
wieder in seine Qewalt zu bringen, hatten die Bewohner von Gina 
(Kn. 250, 17 f.) ihn bereits erschlagen. Der Tod des Labaja fuhrt 
uns also ebenfalls noch in die Zeit des Zurata. Dieser ist zwar so 
schwach gewesen, das Losegeld anzunehmen; er war aber im 
iibrigen, wie es scheint, ein ehrlicher Gegner des "Labaja. Diese 
Gegnerschaft war auch wohl der eigentliche Grand gewesen, der 
ihn dazu bestimmt hatte, dem Suwardata und dem Konige von 
Jerusalem die Streitwagen zu schicken. Der Kampf gegen die yabiri 
war fur ihn zugleich ein Kampf gegen Labaja. Als Labaja dann 
erschlagen war, wurde aus dem Kampfe gegen Labaja ein Kampf 
gegen die Sohne des Labaja. Biridija glaubt in dem Briefe Nr. 246 
ohne Bedenken behaupten zu diirfen, daB die beiden Sohne des 
Labaja die tJabiri und die K[asi]-Leute, die gegen ihn vorgehen, 
durch Geldzahlungen eigens zu diesem Zwecke gedungen haben. 
Abdihiba macht aber, wie wir gesehen haben, nicht nur den Labaja 
und die Sohne des Labaja, sondern vor allem auch den Konig 
Milkili von Gezer fiir die Erfolge der yabiri verantwortlich. Er 
spricht von der Tat des Milkili und der Tat der Sohne des Labaja 
und betont, daB Milkili nicht von den Sohnen des Labaja weicht. 
Die yabiri erhalten aber im Lande von Gezer, im Lande von Aska- 
lon und in Lakis ebenfalls alles, was sie zum Leben notig haben. 
Das ist nach den Beziehungen, die Milkili nach andern Angaben 
schon mit Labaja unterhielt, sicher nicht ohne dessen Zustimmung 



A ) So zuerst mit einiger Zuruckhaltung 1 Franz Bohl, Kanaanaer und 
Hebraer, Leipz. 1911, S. 94. 

20* 



308 

geschehen. Die FJabiri fanden im Gebiete von Gezer, von Askalon 
und von Lakis genau dasselbe Entgegenkommen wie im Gebiete 
von Sichem. Abdihiba nennt dabei die Stadt Gezer mit besonderem 
Nachdruck an erster Stelle. Wenn wir nun die Bibel vergleichen, so 
lost sich auch hier wieder eine Schwierigkeit, die den Erklarern 
bisher schon manche Sorge gemacht hat. Josue lieB die Stadte 
Jericho und Hai vollstandig zerstoren. Er fiihrte die Israeliten dann 
bis nach Sichem und errichtete dort auf dem Berge Hebal, wie es 
Deut. 27, 2 ff . verlangt wird, einen Altar aus unbehauenen Steinen, 
auf dem er Brand- und Friedopfer darbringen lieB, und Gedenk- 
steine mit einer Niederschrift der Gesetze des Moses (Jos. 8, 30 ff.). 
Man legt sich hier die Frage vor, wie es moglich war, daB er schon 
nach der Zerstorung von zwei befestigten Ortschaften so tief in das 
Land vorstoBen konnte, und glaubt den Grund fur diese Tatsache 
besonders in der allgemeinen Verwirrung der Gegner erblicken zu 
diirfen. Die Verwirrung kann aber nicht groBer gewesen sein als 
bei dem Erscheinen der Israeliten vor Jericho, und Sichem war 
ebenfalls auBerordentlich stark befestigt. Wenn man Widerstand 
geleistet hatte, ware es sicher zu einer Schlacht und hochst wahr- 
scheinlich auch zu einer Belagerung gekommen, die in der Zer- 
storung der Stadt ihr Ende gefunden hatte. Wir miissen also den 
SchluB ziehen, daB ein solcher Widerstand iiberhaupt nicht versucht 
wurde. Man scheint sich aber auch nicht freiwillig unterworfen zu 
haben; denn eine Unterwerfung wiirde sicher zu irgendwelchen 
Abmachungen gefiihrt haben, die der Verfasser des biblischen Textes 
wohl kaum iibergangen hatte. Wir brauchen in dieser Hinsicht nur 
an die Verhandlungen mit den Gibeoniten zu erinnern, die uns in 
demselben Zusammenhange gleich im folgenden Kapitel entgegen- 
treten. Es kam also, wie wir annehmen miissen, zu keiner Schlacht, 
zu keiner Eroberung und auch nicht zu einer freiwilligen Unter- 
werfung. Damit sind aber noch nicht alle Moglichkeiten erschopft. 
Die FJabiri waren damals noch zufrieden, wenn sie erhielten, was 
sie zum Leben notig hatten, und wir haben gesehen, daB ,,Labaja 
und das Land Sichem" ihnen dieses gewahrten. Damit ist alles er- 
klart. Wir brauchen bei den biblischen Angaben nur vorauszusetzen, 
was uns in den Tafeln von El-Amarna ausdriicklich gesagt wird. 
Die Israeliten sind ebenso wie die Habiri gleich nach dem Einzuge 
in Palastina bis in die Gegend von Sichem vorgeriickt und haben 
dort genau dieselbe Behandlung gefunden. Das wiirde bei den 
chronologischen Uebereinstimmungen fur sich allein schon geniigen, 
um einen Zweifel an der Richtigkeit der Gleichsetzung von vorn- 
herein auszuschlieBen. Die Parallelen reichen aber in Wirklichkeit 
noch weiter. Als die Verteilung des Landes zum AbschluB ge- 
kommen war, wahlte Josue zu seinem Aufenthaltsorte das im Gebiete 
von Ephraim gelegene Timnath Serach, das ihm von den Israeliten 
zu diesem Zwecke besonders geschenkt wurde. Er lieB den Ort 
wieder ausbauen oder von neuem befestigen (Jos. 19, 50) und lebte 
dann in dieser Stadt ganz nach der Art der iibrigen palastinensischeri 



309 

Kleinfiirsten. Dabei waren die Beziehungen zu Sichem immer noch 

dieselben. Als er seinen Tod herannahen fiihlte, versammelte er dort 

noch einmal die Vertreter der einzelnen Stamme, um sich von ihnen 

zu verabschieden (Jos. 24, 1 ff.). Er berief zu diesem Zwecke die 

,,Altesten, die Haupter, die Richter und die soterfm 1 )" von ganz 

Israel, trat mit ihnen nach der Ausdrucksweise des Textes vor Gott 

und nahm von ihnen das Versprechen entgegen, dem Herrn die 

Treue zu wahren. Es war ihm offenbar ein Bedurfnis, zu dem Volke 

noch einmal an derselben Stelle zu sprechen, wo er vor vielen 

Jahren den Altar und die Steine des Oesetzes errichtet hatte, und 

er wurde auch dieses Mai von dem Konige von Sichem und von der 

alteren Bevolkerung des Landes in keiner Weise daran gehindert. 

Die Verhaltnisse waren also, wenn man sie nicht als freundschaftlich 

bezeichnen will, auch in der damaligen Zeit auf jeden Fall noch 

fur beide Teile durchaus befriedigend. Nun wissen wir aber, daB 

der eine von den beiden Sohnen des Labaja den Namen Mutba'lu 

fiihrte. Von diesem Mutba'lu besitzen wir noch zwei Briefe. Der 

eine (Nr. 255) ist an den Konig, der andere (Nr. 256) an Janhamu 

gerichtet. Aus dem ersten Briefe erfahren wir, daB der Konig ihn 

angewiesen hatte, die nach FJanigalbat ziehenden Karawanen weiter- 

zubefordern. Er antwortet darauf, daB er dies ebenso tun werde 

wie friiher sein Vater Labaja 2 ). Hieraus ergibt sich, daB er eben- 

falls an der groBen. KarawanenstraBe wohnt, die an Sichem vorbei- 

fuhrt, und offenbar als der eigentliche Nachfolger des Vaters zu be- 

trachten ist. Der Name L[a-a]b-a-ja, der uns in Z. 15 begegnet, 

ist nach der Angabe von Knudtzon und nach der Veroffentlichung 

von Schroeder (Nr. 146) vollkommen sicher. Der zweite Brief ist in 

mehrfacher Hinsicht sehr eigenartig. Der Absender laBt in diesem 

Schreiben dem Janhamu erklaren: ,,Wie Mutba'ht vor dir gesagt 

hat, ist Ajab entflohen. Der Konig der Stadt Bi-hi-lim ist heimlich 

entflohen 3 ) vor den Vorstehern des Konigs, seines Herrn. So wahr 

der Konig, mein Herr, lebt, so wahr der Konig, mem Herr, lebt, 

ist Ajab nicht in Bi-hi-lim. Siehe, zwei Monate Frage doch 

den Bi-en-e-ni-ma(?), frage doch den Ta-du-a, frage doch den 

Ja-su-ia, ob er nicht, seitdem Sa-Marduk die Stadt Astarti , ge- 

flohen ist, jetzt, da feindlich sind alle Stadte des Landes Ga-ri, 
Udumu, Aduri, Araru, Mestu, Magdalim, yinianabi, Zarki. Er- 
obert ist ^awini und Jabisi[b]a. Ferner: Siehe, nachdem du eine 
Tafel an mich geschickt hast, habe ich an ihn geschrieben. Bis du 
ankommst von deiner Reise, siehe, da wird er in Bi-hi-lim an- 
gekommen sein, und er wird horen die Worte." Ajab, der Konig 
von Bihilim, ist nach diesem Schreiben aus seiner Stadt gefliichtet. 
Dies hat Mutba'lu, wie wir aus den ersten Zeilen ersehen, dem 
Janhamu schon einmal miindlich erklart. Janhamu hat aber trotz- 



) S. oben S. 5. 

2 ) S. oben S. 261. 

3 ) Ebeling, Das Verbum der El-Amarna-Briefe, Beitrage zur Assyriologie, 
Achter Band, Heft 2, S. 64. 



310 

dem, wie aus dem Schreiben hervorgeht, noch einmal eine besondere 
Auskunft verlangt. Mutba'lu erteilt nun diese Auskunft in einer 
Weise, die deutlich erkennen laBt, daB er sehr erregt und sehr ge- 
reizt ist. Er versichert zweimal: ,,So wahr der Konig, mein Herr, 
lebt", und nennt dann mit derselben, sich dreimal wiederholenden 
Einkleidung drei verschiedene Zeugen, die Janhamu iiber die An- 
gelegenheit befragen soil. Das klingt auBerordentlich iiberzeugend; 
es hilft uns aber nicht iiber die Frage hinweg, was den Janhamu 
bewegen konnte, gerade von Mutba'lu eine solche Auskunft zu ver- 
langen, und zwar zuerst in einer mundlichen Aufierung und dann 
spater noch einmal in der vorliegenden brieflichen Mitteilung. 
Janhamu hatte den mundlichen Erklarungen offenbar keinen 
Glauben geschenkt, und er hatte fur dieses Verhalten sicher seine 
besonderen Grunde. Der Name Bi-hi-lim beriihrt sich auf das engste 
mit dem Namen der Stadt Bi-lim, die in dem schon mehrfach er- 
wahnten Briefe Nr. 250 genannt wird. Der Absender dieses Briefes, 
ein Nachbar und scharfer Gegner des Milkili 1 ), berichtet in seinen 
Ausfiihrungen an den damaligen Konig von Agypten, da6 die Sohne 
des Labaja das Land ebenso zu Grunde richten, wie der Vater es 
vorher getan hat. Sie haben ihn oft gefragt 2 ), warum er die Stadt 
Gitipadalla, die von Labaja erobert wurde, wieder in den Besitz 
des Konigs von Agypten brachte, und haben ihm erklart: ,,Mache 
Feindschaft gegen die Leute von Gina, weil sie getotet haben unsern 
Vater! Wenn du keine Feindschaft machst, werden wir dich be- 
feinden." Das Trachten des Milkili ist ganz darauf gerichtet, die 
beiden Sohne des Labaja in Bi-lim hineinzufuhren. Das Land des 
Konigs schloB sich ihnen an. Nachdem Milkili und Labaja das 
Land zu Grunde gerichtet hatten, haben die Sohne des Labaja ihn 
aufgefordert, ebenso wie ihr Vater gegen den Konig Feindschaft zu 
machen. Dabei erinnerten sie besonders an das Vorgehen ihres 
Vaters gegen die Stadte Sunama, Burkuna und tJaraba, die er 
entvolkerte, und an die Eroberung der Stadt Gitirimunima. Dieser 
Brief ist offenbar kurz nach dem Tode des Labaja geschrieben. Die 
Sohne des Labaja tragen sich noch mit dem Gedanken, den Tod 
ihres Vaters zu rachen, und haben die Absicht, ihm auch in seinen 
politischen Bestrebungen zu folgen. Der Absender furchtet aber 
den Milkili mehr als die Gebieter von Sichem; er nennt ihn ebenso 
wie Abdihiba jedesmal an der ersten Stelle und behauptet ohne Be- 
denken, daB Milkili die Sohne des Labaja wesentlich beeinfluBt und 
sich auBergewohnliche Miihe gibt, sie in die Stadt Bi-lim hinein- 
zufuhren. In dem Briefe Nr. 250 wird uns also gesagt, daB die 
Sohne des Labaja in den Besitz der Stadt Bi-lim gebracht werden 
sollen; aus dem Briefe Nr. 256 miissen wir entnehmen, daB Jan- 
hamu unter alien Umstanden zu erfahren wiinscht, warum Ajab, 
der bisherige Konig von Bi-hi-lim, nicht in seiner Stadt ist, und daB 



*) Vgl. hierfiir besonders das Schreiben Nr. 249. 
2 ) Ebeling S. 71 und S. 76. 



311 

seine Fragen dem Mutba'Iu sehr tmangenehm sind. Dieser Zu- 
sammenhang 1st so einleuchtend, da8 man ihn bei genauerer 
Priifung kaum iibersehen kann. Wir haben es in den beiden Briefen 
offenbar mit derselben Stadt zu tun 1 ), und zwar nicht nur mit der- 
selben Stadt, sondern auch mit demselben Vorgange. In dem einen 
Briefe spricht der Klager; in dem andern verteidigt sich der Ange- 
klagte gegen den Vertreter des Konigs von Agypten. DaB dieses 
richtig ist, ersehen wir auch aus einem Briefe des Milkili. Dieser 
Brief Kn. 270 ist wieder in der iiblichen Weise an den Konig 
von Agypten gerichtet. Milkili schreibt hier an seinen Herrn und 
Gebieter: ,,Es wisse der Konig, mein Herr, die Tat, die mir angetan 
hat Janhamu, seitdem ich hinausgegangen bin von dem Konige, 
meinem Herrn! Siehe, er fordert 2000 2 ) Silberschekel von meiner 
Hand, und er hat zu mir gesagt: Gib mir deine Frau und deine 
Kinder, und ich schlage. Es moge wissen der Konig diese Tat, und 
es moge Wagen schicken der Konig, mein Herr, und mich zu sich 
holen, daB ich nicht zu Grunde gehe!" 2000 Schekel ist eine Geld- 
summe, fiir die man etwa 50 Sklavinnen kaufen konnte 3 ). Milkili soil 
diese Summe offenbar als Strafe entrichten. Wenn er den Betrag 
nicht aufzubrmgen vermag, soil er dem Janhamu seine Frau und 
seine Kinder zur Verfugung stellen. Diese Strafe wird iiber ihn 
verhangt, nachdem er fortgegangen ist von dem Konige von Agyp- 
ten. Er ist also personlich in Agypten gewesen und hat dort selbst 
mit dem Konige verhandelt. Da er sich dariiber beschwert, daB 
er nachher noch bestraft wird, kann der Gegenstand der Verhand- 
lungen nicht zweifelhaft sein. Es sind offenbar dieselben Fragen 
gewesen, die auch zu der Verurteilung durch den hohen agyp- 
tischen Beamten gefiihrt haben. Milkili hatte es vorgezogen, sich 
in Agypten zu verantworten, tind war als Freund des Konigs ent- 
lassen worden; Janhamu hatte es dagegen auf Grund seiner Ermitt- 
lungen fiir richtig gehalten, ihn empfindlich zu bestrafen. Die 
Aussohnung mit dem Konige war ihm jedenfalls noch nicht bekannt 
gewesen. Sie war aber tatsachlich zustande gekommen. Die tJabiri 
betrachteten ihn in den folgenden Jahren nicht mehr als ihren 
Freund, sondern als ihren ausgesprochenen Gegner. Sie machten 
sogar einen Versuch, seine beiden Sohne zu iiberfallen und heim- 
tiickisch zu ermorden (Kn. 273, 16ff.). In dem Briefe Nr. 271 schreibt 
er, daB die Feindschaft der tJabiri gegen ihn und gegen Suwardata 
besonders groB ist. Er bittet dann den Konig, das Land aus der 
Hand der tJabiri zu retten oder Wagen zu schicken und beide nach 
Agypten zu holen, damit sie nicht von ihren Untertanen erschlagen 
werden. Dann fugt er hinzu: ,,Es frage der Konig, mein Herr, den 
Janhamu, seinen Diener, nach dem, was getan wird in seinem 



*) Es handelt sich wohl urn das biblische Bilhah (I Chr. 4, 2Q) = Ba'lah 
(Jos. 15,29) Balah <Jos. 19,3). Bi-lim = Bilhah; Bi-hi-lim = Ba'lah 
= Balah. 

2 ) Vielleicht: 3000. 

3 ) S. oben S. 264. 



312 

Lande!" Er hat also gar keinen Grund mehr, den Janhamu 
ftirchten. Die Brief e, die wir von ihm besitzen, stammen wohl alle 
aus der Zeit nach der Versohnung. Es sind im ganzen sechs 
(Kn. 267271 und E. 6753). Hierauf folgen dann noch drei oder 
vielleicht sogar vier Briefe (Kn. 297 300), die von seinem Sohn 
und Nachfolger Japahi stammen. Dies notigt uns zu der Annahme, 
da6 die Aussohnung schon verhaltnismaBig recht friih stattfand. Sie 
kann aber noch nicht vor dem Tode des Labaja erfolgt sein, da 
der Verkehr mit den Sohnen des Labaja in den Briefen noch aus- 
driicklich bezeugt wird. Damit kommen wir von selbst wieder auf 
die Zeit, die sich fur das Schreiben des Mutba'lu ergab. Wir werden 
deshalb nicht fehlgehen, wenn wir die Untersuchungen, die Jan- 
hamu damals gegen Mutba'lu vornahm, und die Bestrafung des 
Milkili ebenfalls unmittelbar miteinander in Verbindung bringen. 
Janhamu halt es offenbar fur seine Pflicht, personlich gegen beide 
vorzugehen, und zwar auf Grund der Vorkommnisse, die uns in 
dem Briefe Nr. 250 erzahlt werden. DaB dieses richtig ist, ersieht 
man auch an der Art, wie Mutba'lu die Schuld von sich abzuwalzen 
versucht. Ajab ist geflohen, da alle Stadte des Landes ,,Ga-ri", 
Udumu, Aduri, Araru, Mestu, Magdalim, yinianabi und Zarki, 
feindlich sind. Wir konnen bei unserer jetzigen Kenntnis der Dinge 
mit Sicherheit behaupten, daB es ein Land ,,Ga-ri" in Palastina 
niemals gegeben hat. Die Stadte, die hier genannt werden, finden 
sich alle im sudlichen Teile des Landes; sie liegen aber so weit aus- 
einander, daB der Name einen Bezirk von Askalon bis zum Toten 
Meere bezeichnen muBte. Die Angabe erklart sich in Wirklichkeit 
viel einfacher. Der Absender hat dem Schreiber nicht Ga-ri, sondern 
Ga-az-ri 1 ) diktiert. Er wollte besonders hervorheben, daB die Flucht 
durch die feindliche Haltung der Ortschaften im Gebiete von Gezer 
veranlaBt wurde, also in dem Gebiete, wo Milkili zustandig ist. 
Hierbei geht er dann iiber die Grenzen dieses Gebietes weit hinaus. 
Er nennt ohne Bedenken auch die tiefer im Siiden gelegenen Stadte, 
in denen die Verhalmisse nach seiner Auffassung dieselben sind. 
Man sieht also, daB es ihm nur darauf ankommt, sich selbst zu 
entlasten. Da Milkili nach der Aussprache mit dem Konige von 
Agypten ganz von den yabiri abriickte, diirfen wir annehmen, daB 
die yabiri bei den Vorkommnissen ebenfalls eine besondere Rolle 
gespielt hatten. Es scheint aber, daB die Sohne des Labaja zu einer 
Aufgabe ihrer bisherigen Politik gar keine Neigung hatten. Denn 
es gehorte wirklich ein entschlossener Mut dazu, unter den Zeugen, 
bei denen Janhamu sich erkundigen soil, auch den Ja-su-ia;zu, 
erwahnen. Der Name ist dem hebraischen Jehosu* so ahnlich, daB 
es unmoglich ist, die beiden Bezeichnungen in diesem Zusammen- 
hange voneinander zu trennen. Der einzige Unterschied, der viel- 
leicht einer Erklarung bedarf, ist die Wiedergabe des o durch ein a. 
Dieser findet sich aber in derselben Weise bei dem Namen des agyp- 



So schon Otio Weber bei Knudtzon S. 1319. 



* . o 1 o ~""*~ 

tischen Gottes Amon, der in der Keilschrift gewohnlich zu Aman 
wurde. Die El-Amarna-Tafeln erzahlen uns z. B. von einera A-ma- 
an-ha-at-bi und von einem A-ma-an-rna-sa und driicken an einer 
Reihe von Stellen den Wunsch aus, daB der Gott A-ma-nu den 
Empfangern dieser Brief e irgend etwas verleihen moge; die Texte 
von Taanach schwanken in der Schreibung zwischen Aman und 
Amun. Sie erwahnen ebenfalls einen A-ma-an-ha-at-pa, der in den 
Listen sofort hinter dem Stadtfiirsten seinen Platz hat, und bringen 
fur den einfachen Gottesnamen in der vierten Liste die Wiedergabe 
durch A-mu-na. Die eine Form ist hier an und fiir sich ebenso un- 
genau wie die andere. Das Schwanken erklart sich aus einem 
Mangel in der Keilschrift, die in ihrem Lautsystem kein o unter- 
scheidet. Das hebraische josi'eni wird Kn. 282, 14 durch ia-zi-ni 
umschrieben. Das 'Ajin fehlt auch z. B. in Azzati (Kn. 296, 32) = 
yazati (Kn. 289, 17. 33. 40) = 'Azzah = Gaza und in dem wiederholt 
vorkommenden Kelte, das dem biblischen I>'ilah entspricht. Das 
hebraische 'aphar = Staub wird Kn. 141,4 durch aparu und Kn. 
143, 1 1 durch haparu wiedergegeben. Die Briefe stammen beide 
von dem Konig Ammunira (Kn. 136,29; 141,3; 143,3) = Hamuniri 
(Kn. 137,15.66.69.88; 138,52.132) von Beirut. Die keilinschrift- 
liche Bezeichnung entspricht also in der angegebenen Form ganz 
den zu stellenden Anforderungen. Die Vorgange ereigneten sich, 
wie wir aus dem Briefe Nr. 250 entnehmen muBten, kurz nach dem 
Tode des Labaja. Dieser erklart in dem Briefe 252, daB er beim 
Konige verleumdet ist, und bezeichnet es 253, 19 ff . und 254, 20 ff . 
als sein einziges Vergehen, daB er in Gezer gewesen ist. Dabei 
schreibt er 253,24 25: ,,Es moge uns gnadig sein der Konig!" 
Wir konnen hier aus dem ,,uns" nur den SchluB ziehen, daB man 
auch den Milkili damals schon zur Verantwortung zog. Milkili 
wuBte sich dann aber ebenso, wie wir es bei dem spateren Ver- 
fahren festgestellt haben, von aller Schuld reinzuwaschen, und 
Labaja wurde allem Anscheine nach zu einer schweren GeldbuBe 
verurteilt. Er empfand es, wie wir Kn. 254, 23 ff. erfahren, als ein 
Unrecht, daB der Konig ihm alles und dem Milkili gar nichts ge- 
nommen hatte, aber er kannte, wie er hinzufugt, die Tat des Milkili 
gegen ihn. Milkili hatte ihn offenbar ganz im Stich gelassen. Man 
sieht, daB diese Briefe aus einer Zeit stammen, wo Labaja schon 
manches auf dem Gewissen hatte. In dem Briefe Kn. 254 stellt er 
die Frage: ,,Wer bin ich, daB der Konig sein Land verlieren sollte 
meinetwegen?" Er wendet sich damit gegen die Behauptungen 
seiner Nachbaren, die in ihm mit gutem Grunde den gefahrlichen 
Gegner des Konigs von Agypten erblicken. Diese Andeutungen sind 
nur zu begreifen, wenn wir an die letzten Jahre seines Lebens 
denken. Nun erklart er aber Kn. 254,31 ff.: ,,Ueber einen Sohn von 
mir hat der Konig geschrieben. Es ist mir nicht bekannt, daB ein 
Sohn von mir mit den sa-gaz-Leuten gegangen ist." Er hat sich 
hier also schon gegen den Vorwurf zu verteidigen, daB einer von 
seinen Sohnen Beziehungen zu den tJabiri unterhalt. Dieser Vor- 



314 

wurf wird auch bei den Verhandlungen mit Milkili eine Rolle ge- 
spielt haben. Der Konig ist iiber die Einzelheiten allem Anscheine 
nach sehr gut uriterrichtet. Er kennt die Gefahr, die dem Lande von 
seiten der yabiri droht, und weiB auch, daft diese in Sichem und 
in Gezer groBes Entgegenkommen finden. Diese Ausfiihrungen 
waren notwendig, um dem Leser genau zu zeigen, wie die Verhalt- 
nisse damals lagen. Der Brief hat namlich, wie wir jetzt hinzu- 
fiigen diirfen, fur die Datierung der Ereignisse eine ganz besondere 
Bedeutung. Derm er gehort zu den wenigen, von denen wir genau 
wissen, wann sie geschrieben wurden. Die Tafel enthalt eine hiera- 
tische Kanzleibemerkung, aus der sich ergibt, daB sie im 12. Jahre 
des Konigs Amenophis III. in Agypten angekommen ist. Sie stammt 
also, da Amenophis III. um das Jahr 1416 zur Herrschaft gelangte, 
aus der Zeit von etwa 1405. Dieses Datum findet seine Erganzung 
in einer Angabe des Konigs Ribaddi von Byblus. Dieser schreibt 
Kn. 85, 69 ff. an den Konig von Agypten: ,,Seitdem zuruckgekehrt 
ist dein Vater von Sidon, seit jener Zeit haben sich angeschlossen 
die Lander den gaz^-Leuten." Das war also vor dieser Zeit noch 
nicht geschehen. Der Brief stammt noch aus der Zeit des Abdasirta; 
er kann also nur an Amenophis III. gerichtet sein. Dieser war der 
Adoptivsohn des Konigs Thutmosis IV., der um das Jahr 1425 zur 
Herrschaft kam und dann gleich im Anfange seiner Regierung einen 
Kriegszug nach Syrien unternehmen muBte. Damit ist der Zeit- 
punkt, der fiir das Auftreten der yabiri in Betracht kommt, durch 
zwei zuverlassige Grenzbestimmungen genau festgelegt. Die Ein- 
wanderung erfolgte zwischen dem Kriegszuge, den Thutmosis kurz 
nach dem Jahre 1425 unternahm, und dem Jahre 1405. Hierbei 
haben wir aber sowohl bei der oberen als auch bei der unteren 
Grenze noch wesentliche Abstriche zu machen. Es ist kaum an- 
zunehmen, daB sie gleich in dem Augenblicke begann, wo Thut- 
mosis das Land verlassen hatte, und es handelt sich bei dem Jahre 
1405 nicht um das Jahr, wo die yabiri sich zuerst in das Land 
hineinwagten, sondern um ein Jahr, wo Labaja sich schon wegen 
seiner freundschaftlichen Beziehungen zu den yabiri zu ver- 
antworten hatte. Wenn dies im Jahre 1405 der Fall war, werden sie 
sicher schon seit etwa 1408 im Lande gewesen sein. Wir nennen 
hier das Jahr 1408, weil uns dieses Datum auch durch die Bibel an 
die Hand gegeben wird. Es darf aber ohne Bedenken vorausgesetzt 
werden, daB die Agypter mit ihren Einspriichen nicht allzu lange 
auf sich warten lieBen, und daB Labaja der erste war, der sich mit 
seinem Freunde Milkili gegen einen solchen Vorwurf zu verteidigen 
hatte. Der Ansatz der Bibel fiihrt uns also genau in dieselbe Zeit 
wie die Texte von El-Amarna. Wir beschranken uns darauf, dieses 
hier festzustellen, und iiberlassen es gern dem Leser, sich iiber den 
Wert dieser Uebereinstimmung sein eigenes Urteil zu bilden. Die 
Zahlung nach Geschlechtern, wie sie bei den biblischen Angaben 
zugrundeliegt, ist gewiB nicht vollkommen; sie kann aber trotzdem, 

*) = sa-gaz. 



315 

wie man sieht, unter Umstanden zu sehr genauen Ergebnissen 

fiihren. Die Zahlen sind also vom Einzuge bis zum Tempelbau 

unbedingt festzuhalten. Mutba'lu nennt unter den Zeugen an zweiter 

Stelle den Tadua. Der Name dieses Zeugen ist choritisch. Es ist 

ein Kurzname, der im ersten Teile auf das Verbum tad = tat = 

lieben zuriickgeht und im zweiten urspriinglich einen Gottesnamen 

enthielt. Er fiihrt uns also in die Kreise der palastinensischen Klein- 

fiirsten, in denen die churrischen oder choritischen Bezeichnungen 

so haufig sind. Das sind aber dieselben Kreise, in denen wir nach 

der Bibel auch den Josue zu suchen haben. Wir diirfen also ver- 

muten, daB er seinen Wohnsitz damals schon in Timnath Serach 

hatte. Auf jeden Fall ist er auch fur Janhamu eine bekannte Person- 

lichkeit. DaB er erst an der dritten Stelle genannt wird, ist leicht 

zu begreifen. Mutba'lu sucht in seinem Briefe von den yabiri 

moglichst weit abzttriicken. Er nennt deshalb zuerst zwei andere 

Fiirsten, mit denen der agyptische Beamte vielleicht lieber verhandeln 

wiirde. Wir stehen hier also, wenn wir uns einmal so ausdriicken 

diirfen, mit beiden FiiBen auf dem Boden der geschichtlichen Wirk- 

lichkeit. Josue, der Fiihrer der eindringenden Volksmassen, tritt 

uns in dem Schreiben entgegen als der Mensch in seiner mensch- 

lichen Umgebung. Er wird als Zeuge genannt in einer Angelegen- 

heit, bei der er selbst wahrscheinlich irgendwie beteiligt ist. Dabei 

steht er natiirlich ganz auf der Seite des Mutba'lu, von dem er in 

Vorschlag gebracht wird. Die Israeliten haben bei Labaja, dem 

Konige von Sichem, bei Milkili, dem Konige von Gezer, und bei 

den Sohnen des Labaja ein auBergewohnliches Entgegenkommen 

gefunden. Das Verhaltnis nahni aber schon bald eine Form an, die 

schon vdr dem Tode des Labaja zu einem Eingreifen von seiten der 

Agypter fiihrte. Dieser Eingriff wiederholte sich dann, als Mutba'lu 

Konig von Sichem geworden war, und richtete sich auch dieses Mai 

sowohl gegen den Konig von Gezer als auch gegen den Konig von 

Sichem. Der Konig von Gezer zog sich aber in beiden Fallen ge- 

schickt aus der Verlegenheit. Dem Labaja wurde nach seiner eigenen 

Angabe alles genommen, was er besaB, und Mutba'lu kann das 

Unheil allem Anscheine nach nur dadurch von sich abwenden, daB 

er das Geschehene wieder riickgangig macht. Er hat dem Ajab 

einen Brief geschrieben, und wenn Janhamu von seiner Reise 

zuriickgekehrt ist, wird Ajab wieder in Bihilim sein. Die tJabiri 

wandten sich bei ihrem Vordringen nicht nur nach Norden, sondern 

auch nach Siiden. Die Einwanderung vollzog sich also nicht, wie 

man vielfach angenommen hat, in verschiedenen Perioden, sondern 

fur das ganze Land in derselben Zeit. Die Bemerkung des Abdihiba, 

das Datum auf der Tontafel des Labaja und die Angabe des Ribaddi 

fiihren uns in dieser Frage genau zu demselben Ergebnis. Der 

Widerstand, den die einheimische Bevolkerung leistete, war in 

manchen Gegenden erfolgretch. Die tfebiri begegnen uns hi den 

El-Amarna-Tafeln nicht nur auf den Hohen, sondern auch in der 

Ebene; sie konnten sich aber in der Ebene, wo die Kanaaniter 



316 

ihnen mit ihren Kriegswagen entgegentraten, in der ersten Zeit 
fast nirgendwo behaupten. Es ist bezeichnend, daB Josue die 
Wagen, die ihm in die Hande fielen, verbrennen lieB 1 ), und daB 
Timnath Serach selbst im Gebirge liegt. Die El-Amaraa-Tafeln 
zeigen tins die Israeliten, wie sie sich darstellen in dem Urteil 
ihrer damaligen Gegner. Sie bestatigen in der Hauptsache die 
Voraussetzungen der Bibel und geben uns in den Einzelheiten 
wichtiges Material zu wertvollen Erganzungen. Das gilt auch 
fur die Nachrichten, die wir iiber die Vorgange in den siidlichen 
Teilen des Landes besitzen. Die Bibel erzahlt uns, daB die 
Konige von Jerusalem, von Hebron, von Jarmuth, von Lachisch 
und von Eglon gleich nach der Schlacht bei Gibeon getotet 
wurden 2 ), und berichtet dann iiber die Eroberung von Makeda, von 
Libna, von Lachisch, von Eglon und von Hebron; es war den 
Israeliten aber unmoglich, die Jebusiter aus Jerusalem zu ver- 
treiben 3 ). Das deckt sich, soweit es sich urn das Gesamtbild handelt, 
auch hier wieder ganz mit dem Inhalte der keilinschriftlichen An- 
gaben. Die Stadte sind nach den Versicherungen der Kleinfursten 
iiberall in der groBten Gefahr; es fehlt an Besatzungstruppen und 
an Feldsoldaten; die Fiirsten konnen sich nur halten, wenn Hilfe 
kommt; der Konig von Jerusalem ist fast der einzige, der noch treu 
zum Konige von Agypten steht. Wenn man seine Klagen und seine 
Bitten richtig verstehen will, braucht man nur die Schilderungen 
aus dem Buche Josue zu lesen. Die Bibel erklart hier die keil- 
inschriftlichen Angaben, und die keilinschriftlichen Angaben bilden 
ihrerseits wieder eineri wertvollen MaBstab fiir die richtige Be- 
urteilung der biblischen Darstellung. Das ist besonders bei den 
Aufzeichnungen iiber das Schicksal der Stadt Lachisch der Fall. Die 
Bibel schreibt die Eroberung dieser Stadt dem Josue zu und verlegt 
sie gleich in die erste Zeit nach dem Siege bei Gibeon. Adonisedek, 
der Konig von Jerusalem, hatte sich nach dem Berichte des Buches 
Josue mit Hoham, dem Konige von Hebron, Pir'am, dem Konige 
von Jarmuth, Japhi', dem Konige von Lachisch und D e bir, dem 
Konige von Eglon, in Verbindung gesetzt, um die Bewohner von 
Gibeon fiir den Uebertritt zu den Israeliten zu bestrafen; sie waren 
aber von den Israeliten besiegt und auf Befehl des Josue getotet 
worden. Josue eroberte dann zuerst die Stadt Makeda und das 
ebenfalls in der Nahe liegende Libna; er zog darauf ,,mit ganz 
Israel von Libna nach Lachisch, lagerte sich vor dieser Stadt und 
bekriegte sie. Und der Herr gab Lachisch in die Hand Israels, und 
er eroberte es am zweiten Tage und schlug es mit der Scharfe des 
Schwertes samt der ganzen Bevolkerung, die sich darin befand, 
genau so wie er mit Libna getan hatte." Dann folgt noch der 
Zusatz: ,,Damals zog Horam, der Konig' von Gezer, heran, um. 
Lachisch zu helfen, aber Josue schlug ihn und seine Leute so, daB 



*) Josue 11,6.9, 

2 ) Jos. 10,26. 

3 ) Jos. 15,63; Richter 1,21. 



-34 7 

^^ J I / 

niemand iibrig blieb, der entronnen ware." Da dieser Zusatz ganz 
genaue Angaben enthalt und bei den ubrigen Stadten von einer 
derartigen Hilfe nirgendwo die Rede 1st, kann die Richtigkeit dieser 
Zusammenstellung gar nicht bezweifelt werden. Es fragt sich nur, 
wie wir die Vorgange chronologisch miteinander zu verbinden 
haben. In den Briefen des Abdihiba begegnet uns Lakis unter den 
Stadten, wo die yabiri gerade so aufgenommen wurden wie im 
Lande Sichem. Der Konig von Gezer, der nach dem biblischen 
Berichte der Stadt Hilfe zu bringen versucht, stand damals noch 
ganz auf der Seite des Labaja. Wir erfahren dann in dem Briefe 
Nr. 288, daB Zimrida von Lakis von einem Teil seiner Untertanen 
an die yabiri verraten wurde. Wenn wir hier von einem Verrate 
sprechen, so miissen wir den Leser allerdings bitten, dies nur als 
einen Verlegenheitsausdruck zu betrachten. Die genaue Bedeutung 
des Wortes 1 ), das Abdihiba hier gebraucht, ist bisher noch nicht 
sichergestellf). Wir sehen aber, daB Zimrida das Opfer eines 
Schrittes wurde, den ,,Diener" gegen ihn unternahmen, die nach 
der Angabe des Textes auf die Seite der Habiri getreten waren. 
DaB mit den Dienern die Untertanen gemeint sind, ergibt sich aus 
einer Anzahl von eindeutigen Parallelstellen. Der Vorgang wird 
uns auch in derselben Weise in dem Briefe Nr. 335 geschildert. Der 
Verfasser dieses Briefes schreibt ebenso wie der Konig von Jeru- 
salem, daB Turbazu und Japtihada erschlagen sind, und fiigt dann 
hinzu, daB Lakis Feindschaft geiibt hat und jetzt feindlich ist. Wir 
konnen aus diesen Stellen nur den SchluB ziehen, daB die Stadt den 
tJabiri erst damals in die Hande fiel. Der Brief des Abdihiba ist 
aber in einer Zeit entstanden, wo die Habiri sich schon iiberall im 
Lande festgesetzt batten. Das deckt sich auch mit dem Bericht iiber 
die Hilfe, die man durch den Konig von Gezer erhielt. Diese war 
erst moglich, als der Konig von Gezer schon zu einem ent- 
schiedenen Gegner der Iabiri geworden war. Die Verhaltnisse 
liegen hier also, wenn man die El-Amarna-Tafeln und die Bibel 
miteinander vergleicht, im Grunde sehr einfach. Die erste Zeit kann 
nach den Tafeln von El-Amarna bei der Stadt Lachisch fur eine 
Belagerung und eine Eroberung gar nicht in Betracht kommen. Die 
yabiri erhielten damals ebenso wie in Gezer und in Askalon, was 
sie zum Leben gebrauchten, und hatten zu einem Angriff noch gar 
keinen Grund. Die Stadt kam erst in ihren Besitz, als die Lage sich 
schon wesentlich geandert hatte. Wir ersehen aus der Angabe des 
Abdihiba, daB sie zur Zeit, wo dieser Brief geschrieben wurde, in 
der Burgerschaft schon ihre besonderen Anhanger hatten. Diese 
hatten sich dann durchgesetzt und ihnen wahrscheinlich die Tore 



1) ig-gi-u-su. 

2 ) Knudtzo-n fiihrt die Form auf naku = opfern zuriick, Bohl mochte sich 
in s. Sprache der Amarnabriefe, Leipz. 1909, S. 64 L trotz der Schwierig- 
keiten, die er hervorhebt, lieber fur die von Zimmern in Vorschlag gebrachte 
Ableitung von liku = nehmen entscheiden, Ebeling denkt bei Knudtzon 
S. 1546 an das hebraische naga' = scMagen. 



-i-l Q 

^"^ O I O 

geoffnet. Ueber das Schicksal des Zimrida sind wir nach dem 
Gesagten noch nicht genau unterrichtet. Es 1st aber wohl sicher, 
daB er damals in der Person des Jabni-ilu, in dem wir den Fuhrer 
der Gegenpartei vermuten diirfen, einen Nachfolger erhielt. Die 
Anhanger des Zimrida wandten sich nun, wie wir annehmen 
miissen, an den Konig von Gezer, der ihnen dann mit seinen 
Kriegeni sofort zu Hilfe kam. DaB dieses richtig ist, ersieht man 
auch an dem Nanien, der dem Konige von Lachisch in der Bibel 
beigelegt wird. Er wird in dem Berichte, wie oben schon gesagt 
wurde, als Japhi' bezeichnet. Da das 'Ajin in der Keilschrift ge- 
wohnlich durch die Zeichen mit einem anlatttenden oder auslauten- 
den h ausgedriickt wird, kann dieser Name ohne weiteres mit dem 
in den El-Amarna-Tafeln vorkommenden Japahi in Verbindtmg 
gebracht werden. Japahi war aber, wie ebenfalls schon einmal 
gesagt wurde, der Sohn und Nachfolger der Milkili. Die Bibel 
erzahlt uns also von einer Hilfeleistung durch den Konig von Gezer, 
den sie als Horam bezeichnet, und legt in diesem Zusammenhange, 
wenn die Gleichsetzung richtig ist, dem Konige von Lachisch den- 
selben Namen bei, der nach den El-Amarna-Tafeln dem Nachfolger 
des Konigs Milkili von Gezer zukommt. Das ist naturlich kein 
Zufall. Der Name kommt in den El-Amarna-Tafeln sonst nirgendwo 
vor und findet sich auch in der Bibel nur fiir zwei verschiedene 
Personen, fur den Konig von Lachisch und fiir einen Sohn des 
David. Da der Konig von Lachisch aber in Wirklichkeit Zimrida 
hieB, kann die Angabe, die uns in der Bibel erhalten ist, nur auf 
einer Verwechselung beruhen. Diese lag hier in der Tat auBer- 
ordentlich nahe. Der Urheber der hier zugrundeliegenden Auf- 
zeichnung war nach seiner Darstellung noch dariiber unterrichtet, 
daB die Bewohner von Lachisch von dem damaligen Konige von 
Gezer Hilfe erhielten. Er wuBte auch, daB in dem einen von den 
beiden Orten ein Japhi* regierte; er sah aber in dem Trager dieses 
Namens nicht mehr den Konig von Gezer, sondern den Konig von 
Lachisch. 

Ueber die Namen der iibrigen Fursten, die hier in den Angaben 
der Bibel genannt werden, konnen wir uns bei unserer jetzigen 
Kenntnis der Dinge noch kein abschlieBendes Urteil gestatten. Sie 
weisen aber in der Form zum Teil ganz merkwiirdige Ueberein- 
stimmungen auf, fiir die wir in den Texten fast gar keine Parallelen 
finden. Die Bibel erwahnt unter diesen Fursten einen Hoham, einen 
Horam und einen Pir'am, also drei verschiedene Personen, bei denen 
der Name jedesmal auf am ausgeht. Das laBt sich mit den Bezeich- 
nungen, die uns sonst aus der damaligen Zeit bekannt sind, gar 
nicht in Einklang bringen. Die Bildungen fallen, wenn sie auch an 
und fiir sich nicht unmoglich sind, in der Haufung, in der sie uns 
hier entgegentreten, ganz aus dem Rahmen der damaligen Ge- 
pflogenheiten heraus. Wir wiirden hier, da es sich mit Einschluft 
des Konigs von Gezer um sechs verschiedene Personen handelt, bei 
einer Verallgemeinerung fiir jede zweite Person einen Namen mit 



319 

derselben in Wirklichkeit nur ganz selten vorkommenden Endung er- 
halten. Das 1st mindestens sehr bedenklich. Hierzu kommt dann, 
wie aus dem Gesagten hervorgeht, fur den Konig von Gezer auBer- 
dem noch das Zeugnis der Urkunden, in denen uns tatsachlich ein 
anderer Name begegnet. Der Name Horam ist bei diesem Fiirsten 
an die Stelle des keilinschriftlich beglaubigten Japhi' getreten. Er 
kann hier also nur aus einer Zeit stammen, wo der Name Japhi' fiir 
den Urheber der hier in Betracht kommenden Vorlage schon zur 
Bezeichnung des Konigs von Lachisch geworden war. Ob dieses 
auch fur Hoham und^fiir Pir'am zutrifft, wagen wir nicht zu ent- 
scheiden. Wir diirfen bei der Beurteilung dieser Dinge nicht iiber- 
sehen, daB das Buch Josue z. B. schon von den Fiirstentiimern der 
Philister berichtet 1 ). Es kann also, wie wir hieraus entnehmen 
miissen, in seiner jetzigen Form nicht vor dem zwolften Jahrhundert 
entstanden sein. Der Verfasser kennt schon cine Quelle, die er nach 
der jetzigen Lesung als Ma'jan me nephtoah bezeichnet. Sie lag auf 
der Grenze von Juda 2 ) und Benjamin 3 ). Wir haben hier aber, wie 
Calice zuerst richtig gesehen hat 4 ), als Grundform ein alteres Ma'jan 
Menephtah vorauszusetzen. Es war ein Brunnen, der nach einer 
agyptischen Angabe 5 ) vom Konige Menephta dort angelegt war. 
Das kann nach den Ansatzen von Borchardt 6 ) nur um die Zeit von 
12331232 geschehen sein. 

Da wir von Japahi wenigstens noch drei verschiedene Briefe 
besitzen 7 ), diirfen wir den Tod des Milkili nicht allzu spat ansetzen. 
Wir diirfen also, wie es scheint, wohl kaum iiber den Regierungs- 
antritt des Konigs Amenophis IV. hinausgehen. Abdihiba erwahnt 
den Milkili fast in alien Texten, die sich von ihm noch erhalten 
haben. Der Name fehlt nur in dem einfachen und sehr schlicht 
gehaltenen Briefe Nr. 285, der bloB Fragen und Bitten enthalt und 
von Knudtzon wohl mit Recht an die Spitze gestellt wird, in dem 
Schreiben Nr. 286, wo ein Ilimilku fiir den Abfall zu den yabiri 
verantwortlich gemacht wird, und in dem Briefe 288, in dem sich 
die Angaben iiber das Schicksal von Lakis voriinden. Hierbei 
miissen wir aber den Brief Nr. 286 sofort wieder ausscheiden, da 
Ilimilku sicher nur fiir Milkili gesetzt ist. Der Name fehlt also in 
Wirklichkeit nur in Nr. 285, wo wir ihn nach der Art des Schreibens 
iiberhaupt nicht erwarten konnen, und in Nr. 288, also gerade in 
der Nummer, wo wir von den Vorgangen in Lakis erfahren, die 
nach unsern bisherigen Vermutungen zu dem Eingreifen des Japahi 



*) 13, 2 3. 

2 ) 15, 9. 

3 ) 18, 15. 

*) Orient. Literature, 6. Jahrg. (1903), Sp. 224. 

5 ) Breasted, Ancient Records of Egypt Vol. Ill, 631; QreBmann, 
Altorient. Texte zum Alten Testament, 2. AufL S. 96. 

6 ) S. oben S. 226. 

7 ) S. oben S. 312. 



320 

fiihrten. Damit ist dieses Fehlen von selbst schon erklart. Milkili 
war damals schon zu seinen Vatern hinabgestiegen, und gegen 
Japahi konnte noch gar nichts Boses gesagt werden. Das 1st fiir 
die ganze Art des Abdihiba mindestens sehr charakteristisch. Es 
zeigt uns zudem, daB unsere Voraussetzungen richtig waren, und 
gibt uns zugleich die Moglichkeit, den Brief genau zu datieren. Das 
Schreiben ist erst nach dem Tode des Milkili entstanden, in einer 
Zeit, wo Japahi schon zur Herrschaft gelangt war. Der Brief ist 
also der jungste, den wir von Abdihiba iiberhaupt besitzen. Der 
Absender begegnet uns zuerst in dem Schreiben, in dem Suwardata 
von dem allmahlichen Vordringen der tfabiri und von den gemein- 
samen Unternehmungen zu ihrer Bekampfung erzahlt. Das war 
hochst wahrscheinlich noch in der Zeit des Labaja. Dann kam das 
Zerwiirfnis mit Suwardata, wo man dem Abdihiba, der durch Geld- 
zahlungen die Bewohner von Kelte auf seine Seite gebracht hatte, 
unbedingt die Schuld geben muB. Der Vorgang trug sich kurz 
nach dem Tode des Labaja zu, in einer Zeit, wo die Uebergriffe, die 
dieser sich gestattet hatte, bei alien noch in lebendiger Erinnerung 
waren 1 ). Wir befinden uns hier also schon in der Zeit der Sohne 
des Labaja, die in den Briefen des Abdihiba noch an zwei ver- 
schiedenen Stellen mit der Person des Milkili in Verbindung ge- 
bracht werden. Die Berichte kommen dann zum AbschluB mit dem 
Briefe Nr. 288, der uns schon in die Zeit des Japahi ftihrt. Wir 
haben hier also einen MaBstab, an dem sich die Aufeinanderfolge 
der Begebenheiten ohne Schwierigkeit ablesen laBt. Das Schema 
versagt allerdings, wenn man den Versuch macht, die Ereignisse auf 
eine bestimmte Anzahl von Jahren genau zu verteilen. Wir konnen 
nur den Fall von Lakis mit einiger Einschrankung im engeren Sinne 
des Wortes wirklich datieren. Die Stadt kam in die Hande der 
yabiri, als Milkili schon gestorben war. Das muB nach unsern bis- 
herigen Feststellungen entweder in den letzten Jahren des Konigs 
Amenophis III. oder in der ersten Zeit des Konigs Amenophis IV. 
gewesen sein. 

Abdihiba hatte die Gewohnheit, sich am SchluB seiner Briefe 
an den Schreiber des Konigs von Agypten zu wenden und genau 
hervorzuheben, was dem Konige besonders ans Herz gelegt werden 
sollte. Er schlieBt diese Bemerkungen dann in Nr. 288 und 289 mit 
einer kurzen Versicherung seiner Hochachtung. In Nr. 289 schreibt 
er: ,,Dein Diener bin ich"; in dem jiingeren Briefe gebraucht er den 
Ausdruck: ,,Dein Diener und Sohn bin ich." Das ist an und fiir sich 
nur eine Hoflichkeitsformel; es ist aber nicht einerlei, wie in einem 
solchen Falle der Wortlaut gefaBt ist. Abdihiba konnte den 
Schreiber nur als seinen Vater bezeichnen, wenn der Altersunter- 
schied dies nach seiner Auffassung noch zulieB. Er muB also das 
Empfinden gehabt haben, daB er selbst noch verhaltnismaBig Jung 
war. Das ist gerade bei dem letzten Briefe sehr beachtenswert. Als 



*) S. oben S. 302. 



die yabiri in das Land eindrangen, empfand er es schon als einen 
Fehler, da8 Labaja ihren Wiinschen entgegenkam. Er hat also die 
Vorgange, wie man sieht, von Anfang an selbst beobachtet und 
stand dann zur Zeit, wo der Brief geschrieben wurde, hochstens im 
reiferen Mannesalter. Dies berechtigt uns zu der Annahme, daB er 
verhaltnismaBig friih zur Herrschaft gelangt ist. Es gestattet also 
die weitere SchluBfolgerung, daB der Vater efaer gestorben ist, als 
man unter normaleri Umstanden erwarten durfte. Abdihiba kann 
also, wenn dieses richtig ist, der Sohn des Adonisedek gewesen 
sein, der nach der biblischen Darstellung gleich nach der Schlacht 
bei Gibeon mit den iibrigen vier Konigen, die sich ihm an- 
geschlossen batten, auf Befehl des Josue getotet wurde. Die An- 
gaben sind in dem Berichte so bestimmt und so ausfiihrlich, daB 
hier sicher geschichtliche Tatsachen zugrundeliegen. Der Name, 
den der Konig in der Bibel tragt, ist in seiner Form echt kana- 
anaisch. Es ist dieselbe Bildung, die uns zur Zeit des Abraham in 
dem Namen des Priesterkonigs Melchisedech, hebr. Malkisedek, 
entgegentritt. Melchisedech war Konig von Salem, und zwar in der 
vorchoritischen Zeit, in der die kanaanaische Bezeichnung durch die 
Verhaltnisse von selbst gegeben war; Salem war aber, wie aus der 
in Ps. 76 vorkommenden Gleichsetzung mit Sion und aus der Er- 
wahnung des Melchisedech in Ps. 110 hervorgeht, nur eine altere 
und im Ausdruck etwas kiirzer gefaBte Bezeichnung fur Jerusalem 1 ). 
Wir werden deshalb nicht fehlgehen, wenn wir hier auf einen Zu- 
sammenhang schlieBen. Es fragt sich nur, wie wir uns diesen Zu- 
sammenhang im einzelnen zu denken haben. Da Abdihiba Choriter 
war, muB dieses auch fur den Vater und fur den GroBvater voraus- 
gesetzt werden. Dies fiihrt uns also, wenn wir die Aufzeichnungen 
genau so nehmen, wie wir sie vorn'nden, zunachst zu der Annahme, 
daB Adonisedek, obschon der Vater sich selbst noch als Choriter 
betrachten muBte, wieder einen kanaanaischen Namen erhalten 
hatte, und zwar einen Namen, der mit dem Namen des um mehr 
als 500 Jahre friiher anzusetzenden vorchoritischen Konigs Melchi- 
sedech eine merkwiirdige Uebereinstimmung aufweist, daB er dann 
aber bei der Geburt seines eigenen Sohnes zu dem Wortschatz und 
zu den Auffassungen seiner Vater zuriickkehrte, so daB dieser eben- 
falls wieder einen choritischen Namen erhielt. Das ist aber, wie 
jeder gem zugeben wird, mindestens sehr unwahrscheinlich. Die 
Namen der Kleinfiirsten sind in der damaligen Zeit, soweit es sich 
feststellen lafit, fast iiberall noch aus dem Churrischen oder aus dem 
Indischen entlehnt. Semitische Bezeichnungen waren seltene Aus- 
nahmen. Auf jeden Fall ist es sicher, daB niemand auf den Ge- 
danken kam, bei der Bezeichnung seines Sohnes eine Liste vor- 
choritischer Konige zu Rate zu ziehen. Die Dinge liegen hier in 
Wirklichkeit, wie es scheint, viel einfacher. Wenn der Name des 



Die Grundform ist in dem keilinschriftlichen Umsalimmu